Kri­sen­theo­rien

Gute Gründe für schwere Zei­ten und Rezepte für noch schwerere

Quelle: MSZ 5 – 1982

Kri­sen­theo­rien

Gute Gründe für schwere Zei­ten und Rezepte für noch schwerere

Um Kri­te­rien dafür, wann eine wirt­schaft­li­che Krise vor­lie­gen soll, sind Öko­no­men noch nie ver­le­gen gewesen:

„Sta­gnie­rende Pro­duk­tion, stän­dig steie­ende Arbeits­lo­sig­keit, Fir­men­zu­sam­men­brü­che, nach­las­sende Bestell­tä­tig­keit und die pes­si­mis­ti­sche Stim­mung in den Chef­eta­gen – all dies deu­tet dar­auf hin, daß sich die deut­sche Wirt­schaft in der schwers­ten Krise seit dem Zwei­ten Welt­krieg befindet.“

So sicher sich die pro­fes­sio­nel­len Augu­ren des Wirt­schafts­ge­sche­hens dar­über sind, daß eine Krise nicht unmit­tel­bar eine Krise der „Pro­duk­tion“, der „Bestell­tä­tig­keit“ oder der „Stim­mung“ ist, so wenig waren sie jemals zu ver­nünf­ti­gen Ant­wor­ten dar­auf in der Lage, wes­sen Dar­nie­der­lie­gen durch jene miß­li­chen Umstände ange­zeigt wird:

„Krise wird defi­niert als ein Nach­las­sen der wirt­schaft­li­chen Aktivität.“

Denkt man bei „wirt­schaft­li­cher Akti­vi­tät“ daran, woran man offen­sicht­lich den­ken soll (Bestel­len, Pro­du­zie­ren, Fir­men eröff­nen und schlie­ßen…), so fin­det man sich unver­se­hens im Reich der Indi­ka­to­ren wie­der. Die Ant­wort dar­auf, wes­sen Krise diese Krise sei, wird schlicht­weg ersetzt durch die abs­trakte Zusam­men­fas­sung jener Umstände, die – nach eige­nem Bekun­den – nur anzei­gen sol­len, daß sich irgend­et­was ande­res, auf des­sen Flo­rie­ren es ankommt, in der Krise befin­det – also durch blanke Meta­pho­rik: Schlecht geht’s – wem? – ins­ge­samt! (siehe MSZ Nr. 1/​82, „Bio­rhyth­mus des Kapitals“)

Und wenn sich Öko­no­men einer Erklä­rung die­ser trüb­se­li­gen Dia­gnose zuwen­den, dann nur, um diese „Fest­stel­lung“ mit einer über­ra­schen­den Umkeh­rung fortzusetzen:

„In den west­li­chen Indus­trie­län­dern drü­cken die hohen Zin­sen, eine rapide stei­gende Arbeits­lo­sig­keit, teil­weise gesät­tigte Märkte und eine all­ge­meine Angst vor der Zukunft auf­die Inves­ti­ti­ons– und Konsumbereitschaft.“

