Kritik
der bürgerlichen Wissenschaft
Die Argumente der
Geschichtswissenschaft
Lauter
Hintergründe, warum es so kommen musste
1. Die Geschichte:
angeblich bedeutsam für das Heute
Die Geschichtswissenschaft
beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Dingen, die inhaltlich nichts
verbindet. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist, dass es sie nicht mehr
gibt. Genau das macht die verschiedenen Dinge zum Gegenstand der
Geschichtswissenschaft.
Dass man es genau deswegen
wohl mit einer Luxusbeschäftigung zu tun hat, die weiter zu nichts taugt -
immerhin existiert das Zeug ja schon mehr oder weniger lange nicht mehr - dem
widersprechen Historiker vehement.
„Geschichtslose
Generationen“ gelten ihnen als Anfang vom Ende der Kultur und noch jeder kennt
die Aufforderung, „aus der Geschichte zu lernen“ -, was nur geht, wenn das
Vergangene für die Gegenwart einen Erkenntniswert hat. Dies schließt die
Behauptung ein, dass das Heute nur richtig verstehen kann, wer einen Blick auf
das Gestern wirft.:
„Wenn man die Gegenwart
begreifen will, muss man sie aus ihrer Herkunft begreifen.“
Das kann gar nicht sein:
Denn wenn das Gestrige wirklich ein Teil der Erklärung des Heutigen wäre, dann
würde man bei der Analyse der Gegenwart schon auch drauf stoßen. Soll man
zuerst die Vergangenheit studieren, so verweist das darauf, dass das Vergangene
wohl herzlich wenig Bedeutung für die Erklärung der Gegenwart hat. Die
Aufforderung, man solle sich gerade zum Verständnis des Heute erst einmal dem
Gestern widmen, ist also eine Aufforderung zum Gegenstandswechsel. Man soll
sich erst einmal mit etwas ganz anderem beschäftigen, was heute noch nicht
einmal mehr existiert - das aber nicht wegen des Vergangenen, sondern wegen des
Heute!!! Titel wie „Die Aktualität des Archipel Gulag“, „... der
Einigungsbemühungen Karls des Großen“, „...des Mittelalters“ etc. sprechen aus,
was die Unterstellung aller heutigen Geschichtswissenschaft ist: Die
widersprüchliche Behauptung, dass die Befassung mit etwas, was es nicht
mehr gibt, Wesentliches über das Spätere zu Tage fördern soll. Damit ist
dann aber auch klargestellt, dass sich Geschichtswissenschaft weder mit dem
Heute, noch mit dem Vergangenen oder dem Vorvergangenen für sich befassen will,
sondern mit jedem Vorzustand als etwas für die Nachwelt Bedeutsamem,
und mit jedem Nachher als Gewordenem!
2. Das Ausgangsdogma der
Geschichtswissenschaft: Alles historisch bedingt!
Das Grund-, Haupt- und
Oberdogma aller Geschichtswissenschaft steht damit fest:
„Die Dinge sind
geschichtlich bedingt. Sie sind an ihre Zeit gebunden. Wenn man darum eine
Epoche begreifen will, muss man sie aus ihrer Herkunft begreifen.“
Statt sich zu fragen, was
eine Sache ist, widmen sich Historiker der Frage, woher sie kommt.
Den Begriff des Entstandenen setzt der Historiker kurzerhand in eins mit
dessen Entstehen. Die Frage, was war, beantworten Historiker dann schon
- aber wie:
„Der Erste Weltkrieg ist
tief in den Traditionen des 19. und des beginnenden 20.Jhds. verwurzelt.“
Oder
„In diesem Sinne ist
Auschwitz eine Reaktion auf den Archipel Gulag. Hier ist die tiefste Wurzel von
Hitlers extremsten Handlungsimpulsen zu suchen.“
Was weiß man über den
Ersten Weltkrieg, wenn man weiß, dass er angeblich lange Wurzeln hatte; was
weiß man über Hitlers Ausmerzungsaktion gegen die Juden, wenn man diese als
angebliche Kopie einer anderswo vorausgegangenen „asiatischen Tat“ betrachtet?
