Die Kri­ti­sche Theo­rie des „Sub­jek­ti­ven Faktors“

Der „auto­ri­täre Cha­rak­ter“ – Auf­klä­rung über die Gründe des „Mitmachens“

Quelle: MSZ 9 – 1988

Die Kri­ti­sche Theo­rie des „Sub­jek­ti­ven Faktors“:

Der „auto­ri­täre Cha­rak­ter“ – Auf­klä­rung über die Gründe des „Mitmachens“

Mit ihren Unter­su­chun­gen zum „auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter“ woll­ten kri­ti­sche Theo­re­ti­ker wie Adorno, Hork­hei­mer erklä­ren, wie es – mög­lich war, daß die poli­ti­schen Macht­ha­ber (ins­be­son­dere Hit­ler) bei all ihren Akti­vi­tä­ten zum Wohl deut­scher Wirt­schaft und natio­na­ler Größe über ein gefü­gi­ges Volk vefüg(t)en. Heut­zu­tage ist „auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter“ ein Schlag­wort, das als Ant­wort auf die bei kri­ti­schen Sozio­lo­gen und Psy­cho­lo­gen immer wie­der auf­ge­wor­fene Frage, warum ‚die Leute‘ ‚mit­ma­chen‘, für ebenso hin­rei­chend wie ange­mes­sen erach­tet wird.

Daß zwi­schen den Anlie­gen der poli­ti­schen Macht­ha­ber und den Inter­es­sen derer, die der natio­na­len Gewalt unter­wor­fen sind, ein Gegen­satz besteht, und daß es der Mehr­heit der Leute nicht gut bekommt, wenn sie sich für die Ver­meh­rung pri­va­ten Reich­tums und für die staat­li­che Macht­ent­fal­tung zur Ver­fü­gung stel­len, ist die selbst­ver­ständ­li­che Unter­stel­lung bei der Frage nach dem Grund ihres Mit­ma­chens. Bei den Nutz­nie­ßern der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse kommt diese Frage ja des­halb nicht auf, weil mit deren Nut­zen auch schon die Frage nach dem Grund ihrer Hand­lun­gen beant­wor­tet ist. Sie sind ja auch nicht Mit-​macher, son­dern Macher.

Merk­wür­dig aller­dings, daß die Unter­ta­nen­theo­re­ti­ker aus Frank­furt die Erklä­rung des­sen, für wel­che Inter­es­sen die staat­li­che Gewalt ihre Leute ein­spannt und wel­che Mit­tel ihr dafür zu Gebote ste­hen, sie zum Dienst am kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tum zu zwin­gen, also eine Unter­su­chung der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie und ihrer poli­ti­schen Herr­schaft, für einen unzu­rei­chen­den, wenn nicht ver­fehl­ten „Ansatz“ hal­ten, wenn es um die Klä­rung der Gründe geht, die die Leute zum Mit­ma­chen bewe­gen. Ganz so, als sei eine Auf­klä­rung über die „Sach­zwänge“, die in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft orga­ni­siert sind, gleich­be­deu­tend mit der Fest­stel­lung der Not­wen­dig­keit der Unter­wer­fung der Indi­vi­duen dar­un­ter, kri­ti­sie­ren sie am Mar­xis­mus, er ver­nach­läs­sige den sub­jek­ti­ven Fak­tor und fasse die Men­schen als kom­plett durch die Öko­no­mie deter­mi­niert auf. Dem­ge­gen­über erach­ten sie es für ange­bracht, der Auto­no­mie des ‚sub­jek­ti­ven Fak­tors‘ dadurch Rech­nung zu tra­gen, daß er selbst als Ursa­che sei­ner Füg­sam­keit unter die Lupe genom­men wird.

Der sub­jek­tive Fak­tor: ein beding­ter Wirkmechanismus

Fol­gen­der­ma­ßen begrün­det z.B. Erich Fromm, daß man für die Erklä­rung des erfolg­rei­chen Wir­kens staat­li­cher Herr­schaft einen Blick in die Seele des Mas­sen­men­schen wer­fen müsse:

„Seine (Freuds) Theo­rie lie­fert einen wich­ti­gen Bei­trag zur Beant­wor­tung der Frage, wie es mög­lich ist, daß die in einer Gesell­schaft herr­schende Gewalt tat­säch­lich so wir­kungs­voll ist, wie uns das die Geschichte zeigt. Die äußere, in den jeweils für eine Gesell­schaft maß­ge­ben­den Auto­ri­tä­ten ver­kör­perte Gewalt und Macht ist ein uner­läß­li­cher Bestand­teil für das Zustan­de­kom­men der Füg­sam­keit und Unter­wer­fung der Masse unter diese Auto­ri­tät. Ande­rer­seits aber ist es klar, daß die­ser äußere Zwang nicht nur als sol­cher direkt wirkt, son­dern daß, wenn sich die Masse den Anfor­de­run­gen und Ver­bo­ten der Auto­ri­tä­ten fügt, dies nicht nur aus Angst vor der phy­si­schen Gewalt und den phy­si­schen Zwangs­mit­teln geschieht. Gewiß kann auch die­ser Fall aus­nahms­weise und vor­über­ge­hend ein­tre­ten. Eine Füg­sam­keit, die nur auf der Angst vor rea­len Zwangs­mit­teln beruhte, würde einen Appa­rat erfor­dern, des­sen Größe auf­die Dauer zu kost­spie­lig wäre, sie würde die Qua­li­tät der Arbeits­leis­tung der nur aus äuße­rer Furcht Gehor­chen­den in einer Weise läh­men, die für die Pro­duk­tion in der moder­nen Gesell­schaft zumin­dest uner­träg­lich ist, und sie würde außer­dem eine Labi­li­tät und Unruhe der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse schaf­fen, die eben­falls mit den Anfor­de­run­gen der Pro­duk­tion auf die Dauer unver­ein­bar wäre. Es ergibt sich, daß, wenn die äußere Gewalt die Gefü­gig­keit der Masse bedingt, sie doch in der Seele des Ein­zel­nen ihre Qua­li­tät ver­än­dern muß. Die hier­bei ent­ste­hende Schwie­rig­keit wird teil­weise durch die Über-​Ich-​Bildung gelöst. Durch das Über-​Ich wird die äußere Gewalt trans­for­miert und zwar, indem sie aus einer äuße­ren in eine innere Gewalt ver­wan­delt wird. Die Auto­ri­tä­ten als die Ver­tre­ter der äuße­ren Gewalt wer­den ver­in­ner­licht, und das Indi­vi­duum han­delt ihren Gebo­ten und Ver­bo­ten ent­spre­chend nun nicht mehr allein aus Furcht vor äuße­ren Stra­fen, son­dern aus Furcht vor der psy­chi­schen Instanz, die es in sich selbst auf­ge­rich­tet hat.“ (I, 83 f.)

Der Unfug die­ser „Ablei­tung“ beginnt schon damit, wie Fromm die Frage nach dem Gelin­gen staats­bür­ger­li­chen Gehor­sams auf­wirft: wie ist es mög­lich, daß eine herr­schende Gewalt in einer Gesell­schaft über­haupt wirk­sam ist? Diese Fra­ge­stel­lung ist ein ein­zi­ges Kon­strukt und des­halb auch nicht ver­nünf­tig zu beant­wor­ten. Wenn man näm­lich alles weg­läßt, was die jeweils herr­schende Kraft zur bestim­men­den gesell­schaft­li­chen Gewalt macht – die Zwe­cke, die sie zum gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang orga­ni­siert; die Erfolgs­kri­te­rien, denen ihr Ein­satz gilt; und die Mit­tel, mit denen sie die all­täg­li­che Lebens­ge­stal­tung ihres Unter­ta­nen bestimmt -, dann bleibt in der Tat nichts als die absurde Abs­trak­tion „Gewalt“ übrig, die kei­nen ande­ren Inhalt und Zweck kennt als den, die ihr gegen­über­ste­hen­den Mas­sen zur Folg­sam­keit zu zwingen.

