Argu­mente gegen die Soziologie

Die Sozio­lo­gie

Eine Meta­phy­sik von den Natur­ge­set­zen des gesell­schaft­li­chen Zusammenlebens

Quelle: Mar­xis­ti­sche Gruppe (MG), 1990

Argu­mente gegen die Soziologie

Die Sozio­lo­gie

Eine Meta­phy­sik von den Natur­ge­set­zen des gesell­schaft­li­chen Zusammenlebens

Wer sich die gesell­schaft­li­che Ver­hält­nisse eines Lan­des erklä­ren will, wird auf deren Eigen­art schon ach­ten müs­sen. Schließ­lich ist es ein erheb­li­cher Unter­schied, ob eine Bau­ern­mann­schaft von Feu­dal­her­ren in Leib­ei­gen­schaft gehal­ten und zu Fron­diens­ten gepreßt wird, ob sich die gesell­schaft­li­che Stel­lung am Besitz von Geld ent­schei­det und eine eigen­tums­lose Arbei­ter­schaft sich ganz frei dem „markt­wirt­schaft­li­chen“ Dienst an frem­den Reich­tum in den Fabri­ken und Büros staat­lich geschütz­ter Pri­vat­ei­gen­tü­mer zur Ver­fü­gung stel­len muß, oder ob in einem Rea­len Sozia­lis­mus das Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln abge­schafft ist und Leis­tung und Ertrag der Arbeit ganz in die Dis­po­si­tion eines volks­ei­ge­nen Staa­tes gestellt sind, der ver­spricht, den selbst­lo­sen Ein­satz der Mas­sen zu sti­mu­lie­ren, um sei­nem Volk zu die­nen. Auf die Zwe­cke, für die pro­du­ziert und geherrscht wird, kommt es schon an. Sonst brauchte im übri­gen keine DDR-​Gesellschaft per Wäh­rungs­union und Anschluß auf ein Sys­tem der „Markt­wirt­schaft“ und der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie umge­stellt wer­den. So klein­lich sind Sozio­lo­gen nicht, daß sie sich bei ihren Gesell­schafts­ana­ly­sen bei die­sen Beson­der­hei­ten auf­hal­ten würden:

Kapi­ta­lis­mus ist Gesell­schaft, alles andere auch !

„Selbst­ver­ständ­lich gibt es eine immense Viel­falt von Gesell­schafts­ty­pen, von den sehr klei­nen, pri­mi­ti­ven Gemein­schaf­ten über die feu­da­len Sys­teme des alten Euro­pas und Asi­ens bis zu den kom­ple­xen Gesell­schaf­ten des moder­nen Indus­trie­zeit­al­ters. Auf­gabe der Sozio­lo­gie ist es, diese Viel­falt als Erschei­nungs­for­men des Sozia­len zu begrei­fen. Im Mit­tel­punkt einer sozio­lo­gi­schen Ana­lyse ste­hen die For­men und Bezie­hun­gen, die mit allem Gesell­schaft­li­chen ver­bun­den sind. Sozio­lo­gie fragt nach den Kon­sti­tu­ti­ons­prin­zi­pien des Sozia­len Lebens.“ PARSONS

Sozio­lo­gen wis­sen, daß es die ver­schie­dens­ten Gesell­schaf­ten gibt, auch wenn sie deren Unter­schied nur in den begriffs­lo­sen Anti­po­den von „pri­mi­tiv“ und „kom­plex“, „alt“ und „modern“ (nicht) zu kenn­zeich­nen ver­mö­gen. Sie hal­ten es aber gera­dezu für unwis­sen­schaft­lich, diese Beson­der­hei­ten fest­zu­hal­ten und sich mit ihnen zu befas­sen. Das wahre Wesen all die­ser Phä­no­mene zeige sich erst in einer sozio­lo­gi­schen Ana­lyse, der es darum gehe, dies alles als „Erschei­nungs­form“ des immer glei­chen zu erklä­ren. Sozio­lo­gen hal­ten die Erklä­rung des bestimm­ten Cha­rak­ters einer Gesell­schaft also durch einen Aus­flug ins All­ge­meine, ins Reich der „Kon­sti­tu­ti­ons­prin­zi­pien des Sozia­len“, nicht für ver­fehlt oder noch nicht für ein­ge­löst, son­dern für erle­digt. Wer näm­lich die ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten als „Erschei­nungs­form“ ein und des­sel­ben begrei­fen will, setzt sich über die­sen Unter­schied zwi­schen kon­kret und abs­trakt hin­weg. Dem geht es darum, sich all diese Unter­schiede aus dem Kopf zu schla­gen und zu glau­ben, genau damit ließe sich deren Eigen­art erfas­sen. Das Ergeb­nis, zu dem Sozio­lo­gen auf die­sem Wege gelan­gen, ist des­we­gen ebenso absurd wie tau­to­lo­gisch banal: Jede Gesell­schaft, ob Feu­da­lis­mus, Kapi­ta­lis­mus oder rea­ler Sozia­lis­mus, ist Erschei­nungs­form von „Gesell­schaft“. Fragt sich nur, was Sozio­lo­gen jen­seits aller Eigen­ar­ten von Gesell­schaft an der über­haupt noch ana­ly­sie­ren wollen.

„An gesell­schaft­li­chen Grup­pen, wel­che ihren Zwe­cken nach die denk­bar ver­schie­dens­ten sind, fin­den wir den­noch die glei­chen for­ma­len Ver­hal­tens­wei­sen der Indi­vi­duen zuein­an­der, die wir ana­ly­sie­ren. Über– und Unter­ord­nung, Kon­kur­renz, Arbeits­tei­lung, Nach­ah­mung, Par­tei­bil­dung, Ver­tre­tung… So man­nig­fal­tig auch die Inter­es­sen sind, aus denen es über­haupt zur Ver­ge­sell­schaf­tung kommt, die For­men, in denen sie sich voll­zieht, kön­nen den­noch die glei­chen sein.“ SIMMEL

Ein Sozio­loge gibt durch­aus zu, daß es „bestimmte“ Inter­es­sen und Zwe­cke sind, die die Leute in Ver­hält­nisse zuein­an­der set­zen. Den bil­li­gen Schluß dar­aus, daß diese Ver­hält­nisse, wenn sie ihren Grund schon in „bestimm­ten Inter­es­sen“ haben, darin dann auch beste­hen, zieht er nicht. Obwohl „Kon­kur­renz“ ohne gegen­sätz­li­che Inter­es­sen für sich nie­mals besteht, obwohl „Par­tei­bil­dung“ ein Grün­dungs­akt ist, der den Erwerb der Macht bezweckt, ver­langt ein Sozio­loge dem Ver­stand allen Erns­tes die Leis­tung ab, bei die­sen Ver­hält­nis­sen von allen Inhal­ten abzu­se­hen, aber den­noch nicht nichts zurück­zu­be­hal­ten, son­dern einen Inhalt jen­seits aller Inhalte. „For­men“ näm­lich, die aber nicht mehr die „For­men“ eines Inhalts, also „For­men“ von nichts Bestimm­ten sind und des­we­gen auch gar keine „For­men“, geschweige denn ver­schie­dene sein kön­nen. Über die­sen blo­ßen Schein eines Inhalts han­delt die Sozio­lo­gie. Sie macht wirk­lich ernst mit ihrer pro­gram­ma­ti­schen Erklä­rung, unab­hän­gig von allen gesell­schaft­li­chen Inhal­ten deren Gesetz zu bestim­men.

