Der Kommunismus ist tot
Der Kapitalismus funktioniert, wie er im Buche steht
Seitdem der Ostblock
von nationalistischen Führern aufgemischt wird, hat es mit dem Kommunismus ein
Ende. Als alternatives Staatsprogramm ist er einige Jahrzehnte zum Zug
gekommen; seine Betreiber haben ihn auch immer schön verehrt, wie sich das für
nationale Gesamtkunstwerke so gehört; in den Nationen, die sich und ihre Völker
auf den Kapitalismus festgelegt haben, erfreuten sich die Kommunisten der
herzlichsten Feindschaft. Das hat zu einigen Kriegen geführt und der Menschheit
den Beweis gebracht, daß sie als die große Gemeinschaft „nur in der Einbildung
existiert". Als Anwälte genau dieser Einbildung haben sich aber immer mehr
Menschen zu Wort gemeldet, weil sie nur allzu berechtigte Angst vor einem
totalen Weltkrieg bekamen. Mit der ist es jetzt auch vorbei, weil die
„Kriegsgefahr" nicht mehr „vom Kommunismus ausgeht". Seitdem
hauptberufliche Politiker im Osten beschlossen haben, den Kommunismus für ein
extrem untaugliches Staatsprogramm zu halten und ebenfalls die
Marktwirtschaft einzuführen, gilt der Kapitalismus als das einzig senkrechte
System. Und zwar nicht nur unter Staatsmännern, sondern auch in der Meinung
unzähliger Fach- und Landsleute. Selbst die Linken in der westlichen Welt, die
bislang - ohne Sympathien für das Sowjetsystem oder die SED zu hegen - den
Kapitalismus grundsätzlich ablehnten und für seine Überwindung argumentierten,
denken jetzt „neu". Mehr als soziale und ökologische
Verbesserungsvorschläge halten sie nicht für geboten. In seltsamer Eintracht
besinnen sich alte Fanatiker des rentablen Privateigentums und dessen Gegner
auf die ursprüngliche Leistung des Kommunismus - aber nur, um sie für
genauso abwegig und überflüssig zu erklären wie den Staatssozialismus, der
gerade seinen Offenbarungseid geleistet hat. Die Kritik des Kapitalismus, die,
als theoretische, objektiv zu Werke geht und darlegt, wie Lohn, Preis
und Profit funktionieren, warum es Mietzins und Börsianer, aber auch reichlich
nützliche und unnütze Armut gibt, halten sie für überholt. Desgleichen kommt
ihnen die praktische Konsequenz einer solchen Befassung mit den in der freien
Marktwirtschaft gültigen Gründen und Interessen absurd vor: „Welche ,Probleme' sollte
denn der Klassenkampf lösen?" - fragen sie in überzeugtem
Realismus. Der besteht schlicht darin, daß sie sich - theoretisch -zum Mitglied
der amtierenden internationalen Prüfungskommission ernannt haben, die gerade
wieder einmal und sogar unter Mitwirkung von KP-Mitgliedern des geständigen
Ostblocks definitiv entschieden hat: Hier und heute ist das Kapital die einzig
brauchbare Lebensgrundlage einer jeden Nation! Daß die Arbeiter nichts dagegen
haben, ist außerdem der letzte unumstößliche Beweis...
*
So politisch hat Marx tatsächlich nicht gedacht! Die schlichte Tatsache, daß für eine
Unzahl anderer - zwar minder bemittelter - Figuren als den jeweiligen Vaterländern
die Marktwirtschaft samt ihrer Demokratie keineswegs eine brauchbare
Lebensgrundlage darstellt, würde ihn heute genauso irritieren wie zu seiner
Zeit. Und davon abhalten, den Schiedsspruch diverser Staatsgewalten, das
Wirtschaftssystem ihrer Wahl betreffend, zum Leitfaden seines Urteils zu
machen. Umgekehrt: Seine Einwände gegen des Kapitalismus hatten deswegen auch
nicht im geringsten etwas mit dem Bedenken zu tun, die Nationen und ihre
Volkswirtschaften könnten zu kurz kommen und ihre „Probleme" nicht lösen.
Die „Effizienz" des Kapitalismus war ihm vertraut, aber gepaßt hat sie ihm
nicht.
Natürlich ist es abwegig, Einwände gegen den
Kapitalismus fallenzulassen, bloß weil ein paar durchgedrehte Führernaturen im
Osten ihn jetzt auch haben wollen. Wenn der Kommunismus, der
jahrzehntelang die Staatsmacht mit der Mission betraute, keinen Kommunismus,
sondern einen Systemvergleich aufzuziehen, diesen jetzt verlorengibt,
wird ja kein einziges Argument gegen das kapitalistische System hinfällig
- vorausgesetzt, es hat gestimmt. Insofern ist es auch abwegig, der Begründung
Glauben zu schenken, mit der sich mehr oder minder gelehrte Systemkritiker
vergangener Tage von ihren „Illusionen" verabschieden. Nicht wegen Gorbatschow
und seiner Erben sind sie mit „Bild" und „Spiegel" zu der Auffassung
gelangt, daß „die Geschichte" auf die „Marktwirtschaft" hinausläuft;
man muß nämlich schon entschieden sein und gründlich davon absehen, was diese
Figuren vor und nach ihrer Wende zum „neuen Denken" gesagt und getan
haben, um ihnen den Status von Kronzeugen zuzuerkennen - für den Prozeß, der
allen gemacht gehört, die es - trotz des unübersehbaren Erfolgs - immer noch
mit der Ablehnung des Kapitalismus haben. Der Starrsinn solcher Leute läßt sich
aber ebenso gut dadurch bestrafen, daß man ihn konsequent nicht zur Kenntnis
nimmt, auch wenn er seine Gründe gar nicht der vergangenen Realität des
Sozialismus, sondern der gut funktionierenden Gegenwart des Kapitalismus
entnimmt. Beide Leistungen, der moralische Prozeß gegen Abweichler und die
Bestrafung per Nicht-Befassung mit ihren Argumenten - Grundlage der frechen Behauptung,
der Erfolg gebe dem Kapitalismus nun auch noch recht - werden von den
Opportunisten unserer Tage in einem Aufwasch erledigt. Sie schimpfen einfach
auf eine neue Spezies, auf „unverbesserliche, ewig-gestrige Betonköpfe".
Dazu gehören dann - wiederum unterschiedslos -Honecker, KP-Oppositionelle in
den neuen Demokratien des Ostens, die PDS und all die wenigen, die beim
Siegeszug des demokratischen Kapitalismus schon wieder ihre alten Einwände und
ein paar neue dazu entdecken.
*
Diese Einwände, die so leicht als kommunistisch
zu identifizieren sind, betreffen nicht nur die Tatsache, daß dieses
famose System daheim und auswärts Land und Leute ruiniert. Sie erstrecken sich
auf das wie und warum, wenn es um die reichlich vorhandenen
Formen der Armut geht, die so merkwürdig mit dem enormen Reichtum der
Marktwirtschaft kontrastieren. Wenn sich Kommunisten mit den „sozialen
Fragen" befassen, dann eben nicht nach dem abgeschmackten demokratischen
Muster unserer Tage. Sie bescheiden sich nicht mit der Feststellung, daß einer
Unzahl von Zeitgenossen übel mitgespielt wird, was zur Klage über soziale Ungerechtigkeiten
berechtigt. Sie stellen deshalb auch nicht den Antrag an die „Verantwortlichen"
in Staat und Gesellschaft, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Daran
interessiert, wie die eigentümlichen Unterschiede beim Ein- und Auskommen
Zustandekommen, halten sie die verantwortlichen Instanzen nämlich eher für
diesbezüglich verantwortlich, als daß sie ihnen die Pflicht in Erinnerung
bringen, die sie angeblich versäumt haben. Der Dogmatismus von
Kapitalismus-Kritikern verrät sich durch das Fehlen des Glaubens, es ginge -
womöglich gar der Regierung - um die Regelung einer gerechten Verteilung.
Offensichtlich ist auch ihre abweichende Auffassung von den vielzitierten „Sachzwängen",
an denen die Erfüllung dieser Pflicht trotz allen guten Wollens regelmäßig
scheitern soll. Statt sie als vorgefundene und unverletzliche Grenzen allen
Wirtschaftens anzuerkennen, entdecken Marxisten in ihnen schlicht die
Notwendigkeiten, die mit dem Kapitalismus in Kraft gesetzt werden.
Notwendigkeiten, mit denen darüber entschieden ist, wie der Reichtum der
Gesellschaft produziert und verteilt wird; durch die festgelegt ist, welche
Interessen bedient sein müssen, bevor andere zum Zuge kommen und nach Maßgabe
der ersteren stets den Charakter eines Dienstes behalten, der in jeder Hinsicht
fragwürdig ist. Weder lohnt er sich, noch können die, die ihn notgedrungen
anbieten, mit einer sicheren Nachfrage rechnen...
So tritt
die Unbrauchbarkeit der „kommunistischen Ideologie" ein ums andere
Mal schlagend hervor. Ihre Anhänger kommen bei der Betrachtung der gesellschaftlichen
Entwicklung, ihrer Schwierigkeiten, Mißstände und Fortschritte von einem Befund
nicht los: Wie weiland Marx sehen sie einen Gegensatz von Klassen am
Werk, der unausweichlich auf Kosten der Lohnabhängigen geht, die - so zynisch
sind Marxisten - aus ihrer Rolle als Mittel des Kapitals nicht herauskommen. So
verweigern sie jeglichen Beitrag zur Lösung der drängenden Probleme; es ist
ihnen gleich, ob die Wirtschaft den Aufschwung und genügend Arbeitsplätze
schafft, ob genügend Anreize zur Bereitstellung von Wohnraum aus der Regierung
kommen, wie viel Ausländer die Nation verträgt, ob der Staatshaushalt die
Lawine der sozialen Unkosten aushält usw. Als ob die Marktwirtschaft noch der Kapitalismus
des 19. Jahrhunderts wäre und als soziale Marktwirtschaft nicht
längst die „Verelendungstheorie" und die These von der „Ausbeutung"
Lügen gestraft hätte, werten sie noch die kompliziertesten konjunktur- und
steuerpolitischen Entscheidungen als Beleg für ihre Systemkritik: Die
lohnabhängige Klasse muß für den Reichtum der Nation geradestehen. Als ob diese
sogenannte „Klasse" nicht mittlerweile umgekehrt von der Wirtschaft und
ihren Erfolgen leben würde; und zwar so gut, daß die wirklich Armen dieser Welt
-im kommunismus-geschädigten Osten wie im unentwickelten Süden - es gar nicht
als Pech, sondern als Glück empfinden, das Leben eines lohnabhängigen Bürgers
in Deutschland zu führen...
So
steht im schwarz-rot-goldenen Paradies des Pluralismus Meinung contra Meinung.
Hie - die differenzierte, mit analytischer Gründlichkeit vorgetragene,
wohlabgewogene Stellungnahme, die die Stärken aber auch die Vorzüge von
Kapitalismus & Demokratie würdigt. Da - der rohe Dogmatismus, der
realitätsblind die Suppe vor lauter Haaren nicht sieht.
So
trifft es sich gut, daß gemäß demokratischem Brauch Wahrheitsfragen nach dem
Mehrheitsprinzip entschieden werden. Und abweichende Unwahrheiten aus dem
Angebot genommen werden. Im folgenden dokumentiert der „Gegenstandpunkt"
der Aktualität wegen ein paar solche obsolete Mißgriffe, die im Papierkorb der
Weltpresse gelandet sind.
Die Behauptungen des Karl Marx,
die Lohnarbeit betreffend
oder
„v" - die ökonomische
Größe im Kapitalismus,
auf
der die Produktion, das Wachstum und
die
Verteilung des Reichtums gründet
1. Die
Abkürzung „v" steht in der Kritik der politischen Ökonomie für variables
Kapital. Also für einen Teil des Wertes, der von Kapitalisten (heute:
Industrielle, Arbeitgeber, Investoren, Unternehmer...) in Geldform angelegt
wird, damit er sich vermehrt (heute: sich die Investition rentiert, der Betrieb
schwarze Zahlen schreibt, die Bilanz einen Gewinn ausweist... ). Dieser Teil
des Kapitalvorschusses zeichnet sich gegenüber dem constanten Kapital „c"
dadurch aus, daß er seine Größe und damit die der ganzen für den Betrieb
ausgelegten Summe verändert.
Diese Eigenschaft, sich zu vermehren, ist
natürlich nicht die der Geldsumme, sondern der mit ihr gekauften Ware; die Arbeitskraft,
die da bezahlt wird, betritt in Gestalt eines Arbeiters (heute: Mit-/-In)
das Unternehmen, und die von ihm verrichtete Arbeit bringt unter
Anwendung der Arbeitsmittel und -gegenstände, die das „c" repräsentieren,
Produkte hervor; diese bringen beim Verkauf durch ihren rechtmäßigen
Eigentümer mehr Geld ein, als die Elemente des Produktionsprozesses gekostet
haben. Der Grund für diesen als Zweck der freien Marktwirtschaft allgemein
anerkannten Regelfall des Wachstums liegt laut Marx darin, daß die Arbeit Produkte hervorbringt,
deren eigentümlicher Gebrauchswert darin besteht,zu Geld zu werden, daß
sie also Wert schafft. Und zwar mehr, als die Bezahlung der
Arbeitskraft ihren Anwender gekostet hat.
2. Diese
Wirkung von „v" wird durch die Bezahlung der Arbeitskraft auf der
einen Seite, durch ihren entsprechenden Einsatz auf der anderen
gesichert. Denn aus dem Verhältnis der Kosten, die der Lohn darstellt,
zu dem Wert, den die Arbeit mit den zum Verkauf bestimmten Produkten
hervorbringt, ergibt sich der Überschuß „m" (Mehrwert), auf den es
ankommt.
Dabei
ist nicht zu übersehen, daß die dem Arbeiter überlassene Lohnsumme, von
der er seinen Lebensunterhalt bestreitet, erst einmal mit seiner Arbeit und
ihrem Ertrag nichts zu tun hat. Also werden sie, um aus der Arbeitskraft
variables Kapital zu machen, aufeinander bezogen. Im Preis der Arbeit
wird der Kauf der Arbeitskraft mit der Bedingung versehen, daß ihre
Anwendung die Mehrung des Kapitals bewirkt. Der Arbeitslohn entgilt den
Wert der Ware Arbeitskraft, damit der Lohnarbeiter produktive, eben Mehrwert
schaffende Arbeit verrichtet. Diese beruht zwar stets auf der Produktivität
der Arbeit, die mit der Leistung des Arbeiters und den angewandten
Arbeitsmitteln wechselt, definiert sich aber durch „Produktivität" des
Kapitals, d.h. modern, danach, wie rentabel die Bezahlung von Arbeit ausfällt.
Das Bezahlen von Arbeit dient also der
Herstellung der Rentabilität, indem ein Maßverhältnis zwischen den Leistungen
des Arbeiters und seinem Entgelt aufgemacht wird. Diese Zweckbestimmung des
Arbeitslohnes ist im Kapitalismus ebenso geläufig, wie sie dauernd geleugnet
wird. Einmal eingeführt, gilt die Veranstaltung „Geld für Leistung" als
eine sinnreiche Erfindung zur Ermittlung dessen, was einem Lohnarbeiter
gerechterweise zusteht.
3. Marx hat die Indienstnahme der Arbeit
für die Erzeugung von „m" „Ausbeutung" genannt, die Steigerung der
Exploitationsrate m/v als das Geschäftsmittel kritisiert, durch das die
Eigentümer von Kapital ihr Recht auf Gewinn aus ihrem Vermögen durchsetzen.
Das hat
schon zu seiner Zeit die Liebhaber des Kapitalismus nicht ruhen lassen, weil
sie diese Art von sozialer Anklage unter Verbot stellen wollten. Ihren praktischen
Maßnahmen gegen die aufkommende Arbeiterbewegung stellten sie die theoretische
Zurückweisung zur Seite; und die Argumente, die da zustande kamen, waren so
modern, daß sie heute noch für brauchbar erachtet werden. Und einige
„Mißverständnisse" von „MARX'
Lehre" haben sogar Eingang gefunden in die Arbeiterbewegung und nicht
unwesentlich zu deren Ruin beigetragen - was heute freilich als ihr
erfolgreicher Einstieg in die (politische) Mitgestaltung des
Kapitalismus geschätzt wird.
a)
Die
„Ausbeutung", die ihren Begriff in der Mehrwertrate hat, die der Lohnarbeit
entspringt, ist keine moralische Vorstellung über einen „ungerechten
Lohn". Auch keine Beschwerde darüber, daß die ungerechte Bezahlung von
Arbeitern vom Fehlen der Ideale „Freiheit und Gleichheit" in der Welt des
Privateigentums zeuge.
b)
„Ausbeutung"
bezeichnet schlicht das Produktionsverhältnis von Kapital und
Lohnarbeit; die Eigentümer von Kapital resp. Arbeit sind frei und gleich
- diese rechtlichen Verhältnisse stellen auch keine Werte dar, die zu
verwirklichen wären; sie sind als praktisch definierte Stellung im und zum
Staat sehr real. Sie gehören als politische Voraussetzung unbedingt zu besagtem
Produktionsverhältnis, an dem nicht irgendwelche rechtlichen Unterschiede, sondern
der materielle Gegensatz, die sich ausschließenden Interessen der
Klassen der Witz sind.
c)
Die
„Aneignung unbezahlter fremder Arbeit" ist der vollzogene Zweck des
Kapitals -so geht seine Vermehrung und nur so. Einen Antrag auf „gerechte
Verteilung" des in Geld gemessenen Reichtums wollte Marx auch und gerade mit dieser
Formulierung nicht begründen; er bestand schließlich darauf, daß überhaupt
nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft bezahlt wird; die Form des
Arbeitslohns hielt er für die dem Kapitalismus gemäße Weise, die Produktivität
der Arbeit in den Dienst von „m" zu stellen - und überhaupt für keinen
Grund, die Parole „gerechter Lohn für ein gerechtes Tagwerk" zu wählen.
d)
Denn soviel
war Marx klar: Wenn die Arbeit
dem Zweck gewidmet ist, Wert zu produzieren, der als Geld das Maß des
Reichtums ist und die ausschließende Verfügung über ihn garantiert; wenn
dieser Reichtum mit den Anstrengungen und der Dauer des Produzierens
wächst - die Produktivkräfte der Arbeit also gar nicht für die bequeme
Herstellung von reichlich Gebrauchswert und zugunsten der „disposa-ble
time" zum Einsatz gelangen -, dann ist die Arbeit selbst nicht mit
Reichtum verbunden. Die Lohnarbeiter, die mit ihren Diensten als abhängige Variable
der Kapitalvermehrung - modern: der Wirtschaft und ihres Wachstums -verplant
sind, haben mit der Produktivität ihrer Arbeit auch die Entscheidung über ihre
Subsistenz und das Maß ihres Wohlstands an das Kapital abgetreten, das sie
anwendet oder auch nicht.
e) Was
schließlich die unzweifelhaft kritische Absicht des Wortes „Ausbeutung"
anlangt, ist gegen Marx damals
wie heute nur das Dümmste gut genug gewesen, um ihn zurückzuweisen. Gegen die
Feststellung, die Lohnarbeiter des Kapitalismus seien inmitten des von ihnen
geschaffenen Reichtums darauf festgenagelt, sich als Arbeitskräfte zu
erhalten und nicht einmal dazu in der Lage; gegen die Behauptung, dies sei eine
notwendige Konsequenz des Produktionsverhältnisses, in dem sie als
„v"-Männer so oder anders ruiniert werden, läuft immer nur das
einfältigste aller moralischen Gerichtsverfahren: Verglichen mit anderen
Kreaturen in niederen Ständen - einst und heute anderswo - stehen sie doch
prächtig da! Das Deuten auf Elendsgestalten verrät nicht nur den Maßstab, den
man braucht, um den Lohnarbeitern des Kapitals wenigstens ideell zu solidem
Wohlstand zu verhelfen. Es „widerlegt" MARX
mit einem Verbot, die Fragen zu klären, die zur Kritik am „System"
führen: ob, wie und warum die Lohnarbeit bei allem Reichtum, den sie schafft,
eigentlich als „Lebensmittel" taugt. Statt die Behauptung aufzustellen,
die Menschen vor zweihundert Jahren und in fernen Kolonien seien genau so
schlecht daran wie die Arbeiter bei VW,
hat MARX eben dies getan:
ermittelt, welche Notwendigkeiten im Kapitalismus herrschen. Um zu
entscheiden, was gegen die mannigfaltige Not, die in den Reihen der
arbeitenden Klasse auftritt, getan werden kann.
4. Daß Arbeiter in einen Betrieb gehen, um sich
ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist eine Sache. Eine andere sind die Bedingungen,
auf die sie da treffen. Das Verhältnis von Lohn und Leistung ist nämlich
schon festgelegt, bevor ein Lohnabhängiger unter gründlicher Abwägung seiner
Bedürfnisse entscheidet, welches Einkommen ihm die „unselbständige
Arbeit" eintragen muß. Der Preis der Arbeit ist mit dem Arbeitsplatz
gegeben: Ein Geldquantum ist der extensiven und/oder intensiven Leistung
zugeordnet (Zeit- und Stücklohn), und diese Leistung resultiert aus den
Kalkulationen des Kapitals. Insofern ist jeder Arbeitsplatz ein Angebot, das
mit einem Diktat verbunden ist. Nach der Seite des Geldes ist definiert,
wieviel die Arbeitskraft wert ist; nach der Seite der Arbeit steht fest, wie
sich ihr Verkäufer als variables Kapital zu bewähren hat. Daß dabei die
Rechnung mit dem Eigentum, das sich das Recht auf seine Vermehrung
organisiert, in Gegensatz zu den Interessen der Arbeitskraft gerät,
ist kein Geheimnis. Viel Leistung für wenig Geld ist dem „Wachstum" gemäß
- das Umgekehrte entspricht den Bedürfnissen derer, die arbeiten, weil sie
davon (gut) leben wollen. Die Höhe des gezahlten Lohnes hat zwar die Bestimmung
„Wert der Ware Arbeitskraft"; als Geldquantum muß „v" die
Erhaltung des arbeitsfähigen Individuums gewährleisten, es zum Kauf der dazu
notwendigen Lebensmittel befähigen. Diese Notwendigkeit schließt ein
„historisches und moralisches Element" ein; sowohl aus den „natürlichen
Eigenschaften eines Landes" als auch aus der „Kulturstufe" bilden
sich Gewohnheiten und Lebensansprüche der Arbeitsleute, deren Befriedigung
entscheidend ist für den Willen und die Fähigkeit, regelmäßig zu arbeiten.
Zugleich aber ist das Geldquantum „v" für die Bedürfnisse des Kapitals
eine Schranke - in der Kalkulation des Unternehmens sind dieselben
Notwendigkeiten des Arbeiterlebens eine Kost, die nach den Regeln der
Subtraktion den Überschuß mindert, also selbst nach Kräften gemindert wird.
5. Vom „Wertgesetz",
demzufolge der Wert der Waren das Produkt abstrakter Arbeit ist und sein
Maß in der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit hat, halten Kapitalisten
mehr als VWL-Professoren. In ihren Maßnahmen zur Erzielung und Steigerung des
Mehrwerts praktizieren sie es nämlich. Als Grund für diese Maßnahmen wissen sie
die Konkurrenz anzugeben, der sie „ausgesetzt" sind - daß sie mit
ihrem Kapital und um seine Vermehrung konkurrieren, setzen sie
stillschweigend voraus. Damit die Notwendigkeiten ihres Geschäfts als
der Vollzug eines Zwanges durchgehen, dem sie ausgeliefert sind.
Die
Hebel, die sie dabei in Bewegung setzen, laufen zielstrebig auf lauter Korrekturen
am Preis der Arbeit hinaus, die der Arbeitskraft gar nicht gut bekommen.