Genau­so­we­nig inter­es­siert Herrn Fromm auf dem ande­ren Pol des moder­nen Herr­schafts­ver­hält­nis­ses, was die Leis­tun­gen und Kal­ku­la­tio­nen der­je­ni­gen sind, die als Arbei­ter oder Arbeits­lose, Steu­er­zah­ler oder Wäh­ler, Erzie­hungs­be­rech­tigte nnd Zeit­nngs­le­ser ihren staats­bür­ger­li­chen Geschäf­ten nach­ge­hen – all diese sehr ver­schie­de­nen Akti­vi­tä­ten des „Mit­ma­chens“ wer­den unter die Abs­trak­tion „Unter­wer­fung“ gebeugt, so als wären die „Mas­sen“ den lie­ben lan­gen Tag mit nichts ande­rem beschäf­tigt, als gehor­sam zu sein. Und so wird es dann in der Tat ein gro­ßes Rät­sel, wie ein sol­ches inhalts­lee­res Ver­hält­nis über­haupt gelin­gen kann: Wie die poli­ti­sche Gewalt, ohne ihre öko­no­mi­schen Erpres­sungs­mit­tel gedacht, sich denn über­haupt als sol­che behaup­ten kann? Und wie die „Mas­sen“ es bloß schaf­fen, dem ihnen angeb­lich abver­lang­ten puren Unter­wer­fungs­an­spruch zu genügen?

Die erste Ant­wort, die sich ein­zig aus die­ser fik­ti­ven Pro­blem­stel­lung, dem bloß for­mel­len Gegen­über von Macht und Unter­ta­nen, ergibt – das Herr­schafts­ver­hält­nis wird aus­schließ­lich durch phy­si­sche Gewalt­aus­übung gesi­chert – weist Fromm natür­lich sel­ber als unzu­rei­chend zurück. Und zwar inter­es­san­ter­weise mit einem Argu­ment, das ernst­ge­nom­men seine ganze Kon­struk­tion über den Hau­fen wer­fen würde: Wenn der Poli­zei­knüp­pel des­halb als hin­rei­chen­des Ordungs­in­stru­ment aus­schei­det, weil der damit ver­bun­dene Auf­wand zu „kost­spie­lig“ wäre und die dau­ernde Furcht vor ihm die „Qua­li­tät der Arbeits­leis­tung“ läh­men würde, dann ist damit immer­hin ein mate­ri­el­les Kri­te­rium ange­ge­ben, das dar­auf hin­weist, daß es der moder­nen Herr­schaft kei­nes­falls bloß um den for­mel­len Erfolg namens Füg­sam­keit geht, son­dern um Ver­meh­rung von Reich­tum in der Form des Gel­des und Aneig­nung von mög­lichst viel frem­der Arbeit. Von da aus wäre der Schluß auf das ele­men­tare Mit­tel einer kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ge­walt, mit dem sie sich die erwünsch­ten Dienste ihrer Unter­ta­nen sichert, nicht wei­ter schwer. Es ist der gewalt­sam her­ge­stellte und mit Poli­zei und Jus­tiz kon­trol­lierte Aus­schluß der Mehr­heit von den Mit­teln zur Repro­duk­tion, der sie zum Dienst am frem­den Eigen­tum zwingt – und es in der Tat über­flüs­sig macht, jeden ein­zel­nen mit dem Knüp­pel zur Arbeit zu treiben.

Der Psy­cho­theo­re­ti­ker frei­lich tut lie­ber wei­ter so, als sei die Frage, wie in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft Gefü­gig­keit erzwun­gen wird, eine völ­lig offene Sache.

Ande­rer­seits hat er die prak­ti­sche staats­bür­ger­li­che Loya­li­tät vor Augen und das Argu­ment zur Hand, daß aus­schließ­lich „äuße­rer“ Zwang als Hebel dafür aus­schei­det. Also, so sein mes­ser­schar­fer Schluß, kann das nur gehen, wenn der Zwang den Mas­sen nicht äußer­lich, son­dern inner­lich ist. Das ist aller­dings in jeder Hin­sicht ein Scheinschluß.

- Warum „ver­in­ner­li­chen“ die Leute denn die Ge– und Ver­bote der Gewalt: die ihnen laut Fromms Kon­strukt doch völ­lig äußer­lich und furcht­er­re­gend gegen­über­tritt? Seine Ant­wort ist gar keine Erklä­rung der gedank­li­chen Leis­tun­gen, genauer: der Fehl­schlüsse, die ein Indi­vi­duum voll­zieht, das sich die Anfor­de­run­gen der Gewalt, der es unter­wor­fen ist, zu eigen macht und am Ende seine Ansprü­che wie seine Mit­tel an dem ori­en­tiert, was erlaubt ist. Umge­kehrt: Er „lei­tet“ den sub­jek­ti­ven Fak­tor streng funk­tio­na­li­sitsch ab, näm­lich aus den Erfor­der­nis­sen der Gewalt, sprich: der abs­trak­ten Not­wen­dig­keit eines effek­ti­ven und sta­bi­len Unter­ord­nungs­ver­hält­nis­ses. Die „Ver­in­ner­li­chung“ muß sein, weil sonst die Gewalt – weil bloß äußer­lich! – ja gar nicht inner­lich wäre! Bei Tautos!

- Die „Trans­for­ma­tion“ von außen nach innen soll die Qua­li­tät der Gewalt ver­än­dern. Bloß: über diese Ver­än­de­rung erfährt man rein gar nichts – außer das­selbe noch­mal. Sie ist nach wie vor die­selbe Gewalt, aber eben nicht mehr bloß außen, son­dern jetzt auch innen!

- Bleibt die kleine „Schwie­rig­keit“, warum die ver­ehr­ten Mas­sen­sub­jekte aus­ge­rech­net die äußere Gewalt um eine innere ergän­zen sol­len, vor der sie sich dann wie­der genauso fürch­ten. Für deren „Lösung“ soll eine neue Instanz zustän­dig sein, das berühmte „Über-​Ich“, das aber über gar keine andere Qua­li­tät ver­fügt, als eben den Pro­zeß der „Ver­in­ner­li­chung“ rei­bungs­los über die Bühne gehen zu lassen.

Das Resul­tat der gan­zen „Ablei­tung“: Die Frage nach dem Grund, warum jemand sich der Gewalt beugt, und nach den sub­jek­ti­ven Ver­fah­rens­wei­sen, mit denen er sich ihr akko­mo­diert, wenn er in den obrig­keit­lich dik­tier­ten Lebens­ver­hält­nis­sen sein Glück machen will, wird ein­fach ersetzt durch die halt­lose Annahme eines psy­chi­schen Mecha­nis­mus, der dafür sorgt, daß sich bei der Exis­tenz von Herr­schaft auto­ma­tisch Unter­wer­fung einstellt.

Das Indi­vi­duum, der sog. sub­jek­tive Fak­tor, zu des­sen Ret­tung gegen den angeb­li­chen öko­no­mi­schen Deter­mi­nis­mus des Mar­xis­mus die Kri­ti­sche Theo­rie ange­tre­ten war, kommt gerade bei ihr gar nicht als ein Sub­jekt vor, das zu den Ansprü­chen der Herr­schaft Stel­lung bezieht, son­dern als blo­ßes Objekt. Kaum wird die­ser sub­jek­tive Fak­tor mit den Ge– und Ver­bo­ten einer Auto­ri­tät kon­fron­tiert, läuft bei ihm ein psy­chi­scher „Trans­for­ma­ti­ons­pro­zeß“ ab, der die dem Sub­jekt feind­lich gegen­über­ste­hen­den Anfor­de­run­gen in eine sub­jekt­ver­träg­li­che Form bringt. So, näm­lich mit einem inne­ren, sei­ner wil­lent­li­chen Kon­trolle ent­zo­ge­nen Kon­trol­lap­pa­rat aus­ge­stat­tet, paßt das gebeu­telte Sub­jekt glän­zend zu jeder noch so har­ten Herrschaft.

