„Sprache als Problem“
ARGUMENTE GEGEN DIE LINGUISTIK
Eine beliebte Einführung in die Linguistik beginnt mit der Aufforderung des Dozenten, Spekulationen darüber anzustellen, was nicht alles auf der Welt erst durch Sprache ,,möglich" ist. In Abwandlung des Schlagers „Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera" kommt dann eine Liste nützlicher Eigenschaften zustande;
— Sprache ist zum Denken da, so daß als eine „Funktion der Sprache" festgehalten werden kann, „Stütze des Denkens" zu sein;
— auch zum ,,Kommunizieren" kann man sie benutzen, denn wenn es keine Sprache gäbe, wie wollten wir dann miteinander reden?!
Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, den Gegenstand Sprache dadurch zu erfassen, daß man nach Problemen fragt, die sich ergeben würden, wenn man sich ihn wegdenkt, dann kann man sich natürlich viele andere „Sprachfunktionen" einfallen lassen, eine wichtiger als die andere:
„Es ist eine Funktion der Sprache, Medium zu sein für die Überlieferung gesellschaftlicher Erfahrung von Generation zu Generation. Zur gesellschaftlichen Organisation gehört die Weitergabe von Erfahrung, sonst wäre gesellschaftliche Organisation nicht möglich; es kann ja nicht jede Generation wieder von vorne anfangen." (Kettner in einer früheren Einführungsveranstaltung)
— braucht sie zum Glück auch nicht, weil es die Sprache ja bekanntlich gibt.
So läßt sich aus dem bloßen Aufzählen, was ohne Sprache alles nicht möglich wäre, ganz ohne Kenntnis, was Sprache ist und wie sie beschaffen ist, das Urteil gewinnen: Sprache — das ist allwichtig! Andererseits werden an der Sprache sogleich Mängel und Probleme entdeckt, auf die nur einer kommt, der ihr vorher sein Ideal einer universellen Wichtigkeit und Funktionalität umgehängt hat und sie nun an diesem Maßstab mißt: Nur wenn man nämlich meint, mit der Sprache werde dem Menschenkind die Ermöglichung „gesellschaftlicher Organisation" und deren Fortschritt „in die Wiege gelegt", bekommt man mit ihr folgendes Problem:
„Aber es kostet auch Mühe, aus diesem Geschenk auch wieder herauszukommen, weil ich zwar historische Erfahrungen übernommen habe, aber damit ist noch nicht raus, ob es den neuen Situationen auch angebracht ist." (Kettner in seiner Einführungs- Veranstaltung)
— als wenn ich mit dem Erlernen einer Sprache auf die Gedanken festgelegt wäre, die meine Vorfahren in derselben zu formulieren beliebten! Genau so sieht aber ein Linguist die Sprache: Sie ist einerseits so wichtig und all-bestimmend, daß ihr gegenüber andererseits äußerste Skepsis angebracht ist. Kein Wunder, daß sich Linguisten zum Auftakt und im Verlauf ihrer Suche nach den „Gesetzen einer Sprache" immer wieder wundern:
Erstaunlich erweise funktioniert trotzdem die Kommunikation im allgemeinen gut." (Funkkolleg Sprache, Bd. l, S. 128)
Was ist ein Wort?