Um beim Verkauf der Produkte, der auf der
Konkurrenz der Warenpreise beruht, den geschäftsnotwendigen Überschuß zu
erzielen, entdecken Kapitalisten stets ein und dasselbe Verfahren: Sie
verändern den Produktionsprozeß, und zwar so, daß sich der Wirkungsgrad der
Arbeit erhöht. Die Wirkung, um die es geht, ist die auf das Verhältnis von
Kosten und Überschuß. Erzielt wird sie durch Indienstnahme der Arbeitsproduktivität,
die dem Eigentümer der Produktionsmittel zusteht und den Lohnarbeiter, der
für seine Arbeitskraft entgolten wird, nichts angeht. Die Zuordnung dieses
Entgelts zu einem „Quantum Arbeit" bedeutet schließlich nicht, daß die
Arbeiter eine wie auch immer geartete Kosten-Nutzen-Rechnung zum Maßstab für
Betriebsabläufe machen - umgekehrt sind sie als „Beschäftigte" der
technischen Organisation, der Arbeitsteilung und der Disziplin unterworfen, die
sie antreffen. Mit der Bezahlung der Arbeitskraft verfügt der Kapitalist über
deren Gebrauch wie über jedes andere Eigentum, und dies eben nach den Geboten
seiner Kosten-Nutzen-Rechnung. Die ordnet der Lohnsumme eine Leistung zu
- und daran ändert sich auch nichts, wenn diese Zuordnung 150 Jahre nach Marx „Arbeitsplatz" heißt.
Das
Steigern des Wirkungsgrads der Arbeit, das in zwei sich ergänzenden Verfahren
zur Produktion von Mehrwert stattfindet, hat in dieser Form der
Bezahlung von Arbeitskraft das adäquate Instrument:
a) Der absolute Mehrwert nimmt seinen
Ausgang von einer gegebenen Organisation der Arbeit. Im Betrieb herrscht
Ordnung, das Ineinandergreifen der Teilfunktion des Personals ist wie die
Disziplin durch Aufsicht und Routine geregelt, und die Löhne der Beschäftigen
sind ihren gewohnheitsmäßigen Leistungen zugemessen. Die produzierten Waren
erzielen einen Preis auf dem Markt, der das vorgeschossene Kapital und einen
Überschuß zurückfließen läßt. Die zahlungsfähige Nachfrage beweist dem
Eigentümer des Kapitals, daß in seinen Waren gesellschaftlich notwendige
Arbeit steckt, daß unter seiner Regie zusätzlicher Wert erzeugt
wird, der ihm in Gestalt des erlösten Geldes zufällt. Insofern ist jede Verlängerung
der Arbeitszeit das taugliche Mittel für die gesteigerte Verwertung seines
Kapitals, weil diese Maßnahme die Umschlagsgeschwindigkeit erhöht. Die
Weisheit, daß im Geschäftsleben Zeit allemal Geld ist, genügt als Ersatz für
das Studium von Marx ohne
weiteres - auch diese kalkulatorische Faustregel führt dazu, daß in kapitalistischen
Betrieben das Gesetz gilt: Es muß möglichst lange gearbeitet werden.
Die
Praktizierung dieses Gesetzes hat ihrerseits als eine bis heute gewahrte
Tradition dazu geführt,
-
daß eine
Reihe von Arbeitergenerationen verschlissen war, bevor sie richtig angefangen
hat, von der Lohnarbeit zu leben; das Recht der Herren über die
Produktionsmittel, den betrieblichen Stundenplan festzulegen, wurde so
ausgenützt, daß zur Wiederherstellung der Arbeitskraft die Lebenszeit nicht
reichte;
-
daß sich
der Staat, der mit seiner Gewalt die Benutzung freier Lohnarbeiter durch das
Kapital als seine ökonomische Grundlage eingeführt hat und betreut, zu seiner
ersten großen sozialen Tat genötigt sah: Seitdem gibt es einen gesetzlich
geschützten Normalarbeitstag;
-
daß diese
Regelarbeitszeit bis auf den heutigen Tag von merkwürdig vielen Ausnahmen
begleitet ist; sie hat sich nicht nur - Produktivitätsfortschritte waren da
offensichtlich wenig bedeutsam - in einer schon recht betagten Fassung
gehalten; man kennt auch für Überstunden und Sonderschichten einen anerkannten
Grund: die Notwendigkeiten des Betriebs.
Der andere Grund dafür, daß Lohnarbeiter eine
über das ansehnliche Maß des"Normalen" hinausgehende Portion ihrer Lebenszeit
in Arbeitszeit verwandeln lassen, ist genauso anerkannt: Der
Normallohn für die Normalarbeitszeit ist ziemlich knapp bemessen. Mit der
Bezahlung der Arbeitskraft in der Form eines Preises der Arbeit - pro Stunde
oder pro Stück - ist eben auch die Bemessung des gezahlten Lohnes von der
Rücksicht auf den Wert der Arbeitskraft emanzipiert. Die Notwendigkeiten des
Arbeiterlebens, der Instandhaltung seiner Physis, die mit der Entwicklung der
Produktion veränderten Bedürfnisse und ihre Konfrontation mit den Bedingungen
des Marktes - all das ist ja ausdrücklich nicht berücksichtigt, wenn die
Lohnhöhe als Geld für abgelieferte Leistung festgelegt wird. Diese
Gleichgültigkeit gegen die Lebensbedürfnisse der Arbeiter wird praktisch
wirksam in der Konkurrenz der Kapitalisten um die und mit den Arbeitern. Bei
spärlichem Angebot, das der frühkapitalistische Arbeitskräftemarkt an für die
Manufaktur, der Vorstufe der Industrie, brauchbaren, mit handwerklichem
Geschick ausgestatteten Arbeitern bereithielt, konkurrierten Kapitalisten um
die Meister des jeweiligen Faches - mit der Lohnhöhe. Diese dem Geschäftssinn
entspringenden Gesichtspunkte der Leistungsgerechtigkeit wandten sie umgehend
auf die reichlich verfügbaren Arbeitskräfte an, die offensichtlich mehr als
ihre körperlichen Kräfte nicht zum Einsatz brachten. In der Differenzierung der
Arbeitslöhne ist es - mit den später zur Blüte gebrachten „Argumenten" von
Leistung und Qualifikation -beschlossene Sache, den Wert der Arbeitskraft
erstens abzusenken und zweitens den meisten Arbeitern nicht zu bezahlen.
b) Der relative Mehrwert entsteht, indem
der Ertrag der Arbeit durch die Veränderung ihrer Organisation gesteigert
wird, insbesondere durch die Einführung von Arbeitsmitteln, die die Arbeit
produktiver machen. Auch dieses Verfahren stellt einen „Schluß" dar - von
der Konkurrenz auf dem Markt, die das kapitalistische Unternehmen bestehen
will, auf den Produktionsprozeß, der unter seinem Kommando steht: „ ...und die
Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der
kapitalistischen Produktionweise als äußere Zwangsgesetze auf."
Das Gesetz, von dem hier die Rede ist, lautet: Es
muß möglichst produktiv gearbeitet werden. Allerdings nicht deswegen, weil
es zuwenig gibt und die Arbeit zuviel vom Leben okkupiert, also zu beschwerlich
ist. Sondern ausdrücklich zu dem Zweck, daß sich die Produktion von Waren für
den Markt in einer Vermehrung des Kapitals niederschlägt. Insofern bezeugt
besagter „Schluß" von der Konkurrenz auf die Produktion, vom Markt, der
den gewinnbringenden Verkauf von Waren nicht zuläßt, auf die
Arbeitsproduktivität erst einmal eines: Im Preis von Waren, die unverkäuflich
sind oder nichts einbringen, steckt zuviel Arbeitszeit. Die „Gesellschaft"
jedenfalls, mit ihrem unerbittlichen Maßstab des Geldes, beweist dem Kapitalisten
offenbar, daß an seinen Produkten zu lange gearbeitet worden ist. Diesen Mangel
behebt er dann durch eine Produktivität, die sich als gesellschaftlich
notwendige ausweist, indem ihr Produkte entspringen, die selbst dann
rentabel zu verkaufen sind, wenn sie weniger kosten als ihre Vorgänger.
Das ist
zwar klar, aber denen nicht geläufig, die denselben Tatbestand als Notwendigkeit
verstehen und billigen dazu - als Notwendigkeit zur „Senkung der Produktionskosten".
Diese Vorstellung mag ja als Leitfaden für die Kalkulation in kapitalistischen
Betrieben durchgehen, die enorme Summen aufwenden, um den Arbeitsprozeß so zu
gestalten, daß die hergestellten Waren einen Kapitalüberschuß einzuhandeln
gestatten. Als Alternative zur, gar als Widerlegung der MARXschen Erklärung des
Mehrwerts taugt sie nichts. Denn zunächst einmal besteht die Senkung der
„Produktionskosten" in einer gewaltigen Vermehrung des angewandten
Kapitals, und „gespart" wird lediglich an den Lohnkosten, deren Senkung
sich jedoch schwerlich mit der Steigerung des Vorschusses für Anlagen und
Maschinerie verrechnen läßt. Das gemeinte und praktisch erzielte Resultat
betrifft eine Verbesserung der Ware, die mit ihren nützlichen Eigenschaften
nichts zu tun hat: das Verhältnis der für sie aufgewandten Kosten zum
Überschuß, den ihr Verkauf einbringt.
Zustande
kommt dieses geschäftsdienliche Verhältnis durch die Veränderungen in der
Produktion, welche mit „Senkung der Produktionskosten" so
merkwürdig umschrieben und übergangen werden zugleich. Eine „Steigerung des
Überschusses'' ließe sich schließlich genauso als Titel des Programms
verwenden, scheint aber manchen Leuten schon zu nahe an Marx' Lehre zu liegen. Die Sache mit der gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit als Quelle und Maß des Werts, der Differenz zwischen
Wert der Arbeitskraft und ihrem Produkt als Grund für den Mehrwert -dergleichen
Theorien sind in einer seltsamen Weise „unbestritten": Gegenteilige Auskünfte
über die Herkunft des Überschusses, der da erwirtschaftet wird,
kommen nicht auf, weil die Frage danach gemieden wird. Stattdessen
präsentiert die moderne VWL lauter
Zeugnisse darüber, wie gerechnet wird bzw. werden muß, damit das
„Wachstum" zustande kommt. Und hält ansonsten die Erklärung des Mehrwerts
für eine den „Sachgesetzen der Wirtschaft" völlig unangemessene
Entscheidung darüber, wem die Ehre gebührt... Das konnte jedoch MARX kaum im Sinn haben, als er die
notwendigen Folgen des relativen Mehrwerts für die Lohnarbeit bestimmte: - Die
Aufgabe, der Kapitalisten die Maschinerie widmen, verweist die durchaus
zutreffende Behauptung, daß Maschinen geeignet seien, die Arbeit zu
erleichtern, ins Reich der frommen Wünsche. Mit der Zerlegung der Arbeit, die
ein Produkt erheischt, in lauter einfache Teilarbeiten ist nicht Bequemlichkeit
angesagt, sondern Tempo. Die Intensivierung der Arbeit, die die
Bezahlung der Arbeitskräfte rentabler macht, wird die Schranken los, die mit
Tätigkeiten gegeben sind, die noch auf gekonntem Umgang mit Gliedmaßen und
Werkzeugen beruhen. Also findet sie statt.
-
Während die
Einseitigkeit, mit der die Lohnarbeiter als „Anhängsel der Maschinerie"
beansprucht werden, ihren Nerven und der sonstigen körperlichen Verfassung gar
nicht gut bekommt, klagen Soziologen und andere Künstler über die „Sinnentleerung"
der modernen Arbeit, was in Filme mit dem Titel „modern times" mündet.
Kapitalisten sehen die Sache etwas anders. Nachdem die andere Bestimmung der
wertschaffenden Arbeit, abstrakte Arbeit, d.h. „Verausgabung von Hirn,
Muskel, Nerv" zu sein, praktisch wahrgemacht ist, besichtigen sie die Leistung
ihrer Arbeitskräfte; und sie müssen feststellen, daß die Bezahlung der
Arbeit als Maßstab der Entlohnung ernst genommen werden muß. So findet eine
Bewertung der Arbeitsplätze statt, die minutiös ermittelt, welche Kräfte
und Qualifikationen zum Einsatz kommen bzw. entbehrlich sind, wenn durch die
Maschinerie die Produktivität bestimmt wird und nicht mehr durch individuelles
Geschick. Letzteres reduziert sich auf Leistungen, die als Bewegungen und einseitige
Kraftakte zu messen gehen und eine hochmoderne Differenzierung der Löhne zur
Folge haben. Mit dieser Technik der „sachgerechten" Lohnsenkung werden die
Arbeitskräfte per Bezahlung dafür haftbar gemacht, daß das Kapital von ihnen
nur bedingten Einsatz der Fähigkeiten verlangt, über die sie verfügen. Daß sie
darüber - der Verschleiß nimmt zu mit der intensiven einseitigen Belastung -
Schwierigkeiten bekommen, sich als Arbeitskraft zu erhalten, zählt zu den
Erscheinungen der „modern times".
-
Die Arbeit
kommt ihrer Zuständigkeit für die Rentabilität der gewaltigen Investitionen
freilich auch im traditionellen Sinne nach: Die „Betriebsnotwendigkeiten",
die der schnelle Umschlag des Kapitals erfordert, treten mit noch größerer
Dringlichkeit in Kraft. Also ist die Arbeitszeit so lang, wie der
Geschäftsbedarf des Kapitalisten es erfordert. Schichten, Überstunden
-überhaupt „Flexibilität" - sind mit der „Entwicklung der Produktivkraft
der Arbeit" ebensowenig hinfällig, wie der Normalarbeitstag in irgendeinem
Verhältnis zu dieser Entwicklung kürzer wird.
Reduziert wird nicht die Mühsal der durch die moderne Industrie angewandten
Arbeitskräfte, sondern erstens der Lohn im Verhältnis zu den Wertsummen,
die die Arbeit bewegt und vermehrt; und zweitens die Anzahl der Arbeitskräfte,
die in den Genuß einer „Beschäftigung" gelangen und sich ihren
Lebensunterhalt verdienen können. Das Kapital produziert unter denen, die von
Lohnarbeit leben müssen, eine industrielle Reservearmee. Nicht, weil es
versäumt oder unfähig ist, „Arbeitsplätze zu schaffen", sondern weil es
Lohnarbeit so und nur so anwendet, wie es seiner Verwertung zuträglich ist. Die
Produktivkräfte der Arbeit entwickelt es, um den in Geld gemessenen Reichtum
als Privateigentum zu mehren. Als Nebenberuf hat Marx den Arbeitslosen, die ihre Arbeitskraft nicht verkaufen
und betätigen dürfen, aber irgendwie erhalten müssen, eine Funktion nachgesagt:
daß sie als auf jeden Pfennig angewiesene Arbeitskräfte die Konkurrenz unter
ihresgleichen um „Arbeitsplätze" beleben und die Freiheit der
Kapitalisten, den Preis der Arbeit unter den Wert der Arbeitskraft zu drücken,
erweitern. Mit dieser Auffassung ist der Theoretiker des Mehrwerts selbst noch
im 20. Jahrhundert akzeptabel: Was er für eine Notwendigkeit des
Einsatzes von variablem Kapital hielt, gilt heute als ein Brauch, an dem
festgehalten werden muß: Vor dem Los der Reservearmee gehört die Arbeitskraft,
die benützt und ruiniert wird, zu den Privilegierten - und wegen der
Arbeitslosen haben die „Beschäftigten" ihre Beschwerden und Ansprüche zu
unterlassen.
6.
Aufgrund der Mehrwert-Lehre konnte Marx auf
eine Theorie der „Leistungsgesellschaft" verzichten. Die unvermeidlichen
Auswirkungen auf das Leben, für das Lohnarbeiter arbeiten, hat ihm eine Theorie
der „Konsum- und Freizeitgesellschaft" erspart.
Strenger Werttheoretiker, der er war, hat er
schon frühzeitig von der damals naheliegenden, aber verkehrten Lehre Abstand
genommen, der Arbeitslohn sei nichts weiter als eben das Existenzminimum. Es
reichte ihm schon, beweisen zu müssen, daß eine ansehnliche Masse der für
Lohnarbeit vorgesehenen Klasse auf das Existenzminimum reduziert wird und
kaputtgeht. Ebenso war ihm klar, daß die kapitalistische Produktion - eben
wegen des relativen Mehrwerts - auch den Wert der Waren senkt, die in
den Arbeiterhaushalt Eingang finden. So daß sich der Umkreis der Lebensmittel,
die sich ein Arbeiter im Dienste des Kapitals leisten kann, erweitert. Insofern
hat er der modernen Theorie vorgearbeitet, die darauf besteht, daß Arbeiter vor
hundert Jahren weder mit Fernsehern noch Klospülung gesegnet waren.
Andererseits
hat ihm nicht eingeleuchtet, daß damit der schiere Luxus in den Reihen derer
ausgebrochen sein soll, deren Einkommensquelle die Lohnarbeit ist. Für diesen
Glauben geben die Bestimmungen der Ware Arbeitskraft, des variablen Kapitals,
einfach nichts her. Diese führen nur auf die im Kapital liegenden Gründe für
die unabweisbare Tatsache, daß Lohnarbeiter einfach auf keinen grünen Zweig
kommen.
e)
Die
Unterwerfung der Arbeit unter den Bedarf des Kapitals ist der rücksichtslose
Verbrauch der Arbeitskraft. Das Individuum, das als solche benützt worden ist,
hat deshalb zuerst, bevor die große Freiheit des Lebens anfängt, damit zu tun,
sich wiederherzustellen. Seine freie Zeit und Kraft auf der einen Seite, das
verdiente Geld auf der anderen sind der Reproduktion gewidmet. Diese
merkwürdige Beschäftigung fällt zwar ganz ins Privatleben, betrifft aber all
die Notwendigkeiten, die sich aus den Anstrengungen im Beruf so ergeben.
Diese Notwendigkeiten zu vernachlässigen bedeutet, sich zu vernachlässigen und
die Tauglichkeit als Arbeitskraft dazu.
f)
Die Mittel,
Zeit und Geld, sind begrenzt. Nicht, weil das immer so ist, sondern durch die
dem Kapital abgelieferte Leistung und den dafür zugestandenen Lohn. Die Kunst
des Einteilens ist schon auf dem Felde des Notwendigen gefordert, noch bevor
sie im Bereich der eigentlich freien Betätigung ihr Recht verlangt.
g)
Außerdem
zeitigt nicht nur die produktive Betätigung beim „Arbeitgeber" ihre
(Nach-)Wirkung auf die Gestaltung der freien Zeit; der „Arbeitnehmer" ist
aus der Marktwirtschaft mit ihren Gesetzen noch lange nicht entlassen, wenn er
den Betrieb verläßt. Er ist konfrontiert mit einem wohlorganisierten Kommerz,
der seine Kaufkraft in Anspruch nimmt. Er begegnet einem Grundeigentum, das
diese Kaufkraft zu einem guten Teil per Mietzins beschlagnahmt. Er wohnt nicht
nur in einer Wohnung, sondern auch in einem Staat, der für den Schutz des
gedeihlichen Zusammenwirkens von Lohnarbeit und Kapital, außerdem für
öffentliche Aufgaben höheren Kalibers seinen gerechten Tribut fordert;
selbstverständlich hat der Staat ein Recht darauf, die Dienste der Lohnarbeit
auch für auswärtige Unternehmungen in Anspruch zu nehmen (modern:
Eingreiftruppen, Wiedervereinigung und andere Verantwortungen für die Welt).
Und zwar ohne sich danach zu erkundigen, ob der Arbeitsmann die Unternehmungen,
für die die öffentliche Hand Finanzbedarf anmeldet, auch bestellt hat; und
schon gleich gar nicht, ob er sie sich leisten kann. Der Staat bedient sich
einfach am historischen und moralischen Element des Lohnes, das allemal in die
nationale Zuständigkeit fällt.
*
Es ist
überhaupt kein Wunder, daß den Lobrednern des kapitalistischen Wohlstandes
ebensoviele Beschwerdeführer gegenüberstehen, die von finanziellen Belastungen
und Streß künden. Die einen vermelden unablässig ihr gar nicht wohlmeinendes
Staunen darüber, wieviel sich Leute - obwohl es sich doch bloß um
Lohnabhängige handelt - leisten. Die anderen geben feinsinnig zu bedenken, wie
schwer es eben denselben Figuren fällt, sich ihren Wohlstand zu genehmigen und
zu erhalten. Marx würde auch
heute an dieser open-end-Diskussion nicht teilnehmen. Denn die Ausgestaltung
der Lohnarbeiterfreizeit beschränkt sich auf eine sehr fragwürdige Teilhabe an
den Genüssen, die das Kapital gegen gutes Geld anbietet. Einerseits sind diese
Genüsse zugänglich, auch für das Geld, das in seiner Funktion als
Zirkulationsmittel den Geldbeutel des Lohnarbeiters passiert. Andererseits
erlaubt die Kaufkraft des Geldbeutels samt der zu ihr gehörigen Techniken des
Schuldenmachens und Sparens nie mehr, als die Konjunkturen von Kapital und
Staat zulassen. Drittens werden alle Bemühungen des Sich-Einteilens daran
zuschanden, daß die maßgeblichen Instanzen der Marktwirtschaft sich an Lohn und
Leistung bedienen. Weswegen viertens der „Wohlstand" eben doch nur als
Durchschnitt existiert, unter dem erstaunlich viele auf Lohnarbeit festgelegte
Leute liegen. Fünftens schließlich zeugt noch nicht einmal der Besitz eines
Autos plus Surfbrett davon, daß die Reproduktion gelungen ist. Spätestens seit
der erfrischenden Debatte über die ,neue Armut', die mit der anderen über
Gesundheit und Umwelt konkurriert, steht nämlich fest: „Die kapitalistische
Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen
alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."
7. Daß Lohnarbeiter nicht arbeiten, um zu leben,
sondern umgekehrt ihr ganzes Leben darauf einstellen, die Arbeit und ihre
Folgen für die Reproduktion auszuhalten - dafür sorgt das Kapital durch ihre
Benützung. Der Tatsache, daß es je nach Konjunktur Lohnarbeiter gibt, die es
nicht aushalten, tragen allerlei Verlautbarungen über rührende
„Einzelschicksale" Rechnung. Daß es notwendigerweise immerzu und überall
zu Massenschicksalen dieses Typs kommt, hat nicht nur Marx gewußt, sondern auch der Staat bedacht.
Auch ohne in den Genuß gekommen zu sein, die
Bismarck'sche Sozialgesetzgebung kennenzulernen, war für Marx die soziale Ader der öffentlichen
Gewalt kein Geheimnis. Was er in Sachen Arbeits- und Fabrikgesetzgebung, die
Beschränkung des Arbeitstages und den Erlaß gewisser Sicherheits- und
Gesundheitsvorschriften betreffend, erleben durfte, bestach nämlich durch
dieselbe Logik wie der moderne Sozialstaat.
Prinzipiell, und das heißt zuallererst, gelten
die Grundrechnungsarten, also die Freiheiten des Kapitals. Die Indienstnahme
der Lohnarbeit durch das gesetzlich geschützte Privateigentum ist zur
ökonomischen Grundlage der Nation erklärt. In zweiter Linie zeitigt die
Wahrnehmung des Rechts auf Mehrarbeit, die Behandlung der eigentumslosen
Mehrheit als variables Kapital Folgen. Solche, die die Benützung der
Arbeitskraft in Frage stellen, weil sie sie unbrauchbar machen. Das stachelt
den Klassenstaat zu sozialen Bedenken und Taten an. Als Sozialstaat dringt
er auf die Erhaltung seiner Geschäftsgrundlagen. Dabei hat er sich einen guten
Ruf erworben, weil manche der einschlägigen Maßnahmen schlicht Beschränkungen
des rücksichtslosen Umgangs mit den Lohnabhängigen darstellten. Auf der
Grundlage dieses guten Rufs sind von Sozialisten zu sozial denkenden
Staatsmännern aufgestiegenen Verfechtern der Marktwirtschaft noch ganz andere
Sachen eingefallen.
