Sozio­lo­gie

Max Weber, Wirt­schaft und Gesellschaft

Quelle: MSZ 6 – 1980

Sozio­lo­gie

Max Weber, Wirt­schaft und Gesellschaft

Max Weber ist ein Grün­dungs­va­ter und toter Hund der Sozio­lo­gie. Mit Aus­zü­gen aus sei­nen „Sozio­lo­gi­schen Grund­be­grif­fen“ und sei­ner Herr­schafts­ty­po­lo­gie, Sprü­chen zum Wert­ur­teils­streit oder zur Methode „ide­al­ty­pi­scher“ Kon­struk­tio­nen kommt er zwar noch gele­gent­lich im Stu­dium vor, wird ansons­ten – Iro­nie des Schick­sals! – aber als recht einseiti­ger „Ansatz“ läs­sig weg­ge­steckt. Die Begrün­dung der sozio­lo­gi­schen Sicht­weise, daß die Gesell­schaft ein Sys­tem ist, aus einer Inter­pre­ta­tion der Hand­lun­gen des bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums mag sich ein moder­ner Sozio­loge näm­lich nicht mehr bie­ten las­sen, weil er das für „indi­vi­dua­lis­tisch“ hält. Wo die Gesell­schaft doch ein Sys­tem ist! Des­glei­chen ist sich die Sozio­lo­gie der Gegen­wart ziem­lich sicher, die Sozi­al­wis­sen­schaft über­haupt zu sein; wes­halb ihr die zweite Grün­der­leis­tung Max Webers, sein an den Gegen­stän­den ande­rer Wis­sen­schaf­ten (Wirt­schaft, Recht, Staat) geführ­ter Nach­weis, daß diese sich auch sozio­lo­gisch inter­pre­tie­ren las­sen, schon gleich für unsozio­lo­gisch gilt. Und mit Recht: Denn die Kennt­nis­nahme der Rea­li­tät, die für Weber zur Ab– und Durch­set­zung der Beson­der­heit sei­ner Betrach­tungs­weise noch not­wen­dig war, ist mit dem eigent­li­chen Anlie­gen die­ser Dis­zi­plin wirk­lich nicht zu ver­wech­seln. Im Gegen­satz zu ihrem Mit­be­grün­der spinnt sie daher heut­zu­tage nur noch auf ihrer eige­nen Basis herum und wehrt sich gegen die Beschrän­kung, bei der Erwei­te­rung ihrer Weltan­schau­ung dar­auf Rück­sicht neh­men zu sol­len, daß sie auch eine Weltanschau­ung bleibt.

Eben­des­halb hat eine Beschäf­ti­gung mit Webers Haupt­werk „Wirt­schaft und Gesell­schaft“ gegen­über der Lek­türe neue­rer Idio­ten­kom­pen­dien den Vor­zug, daß dort die Über­gänge, mit­tels derer sich diese Wis­sen­schaft die ihr eige­nen Betrach­tun­gen erar­bei­tet, immer­hin aus­ge­spro­chen wer­den, wäh­rend man sie hier nur­mehr unter­stellt. Das Buch ist also wenigs­tens les­bar. Ande­rer­seits ist nicht zu ver­ken­nen, daß die Dege­ne­ra­tion der Theo­rie zu solch haar­sträu­ben­der Dumm­heit, daß ihre Ver­tre­ter mitt­ler­weile bereits zur Kon­struk­tion von Sät­zen fähig sind, bei denen sich mühe­los (und ohne daß sich der Sinn ver­än­dern würde) Sub­jekt, Prä­di­kat und Objekt aus­tau­schen las­sen, ihren Aus­gangs­punkt durch­aus bei Weber genom­men hat. Obwohl wirk­li­che Sach­ver­halte auf­ge­grif­fen wer­den, um sie erst in „sozio­lo­gi­sche Tat­be­stände“ zu ver­wan­deln, schlägt sich doch die Gleichgültig­keit der behan­del­ten Inhalte für die Wis­sen­schaft so nie­der, daß alle Wesent­li­che in den Defi­ni­ti­ons­leis­tun­gen der „Grund­be­griffe“ schon gesagt wird und der weit­aus umfäng­li­chere mate­riale Teil zu einer Samm­lung von Anwen­dungs­bei­spie­len für das ver­kommt, was auch unab­hän­gig von ihm längst zur Sache fest­ge­stellt wurde. Die­ses Ungleich­ge­wicht wird im fol­gen­den erklärt und berücksichtigt.

I. Sozio­lo­gi­sche Definitionenlehre

Ein Grund­merk­mal der Sozio­lo­gie Max Webers ist damit schon ange­spro­chen: Vom ers­ten Satz an trägt sie sich als eine Wis­sen­schaft vor, die nicht die Eigen­schaf­ten eines vor­ge­fun­de­nen Gegen­stands ana­ly­siert, um dar­aus auf sei­nen Begriff zu schlie­ßen, son­dern stets nur defi­niert, was man unter dem zu ver­ste­hen hat, von dem gerade die Rede ist. Und das ist eini­ger­ma­ßen selt­sam, erweckt es doch gera­dezu den Ein­druck, dem Leser müßte Unbekann­tes erst bekanntgemacht wer­den – darin erschöpft sich für gewöhn­lich der Nut­zen von Defi­ni­tio­nen, die einen Gegen­stand ja weder erklä­ren kön­nen noch wol­len. Gerade dar­auf scheint Weber es aber auch abge­se­hen zu haben, wenn er sich das „soziale Han­deln“ vor­nimmt, das nach den ver­schie­dens­ten Grün­den und Zwe­cken sowohl der vor­wis­sen­schaft­li­chen Anschau­ung nicht unver­traut, als auch bereits ander­wär­tig Objekt wis­sen­schaft­li­cher Bemü­hun­gen gewor­den ist. Offen­sicht­lich bezwei­felt er die dabei gege­be­nen Bestim­mun­gen – will sie aber nicht wider­le­gen, son­dern nimmt seine Zwei­fel zum Anlaß, jen­seits aller kon­kre­ten Inhalte eine grund­le­gend andere Betrach­tungsweise der­sel­ben zu proklamieren:

„Paragr. 1. Sozio­lo­gie… soll hei­ßen: eine Wis­sen­schaft, wel­che sozia­les Han­deln deu­tend ver­ste­hen und dadurch (!) in sei­nem Ablauf und sei­nen Wir­kun­gen ursäch­lich erklä­ren will.“ (WG I,3)

Wie man sich eine Kau­sa­ler­klä­rung auf dem Deu­tungs­wege vor­stel­len darf – die Ursa­che einer Wir­kung ist doch keine Frage des Ver­ständ­nis­ses? -, bleibe vor­läu­fig das Geheim­nis des Theo­re­ti­kers. Wir hal­ten nur fest, daß hier die Defi­ni­tionsbe­dürf­tig­keit zum für die Sozio­lo­gie kon­sti­tu­ti­ven Merk­mal ihres mit ande­ren Wis­sen­schaf­ten gemein­sa­men Gegen­stands defi­niert, der Zwei­fel in den Rang einer Begriffs­be­stim­mung erho­ben und das „soziale Han­deln“ ohne jeden Grund als sich selbst unbe­kann­tes Dun­kel aus­ge­ge­ben wird, in das erst die sozio­lo­gi­sche Deu­tung Licht brin­gen kann. Die berech­tigte Frage, woher diese Beleuch­tung dann eigent­lich ihre Ener­gie bezieht, wird von Weber mit dem gera­den Gegen­teil sei­ner Unter­stel­lung beant­wor­tet. Obwohl das soziale Han­deln ein ein­zi­ges Ver­ständ­nis­pro­blem dar­stel­len soll, kennt e r sogar die diver­ses­ten Unter­schei­dun­gen und trägt sie – wie­der defi­ni­to­risch – vor:

„‚Han­deln‘ soll dabei ein mensch­li­ches Ver­hal­ten (einer­lei ob äuße­res oder inner­li­ches Tun, Unter­las­sen oder Dul­den) hei­ßen, wenn und inso­fern als der oder die Han­deln­den mit ihm einen sub­jek­ti­ven Sinn verbn­den. ‚Sozia­les‘ Han­deln aber soll en sol­ches Han­deln hei­ßen, wel­ches sei­nem von dem oder den Han­deln­den gemein­ten Sinn nach auf das Ver­hal­ten ande­rer bezo­gen wird und daran in sei­nem Ablauf ori­en­tiert ist.“ (ebd.)

Die Struk­tur die­ses Argu­ments ist zu inter­es­sant, als daß wir uns nicht – vor aller Kennt­nis­nahme der „metho­di­schen Grund­la­gen“, die es (man denke!) volle 12 Sei­ten lang auch noch hat – eine Weile dabei auf­hal­ten sollten.