Gesell­schaft ist eine „Ordnung“, …

Jeden­falls kann man gespannt sein, was über „Gesell­schaft“ jen­seits ihrer Eigen­art über­haupt noch aus­ge­sagt wer­den kann.

„Gesell­schaf­ten, aber auch Unter­glie­de­run­gen wie Poli­tik, Wirt­schaft, Fami­lie, Betriebe oder andere soziale Ein­rich­tun­gen kön­nen als kom­plexe soziale Gesamt­hei­ten, d.h. als soziale Sys­teme ver­stan­den wer­den. Dies bedeu­tet, daß die Bestand­teile, Mit­glie­der oder sozia­len Sach­ver­halte, aus denen sich die Gesell­schaft zusam­men­setzt, als mit­ein­an­der auf bestimmte Weise ver­bun­den betrach­tet wer­den. Gesell­schaft ist also eine struk­tu­rierte Ganz­heit, deren Teile spe­zi­fi­sche Auf­ga­ben für die Ziele des Sys­tems aus­üben.“ GRIESWELLE

„Struk­tu­rierte Ganz­heit“ oder „Sys­tem“ soll also die Ele­men­tar­be­stim­mung sein, die jeder Gesell­schaft und jeder gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tion glei­cher­ma­ßen zukommt. Offen­bar ist die­sen Abs­trak­ti­ons­künst­lern, denen im Begriff der „Ganz­heit“ sogar noch der Unter­schied zwi­schen Gesell­schaft und einem Baum, zwi­schen Poli­tik und einem Tüm­pel zer­rin­nen würde, wenn sie nicht das eigent­lich zu Bestim­mende, das „Soziale“ unter der Hand als Unter­schei­dungs­merk­mal in ihre Mena­ge­rie her­ein­neh­men und damit ein­fach unter­stel­len wür­den, ein Schluß völ­lig unbe­kannt. Daß näm­lich eine Ele­men­tar­be­stim­mung, die in allem auf­find­bar sein soll, nichts wirk­lich cha­rak­te­ri­siert. Ohne die Gleich­set­zung durch das „als“ stün­den die zitier­ten Sachen und der sozio­lo­gi­sche Gesichts­punkt völ­lig bezie­hungs­los neben­ein­an­der, und nie­mand wüßte zu sagen, von wel­chem Gegen­stand die Rede ist, wenn ein Sozio­loge über „Ganz­hei­ten“ schwa­dro­niert. Die All­ge­mein­heit die­ser Kate­go­rie ist in der Tat all­um­fas­send, schließ­lich sind unsys­te­ma­ti­sche Gegen­stände auf die­ser Welt unver­gleich­lich dünn gesät. Was, bitte schön, wäre nicht „sys­te­ma­tisch“, inso­fern es aus „Tei­len“ bestünde und der „Zusam­men­hang die­ser Teile“ wäre? Der­art uni­ver­sell ist diese Kate­go­rie nur des­we­gen, weil sie nicht nur den kon­kre­ten Inhalt ver­schie­de­ner Gesell­schaf­ten, son­dern gleich jeden Inhalt eli­mi­niert. „Sys­tem“ ist ein logi­scher Begriff, der nicht ein ein­zi­ges Merk­mal einer Sache, noch nicht ein­mal ihr aller all­ge­meins­tes aus­drückt, son­dern nur die Tat­sa­che, daß die Merk­male die­ser Sache in einem not­wen­di­gen Zusam­men­hang ste­hen. „Sys­tem“ ist aller­höchs­tens die Absichts­er­klä­rung, die Eigen­schaf­ten einer Sache zu suchen und ihren not­wen­di­gen Zusam­men­hang zu erklä­ren. Das aber haben die Sozio­lo­gen gar nicht vor. Sie ver­ste­hen den „System“-Begriff gar nicht als Auf­takt einer Klä­rung des­sen, aus wel­chen „Tei­len“ die „Ganz­heit“ besteht, wel­che „Ziele“ sie hat und wie die „Bestand­teile“ dar­auf­hin geord­net sind. „Sys­tem“ ist für sie das abschlie­ßende, fix und fer­tige Resul­tat, das alles Wesent­li­che, was sie über die Sache zu ver­mel­den haben, beinhal­tet. „Sys­tem“ ist aller­höchs­tens das ganz unbe­stimmte Ver­spre­chen, man wüßte zu sagen, wie alles in die­ser Gesell­schaft zusam­men­hängt. Mehr als die­ses Ver­spre­chen haben Sozio­lo­gen in ihrem „System“-Begriff aber nicht gar zu bie­ten. „Sys­tem“ bezeich­net aller­höchs­tens die Leis­tung einer Theo­rie, die erkann­ten Bestim­mun­gen ihrer Gegen­stände in ihrem not­wen­di­gen Zusam­men­hang dar­zu­stel­len, eine Leis­tung, die mit den Eigen­schaf­ten der Sache über­haupt nicht ver­wech­selt wer­den kann. Von Sozio­lo­gen schon. Die metho­di­sche Vor­stel­lung, daß die Bestand­teile der Sache in einem sys­te­ma­ti­schen Zusam­men­hang ste­hen, ist für sie alles, was über die­sen Zusam­men­hang zu ver­mel­den ist.

Nichts­sa­gend ist das aber kei­nes­wegs. Die wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung, die darin über alle ins Auge gefaß­ten Gegen­stände auf­ge­stellt wird, lau­tet so banal wie absurd: Die Ver­bun­denheit ihrer Teile ist der eigent­li­che Inhalt, das Prin­zip und der in letz­ter Instanz maß­geb­li­che Zweck ihrer Ver­bin­dung. Gesell­schaft ist ein „Mecha­nis­mus“, also etwas, wo sich eins ins andere fügt, alles für­ein­an­der da ist. Gesell­schaft ist in sich geord­net, zwar nicht in Hin­blick auf irgend­ei­nen Zweck, dafür aber umso mehr in sich. Plau­si­bel und als Vor­stel­lung über­haupt faß­bar wird diese inhalts­leere Idee einer „Ord­nung“ nur, wenn man sich dabei an die bür­ger­li­che Gesell­schaft erin­nert, in der wirk­lich nichts, weder die Wirt­schaft, noch die Fami­lie und schon gar nicht das Recht dem Zufall über­las­sen blei­ben, son­dern durch die ord­nende Hand des Staa­tes auf „spe­zi­fi­sche“ Auf­ga­ben hin gere­gelt sind, die recht ein­deu­tig mit den Sach­ge­set­zen des Gel­des und sei­ner Ver­meh­rung, der Ver­wal­tung der anfal­len­den Armut und der rechts­förm­li­chen Bewa­chung der anfal­len­den Gegen­sätze zusam­men­fal­len. Der „System“-Gedanke ver­langt dem Ver­stand aber allen Erns­tes die Leis­tung ab, radi­kal abzu­se­hen davon, wel­chen Zwe­cken unsere Öko­no­mie, die demo­kra­ti­sche Herr­schaft oder das Bil­dungs­we­sen die­nen, wel­che Nutz­nie­ßer und wel­che Opfer der wirt­schaft­li­che Erfolg die­ser Gesell­schaft kennt, wel­che gewalt­tä­ti­gen Dienste die obers­ten Damen und Her­ren ver­lan­gen. Für Sozio­lo­gen ist es egal, wie diese Instan­zen funk­tio­nie­ren, sie sind als „Teile“ auf­ein­an­der­be­zo­gen und funk­tio­nal. Völ­lig egal, wel­che Ord­nung die bür­ger­li­che Gesell­schaft hat, sie hat jeden­falls eine. „Sys­tem“ ist also eine uni­ver­sell anwend­bare Flos­kel, jedem Gegen­stand seine Ver­nünf­tig­keit zu bescheinigen.