Jedenfalls ein äußerst vertracktes Ding: nicht einfach eine vom Verstand gebildete allgemeine Vorstellung, in Lauten ver objektiv! er t — wie Karl Valentin gemeint haben muß, wenn er seinen Monolog „Die Brennessel" mit dem Satz beginnt: „Bei diesem Wort denkt jeder an eine Brennessel." ,Wie ist das möglich?!' —rufen die Linguisten und geben folgende falsche Erklärung dessen, was ein sprachliches Zeichen ist:
„Ein Zeichen ist diejenige Einheit, die aus einem Signal und einer an das Signal geknüpften Information besteht. Wenn ein Signal mit Information verbunden ist, dann sprechen wir von einem Zeichen ... Anstelle der Begriffe Signal und Information werden auch die Termini Ausdruck und Inhalt oder auch Ausdruck und Bedeutung verwendet ... Ein Zeichen ist eine in der gesprochenen Sprache untrennbare Einheit von seiner Form (Ausdruck) und seinem Inhalt (Bedeutung)." (Funkkolleg, S. 34 f)
Verkehrt ist nicht die Aussage, das Wort sei die Einheit eines ideellen Gehalts (,,Information", „Inhalt", „Bedeutung") mit einem Laut („Signal", „Form", „Ausdruck"). Aber so schlicht und eindeutig ist diese Aussage ja gar nicht getroffen. Stets reiten die Linguisten auf der Einheit der beiden Momente des Zeichens herum, erfinden zig Namen für diese Momente — und lassen dabei deren Bestimmtheit im Dunkeln. Auf die kommt es aber an, denn wenn das Wort die Einheit eines ideellen Gehalts mit einem äußeren, dinglichen Laut ist, dann muß der Grund und damit die Notwendigkeit dieser Verbindung in einer allgemeinen Eigenart der im Wort ausgedrückten ideellen Gehalte liegen. (Für Interessenten: Der ideelle Gehalt eines Worts besteht in der Vorstellung einer Sache. Die Vorstellung einer Sache beruht nicht auf deren gegenständlicher Präsenz; ihr Inhalt besitzt zunächst keine vom denkenden Subjekt getrennte Existenz. Zugleich erhält die vorgestellte Sache die Form der Allgemeinheit — im Gegensatz etwa zur Wahrnehmung, die den unmittelbar vorfindlichen Gegenstand als einzelnen erfaßt. In der Bezeichnung der Vorstellung wird deren Mangel überwunden, nur subjektiv, innerlich vorhanden zu sein; als Zeichen erhält die Vorstellung objektive Geltung; als bezeichnete Vorstellung gewinnt sie die Festigkeit, die es gestattet, mit ihr umzugehen, sie auf andere Vorstellungen zu beziehen. Das dingliche Moment des sprachlichen Zeichens ist für die Bezeichnung das unselbständige Material. Dieser Unselbständigkeit entspricht der Ton, der kein festes Bestehen für sich selbst hat, aber unabhängig von äußeren Bedingungen reproduzierbar ist.) Diese Notwendigkeit, die mit der Intelligenzleistung der Vorstellung gegeben ist, will die Linguistik aber nicht ermitteln. Statt die Notwendigkeit der Verknüpfung von Laut und Bedeutung aufzuklären, beteuert sie immerzu deren Wichtigkeit. Dabei zeichnet sie ein völlig unzutreffendes Bild von der Sprache. In ihrer Vorstellung nimmt sie sich aus wie ein Riesenberg von form- und ausdruckslos vor sich hinwabernden Bedeutungen, dem auf der anderen Seite ein ebensogroßer Berg bedeutungsloser Laute gegenübersteht, und jedes Element in jedem Haufen kennt nur eins: Wie komme ich zu meiner besseren Hälfte? Daß es immer eine passende gibt, ist ausgemacht; allerdings nur deshalb, weil auch der Linguist von Zeichen als Einheit von Laut und Bedeutung ausgeht, um es sich dann als zerlegtes zu denken.
Wenn er schließlich die Unhaltbarkeit dieser Trennung betont — die niemand außer ihm auf gebracht hat — und sie zu einer „untrennbaren Einheit" wieder zusammenfügt, dann handelt es sich hierbei nur scheinbar um einen blöden Umweg. Der Linguist hat aus der Einheit von Laut und Bedeutung nämlich ein Problem und aus dem Wort die — wirklich immer gelingende? — Lösung des Problems gemacht, nicht-sprachliche Einheiten so zu verknüpfen, daß dabei Sprache herauskommt.
Was ist der Laut?
Wenn das Wort die Bewältigung des Problems sein soll, seine Teile zusammenzuhalten, dann schreitet das linguistische Denken so fort, daß es rückwärts denkt: Wenn dank der wunderbar gelungenen Verknüpfung von Laut und Bedeutung Laute Bedeutungsunterschiede ausdrücken, dann müssen sie sich schon wie die Bedeutungen unterscheiden, bevor sie welche haben.
