Der Mensch in der Politologie

Ein gewal­ti­ger Chaot mit dem Wil­len, sich einer Staats­ge­walt unterzuordnen

Quelle: www​.sozia​lis​ti​sche​gruppe​.de

Die Welt ist vol­ler Men­schen. Du bist einer, ich schon wie­der, sogar der Bun­des­kanz­ler. Aber worum han­delt es sich da bei uns? Wer ist der Mensch in uns allen? Das sind so Fra­gen. Die rufen nach Auf­klä­rung, und die Wis­sen­schaft hält, was sie ver­spricht: Den Men­schen kennt sie ganz genau, und zwar je nach Fach anders. Diesmal:

Der Mensch in der Politologie:

Ein gewal­ti­ger Chaot mit dem Wil­len, sich einer Staats­ge­walt unterzuordnen

Poli­to­lo­gen gehen von der Vor­stel­lung aus, dass Men­schen ohne Unter­ord­nung unter eine Recht set­zende höchste Gewalt bei der Ver­fol­gung ihrer Anlie­gen – sei es der Kauf eines Autos, der Bau eines Eigen­heims oder der Besuch eines Kon­zerts – lau­fend anein­an­der gera­ten wür­den; dass ohne Staat bald ein „Krieg aller gegen alle“ aus­bre­chen und ohne Recht und Gesetz ein Chaos ein­rei­ßen würde, in dem nie­mand mehr zum Zug käme, so dass bewie­sen wäre: Wo Inter­es­sen sich unein­ge­schränkt betä­ti­gen kön­nen, da kom­men sie nicht zur Gel­tung, weil sie sich wech­sel­sei­tig behin­dern. Diese Para­do­xie han­deln Poli­to­lo­gen wie einen Erfah­rungs­satz: Dass dort, wo sich Inter­es­sen gel­tend machen, immer und über­all Inter­es­sens­ge­gen­sätze auf­tre­ten, wol­len sie durch einen Blick in die Welt, die es gibt, erfah­ren haben. In der blü­hen in der Tat die schöns­ten Gegen­sätze. Zwi­schen Mie­ter und Ver­mie­ter, Ehe­mann und Ehe­frau, Lohn­ar­bei­ter und Unter­neh­mer, Gläu­bi­ger und Schuld­ner usf. – aller­dings kein ein­zi­ger „ohne Staat“. Das Mate­rial der poli­to­lo­gi­schen Vor­stel­lung ist eine Welt, in der alles unter staat­li­cher Auf­sicht steht; in der es der dem Staat unter­stell­ten Mann­schaft zur Lebens­auf­gabe gemacht wird, sich an den von ihm gesetz­ten Bedin­gun­gen zu bewäh­ren; in der vom Eigen­tum bis zur Fami­lie alle Inter­es­sen recht­lich defi­niert sind; und in der des­we­gen Inter­es­sens­kol­li­sio­nen alle­mal die Form haben, dass sich berech­tigte Inter­es­sen wech­sel­sei­tig um ihre Zurück­wei­sung bemü­hen. Aus­ge­rech­net in die­ser Welt wol­len Poli­to­lo­gen ent­deckt haben, wie sich der Mensch ohne Staat benimmt. Den Grund der aus der staat­li­chen Wirk­lich­keit her­bei­zi­tier­ten Gegen­sätze ver­le­gen sie damit außer­halb die­ser Wirk­lich­keit, in den Men­schen. Der Mensch, so getrennt von sei­ner staat­li­chen Wirk­lich­keit gedacht, ist einer­seits nicht von die­ser Welt. Ein Geis­ter­sub­jekt. Ande­rer­seits und im Wider­spruch dazu soll die­ses Geis­ter­sub­jekt Grund all der Rechts­kol­li­sio­nen sein, die dem Poli­to­lo­gen aus der staat­li­chen Wirk­lich­keit bekannt sind, und so bekommt der Mensch von sei­nem poli­to­lo­gi­schen Schöp­fer eine Eigen­art zuge­spro­chen, die erken­nen lässt, dass das vor­staat­li­che zoon poli­ti­kon vom Stand­punkt der Ein­hal­tung der Staats­ord­nung her defi­niert ist: Ohne Staat würde der Mensch gegen all das ver­sto­ßen, was der Staat gebie­tet. Ohne Staat gäbe es aller­dings die Gebote gar nicht! Poli­to­lo­gen brau­chen nur ihre staats­bür­ger­li­che Phan­ta­sie anzu­wer­fen, um sich die­sen Wider­spruch aus­zu­ma­len: Der Mensch in der Poli­to­lo­gie ist der wild gewor­dene Staats­bür­ger, der Feind jeder Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung, die Kon­kur­renz­sau, die sich über alle staat­lich gesetz­ten Gebote der Kon­kur­renz hin­weg­setzt, kurz: der per­ma­nente Stör­fall jeder staat­li­chen Ord­nung, aus Prinzip.

