Keyne­sia­ner, Mone­ta­ris­ten und deut­sche Pragmatiker

Quelle: MSZ 3 – 1982

Poli­ti­sche Öko­no­mie – Ideologien

Keyne­sia­ner, Mone­ta­ris­ten und deut­sche Pragmatiker

Die im „Beschäf­ti­gungs­pro­gramm“ ver­wen­de­ten wirt­schafts­po­li­ti­schen Instru­mente, wie auch die Abschrei­bungs­er­leich­te­run­gen und Steu­er­sen­kun­gen des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten sind ganz nor­male Bestand­teile einer „keyne­sia­nisch gepräg­ten“ Wirt­schafts­po­li­tik. Wenn heut­zu­tage aber ein Wirt­schafts­theo­re­ti­ker – sei es ein Wis­sen­schaft­ler oder ein Wirt­schafts­jour­na­list – einem Kol­le­gen, einer Gewerk­schaft oder einem Poli­ti­ker am Zeug fli­cken will, dann spricht er mit Vor­liebe von „Feh­lern keyne­sia­ni­scher Wirt­schafts­phi­lo­so­phie“. Dies geht soweit, daß das Gedan­ken­gut eines John May­nard Keynes, das in der Ver­gan­gen­heit allzu viele Köpfe ergrif­fen haben soll, für die jet­zige „schwie­rige Wirt­schafts­lage“ ver­ant­wort­lich gemacht wird. Die „Keyne­sia­ner“ selbst sehen sich dem Ver­dacht unter­wor­fen, ob sie nicht heu­ti­gen „wirt­schaft­li­chen Erfor­der­nis­sen“ kon­träre, ja schäd­li­che Ideen ver­tre­ten, was sie zu sehr offen­si­ven Bekennt­nis­sen bewegt.

Keyne­sia­nis­mus einst…

Auf einer Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung des Baye­ri­schen Rund­funks z.B. war unter all den hoch­ka­rä­ti­gen Fach­leu­ten – Schil­ler, Emmin­ger (Bun­des­bank), Sie­vert (Sach­ver­stän­di­gen­rat) – ein Pro­fes­sor Ger­fin als Ver­tre­ter des Keyne­sia­nis­mus pla­ziert, und zwar offen­kun­dig als Ver­tre­ter einer exzen­tri­schen bis links­ver­däch­ti­gen Posi­tion. Es war schon fast pein­lich mit anzu­se­hen, wie der Pro­fes­sor bemüht war, seine voll­in­halt­li­che Über­ein­stim­mung mit den „anti-​keynesianischen“ Maß­nah­men der Regie­rung her­aus­zu­strei­chen, wobei er auch vor öffent­li­chem Abschwö­ren nicht zurückschreckte:

„Über alle Lager hin­weg gibt es kei­nen Dis­sens, daß sich Lohn­po­li­tik den Kos­ten anzu­pas­sen hat.“

Dies ist zwar all­ge­mei­nes Wirt­schaftscredo, aber nicht Keyne­sia­nis­mus: Der alte Keynes war näm­lich so radi­kal, für die „Ret­tung des Kapi­ta­lis­mus“ ein Pro­gramm vor­zu­schla­gen, das dem „Kon­sum“ – worin das gewöhn­li­che Volk als Teil des „Aggre­gats“ ein­ge­schlos­sen ist – eine erst­ran­gige Stel­lung auch abge­kop­pelt vom pro­duk­ti­ven Gesche­hen („den Kos­ten“) zuwies. Keynes war sogar so radi­kal, den Kapi­ta­lis­mus dahin­ge­hend zu kri­ti­sie­ren, daß er – indem er den „Kon­sum“ zu sehr beschränke – womög­lich einen Spreng­satz an sich selbst lege. Anhalts­punkt dafür war ihm die durch den Krieg zer­rüt­tete Wirt­schaft und die große Welt­wirt­schafts­krise, die erwie­sen hät­ten, daß sich die anfäng­lich rich­ti­gen „Gesetz­mä­ßig­kei­ten“ des Kapi­tals über­lebt hätten:

„Europa war sozial und wirt­schaft­lich so orga­ni­siert, daß die größt­mög­li­che Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion erzielt wer­den konnte… Die neuen Rei­chen des 19.Jahrhunderts wur­den nicht zu gro­ßem Auf­wand erzo­gen und zogen die Macht, die ihnen die Inves­ti­tion ver­lieh, den Annehm­lich­kei­ten des sofor­ti­gen Kon­sums vor. … In der Tat war es gerade die Ungleich­heit in der Ver­tei­lung der Reich­tü­mer, die jene gewal­tige Auf­häu­fung von Ver­mö­gens­an­la­gen und Kapi­tal­aus­wei­tun­gen ermög­lichte, wel­che diese Epo­che aus­zeich­ne­ten. Darin lag tat­säch­lich die haupt­säch­li­che Recht­fer­ti­gung des kapi­ta­lis­ti­schen Systems…

Die unge­heu­ren Anhäu­fun­gen von ver­an­lag­tem Kapi­tal, die zum Vor­teil der Mensch­heit wäh­rend des hal­ben Jahr­hun­derts vor dem Krieg ent­stan­den, hätte es in einer Gesell­schaft mit gleich­mä­ßi­ger Ver­mö­gens­ver­tei­lung nie geben kön­nen… So war also das Sys­tem, um wach­sen zu kön­nen, auf einen dop­pel­ten Bluff oder eine zwei­fa­che Täu­schung ange­wie­sen. Auf der einen Seite akzep­tierte die Arbei­ter­klasse aus Unwis­sen­heit oder Macht­lo­sig­keit – oder wurde durch Brauch, Über­ein­kom­men, Auto­ri­tät und die wohl­ver­an­kerte Ord­nung der Gesell­schaft zum Akzep­tie­ren gezwun­gen, über­re­det oder ver­führt – eine Situa­tion, in der sie von jenem Kuchen, den sie selbst gemein­sam mit der Natur und den Kapi­ta­lis­ten buken, nur ein klei­nes Stück ihr eigen nen­nen konnten. …

Damit will ich kei­nes­wegs die Prak­ti­ken jener Gene­ra­tion her­ab­set­zen. In den unbe­wuß­ten Tie­fen ihres Sei­nes wußte die Gesell­schaft, was sie tat. Im Ver­hält­nis zum Appe­tit des Kon­sums war der Kuchen wirk­lich sehr klein, und wenn man ihn all­ge­mein ver­teilt hätte, wär nie­mand viel bes­ser dran gewe­sen. Die Gesell­schaft arbei­tete nicht für die klei­nen Freu­den des Heute, son­dern für die künf­tige Sicher­heit und Bes­ser­stel­lung der Men­schen­rasse – kurz, für den ‚Fort­schritt‘.“ (aus: „Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Friedens“)

Keynes lobt also den Kapi­ta­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts wegen einer für die Ent­fal­tung der Pro­duk­tiv­kräfte sehr gelun­ge­nen Ver­tei­lung, die darin besteht, daß alle glei­cher­ma­ßen ent­sa­gen, was bei den einen in Wachs­tum aus­schlägt, bei ande­ren in – vom höhe­ren Zweck her – unum­gäng­li­che Armut, die wie­derum dem Wachs­tum zugu­te­kommt. An der Unter­bre­chung die­ses Wachs­tums durch die Große Welt­wirt­schafts­krise stört Keynes nun das Brach­lie­gen der Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren Kapi­tal und Arbeit, wel­ches er wie­derum auf ein Aus­blei­ben von Nach­frage zurück­führt: Der Kuchen kann nicht mehr wach­sen, weil er nicht ver­zehrt wird:

„Die west­li­che Welt wurde durch den Zusam­men­bruch der Markt­wirt­schaft belehrt, daß der Kuchen schon groß war und daß er aus­trock­net und zer­brö­ckelt, wenn man ihn nicht anschnei­det.“ (Keynes-​Schülerin Jean Robin­son in Zusam­men­hang mit dem Zitat)

