Das kommunistische Manifest

Ein mangelhaftes Pamphlet - aber immer

noch besser als sein moderner guter Ruf

I. Ein Gespenst geht um in Europa -

die Liebe zum kommunistischen Manifest

Wäre die alte Agitationsschrift von Marx und Engels nicht ausgerechnet dieses

Jahr 150 Jahre alt geworden, kein Hahn hätte danach gekräht. Der Faszination der

runden Jahreszahl konnten sich die kritischen Köpfe der freiheitlichen Öffentlichkeit

aber einfach nicht verschließen: Rückschau stand an und eine kritische Würdigung

des Frühwerkes der „AhnVäter des Kommunismus". Von deren Spätfolgen hält man

zwar weniger denn je etwas: Seit die Sowjetmacht sich aufgelöst hat, gilt deren

System in zunehmendem Maße nur noch als Verbrechen. Als Sieger der Geschichte

kann der abendländische Geist aber manches wieder interessant finden, wovon er

sich bis neulich noch schwer bedroht gefühlt hat und das er deshalb ernster nehmen

mußte, als ihm lieb war:

„Doch nun, da es einen ernstzunehmenden Marxismus nicht mehr gibt, besteht auch

die Chance, vorurteilsfrei die Seiten des Marxschen Werkes zu betrachten, in denen er

recht behielt. " (Nikolaus Piper, SZ 21.2.98)

Mit der größten Selbstverständlichkeit legt dieser Vertreter der absolut überparteilichen

und unabhängigen ,,vierten Gewalt" ein Bekenntnis zum parteilichen Denken

im Dienste seiner Obrigkeit ab. Solange es eine real existierende Alternative zum

wunderbaren System von Marktwirtschaft und Demokratie gab, hatte der in westlichen

Redaktionen beheimatete kritische Sachverstand schlechterdings keine Chance

zur vorurteilsfreien Analyse linken Schrifttums. Propaganda gegen linke Systemgegner

war damals nunmal ein Gebot der Freiheit. Jetzt, wo der gefährliche Spuk vorbei

ist, kann man das erstens gelassen zugeben und sich zweitens ganz unverkrampft der

Frage zuwenden, was uns das „Gespenst" aus dem Kommunistischen Manifest heute

noch zu sagen hat. Die Antworten sind entsprechend.

1. Ein großes Stück Weltliteratur

Da herrscht Einigkeit in der literaturkritischen Fachwelt: Marx, der konnte dichten!

Von „geradezu biblischer Sprachgewalt" soll der Text sein, den die beiden

sozialistischen Agitatoren vor 150 Jahren zu Papier brachten: mindestens ,,ein Meisterwerk

der Weltliteratur " (Umberto Eco), ,,eines der herrlichsten Prosastücke der

deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts " (Marcel Reich-Ranicki). Ein Text, wie

eine Symphonie: „Er beginnt mit einem Paukenschlug, wie die Fünfte von Beethoven

" (nochmal Umberto Eco) ... So kann man seitenweise Textanalysen fabrizieren,

über die ,, lapidaren Sätze " mit ihren ,,schöpferischen Eruptionen " und ,, unvergeßlichen

Aphorismen " (Gespenst geht um!, Ketten verlieren ... Welt zu gewinnen!)

darherschwafeln, den Text als Schulungsmaterial für Werbefachleute empfehlen,

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weil man sich angeblich seiner zwingenden Kraft als Literatur nicht entziehen kann,

ohne auch nur im geringsten von dem Inhalt der Schrift angetan zu sein. Geschweige

denn, sich diesem Inhalt nicht entziehen zu können. Das begeisterte Getue nach dem

Motto: ,,Schöön haben sie das gesagt!" ist die denkbar größte Distanz, die man zu

der alten Agitationsschrift einnehmen kann. Denn immerhin wollten Marx und

Engels damals nicht noch'n Gedicht schreiben, sondern die Arbeiter zu einer proletarischen

Revolution aufhetzen.*)

Aber nicht nur auf literarischem Gebiet, auch auf dem Felde der Ökonomie sollen

die Autoren des kommunistischen Manifests Großartiges geleistet haben. Lauter

erklärte Antikommunisten entdecken im Kommunistischen Manifest:

2. Die beste Wirtschaftsprognose, die die Welt gesehen hat

Die Zukunft des weltweiten Kapitalismus haben Marx und Engels nämlich angeblich

messerscharf vorausgesehen und dabei nicht mit Lob gespart für seine grandiosen

Taten. Eine erstaunliche Leistung soll das gewesen sein, wo doch

„der Industriekapitalismus erst am Anfang seiner eigenen, äußerst dynamischen Weltrevolution

stand, die im Manifest gepriesen wurde. '' „Der Text auf 30 Druckseiten sagte

korrekt den Konzentrationsprozeß in der Wirtschaft voraus, auf Kosten der bisherigen

kleinen Mittelstände, kleinen Industriellen, Handwerker und Bauern. Mit dem

Donnerhall alttestamentlicher Propheten kündigte er vor 150 Jahren die Globalisierung

an. " (Friedjof Meyer, Spiegel 16.3.98)

„Nie wurde die kapitalistische Globalisierung, kaum daß sie begonnen hatte, grandioser

besungen als im Februar 1848. I' (Mathias Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)

Selbst das Handelsblatt muß der prognostischen Kraft des Marxismus Repekt zollen:

,, ... manche seiner Prognosen sind von der Entwicklung bestätigt worden und lassen

sich heute als Zustandsbesckreibungen selbst in den Leitartikeln bürgerlicher Zeitungen

nachlesen. " (Hans Mundorf, HB 25.2.98)

Ausgerechnet an dieser ersten Hetz-Schrift gegen den weltweiten Kapitalismus

wollen sie nämlich nichts geringers als ihr eigenes Gerede von der Globalisierung

mit ihren Gefahren und Chancen für den Standort Deutschland ausgemacht haben.

Begeisterung kommt auf bei allen Freunden der Globalisierungs-Ideologie angesichts

folgender Passage:

*) Daß Bertolt Brecht, wie jetzt im Rahmen der allgemeinen Lobgesänge über die angebliche

literarische Qualität des Kommunistischen Manifestes zu erfahren war, spater tatsächlich

versucht haben soll, aus dem Manifest ein Gedicht zu machen, kann man wirklich

nicht seinen beiden Autoren zur Last legen. Es zeigt höchstens, daß Brecht sein Lebtag

nicht zwischen künstlerischer Erbauung und politischer Agitation unterscheiden wollte.

Ein Fehler, den er im übrigen mit den Parteiführungen des real-sozialistischen Staatsblocks

teilte, für die Unterhaltung und ,,proletarische Bewußtseinsbildung" ebenfalls eine

,,untrennbare Einheit" darstellte. Weshalb der „Kulturschaffende" Brecht in seinen DDRJahren

bekanntlich das tragische Schicksal erlitt, von der politischen Gängelung durch

US-Behörden, die in ihm einen „kommunistischen Agitator unter dem Deckmantel der

Kunst" ausmachten, unter die fürsorgliche Obhut und Kontrolle der Partei der Werktätigen

zu geraten, die bisweilen andere Vorstellungen von ,,sozialistischer Linientreue" beim

Dichten und Theaterspielen hatte als der seit neuestem auch im Westen Deutschlands

gefeierte „größte deutsche Dramatiker dieses Jahrhunderts".

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„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die

Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen,

überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts

die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat

zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den

Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden

noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einfuhrung

eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird ... An die Stelle der alten lokalen

und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr,

eine allseitige Abhängigkeit voneinander. " (zitiert nach Handelsblatt 25.2.98, aber

so oder ähnlich auch in sämtlichen anderen Lobreden auf den Prognostiker Marx zu finden)

Weiter im Handelsblatt-Text:

,,Könnte das nicht der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-

Olaf Henkel, in einer seiner Standortreden ähnlich gesagt haben, und zwar nicht als

Prophezeiung, sondern als Abmahnung an die Adresse der Reaktionäre, die immer noch

an der Tarifautonomie, am Sozialstaat, an der Nationalität eines Währungs-, Wirtschafts-

und Steuersystems festhaken? Und wer wollte im Jahr 1998 der Feststellung von

Marx aus dem Jahr 1848 widersprechen, daß es für die Wirtschaft ein Gesetz der Konzentration

gibt, ,daß die bisherigen kleinen Mittelstünde, die kleinen Industriellen' der

Konkurrenz der Großunternehmen zum Opfer fallen? An die Stelle des industriellen Mittelstandes

werde die große Industrie treten, beherrscht von den ,Chefs ganzer industrieller

Armeen'. "

Nein, das muß sich der alte Marx wirklich nicht nachsagen lassen, daß sein Text

eine gelungene Redevorlage für den heutigen Kapitalistenchef abgäbe.*) Im Unterschied

zu allen modernen Standort-Rednern und Leitartikel-Schreibern, die ein Phänomen

namens „Globalisierung" beschwören, das unser aller Schicksal sein soll,

dem sich niemand, kein Politiker, kein Unternehmer, kein Gewerkschaftsführer entziehen

kann, und das deshalb immer zu dem wenig orginellen kapitalistischen Sachzwang

führen soll: die Geschäftsbedingungen für das Kapital müssen verbessert, die

Löhne müssen drastisch gesenkt werden ... - im Unterschied zu Gestalten wie Henkel

und Co. benennt das Kommunistische Manifest erstens ein Subjekt, das sich den

Erdball nach seinen Bedingungen zurechtmacht. Wo Marx schreibt: ,,Die Bourgeoisie

jagt über den ganzen Erdball", nehmen die des Lesens offenkundig nur selektiv

fähigen modernen Freunde der ,,Globalisierungs-Debatte" zur Kenntnis: ,,...jagt über

den Erdball" = Globus = Globalisierung = wir sitzen alle in der ,,Globalisierungsfalle

= die Löhne müssen runter, wer sagt's denn!" Wo die modernen Apologeten

des weltweiten Kapitalismus keine Macher und Nutznießer dieser Produktions-

*) Uns sind Figuren wie Hans-Olaf Henkel, Gerhard Schröder, Norbert Blüm und Konsorten

dagegen an einer ganz anderen Stelle der Manifests sehr lebhaft vor Augen gestanden:

„Seinen entsprechenden Ausdruck erreicht der Bourgeoissozialismus erst da, wo er zur

bloßen rednerischen Figur wird. Freier Handel! im Interesse der arbeitenden Klasse;

Schutzzölle! im Interesse der arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! imm Interesse der

arbeitenden Klasse: das ist das letzte, das einzige erstgemeinte Wort des Bourgeoissozialismus.

Der Sozialismus der Bourgeoisie besteht eben in der Behauptung, daß die Bourgeois

Bourgeois sind - im Interesse der arbeitenden Klasse. ' I Die aktuelle Fassung dieses

Sozialismus heißt: „Lohnsenkungen und rentable Arbeitsplätze! im Interesse der arbeitenden

Klasse! "

161

weise mehr kennen wollen, sondern nur noch Betroffene, erklärt das Kommunistische

Manifest zweitens die Notwendigkeit des Interessengegensatzes zwischen Kapital

und Arbeiterklasse. In einer Zeit, in der die kapitalistische Produktionsweise

gewaltsam gegen die noch bestehenden feudalistischen Interessen durchgesetzt

wurde, erkannten Marx und Engels die Qualität des neuen, unversöhnlichen Interessengegensatzes,

der mit dem Sieg der Bourgeoisie über die feudale Gesellschaftsordnung

eingerichtet wurde. Das Proletariat, die eigentumslose Klasse der Lohnarbeiter,

die durch die bürgerliche Revolution gerade erst hergestellt wurde, wollten

sie aufhetzen zu einem Kampf gegen die neue Herrschaftsklasse, die dabei war,

„sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde zu schaffen". Denn ihnen war klar, welche

noch nie dagewesene Barbarei mit der neuen fortschrittlichen Produktionsweise

weltweit durchgesetzt wurde:

„In den Handelskriegen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern

der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen

bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als Widersinn

erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich

in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner

Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die

Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation,

zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. "

Hier haben Marx und Engels nicht eine Prognose gewagt und die Wirtschafts- und

Finanzkrisen des zuendegehenden 20. Jahrhunderts vorausgesagt, sondern zum

Kampf gegen eine Gesellschaftsordnung aufgerufen, in der die Schaffung von

Reichtum notwendigerweise Elend produziert. Einer Produktionsweise also, in der

Armut nicht mehr länger Resultat von Mangel ist, sondern das zwangsläufige Resultat

einer hemmungslosen Vermehrung von kapitalistischem Reichtum. Im Moment

der Durchsetzung des kapitalistischen Privateigentums war ihnen die

Ungeheuerlichkeit dieses neuen Produktionsverhältnisses klar: Es beruht auf dem

ständig neu reproduzierten Ausschluß der eigentumslosen Massen von dem in nie

gekannter Dimension wachsenden Reichtum, den sie als Lohnabhängige gezwungen

sind, für ihre Fabrikherren zu schaffen.

Daß dieser neue Klassengegensatz mit dem Sieg der Bourgeoisie zum alles Entscheidenden

wird, daß davor „alles Ständische und Stehende verdampft", alle sonstigen

gesellschaftlichen Gegensätze und Problemlagen nebensächlich werden, darauf

wollte das Kommunistische Manifest die ,,Proletarier aller Länder" aufmerksam

machen. Es war die Aufforderung, die in alle möglichen Kämpfe involvierten Massen

sollten sich nicht zum Mittel für den geradc stattfindenden Durchsetzungskampf

der Bourgeoisie gegen die Feudalordnung machen lassen, sondern gleich den Übergang

zum alles entscheidenden Klassenkampf gegen das Privateigentum machen.

Es gehört schon ein beträchtliches Maß an interessiertem Analphabetismus dazu,

aus dem alten Manifest, das zur Abschaffung des Privateigentums, zum Angriff auf

das kapitalistische Produktionsverhältnis aufruft, Marx' Diagnose des Klassengegensatzes

glatt zu eliminieren und statt dessen eine gelungene Beschreibung der Problemlage

unserer heutigen Wirtschaftsführer mit ihren „Standortsorgen" herauslesen.

Aber es kommt noch besser: Der Wirtschaftsfachmann des Handelsblatts seufzt

nach einem „neuen Marx", damit er und seinesgleichen sich im - von ihm und sei-

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nesgleichen sonst immerzu gepriesenen - „freien Spiel der Märkte", das ohne jede

Planung doch bekanntlich so wunderbar funktioniert und letztlich der Menschennatur

so unnachahmlich entspricht, noch zurechtfinden können oder doch

zumindest den einen oder anderen Tip bekommen könnten, wo sich das Investieren

noch lohnt ...

