Wenn man
Philosophen, Psychologen, Juristen, Neuro- und andere Biologen auf einem
Kongress zum Thema ‚moderne Hirnforschung’ diskutieren lässt, erfährt man
hinterher Folgendes aus der Zeitung: “Das ‚neue Menschenbild’, an dem die
Hirnforschung mit großem Aplomb arbeitet, sorgt seit geraumer Zeit für Unruhe.
Denn auf den Monitoren der Labore erscheint das Selbstbewußtsein nur als
Produkt der neuronalen Biochemie, hochkomplex zwar, aber nichtsdestoweniger
eingebunden in die lückenlosen Kausalketten der Materie. Daß der gegenwärtige
Forschungsstand mit seinen vielen offenen Fragen keine Grundlage dafür bietet,
einen Umbau des Rechtssystems ins Auge zu fassen, darüber waren sich die
anwesenden Juristen einig. Unterschiedliche Auffassungen herrschten allerdings
bei der Frage, was zu geschehen hätte, falls einmal die empirischen Lücken
geschlossen, die logischen Unstimmigkeiten beseitigt wären und ein
deterministisches Menschenbild sich durchsetzen würde.” (FAZ, 22.6.05)
Tja, was sollen
wir tun, wenn sich herausstellt, dass wir determiniert sind? Unser
Vorschlag an alle juristisch geschulten Neurobiologen: Wir warten einfach die
nächste hochkomplexe, aber lückenlose Kausalkette der Materie ab.
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Während in
der interdisziplinären Forschergemeinde die Entscheidung in der Frage noch
offen ist, ob Wille und Bewusstsein determiniert sind, weiß ein Forscher
immerhin über den Weg der Entscheidungsfindung schon genau Bescheid: “Denn
welche Argumente ins Bewusstsein kommen, hängt ab von unbewussten Prozessen...
Und wie jemand rational abwägt, ist seinerseits wieder neuronal determiniert...
Daher kommt die Neurobiologie am Ende zu der Aussage: Jemand hat so
entschieden, weil er mit einem Gehirn ausgestattet ist, das in diesem Moment so
entscheiden konnte und nicht anders.” (Hirnforscher Roth, in: Die Zeit,
14.7.)
Fragt sich
nur: Welches Hirn hat da mal wieder nicht anders gekonnt und der Neurobiologie
diese Aussage eingegeben? Und was ist, wenn ein Nachbar-Hirn nicht anders kann
als zu entscheiden, dass der Begriff der Determination unmöglich determiniert
sein kann? Zweifellos ein weites Forschungsfeld für Hirne, die ohnehin nicht
anders können, als falsche Fragen zu stellen...
*
Denn, zwei
Wochen später, in der ARD kommt auch noch ein Film zum Thema! Auf die Frage: “Sind
Verbrechen biologisch programmiert, und ist die verbrecherische Veranlagung
neurologisch nachweisbar?” (SZ, 27.7.) dürfen die Hirnströme eines
Verbrechers vor laufender Kamera die Antwort geben: “Wie bei vielen anderen
Verbrechern arbeitet bei ihm der Teil des Gehirns nur schwach, in dem das
Mitgefühl verwaltet wird.” (ebd.)
So müssen
wir im fortgeschrittenen Alter ein ums andere Mal erfahren, dass wir
determiniert sind und gar nichts dafür können. Warum hat man uns das nicht
früher gesagt?!
aus
GegenStandpunkt 3-05