Argumente gegen die Germanistik
II. Das Geschäft des Interpretierens
oder:
Die Produktivität der intellektuellen Liederlichkeit
Gesetzt den Fall, die „Daten deutscher Dichtung", ein Handbuch sowie eine Literaturgeschichte sind konsultiert, ein Satz möglicher Voraussetzungen ist erstellt, dem „Werk" ist eine Hintergründigkeit verschafft. Dann kann das „eigentliche" Interpretieren loslegen.
Vom moralischen Steckenpferd...
Gert Mattenklott, o. Prof. zu Marburg, interpretiert den satirischen (!) Schelmenroman (!) „Schelmuffsky" (1696!) von Christian Reuter (1665 -1712!), indem er auf die pränatale Geschichte des Protagonisten abhebt, die durch einen obskuren Vorfall zwischen dessen Mutter, seiner Schwester und einer Ratte gekennzeichnet ist.
„Was also der Form nach tatsächlich, fein ordentlich, mit dem Anfang, also der Geburt des Helden, beginnt, ist alles andere als in Ordnung. Wir müssen vielmehr in der Ratte irgendeine beizebübische Schweinerei sehen, vermutlich von nicht gewöhnlicher Obszönität, schleicht die Ratte doch durch die Beine der Schwester in ein Loch, wovon die bereits schwangere Mutter in Ohnmacht fällt. 24 Tage liegt sie da nun, das ist, wie die Germanistik ermittelt hat, die Tragezeit der Ratte... Den Eindruck, daß es tierisch, satanisch und auch sonst nicht ganz anständig bei der Geburt zuging, scheinen auch die anderen Personen des Romans zu teilen. Denn wo immer der Held denn spater die Geschichte von der Ratte erzählt, da zeigen die anwesenden Damen ein augenfälliges Interesse an Schelmuffsky, der Ratte und dem Blasrohr. So verspottet der Erzähler die chronikalische Ordnung des Erzählens, von Anfang und Folge, Ursachenlogik und nachfolgenden Verhältnissen, indem er die Ursache des Vorgehens durch ein pornographisches Symbol ersetzt, das nun nicht nur wie ein Leitmotiv des Romans ständig wiederkehrt, sondern zugleich auch in der Romanhandlung immer wieder als ein deftiger, rätselhafter Impuls vorkommt. Alles entwickelt sich zwar vom Anfang her, aber dieser Anfang ist ein abstruser Zufall. Zwar gibt es eine Kontinuität und Folgerichtigkeit der nachfolgenden Ordnung der Ereignisse, die folgt aber erstens aus der Erinnerung seines ersten Unfalls, oder aber, indem neue Abstrusitäten der erstgenannten Art ihn ereilen. Der Spott betrifft freilich nicht bloß die chronikalische Ordnung und die Logik von Ursache und Folge, die Rattengeschichte parodiert auch den Topos von der hohen Geburt der- Romanhelden. So geht es hier zwar außerordentlich zu, aber doch nur außerordentlich unanständig."
Es ist schon merkwürdig, worüber Germanisten sich wundern. Mattenklott wundert sich darüber, daß im „Schelmuffsky" eine unanständige Geschichte ,anständig', d. h. von Anfang bis Ende in chronologischer Reihenfolge erzählt wird. Wenn ein „pornographisches Symbol" vom Autor als „Ursache des Vorgehens" eingesetzt wird, dann kann Mattenklott darin gar keinen ,,fein ordentlich" gemachten Anfang mehr erblikken. Der Interpret gebärdet sich hier wie eine Betschwester, für die ein Roman erst dann eine „folgerichtige Ordnung der Ereignisse" hat, wenn Figuren und Ereignisse die moralische Ordnung respektieren. Dabei kommt es Mattenklott freilich nicht auf den bornierten Moralismus selber an, sondern auf dessen alberne Umkehrung. Er liest die Gleichung: ,geordnete Darbietung einer Handlung = moralisch einwandfreie Handlung* andersherum und folgert, der Betschwester kongenial: Wenn die Handlung Obszönes enthält, dann kann es sich nicht zugleich um die geordnete Darbietung einer Handlung handeln; und wenn es sich doch darum handelt, dann ist diese literarische Ordnung ein Schein, hinter dem sich das Gegenteil verbirgt.
