Lud­wig Wittgenstein

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1989.

Lud­wig Wittgenstein

Zum 100. Geburts­tag Lud­wig Witt­gen­stein – Leben & Werk

„Beim Phi­lo­so­phie­ren muss man ins alte Chaos hin­ab­stei­gen und sich dort wohlfühlen.“

Über Witt­gen­stein wird viel erzählt. Über­lie­fert ist, dass er als Per­son ziem­lich uner­träg­lich gewe­sen sein muss. Stän­dig hat er seine Umge­bung beläs­tigt – bis sie ihm selbst läs­tig gewor­den ist. Dann hat er sie gewech­selt. So wurde aus dem Tech­ni­ker ein Schrift­stel­ler und aus die­sem ein Volks­schul­leh­rer. Seine spä­te­ren Schrif­ten las­sen sein päd­ago­gi­sches Talent erkennen:

„Mach die­sen Ver­such: Sag ‚Hier ist es kalt‘ und meine ‚Hier ist es warm‘. Kannst Du es?“

Oder:

„Wir las­sen nun den Schü­ler ein­mal eine Reihe (etwa ‚+2′) über 1000 hin­aus fort­set­zen, – da schreibt er: 1000, 1004, 1008, 1012. Wir sagen ihm: ‚Schau, was du machst!‘ – Er ver­steht uns nicht. Wir sagen: ‚Du soll­test doch zwei addie­ren; schau, wie du die Reihe begon­nen hast!‘ – Er ant­wor­tet: ‚Ja! Ist es denn nicht rich­tig? Ich dachte, so soll ich’s machen …‘ – Es würde uns nun nichts nüt­zen, zu sagen ‚Aber siehst du denn nicht …?‘ – und ihm die alten Erklä­run­gen und Bei­spiele zu wie­der­ho­len. – Wir könn­ten in so einem Falle etwa sagen: Die­ser Mensch ver­steht von Natur aus jenen Befehl, auf unsere Erklä­rung hin, so, wie wir den Befehl: ‚Addiere bis 1000 immer 2, bis 2000 4, bis 3000 6, etc.‘.“

Als Volks­schul­leh­rer wurde Witt­gen­stein damit nicht berühmt. Erst als Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor in Cam­bridge hat er mit die­ser Tour Erfolg gehabt. – Pri­vat war er mit sich nicht im Rei­nen, erfährt man. Er hatte genü­gend Geld, um sich Pro­bleme der luxu­riö­sen Art zu machen, Sinn­pro­bleme, die ihn fürs Phi­lo­so­phie­ren anfäl­lig mach­ten und an den Rand des Selbst­mords trie­ben. So emp­fand er schließ­lich den Welt­krieg wie eine Erlö­sung aus sei­ner furcht­ba­ren Lage. – Das alles wäre nicht wei­ter der Rede wert. Die Geschich­ten und Geschicht­chen aus dem Leben die­ses Man­nes wer­den ja nur des­halb für bedeut­sam befun­den, weil sein phi­lo­so­phi­sches Werk etwas gilt. Und noch nicht ein­mal der Umstand, dass Witt­gen­stein als Per­so­ni­fi­ka­tion sei­ner Lehre her­um­ge­lau­fen ist, macht seine Gedan­ken rich­ti­ger oder gewich­ti­ger. Die Geburts­tags­gra­tu­lan­ten hin­ge­gen ent­neh­men sei­ner Bio­gra­phie die siche­ren Indi­zien dafür, es mit einem Genie zu tun zu haben. Sie fei­ern den Beckett (alter­na­tiv: den Kafka) unter den Phi­lo­so­phen, den dun­kels­ten Phi­lo­so­phen des Jahr­hun­derts, einen, der so tief gedacht hat, dass es noch Jahr­zehnte bedarf, um zu ent­zif­fern, was er mit sei­nen Bemer­kun­gen eigent­lich gemeint hat!