Erstens: Nichts - weil man nie etwas über eine Sache erfährt, wenn man
weiß, woraus sie hervorgegangen ist. Die Latte ließe sich im übrigen beliebig
fortsetzen, ohne dass auch nur irgendeine Bestimmung einer historischen Epoche
herauskommt: Das III. Reich ist aus dem II. hervorgegangen, dieses aus dem
alten Zentralstaat; der war seinerseits ein Produkt des Feudalismus und der ist
aus dem Niedergang des Römischen Reiches entstanden ...
Zweitens erfährt man, dass
diese Ereignisse angeblich Folgen von anderen historischen Gegebenheiten
darstellen, von denen man ebenfalls nichts erfährt außer, dass aus ihnen der
Erste Weltkrieg bzw. Auschwitz hervorgegangen sein soll. Was z.B.
die Judenverfolgung im Faschismus zur Kopie einer anderswo stattgefundenen
Massenvernichtung macht, bleibt ebenso ungeklärt wie die Frage, worin
der „Reiz“ des Archipel Gulag für den „reagierenden“ Hitler bestanden haben
soll. Genau besehen liegt nur eine Analogie, ein Entsprechungsverhältnis
vor: Massenvernichtung hier wie dort, von der der Historiker einfach frech behauptet,
dass sie in einem Verhältnis von Grund und Folge, Ursache und Wirkung
stünden. Eine Behauptung, die rationell betrachtet überhaupt erst des Beweises
bedürfte, warum und inwiefern die russischen Praktiken die
Nazis zur Nachahmung bewogen haben. Die Frage so gestellt, wird aber auch
sofort die kleine Lüge vom „Reiz“ Archipel Gulag offenkundig: Dass Hitler
einfach nachgemacht hat, was ihm die Russen vorexerziert haben, nämlich
missliebige Bürger zu massakrieren, will schließlich auch keiner behaupten.
Dann geht es aber darum,
was den Nazis am Archipel Gulag so nachahmenswert erschienen ist, und der
Archipel Gulag als wie auch immer geartete Ursache würde sich aus der Analyse
herauskürzen, weil alles daran hängt, welche Zwecke die Faschisten an
den Juden exekutiert haben.
Aber genau diese Frage ist
programmatisch getilgt, wenn an die Stelle der Erklärung der Eigenart eines
vergangenen Ereignisses, aus der sich historische Verweise allererst ergeben
könnten, die Behauptung tritt, jedes Ereignis könne nur aus seinem
„historischen Kontext“ erklärt werden. Das methodische Programm, alles aus
seiner Herkunft zu deduzieren, setzt an die Stelle einer Befassung mit den
Begebenheiten ein endloses Knüpfen von Beziehungen zwischen der unerklärten
Sache und lauter - genau so unerklärten - angeblichen „Voraussetzungen“, deren
„Wirkung“ das historische Ereignis sein soll.
3. Die Suche nach
„Bedingungen“, „Triebfedern“ und deren „Auslösern“
Geschichtswissenschaft ist
daher das methodische Gebot, der völlig beziehungslosen Abfolge in der
Zeit - erst ist dies passiert, dann jenes, und dann jenes, und dann ... - einen
höheren Stellenwert als den eines schieren Nacheinanders beizumessen. Es ist
das Gebot, einen inneren Zusammenhang zwischen Vorher und Nachher zu konstruieren.
a) Das Postulat eines
inhaltlichen Zusammenhangs von Vorher und Nachher: Bedingung
Dass der zu erklärende
Gegenstand mit anderen Gegebenheiten, die vorher existiert haben, logisch
überhaupt etwas zu tun hat, wollen Historiker mit einer Formel bewiesen haben,
die so plausibel klingt, wie sie trügerisch ist: ohne Vorher kein Nachher!
Zweifellos hat es viel
Vorher vor den Nachhers gegeben. Nur, was beweisen die zentnerweise von den
Historikern angeschleppten Voraussetzungen?
Selbst wenn ohne das
eine oder andere Vorher ein Ereignis nicht - oder nicht so -
hätte stattfinden können. Was weiß man, wenn man z.B. weiß, dass Hitler ohne
das ausgebaute Netz der Reichsbahn nicht so viele Wahlkreise hätte abklappern,
„also“ nicht so viele Leute in so kurzer Zeit hätte beharken können? Erklärt
das etwa, warum er sie „verführen“ und die Wahl gewinnen konnte? Was weiß man,
wenn man weiß, dass z.B. ohne Erfindung des Schießpulvers und ohne
Erfindung des Gewehrs Erzherzog Franz Ferdinand nicht hätte erschossen
werden können? Sagt das irgend etwas über das Attentat von Sarajewo aus?