So entkommt kein simpler Schelmenroman dem germanistischen Bedürfnis nach Hintergründigkeit aller Literatur. Die ,eigentliche', tiefere Bedeutung, die Mattenklott dem ,,Schelmuffsky" verpaßt, besteht darin, daß durch seine negative Betschwesterlogik der Held etwas untergründig Suversives bekommt: eine jede Ordnung auflösende Kraft, die a) mit der „chronikalischen Ordnung des Erzählens" und dem ,,Topos von der hohen Geburt der Romanhelden" zwei romanübliche Gepflogenheiten zersetze, womit aber b) durchaus auf reale (Unter-)Ordnungsprinzipien und Machtverhältnisse angespielt sein soll. Daß der Romanheld es mit dem sexuellen Anstand nicht so genau nimmt, deutet der Interpret so, daß sein Erfinder damit insgeheim auch den erzählerischen Anstand von wegen „Anfang und Folge" und damit auch gleich noch jeden Anstand und jede „Ordnung" unterlaufen wollte. Diese Sichtweise des Romans rechnet damit, daß Germanisten Erzählregeln, moralische Gebote und Macht bedenkenlos in einen Topf werfen, wenn damit einem Roman eine halbwegs weltbewegende Leistung bescheinigt werden kann. Letztere soll darin bestehen, daß der „Schelmuffsky" Mattenklotts Ideal von der unverwüstlichen Subjektivität schon 1696 ein literarisches Denkmal gesetzt haben soll (dasselbe sagt Mattenklott dann im Verlauf seiner Vorlesung so ziemlich allen anerkannten Romanen bis auf den heutigen Tag nach). Diesem Ideal zufolge besteht die Welt einerseits aus lauter Angriffen auf die Subjektivität, namentlich durch. Herrschaft, Moral, Vernunft und poetische Regeln (was alles als dasselbe zählt), andererseits einem Subjekt, das sich das Lachen, Singen, Faulenzen, Vögeln und Herumphantasieren (auch wieder alles dasselbe) nicht verbieten läßt und dergestalt noch in der praktizierten Unterordnung ein Stück ureigener Selbstbestimmung erhält. Vor allem in der phantastischen Welt der Literatur. Selbstredend teilen die Damen & Herren Kollegen wie die Studenten Mattenklotts schöngeistigen Edelspontaneismus nur ausnahmsweise. Trotzdem ist seine Interpretation in der Fachwelt anerkannt. Er erfüllt nämlich die Maßstäbe, auf die es beim Interpretieren ankommt:
... zum Hort aller Moralität...
— Sein Ideal einer ganz im Selbstbewußtsein liegenden individuellen Selbstbestimmung, die die praktische Unterwerfung um die Selbstinterpretation als freier Mensch trefflich ergänzt, ist als ideale Tugend des modernen Untertan kenntlich. Ergo darf dieses Ideal als ein Wert, als immerhin eine partielle Verkörperung des Humanums gelten, das ,,wir alle" ganz fraglos zum Anliegen haben.
— Zum zweiten , ,findet" Mattenklott diesen seinen Wert immerzu in der Literatur. Das ehrt Mattenklott, insofern Mattenklott damit die Literatur ehrt. Wenn er sein persönliches moralisches Prinzipchen dort wiederentdeckt, dann besorgt er sich nicht bloß eine billige private Befriedigung, sondern er leistet damit einen Beitrag zur Literaturwissenschaft. Dieser besteht darin, daß er im Wertehimmel der Dichtung noch ein moralisches Sinnprinzip verheimatet hat.
