Soziale Schich­tung

Eine sozio­lo­gi­sche Ersatz­ka­te­go­rie für Klassengesellschaft

Quelle: www​.sozia​lis​ti​sche​gruppe​.de Eine sozio­lo­gi­sche Ersatz­ka­te­go­rie für Klas­sen­ge­sell­schaft Soziale Schichtung

Wenn Sozio­lo­gen ihren Blick durch die Lande schwei­fen las­sen, sto­ßen sie wie selbst­ver­ständ­lich auf einen „Sach­ver­halt“, den sie soziale Ungleich­heitnen­nen.

„Wenn man in der Gesell­schaft auf­wächst, lernt man immer mehr, wie ver­schie­den die Men­schen, mit denen man zusam­men­kommt, sind … Es gibt Alte und Junge, Pro­tes­tan­ten und Katho­li­ken, und man­che Leute spre­chen mit einem Akzent. Es gibt Ärzte, Leh­re­rin­nen, Baby­sit­ter, Brief­trä­ger, Poli­zis­ten und Gele­gen­heits­ar­bei­ter.“ (Berger/​Berger)

Schon merk­wür­dig, was man da „ler­nen“ soll. Mag sein, dass es das „gibt“, was ein Sozio­loge bei sei­ner Betrach­tung der Gesell­schaft für erwäh­nens­wert hält. Aber mit die­ser Auf­zäh­lung von wahl­los anein­an­der gereih­ten Auf­fäl­lig­kei­ten auf ein „Wie ver­schie­den!“ zu drin­gen, ist eini­ger­ma­ßen absurd: Denn mit „Arzt“, „Pro­tes­tant“ usw. ist schon mehr mit­ge­teilt als die Bana­li­tät, dass sich diese „Men­schen“ unter­schei­den. Aber offen­bar kommt es dem Sozio­lo­gen, wenn so inkom­men­sura­ble Dinge wie der Beruf für das­selbe wie Alter, Akzent etc. ste­hen sol­len, auf einen Ein­druck an, den er gleich in einem Urteil über die Gesell­schaft zusam­men­fasst: Mit bewuss­ter Nai­vi­tät schaut er in der Welt herum, zeigt sich erstaunt, was es nicht alles „gibt“, wie anders­ar­tig ihm die Men­schen begeg­nen, und macht aus die­ser Ent­de­ckung eine inhalts­leere Ver­schie­den­heit, die er als Bild der Gesell­schaft präsentiert.

Die so in die Welt gebrachte „Unord­nung“ ist für den Schich­tungs­so­zio­lo­gen ein flot­ter Auf­trag an sich selbst, „Ord­nung“ und „Struk­tu­ren“ aufzufinden:

„Es gibt zunächst eine ganze Reihe von Kenn­zei­chen, mit deren Hilfe Unter­schiede deut­lich (!) gemacht wer­den kön­nen: Her­kunft, Bil­dungs­stand, Kon­fes­sion, Beruf, Ein­kom­men, Ver­mö­gen u.v.a.m.“ (Bolte)

Was heißt hier „Unter­schiede deut­lich“ machen? Von denen ging der Sozio­loge doch aus. Und für das Ver­lan­gen nach Unter­schie­den bie­tet das Ver­grei­sungs­sta­dium ebenso gute Anhalts­punkte wie der Akzent oder sonst irgend­ei­nes der „Kenn­zei­chen“, mit denen der Sozio­loge eben noch seine „ver­wir­rende Viel­falt“ ange­rührt hat. Aber er bean­sprucht nun, sol­che „Unter­schiede“ deut­lich zu machen, von denen man sich Auf­schlüsse über den Auf­bau der BRD, über ihre

Sozi­al­struk­tur

ver­spre­chen darf:

„Mit sozia­ler Ungleich­heit sind also nicht belie­bige Unter­schiede in Geschmack und Lebens­stil gemeint (!), son­dern unglei­che Chan­cen, unglei­che Rechte und unglei­cher Lebens­stan­dard. Das bezieht sich heute vor allem auf man­gelnde Bil­dungs­mög­lich­kei­ten, auf Ein­kom­mens– und Ver­mö­gens­dif­fe­renz, auf schlechte Arbeits­be­din­gun­gen und unge­nü­gen­des Mit­spra­che­recht.“ (Stromberger/​Teichert)