.… in der alles funk­tio­nal geord­net ist

Zu wel­chem Ergeb­nis soll eine Wis­sen­schaft, die jen­seits aller Inhalte des gesell­schaft­li­chen Lebens nur noch diese Idee einer lee­ren „Ver­bun­den­heit“ zurück­be­hal­ten hat, eigent­lich noch gelan­gen? Worin kann der Fort­schritt die­ser Dis­zi­plin eigent­lich noch beste­hen, wenn nicht in der trost­lo­sen Übung, diese Idee und die ihr ein­be­grif­fene Igno­ranz an mög­lichst vie­len Gegen­stän­den durch­zu­ex­er­zie­ren und ihnen allen zu ver­si­chern, daß sie als „Teil“ im Gan­zen „Auf­ga­ben“ erfüll­ten und ganz als die­ser Dienst zu sehen seien:

„Die sozio­lo­gi­sche Betrach­tungs­weise der Kul­tur besteht daher auf dem Prin­zip, daß in jedem Typus von Zivi­li­sa­tion jeder Brauch, jedes mate­ri­elle Objekt, jede Vor­stel­lung und jeder Glau­bens­ge­halt irgend­eine lebens­wich­tige Funk­tion erfüllt.“ MALINOWSK1

Falsch ist die­ser Funk­ti­ons­ge­danke, der in Sozio­lo­gen offen­bar radi­kale Lieb­ha­ber gefun­den hat, sicher nicht des­we­gen, weil diverse Sachen keine Funk­tion, kei­nen Nut­zen für irgend­wel­che Anlie­gen hät­ten. Es ist ja gar nicht zu bestrei­ten, daß etwa das ost­preu­ßi­sche Brauch­tum west­deut­scher Ver­trie­be­nen­ver­bände eine her­vor­ra­gende Beru­fungs­in­stanz für aller­lei revan­chis­ti­sche Gebiets­an­sprü­che gen Osten ist, daß „mate­ri­elle Objekte“ wie etwa Geschäfts­ban­ken die Wirt­schaft mit Kre­dit belie­fern, daß die Reli­gion jede Herr­schaft legi­ti­miert, die sie in Amt und Wür­den setzt. In jedem Fall aber hätte man theo­re­tisch zu tren­nen zwi­schen die­sen Sachen und ihren Funk­tio­nen und zu klä­ren, was Brauch­tum, Ban­ken und Reli­gion sind, warum sie des­we­gen wel­chen Dienst erfül­len, warum also die Funk­tio­nen die­ser Sachen auch wirk­lich und not­wen­dig deren Funk­tio­nen sind. Funk­tio­nen unter­stel­len eben die Sachen und sind damit kei­nes­wegs zu verwechseln.

Ein Den­ken, das diese Ver­wechs­lung von „Warum“ und „Wofür“, von „…wird genutzt“ und „.. ist dafür da“ betreibt, das Brauch­tum als Iden­ti­täts­bil­dungs­mit­tel, das Ban­ken als Kre­dit­be­schaf­fungs­ver­ein oder die Reli­gion als Legi­ti­ma­ti­ons­in­stanz betrach­tet haben will, iden­ti­fi­ziert diese Gegen­stände mit ihren wirk­li­chen oder ein­ge­bil­de­ten Ver­hält­nis­sen, in denen sie zu ande­ren Gegen­stän­den ste­hen. Die­sen Denkfeh­ler haben Sozio­lo­gen zu ihrem Denkpro­gramm erho­ben. Jener Dog­ma­ti­ker beweist, daß Sozio­lo­gen in ihrem Funk­ti­ons­ge­dan­ken wirk­lich für alles, was es gibt, einen Uni­ver­sal­grund besit­zen. Sie behaup­ten nichts weni­ger, als daß es Brauch, Reli­gion und alle ande­ren gesell­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen nur gebe, weil sie „irgend­eine (!) lebens­wich­tige Funk­tion“ besit­zen. Deren Inhalt ist gar nicht wei­ter bekannt und muß gar nicht wei­ter bekannt sein, weil es um den prin­zi­pi­el­len Ent­schluß zu der metho­di­schen Richt­li­nie geht, die Exis­tenz und den Grund aller Sachen aus ihrer Funk­tio­na­li­tät „abzu­lei­ten“. Um die­ses Prin­zips wil­len, brau­chen diese Gegen­stände selbst auch gar nicht mehr als Trä­ger ihrer Funk­tio­nen vor­kom­men; sie sind als „Teil“ durch die metho­di­sche Flos­kel „Funk­tion“ ersetzt. Obwohl die Frage nach dem „Warum“ aller Gegen­stände damit zwar falsch, aber rest­los und total geklärt sein soll, ent­wi­ckeln Sozio­lo­gen das Bedürf­nis, ihre Sicher­heit, daß jed­we­der Gegen­stand eine Funk­tion habe, auch noch zu begrün­den. Diese leise auf­schei­nende Ahnung davon, daß Iden­ti­tät und Funk­tion zwei Paar Stie­fel sind, und es noch alle­mal an der Sache selbst liegt, ob und warum sie wel­chen Dienst erfüllt, wis­sen Sozio­lo­gen sou­ve­rän zu erschla­gen. Sie dre­hen ihre Argu­men­ta­tion um und behaup­ten gerade so, als ob aus „Dasein“ gleich „Dasein für..“ fol­gen würde -, daß jede Sache schon allein des­we­gen eine Funk­tion habe, weil sie ja exis­tiere. Ein ande­res Argu­ment gibt es nicht und kann es auch nicht geben; jeder über die bloße Exis­tenz einer Sache hin­aus­ge­hende Beweis ihrer Nütz­lich­keit würde es erfor­der­lich machen, diese zumin­dest in Bruch­stü­cken zur Kennt­nis zu nehmen.

Zur Ver­an­schau­li­chung die­ser abs­trak­ten Dog­ma­tik seien die „Ergeb­nisse“ zitiert, zu denen ein Lieb­ha­ber des Funk­ti­ons­ge­dan­kens bei der Ana­lyse des Ver­bre­chens gelangt, und zwar zunächst bei der Begrün­dung die­ser Unta­ten aus einem Dienst für die Gesellschaft:

„Die Auto­ri­tät, wel­che das mora­li­sche Bewußt­sein genießt, darf gewisse Schran­ken nicht über­schrei­ten, sonst würde es allzu leicht eine erstarrte Form anneh­men. Das Recht und die Moral ändern sich mit jedem sozia­len Typus und bei dem­sel­ben Typus der gesell­schaft­li­chen Exis­tenz. Damit aber diese Umwand­lung mög­lich ist, dür­fen die kol­lek­ti­ven Gefühle, die die Grund­lage der Moral bil­den, einer Ände­rung nicht unbe­dingt wider­ste­hen. Gäbe es nun kein Ver­bre­chen, wäre diese Bedin­gung nicht erfüllt. Damit sich die Moral ent­fal­ten kann, muß diese Ver­let­zung der Kol­lek­tiv­ge­fühle, das Ver­bre­chen, mög­lich sein. Das Ver­bre­chen ist also eine not­wen­dige Erschei­nung; es ist mit den Grund­be­din­gun­gen jeden sozia­len Lebens ver­bun­den und damit zugleich nütz­lich. „DURKHEIM