Die Leug­nung des­sen, daß Gehor­sam alle­mal die wil­lent­li­che Aner­ken­nung einer zur Auto­ri­tät erklär­ten Herr­schaft bedeu­tet, und die voll­stän­dige Tren­nung die­ser sub­jek­ti­ven Leis­tung von jeg­li­chem Wil­len und Bewußt­sein durch die Erfin­dung einer psy­chi­schen Instanz, die dem Sub­jekt die Unterwerfungs„arbeit“ abnimmt, hat noch eine andere Kon­se­quenz. Die Berech­nun­gen, die die Mit­ma­cher anstel­len, um trotz ihres Scha­dens mit „ihrer“ Herr­schaft zurecht­zu­kom­men, sind dem sub­jekt­freund­li­chen Theo­re­ti­ker keine Wür­di­gung, geschweige denn eine Kri­tik wert. Kein Wun­der: Wenn schon vom Bewußt­sein über­haupt nicht die Rede ist, dann kann eben von fal­schem Bewußt­sein erst recht nicht die Rede sein.

Unter­tä­nig­keit – eine Eigen­art des Subjekts

Eine andere Vari­ante, die Unter­ta­nen­sub­jekte als Ursa­che ihrer Unter­tä­nig­keit zu bespre­chen, führt Hork­hei­mer vor:

„…so läßt sich doch die Hand­lungs­weise der Men­schen in einem gege­be­nen Zeit­punkt nicht allein durch öko­no­mi­sche Vor­gänge erklä­ren, die sich im unmit­tel­bar vor­her­ge­hen­den Augen­blick abge­spielt haben. Viel­mehr rea­gie­ren die ein­zel­nen Grup­pen jeweils auf Grund des typi­schen Cha­rak­ters ihrer Mit­glie­der, der sich ebenso sehr im Zusam­men­hang mit der frü­he­ren wie mit der gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung gebil­det hat. Die­ser Cha­rak­ter geht aus der Ein­wir­kung der gesam­ten gesell­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen her­vor, die für jede soziale Schicht in eigen­tüm­li­cher Weise funk­tio­nie­ren. … Zum Ver­ständ­nis des Pro­blems, warum eine Gesell­schaft in einer bestimm­ten Weise funk­tio­niert, warum sie zusam­men­hält oder in Auf­lö­sung begrif­fen ist, gehört daher die Erkennt­nis der jewei­li­gen psy­chi­schen Ver­fas­sung der Men­schen in den ver­schie­de­nen sozia­len Grup­pen, das Wis­sen darum, wie sich ihr Cha­rak­ter im Zusam­men­hang mit allen kul­tu­rel­len Bil­dungs­mäch­ten der Zeit gestal­tet hat.“ (I, 9 f.)

Ein ziem­lich plum­pes Argu­ment, mit dem Hork­hei­mer die Erklä­rung des Han­delns der Leute „durch öko­no­mi­sche Vor­gänge“ als unzu­rei­chend zurück­weist: Diese seien nur für den unmit­tel­bar vor­her­ge­hen­den Augen­blick zustän­dig! Eine inter­es­sante Eigen­schaft der Öko­no­mie, nur von kur­zer Dauer zu sein! Jeden­falls ver­ab­schie­det sich Hork­hei­mer mit die­ser Idio­tie gleich von jeg­li­cher Erklä­rung zuguns­ten eines Argu­ments, das schon vom Schlag­wort her Dauer und Fes­tig­keit ver­bürgt. Es ist der typi­sche Cha­rak­ter, der die Leute so han­deln läßt, wie sie es – je nach Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit (zu der sie wohl kom­men wie die Jung­frau zum Kind!) – tun. Also: Gehört einer der Gruppe der Lohn­ar­bei­ter an, so geht er nicht etwa des­we­gen täg­lich zur Arbeit, weil er auf den Lohn ange­wie­sen ist – das wäre wohl eine Erklä­rung bloß aus dem Augen­blick her­aus?! Son­dern weil sein typi­scher (Lohnarbeiter-)Charakter ihn so „han­deln“ läßt.

Auch Hork­hei­mer ver­zich­tet gleich dar­auf, über­haupt noch anzu­füh­ren, was die Leute sich denn eigent­lich bie­ten las­sen, und ersetzt die Ermitt­lung von Grün­den dafür durch die Behaup­tung, es sei eben die Eigen­art der Leute, genauso zu rea­gie­ren, wie es von ihnen ver­langt ist. Er erklärt nicht den unter­tä­ni­gen Cha­rak­ter, son­dern begrün­det umge­kehrt die Unter­tä­nig­keit der Leute aus deren Cha­rak­ter. Im Klar­text. Die Leute sind nun mal so, daß sie immer haar­ge­nau zu dem pas­sen, was von ihnen ver­langt ist!

Und wie konmt das? Hork­hei­mers Ant­wort: Die Gesell­schaft bewirkt irgend­wie, daß der ‚sub­jek­tive Fak­tor‘ zu ihr paßt. Womit er einen gran­dio­sen inhalts­lee­ren Zir­kel kon­stru­iert hat. Die Gesell­schaft funk­tio­niert, weil die Indi­vi­duen zu ihr pas­sen. Und die Indi­vi­duen pas­sen, weil die Gesell­schaft das bewirkt. Die Gesell­schaft ist durch gar nichts ande­res mehr bestimmt als durch die Funk­tion, zu ihr pas­sende Indi­vi­duen hervorzubringen.

Die Iro­nie dabei. Wie­derum lan­det der Ver­such, die sub­jek­tive Seite für den Erfolg kapi­ta­lis­ti­scher Herr­schaft zu wür­di­gen, bei der Kon­struk­tion einer mensch­li­chen Eigen­schaft, die aus­schließ­lich darin besteht, der Gewalt zu ent­spre­chen, der man unter­wor­fen ist. Der sub­jek­tive Fak­tor ist auch bei Hork­hei­mer nichts als das Abzieh­bild der Gesell­schaft – und das soll sei­nen auto­no­men Stel­len­wert aus­ma­chen! Gerade die kri­ti­sche Theo­rie ver­paßt den Leu­ten, indem sie sie als Bedin­gung der Mög­lich­keit des Funk­tio­nie­rens von Herr­schaft bespricht, die Dis­po­si­tion, genau so zu sein, wie es die herr­schen­den Auto­ri­tä­ten ver­lan­gen. Und ihr Beweis­ver­fah­ren für diese Dis­po­si­tion ist ebenso sim­pel wie tau­to­lo­gisch. Aus der prak­ti­schen Unter­tä­nig­keit der Leute wird geschlos­sen, daß an ihnen dann wohl ein wie auch immer ent­stan­de­ner Hang zur Unter­tä­nig­keit exis­tiert. Und umge­kehrt ist der Beweis für die­sen Hang schon wie­der, daß sie eben unter­tä­nig sind. Sie machen mit, weil sie über­haupt Mit­ma­cher sind. Die Exis­tenz der Unter­tä­nig­keit wird so zum Beweis ihrer unaus­weich­li­chen Notwendigkeit.

Gehor­sam als Natur­ge­setz des Willens

Die Kri­ti­sche Theo­rie wid­met sich dem Vor­ha­ben, theo­re­tisch den Unter­ta­nen­cha­rak­ter durch­zu­kon­stru­ie­ren, und das kann nicht ohne Wider­spruch abge­hen. Es ist näm­lich ein Wider­spruch, sich einer­seits zu fra­gen, warum die Leute sich Aus­beu­tung, Krieg und Gewalt gefal­len las­sen, was ja unter­stellt, daß das durch­aus keine Selbst­ver­ständ­lich­keit und schon gar keine Not­wen­dig­keit ist, und ande­rer­seits diese Frage mit der inne­ren Deter­mi­niert­heit mensch­li­chen Ver­hal­tens beant­wor­ten zu wol­len. Das treibt Blü­ten der fol­gen­den Art:

„Das Ent­schei­dende am Ver­hält­nis des Ichs zum Über-​Ich wie des Indi­vi­du­ums zu den Auto­ri­tä­ten ist sein emo­tio­nel­ler Cha­rak­ter. Der Mensch will sich vom Über-​Ich sowohl wie von der Auto­ri­tät geliebt füh­len, fürch­tet ihre Feind­schaft und befrie­digt seine Selbst­liebe, wenn er einem Über-​Ich oder sei­nen Auto­ri­tä­ten, mit denen er sich iden­ti­fi­ziert, wohl­ge­fällt. Mit Hilfe die­ser emo­tio­nel­len Kräfte gelingt es ihm, die gesell­schaft­lich unzu­läs­si­gen, bezie­hungs­weise gefähr­li­chen Impulse und Wün­sche zu unter­drü­cken.“ (I, 95)

Fromm will gleich gar nicht mehr unter­schei­den zwi­schen der Auto­ri­tät, die der Staat kraft sei­ner Gewalt gel­tend macht, und sei­ner eige­nen Fik­tion eines „über“ das „Ich“ bestim­men­den „Ichs“. Das Indi­vi­duum, das irgend­ei­ner Auto­ri­tät aus­ge­lie­fert ist, denkt er sich einer­seits als blo­ßes Objekt, Spiel­ball emo­tio­nel­ler Kräfte, Impulse, Triebe. Zugleich soll es das glatte Gegen­teil sein: Es durch­schaut die Welt und sich selbst voll­kom­men und berech­net cool, wie es ihm am bes­ten gelingt, gefähr­li­che Nei­gun­gen gegen die Auto­ri­tä­ten niederzuringen.