Wieso sind nun – nach der anfäng­lich kunst­voll gestif­te­ten Ver­wir­rung – aus­ge­rech­net dies die Unter­schiede, die für die „soziale Lage“ eines Indi­vi­du­ums wesent­lich sind? Erfährt man nun tat­säch­lich, was es mit den Bil­dungs­un­ter­schie­den auf sich hat? Wo die „Ein­kom­mens­dif­fe­ren­zen“ herrühren?

Ein STROM­BER­GER berich­tet, dass auch in der BRD nicht wenige Men­schen unter­halb des „kul­tu­rel­len Exis­tenz­mi­ni­mums“ leben, gibt seine Ant­wort auf die Frage nach dem Warum, indem er die „Schwie­rig­keit“ ihrer Beant­wor­tung vor Augen führt:

„Die Haupt­schwie­rig­keit (mal ganz abge­se­hen von den Neben­schwie­rig­kei­ten) dürfte darin begrün­det sein, daß sich gar nicht ein­deu­tig sagen läßt, wel­ches die Ursa­chen und wel­ches die Wir­kun­gen sozia­ler Ungleich­heit sind. Die Her­kunft eines Men­schen kann Ursa­che für sein nied­ri­ges Ein­kom­men sein, das Ein­kom­men ist inso­fern die Folge. Es ist gleich­zei­tig ein Merk­mal, an dem sich die soziale Lage die­ses Men­schen erken­nen läßt.“ (Stromberger/​Teichert)

Nun ist es über­haupt keine „Schwie­rig­keit“, ein „Merk­mal“ als „Folge“ von etwas ande­rem zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Der Sozio­loge geht doch selbst wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, dass die „Her­kunft“ eine „Ursa­che“ für das Ein­kom­men dar­stellt. Warum sollte es die Erklä­rung, warum und unter wel­chen Bedin­gun­gen dies so ist, behin­dern, dass das Ein­kom­men sei­ner­seits erheb­li­che Bedeu­tung für die „Bil­dungs­mög­lich­keit“ der nächs­ten Fami­li­en­ge­ne­ra­tion hat? Offen­bar hat der Sozio­loge seine Unter­schei­dung von „belie­bi­gen“ und für die soziale Lage“ wesent­li­chen Dif­fe­ren­zen ganz anders „gemeint“. Er weist mit der vor­geb­li­chen „Schwie­rig­keit“, Gründe und Fol­gen iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen, über­haupt das Ansin­nen zurück, die stets her­bei­zi­tier­ten „Unter­schiede“ erklä­ren zu wol­len. Die Unter­schiede inter­es­sie­ren ihn in ganz ande­rer Weise: er reser­viert sich einen „Frei­heits­spiel­raum“ für die Aus­wahl von den Unter­schie­den, die er für Indi­ka­to­ren, für „Merk­male“ eines gesell­schaft­li­chen Ord­nungs­prin­zips hal­ten möchte, mit dem der Grund, wes­we­gen die Mit­glie­der einer Gesell­schaft in höchst gegen­sätz­li­che Lebens­be­din­gun­gen ver­setzt wer­den, ein für alle­mal eli­mi­niert ist. Mit 275 Euro im Monat über die Run­den kom­men zu müs­sen ver­dankt sich dem­nach einer „sozia­len Lage“, für die nicht zuletzt eines sehr cha­rak­te­ris­tisch ist – die Einkommenshöhe!

Mit sol­chen begriffs­lo­sen Merk­ma­len einer „sozia­len Lage“ fabri­ziert der Sozio­loge als gesell­schaft­li­che Ord­nung die stumpf­sin­nige räum­li­che Meta­pher eines „Oben und Unten“, eine

Rang­ord­nung

eben, die zu den selt­sams­ten Dia­gno­sen über die „gesell­schaft­li­che Stel­lung“ der BRD-​Bewohner Anlass gibt.