Defi­ni­ti­ons­lehre 1. Teil: Der Sinn des sozia­len Handelns

Die Frage ist jetzt näm­lich, wovon diese Hand­lungs­de­fi­ni­tion über­haupt han­delt. Vom Han­deln doch wohl nicht so recht. Denn die­ses mag sich vom Den­ken als Rea­li­sie­rung des bewuß­ten Wil­lens unter­schei­den; und soweit man einen über jeweils beson­dere Hand­lun­gen, die sich aus jeweils beson­de­ren Wil­lens­in­hal­ten erge­ben, hin­aus­ge­hen­den all­ge­mei­nen Hand­lungs­be­griff fas­sen will, mag man dies mit der all­ge­mei­nen Bestim­mung des Hand­lungs­in­halts durch das wil­lent­li­che Bewußt­sein des Han­deln­den auch tun. Damit hätte man für die Erklä­rung der Rea­li­tät zwar nicht all­zu­viel gewon­nen, aber immer­hin eine rich­tige Abs­trak­tion erschlos­sen. Die sozio­lo­gi­sche Abs­trak­tion, von der „das Han­deln“ dann wie­der unter­schie­den wird, ist jedoch grund­falsch: „Ein mensch­li­ches Ver­hal­ten“, für das alle wirk­li­chen Unter­schiede (Absicht und Tun, Aus­füh­rung oder Unter­las­sen der Hand­lung) einer­lei sind, gibt es ja gar nicht. Und das weiß selbst ein Max Weber, der die Unter­schei­dun­gen, die er gerade um ihre Exis­tenz gebracht hat, im sel­ben Atem­zug per defi­ni­tio­nem als Leis­tun­gen des Han­delns wie­der ins Leben zurück­ruft. Nur sind sie nach sei­nem gedank­li­chen Höhen­flug nicht mehr ganz das­selbe wie vor­her; nach­dem er näm­lich mit den kon­kre­ten Zwe­cken und Wil­lens­in­hal­ten gleich noch von der wil­lent­li­chen Bestim­mung des Han­delns über­haupt abstra­hiert hat, eröff­net sich ihm sehr logisch ein Ori­en­tie­rungs­pro­blem des „Ver­hal­tens“, das er – weni­ger logisch – dann durch die sub­jek­tive Sinn­ge­bung des „Han­delns“ wie­der schlie­ßen läßt. Jetzt liegt der Grund dafür, daß der oder die Han­deln­den etwas tun, unter­las­sen oder dul­den auf ein­mal nicht mehr darin, was sie wol­len, son­dern in der Mei­nung, die sie damit „ver­bin­den“ – und wor­aus soll die­ser erstaun­li­che Schluß fol­gen? Nun hat Weber natür­lich metho­disch höchst absichts­voll vor­ge­baut und kann des­halb ant­wor­ten: Ich habe ja auch nichts erschlie­ßen, son­dern nur defi­nie­ren wol­len. Wodurch die Sache frei­lich nicht bes­ser, son­dern nur schlim­mer wird; denn die wis­sen­schaft­li­che Sünde, das Cha­rak­te­ris­ti­kum des Han­delns, auf dem alle wei­te­ren Defi­ni­tio­nen bis hin zu einer sozio­lo­gi­schen Staats­a­blei­tung auf­bauen, aus­ge­rech­net aus einem Idea­lis­mus zu dedu­zie­ren dem des grund– und zweck­lo­sen „Sich­ver­hal­tens“ -, mag gerade noch als läß­lich hin­ge­hen; die­sen Idea­lis­mus aber dann auch noch selbst­be­wußt mit der blo­ßen Will­kür zu begrün­den, ist wenigs­tens in der Wis­sen­schaft eine ziem­li­che Tod­sünde. Ein Geheim­nis ist der Stand­punkt, der sich hier die Form einer Theo­rie gibt, dann aber auch nicht mehr – in den aller­ge­wöhn­lichs­ten Vor­stel­lun­gen, die sich ein bür­ger­li­ches Sub­jekt über die Trieb­fe­dern sei­nes Han­delns macht, liegt er schon fer­tig vor und braucht von dem Ent­schluß des Sozio­lo­gen, sich hin­künf­tig alles aus ihnen zu erklä­ren, ja nur abge­holt zu wer­den! Das glau­ben wir gern, daß „die Han­deln­den“ – wenn sie mit ihren Absich­ten ent­we­der kei­nen rech­ten Erfolg haben oder sich gele­gent­lich für gewisse Zumu­tun­gen, die sie ande­ren berei­ten wol­len, eine Legi­ti­ma­tion suchen – immer auf dem Sprung ste­hen, den Zwe­cken ihrer Hand­lun­gen irgend­ei­nen „sub­jek­ti­ven Sinn“ bei­zu­le­gen, damit sie dann einen gehabt hat. Aber ob dar­aus hin­rei­chend folgt, daß man auch in der Wis­sen­schaft die subjektiv-​moralische Inter­pre­ta­tion einer Hand­lung für das eigent­lich Bestim­mende (oder metho­disch: Ver­ständ­li­che) an ihr zu hal­ten hat, wagen wir doch zu bezweifeln.

Wes­halb uns lei­der auch der Fort­gang der Defi­ni­tion, die Abgren­zung des „sozia­len Han­delns“ vom „Han­deln“ über­haupt, nicht ganz ein­leuch­tet: Die Auf­klä­rungs­leis­tung der Sozio­lo­gie, die – nach der Aus­gangs­de­fi­ni­tion – dem sozia­len Han­deln das abhan­den gekom­mene Bewußt­sein sei­ner selbst erset­zen wollte, trägt hier auf erwei­ter­ter Stu­fen­lei­ter zur Ver­dunk­lung der wirk­li­chen Ver­hält­nisse bei. Wenn es näm­lich von einer gehö­ri­gen Affi­ni­tät zum All­tags­ver­stand zeugt, sich das „Sinn­hafte“ einer Hand­lung als ihren letz­ten (metho­disch ori­en­tierte Leser dür­fen immer ergän­zen: ver­ständ­li­chen) Beweg­grund vor­zu­stel­len, so zeugt es umge­kehrt von einer gelin­den Über­trei­bung die­ser Affi­ni­tät, den „Sinn“ sozia­len Han­delns gleich in die „Ori­en­tie­rung am Ver­hal­ten ande­rer“ zu ver­le­gen. Weber hätte es ja auch beim Bezug auf die ande­ren be las­sen kön­nen; warum die Ver­län­ge­rung der Defi­ni­tion bis hin zur Ori­en­tie­rung an den ande­ren? Diese tugend­hafte Logik ist doch voll­ends eine logi­sche Untu­gend – zwi­schen dem Han­deln und sei­ner sozia­len Aus­for­mung steht immer­hin die metho­di­sche Scham­grenze der blo­ßen Mög­lich­keit (der sub­jek­tiv gemeinte Sinn muß sich nicht auf die ande­ren bezie­hen), wäh­rend die Defi­ni­ti­ons­kunst sich beim sozia­len Han­deln zum Sit­ten­rich­ter mau­sert, der seine Prä­di­kate nur unter gewis­sen Auf­la­gen erteilt (um „sozial“ zu sein oder genannt zu wer­den, muß ein Han­deln sich nicht nur auf andere bezie­hen, son­dern sich auch an ihnen orientieren).

Kaum wird es also „sozial“, geht dem Theo­re­ti­ker die eigene Begeis­te­rung für sein Thema durch; er ver­gißt ganz, daß er den „Sinn“ doch an der „Mei­nung“ fest­ma­chen wollte, die jemand mit sei­ner Hand­lung ver­bin­det, und erfin­det sich einen Zweck, den so sicher­lich nie­mand „meint“. Gerade der prak­ti­sche Stand­punkt der „Sinn­ge­bung“ bil­det sich ja etwas auf sich ein und würde sich dage­gen ver­wah­ren, irgend­et­was nur wegen der ande­ren zu tun. Mit der Kate­go­rie des „Sozia­len“ regis­triert Weber also zwar, daß der Sub­jek­ti­vis­mus sei­nes Hand­lungs­be­griffs sich an der Rea­li­tät eini­ger­ma­ßen bla­miert, weil die Ori­en­tie­rung am Ver­hal­ten ande­rer immer­hin die Objek­ti­vi­tät der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, ihre Unab­hän­gig­keit von dei Inter­pre­ta­tio­nen ein­zel­ner aus­spricht; er ver­sucht dies aber den­noch wie­der aus – spe­zi­fi­schen – gemein­ten Sinn aus­zu­drü­cken und wider­spricht damit bei­den Seiten!