Ihr
Mitleid mit der arbeitenden Klasse, die nicht einmal zu ihrer Reproduktion in
der Lage ist, ist tätig geworden, ohne dem Kapital in die Quere zu kommen. Für
alle höchst absehbaren Fälle, in denen Lohnarbeiter einzeln und massenweise zur
Unbrauchbarkeit verurteilt sind, gibt es im modernen Staat eine
zwangsverordnete Solidarität. Krankheit, Invalidität, Alter, Reservearmee -
eben alle Sorten der Verelendung, denen Arbeitskräfte des Kapitals so
unterliegen - erfreuen sich der Fürsorge einer staatlichen Kasse. Die
Einzahlungen stammen aus dem Lohn der arbeitenden Klasse, die
„Leistungen" unterliegen den Rechnungen, die der Staat im Umgang mit seinem
Geld und seinen Schulden so pflegt. Das geht in Ordnung. So wie es das
Kapital versteht, mit der Form des Arbeitslohns die Bezahlung der Arbeitskraft
von deren Bedürfnissen gründlich zu trennen, verfährt auch die oberste
Aufsichtsbehörde mit den lädierten Lohnarbeitern. Erhalten werden sie wegen
ihrer Fähigkeit, das Geld zu vermehren; wenn sie Geld kosten, verfehlt die
Veranstaltung ihren Zweck. Und die Kritiker des „Sozialabbaus" müssen sich
den Hinweis auf einen weiteren Sachzwang gefallen lassen.
Allen,
die von der „Überwindung" des Klassenstaats durch den Sozialstaat
begeistert sind, leuchtet ein Argument ein: Daß für manches Mitglied der
Solidargemeinschaft ohne dieselbe längst Feierabend wäre. Was ihnen zu
den Ausgemusterten einfällt, die mit dem Sozialstaat anfallen, bezieht
sich wohl mehr auf die Nöte der Staatskasse als auf die „der Menschen".
8. Eine
weitere Leistung des Sozialstaats besteht in der Zulassung von Gewerkschaften.
Auch über diesen organisierten Versuch, den Lohnarbeitern zu ihrem Recht zu
verhelfen, hat sich Marx den Kopf
zerbrochen. Der Logik des „ohne wäre es noch schlimmer" hat er sich auch
hier nicht angeschlossen. Noch nicht einmal in der meistzitierten Äußerung zur
„Gewerkschaftsfrage":
„Gewerkschaften
tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des
Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen
unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie
sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden
Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre
organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung
der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems."
Die
Sache mit den guten Diensten würde er sich heute wohl verbitten. Es bliebe nur
noch ein ziemlich unsachgemäßer Gebrauch der Gewerkschaftsmacht. Der besteht
darin, daß Gewerkschaften immerzu so tun, als wären die fristgemäß einberufenen
Verhandlungen über die Festlegung des Preises der Arbeit etwas ganz
anderes. Nämlich die periodische Korrektur der Sünden, die Kapital, Markt und
Staat (modern: Arbeitsproduktivität und Inflation) am Wert der Arbeitskraft
begangen haben. Dies zeugt nicht nur davon, daß moderne Gewerkschaften auf
einen „gerechten Lohn" nichts kommen lassen; diese Organisation der Werktätigen
im Kapitalismus gibt auch noch vor, daß in Tarif runden über die Verteilung
des Reichtums entschieden würde. Als wäre unter dem Regime des
Privateigentums, das die Ware Arbeitskraft benützt, vernützt und ausmustert, zu
klären, welche Anteile welchem Stand an einem - gar nicht vorhandenen - Konto
oder Topf gebühren!
Dabei
rechnet die Gewerkschaft das Recht auf einen gerechten Lohn strikt aus der
Erfolgsbilanz des Kapitals zusammen. Die Produktivität der Arbeit, die
sie als guten Grund für einen besseren Tarif wuchtig in Anschlag bringt, ist
schon die Profitrate des Kapitals. So daß die Geschäftsgrundlage eines
Lohns, der sein Recht nur im Überschuß der anderen Tarifpartei weiß, besiegelt
ist. Also auch die „Ohnmacht" anerkannt ist, Arbeitsplätze und
Verpflegung für Lohnabhängige zu spendieren, solange es sich nicht rentiert.
Insofern
ist es auch nicht verwunderlich, daß die modernen Gewerkschaften in ihrem
Ansinnen, die Verteilung ins Lot zu bringen, zu Höherem fähig sind. Sie
kümmern sich allen Ernstes um die Fähigkeit der Kapitalisten, den
Lohnarbeitern etwas zukommen zu lassen. Und wirken mit an der korrekten
Führung der Geschäfte -Mitbestimmung und Kritik sind dasselbe -, und das alles
im Namen der Lohnarbeit, an deren Mission, „das Wachstum" zu fördern, kein
Zweifel besteht. Was die anfallenden häßlichen Sozialfälle der gewerkschaftlich
schwer zu vertretenden Art angeht - der landesübliche Pauperismus! -, haben
diese Organisationen der Arbeiterklasse im Sozialstaat ihren kongenialen
Partner. Den können sie höchstens noch davor warnen, daß zu viele Arbeitslose
wie schon einmal die Sicherheit der politischen Aufsicht gefährden.
Darüber sind Gewerkschaften allerdings schon zu
„Sammelpunkten" geworden -für Nationalisten. Denen ist der Arbeitslohn
egal, und der Nation opfern sie auch ein bißchen mehr als bloß das historische
und moralische Element des Lohnes.
*
Ärgerlich an solch orthodoxem Marxismus ist nur,
daß er sich zwar in Deutschland blamiert, aber überhaupt nicht daran,
wie in dieser Nation die nützliche Armut von Lohnarbeitern organisiert wird.
Klein
v in Deutschland 1. Der Lohn:
Das endgültige Lebensmittel für Lohnarbeiter
a) Vom
deutschen Lohn - oder auch Entgelt oder Gehalt - läßt sich leben. Und
zwar in dem Sinn, daß man nicht schlecht damit fährt: Das ist, ohne daß
da erst groß nachgerechnet werden müßte, demokratischer Konsens im Lande.
Daran zweifelt keiner, der als sachkundige Stimme ernstgenommen werden möchte
in Deutschland. Selbst die Gewerkschaften, denen die demokratische
Öffentlichkeit im Rahmen der jährlichen Tarif runden eine in Maßen abweichende
Meinung in dieser Frage zugesteht - das gehört, heißt es, „zum Ritual"! -,
erheben ihre Einwände weniger gegen die Güte des Lohns, der hierzulande gezahlt
wird, als gegen die Gerechtigkeit seiner Bemessung im Vergleich mit anderen
Einkommen, die sich in Deutschland verdienen lassen.
Zum
Beispiel schon, je nach dem, im Vergleich mit den Löhnen, die in anderen
Branchen als derjenigen, in der gerade um neue Tarife verhandelt wird, üblich
sind. „Den" „deutschen" Lohn, von dem sich so gut leben läßt, gibt es
nämlich allenfalls als rechnerischen Durchschnitt. Übrigens weniger zwischen
verschiedenen Branchen; viel bedeutender sind die für jede Branche eigens ausgehandelten
Unterschiede: Da geht es für wenige erfreulich hinauf, für ganz viele etliche
Lohn- und Gehaltsstufen hinunter gegenüber dem Durchschnitt; und in der neuen
deutschen Ostzone liegt sogar der Durchschnitt bloß bei zwei Dritteln des
westdeutschen Durchschnitts. Da ergeben sich dann schon recht geringe Summen,
von denen keiner leben möchte, der den Durchschnitt so gelungen findet. Aber
daraus folgt allenfalls die Frage, ob es immer gerecht zugeht bei den Lohnunterschieden.
Daß „wir" im Prinzip im Wohlstand leben und daß, wer ordentlich
einen Lohn „empfängt", auf alle Fälle dazugehört zu diesem „wir": die
Grundüberzeugung wird durch die Existenz reichlich besetzter
„Leichtlohngruppen" nicht angetastet.
Gewiß - auch das ist bekannt und geläufig -, oft
genug läßt sich von den wirklich ausgezahlten Löhnen vieles nicht bezahlen, was
eigentlich zu den anerkannten Lebens-notwendigkeiten deutscher Arbeiter gehört;
die Wohnung zum Beispiel, insbesondere wenn sie für ein bißchen Familie mit
ausreichen soll; oder die Raten für die Möbel, die darinstehen, sofern die Frau
nicht dazuverdient. Auch dieser Umstand wird üblicherweise aber nicht den
Löhnen und ihrem tatsächlichen „Niveau" zur Last gelegt. Schuld gibt man
eher den Preisen, die aus irgendwelchen nicht ganz klaren Gründen immer
wieder die Tendenz haben, für „Normalverdiener" „unerschwinglich" zu
werden. Abhilfe ist dementsprechend auf gar keinen Fall beim Lohn zu suchen;
der geht schon in Ordnung, auch wenn er für die Miete und zwei Kinder nicht
reicht. Eher ist in solchen Fällen „die Sozialpolitik gefordert", deren
Macher ja auch gerne mehr Wohngeld und Familienlastenausgleich beschließen
würden...
Wenn
ihre Kassen nicht sowieso längst leer wären. Denn erstens sind ihre
Finanzmittel aus irgendwelchen unumstößlichen Gründen grundsätzlich nie
reichlich bemessen. Und damit müssen sie zweitens, mitten auf der
„Wohlstandsinsel" Deutschland, noch weit mehr Bedürftige betreuen als bloß
„einkommensschwache" Mieter, Jungfamilien usw. Massenhaft Arbeitslose zum
Beispiel; und außerdem massenhaft Rentner und -innen, die bis zum bitteren Ende
von den kleinsten Unre-gelmäßigeiten ihrer Rentenbiographie heimgesucht werden.
Fachleute für den Forschungsbereich „Armut in Deutschland" zählen die
verschiedenen Gruppen, denen man auch hierzulande das Fehlen jeglichen
Wohlstands nachsagen darf, zu etwa einem Drittel der Bevölkerung zusammen. Für
diesen Befund haben sie das Schlagwort „Zwei-Drittel-Gesellschaft"
erfunden, das mit seinem anklagenden Tenor alles wieder ins Lot rückt. Denn
immerhin ist damit ja wieder klargestellt, daß alle diese Sorten Armut erst
dort anfangen, wo der regelmäßige Lohnempfang aufhört, insoweit also nichts mit
dem Lohn zu tun haben, im Gegenteil: Wer überhaupt einen Lohn bekommt,
letztlich egal in welcher Höhe, ist allemal besser daran als jemand ohne -
Millionen Verarmte sind der Beweis.
Sicher, einen gewissen Bezug zur Lohnfrage
weisen die „Phänomene" der Altersarmut, der Verelendung von
Langzeitarbeitslosen, und was sonst noch eine „soziale Problemgruppe"
ausmacht, schon auf; das wird öffentlich gar nicht bestritten: Die freie
Lohnarbeit schließt nun einmal das Risiko ein, entlassen und nicht wieder
gebraucht zu werden; und nach allgemein bekannter und gebilligter Gesetzeslage
sind die Überbrückungszahlungen um so geringer und um so kürzer befristet, je
lük-kenhafter und je schlechter bezahlt die vorhergehende Beschäftigung war.
Gleiches gilt für die Rente; und Rentnerinnen, die überhaupt zu wenig verdient
haben, um in ihrer aktiven Zeit je in den Genuß der Sozialversicherungspflicht
zu gelangen, sind eben deswegen noch schlechter dran. Wenn aber - und
daran hält die gute Meinung vom deutschen Lohn sich fest - ein Arbeiterleben
lang alles klappt und die Lohngruppe über dem Durchschnitt liegt und die Physis
nicht vorzeitig kaputtgeht und weder Heirat noch Kind zur Unzeit eintreffen und
auch sonst kein „Schicksalsschlag" dazwischenkommt: Dann, immerhin,
läßt sich vom Lohn leben. Sogar im Alter: Dank gesetzlicher
Rentenversicherungspflicht langt der Lohn über den Zeitpunkt der Ausmusterung
hinaus - der freilich nicht mehr unter 65 liegen darf, sonst wird es doch
wieder knapp. Sogar für ein bißchen Arbeitslosigkeit würde der Lohn, dank der
Arbeitslosenversicherung, mit ausreichen - freilich nur knapp; und wenn er
dafür langen muß, dann wird es am anderen Ende, bei der Rente ganz gewiß wieder
eng. Dank gesetzlicher Krankenkassenpflicht kann ein Lohnarbeiter sogar
Krankheitszeiten durchstehen und, wenn seine Gene es hergeben, genügend
Gesundheit wiederherstellen lassen, um sie in der Arbeit wieder zu lassen:
Sogar dafür langt ein ordentliches Lohnarbeitsverhältnis in Deutschland, obwohl
der Lohn für sich genommen das im Grunde überhaupt nicht hergibt.
Bloß
zeigt sich da allmählich schon, wie es um das gute Leben vom Durchschnittslohn
in der durchschnittlichen deutschen Wirklichkeit bestellt ist.
b) Vom deutschen Lohn - Gehalt, Entgelt... -
läßt sich leben. Und zwar einfach deswegen, weil die, die davon leben, davon
leben müssen. Es gibt nicht mehr; der Lohn muß reichen. Er muß für
Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter mit ausreichen; das organisiert der
Sozialstaat mit gesetzlichem Zwang und „Abzug an der Quelle". Er muß für
die Familie mit ausreichen, wenn man sich denn eine zulegen will. Er muß
ausreichen fürs Wohnen, Leben und arbeitstägliche Erscheinen am Arbeitsplatz;
da hat eben jeder zu schauen, wie er sich einteilt.
Und
ohne Zweifel: Es geht. Millionen Lohnempfänger/innen in Deutschland führen
täglich den Beweis, daß sie vom deutschen Lohn ein Leben hinkriegen-was sollen
sie auch sonst machen. Der Lohn ist die gültige und endgültige Abrechnung; mehr
kommt nicht nach. Er ist ihr definitives Lebensmittel; er definiert, was Lohnarbeiter
sich leisten können im Leben. Also läßt sich davon leben: Ihr Leben ist soviel
wert wie der Lohn, den sie kriegen.
Genau
das unterscheidet die Lohn- (Gehalts-, Entgelt-) -Empfänger/innen der Nation
eben von anderen Teilnehmern der sozialen Marktwirtschaft. Auch die leben vom
Lohn, aber ganz anders. Für sie ist er nicht das definitive Lebensmittel, mit
dem sie klarkommen und sich reproduzieren müssen, sondern ein ökonomisches
Mittel, mit dem sie kalkulieren und an dem sie sich bedienen. Und das eben auf
eine Weise, daß für die Lohnempfänger die Kunst, vom Lohn bloß zu leben, gar
nicht so einfach gerät.
2. Der Lohn als nationale
Summe:
Eine erfreulich belastbare Größe
Der deutsche Bundeskanzler hat für die
Tarifrunde des Jahres 92 die Leitlinie ausgegeben, dies sei nicht die Zeit für
Anspruchsdenken und Verteilungskämpfe. Damit hat er keineswegs angedeutet, in
anderen Jahren wären seiner Meinung nach gewerkschaftliche Kämpfe für eine
höheres Lohnniveau zu Lasten der Gewinne und der Staatsquote genau das
Passende. Die Mahnung an die Gewerkschaften und womöglich kompromißbereite
Unterhändler der Arbeitgeberseite, das „Umverteilen" diesmal zu lassen,
knüpft an gewisse längst laufende gesetzliche Umverteilungsmaßnahmen zugunsten
der Staatsfinanzen sowie an die daraus erwachsenen Umverteilungseffekte
zugunsten der Unternehmensgewinne an und richtet sich gegen alle Versuche,
daraus ein Argument für Lohnforderungen zu machen. Der Kanzler stellt klar, daß
der extrem kostspielige Neuaufbau der ehemaligen DDR zu einem vollgültigen
Stück deutscher Wirtschaftskraft es verbietet, mit dem Geld der Nation weiterhin
die gewohnten „Ansprüche" von Leuten zu befriedigen, die es sich bloß als
Lohn verdienen. Er plädiert für die in Gang befindliche nationale
Geldumverteilung zu Lasten des Lohns, die ganz ohne „Verteilungskämpfe"
auskommt - allenfalls müssen gewerkschaftliche Abwehrversuche zurückgewiesen
werden -, weil sie auf der Macht der Steuer- und Abgabengesetze und auf der
gesetzlich geschützten Freiheit der marktwirtschaftlichen Preiskalkulation
beruht.
a) Der deutsche Staat verlangt mehr Steuern, um
seine neuen Aufgaben im Osten des Vaterlands solide finanzieren zu können. Die
Wirtschaftskraft, auf der die ehemalige Staatsgewalt der DDR beruhte, ist
unter den Erfolgsbedingungen des neu eingeführten Systems der Geschäftemacherei
und dem Druck der überlegenen Konkurrenz westlicher Kapitalisten ersatzlos
zusammengebrochen; und die neu aufgeblühte Marktwirtschaft wirft noch längst
nicht entfernt das Steueraufkommen ab, aus dem sich bezahlen ließe, was für die
neuen Verhältnisse nötig ist. Zumal da ganz andere staatliche Leistungen
gefordert sind als diejenigen, die die untergegangene realsozialistische
Staatsmacht für nötig befunden und aus ihren planwirtschaftlichen Mitteln
erbracht hatte. Von der Garantie des Privateigentums bis zur Infrastruktur für
einen modernen Kapitalumschlag, von der Subventionierung gewinnträchtiger
Investitionen bis zur marktgerechten Altschuldenbedienung gibt es viele und
kostspielige Dinge zu tun, die in der Staatsräson der untergegangenen Republik
einfach nicht vorgekommen sind. Das Geld dafür nimmt sich der Staat, woher auch
sonst, von seinen Bürgern.
Dabei
wird nicht undifferenziert zugelangt. Auch beim Steuern-Einziehen behält der
Staat seinen marktwirtschaftsgemäßen Aufgabenkatalog im Auge und unterscheidet
zwischen Einkünften und Vermögen, auf deren Verwendung im Sinne des nationalen
Wirtschaftswachstums er Wert legt, deren privates Wachstum er also eher
entlastet, und Masseneinkommen, die ohne Schaden fürs Wirtschaftswachstum
belastbar sind. Wenn er seinen Zugriff aufs Geld seiner Bürger einmal geregelt hat
und alle sich daran gewöhnt haben, ist es zwar witzlos, die verschiedenen
Steuerlasten den verschiedenen Sorten von Steuerzahlern als ihre spezielle Last
zuzurechnen: Jeder mag sich von jeder Steuer Nachteile für sein spezielles
Geschäft oder Einkommen ausrechnen; über die Lohnsteuer zum Beispiel kann sich
ein Arbeitgeber, der darin eine staatliche Verteuerung seiner Arbeitskräfte
sieht und „Lohnnebenkosten" beklagt, genausogut beschweren wie ein
Lohnempfänger, der sich geradezu reich vorkommt, wenn bloß sein Brutto auch
sein Nettolohn wäre - der Unternehmer sogar mit weit größerem
marktwirtschaftlichem Recht, weil bei ihm ja als Kosten zu Buche schlägt, was
seine Beschäftigten sowieso erst gar nicht in die Finger bekommen. Um so mehr
ist es aber bei Veränderungen der Steuerlasten von praktischem Belang,
bei welchen Einkommen und Transaktionen der Staat zusätzlich zulangt oder sich
zurückhält. Da schlägt die Lastenverteilung unmittelbar als Eingriff in die
gewohnten Einkommens- und Lebensstandards zu Buche. Und hier geht die deutsche
Regierung mit marktwirtschaftlicher Umsicht ans Werk - ganz nebenbei bringt sie
noch ein paar andere, vorwiegend ideologische und volksmoralische Anliegen
voran.
So läßt der Zuschlag zur Lohn- und Einkommenssteuer
die geschäftliche Geldvermehrung unberührt, trifft ansonsten aber ganz egalitär
die Löhne ebenso wie die Summen, die bei der Einkommenssteuererklärung der
Reichen unterm Strich stehenbleiben. Insofern trägt er zur nationalen
Solidarität bei, sollte aber auch mal wieder auslaufen, weil sonst der
Leistungswille der Bessergestellten erlahmt. Die Verbrauchssteuern,
insbesondere der für Anfang 93 beschlossene zusätzliche Prozentpunkt
Mehrwertsteuer, treffen erst recht alle, aber in besserer Weise, nämlich soweit
sie mit ihrem Geld nichts besseres anzufangen wissen, als davon zu leben; für
„die Wirtschaft" nimmt hingegen bloß ein durchlaufender Posten zu.
Gleichzeitig nimmt zwar die Zahlungsfähigkeit des Massenpublikums entsprechend
ab; dafür gibt es für die Geschäftswelt vom Staat finanzierte zusätzliche
Verdienstmöglichkeiten an anderer Stelle; außerdem soll zum Ausgleich
kapitalistisch verwendetes Vermögen von steuerlichen Lasten befreit werden. Zur
Ideologie von der hemmungslosen „Konsumgesellschaft" paßt eine höhere
allgemeine Konsumsteuer auf alle Fälle; die höhere Mineralölsteuer bedient
darüberhinaus das sensible Umweltgewissen der Deutschen so gut, daß sich die
vergiftete Luft gleich viel leichter atmen läßt. Zumal das Tabakrauchen von Staats
wegen erst recht verteuert wird. Und so weiter.
b) Per Gesetz werden die Einnahmen und Ausgaben
der großen Sozialversicherungen neu geregelt. Sie haben jetzt auch für die
DDR-Rentner aufzukommen; sie haben für die Betreuung der Massen im Osten zu
sorgen, die entlassen worden sind und werden, weil ihre Entlohnung keinem
privaten Unternehmer zuzumuten ist; sie haben das Geschäft mit der Krankheit zu
finanzieren, das nun im Osten die unmenschliche Zwangsversorgung mit
Polikliniken ablöst. Das kostet natürlich; mehr, als die hinzugewonnenen
Beitragszahler den Sozialkassen jemals bringen. Die Aufgaben im Westen bleiben
bzw. nehmen konjunkturbedingt zu. Neue Einnahmen müssen also her.
Dafür läßt der Staat nicht einfach
undifferenziert den Steuerzahler geradestehen. Er besinnt sich darauf, daß er
hier in seiner Eigenschaft als Sozialstaat tätig ist, und folgt den Regeln der
gesetzlichen Umverteilung, die er für diesen Bereich eingeführt hat. Zuständig
für Alte, Kranke und Entlassene sind die drei großen Sozialversicherungen, die
bei den „Unselbständigen" abkassieren, und zwar bis zu dem
Einkommensniveau, bis zu dem der deutsche Staat diesen Leuten ganz einfach
nicht zutraut, daß sie genug Geld übrig haben, um aus freien Stücken als noch
rüstige Arbeitskräfte für ihr Alter, als Gesunde für ihren Krankheitsfall und
als Beschäftigte für Zeiten der Arbeitslosigkeit Vorsorgen zu können. Diesem
Unvermögen begegnet er mit der Macht seiner Rechtsetzung und macht für seine
Zwecke das Beste daraus. Er schafft für die drei Fälle der Einkommenslosigkeit
große Umverteilungsanstalten mit dem Recht, sich vorab, an der Quelle, an der
nationalen Gesamtlohnsumme zu bedienen, um aus dieser Summe die Kranken, Alten
und Entlassenen mit durchzuziehen. So ist gewährleistet, daß die Lohnarbeitermannschaft
der Nation insgesamt brauchbar bleibt, auch in ihren aktuell nicht benötigten
oder unbrauchbaren Teilen, ohne daß dafür auch nur eine Mark aufgewandt werden
muß, die nicht zuvor als Lohnzahlung ihren Dienst am nationalen Geschäftsleben
verrichtet hat. Die Rücksichtslosigkeit, mit der die Marktwirtschaft ihre
lohnabhängige Mehrheit behandelt, ist nicht abgeschafft, sondern als Prinzip
anerkannt, ihre Wirkungen sind im Griff, die anfallenden Unkosten unter
Schonung der Unternehmensbilanzen wie der Staatskasse auf die in Frage
kommenden Opfer verteilt.