Wenn Keynes von den „wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Frie­dens“ redet und diese Fol­gen für bedenk­lich hält, so fin­det er am vor­her­ge­gan­ge­nen Krieg zumin­dest die reich­li­che Aus­ga­ben­tä­tig­keit des Staa­tes für einen posi­ti­ven Aspekt bzw. macht das (angeb­lich!) allzu abrupte Nach­las­sen die­ser Tätig­keit für den „Ein­bruch“ ver­ant­wort­lich. Er geht also nicht von einem vor­han­de­nen „Kuchen“ aus, den es anders zu ver­tei­len gälte, son­dern führt den Staat als über­ge­ord­nete Finanz­macht ein, die unab­hän­gig vom „Kuchen“ und bei bei­be­hal­te­nem Ver­hält­nis von Wachs­tum und Armut in der Akku­mu­la­tion, das sich in die­sem Ver­hält­nis ein­stel­lende „Sto­cken“ (aus­blei­bende Nach­frage) von außen her kor­ri­giert, sozu­sa­gen mit einer künst­li­chen Nach­frage das Kuchen­wachs­tum anregt. (Dafür denkt er sich auch „Mul­ti­pli­ka­to­ren“ aus: An bestimm­ter Stelle eine Nach­frage ein­ge­setzt, hat eine lawi­nen­ar­tige Aus­wei­tung von Pro­duk­tion und Inves­ti­tion zur Folge.) Unter Nach­frage ist also kei­nen Moment lang Mas­sen­kon­sum zu ver­ste­hen, son­dern ein Anreiz des Staa­tes – der sich jen­seits der Akku­mu­la­tion ver­schul­det im Ver­trauen dar­auf, daß Schul­den bei ihm von einer ganz ande­ren Qua­li­tät als bei einem Geschäfts­mann sind -, die die Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren (wie­der ) einer nütz­li­chen Ver­wen­dung zuführen:

„Die lang­an­hal­tende Arbeits­lo­sig­keit der 30er Jahre hatte die Lehre des lais­sez faire poli­tisch unhalt­bar wer­den las­sen. Die neue Lehre von Keynes besagte im Kern, daß sich der Staat nicht auf den Auto­ma­tis­mus wirt­schaft­li­cher Anpas­sungs­pro­zesse ver­las­sen dürfe, son­dern durch eine gezielte Haushalts-​, Steuer– und Geld­po­li­tik zur Voll­be­schäf­ti­gung bei­tra­gen müsse.

Die Auf­gabe, die Nach­frage nach Waren und Dienst­leis­tun­gen und damit nach Arbeits­kräf­ten zu stei­gern, so behaup­tete Keynes, könne nur vom Staat aus­ge­löst wer­den – durch Erhö­hung der Staats­aus­ga­ben, Sen­kung der Steu­ern und Ver­grös­se­rung des Geld­um­laufs; Vor­aus­set­zung für eine sol­che Poli­tik sei die Bereit­schaft, grö­ßere Defi­zite im Staats­haus­halt hin­zu­neh­men. Keynes legte in sei­ner Lehre mehr Gewicht auf eine varia­ble Steuer– und Haus­halts­po­li­tik als auf die Regu­lie­rung der ver­füg­ba­ren Geld­menge… Nach der Auf­fas­sung von Keynes ist die ver­füg­bare Geld­menge nur einer unter meh­re­ren Fak­to­ren, die die Volks­wirt­schaft beein­flus­sen, nicht aber der beherr­schende Fak­tor. Ver­lie­ren Ver­brau­cher und Unter­neh­mer das Ver­trauen in die Zukunft… ver­mag sie die Aus­wei­tung des Geld­vo­lu­mens nicht zur Erhö­hung der Aus­ga­ben und Ver­min­de­rung der Spar­tä­tig­keit zu ver­an­las­sen.“ (Leo­nard Silk, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Theo­rie und Wirt­schafts­po­li­tik in den USA, in: USA Per­spek­tive, 2/​71)

Die „Leis­tung“ Keynes besteht darin, aus dem kapi­ta­lis­ti­schen All­tag sich auf­drän­gende Erschei­nun­gen wie Inves­ti­tio­nen, Spa­ren oder Ver­brauch in theo­re­ti­sche Grö­ßen in einem von ihm gebau­ten Modell der gesam­ten Volks­wirt­schaft zu ver­wan­deln. Eine Kate­go­rie wie „Kon­sum“ z.B. hat mit tat­säch­li­chem Ein­kau­fen und Ver­zeh­ren – was bei den Klas­sen sehr Unter­schied­lich aus­fällt, und sehr unter­schied­li­chen Zwe­cken gehorcht – nicht das geringste zu tun. Sie ist viel­mehr ein auf reine Quan­ti­tät redu­zier­ter Bestand­teil des volks­wirt­schaft­li­chen „Kuchens“ Keynes ver­wen­det nun viel Mühe dar­auf zu, ersin­nen, wie diese Quan­ti­tät durch – von ihm pos­tu­lier­tes – Grö­ßer– oder Klei­ner­wer­den andere Quan­ti­tä­ten beein­flußt. Die­ses Ver­fah­ren spricht neben aller Plau­si­bi­li­sie­rung durch Beru­fung auf reale Phä­no­mene (nicht ihre Erklä­rung) unbe­fan­gen sei­nen Modell­cha­rak­ter aus, wenn näm­lich „cete­ris paribus-​Klauseln“ (wäh­rend sich das eine ändert, müs­sen die ande­ren der­weil still­hal­ten) und schnell mal vor­weg­ge­stellte „Prä­mis­sen“ als selbst­ver­ständ­lich oder „lei­der“ noch nicht gänz­lich erforscht zu gel­ten haben.

Die „Beschrei­bung“ des Kapi­ta­lis­mus im 19. Jahr­hun­dert ist für sol­che theo­re­ti­sche Ver­wand­lung ein schö­ner Beleg: Wer soll denn das gewe­sen sein, der da „orga­ni­siert“ und „kon­stru­iert“ hat? Natür­lich Keynes selbst – man sieht, er beherrscht das Grund­theo­rem der Sozio­lo­gie: „Sys­tem“. Wieso wuß­ten denn die Men­schen, „was sie in den unbe­wuß­ten Tie­fen ihres Seins“ zu wis­sen hat­ten? Weil Keynes sie sich so vor­stellt – man sieht, auch die Psy­cho­lo­gie ist ihm nicht fremd. All dies dich­tet er dem 19. Jahr­hun­dert an, weil er von der Akku­mu­la­tion, die er sich als Werk eines gött­li­chen Absti­nenz­theo­re­ti­kers (der die einen mit mehr „Macht­liebe“, die ande­ren mit mehr „Kon­sum­hun­ger“ aus­stat­tet) vor­stellt, begeis­tert ist – zugleich aber auch von ihrer „Unter­bre­chung“ durch die Welt­wirt­schafts­krise, den dama­li­gen „schwe­ren Zei­ten“, ent­täuscht. Darum legt er sich die ver­gan­gene Akku­mu­la­tion so zurecht, daß sie zwar das grund­sätz­lich rich­tige Ver­hält­nis der „Teile“ ein­ge­rich­tet, dabei aber nach einer Seite hin über­trie­ben habe. Dafür bedarf es dann einer Kor­rek­tur von außen: Die Begeis­te­rung für die Akku­mu­la­tion wird kon­se­quent ergänzt durch die Staatsbegeis­te­rung, denn nur die dar­über­ste­hende Kraft – die bis­lang der Akkum­mu­la­tion angeb­lich fehlte -, ist imstande, die „Teile“ neu einzurichten.

Darin erschöpft sich der Keyne­sia­nis­mus. Das Neue an ihm ist tat­säch­lich nur der „Fort­schritt“, den modell­bau­en­den Öko­no­men mit sei­ner staats­bür­ger­li­chen Seele auch theo­re­tisch zu ver­schmel­zen. Dies ist nicht Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, son­dern die Geburt der „Makro­öko­no­mie“, ein die „Mikro­öko­no­mie“ ob ihres Ver­haf­tet­seins (so wird ihr bedeu­tet) am „Nut­zen­ma­xi­mie­rer“ kri­ti­sie­ren­der Zusatz; die Ein­füh­rung eines neuen „Nut­zen­ma­xi­mie­rers“, der mit sei­nem ganz spe­zi­el­len „Haus­halt“ und der „Bereit­schaft, grö­ßere Defi­zite hin­zu­neh­men“, den ande­ren beim Maxi­mie­ren zu hel­fen habe. Sein makro­öko­no­mi­sches Spin­nen­netz, in des­sen Zen­trum der Staat sitzt und alle Fäden zieht, erklärt weder eine ein­zige wirt­schafts­po­li­ti­sche Maß­nahme, noch läßt sich dar­aus irgend­ein „Instru­ment“ „gewin­nen“ – es han­delt sich aus­schließ­lich um die Affir­ma­tion, daß Wirt­schafts­po­li­tik, Staats­haus­halt und Akku­mu­la­tion zusam­men­ge­hö­ren.