Die Begrün­dung einer Sache aus ihrem Dienst geht auch hier ziel­stre­big an die­ser vor­bei. Sonst wäre dem guten Mann auf­ge­fal­len, daß das Ver­bre­chen kei­nes­wegs die Moral her­vor­bringt, son­dern daß Ver­bre­chen die Beur­tei­lung einer Hand­lung am Maß­stab der rechts­för­mi­gen Mora­li­tät ist, diese also schon vor­aus­setzt. Die Funk­tion, die die­ser Den­ker dem Ver­bre­chen als Exis­tenz­grund zuschus­tert, ent­springt des­we­gen auch gar kei­ner Not­wen­dig­keit der Moral, son­dern sei­ner Sorge um eine Moral, die jeweils zur Gesell­schaft paßt und inso­fern auch nur eine inter­es­sierte Bestim­mung erhält: Sie darf nicht starr sein, sie müsse sich (mit der Gesell­schaft) wan­deln kön­nen. Weil gerade er sich die Moral wie­derum nur als ihre Leis­tung, näm­lich als ziem­lich totale Ver­pflich­tung des Indi­vi­du­ums auf die Gesell­schaft den­ken mag, sucht er nicht an ihr, son­dern irgendwo anders nach etwas, was die­sen fixen Kanon, des­sen Rela­ti­vi­tät er sich am aller­we­nigs­ten vor­stel­len kann, in Bewe­gung hält. Die Lösung die­ses Wider­spruchs ist dem Pro­blem kon­ge­nial: Durch den ver­bre­che­ri­schen Ver­stoß gegen die Moral, der die ganze Härte die­ses Maß­stabs unter­stellt, solle die­ser seine Weich­heit erhal­ten. Dadurch, daß heute ein Mör­der gegen den Wert des Lebens ver­stößt, bleibe die­ser Wert para­do­xer­weise gerade dort, wo er gna­den­los gilt, so rela­tiv, daß man ihn, falls für die Gesell­schaft nötig, auch wie­der weg­stel­len könne. Trotz bzw. wegen sei­ner „Ablei­tung“ des Ver­bre­chens aus sei­ner Funk­tion spürt auch die­ser Den­ker das Bedürf­nis, aus­drück­lich zu „bewei­sen“, daß das Ver­bre­chen auch wirk­lich einen Dienst erfüllt. Die­ses Bedürf­nis erle­digt er getreu dem Dogma sei­ner Dis­zi­plin: Wenn es und weil es Ver­bre­chen gibt, muß es dafür auch irgend­ei­nen guten Grund geben.

„Es gibt keine Gesell­schaft, in der keine Kri­mi­na­li­tät exis­tierte. Zunächst ist das Ver­bre­chen also des­halb nor­mal, weil eine Gesell­schaft, die völ­lig frei davon wäre, ganz und gar unmög­lich ist. Dies schließt die Behaup­tung ein, daß das Ver­bre­chen offen­bar einen Fak­tor der öffent­li­chen Gesund­heit, einen inte­grie­ren­den Bestand­teil der gesun­den Gesell­schaft bil­det. ‘“DURKHEIM

Aus der Exis­tenz des Ver­bre­chens ohne große Umschweife auf Unver­meid­lich­keit zu schlie­ßen, als ob es dafür nicht noch einen Grund in der Sache brauchte, ist das eine. Aus Unver­meid­lich­keit auf Nütz­lich­keit zu schlie­ßen, ist wie­der ein ande­rer Feh­ler, der die Bestim­mung der Sache mit ihrer Wir­kung ver­wech­selt. Was aber ist damit jetzt bewie­sen? Soll man der öffent­li­chen Gesund­heit wegen zum Ver­bre­cher wer­den? Soll man Ver­bre­cher, statt sie ein­zu­sper­ren, mit Bun­des­ver­dienst­kreu­zen aus­staf­fie­ren? So war das nicht gemeint:

„So könnte es gesche­hen, daß man uns bezich­tigte, wir woll­ten das Ver­bre­chen für bil­li­gens­wert erklä­ren, weil wir es als ein nor­ma­les Gesell­schafts­phä­no­men dar­stel­len. Indes wäre der Vor­wurf kin­disch. Denn wenn es nor­mal ist, daß es in jeder Gesell­schaft Ver­bre­chen gibt, so ist es nicht weni­ger nor­mal, daß sie bestraft wer­den.“ DURKHEIM

Diese Denk­weise mag sich ins­be­son­dere am Falle des Ver­bre­chens mit den Gesichts­punk­ten der land­läu­fi­gen Moral bei­ßen, sie steht aber, und dar­auf ver­weist der ver­kannte Dich­ter zurecht, im Dienste des Prin­zips die­ser Moral. Allen Sachen näm­lich allein des­we­gen, weil es sie gibt, auch schon eine Not­wen­dig­keit und einen Sinn zuzu­rech­nen. Über die Beur­tei­lung eines Sach­ver­halts, ob er einem Inter­esse dient oder es ver­letzt, ob er einer bestimm­ten Moral ent­spricht oder nicht, sind Sozio­lo­gen also weit hin­aus, weil sie in ihrem Denk­pro­gramm ein sehr viel grund­sätz­li­che­res Vor­ur­teil über alle Gegen­stände besit­zen. Ob man das Ver­bre­chen nun unmo­ra­lisch fin­det oder nicht, es ist „ein regu­lä­rer Wir­kungs­fak­tor des Sozia­len Lebens“ schon allein des­we­gen, weil „es keine Gesell­schaft gibt, in der keine Kri­mi­na­li­tät exis­tierte“. Es mag ja sein, daß die SED, Hone­cker und Krenz Hoff­nungs­trä­ger oder ihrer­seits Gangs­ter waren, sozio­lo­gisch betrach­tet war die Par­tei, solange es sie als maß­geb­li­che Instanz gab, ein gewich­ti­ger „Ord­nungs­fak­tor“ im Land. Nie behaup­ten Sozio­lo­gen ein­fach, Reli­gion sei eine irra­tio­nale Ange­le­gen­heit, Mar­xis­mus ein ein­zi­ges Lügen­ge­bäude. Inso­fern es sie gibt, erfül­len sie einen Dienst. Nichts, dem sich nicht unter dem Titel „Gefüge“ und „Funk­tion“ eine grund­lose Not­wen­dig­keit ver­lei­hen ließe. Der sozio­lo­gi­sche Funk­tio­na­lis­mus beschei­nigt der Welt eine ganz prin­zi­pi­elle Zweck­mä­ßig­keit, die diese Aner­ken­nung von kei­nem ein­zi­gen Inhalt, vom Gelin­gen kei­nes Anspruchs und kei­nes Zweck (mag er ein noch so idea­ler sein) mehr abhän­gig macht. Sozio­lo­gen ste­hen nicht auf der Seite des Kapi­ta­lis­mus oder Rea­lem Sozia­lis­mus, son­dern immer auf der Seite der Gesell­schaft, die es gibt. Und zwar nur des­we­gen, weil es sie gibt. Bedin­gungs­lo­ser läßt sich die Aner­ken­nung des­sen, was es gibt, nicht mehr haben. Die Not­wen­dig­kei­ten, die das Funk­ti­ons­den­ken ver­kün­det, sind zwar leer, aber an nichts mehr zu blamieren.

Gesell­schaft – ein Zwangs­sys­tem, von uns allen gemacht

Umso erstaun­li­cher ist es, daß Sozio­lo­gen diese Idee einer Geord­net­heit immerzu auch für gefähr­det erach­ten.