Nach diesem praktischen Grundsatz wird auch
jetzt die Lohnsumme hergenommen und mit größeren Abzügen belastet, um den
gewachsenen Anfall an Lohnabhängigen ohne Lohn kostenneutral zu bewältigen. Die
geschröpften Beitragszahler dürfen sich damit trösten, daß ihnen die höheren
Abgaben in dem Moment am meisten wehtun, wo sie neu eingeführt werden: Hat man
sich erst einmal daran gewöhnt, kalkuliert ohnehin kein Lohnempfänger mehr mit
dem Drittel vom Lohn, das ihm der Staat abzieht. Außerdem läßt der deutsche
Sozialstaat in seiner ausgleichenden Gerechtigkeit nicht nur die aktiven
Beitragszahler Opfer bringen. Weil Solidarität keine Einbahnstraße ist, haben
auch die Leistungsempfänger Opfer zu bringen, damit sie unter die nationale
Lohnsumme drunterpassen, obwohl sie gar nichts davon verdient haben. Rentner
werden Zug um Zug auf ein niedrigeres Rentenniveau heruntergesteuert:
Vorgezogener Ruhestand kommt teurer als bisher; Lebensphasen ohne regulären Verdienst,
auch z.B. Ausbildungszeiten, mindern die Altersrente stärker; und weil den
Aktiven vom Lohn immer mehr abgezogen wird, bemißt sich der Inflationsausgleich
für Rentner auch nicht mehr am Bruttolohn, sondern an der überproportional
gesenkten Nettolohnsumme. Die Arbeitslosen, vor allem in Deutschlands neuem
Osten, werden nicht mehr wie zuerst mit dem Idealismus traktiert, ein wenig
marktwirtschaftliche Umschulung - Computer plus Renditedenken - brächte die
Eingliederung in ein neu auflebendes Stück deutscher Weltwirtschaft; da lebt
nichts auf, und deswegen werden die überflüssigen Werktätigen nach allen
gesetzlichen Herabstufungsregeln in die vorgezeichnete Sozialhilfekarriere
hinausgesteuert. Gestrichen werden auch solche eher völkisch motivierten Wohltaten
wie Deutschunterricht für deutschstämmige Aussiedler, die die großdeutschen
Volkstumspolitiker sich bislang von ihrer Arbeitslosenversicherung haben
finanzieren lassen; wohl in der Erwägung, daß Arbeitslose ohnehin nichts zu
sagen haben. Den gesetzlich Krankenversicherten wird durch immer neue
Zuzah-lungsregelungen beigebracht, was sie sowieso schon wissen, nämlich daß es
ein teurer Spaß ist, als Lohnarbeiter fit zu bleiben oder immer wieder zu
werden; außerdem werden die Mittelchen fürs ganz normale alltägliche
Durchhalten, nicht ohne Logik, vollends zum Lebensmittel umdefiniert, das
gefälligst jeder selbst bezahlt.
Der Sozialstaat rühmt sich, niemanden einfach
einkommenslos werden zu lassen -freilich ohne daß er auch nur den Lohn sichern
und zu einem garantierten Lebensmittel machen würde; das wäre ein Verstoß
gegen die Freiheit der Marktwirtschaft. Seine entscheidende Leistung besteht
darin, die Lohnabhängigen als Klasse zu behandeln, die insgesamt vom
deutschen Lohn zu leben hat. Allen, die nach dem Kriterium der Einkommensart
und -höhe zur Klasse der potentiellen Sozialfälle gehören, mindert er den Lohn;
auf der anderen Seite stiftet er einen Lohnersatz für alle, die sonst vollends
Sozialfälle wären. Organisiert ist das ganze als Umlage, die vom gezahlten Lohn
das Nötige einsammelt; zugleich als Versicherung, die jedem einzelnen seinen
gerechten Beitrag und seinen gerechten Lohnersatz vorrechnet. Daß auf diese
Weise die Armutsfälle unserer „Zwei-Drittel-Gesellschaft" geschaffen
werden, und zwar ganz offiziell nach sozialstaatlichen Gesetzen, ist kein Einwand
gegen den Sozialstaat, sondern bestätigt bloß, worum es diesem geht: eben nicht
um die Verhinderung von individuellem Elend- die berühmten „Einzelschicksale"
entziehen sich sowieso dem sozialstaatlichen Zugriff -, sondern um die Funktionalität
der Klasse.
Die Ideologie dazu besteht im Appell an die
Solidarität. Freilich weniger die der Arbeiterklasse: Gerade bei den neuen
Belastungen geht es mehr denn je um die schwarz-rot-goldene Volkssolidarität,
vor allem mit den Brüdern und Schwestern aus der Ostzone, den Nachzüglern des
sozialstaatlich verminderten und umverteilten Arbeiterwohlstands. Unter diesem
Zeichen sollen alle Lasten hingenommen werden, die Deutschland sein
wiedervereinigtes Arbeitsvolk tragen läßt, um mit Erfolg größer und stärker zu
werden.
c) An der Netto-Lohnsumme, die bleibt, nachdem
der Staat für seine Belange zugegriffen hat, bedient sich als nächstes die
Geschäftswelt. Die braucht keine Tarifrunde abzuwarten und keine unerwünschten
Verteilungskämpfe zu führen, um ihr Publikum mit den aktuellsten
Preiskalkulationen zu konfrontieren. Auf die Zahlungsfähigkeit der Massen
braucht sie dabei weiter keine Rücksicht zu nehmen: Die Konkurrenz mit anderen
Unternehmern, die aus derselben Summe ihr Warenangebot bezahlt haben wollen,
muß bestanden werden, und das ist etwas anderes als ein Sachzwang zur Schonung
der Massenkaufkraft. Umgekehrt hat dieselbe Gechäftswelt sofort sinnvolle
Verwendung für jede zusätzliche Mark an „Volkseinkommen", die der
vergrößerte Staat mit Steuern und Schulden in seiner neuen Ostzone stiftet: Sie
wird von konkurrenztüchtigen Anbietern abgeschöpft. Und wo der Markt auf so
erfreuliche Weise expandiert wie im Zuge der deutschen Einigung, da wird die
neue Freiheit, die sich damit einstellt, nämlich die zu Preiserhöhungen, sofort
ausgeschöpft: Weil die Wirtschaft boomt, wird alles ein paar Prozent teurer.
Dieses Vorgehen fällt nicht unter „Vereinigungskriminalität", sondern ist
ein legitimer Beitrag zum Wirtschaftswachstum. So wird die nationale Lohnsumme
ihrer marktwirtschaftlichen Zweckbestimmung zugeführt, der Geschäftswelt ihr
Warenangebot zu versilbern, ohne daß die Lohnempfänger in den Genuß einer
entsprechend vergrößerten Warenmenge kommen müßten.
Das
logische Ergebnis ist ein wenig mehr Bereicherung dort, wo der Reichtum ohnehin
zu Hause ist, und ein wenig zusätzliche Einschränkung da, wo sowieso sparsam
eingeteilt werden muß. Im offiziellen Sprachgebrauch heißt dieses Resultat
freilich etwas anders, sehr viel unpersönlicher: Inflation. Damit ist
ausgedrückt, daß nach herrschender Lehre die Gesamtheit aller Preissteigerungen
weder einen rechten Urheber hat - außer der vermehrten Kaufkraft in der Nation
-noch irgendeinen identifizierbaren Nutznießer, sondern so etwas wie ein
marktwirtschaftliches Urphänomen ist, das sich derzeit mal wieder stärker
bemerkbar macht. Bis auf zwei Stellen hinter dem Komma wird die Teuerung als
prozentualer Geldwertschwund ausgerechnet und gilt als Übel, das auf gar keinen
Fall noch dadurch vergrößert werden darf, daß die Gewerkschaften für ihre Leute
einen entsprechenden Ausgleich verlangen. Geschieht dies, dann ist jedenfalls
klar, daß die Lohnarbeiter sich ihre zunehmende marktwirtschaftliche Schröpfung
selbst zuzuschreiben haben.
d) An
eine Schranke stößt die Freiheit allerdings schon, mit der Industrie und Handel
die gesamtdeutsche Lohnsumme geschäftlich ausnutzen: Es gibt noch eine andere
gesellschaftliche Klasse, die sich daran bereichern darf und damit die frei
verfügbaren Masseneinkommen beträchtlich schmälert. In Deutschlands marktwirtschaftlichem
Westen ist es ungefähr ein Drittel der Nettolohnsumme, was aufs Konto der Haus-
und Grundbesitzer überwiesen wird für den Dienst, Leute ohne Eigentum trotzdem
irgendwo wohnen zu lassen. Im Osten besteht hier noch ein gewaltiger
Nachholbedarf: die entsprechende Quote liegt erst bei 10 Prozent, und das bei
niedrigeren Löhnen. Immerhin: Bislang gab es im Osten für Grundeigentum gar
nichts; insofern keine schlechte Steigerungsrate.
Von zunehmender Bereicherung einer
Eigentümerklasse auf Kosten der Lohnempfänger ist freilich auch hier nicht die
Rede. Die marktwirtschaftliche Einkommensideologie mag nicht einmal bei
steigenden Mieteinnahmen den Nutznießer kennen und erklärt die Sache lieber so
unpersönlich, daß erstens niemand etwas dafür kann und zweitens eher noch das
Grundeigentum selbst - um so mehr, je unverschämter es zulangt - als unbedingt
subventionsbedürftiger Dienst an der Volkswohlfahrt dasteht: „Die
Knappheit", an Wohnungen nämlich, treibt ganz von selbst die Mieten in die
Höhe und verlangt den sozial wohltätigen Verzicht des Staates auf Steuern sowie
Zuschüsse an Vermieter, direkt oder auf dem Umweg über sozialstaatliche
Mietbeihilfen, damit „die Wohnungsnot" nicht immer schlimmer wird. Für den
Fiskus mit seinem enorm angeschwollenen Finanzbedarf, für die Sozialkassen mit
ihren schlagartig gewachsenen Aufgaben der Armutsbetreuung im Osten, für das
Grundeigentum mit seinem rasanten Neuerwerb im Osten und einer geldwerten
Wohnungsknappheit im Westen, für die Industrie einschließlich Agrar-industrie
und den Handel mit ihrem unabweisbaren Bedürfnis nach dem Geld ihrer
Kundschaft: für beinahe alle maßgeblichen ökonomischen Interessen im Lande ist
der Lohn - nicht der einzelne in seiner unerheblichen Höhe, sondern der
nationale, die Summe der sogenannten Masseneinkommen - von allergrößtem
Interesse als Geldquelle und erfreulich belastbares Mittel ihrer Kalkulationen.
Sie alle haben guten Grund, den Lohn und sein nationales Niveau zu loben, weil
sie sich daran, in Konkurrenz gegeneinander, freizügig bedienen.
Für die
Lohnarbeiter, die davon bloß leben müssen, erweist sich ihr Lohn eben damit als
höchst unzuverlässige Größe. Die Summe steht mit der Lohnabrechnung fest und
damit auch, was ihr Lebensunterhalt wert ist; aber was sie damit in
Händen haben, steht erst noch dahin, nämlich zur Disposition mächtigerer
Instanzen und ökonomischen Interessen. Diejenigen, die vom Lohn bloß leben
müssen, sind mit ihrem Lebensunterhalt die abhängige Variable der Interessen,
die Staatsgewalt und Geschäftswelt daran geltend machen - soviel ergibt allein
schon die nähere Besichtigung der Lohnsumme und des Gebrauchs, der davon
gemacht wird.
3. Der Lohn: Eine Last für alle maßgeblichen
Bilanzen
a) Neben
dem öffentlichen Lob des deutschen Lohnniveaus steht die öffentliche Kritik
daran; neben der Selbstverständlichkeit, daß Lohnempfänger hierzulande
grundsätzlich optimal bedient sind, die genauso selbstverständliche Betrachtung
des Lohns als Last, die kaum noch zu tragen ist. Es gibt auch eine klare
logische Reihenfolge zwischen diesen beiden Selbstverständlichkeiten: Die
Beteuerung, ein deutscher Lohn wäre allemal die Erfüllung alles dessen, wovon
ein Lohnarbeiter nur träumen kann, ist der Auftakt zu einem „aber", das
auf die Untragbarkeit einer solchen Entlohnung aufmerksam machen will. Der
Glückwunsch an die Lohnempfänger lebt schon von der stillschweigenden
Unterstellung, daß diese Leute mit ihrem Entgelt eine Belastung für die
Wirtschaft sind und es dafür enorm weit gebracht haben - genaugenommen
schon längst viel zu weit.
Die eleganteste Fassung dieses Tadels ist den
Fachleuten der deutschen Marktwirtschaft mit dem Argument gelungen, die Löhne
selbst wären ja allenfalls noch tragbar; zusammen mit den vom Staat
eingesammelten Lohn-„Nebenkosten" jedoch, dem „zweiten Lohn", wären
sie dann doch zu hoch. Ein schöner Einfall, die Abzüge vom Lohn, die der Staat
verhängt, als Zusatzlast zu verbuchen, die Beschränkungen beim Gesamtlohn
erfordert: Weil der Staat sich vom Lohn soviel nimmt, muß der Lohn sinken. Die
aktuelle Fortsetzung dieser attraktiven Überlegung liefert der Kanzler mit
seiner Warnung vor unzeitgemäßem Anspruchsdenken: Wo der Staat erst recht
zulangt, wegen Einigung und Solidarität, da darf erst recht kein nomineller
Zuwachs sein, der die angesammelten Lohn Verluste ausgleichen könnte. Mit
dieser Beurteilung des Lohns als Last, bei der zu fragen ist, ob „wir" sie
„uns" noch leisten können, wird der Standpunkt des Unternehmerinteresses
geltend gemacht. Stur an diesem Interesse gemessen, ist der Lohn ein
Kostenfaktor und jede Mark, die die Arbeitgeber zahlen müssen, ein Abzug vom
eigentlich möglichen Unternehmensertrag. Dieser Interessensstandpunkt der
geschäftemachenden Klasse wird ausgemalt im Lied von den Lohnkosten, die das
Betriebsergebnis auffressen, den Spaß am Unternehmen verderben, patriotische
Arbeitgeber in Auslandsinvestitionen hineintreiben, der ausländischen
Konkurrenz in die Hände arbeiten, Gegenwart und Zukunft „versagen", den Unternehmensstandort
Deutschland kaputtmachen, ehrliche Mittelständler in die roten Zahlen treiben
usw. Verlogen und leicht absurd ist dieser Standpunkt, weil er völlig davon
absieht, was die Arbeitgeber mit dem Lohn kaufen und mit den bezahlten
Arbeitskräften anfangen; verbucht werden lauter Kosten ohne den Ertrag, für den
Löhne bezahlt werden, bzw. als bloße Abzüge vom Ertrag, so als käme der auch
ohne entlohnte Arbeit zustande. Trotzdem gilt die Dauerbeschwerde über die
Lohnkosten nicht als Borniertheit von Geschäftemachern, die den Hals nie
vollkriegen, sondern als Inbegriff ökonomischer Vernunft. Alle wichtigen
Instanzen im demokratischen Gemeinwesen teilen ihn, machen dementsprechend ihre
gewichtigen Bilanzen auf - und stellen damit sicher und zugleich öffentlich
klar, daß beim Lohn der Klassenstandpunkt der Unternehmer der gültige ist, der
maßgebliche Standpunkt der ganzen Nation:
-
Alle Wirtschaftspolitiker
verbuchen die in der Nation gezahlten Löhne als nationales Problem. Den
Konkurrenzbedürfnissen ihrer Unternehmer entnehmen sie nämlich die geltenden
Anforderungen an Deutschland als brauchbaren Standort für geschäftliche
Aktivitäten; und weil solche Aktivitäten die Existenzgrundlage ihrer nationalen
Macht sind, ergreifen sie für deren Erfolg Partei. Aus Gründen ihrer
Staatsräson teilen sie die Definition der Löhne als Kostenfaktor und erheben,
praktisch wie auch ideologisch, das bornierte Unternehmerinteresse an niedrigen
Löhnen aus dem Status einer Privatsache in den Rang einer wichtigen, wenn nicht
der nationalökonomischen Erfolgsbedingung. So stehen sie für die
konsequente Durchsetzung der Systementscheidung ein, die sie gar nicht mehr zu
treffen brauchen, sondern wie eine sachliche Selbstverständlichkeit behandeln:
dafür, daß der Reichtum ihrer Nation seine Zweckbestimmung nicht in der
Befriedigung der Lohnarbeiter hat, sondern in seiner systematischen Abtrennung
von deren Bedürfnissen, in der Herabsetzung dieser Bedürfnisse zur abhängigen
Variablen der Geschäftsinteressen, auf die es ankommt und die den Lohn ein für
allemal als notwendiges Übel und Last verbuchen.
In ihrer
Eigenschaft als öffentliche Arbeitgeber für ein großes Heer kleiner
Beamter und Angestellter sind Staatsmänner von vornherein dem Standpunkt
verpflichtet, daß der öffentliche Dienst zuviel Lohn verschlingt. Geldzahlungen
an Verwaltungsamtmänner, Krankenschwestern, Lehrer usw. zählen eben nicht zu
den politischen Zwecken, an denen ihnen liegt und für die die nötigen Schulden
allemal gemacht werden; das unterscheidet die Gehaltszahlungen zum Beispiel von
der deutschen Einheit, dem deutschen Einfluß in der Welt oder auch dem
staatlichen Schuldendienst, dieser öffentlichen Zinszahlung in private Taschen,
die überhaupt nie Gegenstand von „Tarifrunden" mit den Geschäftsbanken ist.
Gewiß ist das meiste, was ein erfolgreicher Staat will und braucht, ohne
Lohnempfänger nicht zu haben; deren Entlohnung ist deswegen aber noch lange
nichts Gutes, sondern ein Schaden für den Staatshaushalt, eine Beschränkung für
die Gestaltungsfreiheit unserer gewählten Parlamente, insofern geradezu
undemokratisch, und so weiter. So folgen die Politiker mit ihrem
Arbeitgeberstandpunkt der Logik des Lohnsystems, das den Lebensunterhalt von
Arbeitnehmern nur als Mittel zum Zweck kennt - für einen so hohen Zweck, daß im
Grunde schon jede Mark in Arbeitnehmerhand irgendwie zweckentfremdet wirkt.
Sie sorgen dafür, daß alle Sphären der nationalen Gesellschaft, bis tief in den
höheren Beamtendienst hinein, dieser Logik unterworfen werden.
-
Die deutsche
Bundesbank, bewegt von der Sorge um ihr ureigenstes Produkt, die Deutsche
Mark, sieht in der nationalen Lohnsumme nicht nur überhaupt eine Last. Vor
lauter Verständnis dafür, daß die Unternehmer jede Gelegenheit zu
Preiserhöhungen nutzen und sich dafür auf die Lohnkosten berufen, hat sie den
Lohn als denjenigen volkswirtschaftlichen Kostenfaktor ausgemacht, der
überhaupt alle Preise in die Höhe treibt und damit den Wert ihrer Geldscheine
aushöhlt. Darauf kann sie als verantwortlicher Geldhüter - sagen ihre Sprecher
-nur so reagieren, daß sie ihr Geld teurer macht, also mit höheren Zinsen die
Anforderungen an gelungene Geschäfte höherschraubt: Wenn dann Lohnempfänger auf
der Strecke bleiben, weil ihre Beschäftigung sich nicht mehr lohnt, dann haben
sie die gerechte Quittung für ihren unverantwortlich hohen Lohnempfang. Eine
etwas seltsame Bilanz, die aber eins ganz klarstellt: Damit die D-Mark sich als
das bewährt, als was sie sich bewähren soll, nämlich als erstklassiges,
international geschätztes Geschäftsmittel, gehört sie nicht -eigentlich
überhaupt nicht und auf alle Fälle nicht zu reichlich - in Arbeitnehmerhand.
-
In diesem
Jahr haben sich sogar, auf Einladung des deutschen Finanzministers, die Lenker
der gesamten Weltwirtschaft, die G7, um den deutschen Lohn gekümmert.
Nach ihrer Meinung hängt zur Zeit die Entscheidung zwischen Wachstum und Krise
der Weltwirtschaft an der deutschen Konjunktur; und die hängt von den
Lohnprozenten ab, die in er diesjährigen Tarifrunde ausgehandelt werden: Je
mehr Prozente, desto mehr Krise. In diesem Sinn wurden die deutschen
Lohnempfänger ersucht, nicht für ein paar Mark auf dem Gehaltskonto die
Weltwirtschaft zu verschaukeln. Eine reichlich lächerliche Grußadresse der
Mächtigen ans deutsche Fußvolk, die aber auch immerhin eines klarstellt: Daß
der Lohn als Last gilt, ist eine Systemfrage von weltweitem Belang - die ganze
Weltwirtschaft funktioniert nach dieser Logik.
Die Wirtschafts-Sachverständigen tun, was
sie immer tun: Sie fassen die interessierten Bilanzen von Unternehmern,
Wirtschaftspolitikern, Banken, Nationalbanken, supranationalen Banken usw. in
Gutachtenform, indem sie den maßgeblichen ökonomischen Interessen mit
wissenschaftlicher Autorität den Rang von Sachverhalten verleihen, denen sich
ohnehin kein Mensch mit Verstand entziehen kann, und speziell allen
lohnfeindlichen Interessen den Charakter von Sachzwängen zusprechen, die
unbedingt zu respektieren sind. So drückt die volkswirtschaftliche Ideologie
aus, daß die Trennung und Entgegensetzung von Lohn und nationalem Reichtum eine
Frage des Systems ist, zu dem diese Wissenschaft keine Alternative kennt und
auch gar nicht für überhaupt denkbar halten will. Und alle, die da gegen den
Lohn ihre maßgeblichen Bilanzen eröffnen, verstehen sich auf den dialektischen
Schluß, daß den Lohnempfängern selbst mit höheren Löhnen am allerwenigsten
gedient wäre: Wo einerseits schlichtweg alles von bescheidenen Löhnen in
Deutschland abhängt, da hängt andererseits der deutsche Lohn selbst von so
ziemlich allen Rechnungen ab, die er beeinflußt; seine Höhe, von der man so gut
leben kann, hängt von seiner Niedrigkeit ab. Eine verrückte Rechnung, der ihr
Realismus jedoch nicht zu bestreiten ist: Sie bestätigt, daß der
Lebensunterhalt von Lohnarbeitern von einem Wirtschaftssystem abhängt, das
dafür eigentlich nichts übrig hat, nur bedingt möglichst wenig.
b) Das
Gejammer der Unternehmer über die erdrückenden Lohnkosten ließe sich vielleicht
abbuchen unter die Beschwerden, die allemal erhoben werden, wenn irgendwem
irgendein Preis mal wieder zu hoch vorkommt. Alle anderen Preise aber, über die
im Namen der Nation öffentlich geklagt wird, werden gezahlt - oder eben nicht,
wenn jemand nicht zahlen mag oder kann -; denn sie werden von Geschäftsleuten
gemacht und verlangt, die ihre Kalkulation angestellt und ihre Konkurrenz im
Visier haben. Da begleitet das Gejammer die Sachzwänge des Marktes. Das ist
beim Lohn ganz anders.