Ein Arbei­ter­freund wird Keynes höchs­tens bei einer ziem­lich unge­rech­ten Betrach­tungs­weise, die Staats­aus­ga­ben bös­wil­lig mit einem zuvor als Ver­ur­sa­cher allen übels ange­pran­ger­ten Sozi­al­staat zusam­men­wirft und dann aus­ge­rech­net Keynes vor­wirft, den Staat zu sol­chen Aus­ga­ben ver­lei­tet zu haben. Tat­säch­lich ent­warf Keynes seine Theo­rie auf dem Hin­ter­grund eines „Lern­pro­zes­ses“ der kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten (man kann auch sagen: der kam ihm gerade recht, um einen „Fort­schritt“ in der Wirt­schafts­wis­sen­schaft zu machen), als sie sich näm­lich daran mach­ten, die Fol­gen eines gro­ßen Kriegs der ja nun wirk­lich etwas ande­res als „lais­sez faire“ ist -, die sich unter ande­rem in einem welt­wei­ten Nicht­ge­brauch vor­han­de­nen Kapi­tals aus­drück­ten, wirt­schafts­po­li­tisch in den Griff zu neh­men. Keynes selbst läßt kei­nen Zwei­fel daran, daß seine „Berück­sich­ti­gung“ der Mas­sen im Fak­tor „Kon­sum“ jene als eine Varia­ble zum Nut­zen des Wirt­schafts­wachs­tums ein­ge­setzt haben will, wes­we­gen es für einen Keyne­sia­ner kein Wider­spruch ist, sich den „Kon­sum“ als kon­junk­tu­rell – zu erwei­ternde „Strom­größe“ (mit Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fekt fürs Kapi­tal) vor­zu­stel­len bei gleich­zei­ti­ger Ermah­nung an die Gewerk­schaf­ten zur tarif­po­li­ti­schen Mäßi­gung. Auch für ihn ist die wei­ter­be­ste­hende Armut der Mas­sen die unab­ding­bare Vor­aus­set­zung für einen funk­tio­nie­ren­den Kapi­ta­lis­mus: Er will doch gerade auf Basis des beschränk­ten Mas­sen­kon­sums die Akkum­mu­la­tion durch staat­liehe Nach­frage wie­der in Gang brin­gen und setzt dabei auf die prak­ti­sche Schul­den­macht des Staa­tes, der mit sei­nen Kre­di­ten die Mit­tel für die Akku­mu­la­tion bereit­stellt. Oder in den Wor­ten Keynes‘ selbst: „Die Ungleich­heit in der Ver­tei­lung der Reich­tü­mer“ muß sein – sie muß nur anders gesteu­ert wer­den. Die vor­geb­li­che Bes­ser­stel­lung der Mas­sen redu­ziert sich dar­auf, daß die ver­mehrte Lohn­summe bei höhe­rer Beschäf­ti­gung sich als wachs­tums­stei­gernde Nach­frage bemerk­bar mache („Kaufkraft“).

Inso­fern ist Keynes die kapi­tal­freund­li­che und auf die (ame­ri­ka­ni­schen) Wirt­schafts­kräfte set­zende Alter­na­tive zum faschis­ti­schen „Beschäf­ti­gungs­pro­gramm“. Wäh­rend die Faschis­ten die brach­lie­gen­den Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren unab­hän­gig von kapi­ta­lis­ti­schen Nütz­lich­keits­er­wä­gun­gen per staat­li­chem Beschluß zu wei­te­rer Pro­duk­tion anhiel­ten, for­derte Keynes den Staat mit sei­ner Theo­rie auf, dem Kapi­tal genü­gend Kre­dit und Auf­träge anzu­bie­ten, die es dann von sich aus schon pro­fi­ta­bel zu nut­zen verstünde.

Jahr­zehn­te­lang haben es sich denn die Poli­ti­ker auch ange­le­gen sein las­sen, ihre wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men als durch eine aner­kannte Theo­rie legi­ti­miert aus­zu­ge­ben (oder auch zu sagen, sie wür­den es jetzt mal unter­schied­lich dazu machen), wofür sich ja aus den Fol­gen des gleich fol­gen­den nächs­ten gro­ßen Krie­ges genü­gend Anlässe erga­ben; und nie­mand hat ihnen vor­ge­wor­fen, sie wür­den das Kapi­tal zuguns­ten eines flot­ten Lebens des Pro­le­ta­ri­ats rui­nie­ren – bis heute.

…und heute

Des­we­gen ist – um auf Pro­fes­sor Ger­fin zurück­zu­kom­men – ein Keyne­sia­ner auch heute kein Aus­sät­zi­ger, son­dern ein Dis­kus­si­ons­part­ner, er hat nur ganz andere Anstren­gun­gen zu unter­neh­men, seine Nach­fra­ge­ele­mente als sehr wohl mit der staat­li­chen „Spar­po­li­tik“ (die „Aus­ga­ben“ schlecht­hin – und lüg­ne­risch – zum Zen­tral­übel erklärt) kom­pa­ti­bel, ja sogar sie för­dernd, dar­zu­stel­len. Sein objek­ti­ves Manko muß dabei blei­ben, daß ein Keyne­sia­ner (zumin­dest dem Schein nach) dem Staat zunächst eine Aus­gabe anemp­feh­len muß – von der er weiß, daß sie im Ruch der „Nach­gie­big­keit“ steht und die er darum mit aus­führ­li­chen Vor­re­den ver­sieht, daß er dabei wirk­lich nur das Wohl des Wirt­schafts­wachs­tums im Sinne hat -, die sich dann in ver­mehr­ten Ein­nah­men auch und gerade unter den „erschwer­ten Bedin­gun­gen“ loh­nend macht. Doch diese ideo­lo­gi­sche Dar­stel­lung frü­he­rer, „nor­ma­ler“ Staats­ver­schul­dung – wo der Staat sich den pro­duk­ti­ven Poten­zen sei­ner Gesell­schaft för­dernd unter­ord­net, um so die Haus­halts­mit­tel her­ein­zu­lo­cken, wo er zugleich aber in der Ver­schul­dung auch anzeigt, daß er sich von die­sem Rück­fluß nicht begren­zen läßt, son­dern das (Kredit-)Vertrauen sei­ner Bür­ger für die Durch­füh­rung aller ihm not­wen­dig erschei­nen­den Auf­ga­ben in Anspruch nimmt – muß sich heute Rea­li­tats­ferne vor­hal­ten las­sen, und zwar gerade des­we­gen, weil die heu­tige Aus­wei­tung der Staats­ver­schul­dung mit Kon­junk­tur– und sozi­al­po­li­ti­schen Spar­maß­nah­men und rigo­ro­ser Beschrän­kung des „Nach­fra­ge­fak­tors“ ein­her­geht. Des­we­gen ist dann auch die – jeden keyne­sia­ni­schen Vor­schlag weit in den Schat­ten stel­lende – Größe der Ver­schul­dung kein Gegen­ar­gu­ment. Sie gebietet ja gerade „Haus­halts­kon­so­li­die­rung“ und erbie­tet jedes „deficit-​spending“ – außer für Tor­na­dos etc.

