Die Deut­schen – ein Volk von Psychos?

Quelle: MSZ 3 – 1986 Die Deut­schen – ein Volk von Psychos?

Was treibt ein Volk, des­sen Regie­rung die eigene Armee zur zweit­stärks­ten kon­ven­tio­nel­len Streit­macht des Wes­tens auf­rüs­tet und auf euro­stra­te­gi­scher Pari­tät mit der feind­li­chen Welt­macht besteht? Womit beschäf­ti­gen sich Bür­ger, die von ihrem Inne­n­emi­nis­ter unter ziem­lich totale Erfas­sung und Über­wa­chung gestellt wer­den? Wel­che Sor­gen las­sen „Arbeit­neh­mer“ laut wer­den, die mit guten Aus­sich­ten auf das eine oder andere Jahr Arbeits­lo­sig­keit ihren seit Jah­ren gesenk­ten Bil­lig­lohn ver­zeh­ren? Wofür enga­gie­ren sich Stu­den­ten, die sich mit dem Ein­pau­ken ver­drech­sel­ter Denk­feh­ler noch nicht ein­mal solide Kar­rie­re­aus­sich­ten eröffnen?

Sol­che Leute haben und pfle­gen „Bezie­hungs­pro­bleme“ und „Arbeits­schwie­rig­kei­ten“. Genau genom­men wol­len sie Schwie­rig­kei­ten nur noch in bezug auf sich selbst und ihr Selbst samt sei­ner Ver­wirk­li­chung zur Kennt­nis neh­men, und mit die­ser psy­cho­lo­gi­schen Erz­lüge wen­den sie sich auch von den Erfol­gen und Mißer­fol­gen ihrer Zeit­ge­nos­sen zu. Dabei sind sie fest über­zeugt, daß sie sich von nie­man­den Vor­schrif­ten machen las­sen. Wäh­rend sie sich ein­tei­len, beur­tei­len sie Poli­ti­ker, Kol­le­gen bzw. Kom­mi­li­to­nen und sons­tige Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens danach, ob sie deren Selbst­si­cher­heit für echt hal­ten und sich selbst und ihr Tun und las­sen danach, wie sie sich dabei gerade füh­len. Sie sind gegen Fußball-​Rowdies und für dis­zi­pli­nierte Sol­da­ten, gegen Umwelt­dreck und für die Hei­mat, gegen Gadafi und für Boris Becker.

Sie sind eben nicht die Sub­jekte, die „Macher“ des­sen, was mit ihnen prak­tisch ange­stellt wird. Wo sie sich als freie Per­sön­lich­kei­ten betä­ti­gen, geht es logi­scher­weise um die Frei­heit zu ver­kehr­ten Deu­tun­gen – die sogar, soweit es geht, als Hand­lungs­ma­xi­men befolgt werden.

Die geläu­fi­gen Deu­tun­gen fol­gen rela­tiv zeit­lo­sen Prin­zi­pien. Prin­zi­pi­en­rei­te­rei ist ja ihr Sinn und Zweck; mit ihr macht ein selbst­be­wuß­ter Mensch sich gerade frei von der Befas­sung mit den wirk­li­chen Inter­es­sen, denen er bloß dient.

Wenn aller­dings ein gan­zes Volk sich mit sei­nen Befehls­ha­bern nur noch unter dem Aspekt des See­len­le­bens der Pro­mi­nenz und der Gar­de­robe der Gat­tin­nen befaßt; wenn all­mäh­lich ver­armte „Arbeit­neh­mer“ über­haupt nur noch auf ihre Fami­lie los­ge­hen und gar keine poli­ti­sche Rolle spie­len; wenn erklärte Rüs­tungs­geg­ner um die Glaub­wür­dig­keit ihres Gewalt­ver­zichts vor Poli­zei­knüp­peln und um sonst gar nichts kämp­fen und unge­fähr die­sel­ben Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wie die Feinde von Tier­ver­su­chen und Pelz­män­teln; wenn die Mas­sen mün­di­ger Bür­ger sich bloß noch als Publi­kum auf­füh­ren und als sol­ches zwi­schen Dr. Kohl und Dr. Brink­mann kei­nen gro­ßen Unter­schied mehr wahr­ha­ben wol­len – dann haben sie es nötig. Das Abs­trak­ti­ons– und Über­set­zungs­ver­mö­gen freier Unter­ta­nen wächst offen­kun­dig mit der Härte der Ver­hält­nisse, die bedient und kon­struk­tiv ertra­gen wer­den wol­len. Zu einer Repu­blik, die ihr Men­schen­ma­te­rial für einen welt­re­kord­ver­däch­ti­gen Auf­schwung ver­schleißt, gehört als demo­kra­ti­sche Basis ein Volk von Psy­chos.

Daß ein gan­zes Heer von freien Bür­gern sich in sei­nen pri­va­ten Spleen ver­rennt, ist für nichts von dem, was mit ihm ange­stellt wird, der Grund. Aber genau so machen die Leute auch noch zu allem Über­fluß sich selbst zur denk­bar hand­lichs­ten Vor­aus­set­zung für alle Zwe­cke, denen die Staats­ge­walt zur Herr­schaft verhilft.

Von dem Stand­punkt des „Bewäl­ti­gens“ und „inner­lich Ver­ar­bei­tens“, der dabei zur Anwen­dung kommt, von sei­nen all­ge­mei­nen und sei­nen klas­sen­spe­zi­fi­schen Tech­ni­ken, vom Psy­cho­markt und sei­ner Kund­schaft ist im fol­gen­den die Rede.

„Pro­bleme haben“ – „Erfolg haben“: Beliebte fal­sche Abstraktionen

„Persönlichkeits-​Entfaltung

Sie kön­nen Dut­zende von Semi­na­ren besu­chen – und fal­len nach der ers­ten Begeis­te­rung wie­der in ihren All­tags­trott zurück. Sie kön­nen Hun­derte von Büchern lesen – nur um hin­ter­her noch ver­wirr­ter zu sein.

Jetzt gibt es ein Persönlichkeits-​Entfaltungsprogramm, das Sie ein­fach ken­nen müs­sen! Ein Pro­gramm, das unter die Haut geht! Wir wis­sen, daß unter unse­rer Fas­sade, unter dem Gerüm­pel, mit dem wir uns im Leben umge­ben, direkt unter der Ober­flä­che, etwas Grö­ße­res, Bes­se­res war­tet. Es ist nicht etwas, das man dem Men­schen ein­imp­fen oder von dem man ihn über­zeu­gen müßte. Wir wol­len Sie von nichts über­zeu­gen. Wir haben nichts, wovon wir Sie über­zeu­gen könn­ten. Die­ses „GRÖS­SERE, WAHRE SELBST“ exis­tiert schon in Ihnen. Alles was sie tun müs­sen, ist,… –ja, und hier beginnt unser, ihr Persönlichkeits-​Entfaltungs-​Programm.

Denn das Pro­gramm ist keine nur theo­re­ti­sche Abhand­lung – das Pro­gramm ist pra­xis­nah, leben­dig, ver­traut. Mit die­sem Pro­gramm erfah­ren Sie alles, was Ihnen bis­lang ver­bor­gen blieb, weil es sorg­sam behü­tet, ja: ver­steckt wurde. Die­ses Pro­gramm ist aber auch Evo­lu­tion. Denn die­ses Pro­gramm ist die Ent­fal­tung von Fähig­kei­ten, die der Mensch seit Jahr­tau­sen­den besitzt. Somit folgt das Pro­gramm den evo­lu­tio­nä­ren Gesetzmäßigkeiten.

Über 10.000 Teil­neh­mer in weni­gen Jah­ren bestä­ti­gen den gewal­ti­gen Erfolg – die Zeit­schrift DNZ schrieb in der Aus­gabe 38/​83: „Zu Recht kann dabei von einer Sen­sa­tion im Bereich der Gren­z­wis­sen­schaf­ten gespro­chen wer­den.“ Oder das Maga­zin für Zukunfts­for­schung, 2000: „Wer seine Per­sön­lich­keit und seine Krea­ti­vi­tät stei­gern möchte, fin­det zu die­sem Pro­gramm keine ver­nünf­tige Alternative…“

Das Pro­gramm ist eine echte Revo­lu­tion auf dem Gebiet der Gren­z­wis­sen­schaf­ten und in dem Bereich des „Gehei­men Wissens“.