Alles, was einen Absatz zuvor als Indi­ka­tor für die Krise bemüht und als deren Wir­kung beschrie­ben wurde, sieht sich nun­mehr in den Rang einer Krisenur­sa­che erho­ben: Schlecht steht’s – kein Wun­der, wenn es über­all so dus­ter aus­sieht! Zwar haben die Zin­sen offen­sicht­lich nicht unbe­dingt mit Krise zu tun, völ­lig ein­deu­tig ist aber ihre Wir­kung, wenn sie aus­rei­chend „hoch“ sind. Wie hoch müuen sie denn sein: 20der erst bei 6,7%? Für sich genom­men scheint Arbeits­lo­sig­keit nicht unbe­dingt etwas mit Krise zu tun zu haben – aber wenn sie „steigt“! Ab wann wirkt’s? Bei 10ro Monat oder bei 12% Zuwachs pro Jahr? Ach so, wenn sie „rapide“ steigt. So schnell oder noch schnel­ler? Wäh­rend Phy­si­ker die Gesetze des Drucks ken­nen und des­we­gen wis­sen, warum und wann der Kes­sel platzt, bemü­hen Öko­no­men, die fast genauso gerne rech­nen, den blan­ken Hin­weis dar­auf, daß es ja kri­sele, als Argu­ment dafür, um irgend­wel­che Umstände vom Preis bis zur Stim­mung als schlechte oder feh­lende Bedin­gung zu erfin­den; eben nicht als einen not­wen­di­gen Grund für die Krise, son­dern als Schul­di­gen für etwas, was es im Moment gar nicht gibt: den Auf­schwung. Da erfährt man zwar sehr viel über Sachen, die angeb­lich irgend eine„Rolle spie­len“, aber nie, wieso und wofür z.B. Zin­sen und sin­ken­der Absatz so bedeut­sam sein sol­len. Warum sollte bei allen die­sen Spe­ku­la­tio­nen auch der Krise auf den Grund gegan­gen wer­den – die Über­ak­ku­mu­la­tion des Kapi­tals -, wenn, gemes­sen am Ideal einer stö­rungs­freien Akku­mu­la­tion, Krise immer nur als Aus­blei­ben des Auf­schwungs unan­ge­nehm emp­fun­den wird.

Aus­ge­stat­tet mit die­sen Ergeb­nis­sen 100-​jähriger Kon­junk­tur­for­schung glau­ben Öko­no­men auf Beson­der­hei­ten der gegen­wär­ti­gen Wirt­schafts­lage zu sto­ßen. Zum ers­ten ist die Krise heute „über­all“ und „tief­grei­fend“, – alles zusammen:

„Die Welt­wirt­schaft steht vor dem Kollaps.“

Was macht’s auch! Wenn man eh nicht weiß, was sich eigent­lich in der Krise befin­det, kann man locker den sach­ver­stän­di­gen Aus­ruf „schlecht steht’s“ zu einem wah­ren Welt­brand­ge­mälde aus­bauen und in der Suche nach Indi­ka­to­ren dafür sämt­li­che Unter­schiede zwi­schen den Machern des Welt­mark­tes und sei­ner Kalkulationsmasse

ame­ri­ka­ni­sche Stahl­in­dus­trie nur zu 48% aus­ge­las­tet, nied­rige Roh­stoff­preise in der drit­ten Welt müs­sen immer mehr Ent­wick­lungs­pro­jekte ad acta gelegt wer­den…“,

und zwi­schen „wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten“ in kapi­ta­lis­ti­schen Natio­nen und deren poli­ti­schen Erfolgen,

30 Mill. Arbeits­losc in den west­li­chen Indus­trie­län­dern… Selbst die Län­der des Ost­blocks blei­ben nicht ver­schont“ (vor wem!?). „Polen und Rumä­nien sind bereits bei­nahe bankrott…“,

ver­schwin­den lassen.

Der Beson­der­hei­ten zwei­ter Teil:

„Die lange Dauer des Abschwun­ges ist ein deut­lichcs Anzei­chen dafür, daß sich die Welt­wirt­schaft nicht in einer der übli­chen zykli­schen Schwä­che­pe­rio­den befindet.“

Voll getrof­fen – aber blind geschos­sen! Wie sollte aus der Dauer einer Kon­junk­tur­phase fol­gen, daß es sich dabei nicht mehr um eine Phase der Kon­junk­tur han­dele. Frü­her wuß­ten Öko­no­men doch auch nie, wann und warum der nächste Auf­schwung kommt, woher auch bei die­ser Kon­junk­tur­theo­rie. Woher nur schöp­fen sie umge­kehrt heute die Sicher­heit, daß der Auf­schwung auf kei­nen Fall schon zusam­men mit dem Früh­ling vor der Tür ste­hen könne – woher, wenn nicht aus einem siche­ren poli­ti­schen Instinkt. Nur: Wenn staat­li­cher­seits dau­er­haft schwere Zei­ten ver­ord­net und die NATO-​Aufrüstung in die Tat umge­setzt wird – dann will man doch nicht gleich von einer poli­tisch ver­ord­ne­ten Krise spre­chen; statt­des­sen sucht man nach einem „öko­no­mi­schen Anzei­chen“ für das, was in den Regie­rungs­kom­mu­ni­ques in Aus­sicht gestellt wird. Und selbst wenn Öko­no­men – gewohnt, die Krise mit den Indi­ka­to­ren für sie zu iden­ti­fi­zie­ren – über man­che Unge­reimt­heit zwi­schen ihrem Kon­junk­tur­bild und der heu­ti­gen Lage stolpern:

„Han­delte es sich in der Welt gegen­wär­tig nur um eine kon­junk­tu­rell ver­ur­sachte Unter­aus­las­tung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten, wür­den nicht stei­gende Infla­ti­ons­ra­ten mit Sta­gna­tion und Arbeits­lo­sig­keit ein­her­schrei­ten. In einer kon­junk­tu­rel­len Rezes­sion soll­ten eigent­lich auch nicht die Zin­sen hoch bleiben.“ -

dann nicht, um den ver­än­der­ten staat­li­chen Umgang mit Zins und Infla­tion als Grund für die Ver­laufs­form der heu­ti­gen Krise fest­zu­hal­ten. So sehr sie dies näm­lich einer­seits mitbekommen:

„Wenn dies anders ist, so hängt das damit zusam­men, daß über­all ein hoher staat­li­cher Kre­dit­be­darf auf den Kapi­tal­märk­ten lastet.“,

so sehr wol­len sie für Infla­tion und Hoch­zins ande­rer­seits eine öko­no­mi­sche Unaus­weich­lich­keit ersinnen:

„Kapi­tal würde auch dann in der Welt für län­gere Zeit teuer blei­ben, wenn die Kapi­tal­nach­frage des­we­gen kräf­tig steigt, weil das, was an Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten fehlt, in Zukunft zu mehr Inves­ti­tio­nen führt, also die Kapi­tal­nach­frage erhöht. Diese Zusam­men­hänge ver­kennt, wer die Geld­po­li­tik in den USA oder anderswo wegen der hohen Zin­sen auf die Ankla­ge­bank zitiert.“

Nicht die staat­li­che Inan­spruch­nahme der Kapi­tal­märkte ist der Grund für den hohen Zins, weil es eben auch etwas ande­res sein könnte – die pri­vate Kre­dit­nach­frage; es gibt sie zwar jetzt nicht, aber des­we­gen gäbe es sie sofort, wenn der Staat nicht mehr… Auch eine Methode, die öko­no­mi­sche Unum­gäng­lich­keit einer poli­tisch ver­ord­ne­ten Krise zu „bewei­sen“ – und zwar als frucht­ba­res Gespräch zweier trost­lo­ser Lager: Ange­sichts hoher Zin­sen kann man sich ent­we­der schlicht auf den Stand­punkt stel­len, daß es sie ja gibt, um allein dar­aus einen guten Grund für sie „fol­gen“ zu lassen:

„Nach Mei­nung der Ange­bots­theo­re­ti­ker ist der hohe Zins vor allem ein Indi­ka­tor für die Knapp­heit an Pro­duk­tiv­ka­pi­tal. Wer da meint, die Zin­sen unter­halb eines sol­chen Natür­li­chen Niveaus ansie­deln zu kön­nen, will ein­mal klü­ger sein als der Markt.“,

oder man kann sich in den Wett­kampf mit die­sem Geis­tes­rie­sen stür­zen, sich auf den Stand­punkt irgend­wel­cher Wir­kun­gen des Zin­ses stel­len und dabei genauso tun, als wüßte man ers­tens ein Maß­ver­hält­nis zwi­schen Mil­li­ar­den und Pro­zen­ten und zwei­tens die­ses ganz genau:

„Der Zins als Preis für Kapi­tal ist nicht mehr von den tat­säch­li­chen Knapp­heits­ver­hält­nis­sen“ (mehr Geld als Eier?!) „abhän­gig, seine Aus­schläge sind überhöht.…Fehlsteuerungen die Folge.“

Dann sagen Sie ein­mal, Herr Öko­nom: Wie hoch muß der Zins sein, damit er zu 15,67 Mrd. DM paßt?