„Alle gesell­schaft­lich errich­te­ten Wel­ten sind ihrem Wesen nach insta­bil. Getra­gen von mensch­li­chem Han­deln, sind sie stän­dig bedroht von Ein­zel­in­ter­es­sen, die die Funk­ti­ons­er­for­der­nisse sozia­ler Sys­teme sabo­tie­ren. Indi­vi­duen sind oft sehr schlecht sozia­li­siert und ent­spre­chen häu­fig nicht den Nor­men des gesell­schaft­li­chen Orga­nis­mus. Es exis­tie­ren Wider­sprü­che zwi­schen indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen und sozia­len Hand­lungs­er­war­tun­gen.“ BERGER

Es ist und bleibt ein Wider­spruch, Gesell­schaft einer­seits als „Gefüge“ und „Ord­nung“ zu bespre­chen, in der ein „Mit­glied“ sei­ner Natur nach nichts als ein „Bestand­teil“, also ganz in Hin­blick auf die „Gesamt­heit“ defi­niert ist, und ande­rer­seits dar­auf zu ver­fal­len, daß die Indi­vi­duen in einem „Wider­spruch“ zu die­sem „sozia­len Orga­nis­mus“ ste­hen und damit zu unter­stel­len, daß sie doch nicht des­sen „Teile“ sind. Zumal völ­lig uner­find­lich ist, wo diese „Wider­sprü­che“ über­haupt her­rüh­ren. Warum sollte „Gesell­schaft“ von „mensch­li­chem Han­deln“ eigent­lich bedroht wer­den, wo sie doch von ihm „getra­gen“ wird, damit also iden­tisch ist? Wie sollte sich aus dem „Han­deln“, das ganz inhalts­los gedacht ist, ein „Wider­spruch“ zur „Gesell­schaft“ erge­ben, also ein Ver­hält­nis, das ohne kon­f­li­gie­rende Inhalte völ­lig undenk­bar ist? Daß die „Indi­vi­duen“ „schlecht sozia­li­siert“ sind, um auf das zweite Ange­bot einer crea­tio ex nihilo ein­zu­ge­hen, mag viel­leicht Schul­dige für die­ses Miß­ver­hält­nis benen­nen, aber nie einen Grund dafür. Mehr als die Tau­to­lo­gie, die „Indi­vi­duen“ seien des­we­gen nicht mit der „Gesell­schaft“ iden­tisch, weil sie nicht hin­rei­chend „sozia­li­siert“, also mit der „Gesell­schaft“ iden­tisch gemacht wur­den, ist auch die­ser auf­ge­bla­sene Gedanke nicht. Gehalt­vol­ler scheint die­ses „Span­nungs­ver­hält­nis“ zu wer­den, wenn plötz­lich die „Ein­zel­in­ter­es­sen“, die in der funk­tio­na­lis­ti­schen Theo­rie bis­her für nicht exis­tent erklärt, jetzt zitiert und als Gefah­ren­quel­len ver­or­tet wer­den. Warum sollte aber ein Inter­esse, nur weil es das Anlie­gen eines „Ein­zel­nen“ ist, der Gesell­schaft wider­spre­chen? Ohne jeden Inhalt kann es auch hier kei­nen Gegen­satz geben. Zumin­dest wird an die­ser Stelle deut­lich, woher Sozio­lo­gen die Gewiß­heit und die Plau­si­bi­li­tät für ihr „Span­nungs­ver­hält­nis“ bezie­hen. Nicht aus ihrer funk­tio­na­lis­ti­schen Theo­rie ‑ der wider­spricht die­ses Gerede total -, son­dern aus der Rea­li­tät, einer Sphäre also, die sie ansons­ten weder zur Kennt­nis neh­men noch erklä­ren wol­len. Sie erin­nern an die Gegen­sätze der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, an die Kon­kur­renz zwi­schen Käu­fer und Ver­käu­fer, Arbei­ter und Kapi­ta­list, Mie­ter und Ver­mie­ter, Staat und Steu­er­zah­ler, Wäh­ler und Regie­rung, aber nur in einer for­mel­len Hin­sicht. Wäh­rend sich diese Gegen­sätze in der Wirk­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus noch alle­mal aus dem Lohn, der für die Arbei­ter zu nied­rig, für die Unter­neh­mer zu hoch ist, aus dem Anrecht eines Grund– oder Woh­nungs­ei­gen­tü­mers auf eine Grund­rente, aus der Steu­er­pflicht oder aus ande­ren Zwe­cken und Mit­teln von Geschäft und Gewalt erge­ben, strei­chen Sozio­lo­gen diese Inhalte durch und ver­lei­hen die­sen Gegen­sät­zen eine andere, weit­aus fun­da­men­ta­lere „Begrün­dung“. Sie seien Aus­druck des „Span­nungs­ver­hält­nis­ses zwi­schen sozia­lem Orga­nis­mus und Indi­vi­duen“, auch wenn sich aus die­sen ganz Inhalts­und inter­es­se­los gedach­ten Trüm­mern nicht die geringste Kol­li­sion erge­ben kann. So, aber auch nur so, kom­men diese Gegen­sätze in der Sozio­lo­gie vor: Als Ver­dacht, daß das Ideal einer Geord­net­heit immerzu von Un-​Ordnung bedroht ist; als Miß­trauen, daß das „Teil“ als „Teil“ nicht so recht funk­tio­niert. Die­sem Zwei­fel ent­neh­men sie aber nicht die Wider­le­gung ihres Ide­als, son­dern seine Bekräf­ti­gung und eine eigen­tüm­li­che Sorge um es.

Es muß dar­auf ankom­men, Kate­go­rien zu fin­den, in denen der Ein­zelne und die Gesell­schaft ver­mit­telt erscheinen.„DAHRENDORF

Unmiß­ver­ständ­li­cher kann eine Wis­sen­schaft nicht klar­stel­len, daß sie sich radi­kal von jeder Erklä­rung der gesell­schaft­li­chen Welt frei­ge­macht hat, und daß sie sich statt des­sen nur mehr mit den hol­den Drang­sa­len eines Ide­als, das sich sei­ner Idea­li­tät ver­däch­tigt und trotz­dem nicht von sich las­sen will, befaßt. Daß in der wirk­li­chen bür­ger­li­chen Gesell­schaft die Anlie­gen der ein­zel­nen und die macht­vol­len Stand­punkte der All­ge­mein­heit nicht zusam­men­fal­len, ist für Sozio­lo­gen der Anlaß, „Ver­mitt­lungs­ka­te­go­rien“ zu fin­den, also ihr Hirn­ge­spinst so aus­zu­bauen und durch­zu­kon­stru­ie­ren, daß es einer­seits diese Dif­fe­renz zwi­schen Indi­vi­duum und Gesell­schaft ent­hält und sich ande­rer­seits in ihm die Iden­ti­tät des Nicht-​Identischen, die Ver­söh­nung des Unver­söhn­li­chen, ergibt. Die­ser Wider­spruch ist das Pro­gramm der Sozio­lo­gie, aus dem sie ihre „Grund­be­griffe“ gene­riert. Zum Bei­spiel die „Norm“:

„Ein mehr oder weni­ger dau­er­haft auf­ein­an­der bezo­ge­nes Ver­hal­ten der Men­schen setzt soziale Nor­men vor­aus, die das Han­deln der Indi­vi­duen ord­nen und len­ken. Auch wenn indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten in vie­len Hin­sich­ten Pro­dukt die­ser sozia­len Nor­men ist, sind diese doch eine von Men­schen geschaf­fene Wirk­lich­keit. Nor­men sind eine Ori­en­tie­rungs­hilfe für das Han­deln, die Ver­hal­tens­si­cher­heit gewähr­leis­ten. “ BOLTE

Mit einer Erklä­rung der Straf­pro­zess­ord­nung, der Ver­kehrs­re­geln oder des Akti­en­ge­set­zes kann diese Kon­struk­tion schon allein des­we­gen nicht ver­wech­selt wer­den, weil unser Sozio­loge dar­über gar nicht spricht. Ihm geht es um das eso­te­ri­sche Kunst­stück, die Gegen­sätz­lich­keit zwi­schen Gesell­schaft und Indi­vi­duum aus­zu­spre­chen und immer wie­der in Har­mo­nie auf­zu­lö­sen. Nichts­sa­gend ist aber auch diese Kunst, in mög­lichst kur­zen Sät­zen mög­lichst viele Wider­sprü­che aus­zu­drü­cken, nicht. Die Erklä­run­gen, die ein Sozio­loge damit jeweils über die bür­ger­li­che Gesell­schaft pro­du­ziert, haben es in sich.