Das soll so gehen, daß das Indi­vi­duum aus­ge­rech­net von der Auto­ri­tät, die es fürch­tet und gegen die es „eigent­lich“ los­ge­hen will, geliebt wer­den will und sich des­halb mit ihr iden­ti­fi­ziert. Und infolge die­ser gran­dio­sen Leis­tung liebt es sich selbst auch noch. Das geniale Rezept die­ses Mons­ters: ein­fach lie­ben, was einem zu schaf­fen macht, dann braucht man es nicht zu hassen!

Mit der Rede von emo­tio­nel­len Kräf­ten und Trie­ben, wel­che für das jewei­lige Ver­hal­ten aus­schlag­ge­bend sein sol­len, ist ein gewis­ser theo­re­ti­scher Fort­schritt voll­zo­gen. Damit wird näm­lich die Vor­stel­lung erzeugt, die phy­si­sche Natur („Trieb“, „Kraft“) des Indi­vi­du­ums erzwinge, daß die­ses sei­nen Wil­len frem­den Auto­ri­tä­ten beugt. So wird die Erklä­rung der Unter­tä­nig­keit der Leute dar­aus, daß sie eben der Gesell­schaft ent­spre­chen, ergänzt um die Behaup­tung, es gäbe so was wie ein Natur­ge­setz, wel­ches das Indi­vi­duum um des­sen Selbst­er­hal­tung wil­len zur hin­ge­bungs­vol­len Unter­ord­nung unter jed­wede Auto­ri­tät drängt.

Die Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker bauen die­sen Wider­spruch eines durch die Natur bestimm­ten Wil­lens zur Unter­wer­fung zu einem Men­schen­bild aus. Sie fül­len den Trieb, der das Ver­hal­ten der Mas­sen­men­schen bewir­ken soll, mit Inhalt, und zwar ent­spre­chend ihrer Idee, daß der der Herr­schaft aus­ge­setzte Mensch den Herr­schafts­ver­hält­nis­sen ent­spre­chend kon­stru­iert sein müsse, damit diese sich behaup­ten könn­ten. Die „Triebstruk­tur“, die beim auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter ein­schlä­gig sein soll, heißt „sado­ma­so­chis­tisch“. Es erüb­rigt sich, den Ver­län­ge­run­gen nach­zu­stei­gen, wonach der Sado­ma­so­chis­mus wie­derum bedingt sei dnrch die früh­kind­li­che Sexua­li­tät usw. Alles dies sind Bebil­de­run­gen davon, daß der Mensch nicht anders könne, als das zu wol­len, was er muß, wegen sei­ner Triebe eben.

Behaup­tet ist damit jeden­falls die Absur­di­tät, daß die Leute gera­dezu auf das scharf sind, was ihnen zu schaf­fen macht. Sie seh­nen sich nach den Auto­ri­tä­ten, und zwar wegen der Gewalt, die sie über sie haben. Die Aus­übung von Gewalt pur – gegen andere (Sado) bzw. einen selbst (Maso) – soll ihnen Befrie­di­gung und Genuß ver­schaf­fen, so daß am Ende die Gewalt, mit der die Auto­ri­tä­ten aus­ge­stat­tet sind, ihren Sinn darin hat, den sado-​masochistischen Cha­rak­ter der Unter­ta­nen zu befriedigen!

So, wie die „Triebstruk­tur“ der Mas­sen cha­rak­te­ri­siert ist, ist aller­dings über­haupt nicht mehr ein­zu­se­hen, wes­halb deren wider­sprüch­li­che „Kräfte“ sich aus­ge­rech­net auf die von einer moder­nen kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ge­walt vor­ge­schrie­be­nen Mit­tel ihrer „Befrie­di­gung“ rich­ten sol­len. Warum soll­ten es sich die Sado-​Masos nicht ein­fa­cher machen und eine Gesell­schaft ein­rich­ten, in der bloß noch „gebu­ckelt“ und „getre­ten“ wird. Die ganze Geld­wirt­schaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staats­ap­pa­rat mit Poli­zei und Mili­tär sind – für das pure Gewalt­aus­üben und –ein­ste­cken doch viel zu umständ­lich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit ande­ren Din­gen geschäf­tigt und und wer­den von ihrem nack­ten Sado-​masochismus bloß unnö­tig abgelenkt.

Aber so ernst darf man diese Theo­rie offen­sicht­lich nicht neh­men. Sie soll eben bloß ein Bild für die Behaup­tung lie­fern, daß, wenn der Gegen­satz zwi­schen Herr­schaft und Unter­tan klappt, die­ser Gegen­satz gar nicht der wirk­li­che Inhalt des Ver­hält­nis­ses von Herr­schaft und Unter­ta­nen sein kann. Dann muß, so der Fehl­schluß die­ser Theo­rie, gerade durch die Schä­di­gun­gen, die der Staat der Masse sei­ner Bür­ger zumu­tet, irgend­wie eine Befrie­di­gung ‚tie­fer­lie­gen­der‘, ‚ver­bor­ge­ner‘ Bedürf­nisse (Triebe) statt­fin­den. Des­halb kommt die Kari­ka­tur eines Unter­ta­nen zustande, der alles nur des­halb tut, weil er in der Aus­übung von Gewalt gegen sich und andere Befrie­di­gung fin­det. Also: So, wie die Mas­sen bei­ein­an­der sind, haben sie genau das, was sie brauchen.

Nicht die Men­schen sind per­vers, son­dern die Gesellschaft…

Aus­ge­rech­net die­ses ras­sis­ti­sche Gedan­ken­kon­strukt von einer Triebstruk­tur, die die Men­schen zum Unter­ta­nen prä­des­ti­niert, ver­steht sich als kri­tisch. Dies des­halb, weil sich die Kri­ti­sche Theo­rie natür­lich von der Behaup­tung, diese Bestim­mung komme dem Men­schen von Natur aus zu, absetzt. Nicht die Natur, son­dern die Gesell­schaft soll den per­ver­sen Unter­ta­nen­cha­rak­ter auf dem Gewis­sen haben. Bloß. Ers­tens ändert die­ser Zusatz nichts an dem ein­mal defi­nier­ten inne­ren Ent­spre­chungs­ver­hält­nis zwi­schen Opfer und Herr­schaft: Wie und durch wen auch immer her­vor­ge­bracht – die Unter­tä­nig­keit haf­tet den Leu­ten als ihrem Wil­len ent­zo­gene – eben gesell­schaft­li­che – Naturei­gen­schaft an. Zwei­tens ergibt diese mate­ria­lis­ti­sche Unter­maue­rung der psy­cho­lo­gri­schen Cha­rak­ter­kunde wie­derum einen unauf­lös­li­chen Zir­kel: Die Gesell­schaft erzeugt immer wie­der genau den Cha­rak­ter, den sie als den „Kitt“ braucht, mit dem sie „sich zusam­men­hält“. Aus die­ser „nega­ti­ven Tota­li­tät“ gibt’s dann end­gül­tig kein Ent­rin­nen mehr. Die auto­ri­täre Gesell­schaft unter­drückt nicht nur, son­dern schafft sich auch gleich noch die Indi­vi­duen dazu, die das hin­neh­men, ja sich darin auf­ge­ho­ben fühlen.