Defi­ni­ti­ons­lehre 2. Teil: Der Sinn von Bei­spie­len und Methoden

Daß die drei bis­her behan­del­ten Sätze des ins­ge­samt 1100 Sei­ten umfas­sen­den Werks den eigent­li­chen Kern und die theo­re­ti­sche Crux des Gan­zen aus­ma­chen, war Weber wohl bewußt; und weil sie in Form von Defi­ni­tio­nen – obwohl sie das nicht bezweck­ten – ziem­lich mas­sive Aus­sa­gen über die Gesell­schaft wie die Wis­sen­schaft von ihr ent­hiel­ten, ist der Sozio­loge auf einen an und für sich unpas­sen­den (wenn­gleich der Defi­ni­tion sei­ner Theo­rie ent­spre­chen­den) Ein­fall gekom­men, näm­lich auf die Begrün­dung sei­ner Defi­ni­tio­nen. Unpas­send ist dies, weil es einer­seits den Anspruch der Defi­ni­to­rik in Frage stellt: Max Weber scheint ja immer noch daran zu zwei­feln, ob ihm seine Ent­hül­lun­gen über das „soziale Han­deln“ nun gelun­gen sind und wenigs­tens der Wis­sen­schaft das feh­lende Bewußt­sein der Gesell­schaft ver­paßt wurde. Für Defi­ni­tio­nen ist es ande­rer­seits schon gleich unpas­send: Denn man kann doch nicht zuerst jeden Erklä­rungs­an­spruch pein­lichst ver­mei­den und immer nur „soll hei­ßen, soll hei­ßen“ sagen – und dann im nächs­ten Zug alles mög­li­che erklä­ren, um damit zu bewei­sen, daß man nur defi­nie­ren kann!

a) Zum Zwe­cke die­ser Begrün­dung greift Weber eines­teils auf Bei­spiele zurück, um daran klar­zu­ma­chen, was er eigent­lich meint und was nicht. Diese Bei­spiele sind (wie bei den irrea­len Defi­ni­tio­nen nicht anders zu erwar­ten) wahre Per­len. Noch rela­tiv unschul­dig, da ein­fach der Defi­ni­tion, die sie ver­an­schau­li­chen sol­len, wider­spre­chend, sind die Bemer­kun­gen über die Rea­li­tä­ten „des Handelns“:

„Die Grenze sinn­haf­ten Han­delns gegen ein bloß (wie wir hier sagen wol­len) reak­ti­ves, mit einem sub­jek­ti­ven Sinn nicht ver­bun­de­nes, Sich­ver­hal­ten ist durch­aus flüs­sig.“ (WG I,4)

Soll­ten nicht wenigs­tens die Han­deln­den wis­sen, ob sie mit ihrem Tun einen Sinn ver­bin­den oder nicht ? Wenn hier etwas flüs­sig ist, dann bes­ten­falls das Kri­te­rium „Sinn“, von dem der Sozio­loge – der es doch ein­fach empi­risch auf­neh­men wollte – sich inzwi­schen offen­bar wie­der vor­be­hält, wann er seine Exis­tenz gel­ten las­sen will. Ein paar Sei­ten wei­ter schraubt er die­sen Vor­be­halt zu einem aus­ge­spro­che­nen Dia­lekt­in­ger hoch:

„Das reale Han­deln ver­läuft in der gro­ßen Masse sei­ner Fälle in dump­fer Halb(?)bewußtheit oder (!) Unbe­wußt­heit sei­nes ‚gemein­ten Sinns‘. … Aber das darf nicht hin­dern, daß die Sozio­lo­gie ihre Begriffe durch Klas­si­fi­ka­tion des mög­li­chen ‚gemein­ten Sinns‘ bil­det, also so, als ob das Han­deln tat­säch­lich bewußt sinn­ori­en­tiert ver­liefe.“ (WG I,15)

Las­sen wir das Als und Ob der Sozio­lo­gie, die von ihr stets behaup­tete Haß­liebe zwi­schen Begriff und Rea­li­tät, zunächst bei­seite. Dann bleibt aber immer noch das Mys­te­rium ste­hen, daß die Sozio­lo­gie sich auch dann – und offen­bar gerade dann – an der sub­jek­ti­ven Auf­fas­sung einer Hand­lung ori­en­tiert, wenn es diese Auf­fas­sung als sub­jek­tive, d.h. im Bewußt­sein der Betrof­fe­nen, gar nicht gibt. Was um Got­tes Wil­len ist dann das „Gemeinte“ an die­sem „Sinn“? Kommt hier im Grunde nicht her­aus, daß die Sinn­ge­bung, a n der sich die Wis­sen­schaft angeb­lich bemes­sen soll, ihr eige­nes Werk ist? Es kommt her­aus; und noch schö­ner bei den bei­spiel­haf­ten Abgren­zungs­ver­su­chen des „sozia­len Han­delns“, wo die Pedan­te­rie ins Köst­li­che umschlägt:

„Ein Zusam­men­prall zweier Rad­fah­rer z.B. ist ein blo­ßes Ereig­nis (?) wie ein Natur­ge­sche­hen (?). Wohl aber wären ihr Ver­such, dem ande­ren aus­zu­wei­chen, und die auf den Zusam­men­prall fol­gende Schimp­fe­rei, Prü­ge­lei oder fried­li­che Erör­te­rung ‚sozia­les Han­deln‘.“ (WG I,16)

Da mußte doch schon längst ein­mal unter­schie­den wer­den, sonst wüß­ten die Rad­fah­rer bis heute nicht, ob sie ein­fach „bloß“ zusam­men­rum­peln oder ob die­ses hoch­in­ter­es­sante Ereig­nis auch eine „soziale“ Kom­po­nente hat! Abge­se­hen von die­sem nicht uner­heb­li­chen Hin­weis auf den tief­ge­hen­den Blick (und den ent­spre­chen­den Ertrag) sozio­lo­gi­scher Deu­tungs­leis­tun­gen muß frei­lich der Auf­fas­sung wider­spro­chen wer­den, das Bei­spiel passe zur Defi­ni­tion. Immer­hin „ori­en­tiert“ sich ein Rad­fah­rer beim Zank mit sei­nem natur­haft mit ihm zusam­men­pral­len­den Kol­le­gen erst ein­mal in kei­ner Weise anders an ihm, als er sich an Hand­werks­zeug und Dau­men „ori­en­tiert“, wenn er sich auf letz­te­ren mit dem Ham­mer schlägt. Er schimpft halt oder auch nicht. Daß er gegen­über ande­ren in spe­zi­el­ler Weise rea­giert, die Schuld­frage auf­wirft oder dergl., mag zwar sein, hat aber mit dem „Ver­hält­nis zu ande­ren“ an und für sich nichts zu tun, son­dern erklärt sich aus der bestimm­ten Mora­li­tät, die bür­ger­li­che Sub­jekte im Umgang mit­ein­an­der pfle­gen. Davon ist wie­derum in der Defi­ni­tion nicht die Rede.

Zu guter Letzt die Krone der Bei­spiele und ihres Erkenntnisbeitrags:

Wenn auf der Straße eine Menge Men­schen beim Beginn eines Regens gleich­zei­tig den Regen­schirm auf­span­nen, so ist (nor­ma­ler­weise)“ – das Ver­hal­ten von Sozio­lo­gen, die das Auf­span­nen ihrer Schirme mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren, um ihre Theo­rien zu bele­gen, wird aus­drück­lich aus­ge­spart! – „das Han­deln des einen nicht an dem des ande­ren ori­en­tiert, son­dern das Han­deln aller gleich­ar­tig an dem Bedürf­nis nach Schutz gegen die Nässe.“ (ebd.)

Man kann Weber – so befremd­lich die fein­sin­nige Unter­schei­dung der Sozio­lo­gie von einer Regen­schirm­wis­sen­schaft auch wir­ken mag – hier immer­hin zugute hal­ten: Im Gegen­satz zur Sozio­lo­gie unse­rer Tage scheint ihm das ange­führte Phä­no­men einer wei­te­ren theo­re­ti­schen Erör­te­rung nicht bedürf­tig; inso­weit bleibt seine subjektiv-​idealistische Kri­tik fal­schen Bewußt­seins wenigs­tens in gewis­sen Gren­zen realitätsorientiert.

b) Wenn also die Bei­spiele eben­so­we­nig wie die ihnen zugrun­de­ge­leg­ten Defi­ni­tio­nen so recht zur Her­vor­he­bung der Not­wen­dig­keit sozio­lo­gi­scher Bemü­hun­gen tau­gen, steht der Beweis an, daß diese neue Wis­sen­schaft – ist schon ihr Zweck und Wis­sens­fort­schritt posi­tiv schwer fest­zu­ma­chen – sich zumin­dest nega­tiv aus gewis­sen Gren­zen der Erkennt­nis legi­ti­miert, die ihrer­seits nach sozio­lo­gi­scher Über­win­dung stre­ben. Die metho­di­sche Betrach­tungs­weise der Sozio­lo­gie ver­dop­pelt sich jetzt bei Weber: Hatte er zunächst sei­nen Gegen­stand metho­disch bestimmt (näm­lich was a n ihm er wie betrach­ten wolle), so lie­fert er jetzt dafür sogar noch „metho­di­sche Grund­la­gen“. Deren Zir­ku­la­ri­tät steht frei­lich von vor­ne­her­ein fest; denn das Kunst­stück, die eigene defi­ni­to­ri­sche Will­kür durch Refle­xio­nen teils auf die außer­halb die­ser Defi­ni­tio­nen ste­hende Rea­li­tät, teils auf die sich aus die­ser her­lei­ten­den Kri­te­rien der Theo­rie­bil­dung objek­tiv zu machen, dürfte schon rein logisch eine ziem­li­che Unmög­lich­keit sein. Es fängt daher gleich gut an: Wurde per defi­ni­tio­nem der „sub­jek­tiv gemeinte Sinn“ als das der Theo­rie am sozia­len Han­deln Ver­ständ­li­che behaup­tet, so wird nun umge­kehrt durch die der Sozio­lo­gie mög­li­chen Ver­ste­hens­leis­tun­gen fest­ge­legt, was denn wohl als sol­cher „Sinn“ zu ver­ste­hen sei.