Oder umgekehrt: Was ist
nicht alles „ohne Gewehr“ „nicht denkbar“: die neuzeitliche Jagd,
standrechtliche Erschießungen, jede Menge Krieg und Militärtaktik,
Schützenvereine und Amokschützen, Biathlon, der Wilde Westen, und, und, und ...
Und nichts von all dem ist damit bestimmt, dass es ohne Gewehr nicht geht. Da
müsste man schon sagen, was da mit Gewehr jeweils geht.
b) Die konstruierte
Notwendigkeit in der Geschichte: Identifikation von Bedingung und Grund
Historiker wollen mit ihrem
Bedingungsgehubere auf etwas hinaus: Ihre Ohne-Nicht-Logik, die todernst
gemeinten Sophistereien nach dem Kinder-Motto: „Was wäre nur aus mir geworden,
wenn der Großvater die Großmutter nicht geheiratet hätte?“, Argumente des Kalibers:
„Jedes Vorher hat seinerseits selbst viele Vorhers, ist also Vorher und
Nachher, Bedingung und Bedingtes zugleich (Wahnsinn!). Wäre die Neuzeit ohne
Mittelalter überhaupt möglich gewesen?“ (man stelle sich nur vor: ohne
Vergangenheit stünden wir echt im Hemd da) - all dies suggeriert eine Notwendigkeit,
die die angeführten puren Voraussetzungen einfach nicht hergeben: Dass der
habsburgische Thronfolger ohne die Erfindung des Schießgewehrs nicht
hätte erschossen werden können, heißt noch lange nicht, dass er mit
demselben erschossen werden musste. Das Vorhandensein eines Mittels ruft
halt noch lange keinen Zweck ins Leben, die Möglichkeit eines Attentats
ist noch lange nicht die Wirklichkeit desselben.
Das macht einem Historiker
aber gar nichts. Etwas komplizierter ausgedrückt, so dass die Bestimmtheit und
damit auch die logische Differenz der Verhältnisbestimmungen Bedingung und
Bedingtes, Ursache und Wirkung, Grund und Folge hinter vagen Andeutungen zum
anvisierten Zusammenhang zurücktritt - und fertig sind veritable historische
Fragestellungen: „Zum Verhältnis von Waffentechnik und kriegerischen
Verwicklungen 1903 - 1918“, „Der Fortschritt des modernen Verkehrswesens unter
besonderer Berücksichtigung der Entwicklung des zentralistischen Verwaltungsstaates
zum Totalitarismus“ u.ä.
Es handelt sich um die pure
Prätention einer Beziehungshaftigkeit historischer Ereignisse,
die durch das willkürliche In-Beziehung-Setzen mittels reichlichen
Gebrauchs von Präpositionen und Konjunktionen (wie „und“, „von“, „zu“) belegt
wird.
c) Die Bekräftigung des
Fehlers: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
Zwar will kein Historiker
vertreten, der I. Weltkrieg habe wegen der Erfindung des Schießpulvers
stattgefunden, der Faschismus sei wegen des bereits eingerichteten
Zentralstaats entstanden, oder Hitler sei wegen des erweiterten
Schienennetzes der Reichsbahn ans Ruder gekommen; aber von der Idee einer
Notwendigkeit des Geschichtsablaufs will trotzdem keiner lassen. Dass man aus
Schießgewehr, Zentralstaat und Reichsbahn den I. Weltkrieg und den Faschismus nicht
ableiten kann, gibt einem Historiker deswegen auch nur in einer Hinsicht zu
denken: als Schwierigkeit nämlich, seine fixe Idee zu beweisen.