„Marx und Engels verstanden sehr viel von der Ökonomie ihrer damaligen Zeit. Lebten

sie heute, wären sie vermutlich keine Kommunisten, sondern liberale, das heißt

beamtete Professoren der Wirtschaftswisssenschaften. Auch in dieser Eigenschaft würden

sie sicherlich mehr leisten als die unentwegte Reproduktion von Adam-Smith-Zitaten.

Sie würden vielleicht doch den Mut haben, auch einen Bilck in die Zukunft zu richten,

und wenigstens eine Theorie des Globalismus entwickeln. Denn wenn schon Produktion

und Konsumtion immer kosmopolitischer werden müssen, wenn den nationalen

Industrien der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alles Ständische und Stehende

verdampfen muß, von den nationalen Währungen bis zu den nationalen Tarif- und

Sozialsystemen: Warum gibt es keine „Allgemeine Theorie" solcher Veränderungen?

Warum gibt es keine Konzepte, was in Deutschland an die Stelle der Tarifautonomie treten

könnte, wie sich die Sozialversicherungen bei sinkenden Löhnen finanzieren ließen,

welche Transferleistungen in Europa notwendig werden, wenn der Wettbewerb der Währungen

außer Kraft gesetzt wird? Und warum rnuß die Welt immer überrascht werden

von Währungskrisen wie in Südamerika, Mexiko oder in den asiatischen Tigerstaaten?

Warum steht das Wissen um die Gebrechlichkeit solcher Staaten immer erst nachträglich

und nie rechtzeitig zur Verfügung? ''

Ein paar Zeilen vorher war sich der Handelsblatt-Schreiber zwar sicher, daß

„Marx und Engels sicher gute Diagnostiker, aber unfähige Therapeuten" waren -

aber was soll's: Auf den kleinen Nebenwiderspruch kommt es auch schon nicht

mehr an bei einem Menschen, der ungerührt zu Protokoll gibt, daß die Wirtschaftsweise,

deren hundertprozentiger Anhänger er ist, nach Gesetzen vor sich hin funktioniert,

die keiner ihrer Akteure oder Ideologen durchschaut. Diesem geballten wirtschaftlichen

Sachverstand ist deshalb auch völlig selbstverständlich, daß eine „Theorie

der Globalisierung" nie und nimmer auf die fundamentale Kritik einer Ökonomie

hinausläuft, die solche wahnwitzigen Verhältnisse produziert. Nein, beim Handelsblatt

ist der marktwirtschaftliche Realismus zu Hause, und für den ist „Theorie" so

ungefähr dasselbe wie ein Konzept zur „sozialverträglichen Senkung der Lohnkosten"

am Standort Deutschland oder ein paar astreine Tips fürs Finanzkapital, welcher

"„eemergienmge mrgainrkgeint"g auch übermorgen noch einer ist ... Solche Konzepte gibt es

nun wirklich massenhaft, fabriziert von ,,liberalen Wirtschaftsprofessoren" und

Wirtschaftsinstituten, dazu muß man nicht den alten Marx ausgraben und auch noch

postum verbeamten! Aber genaugenommen seufzt der Mann vom Handelsblatt

weder nach einer ,,Theorie der Globalisierung" noch nach aktuellen wirtschaftspolitischen

Konzepten und Prognosen, sondern nach einer unschlagbaren Erfolgsstrategie

für den Wirtschaftsstandort Deutschland in der weltweiten Konkurrenz. Da wird

er sich wohl auch zukünftig mit der unentwegten Reproduktion von Gejammer

beschäftigen können, daß man angesichts der „freien Konkurrenz der Märkte"

immer erst nachträglich weiß, wo sich ein Geschäft gelohnt hat und wo nicht. Falls

der unwahrscheinliche Fall eintritt, daß er irgendwann wissen will, woran das liegt:

Sollte er vielleicht einfach mal ein bißchen marxistische Theorie studieren ...

Das würde auch einem weiteren kritischen Geist nichts schaden, der damit angibt,

163

nicht nur das Manifest, sondern auch das „Kapital" gelesen zu haben, um dann zu

folgender Erkenntnis zu kommen:

,,Zumindest das Kapital ist, wie mittlerweile sogar Wirtschaftswissenschaftler begreifen,

kein Programm zur Abschaffung, sondern im Gegenteil eine Art Bibel des Kapitalismus,

mit einem hohen Anteil von prophetischen Büchern, in denen die Entwicklung von

Welt und Wirtschaft beängstigend genau vorherberechnet wird, inklusive Globalismus

und Geldhandelsirrsinn. Wobei Irrsinn bloß so ein journalistischer Ausrutscher ist;

Marx selber, kühl bis ans Herz, behauptete, das müsse so sein. Und setzt nicht einmal

das Wörtchen ,leider' hinzu, jedenfalls nicht im Kapital. Gar nicht dumm im analytischen

Teil liest sich auch das Kommunistische Manifest. Wenn bloß dieser merkwürdige

Schlußsatz nicht wäre: ,Proletarier aller Länder, vereinigt euch!' Ja, wozu denn, um

Himmels Willen? " (Rainer Stephan, SZ 3.3.98)

Ziemlich dumm im analytischen Teil. Aber wir buchstabieren gerne noch einmal

für die Analphabeten aller Länder: Dieser ,,merkwürdige Schlußsatz" kommt so

zustande: Nachdem der Klassenfeind - die Bourgeoisie - charakterisiert ist, werden

ihre notwendigen Opfer - die ,,Proletarier aller Länder" - zum Klassenkampf gegen

die weltweite Herrschaft des Privateigentums und seine politischen Garanten aufgerufen.

Wir bezweifeln bloß, daß diese Erläuterung etwas nutzt angesichts der beachtlichen

geistigen Leistung des Herrn Stephan, die oppositionelle Stellung gegen das

Privateigentum aus dem Marx'schen Schrifttum einfach auszublenden. Oder wie

sonst sollte man darauf kommen, im „Kapital" eine Art „Bibel des Kapitalismus" zu

sehen, die „bloß' mal eben „kühl" darstellt, daß im Kapitalismus alles so sein muß,

wie es ist? Ja, wenn das Wörtchen „leider" wenigstens ab und zu zum Einsatz

gekommen wäre, dann hätte man sich als moralischer Mensch vielleicht vorstellen

können, daß Marx irgendetwas Grundsätzliches an den kapitalistischen Verhältnissen

auszusetzen hatte. Aber so, so hat er ja „nur" die Systematik der kapitalistischen

Produktionsweise analysiert und die Notwendigkeit des Elends einer ganzen Klasse

erklärt. Und weil er diese Notwendigkeiten des Systems analysiert hat, hat Marx

auch gewußt, daß das Elend dieser Welt nicht mit einem herzzerreißenden ,,Leider"

zu bedenken ist - das hat er den Pfaffen und Systemverbesserem überlassen. Denn

gerade weil der Kapitalismus, solange es ihn gibt, so funktioniert, wie er eben funktionieren

muß, hat Marx darauf bestanden, daß dieses System nicht verbessert, sondem

abgeschafft werden muß. Das alles hat Herr Stephan lieber nicht zur Kenntnis

nehmen wollen. Fürs Leben gemerkt hat er sich statt dessen: ,Der Kapitalismus ist

ein amoralisches System " - aber was sein muß, muß wohl sein, leider, leider ...

Andererseits kann man gar nicht oft genug betonen, daß die ,,bedauerlichen

Zustände des Manchesterkapitalismus", die nach Auskunft der heutigen Rezensenten

des Manifests damals durchaus zu Recht angeprangert wurden, mittlerweile

längst überwunden sind. Wenn man es richtig liest, ist das Kommunistische Manifest

nämlich:

3. Eine Sozial-Charta, die durch die soziale Marktwirtschaft längst eingelöst ist

Denn nicht nur in ihren Diagnosen - oder genauer gesagt: ihren angeblichen Prognosen

- auch in der vorgeschlagenen Therapie bekommen die Autoren des Kommunistischen

Manifests von ihren modernen Fans ein dickes Lob. Mit Begeisterung

stürzen sie sich auf die 10 Forderungen, die am Ende des 2. Kapitels als passende

nächste Schritte hin zur proletarischen Revolution aufgelistet werden: Forderungen,

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die ein etwas eigenartiges Sammelsurium darstellen: von der Expropriation des

Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben über die Einführung

einer Progressivsteuer bis zur Zentralisation des Kredits in den Händen des

Staates und der Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land ... wird hier für

interessierte moderne Ideologen einiges Material geboten. Daß nicht jeder der belesenen

Kommentatoren des Kommunistischen Manifestes das Vorwort zu dessen

zweiter Auflage aus dem Jahre 1872 gelesen hat, will man ihnen nicht unbedingt

vorwerfen. Obwohl sie dann hätten zur Kenntnis nehmen können, daß Marx und

Engels sich ziemlich bald nach Erscheinen des Manifests eines Besseren besonnen

hatten und sich von diesen 10 Forderungen distanzierten. Was die Lektüre des Manifestes

selber betrifft, muß man allerdings auch an dieser Stelle wieder eine ausgeprägte

Form der Leseschwäche bei den Rezensenten feststellen. Denn immerhin

werden dort diese Forderungen charakterisiert als

,,Maßregeln, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe

der Bewegung über sich hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise

unvermeidlich sind ".

Einen ,,konkreten Teilerfolg" konnten sich die beiden Revolutionäre also vorstellen

auf dem Weg zum eigentlichen Ziel der proletarischen Revolution - einer der

schlechteren Einfälle des Manifestes, doch dazu später. Daß die Erfüllung dieser

Forderungen nicht mit dem Endziel der Revolution, die sie anstacheln wollten, zu

verwechseln sein sollte, haben die Autoren also deutlich zu Papier gebracht. Aber

was kann man machen, wenn die Nachwelt nicht lesen, sondern sich selber loben

will?

„Die wahren Vollstrecker des Kommunistischen Manifests waren jene Sozialdemokraten,

welche das allgemeine Wahlrecht und damit den Staat eroberten ... Die demokratischen

Sozialisten - auch wenn sie sich nicht immer so nannten - unterwarfen das Eigentum

dem Wohl der Allgemeinheit, die Hälfte des Sozialprodukts der Verwaltung durch

den demokratischen Staat. Sie orientierten den Lohn nicht mehr an den geringsten

Unterhaltskosten, sondern am Leistungsprinzip - laut Marx (1875) Kennzeichen einer

sozialistischen Gesellschaftsordnung, derweil im hernach angepeilten Schlaraffenland

einer ,kommunistischen Gesellschaftsordnung' jedem nach seinen Bedürfnissen zugeteilt

werden sollte. Das gilt auf niedrigstem Niveau in Deutschland bereits für Sozialhilfeempfänger,

eine Errungenschaft mit Anziehungskraft. Die Proletarier haben jedenfalls

längst mehr zu verlieren als ihre Ketten, es fragt sich nur, ob es dabei bleibt. Das Sofortprogramm

des Kommunistischen Manifests ist de facto, auch wenn ein neues Manchestertum

gerade wieder eine Wende rückwärts probiert, beinahe verwirklicht - von der

starken Progressivsteuer bis zur öffentlichen unentgeltlichen Erziehung der Kinder und

der Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land. " (Friedjof Meyer, Spiegel

16.3.98)

Was soll man dazu noch sagen? Der Mann verwechselt Marx' Forderung, ,jeden

nach seiner Leistung" am gesellschaftlichen Reichtum zu beteiligen, mit dem „Leistungslohn",

den das Kapital als Mittel einsetzt, um ,,Arbeitsplätze" rentabel zu

machen - als würde da ausgerechnet die Arbeitsleistung bezahlt! Da drängt sich

doch die Frage auf, ob dieser Experte, der im ,,Spiegel" als Kenner der Materie,

nämlich als ,junger Sozialist von 1961", vorgestellt wird, je eine Zeile in den Lohnkapiteln

des ersten Bandes des „Kapital" gelesen hat? Falls ja, spricht das erst recht

gegen seinen Geisteszustand. Dort erklärt Marx nämlich den Leistungslohn keineswegs

als einen Schritt in die richtige Richtung zur „Übergangsgesellschaft", in der

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,,jeder nach seiner Leistung" über den gesamtgesellschaftlichen Reichtum verfügen

können sollte, sondern als Mittel der Lohnsenkung für abhängige Lohnarbeiter, die

durch die Form der Lohnzahlung von vorherein von der Verfügung über den Reichtum,

den sie produzieren, ausgeschlossen sind. Drollig auch der Einfall, die deutsche

Sozialhilfe - mit ihren üppigen „Körben": 1 Kinokarte pro Monat, 1 Paar Schuhe

pro Saison, 1 Schachtel Zigaretten pro Woche ... - als Beginn des Prinzips ,jedem

nach seinen Bedürfnissen" zu feiern - wenn auch „auf niedrigstem Niveau", das versteht

sich für einen Mann, dessen Bedürfnishorziont wohl kaum der ,,Anziehungskraft"

der Bedürfnisbefriedigung durch bundesdeutsche Sozialamter erliegen dürfte.

Jedem das Seine eben, da kennt ein aufgeklärter Geist sich aus. Einer, der ins

Schwärmen gerät bei der schönen Vorstellung einer Assoziation, ,,worin die freie

Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist", und der

ein paar Zeilen weiter zu Papier bringt, daß er jedenfalls sich unter einem erstrebenswerten

„Schlaraffenland" - was im übrigen im Programm von Marx und Engels nie

vorgesehen war - nichts anderes vorstellen kann als ein großes Sozialamt, das

,,jedem zuteilt", was ihm zusteht. Dafür braucht es wirklich keine sozialistische

Revolution, da hat der Mann ausnahmsweise recht.

Die virtuose Gleichsetzung ,,Kommunismus = Schlaraffenland = BRD-Sozialpolitik"

beherrschen auch andere originelle Kommentatoren:

,, Im Manifest wird das Schlaraffenland einer Gesellschaft nach der Eroberung der

politischen Herrschaft durch das Proletariat und der Enteignung der Bourgeoisie wie

folgt beschrieben: Einführung einer progressiven Einkommenssteuer; Verwendung der

Grundrente zu Staatsausgaben; Abschaffung des Erbrechtes; Zentralisation des Kredits

durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol; Zentralisation

des Transportwesens in den Händen des Staates; öffentliche und unentgeltliche

Erziehung aller Kinder, Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder.