Zum ers­ten: Sozio­lo­gen wol­len also auf eine sehr grund­sätz­li­che Not­wen­dig­keit von „Nor­men“ hin­aus. Es braucht sie, um ein „dau­er­haft auf­ein­an­der­be­zo­ge­nes Ver­hal­ten“, um „Gesell­schaft“ zu ermög­li­chen. Warum das bloße „Zusam­men­le­ben“ gleich ein gan­zes Zwangs­sys­tem an „Nor­men“ benö­tigt, bleibt aller­dings das Rät­sel die­ser Ablei­tung. Wenn es näm­lich in der „Gesell­schaft“ erklär­ter­ma­ßen um nichts geht, wenn in ihr kein bestimm­tes, son­dern nur ein „auf­ein­an­der bezo­ge­nes Ver­hal­ten“ vor­ge­se­hen ist, dann kann diese „Gesell­schaft“ auch durch kein „Ver­hal­ten“ gefähr­det wer­den („auf­ein­an­der bezo­gen“ ist jedes „soziale Ver­hal­ten“), dann braucht es aber auch keine „Norm“. Nie­mand soll also glau­ben, „Nor­men“ und „Regeln“ wären immer mit einer bestimm­ten Art von Gesell­schaft ver­bun­den, in der sich die gesell­schaft­lich bestim­men­den Zwe­cke in einem Gegen­satz zu den indi­vi­du­el­len Anlie­gen befin­den und des­we­gen dau­ernd gegen diese durch­ge­setzt wer­den müs­sen. „Nor­men“ sind viel­mehr Aus­druck des Aller-​Unschuldigsten: „Nor­men“ braucht es für jede „Gesell­schaft“, und wer kann dage­gen schon etwas haben. Wenn miß­lie­bige Geis­ter in der ehe­ma­li­gen DDR vom Stasi ver­folgt und in der BRD mit Berufs­ver­bo­ten unschäd­lich gemacht wer­den, dann nicht, um die staat­li­chen Zwe­cke jeder Kri­tik zu ent­zie­hen, son­dern um „mensch­li­ches Zusam­men­le­ben“ zu ermög­li­chen. Und wenn in der DDR Volks­ei­gen­tum und Hebel­wirt­schaft durch ein Sys­tem des Pri­vat­ei­gen­tums ersetzt wer­den, dann nicht, weil Groß­deutsch­land auf die Ver­meh­rung des Gel­des als Zweck und Inhalt des natio­na­len Reich­tums setzt, son­dern um auch in der Wirt­schaft ein „dau­er­haft auf­ein­an­der­be­zo­ge­nes Han­deln“ zu ermög­li­chen. Wenn es wirk­lich nur darum ginge, könnte alles beim Alten blei­ben; denn „zusam­men­ge­lebt“ wurde in den alten Ver­hält­nis­sen auch. Getrennt von allen staat­lich gesetz­ten Pflich­ten, unab­hän­gig von allen Sach­zwän­gen der freien Markt­wirt­schaft hal­ten Sozio­lo­gen das alles von einem höhe­ren Gesichts­punkt aus für not­wen­dig: Gere­gelt wer­den muß immer! So läßt sich jede Herr­schaft, der man unter­wor­fen ist, recht­fer­ti­gen, ohne auf sie über­haupt zu spre­chen zu kommen.

Zum zwei­ten: Ein Sozio­loge geht einer­seits immer davon aus, daß das „Ver­hal­ten der Indi­vi­duen“ von den „Nor­men“ der Gesell­schaft abweicht sonst müßte es nicht „geord­net“ und „gelenkt“ wer­den. Ande­rer­seits wäre es ja gelacht, wenn sich nicht auch diese Dif­fe­renz hin­weg­kon­stru­ie­ren ließe. Und zwar para­do­xer­weise gerade als Leis­tung der „Norm“. Gebeugt unter die „Regeln“ ist das „indi­vi­du­elle Han­deln“ jetzt deren „Pro­dukt“. Nur weil es auf die gesell­schaft­li­che „Ord­nung“ ver­pflich­tet wird, soll sich die­ses „indi­vi­du­elle Han­deln“ ganz in diese Geord­net­heit auf­lö­sen und mit der „Norm“ iden­tisch sein. Warum braucht es dann aber noch die ver­pflich­tende Leis­tung der „Norm“? Der zweite Teil des Kunst­stücks steht also für den sozio­lo­gi­schen Ent­schluß, just die Betä­ti­gung des Gegen­sat­zes in der „Norm“ als Geburts­stunde der Har­mo­nie zu erklä­ren. Wenn ein Sozio­loge den Gehor­sam und die Pflicht­er­fül­lung einer natio­na­len Mann­schaft betrach­tet, erfüllt ihn eine sehr weit­rei­chende Sorge, die sich durch die fak­ti­sche Unter­ord­nung des Wil­lens unter einen poli­tisch ver­ord­ne­ten oder öko­no­mi­schen Sach­zwang nicht beru­hi­gen läßt. Mit einem Wil­len, der die Zwangs­ver­hält­nisse, in denen er steht, berech­net und dar­über füg­sam wird, sind Sozio­lo­gen nicht zufrie­den. Ihr Ideal zielt ja wei­ter, näm­lich auf die bruch­lose Iden­ti­tät des Wil­lens mit jeder Pflicht, dar­auf, daß sich der Wille als deren „Pro­dukt“ ganz und ohne Dif­fe­renz, umstands­los und damit unauf­künd­bar in die Ord­nung ergibt. Ein reich­lich radi­ka­ler Wahn, aus dem die Sozio­lo­gie lus­ti­ger­weise ihren kri­ti­schen Ges­tus bezieht. Jede Insti­tu­tion beläs­tigt sie mit dem Zwei­fel, ob sie denn ihre Funk­tion noch erfülle und die Indi­vi­duen noch in gewünsch­tem Maße an die Ord­nung binde. Die Fami­lie muß sich in Sachen „Ver­ro­hung der Indi­vi­duen“ einen Funk­ti­ons­ver­lust nach­sa­gen las­sen, nur weil Sozio­lo­gen hin­ter dem Ent­schluß zur Gemein­schaft immer auch andere, oft wirt­schaft­li­che Motive ent­de­cken. Jede neue Zumu­tung im Arbeits­le­ben wie zum Bei­spiel die Ein­füh­rung der Teil­zeit­ar­beit bestärkt sie in der Sorge, ob die „Arbeits­werte“ noch stim­men, oder ob sich beim Arbeits­volk eine gewisse „Dis­tanz“ zur vor­ge­se­he­nen Rolle ein­ge­stellt hat. Selbst die bloß fik­tiv aus­ge­malte Mög­lich­keit gen­tech­ni­scher Mani­pu­la­tio­nen beim Men­schen läßt sie prü­fen, ob nicht dadurch die „Inte­gra­ti­ons­kraft der Mutter-​Kind-​Dyade“ für die Gesell­schaft ver­lo­ren ginge. Kaum regt sich auch nur die kleinste Oppo­si­tion in der Repu­blik, fra­gen sich Sozio­lo­gen, ob die tra­di­tio­nel­len „Werte“ nicht etwa doch ihre Haft­kraft ver­lo­ren hät­ten. Einen Grund für der­ar­tige Zwei­fel am Funk­tio­nie­ren von Geschäft und Gewalt haben Sozio­lo­gen nicht, zumin­dest nicht aus den Zwe­cken und Maß­stä­ben des wirk­li­chen natio­na­len Erfolgs. Ihr eige­ner Ver­dacht, daß die gefor­derte totale Iden­ti­tät zwi­schen Wille und Pflicht viel­leicht doch keine ist, regt sie so sehr auf. Und wie­der ab. Denn als theo­re­ti­scher Radi­kal­in­ski der prak­ti­schen Funk­tio­na­li­sie­rung des Wil­lens ist ein Sozio­loge dann auch wie­der zufrie­den, wenn es die Welt wei­ter gibt. Der Bekräf­ti­gung die­ses tota­len Maß­stabs, der Unter­strei­chung einer ver­ant­wor­tungs­vol­len Hal­tung für den Bestand des Beste­hen­den dient diese grund­lose Skep­sis aber allemal,