Und dieses, sein
Beweisproblem deutet er kurzerhand in eine Eigenschaft des Geschichtsverlaufs
um: Da hat man es angeblich mit lauter historischen „Faktoren“ zu tun,
die alle „irgendwie“ ihren Beitrag zur Entstehung der Sache leisten -, ohne
dass man genau sagen könnte wie. Woher man dann überhaupt wissen kann,
dass Schießpulver und Gewehr, Zentralmacht und Reichsbahn an der Entwicklung
des I. Weltkriegs oder an Hitlers Machtergreifung mitgewirkt haben, wenn man
den bestimmten, positiven Beitrag des einzelnen Faktors gar nicht angeben kann,
wird das ewige Geheimnis der Zunft bleiben.
Aber so - und nur so
- lässt sich das Ideal aller historischen Erklärung umsetzen: für
sich genommen soll zwar keiner der Faktoren erklärungsfähig sein, zusammengenommen
sollen diese Einzelteile dann aber schon so etwas wie ein geschlossenes
Bild ergeben, das Einblick in den Gang der Geschichte gewähre. Die Addition
von puren Voraussetzungen deutet noch jeder Historiker klammheimlich in eine
neue Qualität der Geschichte um - in eine „Lage“, angesichts der
es der Chronist (und sein Publikum) schon viel verständlicher finden, dass es
kam, wie es gekommen ist.
d) Der tautologische
Rückschluss vom Ereignis auf seine Möglichkeit: die Lage
Aus den reihenweise
angekarrten Voraussetzungen kann sich die Eigenart der behaupteten „Lage“ nicht
ergeben; die angeblichen „Faktoren“ geben den Übergang ja gar nicht her.
Die „neue Qualität“
„erschließt“ sich dem Historiker vielmehr aus dem, worauf er schließen will: Da
erfährt man dann beispielsweise über die „Lage“ vor dem I. Weltkrieg, dass die
internationale Situation dermaßen „verworren“ war, dass „die Spannungen
zwischen den Großmächten“ sich letztendlich auf dem Schlachtfeld „entladen“
mussten; oder sie war derart von „Großmachtstreben“ dominiert, dass man „die
Lage“ einfach als rundum „kriegsträchtig“ beschreiben muss. Oh Tauto!
Warum kam es zum Krieg? - Weil „Spannungen“ sich „entladen“ mussten;
selbstverständlich da, wo sie sich dann auch entladen haben, auf dem
Schlachtfeld; die Situation war eben kriegsträchtig.
Dem geschichtlichen
Ereignis wird eine vorhergehende „Lage“ gleichen Inhalts zugeordnet, die sich
vom zu begründenden Faktum nur dadurch unterscheidet, dass sie als Tendenz
dazu ausgedrückt wird!
e) historische
Sinnstiftung: unausweichlich
Dass die Erklärung eines
Ereignisses aus einem Schwangergehen mit sich selbst überhaupt als die
respektable Angabe eines Grundes durchgeht, erklärt sich seinerseits nur aus
dem verkehrten Bedürfnis, das die Historikerzunft umtreibt: In der festen
Absicht, statt der Notwendigkeit eines Ereignisses, seinen Gründen eben, die
Notwendigkeit des Eintretens eines Geschehens - und zwar ganz getrennt
von einem Zweck, der selbiges bewerkstelligte! -, also dessen Zwangsläufigkeit
beweisen zu wollen, vermittelt sie mit der Diagnose „Kriegsträchtigkeit“ das
höchst begriffslose Verständnis, dass ein Krieg wohl auf der
Tagesordnung stand - na dann!
Alles, was
passierte, gilt somit als Eigenschaft der Zeit, in der es passierte. Subjekt
des Krieges sind damit auch nicht die agierenden Staaten und deren
kriegsträchtige Zwecke, sondern ein ominöses Wesen des beginnenden 20.Jahrhunderts,
das einen starken „Hang“ zum Militarismus aufwies und so der damaligen
„Staatenkonstellation“ seinen Stempel aufdrückte...
f) Die „historische
Situation“: Ein Schwangergehen mit sich selbst, das eines Auslösers bedarf
Wenn die „historische
Situation“ durch die Tendenz dazu bestimmt ist, dann stellt sich für Historiker
nur noch eine Frage: Wie konnte z.B. aus der Möglichkeit des I. Weltkrieges
seine Wirklichkeit werden, welche Umstände brachten die schlummernden
Kräfte zum Wirken. Deswegen wendet sich das Historikerinteresse stets und
konsequent der falschen Frage zu, welcher Anlass die fix und fertige
Konstellation zum Ausbruch brachte, was denn nur den zwangsläufigen Gang des
Ereignisses ausgelöst habe.