Die progressive Einkommenssteuer, die Grundsteuer, die Erbschaftssteuer, die Bundesbank,

die staatliche Eisenbahn, das Verbot der Kinderarbeit, die unentgeltliche Ausbildung

von Kindern und Studenten: Das alles sind nun Selbstverständlichkeiten in einer

Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht. Für diese Errungenschaften, die für Marx noch

eine Utopie waren, brauchte man keine kommunistische Revolution. '' (Hans Mundorf,

HB 25.2.98)

Sehen wir erneut davon ab, daß diese Forderungen im Manifest keineswegs als

Endziel der Revolution ausgegeben werden. Und sehen wir ab von ein paar kleinen

Uminterpretationen der zitierten Forderungen durch den Schreiber des Handelsblatts

- die öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder z.B. ist ein bißchen

etwas anderes als die unentgeltliche Unterrichtung an öffentlichen Schulen; soweit

uns bekannt ist, sind die Lasten der Aufzucht des Nachwuchses einschließlich der

nicht unerheblichen Kosten, die zumindest eine ,,höhere" Ausbildung bedeutet, weiterhin

voll und ganz Privatsache der glücklichen Eltern; und erst recht ist die

Abschaffung des Erbrechts, gelinde gesagt, ein etwas radikalerer Eingriff in die

Geschäftsordnung des Privateigentum als die Erhebung einer Erbschaftssteuer; das

Enteigungs-Geschrei in der Redaktion des Handelsblatts können wir uns jedenfalls

lebhaft vorstellen, falls je eine Staatsgewalt die Abschaffung des Erbrechts in Erwägung

ziehen würde ... Aber wie gesagt: Wenn man von alledem absieht, dann können

wir getrost davon ausgehen, daß Marx und Engels heute für das Handelsblatt Gaasstt--

kommentare verfertigen würden.

166

Falls sie nicht damit beschäftigt wären, Sonntagspredigten zu verfassen. Denn zu

allem Überfluß wird das Kommunistische Manifest auch noch entlarvt als

4. Eine wertvolle Schrift zur moralischen Erbauung

Die FAZ läßt einen amerikanischen Philiosophen das Kommunistische Manifest

zusammen mit dem Neuen Testament als „Dokumente der Hoffnung" loben, die zur

moralischen Ertüchtigung der Jugend auch heute noch enorm viel beitragen können:

„Eltern und Lehrer sollten junge Menschen dazu ermuntern, beide Bücher zu lesen. Es

wird der moralischen Haltung der jungen Leute förderlich sein. Wir sollten unsere Kinder

so erziehen, daß sie es unerträglich finden, wenn wir, die wir hinter unseren Schreibtischen

sitzen und auf Tastaturen herumfingern, zehnmal mehr verdienen als die Menschen,

die sich beim Reinigen unserer Toiletten die Finger schmutzig machen, und hundertmal

mehr als jene, die in der Dritten Welt unsere Tastaturen zusammenbauen. Wir

sollten dafür sorgen, daß es ihnen Sorge und Kummer bereitet, wenn die Länder, die sich

zuerst industrialisiert haben, hundertmal reicher als jene sind, die noch nicht industriali-

Es ist heute so wahr wie 1848, daß die Reichen immer versuchen werden,

reicher zu werden, indem sie die Armen ärmer machen, daß die vollständige Verwandlung

der Arbeit in eine Ware zur Verelendung der Lohnempfänger führen wird und daß

,die moderne Staatsgewalt ... nur ein Ausschuß ist, der die gemeinschaftlichen Geschäfte

der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet' .... Am besten wäre es wohl, wir fänden ein neues

Dokument, das den Kindern Inspiration und Hoffnung vermittelt und dabei weder mit

den Mängeln des Neuen Testaments noch denen des Kommunistischen Manifests behaftet

ist. Es wäre gut, wenn wir einen reformistischen Text ohne die apokalyptische Prägung

dieser beiden Bücher besäßen - einen Text, der nicht behauptet, ,alles' müsse erneuert

werden, Gerechtigkeit könne ,nur erreicht werden durch den gewaltsamen Umsturz aller

bisherigen Gesellschaftsordnung'. Es wäre gut, wenn wir ein Dokument besäßen, das die

Einzelheiten einer diesseitigen Utopie erläutert, ohne zu behaupten, daß diese Utopie mit

einem Schlag in Erscheinung treten werde, sobald nur diese oder jene ,entscheidende'

Veränderung zustande gebracht - das Privateigentum abgeschafft oder Jesus in unser

aller Herzen eingezogen sei." (Richard Rorty, FAZ 20.2.98)

Das haben wir gerne, erst den Kindern „Kummer und Sorge'' über das Elend der

Welt bereiten; auch noch andeuten, daß das mit den „gemeinschaftlichen Geschäften

der Bourgeoisklasse" zu tun hat, bloß um dann bei der weisen Ermahnung zu landen,

daß nichts fataler wäre als ein Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, die

für Kummer und Sorge allerhand Material liefern. Und was machen dann die Kinder

mit all ihrem Kummer? Keine Frage: Sie werden zu sorgenvollen Moralaposteln, die

- falls sie das Glück haben, einer jener raren gut dotierten Posten an einer Tastatur

zu ergattern - die Restmenschheit an ihren Träumen vom diesseitigen Paradies teilhaftig

werden lassen. Für jemanden, für den „das Privateigentum abschaffen" und

„Jesum in unser aller Herzen einziehen lassen" so ungefähr dasselbe ist, ist auch die

Rückverwandlung des Marxismus von der Wissenschaft zur Utopie eine der leichteren

Übungen.

Wenn er das Kommunistische Manifest nicht bloß auf der Suche nach seiner

menschheitsbeglückenden Inspiration abgegrast hätte, wäre der Professor aus Amerika

vielleicht sogar über die Kritik gestolpert, die zwei Kommunisten bereits vor

150 Jahren an gewissen moralischen Spinnern zu Papier gebracht haben:

„Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen MiMßsitßäsntädnend ena bzuhelfen, um den

Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten,

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Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klasse, Wohltätigkeitsorganisierer,

Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter; Winkelreformer

der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus

ausgearbeitet worden. ''

Er ist eben wirklich immer wieder brandaktuell, der alte Marx ...

Das meint auch der Rezensent, den „Die Zeit" anläßlich des runden Geburtstags

auf das Kommunistische Manifest angesetzt hat: Der liest eben sein spezielles

„System des Bourgeoissozialismus" aus dem Papier heraus:

,,Die Geschichte rollt rückwärts. Polizisten vertreiben Bettler aus den Shopping

Malls, die Rückreform zum dreigliedrigen Schulsystem wird gefordert, der Kanzler

mahnt die Kirchen, sich mehr um die Schäfchenseelen als um die Gerechtigkeit der

Märkte zu sorgen. Der Soziologe Ulrich Beck propagiert die Wiedereinführung von

Ehrenzeichen für Gemeinwohlarbeit, und der CDU-Vordenker Klaus Haefner schlägt

vor, das überflüssige Drittel der Bevölkerung statt mit Geld mit staatlich produzierten

Billignaturalien (Kleidung, Essen, Wohnung) zu versorgen. Stück für Stück verschwindet

eine Ordnung, in der Selbstentfaltung, Sicherheit und Gerechtigkeit an den Status des

Arbeits-Bürgers geknüpft waren. ' I (Mathias Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)

Sehen wir einmal darüber hinweg, wie hier die verflossenen Zeiten des bundesdeutschen

,,Wirtschaftswunder-Kapitalismus" verherrlicht werden. Halten wir fest,

daß der Mann offensichtlich meint, daß die Zustände, die er nicht leiden kann und

als ,,Rolle rückwärts" der Geschichte interpretiert, durch die kapitalistische Gesellschaft

produziert werden. Warum meint er dann ein paar Zeilen später, daß folgendes

Nietzsche-Zitat die Sache auf den Punkt bringt?

„Aber Fortschritt ,ist möglich', schrieb der Skeptiker Nietzsche, wenn eine ,bewußte

Kultur' die .die Erde als Ganzes ökonomisch verwalte' und ,die Menschen selber sich

ökumenische, die Erde umspannende Ziele stellen'. Heute heißt d a s, in einer demokratischen

Weltordnung ungleiche Entwicklung politisch herbeizufiihren: ein mit dem Überleben

der Naturbasis verträgliches, nachhaltiges Wachstum im Süden, eine ökologische

Abrüstung des energie- und materialfressenden Nordens ... Das Wort 'Proletariat' ist

heute ebenso verbraucht wie 'Klassenkampf, aber in der Idee einer weltweiten Lernbewegung,

nicht in einem irdischen Schlaraffenland liegt die immer noch gültige Idee des

'Manifests': in der Postulierung einer Menschheit, in der jeder und jede sich als Gattungswesen

denkt, fühlt und ebenso handelt. " (a.a.0.)

So einfach ist das: Mit dem schlichten Hinweis, daß auch Wörter sich ,,verbrauchen"

können (durch zu häufige Benutzung?), wird auch die Sache, die sie bezeichnen,

aus der Weit geschafft. Das Resultat: „Proletariat" und „Klassenkampf' sind

out, ,,Lernbewegung" und ,,Gattungswesen" sind in. Was kümmert es, daß „Gattungswesen"

so ziemlich das Gegenteil ausdrückt vom dem, was mit Proletariat

bestimmt war. Denn ,,Gattungswesen", das meint doch wohl: „Wir" - Unternehmer"

und ,,Arbeiter", ,,Politiker" und ,,Untertanen" - sitzen letztlich alle in einem Boot -

dem ,,RaumSchiff Erde" oder so - und müssen endlich, endlich die „Lernbewegung"

hin zur Ökologie machen .... Nein, so blöd war Marx nicht. Der hat zwar schon vor

über 100 Jahren die Ruinierung der Umwelt - obwohl die damals noch gar nicht so

hieß - kritisiert. Er hat aber immer dazugesagt, daß es die Geschäftsprinzipien der

kapitalistischen Wirtschaft sind, die für das wachsende Elend der Massen und die

Vergiftung ihrer natürlichen Lebensbedingungen sorgen.

*

168

Die Autoren des Kommunistischen Manifestes wollten nicht zu einer Sammlung

von „verantwortungsbewußten Gattungswesen" aufrufen, sondern deutlich machen,

daß die kapitalistische Produktion von Reichtum zur weltweiten Verelendung der

Arbeiter führt. Sie haben das für eine unerträglichen Widerspruch gehalten, der nach

Auflösung schreit. Allerdings einer Auflösung, die nicht zwangsläufig erfolgt; sonst

hätten sie sich die Abfassung eines Manifestes auch sparen können. Sie waren von

der Notwendigkeit einer proletarischen Revolution in dem Sinn überzeugt, daß sie

gemacht werden muß.

Gerade insofern ist das Kommunistische Manifest allerdings einigermaßen

kritikabel.

11. Das Kommunistische Manifest - Ein Umsturzprogramm:

schlecht begründet, leicht verlogen und politisch eher irreführend

1. Kapitel: „Bourgeois und Proletarier"

a) Die Charakterisierung der Bourgeoisie

Das Manifest beginnt mit einem Überblick über die gesellschaftlichen Verhältnisse,

die mit der kapitalistischen Produktionsweise über die Welt kommen. Die

Absicht der Autoren ist deutlich: Der Klassenfeind wird bestimmt. Eine neue herrschende

Klasse ist dabei, die Welt „nach ihrem Bild" umzumodeln. Ihr Materialismus

des Geldes treibt sie nicht nur zur Umwälzung aller überkommenen, sondern

auch zur permanenten Revolutionierung der von ihr selbst geschaffenen Verhältnisse:

„Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung

aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die

Bourgeoisepoche vor allen anderen aus."

Die Macht dazu, ständig alles umzuwälzen, erhält die Bourgeoisie von der herrschenden

Staatsgewalt, die Marx im Manifest als den „Ausschuß " bezeichnet, „der

die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bougeoisklasse verwaltet. " Das Ganze

geschieht auf Kosten der ebenso neuartigen arbeitenden Klasse: Die Lohnarbeiter

sind die notwendigen Opfer einer Produktionsweise, in der die Schaffung eines

gigantischen Reichtums auf der Armut derer beruht, die ihn produzieren. Ein so

noch nie dagewesener Klassengegensatz ist also in der Welt - eine besonders

,,unverschämte" Form von „Ausbeutung".

Soweit die Schilderung der Sachlage. Wie kommen die Autoren des Manifests

dann aber auf den Einfall, zur Erläuterung dieser Zustände einen Kurzdurchgang

durch die Menschheitsgeschichte anzubieten, in dem alle richtigen Aussagen über

die Bourgeoisie eingepackt werden in eine Theorie über ein angeblich immerwährendes

Entwicklungsprinzip der Geschichte - von wegen: ,,Die Geschichte aller bisherigen

Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen " -? Was soll die Versicherung:

„Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie selbst das Produkt eines

langen Entwicklungsgangs, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und

Verkehrsweise ist. "? Selbst wenn es so gewesen sein sollte, daß ,,Unterdrücker und

Unterdrückte ... in stetem Gegensatz zueinander [standen], ... einen ununterbrochenen,

bald versteckten, bald offenen Kampf [führten], einen Kampf, der jedjeedsemsadle smmita l

169

einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem

gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen" - was hilft ein solcher Hinweis

auf das, was angeblich immer schon so war, zur Erläuterung der Eigentümlichkeiten

der neuen, alles revolutionierenden Produktionsweise?

Tatsächlich paßt die von Marx und Engels angebotene Einordnung der neuen

Bourgeois-Herrschaft in eine allgemeine Geschichte der menschlichen Ausbeutung

noch nicht einmal zu dem, was sie zur Sache zu sagen haben. Nicht bloß, daß bei

dem beredt beschworenen Triumph der kapitalistisch produzierenden Bourgeoisie

über die alten feudalen Verhältnisse von einem Aufstand der Unterdrückten gegen

ihre Unterdrücker wahrhaftig nicht die Rede sein kann: Auch über den neuen Klassengegensatz,

den das siegreiche Bürgertum eröffnet, wissen die Autoren ganz

andere Dinge mitzuteilen, als daß es sich um eine Neuauflage der alten Story von

„Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer" usw. handeln würde. Prangern sie doch

eine ganz neuartige Sortierung von Arm und Reich, von Oben und Unten und eine

früher undenkbare Notwendigkeit von Armut an:

,,In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen

als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft

findet sich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; ... und warum?

Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. ''

Korrekt kennzeichnen die Autoren den kapitalistischen Aberwitz, daß produzierter

Überfluß ganz unmittelbar Not hervorbringt. Sie wissen also bereits im Moment

der Durchsetzung des neuen Produktionsverhältnisses, daß die weltweite Armut, die

das Privateigentum notwendigerweise produziert, mit den Hungersnöten vergangener

Epochen, mit dem Fehlen von Lebensmitteln absolut nichts zu tun hat. Diese

Erkenntnis subsumieren sie aber unter die Behauptung, das sei letztlich schon immer

so gewesen, und bringen sie auf den abstrakten Kalauer herunter:

„Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung ... widersprechen die Produktivkräfte den

Produktionsverhältnissen ".

Dieser Widerspruch hätte schon zum Untergang des Feudalismus geführt; derselbe

Widerspruch wäre nun der letzte Grund für den Untergang der Bourgeosie:

,,Die biirgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den in ihnen erzeugten

Reichtum zu fa ssen... Die Waffen, womit die Bourgeosie den Feudalismus zu Boden

geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.""

An den kapitalistischen Krisen - mit Überproduktion auf der einen Seite und

Hungersnöten auf der anderen - wollen die Autoren des Manifests dann doch gar

nicht so sehr die perverse „Logik" erkannt haben, nach der der bürgerliche Laden

systematisch funktioniert, sondern eine geschichtliche Zwangsläufigkeit, derzufolge

die Bourgeoisie mit ihrer Durchsetzung auch schon ihren Untergang betreibt.

In seiner Kritik der politischen Ökonomie liefert Marx selber die Kritik dieser

Idee. Wenn er im 15. Kapitel des 3. Bandes des ,,Kapital" die Gesetzmäßigkeiten

der kapitalistischen Krise analysiert, ist nicht mehr die Rede davon, daß ,die bürgerlichen

Verhältnisse zu eng werden für den erzeugten Reichtum'. Dort führt er aus,

daß in Zeiten der Überakkumulation kapitalistischer Reichtum vernichtet wird,

damit dann der ganze Zirkus „mit erweiterten Produktionshedingungen, mit einem

eiweiterte Markt und mit erhöhter Produktivkraft" von neuem anfängt. Überakkumulation

führt periodisch zur Entwertung und Vernichtung von Produktivkräften,

.

170

und das ist die Bedingung für den nächsten Zyklus, für „die Eroberung neuer

Märkte und die gründlichere Ausbeutung der alten", wie es auch schon das Manifest

sagt - das ist aber nicht dasselbe wie eine Krise des Kapitalismus oder gar der

Anfang von dessen zwangsläufigem Ende wegen definitiver Unverträglichkeit von

Produktivkräften und ,, bürgerlichen Eigentumsverhältnissen".

Genau darauf jedoch: auf die Behauptung eines geschichtlich zwangsläufigen

Scheiterns der Bourgeoisie an ihren eigenen Errungenschaften, legt das Manifest

großen Wert - ausgerechnet das Kommunistische Manifest, das immerhin den

Anstoß zu einer proletarischen Revolution geben will, also doch irgendwie davon

ausgeht, daß die Herrschaft der Kapitalistenklasse sich nicht von selbst erledigt. Diesen

praktischen Ausgangspunkt ihrer Bemühungen dementieren die Autoren aber

gleich noch in einer anderen Hinsicht: Der Herrschaft der „bürgerlichen Eigentums-

Verhältnisse" attestieren sie die großartige Leistung, ein falsches Bewußtsein über

sie, also eine auf verkehrte Vorstellungen gegründete affirmative Stellung zu ihr,

unmöglich zu machen. Niemand, der sich nur umschaut in der Gesellschaft, soll sich

noch Illusionen machen können über die Hauptfront zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten.

„Sie (die Bourgeoisie) hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen

Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung

gesetzt ... Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und

die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen

mit nüchternen Augen anzusehen. "

Da werden der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Felde der Bewußtseinsbildung

Wirkungen zugeschrieben, die einfach nicht stimmen: Ausgerechnet im Kapitalismus,

im Verhältnis von Fabrikherr und freiem Lohnarbeiter, oder modern: von

Arbeitgeber und Arbeitnehmer, soll die Ausbeutung nackt und dürr jedem vor

Augen stehen und Nüchternheit erzwingen! Es mag ja stimmen, daß die Bourgeoisie

die ganze Welt ihrem Materialismus des Geldes unterwirft und den ganzen Rest der

Gesellschaft in den Status bezahlter Lohndiener versetzt. Aber daß es deshalb keine

Ideologien mehr gäbe über dieses Produktionsverhältnis mitsamt seiner „Leistungsgesellschaft"

und seiner „freien Marktwirtschaft", das kann ja wohl nicht wahr sein.

Eben dies behauptet aber ausgerechnet der Mann, der später den ,Warenfetisch'

erklärt hat und im entsprechenden Kapitel des 1. Bandes des „Kapital" folgendes

ausführt:

,,Versetzen wir uns ... in das finstre europäische Mittelalter ... Die Naturaljorm der

Arbeit, ihre Besonderheit, ist hier ihre unmittelbare gesellschaftliche Form. Die Fronarbeit

ist ebensogut durch die Zeit gemessen wie die Waren produzierende Arbeit, aber

jeder Leibeigne weiß, daß es ein bestimmtes Quantum seiner persönlichen Arbeitskraft

ist, die er im Dienst seines Herrn verausgabt. Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist

klarer als der Segen des Pfaffen, Wie man daher immer die Charaktermasken beurteilen

mag, worin sich die Menschen hier gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse

der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse

und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der

Arbeitsprodukte ... Jene alten gesellschaftlichen Produktionsorganismen sind außerordentlich

viel einfacher und durchsichtiger als der bürgerliche ... '' (MEW 23, S. 91ff)

Der „alte" Marx war also schlauer als der ,junge" - aber der war schließlich auch

nicht der Dümmste. Wie kam der also darauf zu behaupten, mit dem Sieg der Bour-

171

geoisie läge „die offene, dürre Ausbeutung" jedermann so klar vor Augen wie ihm

selbst? Offenbar war ihm und seinem Genossen Engels an den erbitterten Arbeiterkämpfen

klargeworden, daß das Proletariat schlechterdings nicht überleben konnte,

ohne daß es sich gegen die Bourgeoisie zur Wehr setzte. Mit seiner Gegenwehr

reagierte die gerade entstehende Lohnarbeiterklasse auf Lebensumstände, die auch

glühende Anhänger unserer modernen ,,sozialen Marktwirtsehaft" als

,,Manchesterkapitalismus" verdammen. Daß die unumschränkte Herrschaft des Privateigentums

den Arbeitern keine Überlebenschance läßt, ihr Kampf gegen die

Bourgeoisie also eine Überlebensbedingung für sie ist, war folglich nicht zu übersehen.

Aus dieser Beobachtung, daß die Arbeiter nicht nur zusehen müssen, durch ihre

Lohnarbeit zu (über)leben, sondern um dieses Überleben auch noch kämpfen müssen,

haben Marx und Engels dann den verwegenen Schluß gezogen, das Proletariat,

so wie es damals unterwegs war, wäre schon - im Prinzip - eine revolutionäre

Bewegung. Die kämpfenden Proletarier sollten nur noch ins Bild gesetzt werden

über die eigentliche Bedeutung ihres Kampfes und die Unausweichlichkeit ihres Sieges;

der läge nämlich nicht nur in ihrem Interesse, sondern stände außerdem und vor

allem im Einklang mit der historischen Tendenz: der Selbstzerstörung der Bourgeoisie.

Das ist nun allerdings so ziemlich die verkehrteste Art, eine ausgenutzte Klasse

zur Revolution aufzuhetzen. Entsprechend fragwürdig gerät im Fortgang des Textes:

b) Die Charakterisierung des Proletariats

,,Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen;

sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter,

die Proletarier."

Diese Sorte Metaphorik veranlaßt noch 150 Jahre später die vereinigten

„Literaturpäpste" aller Kultumationen zu Lobgesängen über „Sprachgewalt" und

„großartige Prosa". Über die schwülstige Ausdrucksweise könnte man hinwegsehen,

wenn die Botschaft wenigstens stimmen würde - wenn also gemeint wäre: ,Alle

Anklänge an so etwas wie ein notwendiges Scheitern der Bourgeoisie an den von ihr

selbst hervorgebrachten Widersprüchen, an einen selbsttätigen „Gang der

Geschichte" hin zur proletarischen Revolution, sind rhetorische Spielerei; es kommt

alles darauf an, daß die modernen Arbeiter, dieses ureigene Produkt der kapitalistischen

Produktionsweise, aus ihrer hoffnungslosen Lage die richtigen Schlüsse ziehen

und die Bourgeoisie besiegen, indem sie ihr die Dienste verweigern, für die

diese sie braucht.' Genau so geht es aber nicht weiter. Der Feststellung, daß das Proletariat,

die Klasse der Lohnarbeiter selber das Produkt der kapitalistisch wirtschaftenden

Bourgeoisie ist, folgen zwar einige Hinweise, wie - komplementär zu den

weltweiten, umwälzenden Machenschaften der Bourgeoisie - die moderne Ausbeutung

und die ausgebeutete Klasse aussieht: daß die „modernen Arbeiter ... nur so

lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange finden, als ihre Arbeit das

Kapital vermehrt"' I ; daß sie im Betrieb als ,,bloßes Zubehör der Maschine" vernutzt

werden: daß der Lohn, der ihnen ausgezahlt wird, nicht sie reich macht, sondern

einen ganzen Haufen anderer Figuren - „Hausbesitzer, Krämer, Pfandleiher" ' I usw..

Aus der Schilderung der Abhängigkeit, in der diese Klasse steht, wird jedoch zielstrebig

die Behauptung gedrechselt, daß sie sich diese Abhängigkeit zwangsläufig

172

nicht gefallen lassen kann - als hätten Marx und Engels nicht gewußt, daß die

modernen Lohnarbeiter erst einmal voll damit ausgelastet sind, sich an den Notwendigkeiten

ihrer abhängen Existenz abzukämpfen. Jedenfalls halten es die Autoren

des Manifests überhaupt nicht für erforderlich - so wie später z.B. in der Kritik des

Gothaer Programms der deutschen Sozialdemokratie -, das elendige Interesse, an

Beschäftigung und Lohn nämlich, das die arbeitende Klasse an ihre Ausbeuter bindet,

theoretisch und agitatorisch aufs Korn zu nehmen. Sie stellen klar, daß der Lohn

noch nicht einmal ein taugliches Überlebensmittel ist; sie sehen aber weit und breit

keinen Grund, die von der Bourgeoisie ,gezeugten Männer' als Leute zu nehmen -

geschweige denn entsprechend anzureden -, die sich in Ermangelung eines besseren

Lebensmittels auf den Standpunkt des Gelderwerbs per Lohnarbeit stellen und

dadurch selber zum ausgebeuteten Fußvolk des bürgerlichen Ladens machen. Daß

das Proletariat ein Produkt der Bourgeoisie ist, halten sie für unmittelbar gleichbedeutend

damit, daß es der geborene Kämpfer gegen die Bourgeoisie wäre. Und wenn

schon nicht wirklich, so doch um so mehr der sprachgewaltig beschworenen historischen

Tendenz nach - mit der rhetorischen Figur Iäßt sich noch alles begrüßen und

rechtfertigen, womit man eigentlich gar nicht einverstanden ist:

„Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen

die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz."

Sie können gar nicht umhin, die braven proletarischen „Männer", sich gegen die

Bourgeoisie zu erheben; ihre Zugehörigkeit zu den kapitalistischen Verhältnissen ist

gleichbedeutend mit deren Kündigung. Sie sind die leibhaftige Verwirklichung des

Widerspruchs, daß die Bourgeoisie sich durch die Entwicklung aller Produktivkräfte

ihren eigenen Untergang bereitet: Das ist die Bedeutung, die die Autoren des Manifests

ihrer Erkenntnis beilegen, daß die Bourgeoisie selber den modernen Proletarier

hervorbringt. Alle Hinweise auf die Notwendigkeit des Schadens, den die arbeitende

Klasse in diesem System nimmt, stehen im Dienste dieses einen Haupt- und Generalgedankens:

Das Proletariat ist der Vollstrecker des sowieso unausweichlichen

Untergangs der Bourgeoisie.

Marx und Engels treiben hier ein unredliches Spiel mit der Kategorie der ,geschichtlichen

Notwendigkeit'. Es gibt ja in der kapitalistischen Gesellschaft selbsttätig

wirkende Sachzwänge - eben die der Ausbeutung einer lohnarbeitenden Klasse;

genau deswegen aber existiert kein Sachzwang, der denen ein Ende machen würde.

Stattdessen gibt es eine praktische Notwendigkeit der proletarischen Revolution - in

dem Sinn, daß diese Klasse anders auf keinen grünen Zweig kommt: Ihre

politökonomische Bestimmung, dem kapitalistischen Bürgertum als abhängiges,

ausgebeutetes Werkzeug seiner Bereicherung zu dienen, kann sie nicht anders loswerden

als durch die Kündigung ihres Lohnarbeitsverhältnisses. Die Proletarier

müssen gar nichts - sie haben bloß keine andere Chance: Um ihrer Ausbeutung zu

entkommen, müssen sie die proletarische Revolution machen, die kapitalistische

Produktionsweise umstürzen. Diese Notwendigkeit langt den Autoren des Manifests

aber nicht; sie wollen der Alternativlosigkeit der proletarischen Existenz immer noch

entnehmen, daß das ganze kapitalistische Ausbeutungswesen deswegen auch schon

unausweichlich auf sein ,natürliches' Ende zuläuft, gewissermaßen seine Selbstliquidierung

betreibt. Auch der Satz, der emphatisch die ,,Waffen " zitiert, „die die Proletarier

führen werden", redet gar nicht von Waffen, die die Arbeiter zu ergreifen hät-

173

ten, sondern meint schon wieder den ,, Widerspruch zwischen Produktivkräften und

Produktionsverhältnissen": Den drücken Marx und Engels den Proleten hier ideell

in die Kämpferfaust. Wo immer das Kommunistische Manifest auf die Lage der

arbeitende Klasse zu sprechen kommt, bemüht es sich um die Erklärung einer

,,historischen Notwendigkeit des Klassenkampfs" im Sinne eines Mechanismus, der

die Proleten angeblich notgedrungen auf die revolutionäre Bahn drängt. Und dieser

Mechanismus soll ausgerechnet das Werk des Klassenfeindes selber sein.

Nach dieser Vorgabe konstruiert das Manifest sein Bild von der ,notwendigerweise'

kämpfenden - und am Ende siegreichen Arbeiterklasse:

„Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es

wird in größern Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr ... ;

immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen

Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen

damit, Koalitionen gegen die Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung

ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen

Empörungen zu verproviantieren ... Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist

nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung

der Arbeiter ... Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall

gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren ...

Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird

jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst.