Inter­es­siert? For­dern Sie kos­ten­lose und unver­bind­li­che Infor­ma­tio­nen an. Und erle­ben Sie eine völ­lig neue Dimension!

Ent­fal­ten Sie Ihre wah­ren Fähig­kei­ten und neh­men Sie jenen Platz im Leben ein, der Ihnen gebührt!“

An Betreu­ungs­an­ge­bo­ten fürs Indi­vi­duum herrscht in der demo­kra­tisch markt­wirt­schaft­li­chen Gesell­schaft unse­rer Tage kein Man­gel. „Ihre Stra­te­gie ist falsch!“ mah­nen ganz­sei­tige Anzei­gen in seriö­sen Tages­zei­tun­gen: „Haben Sie Pro­bleme?“ erkun­di­gen sich andere Annon­cen. Und allen kann gehol­fen wer­den: „Lebens­hilfe“ wird ver­spro­chen, und daß „Erfolg keine Glücks­sa­che“ sei, son­dern „lernbar“.

Eigen­tüm­li­che Abs­trak­tio­nen wer­den da ange­prie­sen. Erfolg schlecht­hin wird in Aus­sicht gestellt – nicht etwa ein Erfolg beim Ler­nen von die­sem oder jenem; da wäre der Hin­weis, er sei erlern­bar, doch etwas albern. Dabei ist Erfolg aber doch gar keine – allen­falls erlern­bare – Tätig­keit, son­dern bezeich­net das Ver­hält­nis einer jeden belie­bi­gen Tätig­keit zum damit ver­folg­ten Zweck: Sie hat ihn erreicht. Wie sollte die Ver­wirk­li­chung von Zwe­cken als sol­che Gegen­stand und Ziel einer eige­nen Tätig­keit sein, die sich sogar erler­nen las­sen könnte? Hilfe mag eben­falls rat­sam und will­kom­men sein, wo die Mit­tel eines Men­schen nicht aus­rei­chen für den Zweck, den er sich vor­ge­nom­men hat. Was für ein Zweck soll aber „Leben“ sein und an wel­chen Mit­teln könnte es dafür feh­len? An Ret­tung aus Lebens­ge­fahr und ordi­näre Lebens­mit­tel ist ja durch­aus nicht gedacht, wo ein­schlä­gige Bera­tungs­in­sti­tute in aller Ruhe ihr Publi­kum suchen.

Das­selbe gilt für ‚Pro­bleme‘, zu deren Bewäl­ti­gung man gewisse Ange­bote nut­zen soll. Schwie­rig­kei­ten gibt es zwei­fel­los genug auf der Welt, bei der Ver­fol­gung der meis­ten Zwe­cke stel­len sie sich ein; nach deren Inhalt und dem jewei­li­gen Man­gel an ent­spre­chen­den Mit­teln rich­tet es sich, was einer für Pro­bleme hat. Was aber soll dane­ben das „Problem-​Haben“ als sol­ches sein? Wor­auf zielt die Erkun­di­gung nach einem Gegen­satz zwi­schen Ziel und Mit­tel, wenn von denen gar nicht die Rede sein soll?

‚Stra­te­gie‘ schließ­lich bezeich­net wie­der ein for­mel­les Ver­hält­nis zwi­schen Zweck und Mit­tel: den plan­mä­ßig geord­ne­ten Ein­satz sach­ge­rech­ter Mit­tel für ein Ziel; daß die­ses gegen andere Zwe­cke durch­ge­setzt wer­den muß, der Plan also Abwehr­maß­nah­men ein­schlie­ßen muß, mag bei ‚Star­te­gie‘ schon mit­ge­dacht sein. Auf alle Fälle bestimmt eine Stra­te­gie sich nach dem Ziel und den dafür vor­han­de­nen Hilfs­mit­teln und hat darin ihr Kri­te­rium für „rich­tig“ oder „ver­kehrt“. Genau das wird aber glatt geleug­net, wenn eine ‚Stra­te­gie‘ sich ganz grund­sätz­lich als „rich­tig“ emp­fiehlt, so als käme es für den Plan und sein Gelin­gen auf den ange­streb­ten Inhalt und die zweck­dien­li­chen Mit­tel gar nicht wei­ter an; als wäre die metho­di­sche Ord­nung eine Sache für sich, und zwar die Haupt­sa­che, der beson­dere Zweck dage­gen und die dafür auf­zu­bie­ten­den Instru­mente nur bei­spiel­haf­tes Material.

Die erwähn­ten wohl­be­kann­ten Betreu­ungs­an­ge­bote sind alle der­sel­ben men­schen­freund­li­chen Dumm­heit ver­pflich­tet: Sie stel­len Hilfe gegen „das Schei­tern“ in Aus­sicht jen­seits all des­sen, was da schei­tern mag und woran. Eigen­tüm­lich idea­lis­tisch neh­men sie das for­melle Ideal des Gelin­gens für die eigent­li­che Sache, mit deren imma­nen­ten Geset­zen sie die um Erfolge bemühte Mensch­heit ver­traut machen wol­len: die Zwe­cke, denen sich das Publi­kum mit so frag­wür­di­gen, jeden­falls hilfs­be­dürf­ti­gem Erfolg wid­met, ran­gie­ren als Anwen­dungs­fälle der prin­zi­pi­el­len Kunst, Erfolg über­haupt errin­gen zu können.

Im ange­spro­che­nen Publi­kum sind aller­dings, das muß man zuge­ben, „Pro­bleme“ von so abs­trak­ter Art sehr beliebt. Völ­lig an der Tages­ord­nung sind z.B. vom Vor­schul­kind bis zum Dok­to­ran­den „Lern­schwie­rig­kei­ten“, die gar nichts mit den Schwie­rig­kei­ten des zu ler­nen­den „Stoffs“ zu tun haben wol­len, son­dern im Bereich gewis­ser sub­jek­ti­ver Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit des „Ler­nens über­haupt“ zu Hause sein sol­len. Von die­sen (Un-)Möglichkeiten steht das eine auf alle Fälle fest: Um so banale Dinge wie den Wil­len, sich aufs Erler­nen eines Wis­sens oder einer Fer­tig­keit zu kon­zen­trie­ren, geht es nicht.

„Bezie­hungs­pro­bleme“ sind gleich­falls sehr ver­brei­tet und eine Ange­le­gen­heit von über­aus prin­zi­pi­el­ler Natur: Es geht nicht um Unklar­hei­ten dar­über, was man von ande­ren Leu­ten will oder zu hal­ten hat, schon gar nicht um deren Intri­gen und sons­tige Ekel­haf­tig­kei­ten, son­dern um die fest vor­ge­stellte und prak­ti­zierte Unmög­lich­keit, sich „über­haupt“ mit ande­ren Leu­ten näher zu befas­sen oder andere zu nähe­rer Befas­sung mit einem selbst zu bewegen.

Auch an „Lebens­angst“ labo­rie­ren etli­che Zeit­ge­nos­sen; und das ist durch­aus nicht mit einer Angst ums eigene Leben zu ver­wech­seln, son­dern meint die Befürch­tung, mit über­haupt nichts zurecht­kom­men zu kön­nen. Dies ist von so prin­zi­pi­el­ler Natur, daß sie über die Iden­ti­fi­zie­rung von Fein­den und Wid­rig­kei­ten, die es wirk­lich gibt oder geben mag, von vorn­her­ein erha­ben ist. Wenn einem moder­nen Men­schen seine „Pro­bleme über den Kopf wach­sen“, dann fängt der eben nicht an, seine Zwe­cke und seine Mit­tel zu sor­tie­ren, son­dern er ver­mißt ein Prin­zip und sehnt sich nach einem Prin­zip, des­sen Anwen­dung ihm die Bewäl­ti­gung von allem und jedem erlau­ben würde.

Das Ange­bot hat sich also längst seine Nach­frage geschaf­fen: Dem Idea­lis­mus einer preis­wer­ten Methode des Erfolg-​Habens schlecht­hin ent­spricht das ver­brei­tete Bewußt­sein, mit gar nichts Bestimm­tem, son­dern ganz metho­disch mit dem Sich-​Durchsetzen, dem Ziele-​Erreichen, dem Probleme-​Bewältigen als sol­chem – Pro­bleme zu haben.