Fried­mans „ein­fa­ches Rezept“

Die streit­bare Alter­na­tive zur Keynes­schen Wirt­schafts­po­li­tik seit 15 Jah­ren, der Mone­ta­ris­mus, tritt jetzt auf und behaup­tet, den Staat schon immer zu dem auf­ge­for­dert zu haben, was er jetzt angeb­lich tue: „Weni­ger Staat“. Schein­bar han­delt es sich um eine „Rück­be­sin­nung“ auf die – vom Keynes­schen Staats­ein­griff ver­dor­be­nen – Vor­züge des „lais­ser faire“; diese Lehre betont, daß sie vom Staat „nur“ einen ein­zi­gen Ein­griff verlange:

„Die Friedman’sche Lehre ist in der Haupt­sa­che eine aktua­li­sierte und ver­fei­nerte Ver­sion der alten quan­ti­ta­ti­ven Geld­theo­rie, die besagt, daß Ver­än­de­run­gen in der ver­füg­ba­ren Geld­menge vor­her­sag­bare Ver­än­de­run­gen in den Gesamt­aus­ga­ben sei­tens der Wirt­schaft und Kon­su­men­ten und über diese bei den Prei­sen her­vor­ru­fen. Nimmt die ver­füg­bare Geld­menge stär­ker zu als die Menge der erzeug­ten Güter und Dienst­leis­tun­gen… stei­gein die Preise; hält man jedoch den Geld­men­gen­zu­wachs gerin­ger als den poten­ti­el­len Aus­stoß der Wirt­schaft, nimmt die Arbeits­lo­sig­keit bei gleich­zei­ti­gem Nach­ge­ben der Preise ab. Um sowohl eine Infla­tion als auch eine Defla­tion zu ver­mei­den und statt des­sen ein rela­tiv ste­ti­ges Wachs­tum zu gewähr­leis­ten, schlug Prof. Fried­man als ein ein­fa­ches Rezept vor, das Zen­tral­ban­ken­sys­tem möge das Wachs­tum der ver­füg­ba­ren Geld­menge auf die Zuwachs­rate des Aus­sto­ßes an Gütern und Dienst­leis­tun­gen beschrän­ken.“ (Silk, ebd.)

Die Theo­rie kapri­ziert sich auf den einen Punkt im magi­schen Vier­eck „Preis­sta­bi­li­tät“ und behaup­tet, die Rea­li­sie­rung die­ses Ide­als sei Durch­set­zung einer ste­ti­gen Akku­mu­la­tion: Die Geld­menge bestimmt das Wachs­tum, darum hat sie sich von der Rate des Wachs­tums bestim­men zu las­sen und die Preise an die natür­li­che Wachs­tums­rate anzu­pas­sen. So lau­tet das Grund­dogma, das sich über die Bestim­mung der Preise, über Geld­um­lauf, über Kre­dit und sein Ver­hält­nis zur wirk­li­chen Akku­mu­la­tion sou­ve­rän hinwegsetzt.

Doch soll hier mehr die Bot­schaft inter­es­sie­ren, die wider­sprüch­lich genug ist: Wenn diese Theo­re­ti­ker in dem – von ihnen auf­ge­mach­ten! – Streit um „mehr oder weni­ger“ Staat eine Pos­tion des „weni­ger“ ein­neh­men, dann kann man bei der nähe­ren Bestim­mung des „weni­ger“ erken­nen, daß an die­sem Streit aber auch nichts stimmt. Der die wun­der­tä­ti­gen Kräfte ent­fes­selnde „Rück­zug des Staa­tes“ aus der Öko­no­mie hat ja den ganz beson­ders wun­der­tä­ti­gen Zau­ber­stab der „rich­ti­gen Geld­menge“ im Tor­nis­ter – von der rich­ti­gen Defi­ni­tion und vom rich­ti­gen Gebrauch die­ses Zau­ber­stabs durch den Staat hängt nach Auf­fas­sung der Mone­ta­ris­ten das Wirt­schafts­sys­tem voll­stän­dig a b.

Die Mone­ta­ris­ten haben also keine Wahr­heit auf ihrer Seite, dafür aber zwei Tat­sa­chen im Rücken: Daß sie 1. die kon­kur­rie­rende Theo­rie zu den Keyne­sia­nern sind; 2. daß der Staat seine Wirt­schafts­po­li­tik geän­dert hat und das mit Hin­weis auf seine stei­gende Ver­schul­dung als „Anti-​Inflationsprogramm“ und „Spar­po­li­tik“ sowie in Ame­rika als Abbau des „staat­li­chen Diri­gis­mus“ ver­kauft. Ihre ideo­lo­gi­sche Taug­lich­keit liegt darin, als immer schon prä­sente Alter­na­tive die sehr mas­si­ven Ein­griffe des Staa­tes in das Wirt­schafts­le­ben mit der gegen­tei­li­gen, ihre theo­re­ti­sche „Iden­ti­tät“ aus­ma­chen­den Behaup­tung zu ver­se­hen und dies als Sieg der Theo­rie zu fei­ern. Sie neh­men also keine staat­li­chen Auf­träge zum Ver­fas­sen mög­lichst schö­ner Lügen ent­ge­gen, son­dern genie­ßen es, end­lich sich in den staat­li­chen Über­zeu­gun­gen zu ent­de­cken dazu gehört, daß man vom wirk­li­chen Gang der Dinge wirk­lich nichts wis­sen darf. Damit ist allen staat­li­chen Här­ten eine ganz andere Not­wen­dig­keit ver­lie­hen, die nun als wirt­schafts­theo­re­ti­sche Ver­nunft fir­miert. In die­ser Welt der Ideo­lo­gien haben nicht die (Wirtschafts-​) Poli­ti­ker etwas ganz bestimm­tes vor, son­dern die Anwen­dung einer fal­schen Kon­junk­tur­theo­rie zwingt sie zum Umden­ken. Dem Tri­umph der Mone­ta­ris­ten kann sich kein Kom­men­ta­tor ver­schlie­ßen, so daß sie durch die Bank ihre frü­he­ren Über­zeu­gun­gen – als es der Staat noch anders trieb und der Mone­ta­ris­mus als zwar inter­es­sante, aber „unprak­ti­ka­ble“ Lehre galt – auf den Mist­hau­fen der Geschichte wer­fen und uni­sono ver­kün­den, daß der Staat gar nicht anders könne, als dem frü­he­ren Zen­tral­feh­ler der „Ver­schul­dung“ abzu­schwö­ren und „Haus­halts­kon­so­li­die­rung“ zu betreiben.

Poli­tik und öko­no­mi­sche Theorie

Der erste „logi­sche“ Schritt in der Beweis­füh­rung ist die Behaup­tung, daß Poli­ti­ker sich nach Theo­rien rich­ten wür­den. Die in dem zitier­ten Silk’schen Auf­satz gän­gige Manier, die ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten von Ken­nedy bis Nixon als Anhän­ger von Bera­ter­stä­ben aus den Uni­ver­si­tä­ten dar­zu­stel­len, die aus den „Feh­lern“ der Vor­gän­ger den Schluß zogen, nun müß­ten sie es mit einer neuen Theo­rie ver­su­chen, heißt aktualisiert:

„Eine öko­no­mi­sche Theorie-​Diskussion in die­sen Tagen steht unter ganz beson­de­ren Vor­zei­chen. Sel­ten zuvor waren die ver­schie­de­nen Modelle in der Pra­xis so deut­lich neben­ein­an­der zu ver­glei­chen, wie dies gegen­wär­tig der Fall ist. Wäh­rend der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Rea­gan bei sei­nem Amts­an­tritt einer rigo­ro­sen ange­bots­ori­en­tier­ten Poli­tik den Vor­rang gege­ben hat, setzt der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Mit­ter­rand ein­deu­tig auf die von John May­nard Keynes initi­ierte Poli­tik der Steue­rung über die Nach­fra­ge­seite. Und in Groß­bri­tan­nien wie­derum neigt Fiau That­cher stark dem Mone­ta­ris­mus eines Mil­ton Fried­man zu. Ideale Vor­aus­set­zun­gen für einen Sys­tem­ver­gleich mit­hin, wenn­gleich im All­tag so man­che Maß­nahme hier wie dort den Wein der rei­nen Theo­rie ver­wäs­sert.“ (Hell­mut Maier-​Mannhart, Südd. Zeit. vom 13.5.)