*

Bei Witt­gen­stein Hin­ter­grün­di­ges zu suchen, ist das größte Unrecht, das man ihm antun kann. Er hat sich mit Phi­lo­so­phie beschäf­tigt – hatte aber nicht den min­des­ten Begriff davon, was er da macht. Er hielt phi­lo­so­phi­sche Pro­bleme für eine Art Geis­tes­ver­wir­rung – brachte es aber auch nicht zum Phi­lo­so­phie­kri­ti­ker. Er hat ein­fach nicht ver­ste­hen wol­len, worum es da geht. Und es hat ihn nicht inter­es­siert, warum sich Phi­lo­so­phen in nicht enden wol­lende Schwie­rig­kei­ten ver­stri­cken. Ihm, Witt­gen­stein, war näm­lich alles klar:

„Was sich über­haupt sagen lässt, das kann man klar sagen; und wovon man nicht reden kann, dar­über muss man schweigen.“

Er sah ein­fach kein Pro­blem: Das, was man sagen kann, ist kein Pro­blem, weil es sich klar sagen lässt. Und das, was sich nicht sagen lässt, geht uns nichts an, ist also auch kein Pro­blem. So machte er sich, igno­rant gegen­über der Frage, was es mit der Phi­lo­so­phie auf sich hat, daran, in die­sem Fach Klar­heit zu stiften:

„Ein phi­lo­so­phi­sches Pro­blem hat die Form: ‚Ich kenne mich nicht aus‘.“

Und sol­che Pro­bleme wür­den weg­fal­len, wo der gol­de­nen Regel gehorcht würde:

„Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt.“

Sicher, aber was ist damit eigent­lich gesagt? Rein gar nichts! An dem Kri­te­rium lässt sich näm­lich gar nichts unter­schei­den. Schließ­lich haben auch die Phi­lo­so­phen ihre erle­se­nen Pro­bleme aus­ge­spro­chen, die Witt­gen­stein mit sei­ner Regel aus dem Ver­kehr zie­hen will. Witt­gen­stein will diese Pro­bleme nicht kri­ti­sie­ren, son­dern aus­schlie­ßen. Er will eine Vor­schrift fürs Den­ken ange­ben, die das Den­ken davor bewahrt, sich in sol­che Pro­bleme zu ver­wi­ckeln, und hegt damit einen grund­sätz­lich gedan­ken­feind­li­chen Wunsch: Das Den­ken soll einer Regel fol­gen, die von vorn­her­ein aus­schließt, Unsinn zu den­ken. Und mit die­ser Fest­le­gung ist über­haupt das Den­ken ausgeschlossen.

*

Woran man sich da zu hal­ten hat, das wollte er in einem „Trac­ta­tus logico-​philosophicus“ den Phi­lo­so­phen ein­mal auf­schrei­ben. Und zwar geglie­dert mit durch­num­me­rier­ten Sät­zen und von Grund auf.

„1. Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Er hat das genau so gemeint, wie’s dasteht: Mehr als das, was es gibt, gibt es nicht. Und so fängt er das Defi­nie­ren an: „Sach­ver­halte“, die es gibt, nennt er „Tat­sa­chen“ – und an die soll sich das Den­ken hal­ten. „Sach­ver­halte“, die es nicht gibt, hei­ßen bei ihm „nega­tive Tat­sa­chen“ – und über die nach­zu­den­ken, führt nur in den phi­lo­so­phi­schen Urwald. Witt­gen­stein meint, damit so etwas wie eine Unter­schei­dung zwi­schen rich­ti­gen und fal­schen Gedan­ken ange­ge­ben zu haben, gerade so als wür­den sich nicht auch ver­kehrte Gedan­ken auf „Tat­sa­chen“ bezie­hen. Auch die Idee vom lie­ben Gott macht da keine Aus­nahme und ist nicht zu erle­di­gen durch die Frage, ob es den alten Herrn gibt, weil mit die­ser Frage gar nicht dar­auf ein­ge­gan­gen wird, wie sich der Christ mit sei­ner Vor­stel­lung auf die Welt bezieht. – Noch nicht ein­mal wenn Witt­gen­stein notiert:

„2.06 Das Beste­hen und Nicht­be­ste­hen von Sach­ver­hal­ten ist die Wirklichkeit“,