Die „Lösung“ eines fal­schen Pro­blems: Der Glaube ans Sub­jekt als sein eige­nes (Miß-)Erfolgsgeheimnis

Die Lösun­gen, die gebo­ten und gesucht wer­den, lie­gen für moderne Men­schen nicht mehr – zumin­dest nicht unmit­tel­bar – in den Ster­nen, der Alche­mie oder der Für­spra­che aller Hei­li­gen. Die Mensch­heit hat sich dahin beleh­ren las­sen, auch die­ses Pro­blem, dem mit Wis­sen­schaft und Tech­nik nicht bei­zu­kom­men ist, sehr wis­sen­schaft­lich und aus mensch­li­cher Kraft zu bewäl­ti­gen. Der Glaube, daß „Erfolg“ ein „Geheim­nis“ hätte und die­ses zu lösen sei, ver­legt sei­nen Glau­bens­ar­ti­kel mit Hilfe eines wis­sen­schaft­li­chen Fehl­schlus­ses in das Sub­jekt selbst, das sich so oft ver­geb­lich abmüht. Der Fehl­schluß geht so: „Weil“ alle­mal das „Ich“ a m Werk ist, „des­we­gen“ wird es auch der Grund dafür sein, wie seine Werke aus­fal­len. Der Erfolg ver­rät den „Erfolgs­men­schen“, das Schei­tern den „Ver­sa­ger“, und im Unter­schied zwi­schen bei­den „Typen“, die jeweils eine „Star­te­gie“ ver­kör­pern, muß das Prin­zip der „Erfolgs­tüch­tig­keit“ lie­gen. Diese unmög­li­che Wort­zu­sam­men­set­zung ist das pas­sende deut­sche Sprach­denk­mal eines auf­ge­klär­ten Problembewußtseins.

Zu den Ein­sich­ten und Fer­tig­kei­ten, die sich ein Mensch mit Wille und Bewußt­sein ver­stän­dig und zweck­mä­ßig ange­eig­net hat, gehört diese Tugend per defi­ni­tio­nem nicht. Pos­tu­liert wird der Wider­spruch eines Ver­mö­gens, das den Erfolg oder Mißer­folg aller ver­stän­di­gen und wil­lent­li­chen Anstren­gun­gen vor­aus­ent­schei­det, also „irgend­wie“ deter­mi­niert. Die Fahn­dung nach die­sem eigen­tüm­li­chen Ding weist folg­lich allem Unwill­kür­li­chen und Unver­stän­di­gen, was ein Sub­jekt so zustan­de­bringt, eine tie­fere Bedeu­tung zu. Alle Auf­merk­sam­keit rich­tet sich auf Ein­bil­dun­gen und Stim­mun­gen, also auf die Her­vor­brin­gung der Phan­ta­sie und des prak­ti­schen Gefühls, der unmit­tel­ba­ren oder zur Gefühls­re­gung ver­fes­tig­ten Ein­schät­zung einer gege­be­nen Umwelt nach dem ein­fäl­ti­gen Kri­te­rium, ob sie „mir paßt“ oder „nicht behagt“. Mit sol­chen Regun­gen neh­men die Unter­schei­dung von blo­ßen Lau­nen, die Set­zung prak­ti­scher Zwe­cke usw. über­haupt erst ihren Anfang; sie selbst sind kei­ner ande­ren Leis­tung mäch­tig als der spon­ta­nen kind­li­chen Unter­schei­dung zwi­schen Wohl­be­fin­den und Unwohl­sein. Aus­ge­rech­net diese Emp­fin­dun­gen gel­ten nun als Aus­kunfts­mit­tel über ein unter­grün­di­ges „Gesetz“ der Sub­jek­ti­vi­tät, das gleich sämt­li­che prak­ti­schen Leis­tun­gen, die Inter­es­sen des Sub­jekts und sogar noch die von die­sem unab­hän­gi­gen Erfolgs­be­din­gun­gen regie­ren soll.

Selbst­ver­ständ­lich hat die­ser Fehl­schluß auf (lei­der noch nicht kon­trol­lierte) per­sön­li­che Eigen­ar­ten als die Offen­ba­rung eines sub­jek­ti­ven (Miß-)Erfolgsprinzips seine Anhalts­punkte – auch wenn deren „Beweis­kraft“ alle­mal erst durch Ver­wechs­lung zustan­de­kommt. Das wich­tigste Indiz besteht in der ver­trau­ten Erfah­rung, daß Mißer­folge Ärger her­vor­ru­fen und Ärger bei der nächs­ten Unter­neh­mung irri­tie­ren kann – sofern er die Ein­satz­freude nicht aus­ge­rech­net beflü­gelt; ebenso mögen Erfolge beschwingte Gefühle hin­ter­las­sen, die die Ent­fal­tung ande­rer Fähig­kei­ten bei einem neuen Werk begüns­ti­gen – sofern sie nicht zu hin­der­li­chen Fehl­ein­schät­zun­gen ver­lei­ten. So oder anders­herum kön­nen ge– wie miß­lun­gene Taten sich eben auf die Stim­mung aus­wir­ken, in der ein Mensch an neue „Pro­bleme“ her­an­geht – sofern Ärger oder Freude nicht der Kon­zen­tra­tion auf die andere Unter­neh­mung zum Opfer fallen.

Irgend­eine Lehre über einen Zusam­men­hang eines gefühls­mä­ßig regis­trier­ten (Miß-)Erfolgs mit den Erfolgs­chan­cen ande­rer Akti­vi­tä­ten gibt die Erfah­rung also gar nicht her – ganz abge­se­hen davon, daß eine Chance noch ganz etwas ande­res ist als ein Erfolg. Es kommt immer noch dar­auf an, wel­che Schlüsse der Mensch aus sei­ner guten oder schlech­ten Laune zieht und ob über­haupt wel­che, ob also und in wel­chem Sinne er sich beein­dru­cken läßt. In eben die­ser Frage geht das moderne Erzie­hungs– und Betreu­ungs­we­sen aber mit der größ­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit von einer ein­deu­ti­gen Ant­wort aus: Der Ein­druck ist enorm, das Sub­jekt davon gera­dezu abhän­gig. Dies vor­aus­ge­setzt, kön­nen die Erfah­run­gen des ein­zel­nen gar nicht umhin, den Glau­ben an eine innere Gesetz­lich­keit zu bestä­ti­gen. Ganz gleich, ob ein „Erfolgs­er­leb­nis“ zu neuen Taten auf­ge­legt macht oder zu Müßig­gang ver­führt und ob das eine oder andere zur Zufrie­den­heit gelun­gen ist; egal, ob ein „Frust“ lust­lose Akti­vi­tä­ten nach sich gezo­gen hat, deren Ergeb­nis wie­der ärger­lich war, oder als Sta­chel für Anstren­gun­gen gewirkt, die zufäl­lig auch noch von Erfolg gekrönt waren: Alle­mal gilt die Stim­mung des Indi­vi­du­ums nicht als das, was sie bloß ist, son­dern als Indiz für einen – irgendeinen – ursäch­li­chen Zusam­men­hang. Die Aus­wir­kun­gen eines Schei­terns oder Erfolgs auf die Laune avan­ciert zum hin­ter­grün­di­gen Grund für erneu­tes Schei­tern oder erneute Erfolge.

Daß die­sem geglaub­ten Ver­ur­sa­chungs­zu­sam­men­hang jede Ein­deu­tig­keit fehlt, macht über­haupt nichts, son­dern gibt der Selbst­be­spie­ge­lung gerade ihren Reiz. Wie das ver­mu­tete „Gesetz“ wirkt, wel­che Pro­gnose einem gut– oder übel­ge­laun­ten Indi­vi­duum zu stel­len ist, das gilt ja eben als nicht ver­all­ge­mei­ner­ba­res imma­nen­tes Lebens­prin­zip jedes ein­zel­nen. Wor­auf es ankommt, ist nichts als der so oder so „bestä­tigte“ Glaube an ein ziem­lich deter­mi­nier­tes „Erfolgs­ge­heim­nis“ der jewei­li­gen Per­sön­lich­keit, das in deren Stim­mun­gen und Ein­fäl­len greif­bar wird – wie auch immer.