Über diesen „Preis" wird Jahr für Jahr
unter großer öffentlicher Anteilnahme diskutiert, gerechtet und entschieden;
und dabei werden alle Gesichtspunkte, unter denen der Lohn als Last kritisiert
wird, zu Bestimmungsfaktoren für die Festsetzung der Tarife, oder sie werden
als bestimmende Faktoren für die festgesetzten Löhne in Erinnerung gerufen und
bekräftigt. Denn diese Gesichtspunkte treffen nicht auf Geschäftsleute, die aus
Produktionskosten und Gewinninteressen ihre Preisforderung herausrechnen und
alles tun, um sie gegen die Konkurrenz durchzusetzen, sondern auf eine
Gewerkschaft, die einen Streit um Rücksichtnahme auf die Lohnarbeiter führt und
dabei selbst auf alle Interessen und Argumente Rücksicht nimmt, die gegen den
Lohn sprechen. Die Tarifunterhändler der deutschen Gewerkschaften jedenfalls
brauchen nicht erst von ihren Verhandlungspartnern an die prinzipielle Abhängigkeit
der Arbeitnehmer von den Arbeitgebern erinnert, also mit den tatsächlich
herrschenden ökonomischen Machtverhältnissen konfrontiert zu werden, die in der
allgemeingültigen Einschätzung des Lohns als Last unterstellt und gebilligt
sind. Die gewerkschaftlichen Tarifpolitiker bemessen von vornherein ihre
Forderung nach Lohn-„Angleichungen" an dem Spielraum, den sie dafür aus
dem Wachstum des nationalen Geschäftsgangs und seiner Überschüsse
herausrechnen; sie fordern bewußt vom Standpunkt der abhängigen Variablen, der
Abhängigkeit des Lohns vom Erfolg der Geschäftswelt aus. Sogar eine
Diskontsatzerhöhung der Bundesbank, veranstaltet im Namen der Ideologie, so
wäre „der Preisauftrieb zu dämpfen", macht ihnen jenseits aller sachlichen
Zusammenhänge, aber ganz im Sinne der offiziellen Währungshüter-Ideologie
soviel Eindruck, daß sie darin einen Eingriff in ihre Tarifautonomie sehen,
also politischen Druck verspüren und sich den zu Herzen nehmen. Daß bei der
Neueinstellung von Arbeitslosen die gültigen Tarife offiziell unterboten
werden, also die Notlage von Entlassenen zur Lohnsenkung ausgenutzt wird,
dulden die Gewerkschaften nicht; dem erpresserischen Argument von Arbeitgebern
aber, die Einstellung von Arbeitskräften wäre ihnen allenfalls bei niedrigeren
Löhnen möglich und käme bei gegebenem Lohnniveau jedenfalls überhaupt nicht in
Frage, mögen sie sich nicht entziehen und bieten schon ein- mal von sich aus
Lohnopfer an, wenn dafür die „vorhandene Arbeit" auf mehr Beschäftigte
„umverteilt" würde - ersteres ist in vergangenen Tarifrunden gern
akzeptiert worden, letzteres ein frommer Wunsch geblieben, dessen Erfüllung
sich die Gewerkschaftsexperten auf eigene Faust aus den Entlassungszahlen der
jeweils folgenden Jahre herausrechnen.
So gehen
die Bilanzen, also Interessen derer, die Lohnzahlungen als Belastung rechnen,
in die Bestimmung der Lohnhöhe ein - und das ganz ohne Macht- und
„Verteilungskämpfe". Kommt es doch zum Streit, weil die entgegengesetzten
Rechnungen nicht ganz auf einen Nenner kommen, und zum Streik, weil die
Gewerkschaftsseite sich die Selbstherrlichkeit der Unternehmerseite nicht
bieten lassen kann, dann bieten deutsche Gewerkschaften meist das lächerliche
Schauspiel einer Arbeitermacht, die für halbe oder Zehntel Anpassungsprozente
mobil macht. Am Ende bleibt allemal der Lohn der einzige „Preis" in der
Marktwirtschaft, der maßgeblich nach den Interessen derer kalkuliert und immer
neu durchkalkuliert wird, die ihn zahlen müssen.
„Finden"
- wie sich die deutschen Gewerkschaften in ihrer Redeweise von der
„Lohnfindung" ausdrücken - lassen sich die Lohnbeträge auf diese Weise
allerdings auch nicht; bzw. nur auf der Grundlage, daß sich längst der Tarif
herausgebildet hat, mit dem einerseits das nationale Geschäft über die
Jahrzehnte zuerst wunderbar und dann weltrekordmäßig gewachsen ist und den sich
auf der anderen Seite die Lohnempfänger als ihren „Lebensstandard" haben
gefallen lassen. Ohne Machtkämpfe zwischen den ungleichen Parteien der
Marktwirtschaft ist da nichts zustandegekommen; aber deren Ergebnis ist längst
zur Gewohnheit geworden; und was sich ein lohnarbeitender Zeitgenosse
ortsüblicherweise in seinem Leben leisten kann, das gilt seither als guter
Grund für die Fortschreibung der Lohntarife. Die Auseinandersetzungen, die die
deutschen Gewerkschaften Jahr für Jahr führen, funktionieren nur deswegen in
ihrer Art, weil im Prinzip sowieso festliegt, wieviel Geld ein Lohnarbeiter
bekommt, und normalerweise nur die kleine Zusatzfrage zur Entscheidung ansteht,
inwieweit Preissteigerungen sowie Änderungen in der nationalen Wachstumsbilanz
zu einer Lohnanpassung führen sollen.
c) Diese Zusatzfrage kann freilich bei
Gelegenheit durchaus gewichtig werden; das ist gerade jetzt, in den ersten
Tarifrunden im wiedervereinigten Deutschland, der Fall. Dies allerdings nicht
deswegen, weil die Gewerkschaften ganz außerordentlich zulangen und allen
Ernstes Umverteilungskämpfe zugunsten der Lohnempfänger führen wollten, sondern
aus dem entgegengesetzten Grund. Ganz ohne „Tarifpoker",
„Schlichtung" und „Kompromiß" verstaatlicht die Regierung zusätzlich
merkliche Lohnteile und dezimiert „die Inflation" den verbleibenden Rest.
Vom Lebensstandard, den Lohnarbeiter sich leisten können, nehmen diese
Staatsinitiativen und Geschäftsstrategien einiges weg, woran man in der Bundesrepublik
gewöhnt war und worauf die Gewerkschaft so etwas wie ein moralisches
Gewohnheitsrecht reklamiert. Nun sollen die Gewerkschaften, nach dem Willen der
Regierung und dem Interesse der Unternehmer, in der laufenden Tarifrunde
offiziell im Namen der Betroffenen auf den Teil des historisch
zustandegekommenen und zu einer Art moralischem Anrecht gediehenen Lohns verzichten,
den die Nation angesichts ihrer neuen historischen Lage und mit ihren neuen
moralischen Ansprüchen für entbehrlich erklärt und praktisch ohnehin beseitigt.
Die Art, in der die deutschen Gewerkschaften fast schon seit Menschengedenken
die Lohnfrage rituell aufwerfen, soll sich in dieser Lage neu bewähren. Sie
soll den guten Grund, der diesmal hinter der offiziellen Zumutung einer ausdrücklichen
Lohnsenkunsvereinbarung steht, anerkennen und im Streit um gerechte Abmilderung
ihre Klientel daran gewöhnen, daß es ohne den verlangten Verzicht nicht geht.
Das Exempel wird am öffentlichen Dienst durchgezogen, weil hier der gute Zweck,
die Bewältigung des staatlichen Finanzbedarfs, und das Arbeitgeberargument für
Lohn verzieht unmittelbar zusammenfallen. Die Gegenwehr der Gewerkschaft wird
öffentlich mit dem Vorwurf bedacht, sie hielte sich in neuer Lage an ihr altes
Droh-und Streikritual - dabei baut in Wahrheit die Arbeitgeberseite darauf, daß
der Gewerkschaft zur eingeleiteten „Wende" in der nationalen Tarifpolitik,
nämlich in Richtung auf die Unterschrift der Gewerkschaft unter die politisch
verlangten Verzichtsleistungen, nichts anderes als ihr altes „Ritual"
einfällt: ein Streik, der den Mitgliedern zum Minus-Ergebnis die Genugtuung
verschafft, daß es erkämpft wurde und ein noch schlechterer Abschluß
abgewendet.
Und es
kommt wie bestellt. Der Abschluß erreicht kaum die offizielle Teuerungsrate,
und die Basis wird mit dem Hinweis getröstet, es sei ohnehin nicht um die
Durchsetzung von „Maximalforderungen" gegangen, sondern um die Brechung
eines Arbeitgeberdiktats. Dafür kommt es auf einen Hunderter mehr oder
weniger tatsächlich nicht an.
4. Der Lohn: Preis für einen
„Produtionsfaktor",
dessen Leistung der Käufer definiert
Der
Standpunkt, wonach die Löhne im Wesentlichen eine Last für die Wirtschaft
darstellen, ist allgemeingültig, theoretisch wie praktisch; er ist auch in
durchschlagender Weise lohnwirksam; nichtsdestotrotz ist er verlogen. Denn er
ignoriert die Dienste, die sich die Arbeitgeber durch Lohnzahlungen verfügbar
machen.
In gewisser Weise ist das zwar eine sehr
passende Sicht der Dinge. Sie spiegelt in aller Borniertheit die
Selbstverständlichkeit wider, mit der die Arbeitgeber die Lohnarbeit als ihr
Mittel und sonst nichts behandeln, so daß es am Ende tatsächlich als Ärgernis
erscheint, daß sie sie noch bezahlen müssen. Ansonsten ist es ja wirklich ihre
Sache, die Lohnarbeit einzusetzen, wie es ihnen paßt - auch das eine Umkehrung
aller Marktverhältnisse: Normale Waren haben ihren Gebrauchswert und sind nur
gemäß ihren nützlichen Eigenschaften fürs Geschäftsinteresse des Käufers
einsetzbar. So festgelegt ist die gekaufte Arbeit nicht. Eben deswegen ist es
allerdings auch so absurd, ausgerechnet in der Lohnsumme diejenige Größe
auszumachen, mit der alles über das geschäftliche Schicksal der Arbeitgeber
entschieden wäre. Das Entscheidende kommt erst noch, wenn der Lohnempfänger mit
seiner Arbeitszeit seinem Arbeitgeber gehört: die Lohnarbeit.
a) Mit
dem Lohn kaufen sich die Unternehmer einen Produktionsfaktor eigentümlicher Art.
Die eingestellten und bezahlten Kräfte bringen zwar einiges mit in die Firma
und vor allem zum Einstellungsgespräch: Prüfungs- und andere Zeugnisse,
Erfahrungen und Ausbildung, Geschick und guten Willen, einen Beruf und
womöglich sogar einen Stolz darauf. Ob und wie das Unternehmen aber von den
mitgebrachten Fähigkeiten Gebrauch macht, das liegt gar nicht an dem, was diese
lebenden Produktionsfaktoren in eigener Person mitbringen. Sie werden - das
ist in einer modernen Marktwirtschaft wie der deutschen längst die Regel - auf
einem Arbeitsplatz eingewiesen, angelernt und dann „beschäftigt", an dem
ganz unabhängig von ihnen und getrennt von allen beruflichen Qualifikationen
sachlich festgelegt und vorgegeben ist, worin die Arbeit besteht, wie und in
welchem Durchschnittstempo sie zu erledigen ist und was dabei herauskommt.
Schon längst ist es nicht mehr so, daß das Unternehmen seinen Werktätigen gute
Arbeitsmittel bereitstellt und anschließend darauf aufpaßt, daß sie sich in der
richtigen Weise reinhängen in ihre Arbeit: Ihre Arbeit in dem Sinn ist
es gar nicht, was moderne Arbeitskräfte an ihrem Arbeitsplatz verrichten; daß
sie einen Arbeitsplatz bedienen, dessen Ausstattung, organisatorische
Einordnung, Ertrag und daraus abgeleiteter Bedienungsbedarf ganz Sache der
Firma sind, trifft es viel besser. Von beruflichen Fähigkeiten und moralischen
Qualitäten ihrer „Mitarbeiter" haben fortschrittliche Unternehmen sich
unabhängig gemacht; Inhalt und Produktivkraft der Arbeit sind ihre Vorgaben an
die eingestellten Kräfte: Potenzen derer, die die Arbeit „geben". Daraus
folgt dann, was an den eingestellten Lohnarbeitern und von ihren mitgebrachten
Qualitäten benutzt wird; daraus wiederum ergibt sich, auf welche Fähigkeiten,
womöglich sogar intellektueller oder handwerklicher Natur, es bei welcher
Gelegenheit doch ankommt. Das grundsätzliche Verhältnis wird dadurch aber nicht
revidiert, daß der Beschäftigte an einem modernen Arbeitsplatz dessen
Anforderungen zu entsprechen, sich denen gemäß zu machen, nicht sich der bereitgestellten
Arbeitsmittel, sondern mit der eigenen Person den vorgegebenen Ablauf zu
bedienen, seinen Arbeitsplatz also im Wesentlichen auszuhalten hat.
Dieses Verhältnis erlaubt es dem Betrieb außerdem, sich auch über manche
physischen und physiologischen Schranken hinwegzusetzen und die verlangte
Arbeit in einer Weise zu intensivieren, die mit besonderer individueller
Tüchtigkeit gar nichts zu tun hat: die sinnreiche Zerlegung von
Arbeitsschritten und „ergonomische" Zusammensetzung von Handgriffen zu
ganzen Berufstätigkeiten verfolgt und erreicht - in Deutschland schon längst -
das Ziel, keine Sekunde der im Betrieb verbrachten Arbeitszeit ungenutzt
verstreichen zu lassen.
In der guten Meinung der Öffentlichkeit über die
Arbeitswelt wird diese Sachlage gerne in Form einer menschenfreundlichen
Rechnung vorstellig gemacht. Danach wenden die Arbeitgeber enorme
Investitionskosten für die Bereitstellung von Arbeitsplätzen auf, um so dem
hohen Ziel der Beschäftigung zu dienen. Als müßte, wenn es um dieses Ziel
ginge, soviel Aufwand getrieben werden; als ließe sich ein Unternehmen jeden
seiner Arbeitsplätze eine halbe oder ganze Million, oder was für Zahlen da
immer in Umlauf gebracht werden, kosten, um anschließend einem
„Mitarbeiter", der einen solchen Platz ausfüllt, 30 oder 40 Tausender im
Jahr zuwenden zu können - bis nach zwei oder vier Jahren von neuem alles
umgestellt und neu eingerichtet und dabei übrigens ganz nebenher mancher
Arbeitsplatz weg"rationalisiert" wird. Tatsächlich beweisen die
großartigen Beträge, die deutsche Unternehmen für ihre spitzenmäßigen
Betriebseinrichtungen aufwenden, den umgekehrten Zusammenhang: Soviel lassen
sie es sioh kosten, die Produktivität der Arbeit, die sie anwenden, von den
Potenzen und Qualifikationen, die die Arbeitskräfte mitbringen, zu lösen, sie
über jedes dem Individuum verfügbare oder von ihm noch abhängige Maß
hinauszutreiben, damit der Ertrag der Arbeit ihren Möglichkeiten und
Ansprüchen entspricht und nicht mehr den Fähigkeiten ihrer Dienstkräfte. Wenn
man so will, dann stimmt an der Beschäftigungsideologie genau soviel: Moderne
Arbeitgeber wenden enorme Summen auf, damit an ihren Arbeitsplätzen wirklich
nichts anderes geleistet wird als pure „Beschäftigung" nach Art und
Bedürfnis des Hauses.
Mit dem
Lohn kauft sich das Unternehmen also genaugenommen bloße Arbeitskräfte, die
beliebig einsetzbar sind für das, was die Arbeitsplätze noch an menschlicher
Bedienung brauchen. Als „Produktionsfaktor" haben Lohnarbeiter allen anderen
Produktionsfaktoren nämlich genau diese entscheidende Eigenschaft voraus, in
ihrem Gebrauchswert und ihrer Leistungskraft nicht festgelegt zu sein, nicht
bedient werden zu müssen, sondern für jede Sorte Gerätebedienung
hergenommen werden zu können. Sie sind der unerläßliche „subjektive
Faktor" im Produktionsprozeß, der diesen in Gang setzt und hält, und als
solcher zugleich zu dessen Anhängsel herabgesetzt. Was sie liefern, ist Arbeit
schlechthin: abstrakte Arbeit, für deren konkreten Inhalt das Unternehmen
selber sorgt.
b) Die
Bemühungen der Arbeitgeber, ihren Arbeitskräften Arbeitsplätze vorzugeben, die
nicht nach deren Vermögen, sondern nach den produktiven Potenzen des großen
geldmächtigen Eigentums gestaltet und durchorganisiert sind, folgen einer
kalkulatorischen Richtlinie, die jedem Betriebswirt selbstverständlich ist: Bei
dem gesamten kostspieligen Aufwand geht es um Kostensenkung. Der
Vorschuß steigt, damit der Ausstoß verkäuflicher Produkte noch stärker steigt,
so daß jedes einzelne den Unternehmer billiger kommt, als wenn seine Arbeiter
mit Handwerkerfleiß, Werkzeug und Geschick ans Fabrizieren gingen; und das
allein ist entscheidend.
Mit dieser Stückkostenrechnung setzen sich die
Unternehmer auch zu der Arbeit, die in ihrem Betrieb geleistet wird, in ein
kalkulierendes Verhältnis: Sie kalkulieren mit den Lohnstückkosten, die dem
deutschen Unternehmungsgeist bekanntlich so zu schaffen machen. Lohn ist für
die Unternehmer eben auch ein Kostenfaktor, den sie anteilig in jedes Produkt
hineinrechnen und der, weil Kost, zu senken ist. Die negative Stellung gegen
den Lohn ist damit klar genug, der bloße Kosten (senkungs)-standpunkt
allerdings hier gar nicht der Witz - sonst wäre noch allemal die Einstellung
der Produktion die kostengünstigste Lösung. Entscheidend ist, wieviel Stück die
„Kost", nämlich die bezahlte Arbeit hergibt; darum kümmert
sich das Unternehmen in der Gestaltung seiner Betriebsabläufe. Die
Lohnstückkostenrechnung ist die Rechnungsweise zu einer Unternehmensstrategie,
die darauf zielt, pro Einheit bezahlter Arbeit immer mehr Ertrag herzukriegen.
Und das ist eingeordnet in die Gesamtstückkostenkalkulation des Unternehmens
und seine entsprechenden Bemühungen, mit größerem Aufwand dafür zu sorgen, daß
der Aufwand, aufs einzelne Produkt gerechnet, sinkt. Denn das eröffnet die
Konkurrenzchancen, auf die es Betriebswirten ankommt: Zum alten Preis verkauft,
wächst ganz direkt der Überschuß, den jede Ware einspielt; mit dem gewohnten
Profit verkauft, lassen sich Konkurrenten unterbieten und aus dem Feld schlagen
-in Europa, Japan und anderswo; zu Hause wird derweil über „sinkende
Erlöse" gejammert.
Wie
gesagt, die Lohnarbeiter sind als Faktor unter diese Rechenart subsumiert. Kein
Unternehmer nimmt sie mit seinen Aufwands- und Ertragsrechnungen absichtsvoll
anders ins Visier als seine weniger lebendigen Produktionsmittel; es gibt kein
Interesse, sie zu drangsalieren oder „auszubeuten"; in Deutschlands
Unternehmen jedenfalls werden, wie alle Produktionsanlagen, auch Arbeitsmoral
und Betriebsklima gepflegt und so weiter. Nicht moralisch, wohl aber ökonomisch
gibt es jedoch immerhin einen wesentlichen Unterschied in der Behandlung der
beiden verschiedenen Faktoren der Stückkostenrechnung: Der Aufwand für den
einen, der sich in Arbeitsplätzen darstellt, wird gesteigert, um auf der
anderen Seite die Zahl der Arbeitskräfte, die bezahlt werden müssen, im
Verhältnis zum Gesamtprodukt zu senken. Sicher, es gibt sogar im neuen
Deutschland Betriebe, die ihr Spezialgeschäft mit alter, billiger oder längst
abgeschriebener Maschinerie betreiben; aber das ist überhaupt nicht die Regel -
das ist sogar gelehrten Menschen aufgefallen, die nach längerem heftigem
Forschen eine allgemeine „Tendenz" zu „arbeitssparendem" statt „kapitalsparendem
technischem Fortschritt" ermittelt haben. Darin liegt ein Hinweis auf die
wirkliche ökonomische Zweckmäßigkeit, die von den Unternehmern mit ihren
Stückkostenrechnungen ganz systemgemäß befolgt und exekutiert wird:
Wenn
nach deren Rechnung Stückkostensenkung ansteht, geht es in Wahrheit um
Ertragssteigerung; und das entscheidende Mittel dafür ist nicht dieser oder
jener Kostenfaktor, sondern die Produktivität der angewandten Arbeit. Die
Methode, um das Ideal der Kostensenkung wahrzumachen und aus dem Vorschuß immer
mehr und billigere Produkte herauszuholen, besteht darin, die Arbeitskräfte mit
solchen Arbeitsplätzen auszustatten, daß aus jeder Stunde, die der Laden läuft,
also aus jeder ihrer Arbeitsstunden ein Ausstoß herauskommt, der mit
seinem Verkaufswert pro Stück den gesamten Aufwand pro Stück in immer schönerer
Größenordnung in den Schatten stellt. Insofern geht es darum, die Arbeit, die
das Unternehmen braucht und kauft, ertragreicher zu machen, und zwar nach einem
ganz abstrakten, nämlich rein quantitativen Maß: Weniger Arbeitszeit steckt im
einzelnen Produkt; mehr geldwertes Produkt fällt an pro bezahlte Arbeitszeit.
Was sich auch so ausdrücken läßt: Mehr Reichtum entsteht, der von Rechts wegen
nicht dem Arbeiter gehört, der mit dem Lohn das Seine schon hat, sondern dem
Unternehmen - das ja auch das Verkaufsrisiko ganz allein trägt, jedenfalls bis
der Risikofall eintritt, denn dann wird die Belegschaft per Entlassung in die
Erwerbslosigkeit am Konkurs beteiligt...
Dieses Ergebnis, daß die Steigerung der
Produktivität der Arbeit nicht die Arbeiter, sondern die Unternehmer
reicher macht, ist wieder so geläufig, daß es dazu längst eine
Rechtfertigungsideologie gibt: Wachsende Arbeitserträge ständen -„nicht zuletzt
auch" - dem Unternehmen zu, weil sie eben weniger oder gar nicht dem
„Faktor Arbeit", stattdessen mehr dem „Faktor Kapital"
zugutezuhalten, also auch als ihr jeweiliger Beitrag zum Gesamtergebnis zu
vergüten wären. Das ist sehr edel gedacht, die Arbeiter mit ihren
Lebensbedürfnissen moralisch immerhin auf eine Stufe mit ihren Arbeitsmitteln
und -platzen zu stellen, als deren Gewerkschaft man sich die Arbeitgeber
offenbar vorstellen soll; aber gerecht ist es dennoch nicht. Denn wenn schon
die Produktivität der Arbeit getrennt von der Arbeit gewürdigt
werden soll, dann muß man schon zugeben, daß sie heutzutage voll und ganz
Betriebseigentum ist und nichts weiter übrigbleibt, was der nackten Arbeit als
ihr Anteil zuzurechnen wäre - zumal die ja auch, sobald sie stattfindet,
gekauft, also Eigentum des Unternehmens ist. Man darf diese großzügige
Zurechnungsidee, die eigentlich bloß die reichlich unterschiedlichen Ergebnisse
der Lohnarbeit für die Unternehmer und die Arbeiter als gerechte Aufteilung
erläutern will, gar nicht beim Wort nehmen, sonst käme auf einmal ein Hinweis
auf die Wahrheit heraus: Dem Unternehmen gehört sein gesamter Ertrag,
weil es ja mit seinem Eigentum dafür sorgt, daß aus der Arbeit, die ihm
außerdem auch gehört, überhaupt etwas Gescheites herauskommt.
Dem
steigenden Reichtum des Unternehmens entspricht auf der anderen Seite eine
relative Lohn-„Ersparnis": Als Kost gerechnet und aufs Produkt
bezogen, also als Lohnstückkost, sinkt der Preis der Arbeit in dem Maß, in dem
ihre Produktivität steigt. Immer weniger Lohnkost ist im Wertprodukt des
Unternehmens enthalten; die „Schere" zwischen geschaffenem Reichtum und
Entgelt geht, wie von selbst und ohne daß jemand das geplant und per
Stasi hätte durchsetzen müssen, immer weiter auf.