... der Literatur schlechthin
Gert Mattenklott ist nicht der einzige Literaturwissenschaftler, der ein moralisches Steckenpferd reitet. Ingrid Mittenzwei von der Goethe-Universität zu Frankfurt am Main liebt die Tugend der Demut, ihr Kollege Lepper hat es mit den Idealen der Demokratie usw. usf. Gemeinsam ist ihnen, daß sie keineswegs ihre persönliche Gesinnung in ihrem Privatleben pflegen und ansonsten Literaturwissenschaft treiben, sondern alle veranstalten ihre Literaturwissenschaft so, daß sie ihre moralischen Vorlieben in der Literatur unterbringen. Für Frau Mittenzwei besteht der rote Faden der ganzen Literaturgeschichte darin, daß das moralische Froschprinzip der Demut abwechselnd gefährdet und gewahrt wird. „Linke" Literaturwissenschaftler besprechen — nicht nur, aber sehr gern — den Vormärz, Heinrich Heine, H. Manns „Untertan" oder Brecht. Daß diese Autoren so ähnlich denken wie der Interpret, verschafft diesem nicht nur eine billige Befriedigung, sondern dieselbe wert und teure Aufgabe, die die eher konservativ gestimmten Kollegen auch beflügelt: Jeder macht sich mit seinem moralischen Anliegen an den „Nachweis", daß die dichterische Botschaft unter den gegebenen Uterar- und ,,real"geschichtlichen Voraussetzungen eine berechtigte und notwendige war. Ob Frau Mittenzwei den Vernunftidealismus der Aufklärung bemüht, um den romantischen Irrationalismus — immerhin ein unversöhnlicher Widerspruch zum Rationalismus — als plausible Fortentwicklung in Richtung ,mehr Bescheidenheit beim Denken' hinzustellen; ob der Lektüre des „Untertan" eine Beschäftigung mit dem wilhelminischen Staat vorgeschaltet wird, die mit dem albernen Befund ,keine Demokratie' den Wilhelminismus in einen einzigen Ruf nach H. Manns Roman umdeutet — stets stellt sich bei den Interpreten Zufriedenheit ein. In beiden Fällen ist das eigene moralische Ideal einem Stück Literatur(geschichte) als dessen sachliche Berechtigung, untergeschoben. Und selbiges Stück Literatur steht dann da als die leibhaftige Realisierung einer moralischen Notwendigkeit. Am Pluralismus des Interpretationswesens kann man ablesen, daß es für die Literaturwissenschaft gleichgültig ist, ob sich ihre Macher der Literatur mit reaktionären oder fortschrittlichen Werthaltungen „nähern". Ob die Literatur als realisiertes Ideal der nackten Untertanentugend Demut & Bescheidenheit, als realisiertes Ideal des mündigen demokratischen Bürgers oder, wie bei Mattenklott, als realisiertes Ideal letztlich unverwüstlicher Subjektivität gedeutet wird — das bleibt sich in gewisser Hinsicht gleich. Diese gleichbleibende Hinsicht lautet: auf jeden Fall ist die Literatur das realisierte Ideal, egal, welchen Inhalt es haben mag. Dieses Credo einigt die „Reaktionären", die „Fortschrittlichen" und die breite „Mitte" wirklich. Diese methodisch abstrakte und darin bedingungslose Wertschätzung der literarischen Künste ist vorausgesetzt, damit das Unterbringen eigener moralischer Steckenpferde in der Literatur respektive das Suchen nach dichtenden Gesinnungsgenossen, auch wenn die längst verblichen sind, überhaupt als lohnend erscheint. So leistet dann jeder Interpret mit seinem speziellen moralischen Spleen ganz selbstbewußt einen Beitrag dazu, die Literatur schlechthin als den wirklichen Ort aller Werte, als die existente Sphäre des Humanums hochleben zu lassen. Daß es die Literatur gibt, erscheint so wie der wahrgewordene Seufzer der Zufriedenheit: Was will der Mensch mehr!
Literatur - schöne Abrundung einer weniger schönen Welt !
Wenn es nur um die kulturpflegerische Würdigung der Sphäre geht, die durch das dichterisch gesetzte Wort abgesteckt ist, und wenn die prinzipielle Wertschätzung dieser Sphäre als des wirklichen Orts aller moralischen Desiderate ohnehin außer Frage steht, dann ist dieser selbstzufriedene Zirkel auch ohne Bemühung bestimmter moralischer Ideale zu haben. In einer fortgeschrittenen Literaturwissenschaft wird dieses Loblied ohne den Anschein eines damit verbundenen Anliegens gesungen, weshalb sich neben der Dummheit und Eitelkeit die ödeste Langeweile breitmacht. Zwei Beispiele, mit deren Methode sich jede beliebige germanistische „Arbeit" stricken läßt.