Kin­de­rei als Methode: Lau­nen als Leit­fa­den zur „Selbstverwirklichung“

Längst hat sich im Reich der öffent­li­chen wie der pri­va­ten Mei­nung die Gewiß­heit durch­ge­setzt, daß, wo Leute „Pro­bleme“ haben, jedes quid pro quo erlaubt ist, weil im lau­ni­schen Sub­jekt ja sowieso alles mit allem deter­mi­nie­rend, irgend­wie näm­lich, zusam­men­hängt. Men­schen, die sich einer Ent­täu­schung oder Trau­rig­keit hin­ge­ben, muß man „auf­bauen“; und das hat weder mit Kri­tik an ihrer Trüb­sal zu tun noch erst recht mit einem Zweck, für den man sie gewinnt, son­dern bedeu­tet Auf­hei­te­rung und die Beschaf­fung von „Erfolgs­er­leb­nis­sen“ auf dem Gebiet der Selbst­ein­schät­zung. Die Adres­sa­ten sol­cher Ermun­te­rung kom­men sich nicht ver­al­bert vor, son­dern ver­wech­seln sel­ber Lau­nen und begrün­de­ten Kum­mer in bei­den Rich­tun­gen. „Jeman­den psy­cho­lo­gisch kom­men“ ist gleich­be­deu­tend damit, „Pro­bleme“ gerade nicht dadurch „anzu­spre­chen“, daß Zweck und Mit­tel zum Thema gemacht wer­den, son­dern über aller­lei Gefühls­kram, der nur ver­mit­tels des Glau­bens an ein deter­mi­nie­ren­des inne­res Lebens­pro­gramm damit zusam­men­hängt. In aller Öffent­lich­keit wer­den fremde Men­schen – Ten­nis­spie­ler und Poli­ti­ker, Ver­bre­cher und Rich­ter, Pro­fes­so­ren und Fließ­band­ar­bei­ter … – danach gefragt, was sie vor, bei und nach ihrem Werk emp­fin­den, ob sie sich gut füh­len, wenn sie gerade ein Gesetz ver­ab­schie­det oder eine Nacht­schicht run­ter­ge­ris­sen haben; und die­ser Erkun­di­gung wird ganz offen­sicht­lich einige Bedeu­tung beige­mes­sen – wenn auch im Grunde keine alte Sau anzu­ge­ben weiß wel­che. Eine eigens insze­nierte Ablen­kung von allem, was wirk­lich pas­siert und von prak­ti­scher Bedeu­tung ist, könnte nie so wir­kungs­voll sein. Kind­lich­keit wird da, sehr reflek­tiert und absichts­voll, zum Prin­zip gemacht; mit Methode wer­den die Leute echt kin­disch.

So ist es in den fort­ge­schrit­te­nen Kul­tur­na­tio­nen zum Nor­mal­fall gewor­den, daß deren freie Men­schen tat­säch­lich gar nicht mehr die Pro­bleme haben, die sich bei der Ver­fol­gung prak­ti­scher Zwe­cke aus einem Man­gel an Mit­teln oder aus deren unzweck­mä­ßi­gem Ein­satz erge­ben. Es ist umge­kehrt: Kul­ti­vierte Bür­ger ach­ten auf ihr lau­ni­sches Wohl­be­fin­den, lau­schen womög­lich unter Ein­satz ihres gesam­ten Ver­stan­des in sich hin­ein, um her­aus­zu­fin­den, was sie sich über­haupt vor­neh­men kön­nen und sol­len, damit ihre geglaubte ‚Natur‘, vor­nehm: ihre indi­vi­du­elle ‚Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz‘, ange­mes­sen zum Zuge kommt. Sich einen über­leg­ten Zweck z u set­zen, das gilt nicht nur als psy­cho­lo­gi­sche Unmög­lich­keit, son­dern gera­dezu als unan­stän­dig: als Ver­stoß gegen die Schran­ken wie gegen die Chan­cen, die das eigene Innere bereit­hält. Denen hat ein moder­ner Mensch zu ent­spre­chen; an Pro­ble­men hat er sich die zu machen, in denen er sich „zu Hause füh­len“ kann. Kein Ver­bot, die Fin­ger von revo­lu­tio­nä­ren Umtrie­ben aller Art zu las­sen, könnte je so durch­schla­gend wirk­sam sein wie das Gebot, in allem Tun und Pro­ble­ma­ti­sie­ren „sich selbst gerecht“ zu werden.

Es gehört zu den demo­kra­ti­schen Trep­pen­wit­zen, daß es für diese absurde Kom­bi­na­tion der „Leis­tun­gen“ des prak­ti­schen Gefühls mit dem lee­ren Pos­tu­lat eines darin sich äußern­den indi­vi­du­el­len Lebens­prin­zips die phi­lo­so­phi­sche Voka­bel „Selbst“ ein­ge­bür­gert wor­den ist. Aus­ge­rech­net den Emp­fin­dun­gen, in denen das Sub­jekt noch nicht aus sei­ner Hin­ge­ge­ben­heit an Umstände und Lebens­be­din­gun­gen her­aus­tritt und am wei­tes­ten vom Bemü­hen um die Ver­wirk­li­chung selbst­ge­setz­ter Zwe­cke ent­fernt ist, wird der maß­geb­li­che Inhalt der indi­vi­du­el­len „Per­sön­lich­keit“ zuge­schrie­ben. Das „Selbst“ ist der Auf­trag, im Ober­fläch­li­chen, Unwill­kür­li­chen danach zu suchen; ob die „Selbstfin­dung“ geklappt hat, ent­schei­det sich daran, ob der Mensch fortan „Selbstbe­wußt­sein“ an den Tag legt. Gemeint ist damit weder die Tri­via­li­tät, über­haupt als Sub­jekt zu agie­ren, also die eige­nen Gedan­ken und Wil­lens­akte zu wis­sen; noch geht es um eine Rechen­schaft dar­über, wel­chen Zwe­cken sich einer ver­schrie­ben und wie weit er es mit denen gebracht hat – also über den Inhalt, den der Mensch wirk­lich sei­nem „Selbst“ gege­ben hat. „Selbst­be­wußt­sein“ ist für moderne Men­schen ein Wert, so ziem­lich der höchste sogar, läßt sich genau­so­gut als „Glaube an sich selbst“ oder als „Selbstver­trauen“ bezeich­nen und meint eben die durch posi­tive Stim­mun­gen ver­bürgte Gewiß­heit, sich mit sei­nem jewei­li­gen Tun und Las­sen in tie­fer Über­ein­stim­mung mit einem inner­li­chen Erfolgs­re­zept zu befin­den. Das metho­di­sche Ideal, an sich selbst ein unwi­der­steh­li­ches Instru­ment für ein erfolg­rei­ches Dasein zu besit­zen, wird in jedem begriffs­lo­sen „Sich-​gut-​Fühlen“ als erfüllt ent­deckt. Wem es gelingt, sich bei unver­wüst­lich guter Gefühls­lage zu hal­ten, der hat’s geschafft: Der geht „als Erfolgs­mensch“ und mit Selbst­ver­trauen“ an seine „Lebens­auf­ga­ben“ heran.

Worin auch immer die wirk­lich bestehen!