Die Phonologie formuliert dies als Problem der „Laute im Sprachsystem" und betraut darin die Laute mit folgender Aufgabe:
„Laute haben bedeutungsunterscheidende Funktion." (Funkkolleg, S. 127)
Zwar ist es überhaupt keine Funktion der Laute, daß sie Bedeutungen unterscheiden — als ständen haufenweise ununterschiedene Bedeutungsunterschiede herum — Homburg, Homberg, Hamburg ... — und würden unglücklich, erbarmte sich ihrer nicht der Unterschied von „a", ,,o" und ,,e", damit Hamburg dann Hamburg, Homburg Homburg und Homberg Homberg heißen kann. Der Linguist sieht das anders und falsch: Er denkt sich zwei Worte aus, die sich nur in einem Laut unterscheiden (Rast, Rest), stellt überrascht fest, daß sie sich unterscheiden und ;.-macht dies zur Eigenschaft des Lauts: Er und . nicht der andere steht hier, also — so schließt der Linguist — ist es die Eigenschaft von „a", : nicht „e" zu sein und dadurch Überhaupt erst Ordnung in die Welt der Bedeutungen zu bringen:
„Phoneme sind die kleinsten Lauteinheiten, die in systematischer Opposition stehen und deshalb distinktive, d. h. bedeutungsunterscheidende Funktion haben." (Funkkolleg, S. 133)
Der Mast heißt Mast, weil er sonst Rast hieße, die Banane ist krumm, weil wenn sie gerade war', war' sie keine Banane mehr, Mainz bleibt Mainz und auch der Lernerfolg derselbe: Indem man den Lauten ihre sprachliche Qualität bestreitet, um ihnen diese erst über das fiktive Problem eines herzustellenden Bedeutungsunterschieds wieder anzuhängen, hat man erneut die Sprache als Problem gewonnen, das sich um seine eigene Lösung immer erst bemühen muß — daß sich Wörter von anderen unterscheiden, zeigt messerscharf, daß es die —wirklich immer zufriedenstellend gelöste?? — Aufgabe der Laute ist, diesen Unterschied zu machen.
Was ist Bedeutung?
Worauf wollen eigentlich die Semantiker hinaus, wenn sie so harmlos klingende Fragen stellen wie:
„Was ist die Bedeutung von Papagei?" —
Fragen, die deshalb so absurd sind, weil sie danach suchen, welche „Bedeutung" die Worte haben sollen neben dem, was sie bedeuten. Der „Wortinhalt", den der Semantiker ermittelt, besteht dann in dem paradox konstruierten Kunststück, nicht ein anderer zu sein:
„Der Wortinhalt ist ein an ein Wort gebundener Begriff, der ... durch die Menge seiner Beziehungen zu den anderen Wortinhalten im System festgelegt ist." (Funkkolleg, Bd. 2, S. 21)
Also Papagei bedeutet Papagei, weil es alles andere nicht bedeutet, und das ist zugleich der Begriff des gleichnamigen Vogels — Nicht-Hase, Nicht-Linguist, Nicht-Auto. Diesen zirkulären Blödsinn, die Bedeutung eines Wortes durch andere Wörter und deren Bedeutungen zu erklären und umgekehrt, kann man in der sogenannten „Merkmalanalyse" auch analytisch exakt betreiben: , ;.
,,+ Lebewesen .
+ menschlich
+ männlich -
+ verheiratet
+ hat Kinder, die ebenfalls Kinder haben" (Funkkolleg Bd. l, S. 49)
— korrekt zusammengerechnet kann das nie und nimmer die Oma ergeben, sondern nur noch Opa! Wenn man sich aber die Bedeutung von Opa als Reihe von Eigenschaften konstruiert, die den leibhaftigen Opa von seiner Oma und vom Papagei und der Banane unterscheiden, dann muß man ihn dazu längst unterschieden haben. Trotzdem soll man sich — wenn es nach dem problembewußten Semantiker geht — der gewußten Unterschiede erst sicher sein, wenn man sich die Bedeutung von Opa als Summe aller möglichen Nicht-Nicht-Opas klargemacht hat.
Was ist der Satz?
Für die Linguistik der Anlaß, sich ein letztes Forschungsfeld zu spendieren. Wenn nämlich Laute und Bedeutungen für sich genommen schon ein — „erstaunlicherweise" immer wieder lösbar scheinendes — Problem sind, wie sieht es dann mit deren Verhältnis zueinander aus? Ist da alles in Ordnung? Und so kreiert das „Sprachsystem" nach der Erschaffung von Laut und Bedeutung als dritte und alles krönende,:; Leistung die Sprache als Beziehung:
„Bedeutungsstrukturen und Lautstrukturen werden durch die Syntax in Beziehung gesetzt." (Berchert)
Was da genau mit wem in welche Beziehung „gesetzt" werden soll — darauf will sich der Linguist nicht sonderlich festlegen lassen. Lieber betont er, daß auf jeden Fall ein Satz eine Syntax haben muß, damit die „Beziehungen" zwischen seinen Teilen geregelt sind. Anstatt nämlich zu fragen, welche Satzteile es gibt und wie sie — also auch ihr Verhältnis zueinander — bestimmt sind, beteuert er, daß sie ein Verhältnis zueinander eingehen müssen:
„Daß die (welche?) Beziehungen zwischen den Morphemen im Satz unterschiedlich eng (was heißt hier ,eng'?) sind, kann am einfachsten erklärt werden, wenn (na dann!) man annimmt, daß sie hierarchisch geordnet sind," (Funkkolleg)
Das logische Verhältnis der Satzteile zueinander wird in das Bild eines Mehr-oder-Weniger-Eng von Trümmern gekleidet, um dann neben der Ordnung, die die Satzteile haben, eine neue „hierarchische" aufzumachen.