Als 1. ver­rich­tet die Tau­to­lo­gie der „Evi­denz“ ihren Bei­trag. Evi­dent ist näm­lich das, was man ver­steht, also Resul­tat des Ver­ste­hens; Weber kennt sie aber zugleich als Grund und Unter­schei­dungs­merk­mal des Ver­ste­hens und ent­deckt sie als Eigen­schaft, die gewis­sen Hand­lun­gen a priori mehr oder weni­ger zukommt. Da gibt es Ein­deu­ti­ges und weni­ger Eindeutiges:

„Wir ver­ste­hen ganz ein­deu­tig, was es sinn­haft bedeu­tet“ (näm­lich?) „wenn jemand den Satz 2 x 2=„4…“ den­kend oder argu­men­tie­rend ver­wer­tet… Ebenso, wenn er aus uns als ‚bekannt‘ gel­ten­den (?) ‚Erfah­rungs­tat­sa­chen‘ und aus gege­be­nen Zwe­cken die für die Art der anzu­wen­den­den ‚Mit­tel‘ sich (nach unse­ren Erfah­run­gen) ein­deu­tig erge­ben­den Kon­se­quen­zen zieht.“ (WG I,4)

Sehr scharf­sin­nig! Immer, wenn es nichts zu ver­ste­hen gibt, ver­ste­hen wir ganz ein­deu­tig, was gemeint ist; die kleine Schum­me­lei, Mul­ti­pli­ka­tio­nen und das, „was es sinn­haft bedeu­tet“, wenn einer sie „den­kend oder argu­men­tie­rend ver­wer­tet“, zu tren­nen, um das Rech­nen und seine Hand­lungs­qua­li­tät dann doch wie­der für (wenn auch nur im Ver­ständ­nis) iden­tisch zu erklä­ren, sei hier ver­zie­hen. Bei ande­ren Hand­lun­gen wird aus die­sem Schum­meln aller­dings der Grund für wei­te­res, was uns weni­ger ver­zeih­lich erscheint:

Hin­ge­gen man­che letz­ten (?) ‚Zwe­cke‘ und ‚Werte‘, an denen das Han­deln eines Men­schen erfah­rungs­ge­mäß ori­en­tiert sein kann, ver­mö­gen wir sehr oft nicht voll evi­dent zu ver­ste­hen… Je nach Lage des Fal­les müs­sen wir dann uns begnü­gen, sie nur intel­lek­tu­ell zu deu­ten, oder unter Umstän­den, wenn auch das miß­lingt, gera­dezu: als Gege­ben­heit ein­fach hin­zu­neh­men, und aus ihren soweit als mög­lich intel­lek­tu­ell gedeu­te­ten oder soweit als mög­lich ein­füh­lend annä­he­rungs­weise nach­er­leb­ten Richt­punk­ten den Ablauf des durch sie moti­vier­ten Han­delns uns ver­ständ­lich machen. Dahin gebö­ren z.B.… extrem ratio­na­lis­ti­sche Fana­tis­men (‚Men­schen­rechte‘) für den, der diese Richt­punkte sei­ner­seits radi­kal per­hor­res­ziert.“ (WG I,4/5)

In die­sen Fäl­len geht dem Sozio­lo­gen die „Ein­deu­tig­keit“ ver­lo­ren – wieso das denn? Von den vor­her genann­ten Bei­spie­len unter­schei­den sie sich sicher dadurch, daß sie sich nicht ein­fach von selbst ver­ste­hen; aber wo soll da der Grund für die (vor­läu­fige) theo­re­ti­sche Kapi­tu­la­tion lie­gen? Die hier ange­spro­che­nen Zwe­cke lie­gen viel­leicht nicht so offen auf der Hand wie beim Rech­nen oder Näge­l­ein­schla­gen, aber des­we­gen sind sie doch noch lange kein Geheim­nis. Eine unbe­fan­gene Ana­lyse von Glau­bens­grund­sät­zen oder mora­li­schen oder staats­bür­ger­li­chen Idea­lis­men wird noch stets sowohl den Zweck zutage för­dern, der hier ver­folgt wird, wie den Grund, aus dem her­aus – sowohl von der Seite des sub­jek­ti­ven Motivs, wie von der sei­ner objek­ti­ven Grund­lage – sol­che Zwe­cke zum Wil­lens­in­halt der Sub­jekte wer­den. Wenn Weber aus­ge­rech­net in dem Bereich, wo sich die ver­folg­ten Zwe­cke wider­strei­ten, ein beson­de­res Erkenntnispro­blem sieht, dann liegt das nur an ihm. Er wie­der­holt also metho­disch sei­nen Stand­punkt der Defi­ni­ti­ons­be­dürf­tig­keit des „Sozia­len“, wider­spricht ganz neben­bei sei­ner Defi­ni­tion – Gegen­sätze zwi­schen den Sub­jek­ten, gleich wel­cher Art, sind immer­hin ein ganz neues Gegen­stands­merk­mal -, und zieht dar­aus einen erstaun­li­chen Schluß: Wo es etwas zu erklä­ren gibt, weil mir die Erfah­rung (oder genauer: Das, was ich dafür halte – siehe die ent­spre­chen­den Anfüh­rungs­zei­chen) dafür nicht aus­reicht, da steht kei­nes­wegs eine Erklä­rung an, son­dern eine Form der Theo­rie­bil­dung, die genau ent­ge­gen­ge­setzt zu dem vor­geht, was ihr Anlaß ist: Diese Methode nennt sich 2. „ide­al­ty­pi­sche Kon­struk­tion“ und besteht darin, die „man­gelnde Ein­deu­tig­keit“ oder Evi­denz gewis­ser sozia­ler Ereig­nisse – und zufäl­lig, anders als bei den Regen­schir­men, sind es dies­mal wel­che, die tat­säch­lich eine Rolle spie­len – durch theo­re­ti­sche Ein­deu­tig­keit zu erset­zen. Dies ist nicht nur ein erneu­ter Zir­kel­schluß, weil zuerst die Gegen­stände der Erkennt­nis auf des­sen angeb­li­che „Erfor­der­nisse“ hin abge­klopft wer­den, um diese Erfor­der­nisse dann wie­der umge­kehrt aus den Gegen­stän­den abzu­lei­ten, das sich hin­ter­her ein­stel­lende Ergeb­nis also schon in der Frage nach der Evi­denz vor­aus­ge­setzt wor­den ist. Es ist vor allem ein Offen­ba­rungs­eid der sozio­lo­gi­schen Theo­rie: Diese Wis­sen­schaft erlaubt sich, noch den Wider­spruch der Rea­li­tät zu ihren Begriffs­bil­dun­gen in einen Bestand­teil ihrer Kate­go­rien zu übersetzen!

„Für die typenbildende wis­sen­schaft­li­che Betrach­tung wer­den nun alle irra­tio­na­len, affek­tu­ell beding­ten“ (merke: Das ist alles, was der Sozio­loge nicht ver­ste­hen will!) „Sinn­zu­sam­men­hänge des Sich­ver­hal­tens, die das Han­deln beein­flus­sen“ (der kri­te­ri­en­lose Ober­be­griff des Han­delns, das Sich­ver­hal­ten, wirkt jetzt auf ein­mal in jenes hin­ein) „am über­seh­bars­ten (!) als ‚Ablen­kun­gen‘ von einem kon­stru­ier­ten rein zweck­ra­tio­na­len Ver­lauf des­sel­ben erforscht und dar­ge­stellt. … Die Kon­struk­tion eines streng zweck­ra­tio­na­len Han­delns also dient in allen die­sen Fäl­len der Sozio­lo­gie, sei­ner evi­den­ten Ver­ständ­lich­keit und sei­ner… Ein­deu­tig­keit wegen, als Typus (‚Ide­al­ty­pus‘), um das reale, durch Irra­tio­na­li­tä­ten aller Art… beein­flußte Han­deln als ‚Abwei­chung‘ von dem bei rein ratio­na­lem Ver­hal­ten zu gewär­ti­gen­den Ver­laufe zu ver­ste­hen.“ (WG I,5)

Man muß dies ein­mal im Zusam­men­hang reka­pi­tu­lie­ren: Die Sozio­lo­gie beschäf­tigt sich mit dem gemein­ten Sinn des Han­delns – jetzt läßt sich aber ein Groß­teil des Han­delns aus die­sem gar nicht ablei­ten, weil sein Ablauf die­sem ange­nom­me­nen Grund nicht ent­spricht – damit geht dem Han­deln (für die Sozio­lo­gie) Ord­nung und Ein­deu­tig­keit ver­lo­ren – des­halb müs­sen wir i n der Theo­rie diese Ord­nung und Ein­deu­tig­keit schaf­fen, die der Rea­li­tät abgeht – das erklärt zwar nichts mehr, gestat­tet aber eine Klas­si­fi­ka­tion der Rea­li­tät nach unse­ren metho­di­schen Maß­stä­ben der Ein­deu­tig­keit, Zweck­mä­ßig­keit und Har­mo­nie! Weber ist ehr­lich genug, die Dif­fe­renz sol­cher Theo­rie zu einer wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung der Rea­li­tät eins ums andere Mal zu betonen:

„…dar­über, inwie­weit in der Rea­li­tät ratio­nale Zwecker­wä­gun­gen das tat­säch­li­che Han­deln bestim­men und inwie­weit nicht, soll es ja nicht das Min­deste aus­sa­gen.“ (WG I,5) „Das reale Han­deln ver­läuft nur in sel­te­nen Fäl­len (Börse)“ (aus­ge­rech­net!) „und auch dann nur annä­he­rungs­weise so, wie im Ide­al­ty­pus kon­stru­iert.“ (WG I,7) usw.