„In der auto­ri­tä­ren Gesell­schaft wird der sado­ma­so­chis­ti­sche Cha­rak­ter durch die öko­no­mi­sche Struk­tur erzeugt, wel­che die auto­ri­täre Hier­ar­chie not­wen­dig macht. Wie in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft über­haupt, so ist auch im auto­ri­tä­ren Staat das Leben des Ein­zel­nen umso mehr, je tie­fer er in der Hier­ar­chie steht, dem Zufall preis­ge­ge­ben. Die rela­tive Undurch­schau­bar­keit des gesell­schaft­li­chen und damit des indi­vi­du­el­len Lebens schafft eine schier hoff­nungs­lose Abhän­gig­keit, an die sich das Indi­vi­duum anpaßt, indem es eine sado­ma­so­chis­ti­sche Cha­rak­ter­struk­tur ent­wi­kkelt.“ (I, 118)

Von der „öko­no­mi­schen Struk­tur“ der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, die Fromm als Ursa­che des „sado­ma­so­chis­ti­schen Cha­rak­ters“ anführt, will er gar nichts wis­sen. Er gibt ja über­haupt kein öko­no­mi­sches Prin­zip an, nach dem die Men­schen in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft sor­tiert wer­den. Mehr noch: Er will eine Kar­rie­re­lei­ter ent­deckt haben, deren absur­des Fest­le­gungs­prin­zip darin beste­hen soll, die Men­schen – aus­ge­rech­net „je tie­fer sie in der Hier­ar­chie ste­hen“ – umso weni­ger fest­zu­le­gen. Eine Unsinns­be­stim­mung, bei der man sich fragt, ob Fromm wirk­lich nicht weiß, daß gerade auf den „unte­ren Stu­fen“ die Alter­na­ti­ven sehr ein­deu­tig sind, auf die bür­ger­li­che Indi­vi­duen fest­ge­legt wer­den: Arbeit mit viel Leis­tung und einem Lohn, der zu lau­ter sehr eng umschrie­be­nen Ein­tei­lungs­kunst­stü­cken zwingt, oder Arbeits­lo­sig­keit mit ziem­lich genau defi­nier­ten Ezis­tenz­nö­ten. Dies eine Aus­lie­fe­rung an den „Zufall“ zu nen­nen, ist schon sehr komisch, zumal ja auch das Kri­te­rium, nach dem Kapi­ta­lis­ten ein– und aus­stel­len, einem Ken­ner der „öko­no­mi­schen Struk­tur“ nicht unbe­kannt sein dürf­ten: daß Arbeit nur bezahlt wird, wenn sie sich für den Pro­fit lohnt.

Der kleine Kunst­griff, den der Herr Psy­cho­öko­nom hier anwen­det, besteht darin, daß er (s)eine fal­sche psy­cho­lo­gi­sche Deu­tung der Gefähr­dung der Exis­tenz, die denen „unten“ oder „ganz unten“ im Kapi­ta­lis­mus zuge­mu­tet wird, näm­lich die Inter­pre­ta­tion, man sei dem Wir­ken anony­mer Mächte (=„Schick­sal“) aus­ge­lie­fert und wisse in sei­ner Not weder aus noch ein, als objek­ti­ves Urteil, ja als das Cha­rak­te­ris­ti­kum der kapi­ta­lis­ti­schen Hier­ar­chie angibt. Sie zeichne sich durch Undurch­schau­bar­keit aus! Die prin­zi­pi­elle Unmög­lich­keit, eine Sache durch­bli­cken zu kön­nen, als Eigen­schaft irgend­ei­ner Sache zu behaup­ten, ist aller­dings ein ein­zi­ger Wider­spruch. Wenn dies wirk­lich zuträfe, dann könnte auch Herr Fromm diese Eigen­schaft nicht als Resul­tat sei­nes famo­sen Durch­blicks ver­kün­den! Und dar­auf legt er ja schon Wert. daß er schon weiß, was in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft gespielt wird. Und was weiß er? Daß die Mas­sen – wegen der „öko­no­mi­schen Struk­tur“ – nicht durch­bli­cken kön­nen! Das soll ja die Erkennt­nis­leis­tung über das bür­ger­li­che Getriebe sein, die der gute Mann eben den Mas­sen vor­aus hat. Sei’s drum.

Die Mas­sen jeden­falls, meint Fromm, „pas­sen sich an“. Bloß: Woran denn eigent­lich, wenn sie gar nicht durch­bli­cken? „Anpas­sung“ unter­stellt doch alle­mal ein Wis­sen um den Gegen­satz zwi­schen dem eige­nen Inter­esse und einem frem­den, dem man sich in der Berech­nung anbe­quemt, daß so das eigene Anlie­gen immer noch bes­ser zur Gel­tung käme als durch die Aus­tra­gung des unter­stell­ten Gegen­sat­zes. Sie unter­stellt also auch ein Bewußt­sein von der Abhän­gig­keit, in der man sich befin­det, näm­lich, daß die „Mächte“, denen man sich unter­ord­net, ein mate­ri­el­les Mit­tel in der Hand haben, womit sie die eigene Lebens­ge­stal­tung bestim­men. Von wegen also, es sei der man­gelnde Durch­blick, der eine noch dazu „schier hoff­nungs­lose“ Abhän­gig­keit schaffe! Wenn dem im übri­gen so wäre, dann wäre es doch auch damit getan, daß die Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker den Durch­blick, über den sie ja zu ver­fü­gen vor­ge­ben, den wer­ten Mas­sen zur Ver­fü­gung stel­len. Dann wäre es ja vor­bei mit die­ser lei­di­gen Abhängigkeit.

Fromm und sei­nes­glei­chen liegt frei­lich nichts fer­ner als das. Sie sind so scharf auf die Kon­struk­tion eines völ­lig inhalts­lee­ren und bewußt­lo­sen Abhän­gig­keits­be­wußt­seins, daß sie noch den absur­des­ten Deu­tun­gen der Zumu­tun­gen, die die bür­ger­li­che Welt ihren Unter­ta­nen ange­dei­hen läßt, recht­ge­ben und sie zur schlecht­hin nicht mehr kri­ti­sier­ba­ren Objek­ti­vi­tät der bür­ger­li­chen Ver­hält­nisse selbst erklären:

„Je mehr umge­kehrt die Wider­sprü­che inner­halb der Gesell­schaft anwach­sen und je unlös­ba­rer sie wer­den, je blin­der und unkon­trol­lier­ter die gesell­schaft­li­chen Kräfte sind, je mehr Kata­stro­phen wie Krieg nnd Arbeits­lo­sig­keit als unab­wend­bare Schick­sals­mächte das Leben des Indi­vi­du­ums über­schat­ten, desto stär­ker und all­ge­mei­ner wird die sado­ma­so­chis­ti­sche Triebstruk­tur und damit die auto­ri­täre Cha­rak­ter­struk­tur, desto mehr wird die Hin­gabe an das Schick­sal zur obers­ten Tugend und zur Lust. Diese Lust macht es über­haupt erst mög­lich, daß die Men­schen ein sol­ches Leben gern und wil­lig ertra­gen, und der Maso­chis­mus erweist sich als eine der wich­tigs­ten psy­chi­schen Bedin­gun­gen für das Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaft, als ein Haupt­ele­ment des Kitts, der sie immer wie­der zusam­men­hält.“ (I, 122)