— Wenn aber 1. die „Hierarchie" nach Satzgegenstand und Satzaussage usw. aufgeteilt wird, gleichzeitig die Behauptung geht, man habe es mit „abstrakt formalen" Objekten zu tun — man vom Unterschied der Satzteile also gerade nichts wissen will;
— wenn 2. „Proben" (Weglassen, Umstellen) die Enge herausfinden sollen, die man nur herausfinden kann, weil man weiß, was zusammengehört — warum geht „Mensch spricht der" nicht? weil es „Der Mensch spricht" heißen muß!
— wenn schließlich 3. die syntaktischen Kategorien nach ihrer Distribution bestimmt werden sollen und ein Verb deshalb alles ist, was mit einem Nomen einen Satz bilden kann („Substantive sind Wörter, in deren Umgebung ART— NP stehen." Funkkolleg — ein Argument nach dem Motto: Eine Kuh ist alles, was in der Umgebung eines Kuhstalls steht) —
so handelt es sich in allen drei Varianten um das Anliegen, unter fröhlicher, aber verschwiegener Benutzung der grammatischen Kategorien und unter Berufung auf deren Leistung den eigenen Gedanken und absolut begriffslosen Hokuspokus als notwendige Stiftung von Satzordnung aufscheinen zu lassen. Resultat dieser Zerstörung aller Syntax ist der „Strukturbaum". {Funkkolleg, S. 181)Fürden Satz „Der Mensch spricht" Soll
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der Mensch sprich- t
dessen Struktur sein, gerade weil die Unterschiede in den grammatischen Bestimmungen gar nicht mehr vorkommen. Sie dienen nur noch als Grundlage der Plausibilität eines Gedankens, der die Geordnetheit jedes Satzes gegen die Erklärung dessen, worin dessen .Ordnung' besteht, proklamiert, und der sich deshalb auch als Strichmuster trefflich an die Wand malen läßt.
Was ist die Leistung der Linguistik?
Was die Sprache ist, kommt in der Linguistik mit tödlicher Sicherheit nicht zur Sprache. Dafür übt man sich in allen möglichen Variationen bei der Untersuchung des „Sprachmaterials" in der Weltanschauung, daß sowohl dem Willen als auch der Intelligenz in deren Mittel, der Sprache, ein schier übermächtiger Gegner erwachsen ist, weswegen beiden dieselbe Skepsis zu Gebote steht, mit der die Linguistik die Untersuchung der Sprache vollzieht: Wenn die Einheit von Laut und Bedeutung eine so schwierige Leistung ist; wenn bei unaufmerksamer Benutzung selbst der unscheinbarsten Laute die Wortbedeutungen und deren Unterschiede verschwinden; wenn die ganze Welt im Dunst von semantischen Merkmalen versinkt, weil man mit deren Liste noch nicht fertig ist und wenn schließlich der Apparat immer noch nicht erfunden ist, der ungrammatikalische Sätze nicht generiert — woran soll sich der Intellekt denn da halten, wenn sein Mittel ein so totaler Blindgänger ist??
Keineswegs aber braucht es für den gelungenen Erwerb dieser Skepsis einen Schein in Linguistik. Eher ist es umgekehrt — nur wer die Botschaft vom Menschen, der irrt, solange er strebt, denkt oder spricht, ohnehin schon glaubt, wird dem Bemühen der Linguistik, sie als objektiv aus der Sprache resultierende Notwendigkeit erscheinen zu lassen, jenes „interessant!" abgewinnen können, mit dem man den gewährten Einblick in die Geheimnisse der Sprache begleitet.