Er ist aller­dings auch Sozio­loge genug, sich gerade dar­auf mäch­tig was einzubilden:

„Wie bei jeder gene­ra­li­sie­ren­den Wis­sen­schaft“ - reine Angabe! -„bedingt die Eigen­art (!) ihrer Abs­trak­tio­nen es, daß ihre Begriffe gegen­über der kon­kre­ten Rea­li­tät des His­to­ri­schen rela­tiv inhaltsleer sein müs­sen. Was sie dafür zu bie­ten hat, ist gestei­gerte Ein­deu­tig­keit der Begriffe..:. Nur vom rei­nen (‚Ideal‘-) Typus her ist sozio­lo­gi­sche Kasu­is­tik mög­lich.“ (WG I,14)

Hier kommt es aber sehr auf die „Eigen­art“ an, denn Abs­trak­tio­nen sind ein­fach des­halb, weil sie all­ge­mei­ner als die kon­kre­ten Phä­no­mene sind, ja nicht inhalts­leer, son­dern haben eben einen all­ge­mei­nen Inhalt, der als sol­cher dann auch jedem kon­kret dar­un­ter befaß­ten Gegen­stand zukommt; ein­deu­tig sind die Dinge auch von sich aus – nur die Eigen­art der sozio­lo­gi­schen Abs­trak­tio­nen macht sie mehr­deu­tig, weil sie ihnen einen nach eige­nen Kri­te­rien bestimm­ten Sinn, über den man sich (da jen­seits des Gegen­stands „kon­stru­iert“) dann treff­lich strei­ten kann, anhängt; nur „Kasu­is­tik“ ist in dem Gan­zen das rich­tige Wort. Es erin­nert näm­lich daran, daß der gelernte Jurist Weber seine Metho­den­lehre aus der Juris­pru­denz in die Sozio­lo­gie über­tra­gen hat: Genau wie dort ohne Rück­sicht auf die jewei­li­gen Gründe und Hand­lun­gen Tat­be­stände fest­ge­legt wer­den, unter die kon­krete Hand­lun­gen sub­su­miert und die Grade ihrer „Abwei­chun­gen“ vom fest­ge­setz­ten Nor­mal­fall fest­ge­stellt wer­den, ver­fährt der Sozio­loge hier; mit dem klei­nen Unter­schied, daß der „Sinn“ dort per Gesetz objektiv-​dogmatisch, hier per defi­ni­tio­nem subjektiv-​moralisch ist. Letz­te­rer Punkt run­det 3. die metho­di­sche Grund­le­gung ab. Es ist näm­lich noch das zu Anfang bemerkte Ver­hält­nis von Sinn­haf­tig­keit und Kau­sa­li­tät zu bestim­men. Hier geht es außer­or­dent­lich bunt zu, weil Weber ein­fach nicht kon­se­quent genug Sozio­loge ist, um (wie die Moder­nen) sich prin­zi­pi­ell von jedem Erklä­rungs­an­spruch zu eman­zi­pie­ren; er möchte stets sei­nen sub­jek­ti­vi­si­ti­schen Blick­win­kel, der jeden Grund in das Bewußt­sein der Han­deln­den von ihm ver­legt, mit der Objek­ti­vi­tät ver­söh­nen. Des­halb ergänzt er erst bei pas­sen­der Gele­gen­heit seine Defi­ni­tion des Han­delns durch den „Sinn“ durch die tau­to­lo­gisch umge­kehrte Auf­fin­dung des Sinns durch das Handeln:

Das Ver­ständ­li­che daran (ergänze: an sinn­frem­den Vor­gän­gen und Gegen­stän­den) ist also die Bezo­gen­heit mensch­li­chen Han­delns dar­auf, ent­we­der als ‚Mit­tel‘ oder als ‚Zweck‘, der dem oder den Han­deln­den vor­schwebte, und woran ihr Han­deln ori­en­tiert wurde.“ (WG I,5)

Sehr gut, aus Zwe­cken kann man man­cher­lei erklä­ren; nur sollte man sich dann hüten, den wil­lent­li­chen Bezug der Sub­jekte auf die Gegen­stände ihrer Hand­lung sei­ner­seits dar­aus zu erklä­ren, daß mit ihm ein „sub­jek­ti­ver Sinn ver­bun­den“ wird. Sonst kommt wie­der so etwas heraus:

„Wir ver­ste­hen das Holz­ha­cken oder Gewehr­an­le­gen… moti­va­ti­ons­mä­ßig, wenn wir wis­sen, daß der Holz­ha­cker ent­we­der gegen Lohn oder aber für sei­nen Eigen­be­darf oder zu sei­ner Erho­lung (ratio­nal), oder etwa weil er sich eine Erre­gung abrea­gierte (irra­tio­nal), oder wenn der Schie­ßende auf Befehl zum Zweck der Hin­rich­tung oder der Bekämp­fung von Fein­den (ratio­nal)“ (gelun­gene Klam­mer) „oder aus Rache (affek­tu­ell, also in die­sem Sinn: irra­tio­nal) diese Hand­lung voll­zieht.“ (WG I,6/7)

Denn auf diese Weise „ver­ste­hen“ wir über­haupt nichts, son­dern hauen nur unsere klas­si­fi­ka­to­ri­schen Ker­ben in die Rea­li­tät hin­ein, die uns einer­seits in der epo­cha­len Gewiß­heit bestä­ti­gen, daß alles Han­deln einen Sinn hat (sofern wir es näm­lich ein­deu­tig ein­ord­nen kön­nen), und die zwei­tens ihre wer­tende Natur nur schwer ver­ber­gen kön­nen: Auch zum theo­re­ti­schen Zweck der Klas­si­fi­ka­tion sind Zweck-​Mittel-​Beziehungen nun ein­mal nicht per se „ratio­nal“ und „irra­tio­nale“ Hand­lun­gen auch bei noch so schö­ner Ter­mi­no­lo­gie nun ein­mal nicht per se unzweck­mä­ßig! Wes­halb fol­gende Auf­klä­rung über die „Wert­neu­tra­li­tät“ der Sozio­lo­gie durch­aus kor­rekt ist und den Stand­punkt – den wir in pewohnt dog­ma­ti­scher Manier bereits aus den Defi­ni­tio­nen erschlos­sen hat­ten – end­lich ein­mal ausspricht:

„‚Sinn­haft adäquat‘ soll ein zusam­men­hän­gend ablau­fen­des Ver­hal­ten in dem Grade (!) hei­ßen, als die Bezie­hung sei­ner Bestand­teile von uns nach den durch­schnitt­li­chen Denk- und Gefühls­ge­wohn­hei­ten als typi­scher… Sinn­zu­sam­men­hang bejaht wird.“ (WG I,8)

Hier wird sowohl bekannt­ge­ben, daß das „Sinn­hafte“ am Han­deln kei­nes­wegs ein­fach eine Eigen­schaft des­sel­ben ist, son­dern ein Maß­stab, der an die­ses ange­legt wird und dann auch zu gra­du­el­ler Dif­fe­ren­zie­rung befä­higt; wie auch der Ursprung des Inhalts, der die­sem Maß­stab zuge­spro­chen wird, in unse­ren „durch­schnitt­li­chen Denk– und Gefühls­ge­wohn­hei­ten“, also der mora­li­schen Welt­an­schau­ung des bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums, sehr tref­fend ver­or­tet wird.