Aber sie entsteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger. "

Von ihrer Arbeit können moderne Lohnarbeiter gar nicht leben; sie müssen neben

ihrer Arbeit erst noch darum kämpfen, daß die Kapitalisten ihnen das Notwendige

zugestehen; dafür bleibt ihnen gar nichts anderes übrig als der Zusammenschluß in

einer Kampffront - das ist der Grund für proletarische Koalitionen, die später in die

Gewerkschaftsbewegung eingemündet sind. Damit ist auch schon ihr Zweck

benannt: In solchen Zusammenschlüssen geht es eben darum, trotz allem vom Lohn

leben zu können. Mit der Perpetuierung der Lohnarbeiterexistenz haben sie daher ihr

Ziel erreicht, und der Kampf wird eingestellt; bis sich herausstellt, daß der Erfolg

nur ein vorübergehender war, die Notwendigkeit zur Gegenwehr erneut unabweisbar

wird und der Zirkus von vorn losgeht. Genau davon redet das Manifest; aber diese

banale Wahrheit der proletarischen Kampf-Koalition ist ihm schon wieder zu wenig.

Es will darin partout den Beginn der proletarischen Revolution, der Abschaffung des

Lohnsystems sehen. Deswegen kann es nicht zugeben, daß nach jedem Abwehrkampf

gleich wieder der Alltag der Lohnarbeit weitergeht: Daß da ein falscher

Kampf sein Ziel erreicht hat, wird so hingestellt, als würde, aus welchen Gründen

auch immer - im Zweifelsfall solchen ,,der Entwicklung"! -, der naturwüchsig

immer weiter um sich greifende revolutionäre Zusammenschluß immer mal wieder

„gesprengt", nur um sich anschließend um so machtvoller neu zu bilden. Da erübrigt

sich natürlich die Mitteilung von ein paar guten Gründen, warum Proletarier es

nicht bei bloßen, immer wieder von neuem notwendigen Abwehrkämpfen und den

dafür nötigen bedingten Zusammenschlüssen belassen, sich vielmehr ein ganz anderes

Kampfziel setzen und die dafür nötige „Koalition" miteinander eingehen sollten.

Stattdessen behauptet ausgerechnet ein Kommunistisches Manifest, ausgerechnet die

Bourgeoisie würde die Arbeiter immer wieder und auf immer höherer Stufenleiter in

die revolutionäre Vereinigung hineintreiben:

174

„Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die

Bourgeoisie ist '' - im ersten Teil des Kapitels rangierte diese Klasse noch als ziemlich

umtriebiger revolutionärer Verein! -, „setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter

durch die Konkurrenz" - als wäre die eine Frage der Produktionstechnik! - „ihre revolutionäre

Vereinigung durch die Assoziation - als müßten die Arbeiter sich zu der gar

nicht selbst erst mal entschließen! „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also

unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produziert

und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihre eigenen Totengräber.

Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich."

Noch so ein Anwendungsfall der ,,Entwicklungslogik", die Marx und Engels nach

Bedarf auf alles anwenden, was sie in in der Gesellschaft beobachten: Hier ,entwikkelt'

„der Fortschritt der Industrie" nicht etwa seine dienstbaren Kräfte zu dem proletarischen

Haufen, den es tatsächlich gibt - nein, „die Entwicklung" gibt per

definitionem nicht eher Ruhe, als bis sich die Autoren zu ihrer vielzitierten ,,sprachgewaltigen"

Metapher von den „Totengräbern der Bourgeoisie" vorgearbeitet haben.

Und das ist dann die „Erklärung", die das Manifest den Arbeitern unbedingt meint

mitteilen zu müssen: Ihr Kampf zielt automatisch aufs Richtige; für den Sieg über

die Bourgeoisie braucht es nur noch den Zusammenschluß ihrer Opfer, und der

macht sich letztlich von selbst ...

Jeder Arbeiterkampf, jeder Erfolg im Kampf um die Erhaltung des Proletariats

kann daher nur ein weiterer Schritt sein hin zur Abschaffung der Bourgeoisie. Und

der Erfolg kann schon deswegen unmöglich ausbleiben, weil die Proletarier die

meisten sind:

„Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse

von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren

Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste

Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der

ganze Überbau der Schichten, die die offzielle Gesellschafi bilden, in die Luft gesprengt

wird. "

Wie die Bourgeoisie es fertigbringt, diese gewaltige Mehrheit systematisch zu

beherrschen und auszubeuten - die Herrschaft über Minderheiten wäre im übrigen

sowieso eine fade und wenig einträgliche Angelegenheit ... -, das erscheint den beiden

Theoretikern des Klassenkampfs gänzlich irrelevant gegenüber dem hoffnungsvollen

Befund, daß die Kampfbedingungen bei dem Zahlenverhältnis ganz ausgezeichnet

aussehen. Wer wollte da noch fragen, für welche beschränkten Kampfziele

sich die Proletarier ,,erheben ", und ob es irgendwem überhaupt um einen Aufstand

gegen die ganze ,,offizielle Gesellschaft" geht? Wenn sie sich ,aufbäumt', die

,untere', quantitativ starke ,Schicht', dann haben jedenfalls die darüberliegenden

dünneren ,Schichten' nichts mehr zu lachen. Und dafür, daß es so kommt, weil es SO

kommen muß, dafür sorgt einmal mehr „die Entwicklung" -jenes ominöse Subjekt,

das die Proleten zielführend zur Revolution treibt:

„Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten,

verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden

Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den

gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet."

So propagiert das Manifest die revolutionär-erwartungsvolle Lesart eines sehr

modernen selbstzufrieden-konterrevolutionären Fehlers: Die Schaffung und Erhal-

175

tung einer brauchbaren Arbeiterklasse wäre dasselbe wie ihre Abschaffung. Bürgerliche

Ideologen heute wollen weit und breit kein Proletariat mehr entdecken können,

weil es schließlich eine durchaus lebensfähige Arbeiterschaft gibt - nirgendwo

herrscht mehr der „Manchesterkapitalismus", je denfalls nicht in den kapitalistischen

Metropolen, oder zumindest nicht in deren netteren Vierteln ... Umgekehrt hielten es

die Autoren des Kommunistischen Manifests für ausgeschlossen, daß das Kapital

sich glatt zur Respektierung seiner eigenen allerwichtigsten Erfolgsbedingung, nämlich

zur Erhaltung einer funktionsfähigen Arbeiterklasse zwingen ließe:

„Sie (die Bourgeoisie) ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die

Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine

Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. "

- und sind darin tatsächlich widerlegt: Aufs Herrschen versteht sie sich doch, die

Bourgeoisie; und wenn auch nur in der Form, daß das Proletariat ihm ein paar

Überlebensbedingungen abkämpft und eine sozialstaatliche Ordnungsgewalt dem

Proletariat ein funktionelles Überleben mit dem gezahlten Lohn aufzwingt. Das hatten

Marx und Engels in der Tat noch nicht vor Augen; und daß die Kämpfe des Proletariats

auf nichts anderes zielten, das mochten sie in ihrem Manifest einfach nicht

wahrhaben. Selbsterkämpftes Überleben, so meinten sie, müßte doch zusammenfallen

mit dem Sieg der Arbeiterklasse über ihre Ausbeuter.

An dieser Stelle ist es unumgänglich, eine Fehlanzeige zu erstatten und den

Genossen Marx und Engels nicht bloß einen Fehlschluß vorzuwerfen, sondern einen

regelrechten „black-out": Denselben Autoren, die selber dauernd praktisch mit der

Staatsgewalt und ihren Machenschaften konfrontiert waren und die außerdem auch

staatstheoretisch voll auf der Höhe waren - in den Auseinandersetzungen mit Hege1

und Bruno Bauer z.B. richtig und klar zwischen ,,Citoyen" und ,,Bourgeois" zu

unterscheiden wußten: ausgerechnet denen fallt ausgerechnet im Kommunistischen

Manifest zur politischen Herrschaft der Bourgeoisie nichts Gescheites ein. Sie

erwähnen durchaus die moderne bürgerliche Staatsgewalt als einen „Ausschuß", der

die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der ganzen herrschenden Klasse im Griff

hat. Darüber jedoch, was dieser Ausschuß alles leistet, gerade im Unterschied zum

bornierten bourgeoisen Klasseninteresse an privater Bereicherung; worin die

erwähnten ,,gemeinschaftlichen Geschäfte" der herrschenden Klasse als solcher

überhaupt bestehen; warum es für deren Verwaltung flächendeckende Gewalt

braucht; welchen Dienst die öffentliche Gewalt für die Aufrechterhaltung des kapitalistischen

Herrschaftssystems erbringt: über alles das schweigen sie sich aus - so daß

ihnen heute jeder dahergelaufene Sozialstaatsapostel triumphierend entgegenhalten

kann, mittlerweile wäre alles bestens im Interesse der Arbeiter geregelt. Was ihnen

dann doch zur politischen Herrschaft der Bourgeoisie einfällt, ist ausgerechnet der

eine Punkt, an dem sie wieder die Kurve zu ihrer Theorie vom selbstverursachten

Untergang der bürgerlichen Klassenherrschaft kriegen: Die Bourgeoisie bräuchte

die Unterstützung des Proletariats für ihren Kampf um die Staatsgewalt gegen die

alten feudalen Herrschaftsverhältnisse sowie um die Interessen des neuen bürgerlichen

Gemeinwesens; deswegen müßte sie ihm allerhand "Bildungselemente" zuführen,

die den Proletariern dann für ihren Klassenkampf unweigerlich zugute kämen.

Die Tatsache, daß die Bourgeoisie diese Unterstützung auch tatsächlich bekam, und

zwar ohne daß es anschließend gleich ihrer Herrschaft an den Kragen gegangen

176

wäre, erschüttert die Manifest-Verfasser kein bißchen. Sie werden nicht irre in ihrer

Einschätzung, daß die revolutionäre Sache damit im Prinzip schon ganz gut vorangebracht

wäre. Im Gegenteil! Der fatale Umstand, daß das Proletariat sich für seine

neuen bürgerlichen Herren auch noch geschlagen hat - wie das übrigens zum Beruf

der dienstbaren Klasse im Klassenstaat allemal gehört! -, und das nicht zu knapp,

wird glatt in das Generalurteil integriert: Die Bourgeosie arbeitet an ihrem Untergang.

„Die Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang

des Proletariats. Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem Kampfe:

anfangs gegen die Aristokratie; später gegen Teile der Bourgeoisie selbst, deren Interessen

mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie

aller auswärtigen Länder. In allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das

Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen und es so in die politische

Bewegung hineinzureißen. Sie selbst führt dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente,

d.h. Waffen gegen sich selbst, zu. "

Proleten lassen sich von der Bourgeoisie gegen den Adel einsetzen; sie treten als

„Bündnisgenossen" gegen die Bourgeoisie ,,auswärtiger Länder" an - und die Autoren

des Kommunistischen Manifests bezeichen dieses Verhältnis vornehm als

,,Hülfe"! Die Beschlagnahmung der Arbeiter als Nationalisten durch die bürgerliche

Staatsgewalt, den politischen Dienst des Proletariats am Staat der Bourgeoisie

begrüßen sie noch wie eine ,List der Vernunft' zur Stärkung der kämpfenden Massen

durch ihren Klassenfeind. Das ist schon eine ziemlich brutale Verwechslung,

wer in diesem Verhältnis für wen die Rolle des nützlichen Idioten spielt. Und nicht

einmal der kleine Nebenwiderspruch fallt den Autoren auf, daß ihre Aussagen über

das schlechterdings nicht vorhandene Interesse der Bourgeoisie an einer Ernährung

des Proletariats nicht die ganze Wahrheit sein können oder zumindest der Modifizierung

bedürfen, wenn es auf die lohnarbeitenden Massen nicht bloß als Produktionsund

Kostenfaktor, sondern auch als dienstbares Staatsvolk ankommt: Die Bourgeoisie

hat zwar kein übermäßiges Interesse an der Ernährung des Proletariats; insofern

sie die Proleten aber braucht, sorgt sie unter dem übergeordneten Gesichtspunkt der

nationalen Selbsterhaltung für ihr Fußvolk ...

Es ist also nicht einmal bloß so, daß dem Manifest eine gescheite Staatstheorie

fehlt. Es ist schlimmer: Marx und Engels wissen um die Funktionalisierung der Proletarier

für die politische Herrschaft der Bourgeoisie - und wollen davon nichts

anderes wissen als den erhofften und nicht eingetretenen positiven Effekt: Dadurch

würde die revolutionäre Klasse nur immer noch größer und mächtiger.

Von diesen Fehlern kommen Marx und Engels in ihrem Manifest nicht mehr herunter.

2. Kapitel: ,,Proletarier und Kommunisten"

Wenn es nun so steht um die Gesellschaft, den Klassenkampf und das Proletariat:

was wollen dann die Kommunisten? Die Antwort des Manifests ist eigenartig: Sie

wollen erstens angeblich nichts anderes als alle anderen Arbeiterparteien! Träfe das

wirklich zu, dann bräuchten sie erst gar keine eigene Partei aufzumachen. Wie nötig

sie das aber finden und warum, daß es also mit der behaupteten prinzipiellen Übereinstimmung

mit der restlichen Arbeiterbewegung nicht weit her ist, das stellen

177

Marx und Engels selber nachdrücklich klar, wenn sie im 3. Kapitel des Manifests

die führenden Köpfe der anderen, damals mehr oder weniger verbreiteten, sozialistischen

Richtungen kritisieren.

Noch fragwürdiger ist die zweite Versicherung:

„Sie (die Kommunisten) haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats

getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische

Bewegung modeln wollen. "

Da schreiben die führenden Theoretiker des Kommunismus ein Manifest, meinen

also, sie hätten den Arbeitern etwas mitzuteilen, was die beherzigen sollten, und

dementieren als erstes jede sachliche Differenz zwischen sich und den angesprochenen

Massen. Nur einen Unterschied wollen sie gelten lassen: Daß Kommunisten

„stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten" und überhaupt „die Einsicht in

die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung

" vor dem Rest der Mannschaft voraus haben. Was soll das: Die einen kämpfen

mehr oder weniger begriffslos vor sich hin, die anderen wissen, wo's lang geht -

aber die Hauptsache ist, daß man sich im Prinzip nicht unterscheidet?! Wenn es die

Kommunisten braucht, um das „Interesse der Gesamtbewegung " zu vertreten, dann

kann von einer „Gesamtbewegung" kaum die Rede sein, und deren „Interesse" existiert

schon gar nicht - außer in den Köpfen der Kommunisten: als deren Programm,

das sie den Lohnarbeitern nahezubringen gedenken. Was es auf Seiten der kämpfenden

Arbeiter gibt, das sind - soviel wissen die Autoren - ziemlich beschränkte

Anliegen, und die Kämpfenden haben auch kein Bewußtsein davon, daß sie als Faktor

und Bestandteil einer „Gesamtbewegung" ihre historische Mission erfüllen. Dennoch:

Marx und Engels lesen entschieden in die vor ihren Augen stattfindenden

Arbeiterkämpfe das Interesse an einer blitzsauberen proletarischen Revolution hinein.