„Die Projektionen des Romans sind Ausdruck einer Mangelerfahrung, Reßex auf eine unpoetisch gewordene Gegenwart, in der es die so dargestellte Natur nicht mehr gibt." (Prof. Pickerodt, Marburg, über einen romantischen Roman)
Die Fertigungsschritte dieses Gedankenbäudes im einzelnen:
1. Dementi, daß die Gedanken des Romans das subjektive Produkt seines Autors sind. Zwar sind Gedanken immer subjektive Produkte ihres Urhebers, und das macht normalerweise auch nichts: man kann ja ihren Inhalt auf seine Allgemeinheit überprüfen und sie je nachdem akzeptieren oder verwerfen. Nicht so bei Dichtern. Deren Auffassungen muß getrennt von jeder Überprüfung Allgemeinheit zukommen. Das ist ein methodisches Prinzip, d. h. der Interpret will die Auffassungen des Romans weder mit Gründen ablehnen noch sie für sich akzeptieren, sondern er sucht nach Umständen, unter denen sie relativ — oder „historisch" — gültig sind, will also vor allem selber der Meister aller Gültigkeitsbescheinigungen bleiben.
2. Behauptung, daß ,,die Projektionen des Romans" Wirkungen der Realität sind. Zwar kann die Realität keine literarischen Einbildungen kreieren. Aber der Interpret setzt nur deshalb die Realität der Literatur voraus, um dieser pauschal einen reellen Gehalt zu bescheinigen und das Verhältnis sofort umzudrehen:
3. Definition der Realität als „unpoetisch". Die Realität immerhin des beginnenden Kapitalismus soll darin ihren Kern haben, daß es in ihr nicht zugeht wie in romantischen Romanen. Logisch gesehen kann eine nicht vorhandene Qualität der „Gegenwart" auch nichts bewirken. Literaturwissenschaftlich ist das Weltbild aber wieder in Ordnung: Die entscheidende Eigenschaft der Realität besteht in ihrem Verhältnis zur Poesie. In angeführter „Gegenwart" mangelt es an Poesie, also mußten die Romantiker so poetisch dichten wie sie es taten. Und: mit der romantischen Poesie ist die Realität eine runde Sache. Einen Moment lang läßt der Interpret die Literatur sich radikal um die Welt drehen, damit sogleich die Welt sich um die Literatur dreht und in dieser ihren Nabel hat. Es ist im Prinzip dasselbe, wie wenn ein anderer H. Mann als Kritiker des Wilhelminismus lobt, den ersten deutschen Imperialismus in diesem Sinne der autoritären Herrschaft, der Ausbeutung und seine Bürger des Untertanentums bezichtigt, damit die schlechte Gesellschaft ihrem Kritiker recht gibt und wieder einmal gesagt ist, daß in der Literatur je schon der Ausgleich jedes Mangels der Wirklichkeit vorliegt. Nur ist in der Manier Pickerodts die Heuchelei, mit H. Manns demokratischen Idealen einer Realität kritisch zu Leibe rücken zu wollen, als überflüssiger Umweg ausgelassen. Auch nicht zum Schein braucht sich der Interpret für ein Ideal und gegen eine davon abweichende Realität auszusprechen. Es reicht, wenn er zielstrebig auf den Kern seines Anliegens zusteuert und sich versichert, daß wie immer, so auch dieser Zustand von Ausbeutung und Herrschaft in dieser literarischen Richtung seine adäquate moralische Antwort gefunden hat. Und in Gestalt von „Reflexen" auf Ausbeutung und Gewalt, die durch sein Zutun Zustandekommen und so zufriedenstellend ausfallen wie es ihm gefällt, sind dem Interpreten alle Gewaltzustände Anlässe feinsinnigen Goutierens.