Der psy­cho­lo­gi­sche Stand­punkt: Ein klas­sen­über­grei­fen­des, aber nicht klas­sen­neu­tra­les fal­sches Bewußt­sein vom Leben im demo­kra­ti­schen Kapitalismus

Kein Geheim­nis ist der durch­schla­gende Erfolg die­ser Betrach­tungs­weise unter moder­nen Bür­gern. Denen bie­tet sie eine Uni­ver­saler­klä­rung ihres Schick­sals und eine Anlei­tung zum gehor­sam allein aus dem Ideal bür­ger­li­cher Freiheit:

Die Aus­sicht auf Erfolg ist die Abs­trak­tion, in der sich sämt­li­che Leis­tun­gen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft und ihres Staa­tes für die dazu­ge­hö­ri­gen Leute zusam­men­fas­sen. Nichts Bestimm­tes wird ihnen ver­spro­chen, geschweige denn garan­tiert. „Gewährt“ wird die Mög­lich­keit, belie­bige Zwe­cke in die Tat umzu­set­zen – mit der klein­ge­druck­ten Maß­re­gel, sich dabei an die bür­ger­li­chen Gesetze zu hal­ten und sich der bür­ger­li­chen Ein­rich­tun­gen zu bedie­nen. Diese Maß­re­gel, die die Rechte und Pflich­ten des Eigen­tums wie der Lohn­ar­beit ent­hält, will grund­sätz­lich nicht als Ein­schrän­kung ver­stan­den sein, son­dern als die Eröff­nung einer wohl­ge­ord­ne­ten Welt von Chan­cen für jeder­manns pri­vate Vor­ha­ben. „Es kommt ganz dar­auf an, was einer dar­aus macht!“ – die­ser Sinn­spruch benennt das Prin­zip, nach dem das Berufs­le­ben und die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen, die gesetz­lich behü­tete Pri­vat­sphäre samt Ehe– und Fami­li­en­le­ben und das reich­hal­tige Waren­an­ge­bot in einer kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie auf­ge­faßt und bewäl­tigt wer­den wol­len; und die unter­schied­li­chen Ergeb­nisse, zu denen die vie­len Indi­vi­duen es brin­gen, gel­ten als Beweis für des­sen Wahr­heit. Daß die „Chan­cen ungleich ver­teilt“ sein mögen, wird gar nicht geleug­net, eine ganze sozi­al­li­be­rale Ära lang sogar schon mal betont. Die Haupt­sa­che bleibt gerade so beste­hen: die Lüge, daß „Erfolgs­chance“ der wahre und eigent­li­che Inhalt sämt­li­cher ein­ge­rich­te­ten Ver­hält­nisse wäre. Daran kann eine kon­ser­va­tive „Wende“ dann leicht und bruch­los anknüp­fen, wenn sie mal wie­der betont, die Indi­vi­duen hät­ten genau das wohl ver­dient, wozu sie es jeweils bringen.

Was einer dar­aus macht – aus den als feste Daseins­be­din­gun­gen, als „Sach­ge­setze“ exis­tie­ren­den Aus­beu­tungs– und Herr­schafts­ver­hält­nis­sen der bun­des­deut­schen „Mit­tel­macht“ – liegt gemäß bür­ger­li­cher Logik in dop­pel­tem Sinn am Sub­jekt selbst: an dem, was es sich vor­nimmt, und an dem, was es zu leis­ten ver­mag. „Chance“ heißt ja nicht, daß es den Leu­ten leicht gemacht wird, ihre Zwe­cke zu ver­fol­gen. Ein biß­chen „Lebens­kampf“ ver­lan­gen die Ver­hält­nisse ihren „Nutz­nie­ßern“ schon ab. Für des­sen Erfolg kommt es auf zwei Dinge an. Auf „Lebens­tüch­tig­keit“, also auf die Taug­lich­keit der eige­nen Per­son als Instru­ment des erstreb­ten Erfolgs und „Waffe“ im „Lebens­kampf“, aufs „human capi­tal“ und des­sen Trai­ning. Und dar­auf, daß man sich die rich­ti­gen Ziele setzt, die näm­lich, die zur „Aus­stat­tung“ der eige­nen Per­sön­lich­keit pas­sen. In bei­den Hin­sich­ten kann man Feh­ler machen – und in wenigs­tens einer hat der­je­nige gefehlt, der mit den Resul­ta­ten sei­nes Stre­bens unzu­frie­den ist, seine Vor­ha­ben als geschei­tert beur­teilt. Damit bezeugt der Betref­fende näm­lich bloß, daß er seine „Leis­tungs­fä­hig­keit“ auf der einen, seine „Ansprü­che ans Leben“ auf der ande­ren Seite nicht zur Deckung gebracht hat. Für die­sen Mißer­folg kann er sich nicht auf beson­ders „wid­rige Umstände“ her­aus­re­den; denn der liegt ganz an ihm selbst. „Erfolg“, wie die bür­ger­li­che Gesell­schaft und der Rechts­staat ihn jeder­mann als sein höchs­tes Ziel kon­ze­die­ren, ist eben eine Abs­trak­tion, die kei­nen Mini­mal­be­stand an mate­ri­el­len Lebens­ge­nüs­sen ent­hält, son­dern erbar­mungs­los das Ideal der Über­ein­stim­mung von Wunsch und prak­ti­schem Ergeb­nis ein­for­dert. Auf Kos­ten der Wün­sche, Bedürf­nisse und Inter­es­sen, wenn’s sein muß; denn dann waren sie z u groß, der Mensch wollte „zu hoch hinaus“.

Erfolg oder Unzu­frie­den­heit eines bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums sind daher einer­seits keine Klas­sen­frage; ihren klas­sen­spe­zi­fi­schen Preis haben sie aber schon. Bei den einen beruht die Zufrie­den­heit, bei den weni­gen ande­ren der Mißer­folg auf der Frei­heit eines jeden, sein per­sön­li­ches „Anspruchs­ni­veau“ zu definieren.

Für die lohn­ar­bei­tende – oder von der Lohn­ar­beit des „Fami­li­en­ober­haupts“ abhän­gige – Masse ist es eine kom­pen­sa­to­ri­sche Lüge, die Err­run­gen­schaf­ten der gewohn­ten Lebens­füh­rung als den Erfolg zu dekla­rie­ren, der der eige­nen Leis­tungs­fä­hig­keit ange­mes­sen wäre. Diese Lüge sub­jek­tiv wahr­zu­ma­chen, erfor­dert eine metho­di­sche Ver­ro­hung der eige­nen wie der Bedürf­nisse des fami­liä­ren Anhangs; den Ver­zicht auf Wün­sche, deren Befrie­di­gung in Waren­form für jeder­mann zugäng­lich vor­liegt und für die ande­ren Klas­sen zu den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten eines moder­nen Lebens zählt. Dabei macht jeder die Erfah­rung, daß es mit dem Ver­zicht so schnell kein Ende hat. Die Resi­gna­tion in Fra­gen eines aus­kömm­li­chen Lohns rui­niert das außer­be­ruf­li­che Pri­vat­le­ben bis in die intims­ten Freu­den, die ohne Geld auch nicht dau­er­haft trös­ten. Das Abstand­neh­men von jeder Ein­mi­schung in die Poli­tik erspart kei­nes­wegs die Benut­zung als Mate­rial natio­na­ler Inter­es­sen, son­dern eröff­net eine Kar­riere als nütz­li­cher Idiot, der auch noch seine per­sön­li­che freie Mei­nung immer auf den neu­es­ten Stand brin­gen muß. Die Kom­pro­miß­be­reit­schaft beim beruf­li­chen Gesund­heits­ver­schleiß ver­dirbt den Genuß der dafür gezahl­ten Kom­pen­sa­tion gleich mit; usw. Solange die Mit­glie­der die­ser Klasse über­haupt noch an nen­nens­wer­ten Inter­es­sen fest­hal­ten, haben sie Gründe zur Unzu­frie­den­heit zu ver­bu­chen – und sie ste­hen damit vor einer Alter­na­tive, die ziem­lich viel ent­schei­det. Ent­we­der sie schen­ken den wirk­li­chen Grün­den ihres ein­ge­schränk­ten Daseins, der Tücke ihrer „Lebens­chan­cen“ ihre Auf­merk­sam­keit und wer­den zu Kri­ti­kern der Lohn­ar­beit, die sie zu Opfern macht. Von die­ser Kar­riere rät die gesamte demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit ein­hel­lig ab, und die Zwangs­mit­tel des Rechts bekräf­ti­gen den guten Rat­schlag. Oder sie grü­beln dar­über nach, warum aus­ge­rech­net sie es nicht schaf­fen, mit Lohn­ar­beit reich, mit Frau und Kind glück­lich, mit poli­ti­scher Anpas­sung zum Meis­ter ihrer Lebens­lage, mit Akkord­ar­beit immer gesün­der zu wer­den. Mit die­ser Fra­ge­stel­lung lie­gen sie gold­rich­tig; sol­ches Räson­nie­ren wird von den bes­ten Kräf­ten der Gesell­schaft betreut. Dem Men­schen wird ein Aus­weg nach dem ande­ren gewie­sen: in die klei­nen Freu­den des All­tags, an denen er sich immer wie­der „auf­bauen“ kann; in die Momente begriffs­lo­ser Selbst­zu­frie­den­heit, die ihm bewei­sen, daß er viel­leicht doch kein „Ver­sa­ger“ ist; in die Ver­wechs­lung unbe­frie­dig­ter Inter­es­sen mit blo­ßen Lau­nen, auf die es ihm nicht ankom­men sollte; in ein paar Tech­ni­ken des Humors, die ihren Meis­ter im Berufs– wie Geschlechts­le­ben unwi­der­steh­lich zu machen versprechen…