Hält der Kri­ti­sche Theo­re­ti­ker die Cha­rak­te­ri­sie­rung von Arbeits­lo­sig­keit und Krieg als „kata­stro­phen“ und „unab­wend­bare“ Schick­sals­schläge tat­säch­lich für zutref­fende Kenn­zeich­nun­gen die­ser „Ereig­nisse“, die im bür­ger­li­chen Betrieb an der Tages­ord­nung sind? Oder will er damit bloß die unter­tä­nige Per­spek­tive kenn­zeich­nen, die nor­male Staats­bür­ger dazu ein­neh­men, wenn sie sich als Betrof­fene defi­nie­ren und die mit Arbeits­lo­sig­keit und Krieg ver­lang­ten Opfer als „Lebens­lage“ auf­fas­sen, aus der man eben das Beste machen muß? Schwer zu ent­schei­den, was Fromm sel­ber weiß und was nicht – jeden­falls will er hier gar nicht zwi­schen den dümms­ten Ideo­lo­gien und den bana­len Wahr­hei­ten über die bür­ger­li­che Gesell­schaft unter­schei­den. Ihm fiele nicht ein­mal im Traume ein, den von ihm zitier­ten unter­tä­ni­gen Schick­sals­glau­ben mit dem Hin­weis zu kri­ti­sie­ren, daß Arbeits­lo­sig­keit kei­nes­falls das Resul­tat „unkon­trol­lier­ter gesell­schaft­li­cher Kräfte“ ist, son­dern sich den staat­lich geschütz­ten Berech­nun­gen kapi­ta­lis­ti­scher Unter­neh­mer ver­dankt, die mit der Beschäf­ti­gung oder Nicht­be­schäf­ti­gnng von Lohn­ar­bei­tern ihre Kon­kur­renz gegen­ein­an­der aus­tra­gen; und daß Kriege eben­falls nicht durch „blinde“ Kräfte zustan­de­kom­men, son­dern aus der Kon­kur­renz natio­na­ler Sou­ve­räne ent­ste­hen, die die jeweils andere höchste Gewalt als Hin­der­nis ihrer „berech­tig­ten“ natio­na­len Inter­es­sen betrachten.

Denn so viel steht fest: Die noch nicht ein­mal spe­zi­fisch bür­ger­li­che Ideo­lo­gie vom Wal­ten düs­te­rer Mächte, denen der bür­ger­li­che Erden­wurm auf Gedeih und Ver­derb aus­ge­lie­fert sei, paßt ihm für sein gesell­schaft­li­ches Natur­ge­setz der Sub­jek­ti­vi­tät so gut in den Kram, daß er sie gleich zu der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät erklärt, die für den „sub­jek­ti­ven Fak­tor“ aus­schlag­ge­bend ist. Ein biß­chen „Schick­sal“ muß die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft schon sein, damit sie ihre Rolle als unab­hän­gige Varia­ble für Fromms „Gesetz“ spie­len kann, wonach die abhän­gige Varia­ble „Cha­rak­ter­struk­tur“ umso zuver­läs­si­ger funk­tio­niert, je übler ihrem Trä­ger mit­ge­spielt wird.

Mal abge­se­hen davon, wie „Hin­gabe“ ans „Schick­sal“ quan­ti­ta­tiv zu stei­gern gehen soll („je … desto“); daß Tugend und Lust auch zwei ziem­lich gegen­sätz­li­che sub­jek­tive Stel­lun­gen bezeich­nen – Fromm hat hier natür­lich mit kei­ner Silbe erklärt, wie die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft den „Sado-​Maso“ erzeugt. Wie auch, wo doch aus Arbeits­lo­sig­keit und Krieg über­haupt keine bestimmte Stel­lung dazu folgt! Umge­kehrt: Sein Resul­tat, daß mit den Zumu­tun­gen ans bür­ger­li­che Indi­vi­duum des­sen Lust am Erdul­den wächst – so daß am Ende jede neue „Kata­stro­phe“, die über das Mensch­lein „her­ein­bricht“, zu einem Son­der­ser­vice an sei­nem Gefühls­le­ben wird -, unter­stellt schon das Cha­rak­ter­mons­trum, wel­ches sich immer haar­ge­nau das sehn­lichst wünscht, was ihm ange­tan wird. Es ist wie­der jenes Ver­fah­ren des Ana­lo­gie­schlus­ses, mit dem Indi­vi­duum und Gesell­schaft wech­sel­sei­tig so zurecht­de­fi­niert wer­den, daß sie dann lücken­los zuein­an­der passen.

Die kri­ti­sche Theo­rie des Sub­jekts – eine ein­zige Antikritik

Die theo­re­ti­sche Maxime, man müsse den sub­jek­ti­ven Fak­tor ins Visier neh­men, um zu erklä­ren, warum die poli­ti­sche Gewalt des Kapi­ta­lis­mus sich so erfolg­reich ihres Men­schen­ma­te­ri­als bedie­nen kann, hält im Aus­gangs­punkt ganz for­mell einen Gegen­satz fest zwi­schen denen, die über die öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Macht ver­fü­gen und denen, die sich ihr zu beu­gen haben. Daß die­ser Gegen­satz aber eben bloß ganz for­mell, näm­lich als pures Herr­schafts­ver­hält­nis, auf­ge­faßt wird, ist zugleich der völ­lig ver­kehrte Aus­gangs­punkt die­ser Theo­rie. Sie will näm­lich vom Inhalt der öko­no­mi­schen Macht im Kapi­ta­lis­mus und den poli­ti­schen Zwek­ken des domo­kra­ti­schen Gewalt­mo­no­pols nichts wis­sen, damit also auch nichts von den Grün­den, die den Rest der Mann­schaft dazu bewe­gen, ihren Inter­es­sen unter den ihnen vor­aus­ge­setz­ten Bedin­gun­gen nach­zu­ge­hen und dabei aller­lei Schä­di­gun­gen in Kauf zu neh­men. Statt des­sen kon­stru­iert sie ein Rät­sel des Inhalts, wie es vor sich gehen kann, daß jemand aus freiem Wil­len Ver­hält­nisse ein­geht, die sei­nem Inter­esse zuwi­der­lau­fen. Der Schluß, daß dafür der freie Wille in der Tat auch nicht der Grund sein kann, son­dern ent­spre­chende mate­ri­elle Erpres­sungs­mit­tel vor­lie­gen müs­sen, die dem freien Wil­len die Wei­sen sei­ner Betä­ti­gung dik­tie­ren, wird ver­mie­den zuguns­ten des Fehl­schlus­ses, daß, was nicht aus freiem Wil­len pas­siert, auch über­haupt nicht mit Wil­len und Bowußt­sein gesche­hen könne. Mit die­sem Kunst­griff wird dann eine im Inne­ren des Sub­jekts wir­kende Instanz erfun­den, die des­sen Wil­len zur Unter­wer­fung determiniert.

Damit ist frei­lich nicht nur die Spe­zi­fik des bür­ger­li­chen Ver­hält­nis von Herr­schaft und Unter­tan geleug­net, wel­ches den freien Wil­len aus­drück­lich aner­kennt und in der Benut­zung des Inter­es­ses der Aus­ge­beu­te­ten für Dienste besteht, in deren Voll­zug deren Wohl­er­ge­hen auf der Stre­cke bleibt. Es wird auch der Wille über­haupt geleug­net, und zwar wie­derum auf bei­den Sei­ten des Herr­schafts­ver­hält­nis­ses: Daß die bür­ger­li­che Herr­schaft tat­säch­lich keine „Will­kür­herr­schaft“ ist, die sich nach den Vor­lie­ben der Herr­scher­fi­gu­ren rich­tet, wird gleich so ver­dreht, daß sie zur „anony­men“ Macht erklärt wird, ganz so, als sei die Lüge vom „Sach­zwang“, dem auch die unter­lie­gen wür­den, die ihn ein­rich­ten, tat­säch­lich wahr. Und die tat­säch­li­che Leis­tung moder­ner staats­bür­ger­li­cher Mit­ma­cher, die in der selbst­be­wuß­ten Aner­ken­nung der maß­geb­li­chen Inter­es­sen von Geschäft und Gewalt eben als „Sach­zwänge“ besteht, unter denen man sein Glück zu machen hat, wird so ver­dreht, als seien moderne Staats­bür­ger wil­len­lose Sub­jekte, die ohne Füh­rung und Auto­ri­tät regel­recht auf­ge­schmis­sen wären.