Von einer Sinnhaftigkeit in die andere
Über den Roman der Aufklärung teilt Dieter Kimpel, Frankfurt, folgendes mit:
„Für die aus der fraglosen Sinnhaftigkeit des alten Mythos (Epos) emanzipierte Romanepik wird die damit aufbrechende Differenz von Dinglichem und Personalem, Natur und Geschichte, Immanenz und Transzendenz insoweit zum Problem, als die sich zugleich einstellende Forderung, den Erzählgegenstand und seinen Sinn unter dem nun konstitutiven Prinzip des Zeitlichen neu zu bestimmen, der Romanform die Schicksalsfrage stellt... Im Bewußtsein ihrer Fragwürdigkeit finden die Gedanken darüber, wie der Schriftsteller den anstehenden Aporien entkommen könnte, stärksten Ausdruck in der fruhromantischen Spekulation auf die Möglichkeit der ,neuen Mythologie'." (D. K.: Roman der Aufklarung)
Es kann nicht bestritten werden, daß die Dichter private Ereignisse vom Abendspaziergang im Mondschein oder Glück und Pech in der Liebe über alltägliche Abhängigkeiten und Pflichten sowie jede Form von Ausbeutung bis hin zu welthistorischen Ereignissen als bloße Zeichen behandeln, die auf darunterliegende ideelle Prinzipien und Sinngehalte verweisen, wodurch dann im Hinblick auf diese Prinzipien alles und vor allem das Widrige seine Ordnung und seinen guten Grund hat. Dieser billige Zufriedenheit stiftende Sinn-Wahn ist aber noch lange kein vernünftiger Grund, auf diesen Wahnsinn noch eins drauf zusatteln, den bedichteten Wertehimmel auch noch wissenschaftlich zur eigentlichen Realität und die schnöde Wirklichkeit von Ökonomie und politischer Gewalt zum Problemlieferanten und Stichwortgeber für die Fortentwicklung der letzten Menschheitsprinzipien zu erklären, Letzteren Unsinn sieht die Literaturwissenschaft aber als ihre Aufgabe an. Wie die angeführte Passage beweist, hat es Dieter Kimpel darin weit gebracht. In seinen Augen beschreibt der Aufklärungsroman einen Kreis vom Mythos (alt, mit fragloser Sinnhaftigkeit, aber nicht mehr glaubwürdig) zum Mythos (frühromantisch, Spekulation auf seine Möglichkeit, also noch nicht ganz glaubwürdig). Im Verlauf dieses Zirkels treten Mythos/Epos /Epik = Roman in „Aporien" auseinander, die sich wieder zum „Prinzip des Zeitlichen" zusammenfassen und der „Romanform" = dem Geschichtenerzählen als solchem ,die Schicksalsfrage" l stellen. Der Vorteil dieses Prinzipienkarussells besteht darin, daß die Prinzipien keinen Inhalt haben, sondern leere Gegensatzpaare darstellen, die nur durch ihr Gegenstück den Anschein einer Bedeutung bekommen. Das „Dingliche" gibt es , nicht, es sei denn, man denkt das „Personale" hinzu, welches dann alles das ist, was nicht „dinglich", und umgekehrt. Mit „Immanenz und Transzendenz" verhält es sich genauso, und auch „Geschichte" heißt nicht mehr als „nicht Natur". Kimpels Gegensatzpaare haben nur innerhalb seines Satzes einen Gehalt. Das ist ein rhetorischer Trick. Gerade die Inhaltsleere der abstrakten Gegensatzpaare transportiert den Anspruch, daß in ihnen wirklich alles Relevante mitgedacht ist, z. B. Aufklärung, Säkularisierung durch Vernunftstreben, Auflösung der Standesschranken. Das ist es auch, und zwar insofern, als alte und neue Weltanschauungen, Veränderungen der Herrschaft und Ökonomie, eben unterschiedslos alles in den großen Topf geschmissen ist, der nach Übereinkunft der Zunft die Voraussetzungen und Wirkungen enthält, durch die die Sphäre der „Sinnhaftigkeit" sich selber fortwälzt. Der entschlossene Unwille, Realität, Moral und literarische Fiktion auseinanderzuhalten, ist da eine glückliche Verbindung mit der Anmaßung eingegangen, die Substanz der Realität selbstverständlich in den literarischen Fiktionen zu erblicken. Von deren stets erneuerter Selbstfortpflanzung präsentieren Kimpels bescheuerte Gegensatzpaare ein Bild, dessen Botschaft schon rüberkommt. Lauter inhaltslose Vorstellungen, deren wechselseitiger Verweis Charakter das Drängen auf harmonischen Ausgleich vorstellig macht, sollen sich entzweit und damit den Schriftsteilem den Auftrag erteilt haben, durch Fortsetzung der „Romanform" diese Harmonie wiederherzustellen. Selbst wenn Kimpel einen einzigen Schriftsteller namhaft machen könnte, der wirklich das Anliegen gehabt hätte, unter dem „nun konstitutiven Prinzip der Zeitlichkeit" erst recht die „fraglose Sinnhaftigkeit des alten Mythos (Epos)" hochleben zu lassen, dann wäre seine Sichtweise immer noch ein starkes Stück. Er stellt nämlich diesen Zweck, den es nur als idealistisches Anliegen geben kann, als eine Tatsache hin, die allen Absichten von Literaten vorausgesetzt ist und diese bedingt. In Kimpels Sicht der Dinge bedingt das ,,Prinzip der Zeitlichkeit" den Aufklärungsroman, indem die Schriftsteller sich ihm stellen und ihm gerecht werden. Einerseits können sie gar nicht anders, da Kimpel sie ja unter dieses Gesetz des Schriftstellerns nach 1700 gestellt hat. Andererseits braucht der Literaturhistoriker keinen einzigen Romaninhalt anzuführen, um jeden Dichter mit der Auszeichnung zu versehen, er sei jedenfalls ein verantwortungsvoller Zulieferer für das Zeughaus, in dem alle passenden ,Weiß-Warums' und ,Was-willst-du-mehrs' aller Zeiten aufbewahrt werden und ,,der Mensch" resp. das Humanum seine Heimat hat.