Dabei geben sie mit ihrer Konstruktion eines „Gesamtinteresses", das alle

beschränkten Arbeitskämpfe zusammenfaßt und dessen Wächter die Kommunisten

als der ,,praktisch entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien "

sind, einerseits zu, daß in den damaligen Arbeitskämpfen durchaus andere Interessen

verfochten wurden als das an einer proletarischen Revolution in ihrem Sinne. Genau

diese Differenz zwischen ihrem Standpunkt und den Zielen, für die Lohnarbeiter

eintreten, wenn sie ,,einfach nur" um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen als

Lohnarbeiter streiten, leugnen sie andererseits. Sie übersehen großzügig, daß Arbeiter

sich in der Konkurrenz, in die sie das Kapital versetzt, bewähren wollen und

dabei auch nationalistische Gesichtspunkte in ihren Kampf um Rechte einbringen,

und behaupten glatt, daß sich der Kampf um die Durchsetzung von Arbeiterrechten

wie ein Teil(kampf) zum großen Kampf ums Ganze verhalte. Mit ihrem zweifelhaften

Lob der kämpfenden Arbeiter - daß die zwar keine Ahnung haben, aber irgendwie

schon auf dem richtigen Dampfer sind - unterstellen sie einen Gegensatz zwischen

ihrem Programm und dem, was Wille und Bewußtsein des Proletariats ist, und

erklären ihn gleichzeitig für unerheblich.

Im 4. Kapitel des Manifests, das im einzelnen die „Stellung der Kommunisten zu

den verschiedenen oppositionellen Parteien " in diversen Ländern angibt, bringen

die Autoren diesen Fehler folgendermaßen noch einmal auf den Punkt:

„Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung

gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen

178

Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form

sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor."

Wenn man die „Eigentumsfrage" ständig hervorheben muß, weil sie in den diversen

oppositionellen Bewegungen offenbar eher „minder entwickelt" ist, dann sollte

man besser gleich zur Kenntnis nehmen, daß diese Bewegungen von anderen

„Grundfragen" umgetrieben werden als von der der Abschaffung des Privateigentums.

Dann ist es allerdings auch ein ziemlicher Unfug, so zu tun, als müßten Kommunisten

alle Oppositionellen, egal wofür die gerade kämpfen, bloß immerzu daran

erinnern, daß es ihnen doch - letztlich - auch um die Eigentumsfrage ginge.

Wie kommen Kommunisten auf soviel wohlwollende Selbstverleugnung? Offenbar

haben Marx und Engels damals jede Menge Arbeiterkämpfe registriert, deren

Ziele sie zwar nicht teilten, deren Fehler sie aber für ziemlich vorläufig erklärten.

Sie setzten auf die Erfahrung bei ihren Adressaten, daß falsche Kämpfe nichts nützen

und sie deshalb dem richtigen Klassenkampf nicht auskommen könnten. Also

haben sie jeden Arbeiteraufruhr unter der Abstraktion „Klassenkampf' begrüßt und

den Proletariern das beruhigende Angebot unterbreitet, daß die Kommunisten schon

den Überblick darüber behalten, wo das kämpfende Proletariat hin muß und will.

Statt auf Agitation und Kritik haben sie sich auf eine Art Vertrauenswerhung verlegt:

Kommunisten vertrauen dem Proletariat, daß es ganz von selbst schon richtig

liegt - umgekehrt kann sich das Proletariat auf die Kommunisten als ,,Wegweiser"

verlassen. Insgesamt erfüllt diese Leugnung der Differenz zwischen Kommunisten

und Proleten den Tatbestand der Heuchelei - und ausgerechnet mit einer solchen

Anwanzerei an die Adressaten, denen sie auch noch selber bescheinigen, daß sie von

den Zielen der Revolution keine Ahnung haben, meinen die Autoren des Kommunistischen

Manifests die Arbeiter für einen revolutionären Umsturz begeistern zu können!

Die Stellung, die Marx und Engels hier zum Proletariat einnehmen, läßt erkennen,

aus welcher „Denkschule" sich die beiden gerade verabschieden. Offensichtlich

haben sie nicht bloß als gute Kommunisten den Klassenkampf der Proletarier gegen

ihre Ausbeutung als praktische Notwendigkeit für ein anständiges Leben erkannt,

sondern als Idealisten eines fälligen Menschheitsfortschritts in die tatsächlich stattfindenden

Kämpfe eine tiefere Bedeutung hineininterpretiert. Nur jemand, der „von

der Utopie zur Wissenschaft" unterwegs ist, hält dann auch folgende Überlegung für

mitteilenswert :

„Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien,

die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind

nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfs,

einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung. "

Wer sich so auf die Realität beruft und beteuert, daß diese sein Programm längst

enthält, rechtfertigt und beweist, der ist einerseits sehr bescheiden. Er erklärt nämlich

sein ganzes politisches Vorhaben zum bloßen „Ausdruck" von etwas, das

sowieso passiert. Andererseits ist er sehr anspruchsvoll in Bezug auf die paar

Gedanken, die ihm eingefallen sind. Die sollen schließlich nichts Geringeres sein als

die Blaupause dessen, woran sich die ganze Welt - einschließlich der Arbeiterklasse

- gerade abarbeitet. So reden Geschichtsteleologen auf der Suche nach einem real

existierenden Vollzugsorgan für ihre Idee - oder etwas freundlicher ausgedrückt: So

redet jemand, der sich gerade über „Das Elend der Philosophie" zur wissenschaftli-

179

chen Ökonomie vorarbeitet. Eine kommunistische Diagnose, die ihre Urteile nicht

aus philosophischen Ideen, sondern aus der Analyse der gesellschaftlichen Realität

bezieht, muß sich jedenfalls nicht ihrer Realitätsnähe versichern. Die Empfehlung,

die Lohnarbeiter sollten das Lohnsystem umstürzen, weil sie mit ihren materiellen

Interessen sonst ohnehin keine Chance haben, braucht kein anderes, ,,höheres"

Argument. Im Manifest wird diese Botschaft ersetzt durch die Behauptung einer

proletarischen Mission, der sich niemand entziehen können soll, weil dergleichen in

der Menschheitsgeschichte sowieso laufend vorkommt und sogar ,,die Abschaffung

bisheriger Eigentumsverhältnisse nichts den Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes"

sei - als hätte das kämpfende Proletariat gerade noch auf diese beruhigende

Mitteilung gewartet.

Nachdem die weltgeschichtliche Bedeutung der laufenden Arbeiterkämpfe insoweit

geklärt ist, beschäftigen sich die Autoren mit der Zurückweisung bürgerlicher

Vorwürfe gegen die Kommunisten. Dabei ist nicht zu verkennen, daß sie sich mit

Einwänden auseinandersetzen, die nicht nur von der Bourgeoisie erhoben wurden,

die sie direkt polemisch anreden. Ihre Antworten auf die gängigen antikommunistischen

Anklagen sind im Grunde Punkt für Punkt lauter weitere Eingeständnisse, wie

wenig von einer Übereinstimmung der Kommunisten mit den Anliegen der kämpfenden

Proleten tatsächlich die Rede sein konnte - und genausoviele verkehrte

Dementis. Eines dieser Dementis betrifft einen damals offensichtlich schon im

Umlauf befindlichen Irrtum: die Gleichsetzung von Kommunismus und Diebstahl.

Denn zum Eigentum fallt ihnen folgendes ein:

,,Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt,

sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums ... Kapitalist sein, heißt nicht

nur eine rein persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einnehmen.

Das Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine

gemeinsame Tätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur durch die gemeinsame

Tätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft in Bewegung gesetzt werden. Das Kapital ist

also keine persönliche, es ist eine gesellschaftliche Macht. Wenn also das Kapital in

gemeinschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft angehöriges Eigentum verwandelt

wird, so verwandelt sich nicht persönliches Eigentum in gesellschaftliches. Nur der

gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert seinen Klassen-

Charakter. "

Statt schlicht und ergreifend auszuführen, daß es sich bei einem kommunistischen

Umsturz nicht um eine Reihe von Enteignungen handelt, sondern um die Abschaffung

des Eigentums; statt zu erklären, daß eine kommunistische Revolution auf die

Abschaffung des ganzen Rechtszustands zielt, der mit dem Privateigentum gegeben

ist, beteuern Marx und Engels, daß diese grundlegende Umwälzung garantiert nicht

den Tatbestand des Wegnehmens von ,,persönlichem Eigentum" erfüllt. Sie bemühen

dafür eine Unterscheidung zwischen Eigentum überhaupt und seinem gesellschaftlichen

Charakter, die Marxisten vor Rätsel stellt. Denn das, was Eigentum

ausmacht: das ausschließende Verfügen über gegenständlichen Reichtum, das nur

dank staatlicher Verfügung allgemein Gültigkeit hat und die Basis des kapitalistischen

Produktionsverhätnisses ist - das können die Autoren unmöglich im Sinn

gehabt haben, wenn sie zwischen quasi immerwährendem Eigentum und einer

davon getrennt existierenden gesellschaftlichen Form des Eigentums unterschieden

haben wollen. Sonst wäre ihnen auch zur Figur des Kapitalisten nicht ausgerechnet

180

die Antithese von ,,nur rein persönlicher" und „gesellschaftlicher Stellung in der

Produktion " eingefallen. Die Entdeckung, daß das kapitalistische Eigentum ein

,,gemeinschaftliches Produkt" und als Produktionsmittel Teil eines gesellschaftlichen

Produktionsprozesses ist, mag ja stimmen. Aus dem Befund folgt aber gerade

nicht, daß die Proletarier bloß noch die Kapitalisten zu verjagen bräuchten, so ungefahr

wie einen überflüssigen Zusatz zur längst realisierten gesamtgesellschaftlichen

Arbeitsteilung, und schon würde sich die ,wahre' gesellschaftliche Natur des Kapitals

zeigen und gegen ihre ,Verfremdung' durch den Schein eines persönlichen Verhältnisses

zwischen Kapitalist und Produktion durchsetzen. Die ,,gesellschaftliche

Stellung" des Kapitalisten „in der Produktion" besteht vielmehr gerade darin, daß er

ganz persönlich, mit der Gewalt des rechtlich geschützten Eigentums, über sie verfügt.

Die Tatsache, daß „gemeinschaftlich" produziert wird, steht nicht in einem -

entlarvenden - Gegensatz zur Privatheit des Kapitals; dessen Privatmacht ist vielmehr

das Gesellschaftliche an der ganzen Produktionsweise. Und deswegen hat der

Kommunismus auch nicht bloß eine Modifikation des ,,gesellschaftlichen Charakters

des Eigentums" im Sinn, wenn er, wie im Manifest durchaus angekündigt, die „Aufhebung

des Privateigentums" verlangt: Es geht schon gegen das Eigentum selbst,

weil das nämlich nicht den einen oder anderen ,,gesellschaftlichen Charakter" hat,

sondern den „Charakter" der gesamten Gesellschaft, nämlich ihrer Produktionsweise

begründet. Was soll also das ganze Hin-und-Her im Manifest zwischen „Abschaffung

des Eigentums überhaupt", um die es angeblich nicht geht, und der „Abschaffung

des bürgerlichen Eigentums", um die es sehr wohl gehen soll? Daß die gesellschaftliche

Produktionsweise des Privateigentums seine Macht verlieren und ihre

bisherigen notwendigen Opfer dadurch reicher werden, Iäßt sich doch wohl einfacher

sagen. Daß Kapitalisten ihre Macht genommen werden soll, müssen Kommunisten

wirklich nicht mit lauter beschwichtigenden „Nurs" beschönigen. Das Manifest

leistet sich also nicht nur ein höchst umständliches, sondern auch sehr falsches

Dementi der verbreiteten Auffassung, Kommunisten wollten den Leuten „ihr Hab

und Gut" wegnehmen.

Beruhigt werden sollten damit wohl all die aufgeregten Gemüter, die seit jeher

Kommunismus und Enteigung für ein und dasselbe halten. Dabei war Marx und

Engels die Enteigung, die durch die Macht des Kapitals an den Arbeitern tagtäglich

vollstreckt wird, durchaus geläufig. Aber statt einfach das auszuführen, verbreiten

sie eine schlechte Lohntheorie:

,,Der Durchschnittspreis der Lohnarbeit ist das Minimum des Arbeitslohns, d.h. die

Summe der Lebensmittel, die notwendig sind, um den Arbeiter als Arbeiter am Leben zu

erhalten. Was also der Lohnarbeiter durch seine Tätigkeit sich aneignet, reicht bloß

dazu hin, um sein nacktes Leben wieder zu erzeugen. Wir wollen diese persönliche

Aneignung der Arbeitsprodukte zur Wiedererzeugung des unmittelbaren Lebens keineswegs

abschaffen, eine Aneignung, die keinen Reinertrag übrigläßt, der Macht über

fremde Arbeit geben könnte. Wir wollen nur den elenden Charakter dieser Aneignung

aufheben, worin der Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren, nur so weit lebt,

wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt ... Der Kommunismus nimmt keinem

die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich

durch Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen.

Das klingt schon wieder wie Trost: Die Kommunisten wollen den Arbeitern ganz

bestimmt nichts wegnehmen! Und dafür wird eine Lohntheorie der beschränkten

181

Aneignung bemüht. Die Autoren hätten sich da besser einmal klar entschieden: Ist

der Lohn Aneignung des Notwendigen, was Kommunisten den Arbeitern auch nicht

nehmen wollen; - oder bedeutet Lohnarbeit, daß der „Arbeiter nur lebt, um das

Kapital zu vermehren" und „nur so weit lebt, wie es das Interesse der herrschenden

Klasse erheischt"? Wenn letzteres, dann ist der Lohn nur in einem sehr zynischen

Sinn das Lebensmittel der Arbeiter, nämlich überhaupt nicht ihr Mittel; dann ist er

vielmehr vor allem andern Mittel des Kapitals - und man kann dem Arbeiter in

einem Kommunistischen Manifest getrost die Botschaft zumuten: Den Lohn schaffen

Kommunisten übrigens ab.