Dabei kann der pro­le­ta­ri­sche Grü­bel­meis­ter auf alle Fälle den Erfolg ver­bu­chen, daß er sich zwar nicht im Grund, wohl aber in den Manie­ren der „Selbst­su­che“ mit sämt­li­chen Luxus­ge­schöp­fen trifft, die mit ihrem Geld „auch nicht glück­lich“ gewor­den sind. Als Mensch steht er mit ihnen auf glei­chem Fuß, kann sich in ihre „Selbst­wert­pro­bleme“ hin­ein­füh­len und sie sogar, wenn er mag, als die noch grö­ße­ren „Ver­sa­ger“ bedau­ern, also ver­ach­ten. Denn immer­hin sorgt die Klas­sen­lage auch hier für Unter­schiede: Den lohn­ab­hän­gi­gen Psy­chos fehlt es in der Regel an Muße und Ver­traut­heit mit höhe­rem Blöd­sinn, um ihre Unzu­frie­den­heit mit sich und die Manö­ver der Selbst-​Befriedigung zu einer sol­chen Kunst des Lei­dens a n sich selbst aus­zu­bil­den, wie es heut­zu­tage Mit­men­schen mit geho­be­ne­rem „Anspruchs­ni­veau“ kultivieren.

Pro­le­ta­ri­sche Lebens­lü­gen: Die Tech­ni­ken fal­scher Zufriedenheit

„Kli­en­ten­zen­trierte Gesprächspsychotherapie

…Es ist das Ziel der Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie, dem Indi­vi­duum diese Klä­rung sei­ner Gefühle, Wün­sche, Motive und Bedürf­nisse zu ermög­li­chen. In die­sem Klä­rungs­pro­zeß kön­nen gleich­zei­tig neue gefühls­mä­ßige Hand­lun­gen ent­wi­ckelt werden.

Die psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen, mit denen Men­schen zu einem Gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ten kom­men, sind u.a.: Soziale Ängste und Hem­mun­gen, Pro­bleme der Selbst­ver­wirk­li­chung und der sozia­len Durch­set­zung, der Zufrie­den­heit, depres­sive Ver­stim­mun­gen, Ent­schei­dungs­schwie­rig­kei­ten, Pro­bleme aus dem Berufs– und Fami­li­en­le­ben, dann auch Angst­zu­stände, Sprach­stö­run­gen und Tics, sexu­elle Stö­run­gen und mit psy­chos­zia­len Bedin­gun­gen zusam­men­hän­gende kör­per­li­che Erkran­kun­gen, Such­t­er­kran­kun­gen. Für viele Per­so­nen sind diese Pro­bleme mit star­ken Ängs­ten ver­bun­den, die ihr Ver­hal­ten und Lösungs­mög­lich­kei­ten erheb­lich ein­schrän­ken. Oft­mals sind die Ängste soweit gene­ra­li­siert, daß jeg­li­cher Ver­än­de­rung erheb­li­che Wider­stände ent­ge­gen­ge­bracht wer­den. Die schwie­rige innere Lage wird bei­be­hal­ten, weil sie noch eine rela­tive Sicher­heit zu bie­ten scheint.

Obwohl es recht schwie­rig ist, auf­grund der unter­schied­li­chen Vor­be­din­gun­gen der Kli­en­ten all­ge­meine Ziele der The­ra­pie anzu­ge­ben, dürf­ten fol­gende Gesichts­punkte häu­fi­ger als Ziele genannt wer­den: Akzep­tie­rung der eige­nen Per­son; Selb­stän­dig­keit, d.h. Frei­heit von äuße­ren und selbst auf­er­leg­ten Zwän­gen; Bereit­schaft und Befä­hi­gung zu sozia­len Bezie­hun­gen, sozia­len Akti­vi­tä­ten und sozia­ler Refle­xion; Gefühle emo­tio­na­ler Sicher­heit und Angst­frei­heit; Bereit­schaft und Befä­hi­gung, eigene Gefühle und Bestre­bun­gen wahrzunehmen.“

In der moder­nen Klas­sen­ge­sell­schaft ist die Mehr­heit der Leute in einen Kampf u m einen glaub­wür­di­gen Schein von Zufrie­den­heit ver­strickt, des­sen paar Grund­re­geln ste­reo­typ befolgt wer­den, ohne daß irgend­wer darin erst groß aus­ge­bil­det wer­den müßte.

Grund­le­gend für alles Wei­tere ist die Ein­bil­dung, nicht betro­gen wer­den zu kön­nen, son­dern mit den Heu­che­leien der Poli­ti­ker und den Fal­len der Wer­bung, mit dem zwi­schen­mensch­li­chen Lug und Trug und allen fal­schen Hoff­nun­gen auf die Ver­bes­ser­bar­keit „der Welt“ fer­tig zu sein. Der Wunsch, sein eige­nes Leben im Griff zu haben und des­sen Umstände zu meis­tern, ist damit auf die denk­bar küm­mer­lichste Art und Weise wahr gemacht. Ganz metho­disch wird eine theo­re­ti­sche Über­le­gen­heit über alles, wovon man abhängt, behaup­tet; eine Über­le­gen­heit, die nur in der lee­ren Gedan­ken­be­we­gung besteht, alle noch so prak­ti­schen Ansprü­che, mit denen man zu tun hat, als arg­lis­tige Täu­schungs­ma­nö­ver zu inter­pre­tie­ren und sich selbst eben damit als nicht hin­ter­geh­ba­ren Durch­bli­cker. Die Kri­tik wirk­li­cher Ideo­lo­gien, ein Begriff von den tat­säch­lich viru­len­ten Täu­schun­gen ist dafür über­haupt nicht von­nö­ten; und schon gar nichts hat diese Hal­tung mit Oppo­si­tion gegen die „Sach­zwänge“ zu tun, denen die eigene Frei­heit sich fügt, indem sie sich der gesell­schaft­lich vor­ge­schrie­be­nen „Mit­tel“ bedient. Die völ­lig abs­trakte Zurück­wei­sung jeder nur vor­stell­ba­ren Beein­flus­sung der eige­nen Will­kür durch andere erfüllt für moderne Staats­bür­ger den Tat­be­stand ele­men­ta­rer Selbst­be­stim­mung. Es gehört und paßt zu die­sem Frei­heits­wahn, daß er nur eine Form wirk­li­cher Frei­heits­be­rau­bung kennt, näm­lich – wirk­li­che Kri­tik, die eine als falsch erkannte Auf­fas­sung auch dann nicht gel­ten läßt, wenn ehren­werte Zeit­ge­nos­sen sich in ihr gefal­len und sie dafür brau­chen. Tat­säch­lich denun­ziert ja auch jede sol­che Kri­tik auto­ma­tisch die Täu­schung, das Abwin­ken wäre die best­mög­li­che Ver­si­che­rung dage­gen, frem­den Inter­es­sen dienst­bar gemacht zu werden.