Die „kau­sale Erklä­rung“, die dar­aus folgt, meint denn auch nicht mehr und weni­ger, als daß es Hand­lun­gen gibt, die sich in typi­scher Weise mora­lisch beur­tei­len las­sen, und daß man das Ein­tre­ten die­ser Hand­lun­gen „dem­zu­folge“ als Wir­kung der von uns „als typisch bejah­ten Sinn­zu­sam­men­hänge“ betrach­ten kann:

„…selbst die evi­den­teste Sin­n­ad­äquanz (bedeu­tet) nur in dem Maß eine rich­tige kau­sale Aus­sage“ (unser gra­du­el­les Beja­hen eine kau­sale Aus­sage!) „als der Beweis für das Beste­hen einer… Chance erbracht wird, daß das Han­deln den sin­n­ad­äquat erschei­nen­den Ver­lauf tat­säch­lich mit angeb­ba­rer Häu­fig­keit oder Annä­he­rung… zu neh­men pflegt.“ (WG I,9)

Diese kau­sale Deu­tung ist also eine „sin­nige“ Deu­tung der Kau­sa­li­tät – da sich ein nur hypo­the­ti­scher Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang wohl immer ange­ben läßt, kann der Sozio­loge auch jedes Gesche­hen als „Chance sei­nes tat­säch­li­chen Ein­tritts“ zum begrün­de­ten erklä­ren, ohne sich mit irgend­ei­nem ande­ren Grund als der „Adäquanz“ des Ereig­nis­ses zu sei­nen Vor­stel­lun­gen über „Sinn“ beschäf­ti­gen zu müs­sen. Das ist Wissenschaft!

II. Sozio­lo­gi­sche Kategorienlehre

Das Grund­sätz­li­che ist geleis­tet; Max Weber hat mit dem ers­ten Para­gra­phen und sei­nen metho­di­schen Anmer­kun­gen dazu die Pro­gram­ma­tik (und damit eigent­lich auch schon alle Erkennt­nisse) der Sozio­lo­gie zur Dar­stel­lung gebracht. Wir kön­nen diese noch zusam­men­fas­sen: Der Zweck die­ser Wis­sen­schaft ist die zusam­men­stim­mende Ein­ord­nung der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät in nach den typi­schen Ein­bil­dun­gen der Bür­ger über die Gründe ihres Han­delns ein­deu­tig kon­stru­ierte Begriffs­schach­teln, worin sie sich als sehr mit sich har­mo­ni­sches Welt­bild und posi­ti­ves Bewußt­sein der allen Han­del­i­den mehr oder weni­ger unkla­ren Zusam­men­hänge ihr Selbst­be­wußt­sein erar­bei­tet. Dabei ist sie sehr undog­ma­tisch, weil sie über das „objek­tiv Gül­tige“ nichts aus­sa­gen will und sich nur mit dem „sub­jek­tiv Gemein­ten“ befaßt, das sei­ner­seits frei­lich wie­der einige Gel­tung beansprucht.

Weber ist nun aller­dings nicht fer­tig; es drängt ihn viel­mehr zur Anwen­dung sei­nes Pro­gramms. Und diese gerät ihm zu einer mora­li­schen Demons­tra­tion, die ihn von den moder­nen Sozio­lo­gen wie­derum cha­rak­te­ris­tisch unter­schei­det – statt sich mit sei­nem Stand­punkt zu begnü­gen, ihn als den Zweck der Gesell­schaft aus­zu­ge­ben und dann mit der ein­fa­chen Über­set­zung psychologisch-​moralischer Urteile in sozio­lo­gi­sche Begriffe (Sys­tem, Norm, Sank­tion, Rolle…) sich alles mög­li­che aus­zu­den­ken, was es dazu braucht, den Stand­punkt (des Sinns oder dergl.) also auf die Theo­rie anzu­wen­den, wen­det er ihn tat­säch­lich auf die Rea­li­tät an! Er dedu­ziert also „sozio­lo­gi­sche Grund­be­griffe“, die die Welt seit­her nicht mehr gese­hen hat, bis er wahr­haf­tig beim sozio­lo­gi­schen Grund­be­griff des „Staats“ lan­det. Sub­jek­ti­vis­ti­sches Erklä­rungs­prin­zip und Auf­nahme objek­ti­ver Zwangs­ver­hält­nisse gera­ten sich des­halb von Para­graph zu Para­graph stär­ker in die Haare.

Zunächst leug­net er zwar noch­mals die Objek­ti­vi­tät sei­nes Gegen­stands und erklärt „soziale Bezie­hun­gen“ zu einer blo­ßen Mög­lich­keit:

„Paragr. 3. Soziale ‚Bezie­hung‘ soll ein sei­nem Sinn­pe­halt nach auf­ein­an­der gegen­sei­tig ein­ge­stell­tes und dadurch ori­en­tier­tes Sich­ver­hal­ten meh­re­rer hei­ßen. Die soziale Bezie­hung besteht (!) also durch­aus und ganz aus­schließ­lich: in der Chance, daß in einer (sinn­haft) angeb­ba­ren Art sozial gehan­delt wird, einer­lei zunächst: wor­auf diese Chance beruht.“ (WG I,19)

Damit führt er – ver­rückt genug -, nach­dem er vor­her das „soziale Han­deln“ schon defi­niert hatte, nun des­sen Wirk­lich­keit ein, die – noch ver­rück­ter – nur eine „Chance“ ist. Man darf ja gespannt sein, was pas­sie­ren würde, wäre diese Chance ein­mal nicht gege­ben! Einen Hin­weis erhal­ten wir:

„Ein ‚Staat‘ hört z.B. sozio­lo­gisch (!) zu ‚exis­tie­ren‘ dann auf, sobald die Chance, daß bestimmte Arten von sinn­haft ori­en­tier­tem sozia­len Han­deln ablau­fen, geschwun­den ist.“ (ebd.)

Sofern man natür­lich die Tau­to­lo­gie bege­hen will, den Staat aus der Mög­lich­keit, sich a n ihm zu ori­en­tie­ren, zu erklä­ren, sofern ist die Tau­to­lo­gie der Been­di­gung sei­ner „sozio­lo­gi­schen Exis­tenz“ durch das Schwin­den obi­ger Mög­lich­keit natür­lich ebenso statthaft.

Die Logik der Mög­lich­keit schraubt sich indes zu einer wei­te­ren Chance fort, die im Zurück­neh­men eini­ger Chan­cen besteht:

„Paragr. 5. Han­deln, ins­be­sondre sozia­les Han­deln und wie­derum ins­be­sondre eine soziale Bezie­hung“ (letzt­lich wahr­schein­lich keins von allen „kön­nen von sei­ten der Betei­lig­ten an der Vor­stel­lung vom Beste­hen einer legi­ti­men Ord­nung ori­en­tiert wer­den. Die Chance, daß dies tat­säch­lich geschieht, soll ‚Gel­tung‘ der betref­fen­den Ord­nung hei­ßen.“ (WG I,22)

Eine inter­es­sante „Vor­stel­lung“ die sich die „Betei­lig­ten“ da zule­gen „kön­nen“, nament­lich wenn sie auch noch „gilt“! Daß eine Ord­nung, die jeder für die seine hält (legi­tim), ein­fach durch die Vor­stel­lung, es gäbe sie, her­bei­ge­be­tet wird, mag nun auch Max Weber nicht ganz glau­ben, obwohl er es so defi­niert hat. Des­halb fällt ihm sofort die Garan­tie der „Legi­ti­mi­tät einer Ord­nung“ ein (seit wann brau­chen bloße Vor­stel­lun­gen denn auch noch eine Garan­tie?), für die es u.a. fol­gende Mög­lich­keit gibt:

„Paragr 6. … Eine Ord­nung soll hei­ßen… b) Recht, wenn sie äußer­lich garan­tiert ist durch die Chance phy­si­schen oder psy­chi­schen Zwan­ges durch ein auf Erzwin­gung der Inne­hal­tung oder Ahn­dung der Ver­let­zung gerich­te­tes Han­deln eines eigens dar­auf ein­ge­stell­ten Sta­bes von Men­schen.“ (WG I,24)

Na sowas! Da haben die Men­schen zu nichts einen Grund, kön­nen han­deln, sozial han­deln oder sich gar auf­ein­an­der bezie­hen – und mit­ten in die­ses Reich der Chan­cen, das sogar den „Staat“ zum Ver­schwin­den brin­gen kann (s.o.), platzt auf ein­mal die Chance, ihnen durch mit einem ganz eige­nen „Sinn“ aus­ge­rüs­tete und stabs­mä­ßig orga­ni­sierte Gesel­len eins aufs Haupt zu geben. Woher die­ses? Sollte die „sinn­hafte Ori­en­tie­rung“ irgend­wel­cher Leute der „Vor­stel­lung“ ande­rer ins Gehege kom­men, so daß wie­derum Dritte bei­den mit ihnen gerade gele­gen kom­men­den Zwangs­mit­teln nahe­brin­gen kön­nen, was sich gehört? Wo bleibt da der „sub­jek­tiv gemeinte Sinn“?! Nun, er macht noch einen gewis­sen Schnau­fer, da Paragr. 7 nach der Garan­tie der Ord­nung noch­mals auf die Gründe der Zuschrei­bung ihrer Legi­ti­mi­tät zu spre­chen kommt.