Von die­sem Bild des Men­schen aus leuch­tet es den Poli­to­lo­gen schwer ein, dass diese Krea­tur gebän­digt gehört. Die Not­wen­dig­keit der Staats­ge­walt lei­ten sie ab aus dem in die Men­schen­na­tur ver­leg­ten Bedürf­nis, gegen Gesetze zu ver­sto­ßen. Was ihnen da ein­leuch­tet, ist ihr eige­ner Staats­fa­na­tis­mus, der ihnen ein gel­tend gemach­tes Inter­esse gar nicht anders in den Blick gera­ten lässt als unter dem quasi juris­ti­schen Ver­fol­gungs­ge­sichts­punkt der Regel­ver­let­zung. Was sie als Ablei­tung des Staa­tes aus der Men­schen­na­tur anbie­ten, ist ihr Stand­punkt: Den Staat muss es geben, damit seine Ord­nung gilt. Und von die­sem Stand­punkt aus bas­teln sie wei­ter an ihrem Men­schen­bild. Das hat näm­lich für sie noch einen ent­schei­den­den Haken: Mit dem vor­ge­stell­ten gewalt­tä­ti­gen Chao­ten lässt sich kein Staat machen; er eig­net sich denk­bar schlecht dafür, Gehor­sam zu üben. Ihnen fällt sel­ber auf, dass die von ihnen behaup­tete Not­wen­dig­keit des Staa­tes nur mora­li­scher Natur war, dass sie dem Inhalt nach seine Unmög­lich­keit begrün­det haben und machen von da aus den logisch bedenk­li­chen Über­gang, am Men­schen nach einer Mög­lich­keit des Staa­tes zu suchen. Mit dem Mut zum Risiko dich­ten sie, kaum haben sie den Wolf im Men­schen ent­deckt, aus­ge­rech­net die­ser Bes­tie das Bedürf­nis nach einer Herr­schaft an, die sie in den Griff kriegt, und las­sen ihren Men­schen einen „Gesell­schafts­ver­trag“ unter­schrei­ben, mit dem er frei­wil­lig seine Unter­wer­fung unter die Macht des Staa­tes besie­gelt. Nun darf man sich den Men­schen zur Abwechs­lung als einen vor­stel­len, der die poli­to­lo­gi­sche Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit des Staa­tes teilt. Ihm leuch­tet der Wider­spruch ein, dass sich sein Inter­esse nur gel­tend machen lässt, wenn es in Schran­ken gewie­sen wird, und er ist des­we­gen sel­ber für seine Beschrän­kung. Nur: Gerade das lässt die Gewalt des Staa­tes eini­ger­ma­ßen über­flüs­sig erschei­nen, deren Not­wen­dig­keit die Poli­to­lo­gen begrün­den wol­len; den Weg zum eige­nen Erfolg muss man nicht auf­ge­zwun­gen bekom­men. Also muss man sich doch wie­der an den bösen Wolf zurück­er­in­nern. – Poli­to­lo­gen behaup­ten, dass der Staat dem Men­schen ent­spricht. Dass der es gut getrof­fen hat mit einer staat­li­chen Herr­schaft über sich, die sei­nen Gehor­sam gebie­tet, begrün­den sie nicht mit irgend­wel­chen segens­rei­chen Eigen­schaf­ten der Staats­macht. Sie kon­stru­ie­ren sich umge­kehrt den Men­schen, der dem Staat ent­spricht. Dabei sind sie sehr kon­se­quent. Her­aus kommt ein Idiot, dem jede Beschrän­kung als seine Frei­heit ein­leuch­tet. Das spricht nicht für den Staat.