Diese defen­sive Manier der theo­re­ti­schen Selbst­be­haup­tung läßt sich ohne Wech­sel des Stand­punkts ins Posi­tive wen­den und zu einem Ges­tus der erfüll­ten Frei­heit aus­bauen. Da loben viele die geniale Kon­struk­tion und die Fahr­tüch­tig­keit ihres Klein­wa­gens, wo sie doch wis­sen, daß es viel bes­sere Autos gibt, die nur für sie zu teuer sind. Das­selbe gilt für Woh­nun­gen und Eßge­wohn­hei­ten, das Fami­li­en­le­ben und die Urlaubs­reise. Hin­sicht­lich sämt­li­cher Lebens­um­stände möch­ten zahl­lose Leute wider bes­se­ren Wis­sens sich so sehen und so ange­se­hen wer­den, als hät­ten sie sich die in aller Frei­heit selbst her­aus­ge­sucht, und zwar nur zu ihrem Genuß. Nicht bloß in bezug auf ihre aus­er­wähl­ten Freu­den füh­ren sie sich als Vir­tuo­sen einer gelun­ge­nen Lebens­ge­stal­tung auf, die es mit ihrer Ski­marke mal wie­der präch­tig getrof­fen haben; sogar ihre Ver­zichts­leis­tun­gen haben sie klug und letzt­lich zu ihrem Vor­teil gewählt. Wir machen Bal­kon­fe­rien; und wenn’s reg­net, las­sen wir uns das Sin­gen trotz­dem nicht ver­bie­ten. Die­ses ein­ge­bil­dete Lebens­künst­ler­tum beschränkt sich noch nicht ein­mal auf die Teil­habe an der bun­ten Waren­welt und dem natio­na­len Geschlechts­le­ben, also die Sphäre der pri­va­ten Repro­duk­tion. Die Arbeit begreift es kalt­lä­chelnd mit ein. „Meine Firma!“ behaup­ten treue Lohn­ar­bei­ter, sogar noch nach ihrer Ent­las­sung, von dem Unter­neh­men, das sie zum Tarif­lohn plus ein paar orts­üb­li­chen Pro­zen­ten aus­ge­powert hat. Den Unsinn poli­to­lo­gi­scher Sys­tem­ver­gleich­s­ideo­lo­gien, so zu tun, als hät­ten die Völ­ker und vor allem das eigene sich ihre Sorte Obrig­keit und Aus­beu­tung aus einem gro­ßen Ange­bot alter­na­ti­ver „Modelle“ aus­ge­sucht, beherrscht noch jeder Bür­ger zumin­dest in der rohen Form des „Geh doch nach drü­ben!“ Im übri­gen braucht der Mensch eine Hei­mat; und mit der, die er hat, ist er schon des­we­gen am bes­ten bedient.

Der Ges­tus, sel­ber der Arran­geur aller eige­nen Exis­tenz­be­din­gun­gen und Abhän­gig­kei­ten zu sein, geht in allen die­sen Fäl­len ganz von selbst über in den Glau­ben, selbst eben s o einer zu sein, zu dem all das paßt, was man als Lebens­be­din­gung vor­fin­det. Irgend­wie hat man selbst sich darin ver­wirk­licht. Die wich­tigste, näm­lich poli­ti­sche Anwen­dung die­ses Selbst­be­trugs besteht in der Erhe­bung der Natio­na­li­tät, unter die man sub­su­miert ist, zur per­sön­li­chen Iden­ti­tät und heißt Patrio­tis­mus. Der ras­sis­ti­sche Gehalt die­ser Tugend kommt spä­tes­tens dann zum Tra­gen, wenn das Vater­land „lei­det“, „Aus­län­der­pro­bleme“ hat und unbe­dingt einen Feind besie­gen muß.

Im übri­gen steht es in der moder­nen Gesell­schaft jedem frei, die Iden­ti­fi­zie­rung mit Lebens­be­din­gun­gen, die gar nicht ins pri­vate Belie­ben gestellt sind, dadurch zu voll­en­den, daß man sich noch außer­dem ohne jede Not und Nöti­gung in sei­nem ein­ge­bil­de­ten Lebens­glück vom Erfolg gewis­ser gesell­schaft­li­cher Grö­ßen abhän­gig macht, so als wären sie zusätz­li­che Sach­zwänge der eige­nen Lebens­füh­rung. Die Begeis­te­rung für Vor­bil­der, das Kopie­ren von Aus­se­hen und Manie­ren wich­ti­ger Per­sön­lich­kei­ten, der öffent­lich gebil­ligte Fana­tis­mus für den „eige­nen“ Fuß­ball­ver­ein oder eine Mode: das alles zeugt von der Inten­si­tät, mit der von die­ser Frei­heit, sich in einer tat­säch­lich frei gewähl­ten „Hei­mat“ ein­zu­hau­sen, mas­sen­haft Gebrauch gemacht wird.

Dabei ist nicht zu über­se­hen, daß kei­nes die­ser Manö­ver zur Erzeu­gung von Zufrie­den­heit sei­nen Lohn in sich trägt. Die zahl­rei­chen Indi­vi­duen, die sie durch­ex­er­zie­ren, über­se­hen das jeden­falls nicht. Das Hoch­hal­ten des „eige­nen“ Betriebs strahlt ja nicht gerade volle Zufrie­den­heit aus, son­dern eher Mili­tanz gegen nur allzu berech­tigte Zwei­fel; der demons­tra­tive Nach­weis gelun­ge­ner Kon­sum­ge­wohn­hei­ten ist ohne­hin ein Wider­spruch, der nichts als die Beweisnot ver­rät; und die Liebe zum Vater­land ist kein Ver­gnü­gen, son­dern die kämp­fe­ri­sche Illu­sion, die Natio­na­li­tät, der man dient, wäre eine bedeu­tende Aus­zeich­nung, ein Qua­li­täts­merk­mal und ein Rechts­ti­tel der eige­nen Per­son gegen jeder­mann. Einen vor­zeig­ba­ren Gewinn wer­fen die brot­lo­sen Künste der­ar­ti­ger „Selbst­ver­wirk­li­chung“ nur dar­über ab, daß man die eigene ein­ge­bil­dete Meis­ter­schaft über das Leben und des­sen Erfolg ver­glei­chen kann mit min­der bemit­tel­ten Zeit­ge­nos­sen, denen der Schein, es präch­tig getrof­fen zu haben und ein ent­spre­chend präch­ti­ger Mensch zu sein, weni­ger gut gelingt. Das Mär­chen von Erfolg und Zufrie­den­heit braucht die Kon­kur­renz, und das Kon­kur­rie­ren braucht die Kon­kur­ren­ten als nei­der­füll­tes Publi­kum.

So gerät ganz nor­ma­len Leu­ten jede Plau­de­rei zur Demons­tra­tion und jeder Aus­lands­be­such zum natio­na­len Sys­tem­ver­gleich. Und das nur um so mehr, als das jewei­lige Publi­kum kei­nes­wegs leicht zu beein­dru­cken ist, son­dern mehr mit dem Schlecht­ma­chen der vor­ge­führ­ten Leis­tun­gen beschäf­tigt. Daß etwas ein­fach so gemeint wie gesagt ist, ist ganz unüb­lich und wird von gar nie­man­den erwar­tet. Es wird als Ange­be­rei vor­ge­tra­gen und gewer­tet. Der Ein­druck, den moderne Men­schen in ihrer Eigen­schaft als Ange­ber machen wol­len, liegt gar nicht darin, daß andere auf sie rein­fal­len; sie wol­len Gleich­ge­sinnte in der Kunst der Ange­be­rei selbst aus­ste­chen. In die­sem Sports­geist macht man­cher sich die Aus­bil­dung von Spe­zia­li­tä­ten zum Lebens­zweck, die gar nichts ande­res als ihre Aus­ge­fal­len­heit zum Inhalt und Zweck haben. Die End­pro­dukte wer­den von Tho­mas Gott­schalk im ZDF einem Publi­kum vor­ge­führt, das sich inzwi­schen selbst impe­ria­lis­ti­sche Kampf­an­sa­gen wie die der USA an Libyen oder der NATO an die sowje­ti­sche Atom­macht als eine Art welt­po­li­ti­sches „Wet­ten, daß…“ erläu­tern läßt.

„Geschei­terte Exis­ten­zen“: Lebens­künst­ler­tum mit umge­kehr­ten Vorzeichen

Es ist eine Min­der­heit, die die gewohn­heits­mä­ßige Ange­be­rei ihrer Mit­men­schen für bare Münze nimmt und sich davon beein­dru­cken läßt. Da äußert sich dann tat­säch­lich Unzu­frie­den­heit – bloß über­haupt nicht eine mit den „Sach­zwän­gen“ und mate­ri­el­len Exis­tenz­be­din­gun­gen, die den Mas­sen in der Klas­sen­ge­sell­schaft das Leben schwer­ma­chen. Einen moder­nen Pro­le­ta­rier schmerzt nichts so sehr wie die Beschä­di­gung sei­nes „Selbst­wert­ge­fühls“, was ein ver­schö­nern­der, des­we­gen durch­ge­setz­ter Aus­druck für Nie­der­la­gen in einer Kon­kur­renz der Ange­ber ist. Sol­che Erfah­run­gen füh­ren zu „Depres­sio­nen“ – will sagen: Sie ver­füh­ren den belei­dig­ten Men­schen zu nicht-​enden-​wollender Grü­be­lei über sich als so pein­lich auf­fäl­lig gewor­de­nen „Versager“.