merkt er, dass er sich mit­ten in den Wider­sprü­chen einer phi­lo­so­phi­schen Idee her­um­treibt: Bei ihm gibt es nun schon Sachen, die gibt’s gar nicht! Sowas kommt von dem Bedürf­nis, eine Grenze zie­hen zu wol­len, zwi­schen dem, was zur Welt gehört, und einem Jen­seits, über das sich nicht recht sagen lässt, was da los ist. Witt­gen­stein kre­iert mit sei­ner Grenz­zie­he­rei genau das meta­phy­si­sche Jen­seits, das er aus der Welt schaf­fen will. Und die­ses Jen­seits ist bei ihm noch um eini­ges umfäng­li­cher aus­ge­fal­len. Mit sei­ner Idee, dass nur auf die „Tat­sa­chen“, das Hand­feste, sinn­lich Gege­bene, Ver­lass ist, stellt er gera­dezu die Defi­ni­tion auf, dass alles Den­ken meta­phy­si­scher Schnick­schnack ist. Witt­gen­stein geht von einer abso­lu­ten Tren­nung aus: Das Den­ken und die Wirk­lich­keit sind ver­schie­dene Wel­ten. Das Den­ken hält er für suspekt, weil unwirk­lich. Ihm fällt gar nicht auf, dass er damit umge­kehrt das, was er für ver­läss­lich und hand­greif­lich hält, aus dem Den­ken aus­ge­schlos­sen hat. Statt­des­sen stellt er das denk­feind­li­che Ideal auf, das Den­ken möge über das Hand­greif­li­che nicht hin­aus­ge­hen. Wo das Den­ken anfängt, bei der Frage, was etwas ist, dort soll es auf­hö­ren. Es soll sich an das hal­ten, was ihm unmit­tel­bar gege­ben ist, und damit kürzt sich seine Leis­tung gerade her­aus. – Sein zwei­ter Schla­ger in der Absicht, Klar­heit zu stif­ten, lau­tet daher:

„2.1 Wir machen uns Bil­der der Tatsachen.“

Dar­un­ter fal­len bei ihm Gedan­ken:

„3. Das logi­sche Bild der Tat­sa­chen ist der Gedanke.“

Und Sätze:

„4.01 Der Satz ist ein Bild der Wirk­lich­keit. Der Satz ist ein Modell der Wirk­lich­keit, so wie wir sie uns denken.“

Witt­gen­stein war nicht gut im Unter­schei­den. (Er meinte auch, der Satz sei so etwas wie ein Bild vom Gedan­ken: „3.1. Im Satz drückt sich der Gedanke sinn­lich wahr­nehm­bar aus.“) Es ging ihm immer nur um die Haupt­sa­che: Wenn wir uns getreu­lich an die Tat­sa­chen hal­ten und nur Bil­der von ihnen machen, meint er, dann kann nichts schief­ge­hen beim Den­ken und nichts phi­lo­so­phisch Ver­track­tes dabei her­aus­kom­men. Frei­lich ist schon wie­der seine Vor­stel­lung vom geis­ti­gen Bil­der­ma­chen das phi­lo­so­phisch Ver­trackte. Die Absicht der gewähl­ten Meta­pher vom Bil­der­ma­chen ist unver­kenn­bar: Witt­gen­stein will dem Den­ken alle Selb­stän­dig­keit neh­men. Des­we­gen kommt er auf Bil­der: die sind nur eine abhän­gige Varia­ble vom Ori­gi­nal. Nur „Tat­sa­chen“ will er gel­ten las­sen und erlau­ben. Des­we­gen bestrei­tet er dem Bil­der­ma­chen seine geis­tige Natur und betont:

„2.141 Das Bild ist eine Tatsache.“

Damit gibt es in sei­ner Gedan­ken­welt nur noch Tat­sa­chen. Die Dif­fe­renz von „Bild“ und Ori­gi­nal – letzte Erin­ne­rung daran, dass wir die Wirk­lich­keit nicht als sol­che, son­dern als gedachte im Kopf haben -, soll keine sein. So star­tet Witt­gen­stein den Ver­such das Den­ken als etwas sinn­lich Hand­greif­li­ches auf­zu­fas­sen und meint eben die­sen Irr­sinn an der Spra­che ding­fest machen zu kön­nen: Sätze und Wör­ter, das Gespro­chene und Geschrie­bene redu­ziert er auf ihre sinn­li­che Erschei­nung und streicht damit gerade durch, dass es Zei­chen sind, die etwas bedeu­ten. Bei ihm sind Zei­chen keine Zei­chen mehr, son­dern auch bloß etwas, was es gibt. Einer­seits ver­hält sich damit Zei­chen und Bezeich­ne­tes wie ver­schie­dene Tat­sa­chen, die nichts mit­ein­an­der zu tun haben: Hier die Buch­sta­ben und Laute, die nichts bedeu­ten, dort die rest­li­chen Dinge, die nicht gedacht wer­den sol­len. Ande­rer­seits soll gerade die­ses Ver­hält­nis wie das zwi­schen Bild und Ori­gi­nal gedacht wer­den; nach wie vor soll mit den Zei­chen ohne Bedeu­tung die Welt der Tat­sa­chen bezeich­net und getrof­fen wer­den. Die­sen Wider­spruch hat uns Witt­gen­stein, so klar, wie es ihm nur mög­lich war, aufgeschrieben:

„4.05 Die Wirk­lich­keit wird mit dem Satz verglichen.“

Von wem eigent­lich? Ver­gli­chen soll wer­den, aber gedacht wer­den darf dabei nicht. Ein schwie­ri­ger Gedanke: Ohne zu den­ken einen Ver­gleich anstel­len zwi­schen einem unge­dach­ten etwas und einer nichts­be­deu­ten­den Buch­sta­ben­reihe oder Laut­kette. So schwie­rig ist phi­lo­so­phi­sches Sich-​dumm-​Stellen! Und Witt­gen­stein meint, mit die­ser Vor­stel­lung im Prin­zip alles Phi­lo­so­phi­sche aus­ge­räumt zu haben; dabei hat er alles Den­ken aus­ge­räumt und alles Phi­lo­so­phi­sche ste­hen­ge­las­sen. – Jeden­falls er hat jetzt mit der Wahr­heit kein Pro­blem mehr. Wo der Inhalt des Gedan­kens und die Bedeu­tung von Sät­zen gestri­chen sind, da ist für ihn die Unter­schei­dung von wahr und falsch reine Form­sa­che. Er kon­stru­iert einen Mecha­nis­mus – die berühm­ten „Wahr­heits­ta­feln“ -, aus dem arsch­klar her­vor­geht, dass es ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten gibt, aus einer wah­ren Prä­misse wahre oder fal­sche Sätze zu „fol­gern“. Man kann mit die­sem Mecha­nis­mus auch aus fal­schen Prä­mis­sen „Schlüsse“ zie­hen. Die stim­men dann, wenn man sich an die fest­ge­leg­ten Bah­nen hält, die der Mecha­nis­mus vor­sieht. So gese­hen hängt dann alles nur noch davon ab, ob die Prä­mis­sen stim­men oder nicht. Dar­über sagt der Mecha­nis­mus nichts. Das macht aber auch nichts, denn solange man sich bei Sät­zen nichts denkt – und was soll man sich bei „p“ oder „q“ schon den­ken? -, kann man sie ja auch bewer­ten, wie man will. Die Leis­tung die­ses Mecha­nis­mus ist also unüber­seh­bar: Wenn man wüsste, wel­che Sätze wahr sind, hätte man im Prin­zip alle wah­ren Sätze in der Tasche. Im Kon­di­tio­nal hat Witt­gen­stein damit alles, was man von der Welt wis­sen kann, bei­ein­an­der. In Wirk­lich­keit frei­lich kann er nun end­gül­tig nichts mehr aus­ein­an­der­hal­ten. Das Selbst­ver­ständ­li­che kommt ihm äußerst frag­wür­dig vor:

„6.36311 Dass die Sonne mor­gen auf­ge­hen wird, ist eine Hypo­these; und das heißt: wir wis­sen nicht, ob sie auf­ge­hen wird.“

Und das phi­lo­so­phisch Rät­sel­hafte kommt ihm ziem­lich wirk­lich, aber nicht erfass­bar vor:

„6.522 Es gibt aller­dings Unaus­sprech­li­ches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

Er meint, mit sei­nem „Trac­ta­tus“ alle phi­lo­so­phi­schen Pro­bleme in nichts auf­ge­löst zu haben. Nur kon­se­quent, dass er danach das Phi­lo­so­phie­ren gelas­sen hat und Volks­schul­leh­rer gewor­den ist.