Ein
Nebeneffekt ergibt sich auch, der das Prinzip der ganzen Sache noch einmal
schön beleuchtet; nämlich dann, wenn der wachsende Output, den jede sachgerecht
an einem fortschrittlichen Arbeitsplatz verbrachte Arbeitsstunde
bewerkstelligt, an Marktschranken stößt, also die Konkurrenz dem
Unternehmenserfolg Grenzen setzt. In so einem Fall antwortet kein Unternehmen
mit einer Minderung der Arbeitsproduktivität, was im Sinne des berüchtigten
„Gesetzes" Angebot und Nachfrage durchaus wieder zur Deckung brächte. Im
Gegenteil: An der Effektivierung jeder bezahlten Arbeitsminute wird erst recht
weiterentwickelt, was der technische Fortschritt hergibt. Die
„Marktanpassung" erfolgt ausschließlich über den anderen
„Produktionsfaktor"; an dem wird da einmal wirklich und in größerem Stil
gespart. Entlassungen sind - in solchen Fällen, aber auch umgekehrt dann, wenn
es darum geht, die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens durchgreifend zu
stärken, so daß es andere zur „Marktanpassung" zwingen kann - ein so
selbstverständliches Muß der kalkulatorischen Vernunft, daß sie
„Rationalisierungen" heißen; deswegen ist ihnen auch nicht mit so etwas
schon im Namen Widersprüchlichem wie „Rationalisierungsschutzabkommen"
beizukommen, durch die in Deutschland tatsächlich auch nichts anderes geschützt
wird als das Mitspracherecht der Gewerkschaft beim Entlassen.
Lohneinsparungen im ganz banalen Sinn - der Mensch bekommt weniger - ergeben
sich im Zuge „rationeller" Produktionsumstellungen im Übrigen auch noch in
anderer Weise: durch Neueinstufung alter sowie die entsprechende Ersteinstufung
neuer Arbeitsplätze in der Hierarchie der Lohngruppen, von der noch die Rede
sein wird.
Für die menschenfreundliche Deutung dieses
Zusammenhangs zwischen Fortschritt und Lohnsenkung ist in der Bundesrepublik
seit langem eine der unverschämteren betriebswirtschaftlichen Ideologien über
die Lohnkosten zuständig. Sie stellt die Freiheit des kapitalkräftigen
Unternehmertums, seine Lohnaufwendungen erstens ertragreicher zu machen und
zweitens zu senken, als Zwang dar, den die hohen Löhne den um
Beschäftigung bemühten Arbeitgebern auferlegen würden: Ihre unverantwortbare Höhe
brächte die Geschäftswelt unter den Sachzwang, mit Rationalisierungen und
Entlassungen gegenzusteuern, um überhaupt noch irgendwelche konkurrenzfähigen
Arbeitsplätze zu retten. Diese Verdrehung von Freiheit und Notwendigkeit
leuchtet in der Marktwirtschaft allgemein ein; allerdings nicht, weil die Not
der Unternehmer mit überhöhten Löhnen jemals ermittelt worden wäre, sondern
weil fürs bornierte und als nationalökonomische Sachlage anerkannte
Unternehmerinteresse überhaupt jede Lohnzahlung, egal in welcher Höhe, zu hoch
ist und keine bezahlte Arbeitsstunde jemals ertragreich genug. Deswegen ist den
Fortschrittsstrategien der Unternehmer aber auch so unverkennbar anzusehen, daß
sie nie und nimmer die Reaktion auf irgendwelche Rechnungen sind, die der Faktor
Lohn ihnen aufmachen würde. Ganz von sich aus betreibt die Geschäftswelt ihren
gigantischen Aufwand - und wenn ein Sachzwang herrscht, dann der, daß die
geschäftstüchtigen Konkurrenten sich wechselseitig in diesen Aufwand
hineintreiben -, um die entlohnte Arbeitszeit ihres Personals nach ihrem
Bedürfnis immer effektiver zu gestalten. Deswegen kommt ja auch bei allem
technischen Fortschritt nie heraus, daß den Lohnarbeitern im Verhältnis zum
gesteigerten Ertrag gerechterweise mehr Lohn gezahlt würde.
c) Und
erst recht nicht, daß das Unternehmen im Verhältnis zum verminderten
Zeitaufwand die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter verkürzt. Ganz im Gegenteil: Je
mehr die Unternehmen aus der Arbeitszeit ihrer Beschäftigten herausholen, um so
mehr Arbeitszeit suchen sie aus ihren Beschäftigten herauszuholen.
Aus
Sicht der Unternehmer ist das schon wieder ein Sachzwang. Der Aufwand für
Maschinerie und Anlagen, mit dem sie die menschliche Arbeit auf die abstrakte
subjektive Zutat des Bedienens reduzieren, ist für sie nämlich mehr als bloß
ein Mittel, das sie in ihrem Interesse wirken lassen. Daß der Einsatz ihres
Eigentums Erträge erbringt, betrachten sie keineswegs als ihr persönliches
Spekulationsrisiko, sondern als ihr gutes Recht, das sie sich mit der
Festlegung von Kapital erwerben -tatsächlich gibt es ja auch eine ganze
Abteilung marktwirtschaftlicher Geschäftsverhältnisse, in denen die Vermehrung
angelegter Gelder den Charakter eines gesetzlich geschützten Anrechts hat,
nämlich als Rechtsanspruch auf Zinsen eingerichtet ist. Im gängigen Zinssatz
haben hart kalkulierende Unternehmer daher gleich auch den Maßstab vor Augen,
an dem sie ihr vorgestelltes Recht auf Gewinn quantitativ bemessen: Soviel muß
allermindestens herauskommen. Es muß wirklich, soweit sie ihre Investitionen
auf Pump finanziert haben; und wenn nicht, dann können sie sich ganz leicht
sich selbst als ihre eigenen Geldgeber vorstellen, die an sich selber
Zinsansprüche haben. Wie auch immer: Festgelegtes Kapital, das brachliegt,
statt produktiv genutzt und verschlissen zu werden, ist für die
betriebswirtschaftliche Kalkulation schon so gut wie ein Minusgeschäft, weil
umgekehrt jedes Stück Zeit, in dem gearbeitet wird, so gut wie bares Geld.
Und das ist auf alle Fälle Grund genug für den
Großangriff auf alle traditionellen Arbeitszeitgebräuche, den Deutschlands
Unternehmer seit längerem führen und den die deutschen Gewerkschaften über
einige Tarifrunden hinweg mit einem sehr entgegenkommenden Tauschangebot
„gekontert" haben: rechnerische Verkürzung der individuellen Arbeitszeit
gegen Flexibilisierung der individuellen und Ausdehnung der Gesamt-Arbeitszeit
nach Bedarf der Firma, nötigenfalls rund um die Uhr und über alle Wochenenden
hinweg. Seit dem epochalen Durchbruch bei der Wochenarbeitszeit, auf den vor
allem die IG Metall sehr stolz ist, wird in Deutschlands Betrieben nicht bloß
ein wenig schneller und ohne gewohnte Unterbrechungen durch Pauschen und freie
Minuten, sondern außerdem nach Schichtplänen gearbeitet, mit denen sich die
Unternehmer von allen Einschränkungen der täglichen und wöchentlichen
Produktionszeit freimachen.
Dieser
Fanatismus des Dauerbetriebs hat etwas von einer Klarstellung an sich. Er
stellt jedenfalls ganz praktisch die erwähnte Theorie richtig, wonach der
hierzulande übliche „technische Fortschritt" ein „arbeitssparender"
sein soll: Bei jedem gegebenen „Stand der Technik", auf Grundlage
jedes Fortschritts in dem immerwährenden Bemühen, die pro Stück
Betriebsergebnis nötige Arbeitszeit zu reduzieren, wollen Unternehmer
von der Arbeit soviel wie möglich. Nach 40 Jahren bundesdeutschem
Fortschritt zeugen lauter Kunstgriffe in Sachen Arbeitszeit und
Betriebslaufzeiten davon, daß der Nutzen der abstrakten Arbeit, die da auf
immer höherem Produktivitätsniveau eingesetzt wird, wie eh und je in ihrer puren
Dauer liegt. Arbeitszeit wird in der Produktion gespart, um davon dann erst
recht nie genug kriegen zu können; das ist die eigentümliche Dialektik des
„arbeitssparenden Fortschritts". Denn mit ihrer Dauer schafft die Arbeit
den ökonomischen Stoff - das Geld -, der als das ureigene Produkt dieser
Wirtschaftsweise zu bezeichnen ist.
Nebenbei gibt das heftige Begehren nach
allzeitiger Verfügung über Arbeitskraft eine kleine Richtigstellung her zum Lob
der „kapitalintensiven Arbeitsplätze", die gleichsam von sich aus Technik
und Wissenschaft in Ware verwandeln würden, und zu dem marktwirtschaftlichen
Wahn, es wäre gewissermaßen eine Eigenschaft des investierten Kapitals selber,
„sich" zu verwerten. All die wunderbaren „kapitalintensiven Arbeitsplätze",
die ein modernes Unternehmen hinstellt, sind für sich genommen ein reichlich
unflexibler, ja nichtsnutziger „Produktionsfaktor": Sie bewirken überhaupt
nichts, wenn sie nicht „ausgefüllt" und bedient werden; insoweit sind und
bleiben sie doch bloße tote Instrumente, mit denen das Unternehmen seine
Arbeitskräfte ausstattet und arbeiten läßt. Nicht nur ihr Gebrauchswert bleibt
ungenutzt; auch ihr ganzer Wert, das für sie ausgegebene Geld, bleibt liegen
und verkommt, wenn keine menschliche Arbeit sie in Gang setzt und hält. Das
Umgekehrte wird allgemein für gültig erachtet: daß Lohnarbeiter aufgeschmissen
sind ohne Arbeitsplatz; das ist ja auch das gesellschaftlich gültige,
rechtmäßige Erpressungsverhältnis zwischen Eigentum und bloßer Arbeitskraft.
Weniger anerkannt, schon gar nicht als gültiger Standpunkt, ist die ökonomische
Tatsache, daß alles Kapital nichts taugt ohne Arbeit; daß der ganze Aufbau an
modernen Produktionsanlagen sich erst lohnt, wenn Lohnarbeiter damit das
Betriebsergebnis hinstellen: ein geldwertes Produkt. Erst darin verfügt das
Unternehmen wieder über den Wert, den es in seine Produktionsanlagen und
-mittel hineingesteckt hat und gemäß deren veranschlagter Benutzungszeit
„abschreibt", d.h. als Kostenbestandteil im produzierten Warenwert
verrechnet; und eben nicht nur über den: Jede Arbeitsstunde verschafft dem
Unternehmen ein Betriebsergebnis, dessen Geldwert den pro Stunde gerechneten
Gesamtaufwand übersteigt. Die Arbeitskräfte kosten die Firma nichts, wenn sie
nicht arbeiten, noch nicht einmal einen rechnerischen Zins wie die
brachliegenden Produktionsmittel; nur lohnt sich dann eben auch nichts, am
allerwenigsten das in die Betriebsanlagen investierte Kapital, das sich von
allein noch nicht einmal zu amortisieren vermag. Umgekehrt läßt der Einsatz des
„subjektiven Faktors" den Investitionsaufwand im Produktwert wiederkehren und,
was schließlich Zweck der ganzen Veranstaltung ist, neuen Warenwert
entstehen. Deswegen kann die Unternehmenswelt davon nie genug bekommen.
Das ist die ökonomische Wahrheit in jener Rechnung mit negativer Verzinsung
bzw. den Vorteilen einer beschleunigten Abschreibung, die dazu geführt hat, daß
das freie deutsche Unternehmertum ab Mitte der 80er Jahre die vielen Unterbrechungen
der Lohnarbeit - am Tag, in der Woche, im Jahr - einfach nicht mehr ausgehalten
hat. Der Verzicht auf eine einzige Arbeitsstunde am Tag und womöglich einen
ganzen Tag pro Woche wurde den Arbeitgebern zunehmend unerträglich -eben
aufgrund des unglaublich günstigen Verhältnisses zwischen dem bißchen
Lohnaufwand für eine Arbeitsstunde und deren Ertrag, das sie mit ihrem Kapitalaufwand
und technischen Fortschritt hergestellt haben. Da verzichten sie lieber beim
einzelnen Lohnempfänger auf anderthalb bis vier Stunden pro Woche - und halten
sich dafür mit der Beschleunigung des Arbeitstempos schadlos ... -, wenn bloß
im Gegenzug nicht mehr so viel Lohnarbeitsruhe eintritt wie bisher und der
Firma kostbare Arbeitsstunden verlorengehen.
Insofern stimmt am Ende übrigens doch die ideologische
Rechnung, wonach der gesamte unternehmerische Investitionsaufwand der Schaffung
von Arbeitsplätzen -rentablen, versteht sich - gilt. Es geht den Unternehmern
tatsächlich darum, Arbeit verrichten zu lassen. Denn das unterscheidet eben den
Arbeitslohn von den Kosten der auszufüllenden Arbeitsplätze und den
„Produktionsfaktor Arbeit" vom „Produktionsfaktor Kapital": Die
installierten Anlagen haben ihren Preis; das dafür ausgegebene Geld wird dem
Unternehmen, wenn und solange gearbeitet wird, durch die Arbeit
im Produkt wieder verfügbar gemacht, als verkäuflicher Warenwert. Der Aufwand
für Lohnarbeiter hingegen setzt einen Produktionsprozeß in Gang, dessen
geldwertes Ergebnis durch den Lohnaufwand in gar keiner Weise bestimmt ist, ihn
vielmehr - dank der unternehmerischen Anstrengungen, die Leute an optimal ausgestatteten
Arbeitsplätzen (oder überhaupt nicht) zu beschäftigen - außerhalb jeder festen
Proportion überschreitet und gewissermaßen ganz nebenher mit abwirft, was ein
Lohnarbeiter so kostet in Deutschland.
5. Der Lohn: Mittel der
Kapitalproduktivität
a) Was
die Unternehmer da praktizieren, das dementiert in aller Freiheit die marktwirtschaftliche
Entlohnungsideologie vom unauflöslichen funktionellen Zusammenhang zwischen
Lohn und Betriebsergebnis. Danach wird Lohn grundsätzlich in Entsprechung zur
Produktivität der geleisteten Arbeit gezahlt; er vergütet, gerecht und genau,
den Beitrag, den der Lohnarbeiter an seinem Arbeitsplatz zum Betriebsergebnis
beisteuert.
Dieser
Sachzusammenhang soll erstens grundsätzlich und im allgemeinen gelten; zum
Beispiel also so, daß die Unternehmer sich eine höhere Lohnsumme dann leisten
könnten, wenn, und eine um soviel höhere Lohnsumme, wie die Arbeit ertragreicher
geworden ist. Eine Rechnung nicht ohne Komik: In dem Maße, wie es den
Unternehmern gelingt, aus den bezahlten Arbeitsstunden mehr herauszuholen, also
ihren Lohnaufwand zu senken, sollen die Löhne steigen können - aber auf diese
paradoxe Art begründen die deutschen Gewerkschaften traditionell einen Teil derjenigen
Tarifanpassungsforderungen, die sie sicn im Laufe ihrer Tarifrunden abhandeln
lassen; und auch außerhalb der gewerkschaftseigenen Lohntheorie ist diese
Rechnungsweise beliebt, weil sie mit der Autorität eines unauflöslichen
funktionellen Sachzwangs jeder Veränderung des einmal eingebürgerten
Lohnniveaus eine Absage erteilt.
Darüber
hinaus sollen aber auch die vielfältigen Lohnunterschiede, die das gute
deutsche Lohnniveau kennt, von dem Tausender für die Putzfrau bis zu den vier
Tausendern für den Industriemeister - und irgendwie sogar die hundert Tausender
für den Banker -, bis zur letzten Mark durch die jeweiligen, nicht bloß
sachlich unterschiedlichen, sondern angeblich eben auch unterschiedlich ertragreichen
Arbeitsleistungen der Beschäftigten in den verschiedenen Lohn- und Gehaltsgruppen
begründet sein. Und im Namen desselben Grundsatzes müssen sich bis auf weiteres
die ehemaligen Werktätigen der ehemaligen DDR insgesamt vorrechnen lassen, daß
ihre zurückgebliebene Produktivität keine andere Entlohnung zuläßt als in Höhe
von 50 Prozent oder zwei Dritteln der Westlöhne.
Das alles ist reichlich absurd angesichts der
unternehmerischen Anstrengungen -gerade in Deutschland -, die Arbeitsplätze so
auszugestalten, daß ihre Produktivität sich vom Arbeitsvermögen und der
Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gründlich emanzipiert. Tatsächlich denkt
sowieso niemand daran, das Potential, das moderne Firmen mit ihren modernen
Betriebsanlagen vorgeben, doch wieder der dort verrichteten Arbeit als deren
Potenz zuzurechnen, geschweige denn den Lohnarbeitern den Ertrag zu
überlassen, den sie schaffen; da gilt dann wieder, daß der „Produktionsfaktor
Kapital" schließlich auch gerecht „entlohnt" werden muß. Wenn der behauptete
Zusammenhang zwischen Lohn und Arbeitsproduktivität angeführt wird, dann
allemal nur, um Forderungen zurückzuweisen oder, wie im Fall der Ostzone, eine
pauschale Lohnminderung zu rechtfertigen. Für dieses Beweisziel darf auf die
altertümliche Maschinerie der Unternehmen gedeutet werden, für die geringere
Löhne das einzig Tragbare sein sollen; und niemand kommt auf die Idee, die
Firmen für ihre zurückgebliebene technische Ausstattung haftbar zu machen und
darauf zu bestehen, daß der „Produktionsfaktor Arbeit" das Seine leistet.
Wenn umgekehrt westdeutsche Investoren im Osten dieselben Anlagen hinstellen,
die sie im Westen betreiben, dann zieht das noch lange keine Angleichung an die
Westlöhne nach sich; dasselbe gilt seit jeher bei Investitionen in die weltweit
beliebten „Billiglohnländer". Erst recht rechnet niemand nach, wieviel vom
Unternehmensertrag den verschiedenen Arbeitsplätzen des Unternehmens und somit
den dort Beschäftigten als ihr individueller Beitrag zuzuschreiben wäre, um
danach die jeweils zu zahlenden Löhne zu bemessen. Abgesehen davon, daß in
einer modernen Fabrik - zumindest unterhalb eines gewissen Gehaltsniveaus -
sowieso nur Arbeitskräfte beschäftigt sind, die die letzte
Rationalisierungswelle übriggelassen hat, also niemand, dessen Arbeitsplatz für
das Betriebsresultat entbehrlich wäre, gibt es für eine solche Zurechnung in
einem arbeitsteiligen Unternehmen weder eine theoretische Handhabe noch einen
praktischen Auftrag. Um so mehr wird allerdings so getan als ob - und
immer mit demselben eindeutigen Ergebnis: Je mehr es an einem Arbeitsplatz bloß
noch aufs Aushalten der verlangten „Beschäftigung" ankommt, je eindeutiger
also die Arbeit den Charakter des bloßen Hilfsdienstes annimmt, auf den der
kapitalistische Fortschritt die Lohnarbeit ohnehin zu reduzieren sucht, desto
mehr Gesichtspunkte lassen sich finden, unter denen irgendwelche mitgebrachten
Fähigkeiten gar nicht benötigt, physische und andere Kräfte gar nicht
beansprucht werden; und darüber soll dem gesunden Menschenverstand und seinem
Gerechtigkeitswahn einleuchten, daß da nicht weiter viel verlangt, also wohl
auch nicht viel beigetragen wird, folglich ein geringer Lohn gerade richtig
ist. Auch da darf man gar nicht überprüfen wollen, ob nicht - wenn es schon
darum gehen soll - eine einseitige Arbeit viel härter ist als manche andere,
für die es hierzulande mehr Geld gibt. Tatsache ist, daß unter maßgeblicher
Beteiligung der deutschen Gewerkschaften und ihres feinfühligen
Gerechtigkeitsempfindens für jeden nationalen Geschäftszweig eine genaue
Lohnhierarchie ausgearbeitet worden ist, die mit Kilopond pro Meter, Verrenkung
pro Stunde, Nervenverschleiß pro Schicht usw. operiert und das eine
entscheidende Ergebnis hat, daß auch noch ganz unten in der Welt der Berufe die
schlechtere Arbeit nicht etwa durch einen besseren Lohn entschädigt, sondern
außerdem noch schlechter entgolten wird - wo bliebe sonst die Hierarchie. So
sind in Deutschland Lohnarbeiter ganz regulär auch weit unterhalb des
offiziellen Durchschnittslohns zu haben; ihr Arbeitsplatz muß nur entsprechend
definiert sein - was sich im Zuge von Rationalisierungen allemal machen läßt.
Auf diese Weise steuert das Ideal der leistungsgerechten Entlohnung lauter
moralisch hochwertige Gesichtspunkte zur Festlegung, nämlich Absenkung der
Summe bei, mit der Lohnarbeiter im „Hochlohnland" Deutschland zu entgelten
sind, also zum Wert einer ordentlichen Arbeitskraft.
b) Wenn
dann, auch unter Zuhilfenahme der Ideologie der Arbeitsproduktivität, die Löhne
und Lohnstufen festgelegt sind, dann wird mit denen betriebswirtschaftlich
kalkuliert. Es wird auf der ganzen marktwirtschaftlichen Welt nie eine Rechnung
angestellt, die zu den Löhnen in ihrer angeblich sachlich bedingten Höhe hinführt;
alle Rechnungen gehen von den festgelegten Löhnen aus. Denn
ein Unternehmen interessiert sich nie einfach dafür, was an einem Arbeitsplatz
gefertigt wird und wieviel die darauf gesetzte Arbeitskraft zu leisten hat.
Wenn es den „subjektiven Faktor" durchkalkuliert, dann verbucht es diesen
mit der -jeweils besonderen -Geldsumme, die für die Besetzung eines
Arbeitsplatzes zu zahlen ist. Die „Arbeitsproduktivität" interessiert als
der betriebliche Nutzen eben dieser Geldsumme. Sie wird in allen
tatsächlich angestellten Produktivitätsberechnungen dem Betriebsergebnis, dem
gleichfalls in Geld gemessenen Erlös, gegenübergestellt - mit dem sehr
logischen Ergebnis, welches freilich der Lohnideologie exakt widerspricht, daß
nicht die produktivsten Arbeitsplätze die bestdotierten, sondern die billigsten
Arbeitskräfte die produktivsten sind: Bei ihnen stellt sich das
Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, eben dank ihrer Billigkeit, am
günstigsten dar.
Aus
dieser Rechnungsart geht hervor, wie selbstverständlich das Unternehmen die
Lohnarbeit als sein Mittel nimmt: Es setzt die gekaufte Arbeit ganz umstandslos
gleich mit den Kaufpreis, den es dafür aufwendet, also mit seinem
Geld, das es als Lohn wegzahlt. Die andere Partei, die Arbeitskraft, die
mit ihrer Arbeit zu allem, was die Firma bereitstellt, hinzukommen muß, um
etwas daraus zu machen, taucht in den maßgeblichen Kalkulationen bloß als Teil
des Firmenvermögens auf: als das Geld, mit dem die Firma Arbeitskräfte zu
kaufen und zu kommandieren vermag. Die Produktivität, hinter der jedes
konkurrenztüchtige Unternehmen so erbittert her ist, rechnet es konsequent als seine,
als Effektivität der ihm zu Gebote stehenden
„Produktionsfaktoren", nämlich als Verhältnis zwischen deren Preis und dem
durch sie geschaffenen Wert. In seinen praktischen Bemühungen, den Nutzeffekt
der gekauften Arbeit zu steigern, weiß das Unternehmen zwar wohl zu
unterscheiden zwischen seinen verschiedenen, sachlich inkommensurablen
„Produktionsfaktoren". In seiner Kalkulation hat es sie aber längst
kommensurabel gemacht, nämlich als „Faktoren", die ihren Preis haben, und
mißt im Verhältnis zwischen Auslagen und Erlös die Produktivität seines
Geldes.
In diese
Rechnung passen dann übrigens durchaus auch schon mal Betriebe hinein, in
denen nach vergleichsweise ineffektiven Methoden gearbeitet wird, also gemessen
an der Zahl der nötigen Arbeitskräfte deren Produktivität zu wünschen übrig
läßt: Wenn die Maschinen, weil abgeschrieben, nicht mehr zu Buche schlagen oder
wenn die nötigen Arbeitskräfte entsprechend billiger sind, dann stimmt die Produktivität,
auf die es ankommt, in solchen Anlagen eben doch - die Sache lohnt sich.