Wie aber schon der letzte Satz andeu­tet, kann den Theo­rien nie die end­gül­tige Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wer­den, da die Poli­ti­ker beim Aus­pro­bie­ren immer in den Model­len nicht vor­ge­se­hene Feh­ler machen, die sie dann wie­der zum Aus­pro­bie­ren neuer Modelle „zwin­gen“. Ein Wirt­schafts­jour­na­list beherrscht eben auch die Öko­no­men­lo­gik, erst ein Modell auf­zu­stel­len und dann die dem wider­spre­chende Rea­li­tät, die er damit zu erklä­ren behaup­tet, als unge­nü­gende Anwen­dung die­ses Modells zu blamieren.

„Der Auto­ri­täts­ver­fall jener Lehre, die lange Zeit das öko­no­mi­sche Heil zu ver­hei­ßen schien, resul­tiert zum einen aus den ver­än­der­ten Umfeld­be­din­gungcn. Weit­ge­hend gesät­tigte Gäter­märkte sowie nach unten unfle­xi­ble Löhne und Preise kamen im ursprüng­li­chen keyne­sia­ni­schen Modell nicht vor. Keynes selbst hat die­ses Pro­blem vor­her­ge­se­hen und pro­phe­zeit, die Regie­ren­den wür­den seine Rezepte auch dann noch anwen­den, wenn diese wegen der ver­än­der­ten Kon­stel­la­tio­nen eigent­lich unbrauch­bar gewor­den sind. Die Poli­tik der nach­fra­ge­stüt­zen­den Ein­griffe des Staats wurde zum ande­ren aber auch durch den Miß­brauch die­ser Instru­mente in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in Ver­ruf gebracht. Die kre­dit­fi­nan­zierte Aus­wei­tung der Haus­halts­de­fi­zite in den Jah­ren 1978 bis 1980, in einer Zeit also, in der die Staats­ver­schul­dung eigent­lich hätte abge­baut wer­den müs­sen, hat nicht nur den finanz­po­li­ti­schen Hand­lungs­spiel­raum des Staa­tes auf ein Mini­mum redu­ziert, son­dern auch die gesamte nach­fra­ge­ori­en­tierte Wirt­schafts­po­li­tik in Miß­kre­dit gebracht, die durch­aus auch die Kehr­seite der Medaille, näm­lich den Abbau der Staats­ver­schul­dung vor­sieht.“ (ebd.) Zusam­men­ge­faßt heißt das, daß die Poli­ti­ker eine Theo­rie in Miß­kre­dit gebracht haben dadurch, daß sie sie z u lange ange­wen­det und zuviele Schul­den gemacht haben – was Keg­nes selbst schon gewußt hat! -, womit Theo­rien zwar grund­sätz­lich immer erfolg­reich sind – darin, sind sich Wis­sen­schaft­ler jen­seits allen Streits über unbe­dingt noch ein­zu­brin­gende bzw. man­gel­haft gewür­digte „Aspekte“ noch alle­mal einig -, von den Poli­ti­kern aber immer am Erfolg gehin­dert wer­den. Die Poli­ti­ker haben sich also ihren wirt­schaft­li­chen Schla­mas­sel selbst pro­du­ziert; vor die­sem ste­hen sie und müs­sen nun nach neuen Mit­teln suchen, ihn zu bewäl­ti­gen.

  • Wenn die Poli­ti­ker immer alles falsch machen, dann aber doch wie­der rich­tig, indem sie sich die rich­tige Theo­rie aussuchen;
  • wenn sie selbst ihre „Hand­lungs­spiel­räume auf ein Mini­mum redu­zie­ren“ und zugleich ganz frei eine andere Poli­tik ein­schla­gen können;
  • wenn sie sich gleich­zei­tig kri­ti­sie­ren las­sen müs­sen, sich zu Skla­ven einer Theo­rie gemacht und sie dadurch „miß­braucht“ zu haben;
  • wenn sie mit der Theo­rie die „geän­der­ten Umfeld­be­din­gun­gen“, die „nach unten hin unfle­xi­blen Preise und Löhne“ und die „gesät­tig­ten Güter­märkte“ pro­du­ziert haben, dann aber hilf­los davorstehen;

dann han­delt es sich bei dem ein­heit­li­chen Beschluß der west­li­chen Füh­rungs­mächte zur Auf­rüs­tungs­po­li­tik um den indi­vi­du­ell gestal­te­ten, von der Men­ta­li­tät der Poli­ti­ker abhän­gi­gen Ver­such, selbst­ge­schaf­fe­nen Fehl­ent­wick­lun­gen immer wie­der zu Leibe zu rücken.

Die zeit­ge­mäße Beschul­di­gung der Poli­ti­ker durch die Mone­ta­ris­ten, nicht recht­zei­tig auf die vor­her­sa­gende Stimme der Wis­sen­schaft gehört zu haben, ist zugleich eine Ent­schul­di­gung, da ja „nur“ ein theo­re­ti­scher Feh­ler vor­liegt, der nun oben­drein – lei­der unter unum­gäng­li­chen „Frik­tio­nen“ – aus­ge­merzt wird. Es liegt in der Logik der Sache, daß – Poli­ti­ker sind nun mal keine Wirt­schafts­sach­ver­stän­dige – die nächs­ten Beschul­di­gun­gen kom­men müs­sen. Frau That­cher sagt, sie habe sich doch genau ans mone­ta­ris­ti­sche Kon­zept gehal­ten – wor­auf­hin Mil­ton Fried­man ange­sichts wach­sen­der Arbeits­lo­sig­keit und vie­ler Plei­ten in Groß­bri­tan­nien (was als aus­blei­ben­der Erfolg inter­pre­tiert wurde) sofort erklärte, daß Mrs. That­cher 1. die fal­sche Geld­men­gen­de­fi­ni­tion aus­ge­wählt und sie dann 2. auch nicht ent­schie­den genug ver­folgt hätte. Obwohl ihr auch der Meis­ter nichts ande­res hätte sagen können:

„Die gül­tige For­mel hatte Fried­man… nie­der­ge­legt: ‚Ich würde das Zen­tral­bank­sys­tem anwei­sen, dafür zu sor­gen, daß die gesamte Geld­menge… Monat für Monat und womög­lich sogar Tag für Tag mit einer Jah­res­rate von x Pro­zent zunimmt, wobei x zwi­schen drei und fünf Pro­zent zu lie­gen käme.‘ Die­ser Satz wurde von Fried­man gewählt, weil er der lang­fris­ti­gen jähr­li­chen Wachs­tums­rate der US-​Wirtschaftsrate, ent­spricht (und das, obwohl immer ganz andere, ziem­lich schwan­kende Pro­zent­sätze herrsch­ten!). Über­gan­gen wurde dabei aller­dings die schwie­rige Frage, wel­che Defi­ni­tion der Geld­menge – nach Prof. Wal­lich gibt es deren min­des­tens zehn – und wel­cher Wachs­tums­in­dex maß­geb­lich sein sol­len. Fried­man erklärte hierzu, daß ‚dies weit weni­ger wich­tig sei, als ent­schlos­sen (!) eine bestimmte (!) Defi­ni­tion oder Wachs­tums­rate aus­zu­wäh­len‘.“ (Silk, ebd.)

Und Prä­si­dent Rea­gan muß sich als Kri­tik anhö­ren, daß seine Rea­go­no­mics doch kaum funk­tio­nie­ren könn­ten, da er sich doch selbst nicht daran hielte:

„Die Wirt­schafts– und Finanz­po­li­tik der Reagan-​Administration wird nun frei­lich auch zum Ärger­nis für jeman­den, der die Grund­kon­zep­tion der Reagan-​Politik befür­wor­tet. Aber das, was der­zeit sich dort abspielt, ist eigent­lich eine Des­avou­ie­rung der ‚Supply Side Eco­no­mics‘ und hat schon gar nichts mit der ‚ange­bots­ori­en­tier­ten‘ Poli­tik zu tun.“ (FAZ, 19.2.)