Mehr noch: Der ein­gangs behaup­tete Gegen­satz, der ja die ganze Ver­wun­de­rung über das „Mit­ma­chen“ her­vor­ge­ru­fen hat, wird voll­stän­dig auf­ge­löst. Der Gegen­satz von Herr­schaft und Unter­ta­nen wird zum blo­ßen Vor­der­grund eines hin­ter­grün­di­gen, aber umso wirk­sa­me­ren, Ent­spre­chungs­ver­hält­nis­ses. Nach der Logik. Weil die Leute einen Gegen­satz gegen sich nicht wol­len kön­nen, kann es sich recht eigent­lich auch nicht um einen Gegen­satz han­deln, son­dern irgend­wie müs­sen die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse den Leu­ten schon ent­spre­chen, mögen sie auch noch so sehr gebeu­telt wer­den. Die Ent­spre­chung wird zweck­mä­ßi­ger Weise ins Men­schen­in­nere ver­legt, wo sowieso nie­mand nach­gu­cken kann.

Das ein­zige ‚Argu­ment‘, was diese Sub­jekt­freunde für das Ent­spre­chungs­ver­hält­nis ins Feld füh­ren, und das immerzu, besteht in dem Deu­ten dar­auf, daß das Herr­schafts­ver­hält­nis gelingt, daß die Leute prak­tisch den Anfor­de­run­gen von Öko­no­mie und Poli­tik nach­kom­men und auch noch für den gan­zen Laden sind. Nur ist das über­haupt kein Argu­ment, son­dern allen­falls ein Fak­tum, das im Aus­gangs­punkt ja noch für erklä­rungs­be­dürf­tig befun­den wurde. Daß die Sache so ist, ist kein Beweis dafür, daß es dann auch gar nicht anders geht. Und daß die Leute bei etwas mit­ma­chen, was ihre Inter­es­sen immer nur sehr bedingt zum Zuge kom­men läßt, ist auch kein Beweis dafür, daß sie dann im Mit­ma­chen eine tie­fere Befrie­di­gung finden.

Diese Theo­rie ist eine ein­zige Anti­kri­tik. Sie will den Beweis anstren­gen für die Unmög­lich­keit einer prak­ti­schen Auf­kün­di­gung der Gefolg­schaft gegen­über einem Staat, der für reich­lich Armut und Gewalt hier und anderswo ver­ant­wort­lich zeich­net. ‚Schaut her, dem Volk paßt’s doch!‘ heißt ihr gan­zer Beweis.

Und das Ganze aus geheu­chel­ter Par­tei­n­ahne für den Herrn Unter­ta­nen, der aber nun mal so ist, wie er ist, und von dem man sich als Elite natür­lich unter­schei­det. Z.B. dadurch, daß man die „Mecha­nis­men“ kennt, die die „Mas­sen“ zur Gefü­gig­keit disponieren.

Die Anhän­ger die­ser Theo­rie den­ken sel­ber natür­lich nicht im Traum an prak­ti­sche Oppo­si­tion gegen irgend­eine Zweck­set­zung von Staat nnd Kapi­tal. Ihre ganze Theo­rie besteht ja in der Suche nach unaus­weich­li­chen Grün­den für Unter­wer­fung. Sie sel­ber bil­den sich natür­lich was drauf ein, lau­ter gute und bes­sere Not­wen­dig­kei­ten für den kapi­ta­lis­ti­schen Laden zu ken­nen: für die Markt­wirt­schaft, das Gewalt­mo­no­pol und nicht zuletzt für die Ver­tei­di­gung der Nation. Bloß: Wel­cher Mit­ma­cher ist nicht der Auf­fas­sung, daß seine Gründe dafür alle­mal bes­ser sind als die der ande­ren Mitmacher?

Auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter braucht Antisemitismus

Die uner dem Titel „Der auto­ri­täre Cha­rak­ter“ von Adorno und ande­ren durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen über „Auto­ri­tät und Vor­ur­teil“ sind durch und durch von einem theo­re­ti­schen Vor­ur­teil geleitet:

„Hier (gemeint sind anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen) ist der Wider­spruch zwi­schen Urteil und Erfah­rung der­art schla­gend, daß die Exis­tenz des Vor­ur­teils nur aus star­ken psy­chi­schen Impul­sen zu erklä­ren ist.“ (II, Bd. 2, 240)

Um ein Vor­ur­teil auf der Seite von Adorno han­delt es sich hier inso­fern, als mit dem Hin­weis auf einen Wider­spruch zwi­schen Urteil und Erfah­rung jede wei­tere Befas­sung mit den anti­se­mi­ti­schen Urtei­len, und erst recht eine Kri­tik der­sel­ben für über­flüs­sig befun­den wird. Bloß weil er sich nicht erklä­ren will, wel­cher Stel­lung zu Öko­no­mie und Poli­tik der Nation sich Ver­ur­tei­lun­gen von Juden als undeutsch, unpa­trio­tisch, Schma­rot­zer usw. ver­dan­ken, bestrei­tet Adorno mit dem ‚Schluß‘ auf ‚psy­chi­sche Impulse‘ auch gleich, daß es sich dabei über­haupt um Urteile han­delt, mit denen man sich aus­ein­an­der­set­zen könnte: Was durch einen ‚Impuls‘ ver­ur­sacht ist, ist schließ­lich eine unwei­ger­li­che, quasi natür­li­che Reaktion!

Es stimmt ja, daß der Anti­se­mi­tis­mus nicht aus der Erfah­rung mit den tat­säch­li­chen Juden gewon­nen ist. Aber dar­aus folgt nur, daß die ein­schlä­gi­gen Be– und Ver­ur­tei­lun­gen einem ande­ren Stand­punkt ent­sprin­gen als dem, sich seine Erfah­run­gen zu erklä­ren. Was das für einer ist, ergibt sich nur aus der Befas­sung mit den dabei gefäll­ten Urtei­len. Das aber lehnt Adorno ab. So ver­paßt die Kri­ti­sche Theo­rie ziel­stre­big die Eigen­art natio­na­len Den­kens. Wer ganz unge­ach­tet des­sen, was Arbei­ter, Stu­den­ten, kleine Geschäfts­leute, Poli­ti­ker oder Finanz­ma­gna­ten zu tun und zu las­sen haben, behaup­tet, deren Iden­ti­tät bestehe darin, daß sie deutsch oder un-​deutsch seien, der bringt schließ­lich eine Inter­pre­ta­tion von deren Trei­ben zur Anwen­dung, wel­che die sehr gegen­sätz­li­chen Cha­rak­tere hin­sicht­lich ihrer Volks­zu­ge­hö­rig­keit unter­schei­det. Wer sol­che Urteile fällt, läßt sich nicht und will sich auch nicht daran mes­sen las­sen, ob sie mit irgend­ei­ner ‚Erfah­rung‘ über­ein­stim­men. Umge­kehrt. So jemand hat ja gerade im Jude­sein das Kri­te­rium fest­ge­legt, unter dem ihm alle Deut­schen jüdi­scher Abstam­mung als prin­zi­pi­ell ver­däch­tig, weil volks­fremd, erschei­nen, und legt sich von daher will­kür­lich „Belege“ für die­sen Befund zurecht, die er als sei­ner „Erfah­rung“ ent­sprin­gend behauptet.

Daß es sich beim Anti­se­mi­tis­mus um einen poli­ti­schen Stand­punkt han­delt, um ein Staats­pro­gamm, das eine innere Sor­tie­rung des Volks­kör­pers für nötig hielt, um die deut­sche Nation wie­der zu der ihr angeb­lich zuste­hen­den Größe zu füh­ren, wird Adorno wohl bekannt gewe­sen sein. Mit dem Beschluß, die­ses Pro­gramm als Wir­kung psy­chi­scher Impulse zu deu­ten, erklärt er den Anti­se­mi­tis­mus aber rund­her­aus zu einem quasi unver­zicht­ba­ren Mit­tel der Leute, die für die­ses anspruchs­volle Staats­pro­gamm sel­ber gera­de­zu­ste­hen hat­ten, mit sich selbst zurecht­zu­kom­men. Dank die­ses Beschlus­ses, ein­zig die mensch­li­che Psy­che als Ursa­che des Anti­se­mi­tis­mus in Betracht zu zie­hen, braucht vom Anti­se­mi­tis­mus selbst wei­ter gar nicht mehr die Rede zu sein. Was immer es mit ihm auch auf sich haben mag, laut Adorno ist irgend­wie – funk­tio­nal für den See­len­haus­halt. Die­sen legt er sich ent­spre­chend zurecht.