Zum drit­ten: Weil ein Sozio­loge bei alle­dem den Ver­dacht behält, daß sich der Wille doch noch seine Reserve hält, zollt er ihm Tri­but und „beweist“, daß die Unter­ord­nung ihm letzt­end­lich ent­spricht. Daß die „Norm“ auf irgend­et­was ver­pflich­tet, läßt sich doch auch als Dienst betrach­ten, inso­fern das „Han­deln“ damit eine „Ori­en­tie­rung“ bekommt, die „Ver­hal­tens­si­cher­heit“ schafft. Denn erst mit der „Norm“ soll das „Han­deln“ als bestimm­tes mög­lich wer­den. Nur: Wenn ein Mensch ohne „Norm“ für sich gar nichts bestimm­tes will, wofür brauchte er dann eine „Ori­en­tie­rung“, wobei wollte er dann „ver­hal­tens­si­cher“ sein? Warum sollte aus­ge­rech­net ein Chaot, der nie weiß, was er bezweckt, nach „Ord­nung“ und „Len­kung“ ver­lan­gen? Wenn sich der Mensch, wie diese Vor­stel­lung ja auch unter­stellt, aber schon „ver­hält“, also mit Wille und Bewußt­sein bei der Sache ist, warum sollte er damit nicht klar­kom­men? Wenn er schon etwas bestimm­tes vor­hat, fügt die Norm dem gar nichts wei­ter hinzu, sie bringt den Kerl davon aller­höchs­tens wie­der ab. Genau umge­kehrt soll man es sehen: Die­ser Teil der sozio­lo­gi­schen Har­mo­nie­lehre will ja dar­auf hin­aus, daß die „Norm“ dem Indi­vi­duum sehr grund­sätz­lich und auf eine unwi­der­sprech­li­che Weise nützt: Jede Beschrän­kung des Wil­lens soll des­sen Ermög­li­chung sein! Ohne Betriebs­ord­nung, Mili­tär­ge­setz­ge­bung und Eigen­tums­ord­nung wäre der Mensch ein­fach nicht hand­lungs­fä­hig. Was für ein Dienst!

Zum vier­ten: Daß der Gedanke eines Diensts, den die „Nor­men“ erfül­len, die Gesell­schaft viel­leicht doch ein biß­chen ein­sei­tig vom Indi­vi­duum abhän­gig macht, läßt unse­ren Sozio­lo­gen nicht ruhen. So erklärt er flugs die „Nor­men“, die das „Han­deln“ einer­seits erst ermög­li­chen und pro­du­zie­ren, ande­rer­seits zu des­sen Werk. Jede Regel und jede Norm, jede Sank­tion und jede Pflicht sei schließ­lich als „Regel­mä­ßig­keit“ zu begrei­fen, die „aus dem Han­deln“ selbst ent­steht. „Nor­men“ sind also, wer hätte das gedacht, nicht vom Him­mel gefal­len, son­dern ein unver­meid­li­ches Pro­dukt jeden mensch­li­chen Tuns. Mit die­sem Wider­spruch ‑ der Mensch: Beherrscht vom eige­nen Pro­dukt! ‑ hält ein Sozio­loge wei­ter an der Lüge einer Ent­spre­chung zwi­schen „Indi­vi­duum“ und „Norm“ fest und ver­bie­tet zugleich, diese an irgend­ei­nem Nut­zen zu mes­sen und zu beur­tei­len. Wer irgend­ein Gesetz kri­ti­siert, muß sich sagen las­sen, es sei „von Men­schen“ „geschaf­fen“, also auch von Dir, also halte die Schnauze! Nur weil die Rechts­ord­nung von Men­schen in Amt und par­la­men­ta­ri­schen Wür­den beschlos­sen und von Rich­tern und Staats­an­wäl­ten, von Poli­zis­ten und Knast­wär­ter exe­ku­tiert wird, soll man also den klei­nen Unter­schied zwi­schen Rechts­set­zern und Unter­wor­fe­nen ebenso über­se­hen wie das, was diese „Nor­men“ jeweils ver­lan­gen! Nur weil sich neue Akkord­vor­ga­ben nicht von selbst durch­set­zen, son­dern von einem Herrn Meis­ter ver­ord­net wer­den, soll man den Unter­schied von Anschaf­fern und Aus­füh­ren­den und den Inhalt und die Zumu­tung die­ses öko­no­mi­schen Zwangs ver­ges­sen. Nur weil auch die Ver­meh­rung des Kapi­tals und die Durch­set­zung der öffent­li­chen Gewalt noch der Akteure bedür­fen, soll man sich jede Kri­tik an die­sen Zwe­cken ver­bei­ßen: „Von Men­schen gemacht“, also ent­spre­chen sie ihnen. Weiß Gott, auch eine Lei­che war an ihrer Ermor­dung irgend­wie betei­ligt. Zyni­scher und tota­li­tä­rer las­sen sich Kri­tik und Unzu­frie­den­heit nicht zurück­wei­sen. Bedin­gungs­lo­ser läßt sich die Lüge einer Har­mo­nie zwi­schen Täter und Opfer, zwi­schen Herr­schaft und unter­wor­fe­nem Volk nicht mehr sagen.