Zwar weiß z.B. STROM­BER­GER durch­aus, dass es sehr dar­auf ankommt, ob jemand sein Ein­kom­men als „Lohn, Gehalt oder Hono­rar bzw. Gewinn“ erzielt. Das hält ihn jedoch kei­nes­wegs davon ab, sehr unbe­küm­mert um die Ver­schie­den­heit der Mit­tel, aus denen ein Arbei­ter, ein Grund­be­sit­zer und ein Kapi­ta­list ihr Ein­kom­men bezie­hen, Ein­kom­men­s­ta­bel­len anzu­fer­ti­gen, die jede Erin­ne­rung an die Quel­len die­ser Ein­künfte tilgt und sie alle gleich machen in Euro und Cent. Die Unter­schei­dung der Leute an der Ein­kom­mens­höhe por­trä­tiert alle als – mehr oder min­der große – Teil­ha­ber am gesell­schaft­li­chen Reich­tum; auch die, die kein Eigen­tum haben und des­we­gen stän­dig auf ihre Arbeit ange­wie­sen sind.

Die Ein­kom­mens­skala hat also nur dem Schein nach etwas mit Ein­kom­men zu tun, sie ist Ein­kom­mens­skala und damit ziem­lich genau das­selbe wie ein „Berufsrang“:

Die „soziale Lage“, die einem ein Beruf beschert, besteht kei­nes­wegs ein­fach in der blei­ben­den Eigen­tums­lo­sig­keit und damit der Abhän­gig­keit vom Ver­kauf der eige­nen Arbeits­kraft, in des­sen Arbeits­an­for­de­run­gen, Bezah­lung etc., sondern:

„Im Hin­blick auf die Berufe ande­rer Men­schen erscheint er damit in einer bestimm­ten Berufs­po­si­tion.“ (Bolte)

Da wird der Beruf des Dru­ckers als Ver­kör­pe­rung eines Berufs vor­stel­lig gemacht, so dass sich kei­ner­lei Unter­schied zur Tätig­keit eines Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors mehr ent­de­cken lässt, um die Beson­der­heit die­ses Berufs gerade darin zu sehen, dass sein Rang nied­ri­ger als der eines Rechts­an­wal­tes, dafür aber (!) höher als der eines Hilfs­ar­bei­ters ist.

Auf diese Weise wer­den aus dem Beruf, dem einer nach­geht, dem Ein­kom­men, der Aus­bil­dung und was sonst noch der Schicht­theo­re­ti­ker einer Betrach­tung für wür­dig erach­tet das Urteil: „Posi­tion“ gewon­nen. Eine „Posi­tion“, die ziem­lich genau unter der höchs­ten und über der nied­rigs­ten Posi­tion der Skala oder Zwie­bel liegt. Damit löst sich jeder Inhalt der „Lebens­chan­cen“ und „Bil­dungs­mög­lich­kei­ten“, der „Pri­vi­le­gien“ und „Benach­tei­li­gun­gen“ die man sich unter einem „Sozi­al­sta­tus“ vor­stel­len mag, dahin auf, dass man über­haupt einen „Rang“ in der „gesell­schaft­li­chen Hier­ar­chie“ namens BRD ein­nimmt. Da weiß man doch, was man hat, 1. genau das­selbe wie jeder andere auch, eben einen „Rang“, 2. aber einen ganz ande­ren „Rang“ als der Rest der BRD. Und noch der letzte Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, der sich als „Unter­pri­vi­le­gier­ter“ immer­hin „pri­vi­le­giert“ vor­kom­men darf, wenn auch ganz anders als die ande­ren, näm­lich „unter-​“, bürgt einem Sozio­lo­gen dafür, dass sich gar kein ande­res „Pri­vi­leg“ in der Welt den­ken lässt als das­je­nige, einen („Rang“-) Platz in der Gesell­schaft zu besitzen.

„Dabei sein ist alles!“ – und zwar jeder auf seine ganz unver­wech­sel­bare Weise – so lau­tet das schicht­theo­re­ti­sche Fazit – gelangt man doch allein dadurch schon zu „Rang“ und Namen, eben zu einer ange­se­he­nen „Stel­lung“, und was kann der Mensch mehr wollen?