Die Welt ist voller Menschen. Du bist einer, ich schon wieder, sogar der Bundeskanzler. Aber worum handelt es sich da bei uns? Wer ist der Mensch in uns allen? Das sind so Fragen. Die rufen nach Aufklärung, und die Wissenschaft hält, was sie verspricht: Den Menschen kennt sie ganz genau, und zwar je nach Fach anders. Diesmal:

Der Mensch in der Politologie:

Ein gewaltiger Chaot mit dem Willen, sich einer Staatsgewalt unterzuordnen

Politologen gehen von der Vorstellung aus, dass Menschen ohne Unterordnung unter eine Recht setzende höchste Gewalt bei der Verfolgung ihrer Anliegen - sei es der Kauf eines Autos, der Bau eines Eigenheims oder der Besuch eines Konzerts - laufend aneinander geraten würden; dass ohne Staat bald ein „Krieg aller gegen alle“ ausbrechen und ohne Recht und Gesetz ein Chaos einreißen würde, in dem niemand mehr zum Zug käme, so dass bewiesen wäre: Wo Interessen sich uneingeschränkt betätigen können, da kommen sie nicht zur Geltung, weil sie sich wechselseitig behindern. Diese Paradoxie handeln Politologen wie einen Erfahrungssatz: Dass dort, wo sich Interessen geltend machen, immer und überall Interessensgegensätze auftreten, wollen sie durch einen Blick in die Welt, die es gibt, erfahren haben. In der blühen in der Tat die schönsten Gegensätze. Zwischen Mieter und Vermieter, Ehemann und Ehefrau, Lohnarbeiter und Unternehmer, Gläubiger und Schuldner usf. - allerdings kein einziger „ohne Staat“. Das Material der politologischen Vorstellung ist eine Welt, in der alles unter staatlicher Aufsicht steht; in der es der dem Staat unterstellten Mannschaft zur Lebensaufgabe gemacht wird, sich an den von ihm gesetzten Bedingungen zu bewähren; in der vom Eigentum bis zur Familie alle Interessen rechtlich definiert sind; und in der deswegen Interessenskollisionen allemal die Form haben, dass sich berechtigte Interessen wechselseitig um ihre Zurückweisung bemühen. Ausgerechnet in dieser Welt wollen Politologen entdeckt haben, wie sich der Mensch ohne Staat benimmt. Den Grund der aus der staatlichen Wirklichkeit herbeizitierten Gegensätze verlegen sie damit außerhalb dieser Wirklichkeit, in den Menschen. Der Mensch, so getrennt von seiner staatlichen Wirklichkeit gedacht, ist einerseits nicht von dieser Welt. Ein Geistersubjekt. Andererseits und im Widerspruch dazu soll dieses Geistersubjekt Grund all der Rechtskollisionen sein, die dem Politologen aus der staatlichen Wirklichkeit bekannt sind, und so bekommt der Mensch von seinem politologischen Schöpfer eine Eigenart zugesprochen, die erkennen lässt, dass das vorstaatliche zoon politikon vom Standpunkt der Einhaltung der Staatsordnung her definiert ist: Ohne Staat würde der Mensch gegen all das verstoßen, was der Staat gebietet. Ohne Staat gäbe es allerdings die Gebote gar nicht! Politologen brauchen nur ihre staatsbürgerliche Phantasie anzuwerfen, um sich diesen Widerspruch auszumalen: Der Mensch in der Politologie ist der wild gewordene Staatsbürger, der Feind jeder Straßenverkehrsordnung, die Konkurrenzsau, die sich über alle staatlich gesetzten Gebote der Konkurrenz hinwegsetzt, kurz: der permanente Störfall jeder staatlichen Ordnung, aus Prinzip.

Von diesem Bild des Menschen aus leuchtet es den Politologen schwer ein, dass diese Kreatur gebändigt gehört. Die Notwendigkeit der Staatsgewalt leiten sie ab aus dem in die Menschennatur verlegten Bedürfnis, gegen Gesetze zu verstoßen. Was ihnen da einleuchtet, ist ihr eigener Staatsfanatismus, der ihnen ein geltend gemachtes Interesse gar nicht anders in den Blick geraten lässt als unter dem quasi juristischen Verfolgungsgesichtspunkt der Regelverletzung. Was sie als Ableitung des Staates aus der Menschennatur anbieten, ist ihr Standpunkt: Den Staat muss es geben, damit seine Ordnung gilt. Und von diesem Standpunkt aus basteln sie weiter an ihrem Menschenbild. Das hat nämlich für sie noch einen entscheidenden Haken: Mit dem vorgestellten gewalttätigen Chaoten lässt sich kein Staat machen; er eignet sich denkbar schlecht dafür, Gehorsam zu üben. Ihnen fällt selber auf, dass die von ihnen behauptete Notwendigkeit des Staates nur moralischer Natur war, dass sie dem Inhalt nach seine Unmöglichkeit begründet haben und machen von da aus den logisch bedenklichen Übergang, am Menschen nach einer Möglichkeit des Staates zu suchen. Mit dem Mut zum Risiko dichten sie, kaum haben sie den Wolf im Menschen entdeckt, ausgerechnet dieser Bestie das Bedürfnis nach einer Herrschaft an, die sie in den Griff kriegt, und lassen ihren Menschen einen „Gesellschaftsvertrag“ unterschreiben, mit dem er freiwillig seine Unterwerfung unter die Macht des Staates besiegelt. Nun darf man sich den Menschen zur Abwechslung als einen vorstellen, der die politologische Einsicht in die Notwendigkeit des Staates teilt. Ihm leuchtet der Widerspruch ein, dass sich sein Interesse nur geltend machen lässt, wenn es in Schranken gewiesen wird, und er ist deswegen selber für seine Beschränkung. Nur: Gerade das lässt die Gewalt des Staates einigermaßen überflüssig erscheinen, deren Notwendigkeit die Politologen begründen wollen; den Weg zum eigenen Erfolg muss man nicht aufgezwungen bekommen. Also muss man sich doch wieder an den bösen Wolf zurückerinnern. - Politologen behaupten, dass der Staat dem Menschen entspricht. Dass der es gut getroffen hat mit einer staatlichen Herrschaft über sich, die seinen Gehorsam gebietet, begründen sie nicht mit irgendwelchen segensreichen Eigenschaften der Staatsmacht. Sie konstruieren sich umgekehrt den Menschen, der dem Staat entspricht. Dabei sind sie sehr konsequent. Heraus kommt ein Idiot, dem jede Beschränkung als seine Freiheit einleuchtet. Das spricht nicht für den Staat.


www.sozialistischegruppe.de/hefte/2004/Mensch_Pol.rtf