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Fragt sich abschlie­ßend nur noch, warum die Sozio­loge für die­sen trüb­sin­ni­gen Wider­spruch tau­send ver­schie­dene Begriffe braucht, warum Sozio­lo­gen also mit den Leis­tun­gen, die sie der „Norm“ ent­lockt haben, nicht zufrie­den sind und wei­tere „Ver­mitt­lungs­ka­te­go­rien“, wie die „Rolle“, den „Wert“, die „Gruppe“ etc. brau­chen und kon­stru­ie­ren. „Rol­len“ zum Bei­spiel beschrei­ben die

„… Tat­sa­che, daß sich das Ver­hal­ten aus den Erwar­tun­gen, die von ande­ren an den Inha­ber die­ser bestimm­ten Posi­tion gerich­tet wer­den, ergibt.“ GRIESWELLE

Und „Werte“ sind das, was hin­ter den „Nor­men“ steckt:

„Nor­men wer­den aus ver­schie­de­nen Grün­den befolgt. Man kann ihnen fol­gen, weil Zweck­mä­ßig­keits– oder Nütz­lich­keits­über­le­gun­gen dies nahe­le­gen. Hin­ter den Nor­men ste­hen letzt­lich die Werte, wobei die Werte jene Vor­stel­lun­gen umfas­sen, die als Kon­zep­tion von letzt­lich Rich­ti­gem zu begrei­fen sind, die als Maß­stäbe die­nen, um ein Ver­hal­ten als gut oder weni­ger gut zu beur­tei­len, die also das Ver­hal­ten der Men­schen auf­grund­le­gende Weise ori­en­tie­ren und prä­gen.“ BOLTE

Jeder die­ser Grund­be­griffe stellt den glei­chen Wider­spruch dar: Einer­seits wird der Mensch auf die Gesell­schaft ver­pflich­tet, ist also mit die­ser nicht iden­tisch, ande­rer­seits ist diese Ver­pflich­tung immer des­sen Werk. Einer­seits ist das „Soziale“ nichts als die „Ver­bun­den­heit“ der Leute, ande­rer­seits ist sie eine „Rea­li­tät sui gene­ris“, die ihnen gegen­über eine „zwin­gende Macht“ besitzt. Warum also die Viel­falt die­ser Grund­be­griffe, wenn jeder für sich die gewünschte Leis­tung, die Iden­ti­tät des Nicht-​Identischen, erbringt? Die Viel­falt die­ser Kate­go­rien und ihr Fort­gang bewei­sen, wie vir­tuos Sozio­lo­gen auf ihrem Kla­vier, das aus zwei Tas­ten besteht, spie­len kön­nen. Kaum haben sie einen Begriff, der die wider­sprüch­li­che Auf­gabe einer „Ver­mitt­lung“ von Gesell­schaft und Indi­vi­duum leis­tet, ver­ste­hen sie es, ihn ent­we­der vom Stand­punkt der Iden­ti­tät oder der Nicht-​Identität aus zu kri­ti­sie­ren. Die „Norm“ etwa beschreibt eine „Ver­pflich­tung“, die gilt, inso­fern sie „all­ge­mein aner­kannt“ ist. Obwohl die ord­nende Leis­tung die­ser „Norm“ für sich unwi­der­sprech­lich ist, wäl­zen Sozio­lo­gen den Ver­dacht, ob nicht in der Iden­ti­tät, mit der die Stel­lung des Indi­vi­du­ums zur Norm zur Grund­lage ihrer Gel­tung gemacht wird, deren Gül­tig­keit davon abhän­gig erklärt sei, und ob sich dar­über nicht die Domi­nanz der Gesell­schaft gegen­über dem Indi­vi­duum ver­löre. So ver­fällt ein Sozio­loge auf den „Wert“, der erst dafür sorgt, daß die „Norm“ wirk­lich nor­miert. Er gilt; das Indi­vi­duum ist ihm ver­fal­len (und mit ihm der „Norm“), sobald es sich ein­mal für ihn (es ist ja nach wie vor sein „Wert“!) ent­schie­den hat. Oder in die zweite Rich­tung gedacht: Wenn die „Norm“ die Ver­pflich­tung des Indi­vi­du­ums auf das ganz andere, die „Gesell­schaft“ leis­tet, wo bleibt dann das „Indi­vi­duum“, also die Iden­ti­tät?Dafür kon­stru­iert er die „Rolle“, die die Anfor­de­rung an das Indi­vi­duum nicht als Zwang und als unbe­dingte Not­wen­dig­keit, son­dern als „Erwar­tung“ for­mu­liert, der der Ein­zelne zwar in jedem Fall ent­spricht, aber nur, weil er dies als seine eigene Leis­tung betreibt. Auch wenn Sozio­lo­gen mei­nen, durch die­sen Fort­gang von Begriff zu Begriff würde ihre Dis­zi­plin immer gehalt­vol­ler, besteht der Reich­tum die­ses Fachs nur in den trost­lo­sen Wen­dun­gen immer der glei­chen Idee: Eine Bil­der­welt zu ent­wer­fen, in der der Gegen­satz zwi­schen Indi­vi­duum und Gesell­schaft immer neu auf­ge­wor­fen wird, um ihn auf tau­send ver­schie­dene Weise immer neu und immer bedin­gungs­lo­ser zu begraben.

Die Sozio­lo­gie ‑ das Deri­vat jeder bür­ger­li­chen Ideologie

Neben­bei wird damit deut­lich, wie sich die Sozio­lo­gie zu den ande­ren bür­ger­li­chen Wis­sen­schaf­ten ver­hält: Sie per­fek­tio­niert deren Feh­ler. Auf den Beweis, daß demo­kra­ti­sche Herr­schaft und kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft den Leu­ten nüt­zen und ent­spre­chen, mag keine bür­ger­li­che Wis­sen­schaft ver­zich­ten. Öko­no­men ver­kün­den die Lüge, der Erfolg der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft diene der Ver­sor­gung mit Gütern, wes­we­gen alle für das Wachs­tum beim Lohn kür­zer zu tre­ten und bei den Gütern den Gür­tel enger zu schnal­len haben. Poli­to­lo­gen erklä­ren den Homo zum Homini rei­ßen­den Lupus, nur um Recht und Ord­nung als treff­li­chen Dienst zu loben, den sich diese blind­wü­tige Bes­tie schlauer­weise bestellt hat. Und Päd­ago­gen glau­ben, es nütze auch dem Kind, wenn es die rechte staats­bür­ger­li­che Hal­tung früh­zei­tig ein­saugt, weil es sonst in allen Pflich­ten nie zu sich sel­ber fin­det. Sozio­lo­gen set­zen diese Lüge fort. Sie bekräf­ti­gen die Lüge von einer Ent­spre­chung von Recht und Inter­esse, Pflicht und Wille, aber so, daß sie sich an kei­nem Inhalt mehr bla­miert. Wäh­rend andere bür­ger­li­che Wis­sen­schaf­ten die kapi­ta­lis­ti­sche Welt für zweck­mä­ßig im Hin­blick auf bestimmte ideale Inhalte aus­ge­ben, steht die Sozio­lo­gie ganz metho­disch auf dem Stand­punkt des Feh­lers, des­sen sich diese Ideo­lo­gien bedie­nen. Sozio­lo­gen machen den Funk­ti­ons­feh­ler nicht bei der Erklä­rung von Gegen­stän­den; Sozio­lo­gie ist nichts als die­ser Feh­ler und die Beschäf­ti­gung mit ihm. Mit der Berei­ni­gung die­ses Feh­lers von jedem Inhalt und jedem inhalt­li­chen Maß­stab des Lobs, also in der Erhär­tung des Prin­zips, daß alles eben für „irgend­et­was“ gut sei, in der Bekräf­ti­gung der lee­ren Idee einer Nütz­lich­keit, daß alles den Men­schen schon allein des­we­gen ent­spricht, weil alles von ihnen gemacht sei, macht sich die Gruß­bot­schaft des Funk­ti­ons­ge­dan­kens, der jeder Sache ihre Unent­behr­lich­keit und jedem gesell­schaft­li­chen Gegen­satz seine Har­mo­nie beschei­nigt, von jedem Inhalt unab­hän­gig und damit schein­bar unangreifbar.