Ausgerechnet solchen Effekten entnimmt der marktwirtschaftliche Sachverstand
die schönste Bestätigung seiner Lohn-„Ableitung" aus der
Arbeitsproduktivität: Man sähe doch an den niedrigen Löhnen, daß in
rückständigen Anlagen mehr nicht gezahlt werden könne. Im Endergebnis wird das
schon auch so sein - aber eben nicht deswegen, weil die Arbeit mehr nicht
geschaffen hätte als den Gegenwert ihres geringen Entgelts, sondern weil das Diktat
der produktiven Geldvermehrung gilt und folglich ein weniger rasant
zustandegebrachtes Betriebsergebnis rentabilitätsmäßig in Ordnung geht, wenn
die Auslagen und darunter möglichst natürlich auch die Löhne hinreichend
niedrig liegen.
6.
Der Lohn: Mittel für abstrakten Reichtum und nützliche Armut
Kein
Zweifel, die Lohnarbeit ist das Lebensmittel für Lohnarbeiter; das einzige, das
sie haben. Der Gebrauch dieses Mittels hat für sie allerdings einen Haken.
Wirkliches Mittel zum Zweck ist die Lohnarbeit vor allem andern für den, der
sie zahlt und damit zu seinem Eigentum macht, mitsamt ihren Erträgen. Aus den
Zwecken der Lohnarbeiter wird dann nicht mehr viel.
Die
gegensätzlichen Folgen dieses Verhältnisses sind in Deutschland ausgiebig zu
besichtigen.
a) Ein ganzer Menschenschlag ist in Deutschlands
Marktwirtschaft von den Unternehmern für die Mehrung ihres Eigentums mit
Beschlag belegt. Sie sind Mittel für einen Reichtum, auf dessen Gebrauchswert
es genausowenig ankommt wie auf die -als „Neben-" definierten -
schädlichen Effekte seiner Produktion: Wert unter Abstraktion von jedem
Gebrauchswert zu sein, abstrakter Reichtum, der im Geld seine
adäquate Daseinsform besitzt, ist das Wesentliche daran. Deswegen hat die
Mehrung dieses Reichtums auch kein irgendwie bestimmtes Ziel - außer dem, im
Ergebnis die vergrößerte Basis für seine erweiterte Vermehrung zu schaffen. So
mehrt die Lohnarbeit die in privaten Händen liegende Macht des Geldes, Arbeit
zu kaufen, zu kommandieren und erneut mehr ökonomische Macht aus ihr herauszuholen.
In
Deutschland stellt sich dieser Ertrag der Lohnarbeit unter anderem als
gnadenlos modernisierte Industrielandschaft dar; mit Industriebrachen und
-ruinen daneben, nicht nur im Osten. Denn mit dem Reichtum, den deutsche
Arbeitgeber aus ihren Lohnarbeitern herauswirtschaften, bestimmen sie
weitgehend das Weltniveau in der industriellen Konkurrenz und lassen den
erreichten Stand regelmäßig innerhalb weniger Jahre wieder veralten. So
weltrekordverdächtig produziert wird neben vielem anderen ein Warenangebot für
jedermann, das in Deutschlands berühmten vollen Schaufenstern ausgestellt wird.
Es handelt sich um Gebrauchsgüter, die sich zugunsten ihrer maßgeblichen
Zweckbestimmung, Geld einzubringen, vom naiven Zweck der Bedürfnisbefriedigung bemerkenswert
radikal emanzipiert haben. Das Geschäft mit den Produkten der Lohnarbeit kann
seinen Erfolg nämlich nicht von irgendwelchen Launen seiner Kundschaft abhängig
machen - es definiert die Bedürfnisse, gerade die massenhaften privaten,
nach Inhalt und Qualität durch ein Angebot, das darauf berechnet ist, die
Konkurrenz um die gegebene Zahlungsfähigkeit des Publikums zu gewinnen. Zu
diesem Zweck werden alle elementaren Bedürfnisse gewissermaßen neu erfunden; in
Formen, die es vorher nie gab, zum Beispiel als Bedürfnis nach Billigfraß oder
Kleinwohnungen; derselbe Geschäftssinn läßt auf der anderen Seite Artikel für
den gesellschaftlichen Bedarf an Privatflugzeugen oder High-tech-Küchen
erfinden, den es dann auch prompt gibt. In ihren besseren wie schlechteren
Abteilungen ist diese Warenwelt eine zweite anschauliche Daseinsform des
Reichtums, den die Lohnarbeit in Deutschland hergibt. Eine dritte ist weniger
anschaulicher Natur, weil da der abstrakte Reichtum gewissermaßen ganz er
selbst ist: Es sind die Vermögenstitel, Schuldscheine, Aktien, allenfalls auch
mal Geldkoffer, die das Eigentum völlig getrennt von jedem materiellen Inhalt,
pur als Eigentum, zirkulieren lassen und ihm dadurch nach ganz eigenen
Gesetzen wachsenden Zugriff auf die immer neu geschaffenen Erträge der
Lohnarbeit verschaffen. Zu bewundern ist dieser Reichtum in dem Luxus, in dem
er sich andeutungsweise zur Schau stellt; etwa wenn die Bild-Zeitung
stellvertretend für ihr Publikum einen echten Milliardär besucht; oder im
Design von Bankpalästen; oder auch in der bekanntlich völlig zweckfreien Sphäre
der Kunst, die sich immer mehr dem Zweck verschrieben hat, teuer zu sein und
diese Eigenschaft zu repräsentieren und so den abstrakten Reichtum der
Gesellschaft widerzuspiegeln, egal ob sie sonst noch etwas widerspiegelt.
Für den Reichtum, den die deutsche Lohnarbeit
getrennt von sich als das wachsende Eigentum anderer zustandebringt, ist im
Übrigen Deutschland längst viel zu klein geworden, schon bevor es um die neue
Ostzone gewachsen ist. Er hat sich deswegen über die Grenzen bemüht und
existiert nun zum Beispiel auch in Form von Milliardenschulden auswärtiger
Nationalbanken; oder in Form von Fabriken, die die Geschäftswelt aus
Deutschland zur Bedienung durch fremdländische Lohnarbeiter in alle Welt
plaziert hat; oder auch in Form ausgedehnter Handelsbeziehungen, die ganz
nebenbei noch die letzte tropische Frucht auf ihren Marktwert in Deutschland
hin testen. Zu den Nebenwirkungen dieses Reichtums zählt die bekannte Scheidung
zwischen „armen" und „reichen Ländern" auf der Welt, wobei meistens
an den Grad der offensichtlichen Unterversorgung der Bevölkerungsmassen in
bestimmten Weltgegenden gedacht ist. Moralische Betrachtungen zur angerichteten
Lage deuten dieses Ergebnis gerne so, „die Deutschen", „wir
alle", profitierten auf „unserer" „Wohlstandsinsel" vom
Reichtum, den die sogenannte 3. Welt abliefern muß. Die wirklichen Subjekte des
Reichtums geraten dabei ein wenig aus dem Blick und damit auch das wirkliche
Verhältnis, in dem die in Deutschland verrichtete Lohnarbeit zum Elend anderswo
steht. An den geschäftlichen Großtaten ihrer Arbeitgeber sind die Lohnarbeiter
nämlich schon ursächlich beteiligt - in der Weise, daß sie mit ihrer Arbeit
deren Geldquelle sind und mit ihrem Lohn auch noch manche von deren
Geschäftsartikeln versilbern, also in doppelter Weise als Objekte. Nur weil der
Reichtum, den sie zustandebringen, getrennt von ihnen in Unternehmerhand
existiert, kommt es zu dem ausgiebigen Geschäftsverkehr mit fernen Ländern, der
dort alles ruiniert, was sich nicht zum lohnenden Geschäftsartikel machen läßt
- und sei es als Billigangebot für deutsche Endverbraucher. Daß sie dem
Eigentum anderer dienen müssen, ist schon die ganze „Verantwortung", die
die Arbeitsplatzbesitzer und Lohnempfänger deutscher Nation für alles tragen,
was die deutsche Geschäftswelt mit dem Rest des Globus so anstellt.
b) Der
Reichtum, den Deutschlands tüchtige Unternehmer aus der wertschaffenden
Lohnarbeit herausholen, sammelt sich - außer bei ihnen - in der Hand des
Staates, der dem produktiven Eigentum seine Rechtsgrundlage verschafft und alle
politischen und sachlichen Erfolgsbedingungen bereitstellt und sich dafür am
abstrakten Reichtum bedient, der insgesamt in der Nation zustandekommt.
Daß die Staatsgewalt mit ihren umfangreichen
„öffentlichen Diensten" keine Erträge schafft, sondern vom geschaffenen
Überschuß und an ihm zehrt, ist allgemein bekannt und Gegenstand dauernder
Klagen ausgerechnet der Leute, die „die Wirtschaft" heißen und das nur
deswegen zu Recht, weil die Staatsgewalt ihrem Eigentum das Kommando über die
Arbeit der Gesellschaft sichert - die können sich gut vorstellen, wieviel Geld
sie mit dem Geld verdienen könnten, das ihr Staat braucht, um das ganze System
des Geldes und des freien Unternehmertums in Kraft zu setzen und in Gang zu
halten. Eben deswegen gehört es andererseits gar nicht zum anerkannten
öffentlichen Kenntnisstand, daß die Staatsgewalt in all ihrer Pracht von der
produktiven Lohnarbeit lebt. Es ist im Gegenteil sogar so, daß nicht zuletzt
die Menge des vom Staat beschäftigten Personals die Interpreten der Marktwirtschaft
zu einem interessanten Dementi angestachelt hat: Das grundlegende ökonomische
Verhältnis in der Marktwirtschaft könnte die Lohnarbeit schon allein deswegen
nicht sein, weil die industriellen Lohnarbeiter schon längst nicht mehr die
Mehrheit der abhängig Beschäftigten stellten; der größere Teil des Volkseinkommens
werde für Dienstleistungen aller Art gezahlt, durch sie also auch nach allen
Regeln der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der größte Anteil des Bruttosozialprodukts
geschaffen; damit sei der Übergang von der Klassen- zur „Dienstleistungsgesellschaft"
vollbracht. Zugunsten dieser Botschaft zählt die Überlegung gar nichts mehr,
aus welchem Reichtum denn die dienstleistenden Beamten- und Angestelltenheere
ihre Gehälter ausgezahlt bekommen, die dann als ihr Beitrag zum
Bruttosozialprodukt verbucht werden, und wer denn „letztlich" für die
enorme „Staatsquote am Volkseinkommen" aufkommen muß - da verwirrt sich
die öffentliche Meinung zielstrebig in dem lustigen Befund, daß die
Staatsdiener per Steuern eigentlich zum großen Teil selbst ihre Einkommen
bezahlen... Es ist, als wäre es den Freunden und Förderern der Marktwirtschaft
am Ende doch peinlich, wenn sie einräumen müßten, daß die geschäftlich genutzte
Lohnarbeit - neben dem, daß sie das freie Unternehmertum bedient - auch die
Quelle des gesamten Geldreichtums ist, aus dem vermittels gesetzlicher
Regelungen Unmengen von Politikern und Beam ten, Ärzten und Lehrern, Soldaten
und Forschern erhalten werden, eine ganze Hierarchie besserer und vor allem
besser bezahlter Berufe; und außerdem der sachliche Staatsreichtum in Gestalt
von Straßen und Ministerien, Universitäten und Kampfflugzeugen, Atommüll-Lagern
und Museen; so daß am Ende vielleicht zehn bis zwanzig hauptberufliche
Kostgänger des nationalen Mehrwerts und ein Staatspalast pro Jahr auf das
Konto jedes mehrwertproduzierenden Lohnarbeiters gingen, wenn ein
solches Konto je geführt würde. Was aber nicht der Fall ist; denn auch für den
verstaatlichten Teil des abstrakten Reichtums gilt, daß er die Lohnarbeiter
nichts angeht, außer daß sie für seine Herstellung das unselbständige Mittel
waren. Nur: Was da in Deutschland regiert und die bessere Gesellschaft bildet
und womit die öffentliche Ordnung in Schwung gehalten wird, das wird in der
Marktwirtschaft nun einmal aus dem Mehrwert bezahlt, von welcher Stelle auch
immer der Staat sich den holt, ist also eine Errungenschaft der
Lohnarbeit -oder genauer: auf ihre Kosten.
Das gilt
auch, um daran noch zu erinnern, für den gesamten Nachdruck, mit dem der
deutsche Staat nach außen auftritt. Es ist wirklich nicht Genschers exzellentes
Verhandlungsgeschick oder weltweite Beliebtheit, womit diese Nation dem Rest
der Welt seit Jahren soviel Eindruck macht, daß ihr sogar die Eingliederung der
DDR problemlos zugestanden wurde. Grundlage eines so erfolgreichen Verhandlungsgeschicks
sind Mittel, mit denen Staaten sich überzeugen lassen, so daß gar nicht
viel schiefgehen kann. Mittel ganz unterschiedlicher Art und Wirkungsweise -von
einer gewichtigen NATO-Mitgliedschaft bis zu weltmeisterlichen Exportgeschäften,
von einer weltweiten Gläubigerposition bis zu Waffengeschäften -, 4ie allesamt
auf dem Reichtum beruhen, über den die Regierung gebieten kann. Vor der
Schlagkraft dieser Mittel ist ein ganzes Weltsystem in die Knie gegangen und
hat einen Offenbarungseid geleistet, der durchaus geeignet ist, auch das System
der Lohnarbeit ins rechte Licht zu rücken: Mit ihren Versuchen, von Staats
wegen, „planmäßig", aus ihrem geschätzten Proletariat einen
massenfreundlichen Staatsreichtum herauszuregieren und herauszuwirtschaften,
haben die realsozialistischen Parteien im Osten nicht entfernt die produktive
Trennung zwischen Mehrwertproduzenten und abstraktem Reichtum hingekriegt,
deren Erträge in der Staatenkonkurrenz von heute das entscheidende
Erfolgskriterium sind. Wären sie nicht bloß Mittel zum Zweck, dann müßten
Deutschlands Lohnarbeiter also sogar noch fürs deutsche Herumfuhrwerken in der
Weltgeschichte die Verantwortung übernehmen. Allerdings: Wären sie wirklich
etwas anderes als das Eigentum ihrer Arbeitgeber, dann wäre es schlecht
bestellt um die Freiheit eines Kanzlers, die ganze Nation auf den Weg zur neuen
Weltmacht zu kommandieren.
c) Die Erfolgsstory von Geschäft und Gewalt in
Deutschland hat ein paar Nebenwirkungen. Von einer Gattung von Nebeneffekten
ist viel die Rede, und in der Regel sehr verkehrt: „Umweltzerstörung" ist
das Stichwort. In der Sache geht es um einen Teilaspekt der
Rücksichtslosigkeit, die zur Produktion des abstrakten Reichtums gehört:
Natürliche Gegebenheiten werden marktwirtschaftlich verbraucht -aufgebraucht,
vergiftet, ruiniert oder was auch immer -, ohne in Rechnung zu stellen, daß sie
nebenher als Lebensbedingung der Spezies Mensch und vielleicht sogar als
Genußmittel für manche Gemüter vonnöten sind, weil das die maßgebliche, nämlich
die Überschuß-Rechnung beeinträchtigen würde. Auch die Natur ist eben
prinzipiell als Mittel des produktiven Eigentums definiert; ihr entsprechend
zweckmäßiger Gebrauch stiftet einen gar nicht naturwüchsigen Mangel auf Seiten
derer, die kein Eigentum haben, also auch nicht durch Naturverbrauch reicher
werden. Es handelt sich also um einen Beitrag zum Thema: produktives Eigentum
und funktionelle Armut. Daß das „Problem" so gestellt ist- unabhängig
davon, wie die Öffentlichkeit es sich stellt -, zeigt sich daran, wie der
Staat hier interveniert: Er registriert nach seinen Gesetzen schädliche
Auswirkungen des Naturverbrauchs der einen auf das Eigentum anderer, auch auf
Kosten, die bei ihm anfallen, und zieht daher Grenzen, die die Produktivität
des Eigentums auf keinen Fall „über Gebühr" belasten dürfen.
Der
demokratische Umweltgedanke hat von diesem schlichten Sachverhalt nicht mehr
viel übriggelassen. Er geht nämlich - darin ist er eben ein demokratischer Irrtum
- von der Vorstellung aus, der abstrakte Reichtum und seine Mehrung wäre so
etwas wie ein Gemeinschaftswerk der Gesellschaft, diente - zumindest letztlich
-allen ihren Mitgliedern gleichermaßen; folglich wären auch alle gleichermaßen
für die schädlichen Effekte der Marktwirtschaft verantwortlich und haftbar zu
machen. Der Umweltgedanke ist so zum Umweltgewissen geworden, das in Gestalt
einer penetranten Massenmoral unterschiedslos den Raucher wie den Chemiekonzern
belästigt - mit dem Unterschied, daß es sich in dem einen Fall mit ein paar
Filtern abspeisen läßt und in dem andern nicht. Mittlerweile verarbeitet eine
ganze Umweltphilosophie die Entdeckung, daß die Produktion von Mehrwert längst
den ganzen Globus in Mitleidenschaft gezogen hat, zu einer reaktionären
Metaphysik des Gegensatzes zwischen menschlicher Rationalität - ausgerechnet!
—Und Zwecksetzung überhaupt auf der einen, natürlichen Kreisläufen auf
der anderen Seite; mit eindeutiger Bevorzugung der Kreisläufe, als deren
unselbständiger Teil „der Mensch" sich gefälligst begreifen und aufführen
sollte. Das banale Rezept dafür heißt Bescheidenheit und deckt sich in
auffälliger Weise mit den Maßnahmen der staatlichen Umweltpolitik, die das
Leben der Massen verteuert, um das Wachstum des Eigentums von schädlichen
Nebeneffekten, nämlich Rückwirkungen auf dessen Bilanzen, zu entlasten. Der
Umweltgedanke bewährt sich so als affirmative Ideologie der Armut, und
zwar genau der Armut, zu der die Umweltvergiftung praktisch das Ihre beiträgt
und der Staat mit seiner Umweltpolitik noch einmal das Seine: der Armut, die
zur Lohnarbeit systemnotwendig hinzugehört.
d) Natürlich arbeiten Lohnarbeiter nicht, um hinterher
genauso schlecht dazustehen wie vorher. Sie wären schon dafür zu haben,
Nutznießer des von ihnen produzierten Reichtums zu sein, so wie die
Umweltideologie ihnen das unterstellt. Die Lohnarbeit läßt von solchen Wünschen
bloß nicht viel übrig - was schon damit anfängt, daß sie regelmäßig die ersten
Opfer der Rücksichtslosigkeit sind, mit der ihre Arbeitgeber alle natürlichen
Lebensbedingungen, außerhalb wie vor allem innerhalb ihres Betriebs, als Mittel
zur Vermehrung ihres Eigentums behandeln. Sie selber sind nämlich für
die Dauer ihrer Arbeit Mittel zur Vermehrung des Unternehmereigentums und als
solches Mittel deren Eigentum: Teil des Vermögens, das „sich"
verwerten muß, „Produktionsfaktor" eben.
Entsprechend
sehen sie aus, wenn sie - nach der Schicht, am flexiblen Wochenende, zum
Jahresurlaub, ganz zum Schluß bei der Ausmusterung in den Ruhestand-von der
Arbeit kommen und wieder ihr eigener Herr sind: erholungsbedürftig. Nicht
nur den besseren Teil ihrer Lebenszeit überhaupt lassen sie im Betrieb; von
ihrer Physis selbst bleibt einiges auf der Strecke, was gar nicht so recht
wiederherzustellen ist. Soweit die deutsche Öffentlichkeit sich überhaupt um
die Arbeitswelt kümmert - im Großen und Ganzen ist das kein Thema -, wird im
Wesentlichen herausgestellt, wie relativ wenig Stunden im Jahr deutsche
Arbeiter im Betrieb verbringen: unter 2000 (ohne Überstunden...)! Daneben wird
der weltrekordmäßige Leistungsstand deutscher Betriebe vermeldet und gelegentlich
der durchschnittliche Krankenstand - aber niemand mag daraus den Schluß ziehen,
daß die hierzulande geleistete Lohnarbeit mit ihrer Leistungsdichte sogar
längere Arbeitszeiten anderswo in den Schatten stellt und sich offenbar gar
nicht länger aushalten läßt als die errechnete Durchschnitts-Stundenzahl,
jedenfalls von einem halbwegs durchschnittlichen Arbeiter. Stattdessen wird
öffentlich herumgefragt, vom deutschen Kanzler zum Beispiel, ob „wir" es
„uns" nicht zu bequem machen -ihm und seinen Gesinnungsgenossen in
Politik und Öffentlichkeit sind die Arbeitszeiten der deutschen Tariflöhner
schon längst viel zu kurz. Aber daß es eine Pflege Versicherung braucht, weil
die meisten ausgearbeiteten Lohnempfänger, sofern sie ihr Rentenalter überhaupt
erreichen, und ganz viele schon vorher kaum noch für sich selber und ihre
kaputte Leiblichkeit sorgen können, leuchtet dann wieder jedem ein; da geht es
ja auch um die Einsparung von Sozialhilfe. Als wäre nicht auch da der
ursächliche Zusammenhang offenkundig: Auch mit 35-Stunden-Woche und fünf bis
sechs Urlaubswochen im Jahr ist der Verschleiß, den die intensive Bedienung
höchstproduktiver Arbeitsplätze dem Bedienungspersonal antut, nicht zu
kompensieren. Es hilft ja nichts, daß der moderne, medizinisch betreute Mensch
insgesamt länger hält als früher, wie es die Erfolgszahlen über eine steigende
Lebenserwartung signalisieren: Vor allem kann er sich länger über seinen
Verschleiß hinwegschwindeln und ist anschließend länger kaputt. Aber darüber
beschweren sich wieder bloß, in höflicher Form, die gesetzlichen
Rentenversicherer, wenn sie in ihren Schaubildern einem aktiven Lohnarbeiter
einen und ein Achtel Rentner auf den Buckel packen.
So kommt es, logischerweise, wenn Menschen mit
ihrer Arbeitskraft Unternehmern gehören, die daraus das Beste machen; wenn der
Produktionsfaktor Arbeitsplatz dem Produktionsfaktor Arbeitskraft die
Tätigkeiten vorgibt, auf die der letztere sich einerseits reduzieren,
andererseits konzentrieren muß - und das immer wieder neu, wenn der Arbeitsplatz
verändert wird und damit der Leistungsanspruch an das Gewohnheitstier, das ihn
bedient. Deutsche Unternehmen melden gelegentlich voll Stolz, wie
„ergonomisch", human und leistungsgerecht sie ihre Arbeitsplätze
hinkonstruiert haben: Sie tun einfach alles, lassen forschen und geben sogar
Geld dafür aus, damit unnötige Belastungen am Arbeitsplatz vermieden werden-so
sehr kommt es ihnen auf die nötigen, nämlich produktiven Belastungen an.