Ange­sichts nach­las­sen­der „Geschäfts­tä­tig­keit“ kann man ent­we­der auf „man­gelnde Nach­frage“ als Schul­di­gen ver­wei­sen oder sich auf den Stand­punkt stel­len, daß es wohl am „Ange­bot“ liege, wenn es kei­nen Stich mache. Irgend­wie däm­mert den Öko­no­men dann, daß bei ihnen ande­rer­seits immer „Nach­frage und Ange­bot zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Sache“ sind:

„Eine Tren­nung zwi­schen nach­fra­ge­sei­tig und ange­bots­sei­tig ver­ur­sach­ten Stö­run­gen ist nicht immer leicht.“,

aber dies hin­dert sie kei­nes­wegs daran, die Frage, ob nun das Bett zu kurz oder der Mann zu lang sei, auf jeden Fall zu ent­schei­den. Die Sicher­heit, mit der sie akku­rat die „Nach­fra­ge­seite“ als Haupt­ur­sa­che aus­schlie­ßen, ent­springt dem Oppor­tu­nis­mus die­ser Theo­rie: Seit staat­li­cher­seits das Ende von „Kon­junk­tur­pro­gram­men alten Stils “ ver­kün­det wurde, weil das Geld dafür andern­orts gebraucht werde und dar­über­hin­aus eini­ges für die Beschnei­dung der Mas­sen­kauf­kraft getan wird – seit­dem über­schla­gen sich die Öko­no­men vor lau­ter „Nach­wei­sen“, daß es an der Nach­frage auch nicht lie­gen könne.

Noch vor nicht all­zu­lan­ger Zeit über­schrie­ben die Öko­no­men gerade in Rezes­si­ons­jah­ren ihre Gut­ach­ten mit Titeln wie „Mut zur Zukunft“; der „Glaube an die Selbst­hei­lungs­kräfte des Mark­tes“ war zwar fromm, aber posi­tiv. Heut­zu­tage beglück­wün­schen sich diese Her­ren gegen­sei­tig zu ihrem „Rea­lis­mus“ und bestä­ti­gen sich, daß man zwar Hoff­nun­gen hegen könne, es dafür aber gar kei­nen Grund gebe. Es handle sich eben kei­nes­wegs um eine „zykli­sche Krise“, son­dern – um eine „Anpassungskrise“:

„Die Schwie­rig­kei­ten vie­ler Län­der, die Anpas­sung an die ver­än­der­ten welt­wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen vor­an­zu­brin­gen, behin­dern, nicht zuletzt mit ihren Fol­gen für die Zin­sen, allent­hal­ben die kon­junk­tu­relle Erholung…“

Wie war das: „Hohe Zin­sen“ einer­seits als Ursa­che für die Depres­sion, als Inhalt der „welt­wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen“ und ande­rer­seits als Folge; aber nicht ein­fach als Folge der Staats­ver­schul­dung, noch nicht ein­mal als Folge einer Kon­junk­tur­po­li­tik (von der nir­gends etwas zu sehen ist), son­dern als Folge des Schei­terns aller staat­li­chen Ver­su­che, trotz hoher Zin­sen, d.h. in „Anpas­sung“ an sie, einen Auf­schwung zustande zu brin­gen. „Anpas­sungs­krise“ ist tat­säch­lich der dem öko­no­mi­schen Geist in der heu­ti­gen Lage ent­spre­chende Kon­junk­tur­be­griff: Die „Schwie­rig­keit“, sich an die Krise anzu­pas­sen, ist die Krise. Darin ist der Wunsch aus­ge­drückt, durch gelun­gene Anpas­sung an die Krise, ihre Wir­kun­gen zu ver­mei­den – trotz der Kri­sen­ur­sa­chen keine Krise zu machen.