(Der Amerika-​Korrespondent der FAZ bemerkt 4 Tage vor­her immer­hin, daß sich Prä­si­dent Rea­gan an seine Theo­rien ein­fach nicht hal­ten will:

„Rea­gan hätte seine Pläne ein Jahr nach sei­nem Amts­an­tritt kor­ri­gie­ren und die zu erwar­ten­den Haus­halts­de­fi­zite zum gro­ßen Teil eli­mi­nie­ren kön­nen, wenn ihm der Sinn danach gestan­den hätte… Daß er die­sen Weg nicht gewählt hat, läßt sich sicher nicht nur damit erklä­ren, daß sein Ver­trauen in seine eige­nen Pro­gno­sen uner­schüt­ter­lich ist. Rea­gan hat nie nur in den kon­junk­tu­rel­len Kate­go­rien sei­nes Amts­vor­gän­gers gedacht.“ (25.2.)

Natür­lich liegt es auch wie­der nur an der eigen­ar­ti­gen Denk­weise eines Reagan…)

Rea­gan – Ein Monetarist?

Für die Erobe­rung der Kom­man­dohö­hen brauch­ten die Mone­ta­ris­ten schon einen leicht komö­di­an­ti­schen Schwin­del, der sich darin aus­drückte, daß sie ein paar Monate lang nicht wuß­ten, ob sie nun Mone­ta­ris­ten od er Ver­tre­ter der „ange­bots­ori­en­tier­ten Theo­rie“ seien. Tat­säch­lich hatte sie Prä­si­den Rea­gan mit sei­nen Wirt­schafts­maß­nah­men ziem­lich über­rascht: Vom Vor­rang der Geld­men­gen­steue­rung war bei ihm wirk­lich nicht viel zu ver­neh­men; viel­mehr ver­sprach der Prä­si­dent sei­nen Kapi­ta­lis­ten im Gegen­zug zur Hoch­zins­po­li­tik reich­lich Erleich­te­rung auf der Kos­ten­seite, bei Steu­ern und Löh­nen. Steu­er­sen­kung ist nun aber ein klas­si­sches Mit­tel – das irri­tierte -, wie auch unüber­seh­bar ist, daß Prä­si­dent Rea­gan – im Ver­trauen auf sei­nen Kre­dit­markt – mit der „Staatsverschuldungsabbau“-Ideologie ziem­lich frei­hän­dig umgeht. Ande­rer­seits konn­ten sich die Beob­ach­ter damit beru­hi­gen, daß die Steu­er­sen­kung ganz absicht­lich sehr ein­sei­tig ist (daß der „Ver­brau­cher“ also nicht mehr als wirt­schafts­för­dernde Kraft vor­kommt), daß der Prä­si­dent auch ent­schie­den jede „über­flüs­sige“ Staats­aus­gabe abbauen will und daß schließ­lich die kom­ple­men­täre Seite zur „Zurück­drän­gung“ des „Kon­sums“ tat­säch­lich ein Set­zen auf die Wirt­schafts­kraft der ame­ri­ka­ni­schen Nation ist (mit allen Vor­leis­tun­gen auf der Lohn­seite und unter offen­si­vem Ver­zicht auf „nach­fra­ge­mä­ßige“ Ankur­be­lung einer Bin­nen­kon­junk­tur). Damit war klar, daß er auf jeden Fall gegen die Nach­fra­ge­theo­re­ti­ker und für „weni­ger Staat“ war – und auto­ma­tisch auf die Mone­ta­ris­ten gehört haben mußte.

Oppor­tu­nis­ten, die sie sind, haben sie ihr Geld­men­gen­dogma mitt­ler­weile ziem­lich in der Ver­sen­kung ver­schwin­den las­sen und sich ganz auf die Pro­pa­gie­rung des sich selbst und damit die Wirt­schaft durch „Ent­halt­sam­keit“ bei­len­den Staa­tes ver­legt. Pathe­tisch wie­der­ho­len sie unter dem Namen „Ange­bot“ die Keynes’sche Rede von der „Ret­tung des Kapi­ta­lis­mus“, den Keynes angeb­lich im Ver­ein mit unfä­hi­gen Poli­ti­kern in Gefahr gebracht hat, und stel­len sich voll hin­ter den Schein eines dem Wirt­schafts­wachs­tum die­nen wol­len­den Staa­tes aus­ge­rech­net da, wo der Staat die Leis­tun­gen des Kapi­ta­lis­mus für den Fnd­sieg ein­for­dert. Ganz rich­tig fas­sen sie die staat­li­che „Mäßi­gung“ als eine Ver­schär­fung der Armut auf, die fürs Kapi­tal sehr nütz­lich sein kann. Aus der ande­ren Seite, daß die staat­li­chen Ent­schlüsse das Kapi­tal sehr wohl auch tref­fen, machen sie – damit der ange­kün­digte Nut­zen auf der Kos­ten­seite sich auch wirk­lich ein­stelle – umstands­los eine Auf­for­de­rung an den Staat, daß er, da er doch den „rich­ti­gen Weg ein­ge­schla­gen“ habe, nicht ste­hen­blei­ben und kei­ner­lei „nach­fra­ge­ori­en­tierte“ Zuge­ständ­nisse mehi machen dürfe. Die „noch“ beste­hen­den Beein­träch­ti­gun­gen wer­den ex nega­tivo behan­delt: Nicht setzt der Staat der Akku­mu­la­tion einige neue und teil­weise harte Bedin­gun­gen (deren her­aus­ra­gende Spitze die dau­er­haft hohen Zin­sen sind), son­dern er hat ihr noch nicht genü­gend Frei­heit verschafft.

„Policy Mix“ statt „rei­ner Lehre“

Der Sie­ges­zug ist nicht unan­ge­foch­ten, deut­sche Zei­tungs­schrei­ber ste­hen davor. Wenn man sich schon die Staa­ten als die prak­ti­schen Anwälte öko­no­mi­scher Dumm­hei­ten vor­stellt, dann ist es nur kon­se­quent, den eige­nen Natio­na­lis­mus zu einem inter­na­tio­na­len Kampf der Theo­rien aus­zu­ge­stal­ten, wobei man gut abschnei­det. Hel­mut Maier, Mann­hart „unter­sucht“ also die andern­orts ver­wen­de­ten theo­re­ti­schen Ansätze. Er schafft es, die Wirt­schafts­po­li­ti­ken ande­rer Staa­ten mit dem Gelin­gen der eige­nen Wirt­schaft zu kon­fron­tie­ren, daß eine genuin deut­sche Theo­rie, des „Prag­ma­tis­mus“ zum Ver­ant­wort­li­chen für wirt­schaft­li­che – Fort­schritte wird.

„Wenn die Bun­des­re­pu­blik im inter­na­tio­na­len Rah­men nach Japan noch am bes­ten abge­schnit­ten hat, so liegt dies unter ande­rem wohl auch daran, daß man hier­zu­lande einen wesent­lich prag­ma­ti­sche­ren Kurs steu­ert, der im Pri­niip Maß­nah­men der ver­schie­de­nen Rich­tun­gen mit­ein­an­der kom­bi­niert. So ist in dem Wir­bel um die neue ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­po­li­tik völ­lig unter­ge­gan­gen, daß zum Bei­spiel der Sach­ver­stän­di­gen­rat schon seit Mitte der sieb­zi­ger Jahre zuneh­mend ange­bots­ori­en­tierte Ele­mente emp­foh­len hat und diese zum Teil von der Bun­des­re­gie­rung auch ver­wirk­licht wor­den sind. … So wird es auch künf­tig zweck­mä­ßig sein, sich nicht ein­sei­tig auf die ‚reine Lehre‘ einer bestimm­ten Rich­tung zu ver­stei­fen, son­dem ein soge­nann­tes ‚Policy-​Mix‘ zu betrei­ben. Gewiß wer­den Ele­mente der ange­bots­ori­en­tier­ten Poli­tik zur Ver­bes­se­rung der volks­wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen im Vor­der­grund ste­hen müs­sen, doch läßt sich im Falle eines tief­grei­fen­den Nach­fra­ge­schwun­des auch ein kre­dit­fi­nan­zier­tes staat­li­ches Nach­fra­ge­pro­gramm im Sinne von Keynes nicht von vorn­her­ein aus­schlie­ßen. Die Geld­men­gen­steue­rung wie­derum muß stets den Flan­ken­schutz geben, damit es nicht zu infla­tio­nä­ren oder defla­tio­nä­ren Erschei­nun­gen kommt. Extrem prag­ma­tisch bei der Wahl der wirt­schafts­po­li­ti­schen Instru­mente ist Japan vor­ge­gan­gen und hat damit die Anpas­sung an Struk­tur­ver­än­de­run­gen bes­ser geschafft als andere: das Ergeb­nis sollte allen Dog­ma­ti­kern eine Lehre sein.“ (ebd.)