Aber 1. wird diese Legi­ti­mi­tät nun schon auf­grund ihrer Gel­tung (des immer Gewe­se­nen, des Vor­bild­li­chen, des als abso­lut gül­tig Erschlos­se­nen – wie kom­men Men­schen nur dar­auf, sich so etwas aus­zu­den­ken? Frei­wil­lig?) „zuge­schrie­ben“, was die Zuschrei­bung ja nicht gerade sehr sub­jek­tiv aus­se­hen läßt. Und 2. lesen wir gar unter dem Titel „Glau­ben (!) an die Legalität“:

„Paragr. 7… Diese Lega­li­tät kann als legi­tim gelten

a) kraft Ver­ein­ba­rung der Inter­es­sen­ten fur diese;

b) kraft Oktroy­ie­rung auf Grund einer als legi­tim gel­ten­den Herr­schaft von Men­schen über Men­schen und Füg­sam­keit.“ (WG I,26)

Daß sub a) irgend­wel­che „Inter­es­sen­ten“ auf die son­der­bare Idee kom­men, sich Gesetze zu erfin­den, damit sie dann an deren Gel­tung glau­ben kön­nen, mögen wir gar nicht glau­ben. Der Glau­ben sub b) jedoch besitzt außer sei­ner tau­to­lo­gi­schen Struk­tur – man glaubt an die Legi­ti­mi­tät von Geset­zen, weil man glaubt, daß die Herr­schaft, die sie einem dik­tiert, legi­tim ist? – noch die beacht­li­che Eigen­schaft, daß er wirk­lich über­flüs­sig ist, beruht er doch auf einer von ihm unab­hän­gi­gen Okroy­ie­rung und Fügsamkeit!

Paragr. 8 nimmt – das paßt nun in der Tat zu den (natür­lich als reine Mög­lich­kei­ten defi­nier­ten!) all­mäh­lich immer auf­dring­li­cher wer­den­den Gewalt­ver­hält­nis­sen – davon Kennt­nis, daß zur gewalt­sa­men Rege­lung sozia­ler „Bezie­hun­gen“ als Unter­stel­lung wohl auch irgend­wel­che gesell­schäft­li­chen Gegen­sätze gehö­ren, die nicht ein­fach im Wil­len der Betei­lig­ten ihren Grund haben, und behan­delt so Sachen wie „Kampf“, „Kon­kur­renz“, „gere­gelte Kon­kur­renz“ und „Aus­lese“. Unsin­ni­ger­weise (oder bes­ser des­halb, damit Weber sich S. 28 oben kurz noch die „Kon­kur­renz ero­ti­scher Bewer­ber um die Gunst einer Frau“ als mög­li­che Aus­fül­lung sei­nes Begriffs vor­stel­len kann) kommt das, worum eigent­lich gekämpft bzw. kon­kur­riert wird, erst sub Paragr. 10 unter dem Namen „appro­pri­ierte Chan­cen“, dann auf deutsch mit dem Kri­te­rium der Erb­lich­keit: Eigen­tum, dann mit dem zusätz­li­chen der Ver­äu­ßer­lich­keit: freies Eigen­tum vor.

Hier hat der gute Max dann end­lich fes­ten Boden unter den Füßen, ver­gißt sein sozio­lo­gi­sches Anlie­gen (fast) ganz und schreibt nur noch – in teil­weise eigen­wil­li­ger Ter­mi­no­lo­gie (dem Rest­stück der Sozio­lo­gie) – einen empi­risch auf­ge­nom­me­nen Rechts­be­griff nach dem andern hin, z.B.:

„Paragr. 13.… Ord­nun­gen eines Ver­ban­des kön­nen außer den Genos­sen auch Unge­nos­sen oktroy­iert wer­den, bei denen bestimmte Tat­be­stände vor­lie­gen. Ins­be­son­dere kann (!) ein sol­cher Tat­be­stand in einer Gebiets­be­zie­hung (Anwe­sen­heit, Gebür­tig­keit, Vor­nahme gewis­ser Hand­lun­gen inner­halb eines Gebiets) beste­hen.“ (WG I,36)

„Kann“ er das, vor allem unter der Vor­aus­set­zung, daß der „Staat“ doch erst Paragr. 17 ein­ge­führt wird? Es „kann“ – wird der Sozio­loge sich da gedacht haben – aber doch auch Kegel­ver­eine geben, bei denen man durch Geburt Mit­glied wird! Oder nicht?

„Paragr. 15. … Anstalt soll ein Ver­band hei­ßen, des­sen gesatzte Ord­nun­gen inner­halb eines angeb­ba­ren Wir­kungs­be­reichs jedem nach bestimm­ten Merk­ma­len angeb­ba­ren Han­deln (rela­tiv) erfolg­reich oktroy­iert wer­den.“ (WG I,38)

Vom Staat spe­zi­fisch dadurch unter­schie­den, daß die defi­ni­to­risch frü­here „Anstalt“ gar nicht über die Mit­tel für den Erfolg ihrer Oktroy­ie­rung ver­fügt. Hier ist also eine „Füg­sam­keit“ am Werk, die sich wohl aus Spaß fügt. Sehr hübsch die Ergän­zung durch den nächs­ten Para­gra­phen, der die oben ver­miß­ten Mit­tel angibt, aller­dings soziologisch:

„Paragr. 16. Macht bedeu­tet jede Chance, inner­halb einer sozia­len Bezie­hung den eige­nen Wil­len auch gegen Wider­stre­ben durch­zu­set­zen, gleich­viel wor­auf diese Chance beruht. Herr­schaft soll hei­ßen die Chance, für einen Befehl bestimm­ten Inhalts bei angeb­ba­ren Per­so­nen Gehor­sam zu fin­den; Dis­zi­plin…“ (WG I,38)

Daran fällt fol­gen­des auf: 1. ist die Unter­schei­dung wie­der rein empi­risch den Gebie­ten der Wirt­schaft, der Poli­tik und des Mili­tärs ent­nom­men, da sich logisch hier gar nichts unter­schei­det. Oder was soll eine „Macht“ sein, die sich ohne Befehle gegen­über angeb­ba­ren Per­so­nen über deren Wil­len hin­weg­setzt? 2. wer­den hier „Chan­cen“ ange­ge­ben, denen sowohl die Mit­tel ihrer Durch­set­zung als der Zweck, dem sie die­nen, vor­ent­hal­ten wer­den. Es soll also wie­der alles in die Ein­stel­lung der Betei­lig­ten fal­len, so unvor­stell­bar dies bei der ange­führ­ten Sorte „Bezie­hung“ auch ist. Des­halb ist 3. die ganze Defi­ni­tion nichts wert, weil sie Hand­lun­gen her­auf­be­schwört, über deren Gründe man voll­kom­men im unkla­ren bleibt. Macht ist, wenn sie sich durch­setzt. Du liebe Zeit, was für ein „ein­deu­ti­ger Begriff“!

„Paragr. 17. … Staat soll ein poli­ti­scher A nstalts­be­trieb hei­ßen, wenn und inso­weit sein Ver­wal­tungs­stab erfolg­reich das Mono­pol legi­ti­men phy­si­schen Zwan­ges für die Durch­füh­rung der Ord­nun­gen i n Anspruch nimmt.“ (WG I,39)

Die sozio­lo­gi­sche Kate­go­ri­en­lehre ist am Ende. Nach einer gan­zen Palette von Mög­lich­kei­ten, wel­che Gestalt „das soziale Han­deln“ nicht alles anneh­men kön­nen soll, hat das­selbe sich zu der Mög­lich­keit einer Mög­lich­keit durch­ge­run­gen, die end­gül­tig alle Mög­lich­kei­ten außer den zu ihr gehö­ri­gen per Gewalt­mo­no­pol außer Kraft setzt. Das Ganze hat nur einen Haken, näm­lich den grund­sätz­li­chen, der uns die Deduk­tion hin­durch stets beglei­tet hat: Es fehlt schon wie­der der Zweck! Und dies kann – nach­dem Weber sich dies­mal um die Mit­tel nicht drückt – nur einen Grund haben: Wenn jemand die in sei­nen Beschrei­bun­gen offen­kun­digs­ten Gewalt­ver­hält­nisse – deren Inhalt, die gewalt­same Rege­lung einer öko­no­mi­schen Kon­kur­renz um die Aneig­nung oder den Aus­schluß von Eigen­tum, ihm zwi­schen­durch auch noch auf­ge­fal­len ist – par­tout von einer Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus tren­nen will, dann ist er mit all sei­nem metho­di­schen Auf­wand zur Ver­wand­lung der Rea­li­tät in eine „Hypo­these“ für die Exis­tenz der von ihm defi­nier­ten Gesell­schaft, deren Not­wen­dig­keit er theo­re­tisch in Frage stellt, weil er sie als reine Mög­lich­keit fas­sen möchte. Inso­fern löst die Logik der Kate­go­ri­en­lehre die Pro­gram­ma­tik der Defi­ni­ti­ons­lehre voll ein, auch und gerade in Kennt­nis­nahme der wider­spens­ti­gen Rea­li­tä­ten: Von allem, was behan­delt wird, wer­den jus­ta­ment sol­che Kate­go­rien gebil­det, daß der Sozio­loge sich wis­sen­schaft­lich rei­nen Gewis­sens vom „wert­ge­bun­de­nen“ Par­teienstreit eman­zi­pie­ren kann, weil alle Begriffe nur das eine Prin­zip haben – sie las­sen eine Aus­ein­an­der­set­zung mit ihnen nur unter ihrer Vor­aussetzung zu, jeden prak­ti­schen Stand­punkt daher nur unter Vor­aus­set­zung sei­nes Gegen­teils. Wenn das nicht ein für die Zukunft ertrag­rei­cher Gedanke war! Umge­kehrt kann man natür­lich fra­gen: Wie ist der Mann denn auf den gekom­men? Naja – sie wurde bis­her nicht erwähnt, aber offen­bar, sah er sich einer Theo­rie gegen­über, die Staat und Gesell­schaft aus einem bestimm­ten Zweck erklärte und ihre Exis­tenz schlech­ter­dings für nicht not­wen­dig hal­ten wollte. Und mit der Wirt­schaft mußte sie wohl auch etwas zu tun haben, deren „gesell­schaft­li­che“ Aspekte in ihr Weber nicht recht gewür­digt sah; daber „Wirt­schaft und Gesell­schaft“. Da Weber aber im Bis­he­ri­gen selbst nicht deut­li­cher wurde, sei diese Theo­rie dem fol­gen­den letz­ten Abschnitt vor­be­hal­ten. Die­ser ist aus Grün­den kurz.