III.Fazit
Die konstituierende Idee des Universitätsfaches Literaturwissenschaft besteht in einer moralischen Idiotie des selbstbewußten Untertan, die am Gegenstand der Literatur professionell zur universellen Weltanschauung wie zum individuellen Sinnprogramm ausgestaltet wird. Welches moralische Individuum beherrscht nicht die Übung, seine Benutzung durch die maßgeblichen Instanzen als Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, als wahrgenommene Freiheit, auferlegtes Schicksal, Dienst an einem übergeordneten Höheren — kurz: als notwendige Konsequenz ideeller Prinzipien zu interpretieren! Dem Bedürfnis von Mitmachern, sich den Gang von Geschäft und Gewalt und wie man selber darin verplant ist als irgendwie vernunftgemäße, der freien Einsicht zugängliche Notwendigkeit zurechtzulegen, diesem Bedürfnis haben die Dichter jederzeit Material zur Selbstbeschäftigung verschafft, indem sie sich für dieses oder jenes Ideal begeisterten oder ihre Ergriffenheit von der Erhabenheit oder Abgründigkeit jener letzten Prinzipien versifizierten. So paßt dann Eichendorff in den Schützengraben, während mancher oppositionell gestimmte Jugendliche vor Freude über das Vorliegen oppositioneller Wortspiele von Brecht oder Heine furchtbar zufrieden wird, zuerst mit den Dichtern, dann mit sich und darin auch schon mit der Welt. Diese Brauchbarkeit der Literatur für das moralische Bedürfnis, trotz allem und mit allem zufrieden zu sein, macht den Inhalt des germanistischen Sorgerechts für die Litera tur aus. Daß alles, was ein Mensch vernünftigerweise erstreben kann, in der Literatur bereits vorliege, das ist die Unterstellung die Germanisten machen, wenn sie sich den Dichtwerken mit einem derartigen theoretischen Aufwand widmen, und das ist zugleich der ganze Beweiszweck der Veranstaltung. Diesem — und nur diesem — Standpunkt ist es adäquat, jeden bedichteten (Un-)Sinn mit allen sozial-, ideengeschichtlichen und poetologischen Registern einen Berechtigungsnachweis nach dem anderen zu verpassen und hemmungslos mit der schlechten Welt für die Güte der ideellen Kompensationen zu werben. Anders als ein Normalmensch, der ja auch seine Faustzitate kennt, hebt ein professioneller Literaturwissenschaftlicher nicht bloß bei Gelegenheit aus der Welt der realen Anforderungen und Unterordnungen in die Sphäre der höheren Ordnungen ab. Diese Sphäre macht gleich den ganzen Umkreis seines Interesses aus. Praktisch hält er das Geisterreich, wo der Untertan sich mal zufrieden stimmt, wo unbefangenes Denken als kalte Inhumanität und Dummheit als Geist gilt, für den Nabel der Welt. Daß sein Treiben an Schulen und Universitäten zur staatlichen Institution geworden ist, gibt ihm in seiner Einbildung recht.
So erfüllt die Literaturwissenschaft als Veranstaltung insgesamt den Tatbestand der systematischen Verkehrung von Wichtig und Unwichtig. Sie macht nicht nur Fehler. Sie ist einer.
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