Der Arbeitsplatz wird so an den Menschen angepaßt, daß der Mensch sich
reibungslos in seinen Arbeitsplatz einpassen und zweckmäßig darauf
vereinseitigen läßt; was außer dieser Einseitigkeit von ihm übrigbleibt, geht
die Firma nichts an. Zumal sich ja glücklicherweise kaum quantifizieren läßt,
was von den Nerven und dem Verstand eines modernen Hochleistungsarbeiters mit
auf der Strecke bleibt: verkümmert, weil systematisch vereinseitigt oder
ausgeschaltet. Für die Psyche gibt es -auch das ist erforscht! -
leistungsfreundliche Farben in der Werkstatt, und auch da zieht niemand
gehässige Schlüsse auf den Zweck von soviel Menschenfreundlichkeit. Dafür gibt
es den Lohn. Mit dem fängt die Freiheit an: Gelegenheit für den Lohnarbeiter,
„zur Sache" zu kommen, für die er sich abarbeitet, sich um sich selbst zu
kümmern und - wie versprochen - vom Lohn zu leben. Da wird ihm auch kaum
reingeredet; die freie Marktwirtschaft kennt keine außerbetriebliche
Vormundschaft über die befristet Leibeigenen der Unternehmenswelt oder nur ganz
wenig. Es ist bloß vorab schon viel entschieden - nämlich genaugenommen alles.
e) Im
Reich der Freiheit, das für den Lohnarbeiter mit dem gezahlten Lohn beginnt,
herrscht vor allem andern die Notwendigkeit, sich einzuteilen, damit das Geld
bis zur nächsten Lohnzahlung langt. Armut heißt dieser Sachzwang deswegen
nicht, weil in allen zivilisierten Staaten Armut eine Definitionsfrage ist; und
beim Definieren gilt der Durchschnitt als der ortsübliche Wohlstand. Unter dem
liegen in Deutschland die produktiven Lohnarbeiter nicht viel darunter;
schließlich hat der Staat die Vergütung der meisten seiner Dienstkräfte in
enger Anlehnung an entsprechende Löhne in der „freien Wirtschaft"
festgelegt, so daß sich die Massen in der modernen
„Dienstleistungsgesellschaft" überhaupt nicht besser stehen als in der
„Klassengesellschaft", die es nach offizieller Meinung vielleicht
irgendwann mal im 19. Jahrhundert gegeben haben mag. Somit spricht allein die
massenhafte Verbreitung des eher niedrigen Einkommensniveaus dagegen, den damit
erzwungenen Lebensstandard ärmlich nennen zu dürfen.
Im System der Lohnarbeit existiert allerdings
ein zwar nirgends anerkannter, dafür ökonomisch objektiver Maßstab für Armut.
Das ist der zustandegebrachte, fortwährend reproduzierte und vergrößerte Reichtum,
von dem die Lohnarbeiter, die ihn schaffen, ausgeschlossen sind,
dessen Ansprüchen sie sich aber nirgends entziehen können, und zwar aufgrund
der marktwirtschaftlichen Logik ihres Berufs. Daß die Lohnarbeit dem Gesetz der
Mehrwertproduktion unterliegt, macht sich für die Leute, die sie verrichten, in
der Weise geltend, daß sie in der Arbeit und außerhalb der Arbeit
schon wieder den Kalkulationen der Unternehmer unterliegen: Im Unternehmen wird
alles getan, um die Lohnsumme zum verschwindenden Restposten im Verhältnis zum
geschaffenen Warenwert herabzudrücken; als Verbraucher werden die Lohnempfänger
mit der Größe des Warenwerts konfrontiert, den sie geschaffen haben, nämlich in
Form von Preisen, denen sie mit ihrer Lohnsumme machtlos gegenüberstehen. Der
produzierte Reichtum, der sich in verkäuflichen Waren darstellt und im Geld
sein Maß hat, wächst; und zwar - darauf kommt es nämlich an, und sonst wäre
alles Produzieren umsonst gewesen - im Verhältnis zu den Lohnkosten, die dafür
aufgewandt werden müssen; mit dem Reichtum nimmt also das Ausmaß zu, in dem die
Lohnarbeiter davon ausgeschlossen sind; und die Wertgröße, die ihre Arbeit in
die Welt setzt, ist selber das Mittel für diesen Ausschluß: die können
sie mit ihrem Lohn gar nicht bezahlen.
Das ist der ökonomische Sachzwang, der zum
dauernden kritischen Vergleich zwischen verfügbarer Geldsumme und verlangten
Warenpreisen zwingt und zu wohlkalkulierten Verzichtsleistungen nötigt - und
den man nicht Armut nennen darf, weil er eine allgemeine zivilisatorische
Errungenschaft darstellt. Denn tatsächlich ist damit Armut im Sinne des
schieren Mangels, des Nicht-Vorhanden-Seins nötiger und nützlicher Güter,
prinzipiell überwunden. An seine Stelle ist Mangel im Sinne des
gesellschaftlich herbeiorganisierten, systemnotwendigen Ausschlusses von
durchaus reichlich vorhandenem Gebrauchswert getreten. Die Armut moderner
Lohnarbeiter ist Geldmangel angesichts gegebener Preise - oder auch Preishöhe
angesichts gegebener Einkommen -; und offiziell ist sie eben keine, solange das
Maß des individuellen Ausschlusses vom Vorhandenen den ortsüblichen
Durchschnitt nicht allzu krass überschreitet.
Diese durchschnittliche Armut wird - weil sie in
einem so gut funktionierenden marktwirtschaftlichen Paradies wie Deutschland
immer auch eine gewisse Zahlungsfähigkeit darstellt - geschäftlich ausgenutzt;
nämlich mit Waren bedient, deren eigentümlicher Gebrauchswert sich aus der
Kalkulation der Geschäftswelt mit dem „kleinen Geldbeutel" erklärt. Auf
ihre Art wird die Versorgung der Massen in der deutschen Marktwirtschaft auf
diese Weise durchaus vielfältig; von der Ferienreise bis zum Wohnungsmobiliar
steht dem Luxus der reicheren Schichten dessen Karikatur zu Händen der minder
Bemittelten zur Seite. Am Ende vermag sich der vom Durchschnittslohn vorgezeichnete
Lebensstandard sogar mit einem billigen, deswegen keineswegs preiswerten Auto
auszustaffieren: eine Errungenschaft, an der viele Werktätige im Osten ihre
realsozialistische Armut gemessen und für unerträglich befunden haben.
Allerdings macht sich bereits bei solchen großartigen Erfolgen
marktwirtschaftlicher Verkaufsstrategen eine gewisse Peinlichkeit am Wohlstand
der armen Leute geltend. Sie liegt nicht nur in der unübersehbaren Ärmlichkeit
der Produkte, mit der sie sich den einen oder anderen „Lebenstraum", vom
Auto zum Beispiel oder gar, alles andere dann freilich ausschließend, von den
„eigenen vier Wänden" - mehr sind es dann auch meistens nicht -, erfüllen.
Wenn Lohnarbeiter nach Gebrauchswerten der gehobenen Güteklasse streben, und
Freiheit wie Gelegenheit dazu bietet ihnen die Marktwirtschaft, dann stellt
sich ganz von selbst manches auf den Kopf: Bevor der erstrebte Gebrauchswert
zum Mittel eines schöneren Lebens werden kann, muß das Leben sich erst einmal
streng nach dem Zweck ausrichten, den geforderten Preis zusammenzustottern. Die
zeitliche Reihenfolge kann durchaus auch umgekehrt sein: Dann wird nicht im
Voraus vom Lohn gespart, so daß außer dem nur noch wenig läuft im Leben,
sondern im Nachhinein ein aufgenommener Kredit oder eine Ratenzahlungspflicht
bedient, so daß man sich endgültig nichts weiter leisten kann. Die Regel ist
sowieso, daß beides zusammenkommt, Sparen und Schulden-Bedienen - zwei
Sachzwänge des „guten Lebens", mit denen schon wieder eine ganz andere
Partei, nämlich die Verwalter des Geldes der Nation, Banken und Sparkassen, ihr
kleines Massengeschäft machen: Auch mit seiner Freiheit, sich ein bißchen in
die große Waren weit einzuklinken, ist der Lohnempfänger nichts als Objekt, in
dem Fall eines Geschäftszweiges, dem nicht selten am Ende der ganze je zu
verdienende Lohn verpfändet ist. Was eigentlich nicht mehr als Mittel des
besseren Lebens sein sollte, macht sich so über seinen Preis zum bestimmenden
Lebenszweck. Und wenn der Mensch sich dem unterwirft, muß er sich anschließend
von Kulturkritikern sagen lassen, er wäre, ausgerechnet, dem „Konsumismus"
verfallen, statt seine Freiheit gleich vorab zum Verzicht auf jeden Teilhabe an
der gehobenen Warenwelt zu benutzen, und hätte, weil nicht freiwillig arm
geblieben, seine unfreiwillige Armut selbst verschuldet.
f) Dabei ist an
der proletarischen Konsumwut noch eine weitere Peinlichkeit eigentlich kaum zu
übersehen: Sie tobt sich gar nicht im Bereich des Lebensgenusses aus, sondern
an lauter Notwendigkeiten. Und zwar solchen, die überhaupt nicht von einer
ewig-menschlichen „Bedürfnisstruktur" diktiert werden - der Bedarf wird
nebenher mit abgefertigt -, sondern durch das Lebensmittel der Lohnarbeiter,
ihre Arbeit, erst in die Welt kommen.
Vor
allem ist es ja so, daß die Wirkungen der Arbeit in fremden Diensten von den
Leuten, die sie machen, keineswegs abfallen, wenn die Arbeitszeit vorbei ist;
und bis sie wieder anfängt, müssen die wichtigsten Voraussetzungen der
verlangten Leistungsfähigkeit wiederhergestellt sein. Erholung muß sein,
verbraucht einen guten Teil der freien Zeit und hat ihren Preis. Die
Gesundheit, mit der ausgestattet der Mensch doch eigentlich Dingen nachgehen
will, die das Leben lohnend machen, wird zum Gut, um das man sich
verantwortungsbewußt kümmern muß, weil sie durch die im Betrieb verlangten
Leistungen strapaziert wird, also da sein muß, um verbraucht zu werden; was
keineswegs bedeutet, daß im Krankheitsfall der Gang zur Arbeit einfach
unterbleibt: Krankheitstage unterliegen dem betrieblichen Verdacht, da würde
„gefeiert", und wollen dementsprechend kalkuliert sein. Bekömmlich ist das
nicht; um so mehr kostet das Fit-Halten Zeit und Geld - die Gesundheitsapostel
der Nation steuern zur Ermunterung den zynischen Hinweis bei, die Gesundheit
läge doch wohl in jedermanns ureigenstem Interesse. Alle Angebote, den Aufwand
für kompensatorische Aktivitäten in eine nette Freizeitgestaltung
umzudefinieren, täuschen kaum darüber hinweg, daß sie das Leben genausowenig
schön machen wie die offiziell geächtete Alternative, die Arbeit und ihre
Nachwirkungen mit Alkohol oder ähnlichem auszuhalten. Es bleiben
Notwendigkeiten zu bedienen, die vom Lohnarbeiter, egal ob er sich über sie
hinwegsetzt oder ihnen zu genügen sucht, einiges an Rücksichtslosigkeit gegen
sich selbst abverlangen - wie schon die Arbeit selbst.
Zum
Bereich der notwendigen Bedürfnisse, die nicht die Menschennatur, sondern die
Lohnarbeit mit sich bringt, gehören weiterhin die meisten der „langlebigen
Gebrauchsgüter", an deren Vorhandensein so gern der Wohlstand deutscher
Arbeiter demonstriert wird: vom Kühlschrank bis zum Auto lauter Hilfsmittel, um
pünktlich und mit der nötigen Leistungskraft und Einstellung ausgestattet immer
von neuem den Weg aus der Schlafstadt zur Werkstatt zu schaffen. Ausgerechnet bei
dem Versuch, der Notwendigkeit dann wenigstens auch ein paar vergnügliche
Seiten abzugewinnen, dem Auto zum Beispiel die große Wochenend-Freiheit, setzt
dann wieder die offizielle Kulturkritik am hemmungslosen Verbraucher ein - und
dahinter steht schon der Fiskus bereit, um dem „Konsumterror" durch satte
Extra-Steuern Grenzen zu ziehen: Schon wieder bedient der Lohnarbeiter mit
seinen paar Lebensregungen lauter fremde Geldinteressen und kommt darüber erst
gar nicht „zur Sache", für die er doch gearbeitet haben will.
Nicht einmal dann lassen die Notwendigkeiten der
Lohnarbeiter die Mitglieder dieser großen Berufsgruppe so richtig los, wenn sie
infolge Entlassung Pause haben. Sich bereithalten ist auch dann verlangt, wenn
gar nicht absehbar ist wofür; und ein Drittel billiger hat es zu sein als der
Aufwand, mit dem eine aktive Arbeitskraft sich immer wieder herzustellen hat.
Vom
Vorsatz, für den Lohn zu arbeiten, um zu leben, geht auf diese Weise genau
soviel in Erfüllung, daß man lebt. Physisch präsent und leistungsfähig: Wenn
mehr nicht gemeint ist mit Leben, dann läßt sich allenfalls leben vom deutschen
Lohn. Er versagt, wo er Mittel für mehr sein soll; und schon damit er das
Notwendige hergibt, muß der Lohnempfänger sich so in den Dienst der verlangten
Preise stellen, daß es zum unbefangenen Gebrauch der nötigen Güter gar nicht
erst kommt. An allen Ecken und Ende verkehrt das Verhältnis zwischen Verdienst
und Preisen den guten Vorsatz in sein Gegenteil: wird gelebt unter dem Diktat
und für den Zweck der betrieblichen Benutzung als Arbeitskraft. Das
folgerichtige Ergebnis ist eine gewisse Verwahrlosung, die keineswegs bloß in
Deutschlands Ostzone an den Häuserfassaden zu besichtigen ist, sondern
in gleichem Ausmaß hinter den hübsch verputzten Fassaden Westdeutschlands,
wo die Häuser ja schon länger der gutgestellten Klasse der Haus- und
Grundbesitzer gehören. Eingeschlossen ist darin eine Sorte Lebenskampf, den
nicht die Natur ihren vernunftbegabten Kindern auferlegt hat, sondern das
gesellschaftliche Produktionswesen, in dem es ums Geld geht. Zu dem gehören
Verlierer - in Deutschland das berühmte „untere" oder „vergessene
Drittel", in anderen nationalen Niederlassungen der modernen
Marktwirtschaft sind es bis nahe an 100 Prozent -, für die, mit einer schlecht
entgoltenen Lohnarbeit oder ganz ohne, noch nicht einmal das Leben
zustandekommt, das ordentlich geführt sein will, damit der Mensch für seinen
Gebrauch als Arbeitskraft taugt. Vom Lohn leben zu müssen, bedeutet eben
alles andere als eine Garantie, mit dieser Voraussetzung auch leben zu können.
Daß
Lohnarbeiter in der Marktwirtschaft keine andere Chance haben - außer der
Erbschaft oder dem Lottogewinn, der sie davon befreit, auf Lohnarbeit als ihr
Mittel angewiesen zu sein -; daß sie von einem Leben, das sich lohnt, durch ihr
eigentümliches Lebensmittel selbst ausgeschlossen sind: das stellen im übrigen
die sachverständigen Freunde dieser Wirtschaftsweise auf ihre Art selber immer
wieder klar. Am deutlichsten, wenn sie vor der Einbildung warnen, es ginge eventuell
auch anders: der geschaffene Reichtum ließe sich bei gutem Willen doch so
umverteilen, daß jeder was vom Leben hat. Dagegen warten sie mit Berechnungen
auf, die glasklar zeigen, daß mit der Verteilung der Profite ans Volk auch
keiner wohlhabend würde - wie auch: Wenn sonst alles so bleibt, wie es ist,
alle Notwendigkeiten des Geschäfts bedient werden müssen, die Zweckbestimmung
des Reichtums und der dafür geleisteten Arbeit die Vermehrung des Eigentums ins
Geldform bleibt und ein ganzer Staat dafür einsteht und sich entsprechend
ausstattet, dann mag noch was zum Umverteilen übrigbleiben! Da haben die
Experten schon recht, die das marktwirtschaftliche System gegen wohlmeinende
Umverteilungswünsche - „von oben nach unten" - in Schutz nehmen: Mit der Einrichtung
der Lohnarbeit ist über die Verteilung von Reichtum und Armut definitiv
entschieden; Korrekturen sind systemfremd, einschneidende Korrekturen
systemwidrig und -zerstörend. Die Marktwirtschaftler sagen es selbst: Ihr
System ist letztlich unverbesserlich. Man sollte sich das merken.
g) Freiheit und Freizeit der Lohnarbeiter haben
also ihren Inhalt, bevor sie losgehen; der besteht aus lauter Zwängen.
Dennoch, es bleibt jedem einzelnen unbenommen, mit diesen Notwendigkeiten
klarzukommen, sich einzuteilen und seine Freizeit zu gestalten, wie er/sie es
will. Diese Freiheit gönnen die Spitzen der Gesellschaft ihrem Fußvolk, machen
sich gegen jegliche Bevormundung stark, wie sie im Wohlfahrtswesen der alten
DDR zum Beispiel geherrscht haben soll, wollen erst recht niemanden
„gängeln" - jedenfalls nicht mehr als unbedingt nötig. Warum auch! Sie
verlassen sich in ihrer Liberalität darauf, daß den fest etablierten
Sachzwängen der Marktwirtschaft sowieso ent- und nicht widersprochen wird,
gerade von deren Opfern. Und sie werden nicht enttäuscht. Die Leistung der Anpassung
-an die betrieblichen Leistungsvorgaben und Arbeitszeitordnungen, an die
Alternativen des Sparens und Schuldenmachens, an die Erfordernisse einer
geordneten Verwahrlosung, an die gebotenen Chancen und unausbleiblichen
Enttäuschungen -wird in aller Freiheit erbracht. Die Freiheit läßt sich leicht
loben, von oben herab.
In ihren praktischen Anpassungsleistungen folgen
Deutschlands Lohnarbeiter einer gewohnheitsmäßigen Sicht ihrer Lage, die umgekehrt
jeden praktischen Sachzwang, dem sie genügen müssen, als - „nun einmal"
gegebenen - Lebensumstand versteht, mit dem man sich sowieso einrichten muß,
also so geschickt wie möglich einrichten sollte. Alle Interessen, deren Objekt
und Manövriermasse sie sind, werden damit als fraglos gültige
Existenzbedingungen anerkannt. Nicht bloß unter Wirtschaftsforschern, auch
unter Lohnempfängern geht es als der pure Realismus durch, sich selbst
und sogar die eigenen Lebensschwierigkeiten von oben herab zu betrachten, vom
Standpunkt der Benutzer und Nutznießer der eigenen Arbeitskraft aus. Die reine
Welterfahrenheit gebietet es, die eigenen Interessen ebenso wie die der
Gegenseite zu problematisieren und für überparteilichen Ausgleich zu sein. Auch
mit der Staatsgewalt rechten deutsche Lohnarbeiter gerne um Gebrauch und
Verbleib des verstaatlichten Mehrwerts, den sie doch bloß geschaffen, nie für
sich verlangt haben, so als müßten sie ihre Obrigkeit bei der produktiven
Trennung des Reichtums von ihnen beraten; zerbrechen sich unter vielstimmiger
Anleitung sämtlicher Medien den Kopf der politischen Großverbraucher des
nationalen Wertprodukts; halten sich am Ende die nationale Macht zugute, die
aus ihnen doch bloß herausgewirtschaftet wird und einer Staatsräson folgt, für
die sie wieder bloß als Manövriermasse verplant sind. Ausländer,
gleichgestellte vor allem, halten sie für das größere Problem als die
Herrschaft, die Inländer über sie ausüben. Der weltpolitische Erfolg der
deutschen Nation leuchtet ihnen als höchste und verbindlichste Notwendigkeit
ein, als wäre etwas daran an der „Bestechungstheorie" aus früheren Tagen
der Arbeiterbewegung, als deren radikale Fraktion an der patriotischen
Unterwerfungsbereitschaft der Mehrheit herumrätselte und meinte, das eigentlich
von Natur aus zur Revolution geneigte Proletariat würde durch Beteiligung an
dem Reichtum bei der Stange gehalten, den die Imperialisten fremden Völkern
abpressen - so als stünden die billigen Kolonialwaren in irgendeinem
bemerkenswerten Verhältnis zu dem Reichtum, über den Imperialisten erst einmal
verfügen müssen, bevor sie alles ihrem Weltmarkt unterwerfen... Dabei ist die
Teilhabe der Lohnarbeiter am Benutzen und, wenn es denn schon um dieses
primitive Verhältnis gehen soll, Ausplündern fremder Länder bestenfalls
ideeller Natur; und wenn sie ideell darauf bestehen, daß Bananenrepubliken dies
gefälligst zu bleiben und den Deutschen ihre Lieblingsfrucht billig abzuliefern
haben, dann haben sie nie ihren weltpolitischen Zusammenhang mit tropischen Plantagen
und den dazugehörigen Machtgebilden ernstlich durchkalkuliert - sie wären auch
bloß darauf gestoßen, daß sie nicht bestochen, sondern billiger werden,
wenn ihr Nachwuchs von billigen Bananen satt wird. Sie haben bloß mitgekriegt
und ganz selbstlos, rein patriotisch, für gut befunden, daß ihre Nation sich
von solchen Ländchen minderen Ranges nichts gefallen lassen darf. Und kämen
deswegen auch nie auf die Idee, ihrer nationalen Geschäftswelt wirklich und mit
vergleichbarem Selbstbewußtsein ein Stück des Reichtums abzufordern, den die
aus den Schuldnerstaaten der Weltwirtschaft eintreibt. Die Einbildung, man
wäre als Lohnarbeiter bei den weltpolitischen Manövern der eigenen Nation
gefragt und mit von der Partie, ist nichts als eine Art, sich ein Einverständnis
mit den nationalen Instanzen herbeizuwirtschaften, die die wirklichen
Nutznießer dessen sind, was sie auswärts anrichten.
Mit dem Gebrauch ihrer Freiheit geben
Deutschlands Lohnarbeiter in Theorie und Praxis zu erkennen, daß sie nicht bloß
auf Zeit mit ihrer Arbeitskraft, auch nicht nur mit ihrer kleinen
Geldwirtschaft und Freizeitgestaltung, sondern auch noch mit ihrem Verstand und
dem Vers, den sie sich auf ihre Lebenslage machen und zu ihrer Lebensmaxime
erheben, Eigentum der anderen Seite sind - auch mit Gemüt und Weltbild
„klein v". Genau das macht sie so berechenbar in ihrer Freiheit; fürs
Geschäft wie für die Politik. Im Geschäftsleben ist darauf Verlaß, daß
Lohnarbeiter sich bis zu ihrer Entlassung - und in tragischen Fällen noch darüber
hinaus - ihre höchstpersönliche Unentbehrlichkeit für „ihre" Firma
einbilden. Und in Deutschlands Demokratie schaffen es drei bis fünf politische
Parteien, mit extrem wenig Pluralismus die Meinungsvielfalt von Millionen
freien Bürgern mit unverwechselbarer eigener Meinung zu bedienen und
wahlarithmetisch zu bewirtschaften. Das ist nämlich die Ironie der Geschichte,
die ironischerweise genau solange in Kraft ist, wie die lohnarbeitende
Menschheit ihre Klassenlage nicht begreift - was übrigens auch für Lohnarbeiter
nicht schwieriger ist als ein dauerndes Einverständnis mit Kohl und der
Bild-Zeitung -: Wo Lohnarbeiter ganz individuell werden, werden sie endgültig
gnadenlos einförmig und offenbaren bloß, wie total sie - nach ökonomischer
Funktion, Lebenslage, Lebensführung und Lebensphilosophie - eine gesellschaftliche
Klasse und sonst nichts sind: eine Klasse, die insgesamt nicht sich,
sondern sehr funktionell ihren Arbeitgebern gehört.
Solange
sie dieser ihrer Klasseneigenschaft treu bleiben, bekommen die Lohnarbeiter
der Nation von allen, die etwas zu sagen haben im deutschen Klassenstaat, beste
Noten. Die bestimmende Elite gefällt sich in einem bürgerlichen Proletkult, der
die verkehrte Gewißheit der ehemaligen Linken, Vorhut einer ohnehin massenhaft
aufbrechenden Begeisterung für den Sozialismus zu sein, mit umgekehrten
Vorzeichen auf die Spitze treibt, nämlich bis zu dem Zynismus, die Massen dafür
zu loben, daß sie im Dienst am Kapital und der demokratischen Staatsmacht ihre
Berufung und wahre Freiheit entdeckt und anerkannt hätten. Die Regierenden
wissen eben, was sie an ihren Massen haben -jedenfalls sehr viel besser als
umgekehrt.