„…die – zum gro­ßen Teil unbe­wußte – Feind­schaft, im Indi­vi­duum ver­ur­sacht durch Trieb­ver­zicht und Repres­sion, und sozial von sei­nem eigent­li­chen Objekt abge­lenkt, braucht ein Ersatz­ob­jekt; dadurch gewinnt sie für das Sub­jekt einen rea­lis­ti­schen Aspekt, das, wie die Dinge lie­gen, radi­ka­le­ren Äuße­run­gen des man­geln­den Kon­tak­tes mit der Rea­li­tät, d.h. einer Psy­chose aus­wei­chen muß… Alle diese Bedin­gun­gen wer­den in hohem Maße von dem Phä­no­men ‚Jude‘ erfüllt. Das heißt nicht, daß Juden sich unbe­dingt Haß zuzie­hen müs­sen, oder daß eine unab­wend­bare his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit sie eher als andere das ideale Angriffs­ziel sozia­ler Aggres­si­vi­tät sein läßt. Es genügt, daß sie diese Funk­tion im psy­chi­schen Haus­halt vie­ler Indi­vi­duen erfül­len kön­nen. … Anti­se­mi­tis­mus als ein Mit­tel, sich in einer kal­ten, ent­frem­de­ten und weit­hin unver­ständ­li­chen Welt zu ‚ori­en­tie­ren‘.“ (II, Bd. 2, 211 f.)

Eine „unbe­wußte Feind­schaft“, die ihr „Objekt“ erst noch fin­den muß, gibt es nicht. Was soll das denn sein, eine Feind­schaft, von der man nichts weiß, und die über­haupt kein ‚woge­gen‘ kennt?! Einen inhalts­lee­ren Trieb, als wel­chen Adorno sich diese „Feind­schaft“ offen­bar vor­stellt, kann man auch von kei­nem „eigent­li­chen Objekt“ ablen­ken auf ein „Ersatz­ob­jekt“. Wenn es schon ein Trieb sein soll, dann ver­mag der sol­che Unter­schei­dun­gen gar nicht zu tref­fen. Ent­we­der ist der Trieb auf ein bestimm­tes „Objekt“ gerich­tet, dann läßt er sich nicht ablen­ken – wie der Name ‚Trieb‘ schon sagt. Oder er ist völ­lig unbe­stimmt, auf nichts gerich­tet, dann gibt es kei­nen Unter­schied zwi­schen „eigent­li­chem“ und unei­gent­li­chem „Ersatz­ob­jekt“. Dann paßt eben jedes Objekt auf den Trieb. Und wie sollte gar ein so ‚getrie­be­nes‘ „Sub­jekt“, dem es noch dazu an Kon­takt mit der Rea­li­tät gänz­lich man­geln soll, aus­ge­rech­net auf die Juden als seine Feinde ver­fal­len? Für jeman­den, der irgend etwas braucht, damit sein ima­gi­nä­rer Feind­schafts­trieb ein Objekt hat, tut es doch jeder Pro­fes­sor, Poli­zist, Hund oder Katze.

Die­ser logi­sche Unsinn ver­dankt sich dem Beschluß, den vor­ge­fun­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in die Psy­che hin­ein­zu­ver­le­gen, um ihn dann – hin­ein­schauen kann da ja bekannt­lich sowieso nie­mand – als ihr Ver­lan­gen wie­der her­aus­zu­zau­bern. Dafür, daß die Juden genau in den „psy­chi­schen Haus­halt“ gepaßt haben, hat Adorno denn auch kein ein­zi­ges Argu­ment. Wie auch! Das Fak­tum, daß die Juden ver­folgt wur­den, reicht ihm als Beweis für sei­nen Schluß, daß die­ses „Objekt“ zu den Leu­ten gepaßt haben muß. So ver­leiht er dem Fak­tum den Schein der Not­wen­dig­keit: Die Leute haben den Anti­se­mi­tis­mus gebraucht. Zwar demen­tiert er selbst noch, daß die Juden not­wen­di­ger­weise das „Angiffs­ziel“ sein muß­ten. Aber auch hier „genügt“ ihm die Tat­sa­che, daß sie es waren, für den ‚Schluß‘, daß ja wohl etwas an ihnen dran gewe­sen sein muß, was sie dafür geeig­net gemacht hat.

Was die „Ori­en­tie­rung“ betrifft, die die Juden als Angriffs­ob­jekte den Men­schen in ihrer kal­ten, ent­frem­de­ten und unver­ständ­li­chen Welt gebo­ten haben sol­len, so gibt die­ser Gedanke ein­zig Auf­schluß dar­über, was einem Adorno als Volks­be­glü­ckung ein­leuch­tet. Nichts scheint ihm offen­bar selbst­ver­ständ­li­cher, als daß der Mensch „Ori­en­tie­rung“ braucht, geis­tige Füh­rung, etwas, wonach er sich rich­ten müs­sen darf. Er denkt sich den Men­schen eben gar nicht anders als einen Unter­tan, des­sen ent­schei­den­des Lebens­mit­tel darin besteht, daß ihm jemand sagt, wo es lang­geht. Und daß den Men­schen ihr Bedürf­nis nach Wärme, mensch­li­cher Nähe und Durch­blick aus­ge­rech­net durch die Her­stel­lung einer kampf­be­rei­ten Volks­ge­mein­schaft und die damit ver­bun­dene Defi­ni­tion eines zum Abschuß frei­ge­ge­be­nen Fein­des befrie­digt wor­den sei, leuch­tet nur jeman­dem ein, der von vor­ne­her­ein davon über­zeugt ist, daß all das, was staat­li­che Macht­ha­ber mit ihrem Volk anstel­len, den inners­ten Bedürf­nis­sen der „Masse“ ent­spre­chen muß, wenn es funk­tio­nie­ren soll. Daß die Mit­ma­cher bei einem Staats­pro­gamm, das für sie selbst und andere Opfer für das Wie­der­er­star­ken der Nation bedeu­tet, sich einen für sie sehr schäd­li­chen Wider­spruch leis­ten und des­halb viel­leicht zu kri­ti­sie­ren wären, liegt Adorno und Co völ­lig fern. Deren Theo­rie leis­tet eine ein­zige Ent­schul­di­gung der Mit­ma­cher, die, ganz Spiel­ball ihrer Triebe, ihr ver­ständ­li­ches Bedürf­nis nach „Ori­en­tie­rung“ zwar am fal­schen „Objekt“, aber doch immer­hin befrie­digt bekom­men hät­ten; so daß man ihnen das nicht wei­ter ankrei­den darf, weil ihnen ja eine andere – dem demo­kra­ti­schen Geschmack ent­spre­chende – „Ori­en­tie­rung“ vor­ent­hal­ten wor­den ist. Zugleich äußert diese Theo­rie ihre herz­lichste Ver­ach­tung und Beschul­di­gung der Mit­ma­cher. Wer, wel­che Natu­ren las­sen sich denn schon mit „Ersatz­ob­jek­ten“ abspei­sen und durch Triebe deter­mi­nie­ren?! Adorno doch wohl nicht!

Es müs­sen also ziem­lich ver­korkste Sub­jekte sein, auto­ri­täre Cha­rak­tere eben, schwa­che Ichs und der­glei­chen, denen so etwas pas­siert. Die kön­nen nicht anders. Ob Be– oder Ent­schul­di­gung – in jedem Fall ist eine gewisse Ver­wandt­schaft zum Deu­tungs­mus­ter ras­sis­ti­scher Theo­rie nicht zu über­se­hen. Denn immer­hin wird so ein gan­zes Herr­schafts­pro­gamm, für das das ver­füg­bare Men­schen­ma­te­rial nicht zu knapp ver­heizt wurde, aus dem angeb­lich inners­ten See­len­be­dürf­nis eben die­ses Men­schen­ma­te­ri­als abge­lei­tet. Woran man sieht, daß ein theo­re­ti­scher Ras­sis­mus auch ohne einen Rück­griff auf Gene zu haben ist.

I Adorno, Fromm, Hork­hei­mer; Auto­ri­tät und Fami­lie, Bd. 1

II dies.; Auto­ri­tät und Fami­lie, Bd. 2

III Th. W. Adorno; Dia­lek­tik der Aufklärung