*

Jahre spä­ter haben ihn „Freunde“ (Ram­sey etc.) jedoch wie­der zum Phi­lo­so­phie­ren ani­miert. Und Witt­gen­stein ist sei­nem Anspruch treu geblie­ben, dass man nur sol­che Worte gebrau­chen dürfe, die Rea­les bezeichnen:

„Man sagt: Es kommt nicht aufs Wort an, son­dern auf seine Bedeu­tung; und denkt dabei an die Bedeu­tung, wie an eine Sache von der Art des Worts, wenn auch vom Wort ver­schie­den. Hier ist das Wort, hier die Bedeu­tung. Das Geld und die Kuh, die man dafür kau­fen kann.“

Hatte er in sei­nem „Trac­ta­tus“ noch gedacht, dass in die­ser unmit­tel­ba­ren Bezie­hung des Worts auf ein Trumm in der Welt der Unter­schied zwi­schen „sinn­vol­len“ Sät­zen und dem „sinn­lo­sen“ Trei­ben der Phi­lo­so­phen liegt, so fällt ihm nun auf, dass die Spra­che über­haupt und gene­rell nicht sei­ner Vor­stel­lung von ihr genügt. Ihm fällt aber gar nicht ein, des­we­gen den Anspruch auf­zu­ge­ben, die Wort­be­deu­tung müsse eine ein­zelne Sache sein, die man anglot­zen kann:

„Beachte z.B. ein­mal die Vor­gänge, die wir ‚Spiele‘ nen­nen. Ich meine Brett­spiele, Kar­ten­spiele, Ball­spiele, Kampf­spiele, usw. Was ist allen die­sen gemein­sam? – Sag nicht: ‚Es muss ihnen etwas gemein­sam sein, sonst hie­ßen sie nicht ‚Spiele‘ ‘ – son­dern schau, ob ihnen allen etwas gemein­sam ist. … Wie gesagt: denk nicht, son­dern schau! – Schau z.B. die Brett­spiele an, mit ihren man­nig­fa­chen Ver­wandt­schaf­ten. Nun geh zu den Kar­ten­spie­len über: hier fin­dest du viele Ent­spre­chun­gen mit jener ers­ten Klasse, aber viele gemein­same Züge ver­schwin­den, andere tre­ten auf. Wenn wir nun zu den Ball­spie­len über­ge­hen, so bleibt man­ches Gemein­same erhal­ten, aber vie­les geht verloren …“

Witt­gen­stein weiß auf seine gewohnt begriffs­lose Weise, dass die Bedeu­tung eines Wor­tes etwas All­ge­mei­nes ist; des­we­gen macht er sich ja auf die Suche nach Gemein­sam­kei­ten. Die­ses All­ge­meine ist keine ein­zelne Sache; neben den ver­schie­de­nen Spie­len gibt es nicht auch noch das Gemein­same der­sel­ben, das Spiel, als einen getrenn­ten, für sich exis­tie­ren­den Gegen­stand. Das Gemein­same her­aus­zu­fin­den ist eine Den­kleis­tung und deren Resul­tat ein Gedanke, eine all­ge­meine Vor­stel­lung, die im Wort eine sinn­li­che Bezeich­nung erhält. Witt­gen­stein ver­langt, das Gemein­same her­aus­zu­fin­den, aber den­ken soll man dabei nicht dür­fen! Anschauen soll man es, aber das geht ja nicht! Witt­gen­stein fällt wie­der mal sein Wider­spruch nicht auf: Er plap­pert von lau­ter „Ver­wandt­schaf­ten“, „Ent­spre­chun­gen“ und „gemein­sa­men Zügen“ daher, die auch er nicht durch Anschauen gefun­den haben kann, um noch im sel­ben Satz zu bestrei­ten, dass das Gemein­same, das das Wort bezeich­net, zu haben ist. Witt­gen­stein hat damit sei­nen Maß­stab ange­ge­ben, mit dem er für Klar­heit im Den­ken sor­gen wollte: Real ist für ihn nur, was man anschauen kann. Alles, was dem Den­ken ange­hört, bereits die ele­men­tarste Geis­tes­leis­tung, an ver­schie­de­nen Gegen­stän­den Gemein­sam­kei­ten zu ent­de­cken und im Wort fest­zu­hal­ten, gerät ihm an die­sem Maß­stab gemes­sen zum meta­phy­si­schen Lug und Trug.