Der­selbe Jour­na­list, der zuvor poli­ti­sche Maß­nah­men wenig schmei­chel­haft als Wein­pan­sche­rei besprach – „Wenn­gleich im All­tag so man­che Maß­nahme hier wie dort den Wein der rei­nen Theo­rie ver­wäs­sert“ -, begrüßt nun plötz­lich ein angeb­li­ches theo­re­ti­sches Durch­ein­an­der sei­ner Regie­rung. Sein Maß­stab dafür ist, der Ver­gleich mit Japan macht es offen­kun­dig, der wirt­schaft­li­che Erfolg der Nation. Nun plötz­lich stellt sich auch her­aus, daß die Regie­rung schon frü­her viel rich­tig gemacht hat -

„Wesent­li­che Ele­mente der Supply Side Eco­no­mics wer­den bei uns schon seit sechs Jah­ren ange­wen­det.“ (Was schon ein Kunst­stück ist, wo es sie da noch gar nicht gab) (Sie­vert, der damit gleich­zei­tig sei­nen Sach­ver­stän­di­gen­ratstolz unter­bringt, in der Fernsehdiskussion) -;

und zwar weil sie nicht so „dog­ma­tisch“ wie andere Natio­nen (von Washing­ton bis Paris) ver­fuhr. „Dog­ma­tisch“ sind sol­che Natio­nen natür­lich nur des­we­gen, weil sie nicht den­sel­ben Erfolg wie die BRD auf­zu­wei­sen haben (was aller­dings in die Inter­pre­ta­ti­ons­kunst des Schrei­bers fällt). Die natio­na­lis­ti­sche Denk­weise macht einen sehr frei­hän­di­gen Umgang mit der „rei­nen Lehre“ mög­lich. Jetzt kommt es plötz­lich gar nicht mehr dar­auf an, einer schlech­ten Theo­rie abzu­schwö­ren und zu einer bes­se­ren sich zu bekeh­ren, son­dern alle Theo­rien sind irgend­wie taug­lich, wenn sie rich­tig ange­wen­det wer­den, wenn also die Anwen­dung defi­niert, was die guten Ele­mente an ihnen sind. Dies nennt sich dann „Prag­ma­tis­mus“ und ist nichts ande­res als die große Zufrie­den­heit mit dem eige­nen Staat. Das hin­dert die Fach­leute nicht – schließ­lich sind sie wei­ter­hin die Fach­leute -, den Staat dau­ernd zu ermah­nen, er solle auch wirk­lich tun, was er tut; sie behar­ren auf einem zweck­mä­ßi­gen Gebrauch des Instru­men­ta­ri­ums, füh­ren also eine hypo­the­ti­sche Kri­tik ins Feld, die not­wen­dig inhalts­leer nur als War­nung vor mög­li­chem unzweck­mä­ßi­gen Gebrauch daher­kommt. In der Fem­seh­dis­kus­sion beherrsch­ten fol­gende Foru­lie­run­gen die Diskussion:

Die „gegen­wär­tige Wirtschaftslage“

  • schwie­rig (alle)
  • schwie­ri­ger als 1966 (Schil­ler und Emminger)
  • struk­tu­relle Verw­grfun­gen (Siewert)
  • Über­la­ge­rung von Ein­zelef­fek­ten (Siewert)
  • kom­plex (alle)
  • insta­bil (alle)
  • Ungleich­zei­tig­kei­ten (Schiller),

und es wur­den fol­gende Vor­schläge zur Bes­se­rung gemacht:

  • nicht an All­heil­mit­tel glau­ben (Schiller)
  • es gibf kein Patent­re­zept (Emminger)
  • dau­er­hafte Poli­tik (Schiller)
  • sta­bile Poli­tik (Schiller)
  • umfas­sende und in der Rol­len­ver­tei­lung geord­nete Poli­tik (Schiller)
  • klare Linie (Gerfin)
  • nicht zu kur­zer Zeit­ho­ri­zont (Siewart)
  • keine Ein­zel­zu­rech­nun­gen (Siewert)
  • der Auf­schwung muß beson­ders lang und kraft­voll sein (Gerfin)
  • Sta­bi­li­täts­po­li­tik muß all­ge­meine Gleich­ge­wichts­po­li­tik, ja viel­leicht sogar Glo­bal­steue­rung im wei­tes­ten Sinne sein (Schiller)

So geht öko­no­mi­scher Sach­ver­stand heute!

Wirt­schafts­po­li­tik, simpel

„Es ist doch so sim­pel und ein­fach: Die Unter­neh­mer wären scho­ckiert, frap­piert und irri­tiert, wenn sie nicht wüß­ten, ob sie die Inves­ti­ti­ons­zu­lage in die­sem oder im nächs­ten Jahr bekom­men.“ (Schiller)

„Das zweite Jahr der Real­lohn­sen­kung ist gelau­fen. Wir soll­ten uns nicht kom­pli­zier­tere wei­tere Mecha­nis­men über­le­gen, son­dern die­sen Pro­zeß erst­mal wei­ter­lau­fen las­sen.“ (Schiller)

Armut als Geschäftsbasis

Frü­her waren die Stamm­kun­den bei Aldi zum gro­ßen Teil Gast­ar­bei­ter, heute sind es Gast– und deut­sche Arbei­ter. Die Ver­ar­mung der Pro­le­ten belebt eben bei Aldi das Geschäft– („Rekord­um­satz im 1. Quar­tal 82″). Die soge­nann­ten no-​name-​Produkte, die in den ande­ren Super­märk­ten stark stei­gende Ten­denz haben, sind der Ver­such, – „Aldi-​Boom“ zu par­ti­zi­pie­ren. Einen solch‘ bana­len Schluß würde sich ein Absatz­theo­re­ti­ker natür­lich nicht erlau­ben, so wie in dem Arti­kel auch kein­mal ein Hin­weis auf Armut vorkommt.

„Was nun diese Namen­lo­sen eigent­lich sind, dar­über ist man sich in Fach­krei­sen kei­nes­wegs einig. Aus der Sicht der Mar­ken­ar­tik­ler han­delt es sich um nichts ande­res als eine Han­dels­marke neuer Prä­gung ähn­lich denen, die bereits zum fes­ten Bestand­teil der gro­ßen Han­dels­or­ga­ni­sa­tio­nen zäh­len und deren Auf­gabe es ist, zur Pro­fi­lie­rung beim Kun­den bei­zu­tra­gen. Andere wie­derum sehen darin ein Pro­dukt sui gene­ris, das sich in kein bis­her bekann­tes absatz­wirt­schaft­li­ches Schema ein­ord­nen läßt.“ (Süd­deut­sche Zei­tung vom 24.4.)

Es gibt eben sol­che und sol­che Probleme.

Kapi­ta­lis­mus­kri­tik heute

1. Der Pro­fit nimmt auf die Gesund­heit derer, die für ihn arbei­ten, keine Rück­sicht, jeden­falls bei Profis:

Wir haben hier die Form unse­rer Natio­nal­spie­ler zu beur­tei­len, … und da ist uns nicht nur Schu­ma­cher nicht beson­ders ange­nehm ins Auge gesto­chen, … Breit­ner mußte nach mäßi­ger Leis­tung am Abend schon wie­der zum Arzt, Kaltz machte ver­letzt eine durch­aus unglück­li­che Figur in Darm­stadt, schleppte sich hin­kend zum Elf­me­ter­punkt. Litt­bar­ski war nach einer wir­beln­den ers­ten Halb­zeit kaum noch zu sehen, Brie­gel war nicht offen­siv, ret­tete gegen Bochums Schreier nur durch ein Foul, Magath erfüllte die Rolle des HSV-​Spielmachers nicht. Kein Wort zu Klaus Fischer, Mül­ler trai­niert nur bei irgend­ei­nem Ama­teur­ver­ein mit. Man kann dar­aus sehen, daß ein gro­ßer Teil der Ter­min­hatz unse­rer Fuß­bal­ler aus purer Geld­not resul­tiert. Da müs­sen Schall­plat­ten auf den Markt gebracht wer­den, und da sor­gen sich auch Ver­eine um ihre Exis­tenz. Warum sonst mußte etwa der 1. FC Köln mit­ten in der Meisterschafts-​Auseinandersetzung mit dem Ham­bur­ger SV und dem FC Bay­ern für eine Gage von 200000 Mark nach Marokko flie­gen Schu­ma­cher, Cull­mann, Kon­o­pka und Strack sol­len sich auf dem Rück­flug die Klinke der Toi­let­ten­tür in die Hand gege­ben haben.