Und da kennen sie sich aus:
Das Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajewo am 28.6.1914, das seinerseits nur
zur „Bedingung“ werden konnte, weil das damalige „internationale Klima“ ein brodelndes
Fass war, das nur den berühmten Tropfen brauchte, um es zum Überlaufen zu
bringen, was wiederum daher rührte, dass die Staaten sich schon längere Zeit
(seit 1823? 1871? 1907?) nicht mehr vertrugen...
So kommt es, dass das
Erfinden von Metaphern in der Geschichtswissenschaft als Argument
gilt. Die Legenden vom „Ausbruch“, aber auch von der „mutwilligen Entfesselung“
des I. Weltkriegs verdanken sich exakt dieser Logik: Das Bild, dass ein Krieg
ausbricht wie ein Gewitter, oder wie ein Pulverfass explodiert, aber auch die
Umkehrung, dass die Staatenlenker statt Frieden zu halten mit dem Feuer
(gefährlich!) gespielt haben, bebildert das Vorurteil von den selbständigen
Kräften, die in der Historie am Wirken wären - und von den Auslösern, die die
schlummernden Kräfte geweckt hätten.
g) Von den Stilmitteln
einer konstruierten Notwendigkeit
Logisch ist das alles
überhaupt nicht. Damit hier überhaupt ein Schein von Notwendigkeit
aufkommt, ist die Form der Darstellung nicht zu vernachlässigen. In die
mehr oder weniger locker erzählte Chronik der Ereignisse werden die willkürlich
konstruiertenen Zusammenhänge von Grund und Folge, die erfundenen Triebfedern,
Tendenzen und Geistersubjekte, wie „das Wesen einer Epoche“ oder die
„Traditionen des Abendlandes“, so eingeflochten, dass schon über die Art der
Präsentation ein Hauch von Folgerichtigkeit entsteht.
Und einzig und allein
dieses Verfahren ist es, das in die Erzählungen, Berichte und Anekdoten
der Geschichtswissenschaft überhaupt erst das Beurteilende, den Schein
von Durchblick hineinbringt. Anders gesagt: Geistige Spannung in ihr Fach
bringt die Geschichtswissenschaft durch die hemmungslose Verwendung von
Metaphern und der Modalverben „können“ und „müssen“.
4. Die Leistung:
Verherrlichung erfolgreicher Gewalt
Parteilichkeit
I: So musste es kommen und so ist es recht
Das Resultat der
Geschichtswissenschaft besteht in der ganz prinzipiellen Rechtfertigung
all dessen, was es gab und gibt: Was passierte, musste auch so kommen -
das ist die erste Lehre der Geschichtswissenschaft. Was sich durchsetzte,
dessen Sieg war unausweichlich, weil es seine historischen Bedingungen vorfand;
und was unterging, musste von der historischen Bühne verschwinden, weil es
überholt war.
Damit sind alle
historischen Ereignisse für unausweichlich, also unwidersprechlich
und unkritisierbar erklärt.
Und jeder kennt es, wie
sich damit die Weltgeschichte bis in die Attribute hinein fast schon wie von
selbst schreibt. Z.B. das alte Rom: Erst war es blühend, hatte eine hochstehende
Kultur, moderne cives, eine imposante Flotte und überzeugende
Rhetoriker („ceterum censeo...“), mit denen sich jeder Krieg gewinnen
ließ; dann begann der Verfall, die Bürger wurden dekadent, der
Kaiser war wahnsinnig, die Schlachten gingen reihenweise verloren,
bis das dem Untergang geweihte Riesenreich zu Staub zerfiel - die kursiv
gesetzten Worte sind das ganze Argument und ergeben zusammengenommen das
gedankliche Kriterium der Geschichtswissenschaft: Die Erfolgreichen verdienen
Erfolg, Versager die Niederlage. In den Genuss des Prädikats „historisch
notwendig“ gelangen also all die Zwecke, die sich durchsetzten.
Historiker sind damit grundsätzlich Parteigänger der erfolgreichen Gewalt.