Irgendwie steht das ja auch da; „daß es keine Lohnarbeit mehr gibt, sobald es

kein Kapital mehr gibt", bezeichnet das Manifest als „Tautologie". Aber daß der

Lohn nicht in den bleibenden Normalfall einer Aneignung des Lebensnotwendigen

durch den Arbeiter und einen ,,elenden Charakter dieser Aneignung", nämlich die

von der Bourgeoisie gesetzten Bedingungen des Lohn-Erwerbs, zerfällt, das hat

Marx erst später in seiner „Kritik der politischen Ökonomie" gescheit erklärt. Der

Lohn ist ein Teil des Kapitals - „variables Kapital" -; auf Seiten der Arbeiter setzt

er Eigentumslosigkeit voraus und reproduziert sie. Vom Arbeitsprodukt eignet sich

der Lohnarbeiter nämlich überhaupt nichts an; es gehört ihm schlechterdings nichts

von den Produkten, die er herstellt. Sämtliche ,,Nurs'' sind daher verkehrt, die so

schön beschwichtigend im Text des Manifests bemüht werden: Mit der Abschaffung

des Kapitals ist nicht „nur" eine ,,elende" Form der Aneignung von Arbeitsprodukten

durch eine bessere ersetzt, sondern eine Sorte Arbeit abgeschafft, die von vornherein

nichts als kapitalistisches Privateigentum produziert - also die Lohnarbeit

selber. Und deswegen stimmt es auch nicht, daß „der Kommunismus ... keinem die

Macht (nimmt), sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, ' I sondern „nur die

Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen ": „Das Gesellschaftliche"

an den Produkten des Kapitals ist gerade, daß sie überhaupt nicht jedermann

zur Aneignung zur Verfügung stehen, sondern von vornherein kapitalistisches

Privateigentum sind; Produktion durch Lohnarbeiter und Aneignung durchs Kapital

sind ein und dasselbe; die „Macht, sich fremde Arbeit zu unterjochen", kommt daher

nicht zu einer ,normalen' Art der Güteraneignung hinzu, sondern ist der ganze ökonomische

Inhalt des gesamten Aneignungsprozesses, Ausgangs- und Endpunkt aller

Güterproduktion. Die Beseitigung dieser Macht ist also erst recht kein „Nur", und

sie läßt auch keine herkömmliche Art der ,persönlichen' Aneignung ,gesellschaftlicher

Produkte' bestehen - eher schafft der Kommunismus erstmals ein solches Verhältnis..

.

Die Bemerkungen des Manifests zu Persönlichkeit und Freiheit sind ebenfalls

keine Glanzleistungen der marxistischen Theorie. Wir erfahren, daß Kommunisten

angeblich nichts gegen diese hohen Güter an sich haben, sondern nur die AAuuffhhe„eA- ufhebung

der ,,Bourgeois-Persönlichkeit, -Selbstständigkeit und -Freiheit" im Auge

haben. Daß nicht bloß der Bourgeois auf dem Tauschwert steht, sondern die bürgerliche

Freiheit überhaupt keinen anderen Inhalt hat als die bedingungslose Anerkennung

des Tauschwerts, also die Verpflichtung der ,,Persönlichkeit" aufs Eigentum

als einziges Lebensmittel, das war den Verfassern des Manifests offensichtlich noch

nicht ganz klar. Im 2. Kapitel des 1. Bandes des „Kapital" steht es dann um so eindeutiger:

Die Person ist nichts anderes als der „Hüter der Waren", der Sachwalter

182

nischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen dc

Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten. "

ist sie, die Persönlichkeit, wie sie leibt und lebt in der bürgerlicl

I * - . C . l . . - . ? ~ _. 1. . ..

der an. Jeder steht unter der Prämisse, daß er nur für sich selber da i

itteln eben versucht, das Beste aus sich und seinem Leben zu mache1

v Drnlntor;nr -tpht im p;,n+ iXl-.--si.-&-h.,~,. - -I.m Dant Je- P-„,ll

:um Unternehmer, der ihn beschäftigt. Modeme Persönlichkeiten sind so durch UI

lurch Repräsentanten der Preisform, daß sie diese in jeder Lebenslage gegeneina

:- A . - , . - L l - - L-: h l l - . L:- T 1-1.--1.1.-.. -.:.l v..-. . J... A ~ .... 1-.

der Preisform; die wechselseitige Anerkennung der Personen als Privateigentümer

ist durch das ökonomische Verhältnis gegeben, das ihnen durch den Warencharakter

des Reichtums quasi dinglich vorgegeben ist:

,,Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware, daher

als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die

ökonor ökonomischen

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Schaft: HIS Yersoniriitation der Yreisiorm treten deren Mitglieder allemal gegeneinan1

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iii ~ l l ~ L l l ul idir~ig eri. ~ i i c-b U I L~U III ucocsieocn - wiru Lur rrage uer Anerwennung

und der Begutachtung der anderen geschätzten Persönlichkeit - nach dem

Muster: „Was kriege ich von dir für das, was ich (in dich) investiere?" So gehen die

selbstbewußten Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft miteinander um, ohne auch

nur im mindesten ein Bewußtsein davon zu haben, daß sie nichts anderes sind als

,,Charaktermasken der ökonomischen Verhältnisse". Auch Lohnarbeiter gehen nicht

in die Fabrik, um dem Kapital zu dienen, sondern um für ihren Lebensunterhalt zu

sorgen. Die arbeitende Klasse existiert also im Kapitalismus als lauter freie, nur an

sich selbst denkende Persönlichkeiten. Deswegen schafft der Kommunismus eben

nicht nur die ,,Bourgeois-Persönlichkeit", sondern auch die proletarische Persönlichkeit

ab, weil es sich bei sämtlichen werten Personen der bürgerlichen Gesellschaft

um nichts anderes als ,,Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse " handelt.

Zur Familie: Es mag ja einmal ganz nett sein, der Bourgeoisie, die sich als

Bewahrer und Retter des Familienlebens aufführt, ihre Heuchelei in puncto ehelicher

Treue und Moral um die Ohren zu hauen. Die Grenze dieser Sorte Polemik

wird deutlich, wenn nicht mehr ganz klar ist, ob nicht derjenige, der den Heuchelei-

Vorwurf erhebt, selber für die Ideale Partei ergreift, die die ,,Heuchler" immerzu mit

Füßen treten. Es mag ja erfrischend sein, wenn sich das Kommunistische Manifest

für eine offene, offenherzige Vielweiberei ausspricht. Nicht in Ordnung dagegen

geht es, wenn das nach dem Muster dargestellt wird: Wir Kommunisten vollenden

(

verleugneten Unmoral Vorbild und Vorreiter der kommunistischen Kritik des Familienlebens.

Besonders fatal wird dieses Argumentationsmuster bei der polemischen Behandlung

des Vorwurfs, „Kommunisten wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen''.

Man könnte ja auch einfach sagen: Genau, das wollen wir, und gute Gründe

dafür haben wir auch ... Stattdessen bemüht sich das Kommunistische Manifest auch

hier um den Nachweis, daß die Bourgeoisie selber schon - ausgerechnet! - am Verschwinden

der Nationen arbeitet:

„Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und

mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltloch

letztlich „nur" ein Zerstörungswerkvon Sitte und Anstand, das die Bourgeoisie

schon selbst längst - wenn auch nur im Geheimen - begonnen hat. Am Ende kommt

:s noch so heraus, als wäre ausgerechnet der bürgerliche Kopf mit seiner moralisch

183

markt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden

Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden

machen."

Die weltweite Gleichmacherei der Lebensverhältnissse durch das Kapital ist eine

Sache; was die „nationalen Absonderungen der Völker" betrifft, haben Marx und

Engels schon recht. Eine ganz andere Sache sind aber die ,,Gegensätze der Völker":

Die verschwinden überhaupt nicht „mit der Entwicklung der Bourgeoisie"; die

bekommen überhaupt erst einen soliden Grund durch die wachsende Konkurrenz der

nationalen Staatsgewalten, deren Reichtum auf ihrer jeweiligen kapitalistischen

Nationalökonomie beruht. Das wird sogar ein paar Zeilen weiter im Manifest selber

angedeutet:

„In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben

wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem

Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen

gegeneinander. "

Wenn schon die Aufhebung des Klassengegensatzes in Innern - also immerhin

nichts Geringeres als eine Revolution - nötig ist, damit die Feindseligkeiten zwischen

den Nationen aufhören, dann ist damit immerhin angedeutet, daß die moderne

Nation die Art und Weise ist, wie die Bourgeoisie politisch regiert, und daß diese

Sorte Herrschaft lauter Gründe für Streit zwischen den Nationen enthält. Dann sollte

man aber besser nicht behaupten, daß die Kommunisten auch in dieser Frage „nur"

eine historische Tendenz vollenden wollten, die die Bourgeoisie schon eingeleitet

hat.

Schließlich die Sache mit den ,,ewigen Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit

usw.", deren Untergrabung den Kommunisten angelastet wird. Es ist schon ein

überaus matter Konter gegen diesen Vorwurf zu beteuern, daß neue Herrschaften

schon immer mit alten Ideologien aufgeräumt haben und daß deswegen der Fortgang

des Klassenkampfs auch bloß das Zerstörungswerk der Bourgeoisie an der Ideenwelt

des Feudalismus weiterführt und vollendet. Eingeleitet wird diese Entgegnung mit

einer eher groben Theorie des falschen Bewußtseins:

„Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden

Klasse."

Wenn man sich so umschaut in der Welt des höheren Blödsinns, kann das die

ganze Wahrheit nicht sein. Die aktuellen herrschenden Ideen sind jedenfalls oft so

verdrechselt, daß die herrschende Klasse ihre Schwierigkeiten hat, sie zu begreifen.

Aber wenn es schon um die herrschenden Ideen gehen soll, dann hätten gerade Marx

und Engels - in anderen Schriften haben sie es bewiesen - in Sachen Kritik mehr zu

bieten als den pauschalen Hinweis, ,, daß das gesellschaftliche Bewußtsein aller

Jahrhunderte ... [sich] in gewissen gemeinsamen Formen bewegt ' I . Und die kommunistische

Abneigung gegen Religion und Moral damit zu begründen, daß das doch

,,kein Wunder ' I sei bei Leuten, die „mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen

radikal brechen wollen", ist fast mehr eine Entschuldigung als ein Beitrag zum

Kampf gegen falsches Bewußtsein.

*

184

„Doch lassen wir die Einwürfe der Bourgeoisie gegen den Kommunismus" - um

zum letzen Abschnitt des 2. Kapitels zu kommen, in dem eine Liste wirklich konkreter

Teil-Forderungen aufs tellt wird:

r, daß da_s_ _P rol.e tariat die p

Als erstes erfahren olitische Herrschaft ergreifen

muß. Hier kann man nur sagen: Was denn sonst! Auch wenn wir, nach unserer

Kenntnis der modernen Demokratie, das nie und nimmer gleichsetzen würden mit

der „Erkämpfung der Demokratie". Aber sei's drum.

Das folgende ökonomische Programm ist schon deutlich weniger klar umrissen.

Wenn es da heißt:

„Das Proletariat M. dazu benutzen, der Bourgeoisie

nach und nach alles KC

ird seine politische Herrschaft

zp,ital .zu e ntreißen. .. ", I c . . . n dann möchte man docn scnon aaraut bestetien, aal5 „Entreißen" und ,,Abschaffen"

nicht ganz dasselbe ist. Kein Zweifel auch, daß die Entmachtung der Bourgeoisie

„natürlich nur geschehen [kann] vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht

und in die bürgerliche Produktionsweise. "

Aber wieso um alles in der Welt sollen diese „Maßregeln" dann ,,ökonomisch

unzureichend und unhaltbar erscheinen " und sich nur dadurch rechtfertigen, daß sie

„über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise

unvermeidlich sind "? Soll denn die vom Proletariat eroberte Staatsmacht

schon wieder so einen ökonomischen Selbstlauf eröffnen, einen geschichtlichen

Mechanismus, der den Zielen der proletarischen Revolution quasi „hinter dem Rükken"

der agierenden Subjekte zum Durchbruch verhilft? Ein Endziel, das keiner

will: die Abschaffung des Kapitalismus, soll auf den Weg gebracht werden mittels

lauter ,,Etappensiegen", die zwar nichts mit einer kommunistischen Umwälzung zu

tun haben, für die man aber zumindest in den ,,fortgeschrittensten Ländern" schon

einige Bündnisgenossen sieht.

Dieser Vorstellung entsprechend sind die 10 Forderungen am Ende des 2. Kapitels

konstruiert. Es ist wirklich kein Wunder, daß sich gerade darauf die heutigen

Ideologen der „sozialen Marktwirtschaft" so begeistert berufen, weil sie sie - mit

den nötigen ,,realistischen" Abstrichen, versteht sich ... - im modernen Kapitalismus

erfüllt sehen. Denn allen Forderungen haftet ein übler Beigeschmack an; alle zielen

auf die Staatsgewalt - jenen „Ausschuß der Bourgeoisie"- mit dem Antrag, diese

sollte sich doch auch ums Proletariat kümmern:

,, I . Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.

2. Starke Progressivsteuer.

3. Abschaffung des Erbrechts.

4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.

5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats ...

6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.

7. Vermehrung der Nationalfabriken ....

8. Gleicher Arbeitszwang für alle ...

9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie ....

10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller. Beseitigung der Fabrikarbeit der

Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion."

185

Marx und Engels haben sich später von diesem „Sofortprogramm" distanziert.*)

Bei der Abfassung des Manifests waren sie davon überzeugt, daß nur solche Forderungen,

die sich darum bemühen, an die gegebenen Verhältnisse anzuküpfen und

Korrekturen anzubringen, der passende Einstieg in eine totale Umwälzung der

Gesellschaft wären. Und so radikal die Forderungen auch sein mögen - extremistisch

zum Teil noch für ein modernes bürgerliches Gemeinwesen, für die Verhältnisse

im Jahre 1848 auf alle Fälle allesamt umstürzlerisch: Sie sind durch und durch

opportunistisch. Vorhandenen Reformbewegungen wird recht gegeben und gleichzeitig

darauf gesetzt, daß mit jeder bürgerlichen Reform nichts geringeres vollbracht

wäre als ein weiterer Schritt hin zur Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaft.