*

Über die­ses geist­feind­li­che Dogma ist Witt­gen­stein ver­rückt gewor­den. Er hat näm­lich ver­sucht, die­ses Dogma in sei­nem Den­ken durch­zu­füh­ren. Die „Phi­lo­so­phi­schen Unter­su­chun­gen“ zeu­gen von der Zer­rüt­tung des Ver­stan­des, zu der fort­ge­setz­tes Phi­lo­so­phie­ren ohne Sicher­heits­gurt füh­ren muss. Schon im Vor­wort zu die­sem Buch beklagt sich Witt­gen­stein dar­über, dass er bei allem, wor­über er nach­denkt, vom Hun­derts­ten ins Tau­sendste kommt:

„Nach man­chen miss­glück­ten Ver­su­chen, meine Ergeb­nisse zu einem Gan­zen zusam­men­zu­schwei­ßen, sah ich ein, dass mir dies nie gelin­gen würde. Dass das Beste, was ich schrei­ben konnte, immer nur phi­lo­so­phi­sche Bemer­kun­gen blei­ben wür­den; dass meine Gedan­ken bald erlahm­ten, wenn ich ver­suchte, sie, gegen ihre natür­li­che Nei­gung, in einer Rich­tung wei­ter­zu­zwin­gen. … Ich hätte gerne ein gutes Buch her­vor­ge­bracht. Es ist nicht so ausgefallen.“

Was war aus dem der­einst so kla­ren Den­ker gewor­den! Er spricht von einer „Ver­he­x­ung des Ver­stan­des durch die Spra­che“. Sein Pro­blem ist nun auch für ihn um ein gutes Stück grund­sätz­li­cher gera­ten. Er blickt nun nicht mehr bloß durch die Phi­lo­so­phie nicht durch, son­dern hält über­haupt das Bil­den von Sät­zen und Ver­ste­hen von Wor­ten für ein Pro­blem. So weit ist es mit ihm gekom­men, die ein­fachs­ten Funk­tio­nen des Ver­stan­des, jedes Kind beherrscht sie, wol­len nicht mehr klap­pen. Was bedeu­tet das alles, fragt er sich, und zieht die Kon­se­quenz: Er ent­wi­ckelt die Methode des „Sprach­spiels“, und die geht so: Er geht hart­nä­ckig davon aus, dass man nicht weiß, was ein Wort bedeu­tet. Um die Bedeu­tung her­aus­zu­fin­den, denkt er sich Situa­tio­nen aus, in denen sich die Betei­lig­ten daran abmü­hen, im Gebrauch von Wör­tern und Sät­zen her­aus­zu­krie­gen, was sie mei­nen. Das gelingt frei­lich meist nicht, denn dazu müsste man ja wis­sen, was die Worte bedeu­ten. Das aber ver­rät wie­derum erst ihr Gebrauch:

„Die Bedeu­tung eines Wor­tes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Witt­gen­steins Ver­wir­rung ist nun voll­kom­men. Er bringt Sätze zu Papier – und kaum ste­hen sie da, weiß er nicht, was er mit ihnen anfan­gen soll. Er macht Bei­spiele und – auch das ist nicht mehr ganz die logisch kor­rekte Rei­hen­folge – stets ist sein Pro­blem, her­aus­zu­fin­den, wofür sie ste­hen sol­len. Er macht Situa­tio­nen vor­stel­lig, in denen sol­che wie er sich ein „Kan­nit­vers­tan“ mit­tei­len. Und jedes Mal erläu­tert er uns in deut­scher Spra­che und für jeder­mann ver­ständ­lich, warum die sich nicht ver­ste­hen können:

„Denke, jemand zeige mit dem Gesichts­aus­druck des Schmer­zes auf seine Wange und sagte dabei ‚Abra­ka­da­bra‘! – Wir fra­gen ‚Was meinst Du?‘ Und er ant­wor­tet ‚Ich meine damit Zahn­schmer­zen.‘ – Du denkst sofort: Wie kann man denn mit die­sem Wort ‚Zahn­schmer­zen mei­nen‘? Oder was hieß es denn: Schmer­zen mit dem Wort mei­nen? Und doch hät­test du, in ande­rem Zusam­men­hang, behaup­tet, dass die geis­tige Tätig­keit, das und das zu mei­nen, gerade das Wich­tigste beim Gebrauch der Spra­che sei.“

Sowas hat Witt­gen­stein ganz fer­tig gemacht. Sein gan­zes Schrift­tum ist ihm zu einem gigan­ti­schen Zettel-​Kasten gera­ten. Da gibt’s ein „blaues Buch“, ein „brau­nes Buch“, – eins heißt nur mehr „Zet­tel“. Und von denen sind bis­lang erst 5000 ver­öf­fent­licht. 30000 sind noch im Archiv. Arbeits­plätze für Aka­de­mi­ker hat er also auch noch geschaffen.

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Der Mann, von dem hier die Rede war, ist „der meist­zi­tierte Phi­lo­soph des 20. Jahrhunderts“.