Das macht denen nichts aus, sagen die Mana­ger, die für das Geld ver­ant­wort­lich sind. (Süd­deut­sche Zei­tung, 10.5.)

2. Der Akku­mu­la­ti­ons­pro­zeß des Kapi­tals kennt oft kein Maß. Auf Prin­zi­pien und die eige­nen Klas­sen­brü­der nimmt er keine Rücksicht:

Leitz führte zunächst ein­mal die Sparte Foto auf einen ‚,har­ten Kern‘ zurück, wobei man sich mit der ‚Leica‘ in die oberste Preis­klasse zurück­zog. Dem kam ent­ge­gen, daß die Japa­ner immer grö­ßere Stück­zah­len brauch­ten, daher ‚über den Preis ver­kau­fen muß­ten‘. Da man sie nicht schla­gen konnte, ver­bün­dete sich Leitz mit ihnen, holte Know-​how und Teile von Groß­se­rien aus Japan, begann sel­ber im Aus­land zu fer­ti­gen, denn das reine ‚Made in Ger­many‘ war ein­fach zu teuer gewor­den. Ein neuer Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter brachte fri­sches Kapi­tal mit nach Wetzlar.

Eines kann man aus dem Bei­spiel Leitz auf jeden Fall ler­nen: Gesund­schrump­fen, dar­auf dann auf– und aus­bauen, von der Kon­kur­renz ler­nen, das ist auf alle Fälle bes­ser als unge­still­ter und unge­hemm­ter Expa­ni­si­ons­drang – wie ihn Rol­lei Braun­schweig prak­ti­zierte und damit auf der Stre­cke blieb.“ (FAZ, 3.5.)

3. Die Kre­di­tak­ku­mu­la­tion ist ein stumpf­sin­ni­ges Ding. Ihr ein­zi­ges Ziel ist die Erzie­lung einer mög­lichst gro­ßen Dif­fe­renz. Das macht die pro­duk­tive Akku­mu­la­tion zwar auch, wenn sie sich Pro­le­ten ein­kauft, um deren Pro­dukte zu verkaufen.

Das unsicht­bare Zinsgeschäft

Wer am Zah­lungs­ver­kehr verdient

„Am deut­lichs­ten wird der Stein des Ansto­ßes, wenn man fol­gen­den Fall bil­det: In Erwar­tung des Monats­ge­hal­tes kauft eine Fami­lie einen Tep­pich im Wert eben die­ses Monats­ge­hal­tes. Der Haus­halts­vor­stand bezahlt den Tep­pich mit einem Scheck, der im Augen­blick der Aus­hän­di­gung nicht durch ein Gut­ha­ben auf dem Giro­konto gedeckt ist. Gleich­wohl unter­schreibt ihn der Fami­li­en­va­ter bes­ten Gewis­sens, denn zum einen hat ihm seine Bank einen aus­rei­chen­den Über­zie­hungs­rah­men ein­ge­räumt, zum ande­ren müßte das Gehalt da sein, wenn der Scheck dem Konto belas­tet wird. Trifft nun das Monats­sa­lär erwar­tungs­ge­mäß vor dem Scheck ein, die­ser aber einen Tag nach dem Gehalt, dann wird – gesetzt, die bei­den Beträge belie­fen sich auf je 4000 DM – für die­sen ‚einen Tag Gut­ha­ben‘ kein Pfen­nig Haben-​Zinsen gutgeschrieben.

Läuft es umge­kehrt, gerät also das Konto für einen Tag in Defi­zit, dann wird es beim gegen­wär­ti­gen Stand der Zins­dinge mit etwa 1,60 DM belas­tet.“ (FAZ, 19.4.)

Die Ban­ken nei­gen jedoch immer wie­der zum „Über­maß“: 3 Wochen lang beschäf­ti­gen sich das Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen und die seriö­sen Tages­zei­tun­gen mit fol­gen­dem erns­ten „Problem“:

Nach­her haben sie es immer schon vor­her gewußt

1. Die Bun­des­re­gie­rung ver­fügt ein Ver­bot der Leih­ar­beit am Bau – im Inter­esse der „ange­spann­ten Arbeits­markt­si­tua­tion“, ver­steht sich -, die Unter­neh­mer bedie­nen sich mit wach­sen­der Frei­heit der „natür­li­chen Fluk­tua­tion“, ent­las­sen Leute an der einen Stelle ohne irgend­wel­chen Wider­stand und stel­len an ande­rer Stelle wel­che mit kurz­fris­ti­gen Arbeits­ver­trä­gen für schnell zu erle­di­gende Arbei­ten ein – da bekom­men die Leih– bzw. Zeit­ar­beits­fir­men natur­ge­mäß Schwie­rig­kei­ten. Einem Zei­tungs­schrei­ber fällt daran kei­nes­wegs der recht sim­ple Sach­ver­halt einer geän­der­ten Arbeits­tei­lung zwi­schen zwei Sor­ten Kapi­ta­lis­ten auf, was einige Zeit­ar­beits­fir­men samt deren „Mit„arbeitern über die Klinge sprin­gen läßt nein; er hat’s ja schon immer gewußt. Genüß­lich schlägt er eines sei­ner Lieb­lings­ka­pi­tel auf – „Sün­den der Ver­gan­gen­heit“ – und ent­deckt, daß das Geschäft der Zeit­ar­beits­fir­men schon immer volks­wirt­schaft­li­che Idio­tie war:

a) Waren die Zeit­ar­beits­fir­men reine Wohlfahrtsunternehmen,

b) waren die indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­ten dumm genug, mit Geld nur so um sich zu schmeißen:

„Die Fir­men ver­such­ten, auf die ganz leichte Art ans große Geld zu kom­men. Wer eine Schreib­ma­schine auch nur von ferne gese­hen hatte, wurde als qua­li­fi­zierte Sekre­tä­rin den Kun­den ins Büro geschickt. Jeder Tunicht­gut wurde wei­ter­ver­mit­telt. Das ging solange gut, solange die Abneh­mer nicht ler­nen muß­ten, mit ihrem Geld kos­ten­be­wuß­ter umzu­ge­hen. Das hat sich mitt­ler­welle gewal­tig, geän­dert. Bevor eine Lohn-​Mark aus­ge­ge­ben wird, scheint sie drei­mal umge­dreht wor­den zu sein. Die Folge: Wer als Ver­lei­her nicht die gewünschte Fach­kraft bei­bringt, fliegt aus der Kar­tei raus. Frü­her konn­ten sich die Leih­ar­beits­un­ter­neh­mern ihre Geschäfts­part­ner aussuchen.“

„Am Rande notiert

Der vor ver­mut­lich einem vol­len Jahr gedruckte Kalen­der der Deut­schen Pfand­brief­an­stalt in Wies­ba­den zitiert auf dem Blatt für den 29. April 1982 fol­gende Anzeige: ‚Sicher­heit? Für alle Fälle sollte man sich weit vom Schuß ein Grund­stück zule­gen, dort, wo keine Groß­macht irgend­wel­che Inter­es­sen hat, z.B. in Argen­ti­nien…‘ Den phan­tas­ti­schen Rat­schlag gab ein Mak­ler in Stutt­gart. Die Matro­sen der bri­ti­schen Flotte vor Falk­land dürf­ten dar­über Trä­nen lachen.“ (beide Zitate, Süd­deut­sche Zei­tung, 30.2.)

Das sagt aus­ge­rech­net einer, der sich ange­sichts der Erfolge deut­schen Kapi­tals dort drun­ten vor Begeis­te­rung bis­lang jedes­mal kugelte.