Eine „starke Progressivsteuer" auf den kapitalistischen Reichtum jedoch ist noch

nicht einmal eine besonders zweckmäßige Kampfmaßnahme, um „der Bourgeoisie

nach und nach alles Kapital zu entreißen"; geschweige denn, daß damit die Ersetzung

der kapitalistischen Produktionsweise durch einen vernünftigen gesellschaftlichen

Plan in die Wege geleitet wäre - allenfalls mag auf die Art die Staatsgewalt in

die Rolle der Kapitalisten hineinwachsen, worauf in der Tat auch die meisten anderen

Forderungen abzielen. Als wäre der Staat, wenn er den Reichtum der Gesellschaft

nur bei sich zentralisiert und die Kapitalisten ersetzt, schon ungefähr das,

worauf Kommunisten mit ihrer Kritik der politischen Ökonomie hinauswollen, oder

zumindest eine gute Bedingung dafür und genau das, was ein siegreiches Proletariat

mit der eroberten Macht herzustellen hätte!

Kurz: Es werden lauter „über sich selbst hinaustreibende Wege" zur proletarischen

Revolution aufgezeigt, die garantiert keine sind. Denn das, worauf das Ganze

hinauslaufen soll:

„Sind ini Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle

Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche

Gewalt den politischen Charakter ... An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft

mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie

Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." -

dieses Endziel der ,,Entwicklung" ist so ziemlich der einzige geschichtliche Schritt

in der Welt, der ganz bestimmt nicht als Sachzwang „hinter dem Rücken" gesellschaftlicher

Charaktermasken passiert, sondern nur, wenn Individuen sich wirklich

mit Wille und Bewußtsein über das, was sie vorhaben, „assozieren". Wenn irgendetwas,

dann ist eine solche Assoziation, in der die „freie Entwicklung eines jeden die

Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" - lassen wir's mal als kommunistische

,,Antwort" auf das bürgerliche Ideal der „frei entwickelten Persönlichkeit" gelten

... -, nicht als bewußtloses ,,Übersich-Hinauswachsen" einer ,,geschichtlichen

Entwicklung" zu haben, sondern nur als gemeinsamer Plan von Leuten, die wissen,

was sie tun.

*) ,,Dieser Passus (die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen revolutionären Maßregeln)

würde heute in vieler Beziehung anders lauten ... Namentlich hat die [Pariser] Kommune

den Beweis geliefert, daß 'die Arbeiterklassse nicht die fertige Staatsmaschine einfach

in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann'.''

(MarxEngels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von

1872)

186

3. Kapitel: ,,Sozialistische und kommunistische Literatur"

Ausrechnet bei ihrer Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Überbau der

damaligen Zeit laufen Marx und Engels zu großer Form der Kritik auf. In ihrer

Abrechnung mit zeitgenössischen „sozialistischen" Reaktionären und Fortschrittlern

lasssen sie an deren Theorien kein gutes Haar. Da wissen sie sehr genau zu unterscheiden,

daß die Eingemeindung der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft

etwas anderes ist als die Entmachtung der Bourgeoisie. Leider wollen sie von dieser

Kritik nichts mehr wissen, sobald sie sich ihrem 4. Kapitel widmen:

4. Kapitel: „Stellung der Kommunisten

zu den verschiedenen oppositionellen Parteien"

Kaum befassen sie sich mit anderen sozialistischen Parteien, stellen sie sich wieder

affirmativ und opportunistisch auf jeden Mist ein und entdecken in einem Land

nach dem anderen Bündnispartner, die mit der entschlossenen Unterstützung der

Kommunisten rechnen können. *)

*

Bleibt noch der letzte Abschnitt des Textes. Etwas weniger Theatralik hätte es

zwar auch getan; dann hätten sich jedenfalls nicht spätere Vertreter der ,,herrschenden

Ideen", statt „vor einer kommunistischen Revolution zu zittern", an der schöngeformten

Rede erbauen können. Aber sachlich völlig in Ordnung, dieses abschließende

Bekenntnis zu der kommunistischen Maxime, nichts zu verleugnen und nichts

zu beschönigen:

,,Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen.

Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen

Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen

vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren

als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. ''

Hätten sich die Autoren auf den vorangegangenen Seiten ihres Manifests doch an

ihre Maxime gehalten!

*) Auch ihre spätere Distanzierung von diesen Passagen läßt weniger eine Kritik an diesem

opportunistischen Fehler erkennen als vielmehr eine Absage an die Parteien, die sie sich

1848 als Bündnispartner ausgeguckt hatten - weil es die schlicht und einfach nicht mehr

gab:

,,Ferner ist selbstredend, daß die Kritik der sozialistischen Literatur für heute lückenhaft

ist, weil sie nur bis 1847 reicht; ebenso die Bemerkungen über die Stellung der Kommunisten

zu den verschiedenen Oppositionsparteien (Abschnitt IV), wenn auch in den

Grundzügen heute noch richtig, doch in der Ausführung heute schon deswegen veraltet

sind, weil die politische Lage sich total umgestaltet und die geschichtliche Entwicklung

die meisten der dort aufgezählten Parteien aus der Welt geschafft hat. " (MarxEngels,

Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1872).

187

PS.: Die Karriere der Fehler des Kommunistischen Manifests

im Realen Sozialismus

Was die Autoren des Kommunistischen Manifests betrifft, die haben - wie schon

mehrfach erwähnt - die Mängel und Fehler ihrer Frühschrift später größtenteils korrigiert.

Doch bedauerlicherweise finden nicht nur heutige Schöngeister das Kommunistische

Manifest echt affengeil. Viel schlimmer ist, daß diese Schrift in den letzten 150

Jahren soviel Anklang gefunden hat bei allen, die sich für die „Sache der Arbeiterbewegung"

stark gemacht haben. Die Schwächen und Fehler des Manifests haben leider

eine steile Karriere hinter sich als beliebtester Leitfaden sämtlicher kommunistischer

Umtriebe der letzten Jahrzehnte, ja sogar für die verflossenen kommunistischen

Staatsgründungen. Den kommunistischen Parteien, die sich auf Marx und

Engels beriefen, haben nämlich die Schwachheiten des Manifests viel mehr zugesagt

als die Kritik der Politischen Ökonomie und des Gothaer Programms der Sozialdemokratie.

Sie haben die Vorstellung, Kommunismus wäre nichts weiter als die

Zusammenfassung, der ,,entschiedenste Ausdruck" all der Sehnsüchte des „entrechteten

und geknechteten Proletariats", zum Dogma erhoben und nach allen Seiten hin

radikal verkehrte Konsequenzen daraus gezogen.

- Auf der einen Seite opportunistisch bis zur Selbstverleugnung beim Anknüpfen an

,,soziale Bewegungen ", die sie als Kommunisten im Volk, insbesondere im Proletariat,

gesucht und gefunden haben.

- Skrupellos, bedenkenlos bei der Auswahl von Bündnispartnern, deren Zielsetzungen

sie als lauter Bestandteile und Vorstufen des eigenen Programms gedeutet

haben.

- Hoffnungslos affirmativ in Bezug auf alles - Familie, Brauchtum, Normen und

Werte, Vaterland ... -, was nach Auffassung aller wohlmeinenden Kulturkritiker im

Kapitalismus unter die Räder kommt; nach dem Motto: „Das Wahre, Gute, Schöne

ist in Wahrheit erst im Sozialismus möglich."

- Auf der anderen Seite total desinteressiert an den - kritikablen oder auch korrekten

- Bedürfnissen und Vorstellungen, mit denen kommunistische Umstürzler in der

kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich konfrontiert sind.

Kurz: Ausgerechnet die sich auf Marx berufenden Parteien haben sich den Widerspruch

geleistet, die agitatorische Aufklärung ihrer Adressaten über die kapitalistische

Systemnotwendigkeit ihrer miserablen Lage, die agitatorische Kritik der höchst

systemimmanenten Gerechtigkeitsfordenngen, die Kritik der Art und Weise also,

wie Lohnarbeiter sich auf die Lebensbedingungen unter dem Regime des Kapitals

einstellen, ziemlich vollständig zu ersetzen durch die Anerkennung des Proletariats

im besonderen und der Volksmassen im allgemeinen in dem trostlosen Zustand, in

dem Kommunisten sie vorfinden. Die "Volksmasen" wurden von ihrer ,,Vorhut" -

den Kommunisten - beglückwünscht als Erfüllungsgehilfen eines fiktiven Auftrags

der Geschichte, den sie noch nicht einmal zu kennen brauchten, weil er angeblich

sowieso galt und Wirkung zeigte.

Wo sie an die Macht gekommen sind, haben die kommunistischen Parteien des

real existierenden Sozialismus die ,,untrennbare Einheit" von Führung und Volk

dekretiert. Als ,,Arbeiter- und Bauernstaaten" haben sie den Proletkult auf die Spitze

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getrieben; die Identität zwischen Partei und Massen mit aller Macht inszeniert, so

daß jede kritische Stellungnahme aus den Reihen der geliebten Massen den Genossen

an den ,,Schalthebeln der Macht" suspekt war, als mögliche Abweichung von

der ,,korrekten Parteilinie" beobachtet und nicht selten auch verfolgt wurde. Umgekehrt

wurden alle Regungen, die sie im Volk vorgefunden haben - von der Religion

über folkloristisches Brauchtum bis zum Nationalismus - von den regierenden kommunistischen

Parteien alles andere als konsequent bekämpft, vielmehr als - bestenfalls

noch ungenügender - Ausdruck einer im Prinzip korrekten, völkerverbindenden,

massenfreundlichen Tendenz affirmiert.

Was die Ökonomie betrifft, haben die an die Macht gekommenen Anhänger des

Kommunistischen Manifests dann tatsächlich, statt einen Übergang zur planmäßigen

Produktion von Gebrauchswerten durchzusetzen, ein System ,,ökonomisch unzureichender

und unhaltbarer ,Maßnahmen" im Sinne eines radikal verbesserten Kapitalismus

installiert.

Auf das Geld wie auf den Lohn meinten sie - im Gegensatz zu der von Marx und

Engels in ihren späteren Schriften gelieferten Kritik an diesen kapitalistischen

Errungenschaften - keinesfalls verzichten zu können. Im Gegenteil, sie waren der

festen Auffassung, erst im Sozialismus würde beides zur vollen Schönheit und zu

nützlichen „Hebeln der Steuerung der Produktion und Konsumtion" reifen.

Angesichts dieses Programms war es ihnen völlig klar, daß die ,,öffentliche

Gewalt" nie und nimmer ihren ,,politischen Charakter" verlieren konnte; bzw. sie

haben irgendwann per politischem Dekret verkündet, daß sie die „Übergangsgesellschaft"

für beendet betrachten und in ihren Staaten der Kommunismus herrscht.

Im Weltmaßstab schließlich hielten sie wenig von dem Slogan: ,,Proletarier aller

Länder, vereinigt euch! " Sie sorgten für die restlose Ersetzung des Klassenkampfs

durch eine Politik der militärischen Konfrontation und Friedenssicherung.

Um einen ,,geistigen Überbau" für ihren revolutionären Tatendrang waren sie

nicht verlegen. Sie hatten sich nämlich heftig in die Vorstellung verliebt, daß sie und

ihr Programm immer nur der „Ausdruck einer geschichtlichen Gesetzmäßigkeit"

sein konnten. In diesem Sinne haben sie gleich eine ganze Tradition linker Erkenntnistheorie

begründet, die sich - streng Histo- und Diamat-mäßig - in immer komplexeren

Elaboraten um die Verankerung der zutiefst philosophischen Erkenntnis

bemühte: daß das, was ist - und was die Partei veranstaltet, auch sein muß, weil es

der Geschichte entspricht.

Bleiben noch die Epigonen der ,,Bewegung", die beispielsweise in den 70er Jahren

an bundesdeutschen Hochschulen „die Fahne des Kommunismus hochgehalten"

haben. Die sind nicht davor zurückgeschreckt, jedes Volksgemurmel und jeden noch

so sozialverträglichen DGB-Tarifstreit zur „sozialen Bewegungen" und zum „Schritt

in die richtige Richtung" zu erklären. So haben sie sich revolutionäre Umtriebe in

die Tasche gelogen, um sich als deren Ausdruck begreifen zu können. Jede Kritik an

ihren Adressaten haben sie entschieden abgewehrt und sich mit Grußadressen an

,&impfende Belegschaften ..." an die Spitze der angeblichen oder wirklichen Unzufriedenheit

im Volk zu gesetzt.

Sogar ihren Abgesang auf den Kommunismus haben manche der alten Freunde

des Kommunistischen Manifests in dem Bewußtsein vollzogen, daß sie den vorgezeichneten

Gang der Weltgeschichte irgendwie falsch verstanden haben müßten.

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Selbstkritisch haben sie zu Protokoll gegeben, daß sie mit ihrem ,,kommunistischen

Experiment" offensichtlich - menschheitsgeschichtlich gesehen - schätzungsweise

ein paar hundert Jahre zu früh dran waren. So kann man auch die eigene Absage an

kommunistisches Gedankengut als Einsicht in geschichtliche Notwendigkeiten darstellen.

Diejenigen, die erst gar nicht dazu kamen, ein ,,kommunistisches Experiment" zu

veranstalten - die kommunistischen Gruppierungen in den kapitalistischen

Metropolen -, haben auf ihre Weise ihre Absage an den Kommunismus über die

Bühne gebracht. Nachdem sie aus dem Manifest eine Gebrauchsanweisung zum

Proletkult gemacht und sich als „Vorhut" aufgebaut hatten, die sich in nichts von der

„wirklichen Bewegung" unterscheidet, mußten sie irgendwann feststellen, daß das

real existierende Proletariat alles andere im Sinn hat als eine kommunistische Bewegung.

Da haben sie dem bis neulich noch heißgeliebten Proletariat ihre Zuneigung

entzogen. Kritisieren wollen sie „die Massen" immer noch nicht. Denn jetzt glauben

sie zu wissen, daß diese ganze Bande - und ganz speziell der Prolet in seiner deutschen

Ausprägung - zum „schlechtesten Menschenmaterial" gehört, das die Welt je

gesehen hat. Solche Typen gehören, nach Auskunft der enttäuschten Arbeiterfreunde

von gestern, mit Verachtung gestraft und nicht für eine Revolution agitiert.

Schuld an alledem ist das Kommunistische Manifest trotzroatlzle r seiner Mängel

nicht. Denn erstens ist der Schrift zu entnehmen, daß Marx und Engels damit eine

Kampfschrift gegen den Kapitalismus in die Welt setzen wollten. Und zweitens handelt

es sich bei diesem marxistischen Frühwerk immerhin um eine ,,Vorstufe" für

weitaus bessere Spätwerke. Die Freunde des Realen Sozialismus sind den umgekehrten

Weg gegangen: Sie haben die Einsichten der „Alten" zugunsten ihrer

geschichtsphilsophischen Anfänge revidiert.

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