Noch jeder Historiker
meint, es sei „von Vorteil, das Ende zu kennen“, gibt also zu, im historischen Resultat
den Anhaltspunkt seiner Konstruktionen zu haben. Der Erfolg in der Zeit ist der
einzige Maßstab des historischen Dogmas: Ohne zu wissen, wer gewonnen
hat, lässt sich schließlich nicht schlau deduzieren, was historisch notwendig
war und was nicht!
Mehr als die nachträgliche
Rechtfertigung von all dem, wovon sie wissen, dass es sich durchgesetzt hat,
ist also von Historikern nicht zu erwarten.
Parteilichkeit
II: Und was (uns) nicht recht ist, hätte nicht so kommen müssen, wenn ...
Als Parteigänger der
erfolgreichen Gewalt halten Historiker erst einmal alles, was eingetreten ist,
deswegen für berechtigt; sich durchgesetzt zu haben verleiht in ihren Augen
jedem Anliegen die höhere Weihe einer historischen Notwendigkeit. Neutral, aber
nicht wertfrei erklären sie die Überlegenheit der erfolgreichen Gewalt zu deren
gutem Recht: Jeder Erfolg ist „verdient“, weil er eingetreten ist.
Selbst so hässliche Ereignisse, wie die Oktoberrevolution und der Faschismus,
die sich der intimen Feindschaft freiheitlicher Historiker erfreuen, kommen in
den Genuss des Prädikats „historisch notwendig“, denn auch sie sind nun einmal
passiert ...
Umgekehrt trifft es sich da
ganz gut, dass die Historikertour der Beweihräucherung für ihre Umkehrung wie
geschaffen ist: Wenn alles, was eingetreten ist, seine Notwendigkeit nur
dadurch erhält, dass seine historischen Voraussetzungen vorlagen,
braucht man das Argument nur umdrehen und die bloß relative
Notwendigkeit eines unliebsamen Events zu betonen, um seiner moralischen und
politischen Missbilligung Ausdruck zu verleihen: Das missliebige Ereignis war
erstens doch bloß deswegen unausweichlich, weil seine Bedingungen
vorhanden waren; und zweitens waren es bloß Bedingungen, die nichts
begründen, sondern nur wegen Fehlern, Versagern und bösem Willen der
verantwortlichen Subjekte wirksam wurden. Statt zu betonen, wie unausweichlich
eine Machtergreifung, eine Epoche oder ein Krieg gewesen sind, muss man nur
fragen, ob daaaaaas denn wirklich nötig gewesen wäre, und siehe da: Wäre
eine der siebzehn „Bedingungen“ zufällig ausgeblieben und hätten
die Zuständigen besser getickt, wäre alles ganz anders gekommen, oder
zumindest ein bisschen: Hätte Lenin nicht im plombierten Waggon durch Deutschland
nach Hause fahren dürfen, und wären die liberalen Kräfte in Russland
nicht so zerstritten gewesen ...; hätten sich die Massen vom
‚Anstreicher’ aus Österreich nicht so blenden lassen, wäre Weimar keine
‚Republik ohne Republikaner’ gewesen, hätten die demokratischen Parteien
Weimars mehr Härte gezeigt und hätte Hitler keinen Zweifrontenkrieg
geführt ... -, dann, ja dann hätte alles ganz anders sein können!
Das Verfahren ist stets das
selbe. Was bei diesem rückwärtigen Verdolmetschen der Geschichte als Resultat
und was als Bedingung genommen, was als notwendig und was als Unglück
qualifiziert, was als zeitgemäß oder nicht, und was als Erfolg oder Misserfolg
gewertet wird, kann sich gar nicht am historischen Argument entscheiden: Denn
mit diesem Verfahren kann man alles und jedes als notwendig oder bloß bedingt,
als Anfang vom Ende oder Anfang eines Neubeginns behaupten.
Für welche Seite oder
welches Vorhaben man sich jeweils entschließen mag, entscheidet sich deswegen
getrennt vom historischen Argument nach der vorgängigen politischen Einstellung
des Historikers. Und wie man in die Quelle hineinruft, so schallt es dann auch
wieder heraus!
www.sozialistischegruppe.de/hefte/2002/Geschichtswiss.rtf