III. Sozio­lo­gi­sche Kasuistik

Wel­cher Art von Betrach­tun­gen näm­lich die rest­li­chen 1060 Sei­ten des Werks gewid­met sind, erhellt aus der Vor­be­mer­kung zu den „sozio­lo­gi­schen Grund­ka­te­go­rien des Wirtschaftens“:

„Nach­ste­hend soll kei­ner­lei ‚Wirt­schafts­theo­rie‘ getrie­ben, son­dern es sol­len ledig­lich einige wei­ter­hin oft gebrauchte Begriffe defi­niert und gewisse aller­ein­fachste sozio­lo­gi­sche Bezie­hun­gen inner­halb der Wirt­schaft fest­ge­stellt wer­den. Die Art der Begriffs­bil­dung ist auch hier rein durch Zweck­mä­ßig­keits­gründe bedingt.“ (Näm­lich:) „Der viel umstrit­tene Begriff ‚Wert‘ konnte ter­mi­no­lo­gisch (!) ganz umgan­gen wer­den.“ (WG 1, 43)

Was erse­hen wir hier­aus? 1. Man kann die Wirt­schaft auch sozio­lo­gisch betrach­ten. 2. Dabei kommt zwar keine Wirt­schaftstheo­rie her­aus, son­dern nur eine leicht modi­fi­zierte Ter­mi­no­lo­gie. Diese ver­mei­det vor allem 3. den Wert­be­griff, aber genau das ist bei des­sen Umstrit­ten­heit ja auch eine Leistung!

Es ist also gar kein Geheim­nis, wel­cher Aus­einai­der­set­zung „Wirt­schaft und Gesell­schaft“ bei­springt, um bei die­ser Gele­gen­heit die sozio­lo­gi­sche Betrach­tungs­weise zu offe­rie­ren: dem Streit der bür­ger­li­chen Natio­nal­öko­no­mie mit dem Mar­xis­mus. Und indem die Öko­no­mie zu einem blo­ßen Anwen­dungsfall der Sozio­lo­gie her­un­ter­ge­bracht wird, dem sich ähn­li­che Betrach­tun­gen der Reli­gion, Sip­pen­ge­mein­schaft, etc. anschlie­ßen, ist es auch gar kein Geheim­nis, gegen wen Weber damit antritt. Seine im Bis­he­ri­gen erör­terte Methode der Tren­nung sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Begriffe von den Zwe­cken, die sich in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft auf die unter ihnen gefaß­ten Gegen­stände bezie­hen, und ihrer Neu­kom­po­si­tion als Glie­der eines hypo­the­ti­schen Pro­blemzusam­men­hangs des „sozia­len Han­delns“ taugt schließ­lich nur für eine metho­di­sche Unter­stüt­zung des natio­nal­öko­no­mi­schen Idea­lis­mus einer „Nut­zen­wirt­schaft“ – denn den Nut­zen kann man wohl als mög­li­chen „Sinn“ eines Han­delns betrach­ten. Aber wie sollte das mit Wert und Mehr­wert von­stat­ten gehen? Die kann man sich ja – was man (siehe Teile I und II) sozio­lo­gisch soll – schlech­ter­dings nicht als indi­vi­du­elle Beweg­gründe des Han­delns vorstellen!

Weber schließt sich auch in der Tat der Auf­lö­sung der Wirt­schafts­theore in Psy­cho­lo­gie an:

„Paragr. 1. ‚Wirt­schaft­lich ori­en­tiert‘ soll ein Han­deln inso­weit hei­ßen, als es sei­nem gemein­ten Sinne nach an der Für­sorge für einen Begehr nach Nutz­leis­tun­gen ori­en­tiert ist.“ (a.a.O.)

- aber weder um nun wei­ter Wirt­schafts­theo­rie, noch um Moti­va­ti­ons­for­schung, noch um im eigent­li­chen Sinn Sozio­lo­gie zu betrei­ben. Was nun näm­lich folgt, ist wirk­lich Kasu­is­tik reins­ten Was­sers, zu deutsch: ein manch­mal kaum noch erträg­li­cher Sche­ma­tis­mus. Alle mög­li­chen in der Öko­no­mie übli­chen Tau­to­lo­gien wer­den nur in die ein­mal ein­ge­führte Ter­mi­no­lo­gie übertragen -

„Paragr. 6. Tausch­mit­tel soll ein sach­li­ches Tausch­ob­jekt inso­weit hei­ßen, als des­sen Annahme beim Tausch in typi­scher Art pri­mär an der Chance für den Anneh­men­den ori­en­tiert ist, daß dau­ernd… die Chance beste­hen werde, es gegen andere Güter in einem sei­nem Inter­esse ent­spre­chen­den Aus­tausch­ver­hält­nis in Tausch zu geben…“ (WG I,52) (=ein Tausch­mit­tel ist, wenn es als sol­ches fun­giert, daher auch akzep­tiert wird) -

um dann davon aus­ge­hend in unse­rem Bei­spiel das Geld nach rein empi­ri­schen Gesichts­punk­ten, d.h. ohne irgend­ei­nen öko­no­mi­schen Zweck anzu­ge­ben, in die hete­ro­gens­ten Erschei­nungs­for­men zu dif­fe­ren­zie­ren: Char­ta­les Zah­lungs­mit­tel, Bin­nen­geld, mone­tä­res und nota­les Geld, Ver­kehrs­geld, Ver­wal­tungs­geld, Umlaufs­mit­tel, Zer­ti­fi­kat, Kurant­geld, Inter­va­lu­ta­ri­sches Zahlungsmittel…

Die Sprü­che über den Sozia­lis­mus, die ebenso regel­mä­ßig fol­gen, entsprechen

„dem Land­läu­fi­gen. Daß auch zwi­schen Ver­bän­den jeder Art, ins­be­son­dere: sozia­lis­ti­schen oder kom­mu­nis­ti­schen Ver­bän­den, Kre­dit mög­lich… ist, ver­steht sich von selbst. Ein Pro­blem bedeu­tete dabei frei­lich im Fall völ­li­gen Feh­lens des Geld­ge­brauchs die ratio­nale Rech­nungs­ba­sis.“ (WG I,57)

Na klar! Die Ver­wen­dungszwecke des Gel­des, die er oben so säu­ber­lich unter­schie­den hat, las­sen zwar alles andere als einen Schluß dar­auf zu, daß das Geld etwas mit einer „ratio­na­len Rech­nungs­ba­sis“ zu tun hat – aber hier soll ja kei­ner­lei Wirt­schafts­theo­rie getrie­ben, son­dern nur „einige Begriffe“ ein­deu­tig fest­ge­legt wer­den. Ebenso ver­fah­ren wird mit Lohn­ar­beit, Kapi­tal etc. – weder hätte der alte Marx sich der­ar­tig dif­fi­zile Erschei­nungs­for­men der Arbeit (Lohn­werk, Stör, Kolone…?) noch einen so „sinn„reichen Hin­tergrund der Aus­beu­tung ein­fal­len las­sen (Ratio­na­li­tät der Kapi­tal­rech­nung; sub spe­ciem Paragr. 1: Die Wirt­schaft ist eine Güter­ver­sor­gung). Der Rest ist wei­te­rer wis­sen­schaft­li­cher Betrach­tung nicht wert; es fin­det sich aller­dings reich­hal­ti­ges his­to­ri­sches Material.