Betrübte Selbst­be­trach­tun­gen die­ser Art pfle­gen alle Lügen des gewöhn­li­chen Lebens­künst­ler­tums unter nega­ti­vem Vor­zei­chen zu repro­du­zie­ren. Wo ein „lebens­tüch­ti­ger“ Mensch sich nie aufs Kreuz legen läßt, da ist sein „geschei­ter­ter“ Mit­mensch immer nur betro­gen wor­den und „der Dumme gewe­sen“. Wo die einen sich ihre Lebens­um­stände „mit glück­li­cher Hand“ zusam­men­ge­stellt haben, da hat der „Ver­sa­ger“ immer nur „Pech gehabt“ und „alles falsch gemacht“. Und wo der nor­male Ange­ber den Neid sei­nes Publi­kums ein­kas­sie­ren will, da beläm­mert sein depres­si­ves Gegen­stück die Umge­bung mit dem Anspruch auf Rück­sicht­nahme – eine Sorte Applaus, die nicht den Erfolg beloh­nen, son­dern den Erfolg­lo­sen einer den­noch unge­bro­che­nen Wert­schät­zung ver­si­chern soll, was bei­nahe auf das­selbe hinausläuft.

Der Anspruch auf Mit­leid und ver­wandte Gefühle schafft sich seine Rechts­gründe; um so schö­nere, je weni­ger er beach­tet wird. Die zweck­mä­ßige Begut­ach­tung der eige­nen Per­sön­lich­keit und ihrer Lebens­ge­schichte gibt alle­mal erbau­li­che Bil­der dafür her, daß im eige­nen Fall Mensch und Schick­sal vorn und hin­ten nicht auf­ein­an­der gepaßt haben. Da mag ein Ereig­nis das Leben aus sei­ner Erfolgs­bahn gewor­fen haben, dort ein unbe­wäl­tig­ter Cha­rak­ter­zug sei­nen Trä­ger vom nor­ma­len Leben aus­ge­schlos­sen. Sol­che Ein­bil­dun­gen kön­nen ihrer­seits sehr pro­duk­tiv wer­den. Min­des­tens geben sie einen Stand­punkt für unab­läs­sige Beschwerde her – über eigene Ver­säum­nissse ebenso wie über Ver­feh­lun­gen der Welt gegen die eigene Per­son. Die geglaubte Beschä­di­gung der eige­nen „Erfolgs­tüch­tig­keit“, sei es durch „Anlage“ oder „Umwelt“, läßt sich mit genü­gen­der Kon­zen­tra­tion aber auch prak­tisch wahr­ma­chen. Dann beweist sie sich in einem Gebre­chen, das eine nor­male Lebens­füh­rung mit Beruf, Behör­den­gän­gen und gere­gel­ter Pri­vat­sphäre am Ende wirk­lich aus­schließt. Die Härte der Alter­na­ti­ven, vor die ein so kon­se­quent depres­si­ver Mas­sen­mensch in der Klas­sen­ge­sell­schaft sofort gestellt ist: Ver­wahr­lo­sung im Repro­duk­ti­ons­be­reich, Ver­elen­dung durch Ver­lust der Ein­kom­mens­quelle, Drang­sa­lie­rung durch sozi­al­staat­li­che Kon­troll­or­gane – das son­dert hier die Spreu vom Wei­zen. Etwa zwei Drit­tel derer, die es mal mit einer mani­fes­ten Neu­rose ver­sucht haben, zie­hen es vor, wie­der Mut zu fas­sen – die­sen Pro­zent­satz jeden­falls, bei unbe­kann­ter Dun­kel­zif­fer, will die ein­schlä­gige empi­ri­sche For­schung als die Durch­schnitts­rate von „Spon­tan­hei­lun­gen ohne The­ra­peu­ten­ein­satz“ ermit­telt haben.

Für die hart­nä­cki­gen Fälle bezahlt die AOK inzwi­schen eine „Ver­hal­tens­the­ra­pie“, die den Kun­den ihre hin­der­li­chen Marot­ten genauso begriffs­los wie­der abge­wöhnt, wie die sie sich ange­wöhnt haben. Die „sys­te­ma­ti­sche Desen­si­bi­li­sie­rung“, d.h. die schritt­weise prak­ti­sche Demons­tra­tion, daß durch­aus geht, was die Kli­en­ten zu ihrer Unfä­hig­keit gemacht haben, ver­bun­den mit gutem Zure­den und Ent­span­nungs­übun­gen, tut wahre Wun­der unter Leu­ten, die ihren Rechts­an­spruch auf öffent­li­che Berück­sich­ti­gung da end­lich ein­mal befrie­digt sehen. Am Ende tun sie dem The­ra­peu­ten, der Kran­ken­kasse und sich selbst den Gefal­len und las­sen auch ein­mal wie­der ab von ihrem unhand­li­chen Spezialspleen.

Sofern sie es nicht vor­zie­hen, sich voll­ends von jeder bür­ger­li­chen Lebens­not­wen­dig­keit zu ver­ab­schie­den und in das selbst­ge­schaf­fene Refu­gium ihrer lei­den­den und ver­kann­ten Per­sön­lich­keit überzusiedeln.

Die guten see­li­schen Manie­ren des Erfolgs: Selbst­ge­nuß als Konkurrenzmittel

Der Schein von Frei­heit und per­sön­li­cher Bedeut­sam­keit, um den lini­en­treuen Mas­sen sich mit zwei­fel­haf­tem Erfolg abmü­hen, fällt einer klei­nen Min­der­heit in den Schoß. Bei eini­gen Leu­ten steht es näm­lich außer Frage, daß sie „etwas zu sagen haben“ – sei es, weil sie etwas haben, womit sie Men­schen und Ver­hält­nisse in Bewe­gung set­zen kön­nen, Eigen­tum näm­lich, oder sei es, weil man ohne­hin auf sie hört, weil Beruf bzw. Amt das so mit sich brin­gen. Die Dop­pel­deu­tig­keit des „etwas zu sagen haben“ ist das Gemein­same so unter­schied­li­cher Figu­ren wie wis­sen­schaft­li­cher Auto­ri­tä­ten und Kapi­ta­lis­ten. Top­ma­na­ger und Staats­män­ner, hoher Funk­tio­näre und Jour­na­lis­ten, popu­lä­rer Schau­spie­ler und pro­mi­nen­ter Ärzte. Ihr gemein­sa­mer per­sön­li­cher Nen­ner ist nicht eine über­le­gene Ein­sicht, aber auch nicht ein­fach die Macht über andere Leute, der sie schmei­cheln kön­nen; viel­mehr die für sie alle gül­tige Lüge, eins hätte mit dem ande­ren ursäch­lich zu tun.

Daß diese Lüge gilt, hat einen soli­den Grund. Kein demo­kra­ti­scher Unter­tan will sich nach­sa­gen las­sen, daß er gehorcht, wenn er die herr­schen­den Inter­es­sen bedient, und gewis­sen Mei­nungs­ma­chern nach dem Mund redet, wenn er sich die gerade aktu­el­len öffent­li­chen Sor­gen macht. Wo die Macht kein Argu­ment gel­ten, sich durch keine Ver­nunft­gründe ver­un­si­chern läßt – wo im Gegen­teil Argu­mente nur genau soweit zäh­len, wie sie durch die öffent­li­che Gewalt zur Aner­ken­nung gebracht wer­den -, aus­ge­rech­net da kommt die Illu­sion zu Ehren, der ein­fa­che Mensch bräuchte sich von den höhe­ren Exem­pla­ren sei­ner Gat­tung nichts bzw. nur soviel sagen, näm­lich vor­schrei­ben zu las­sen, wie diese auf­grund per­sön­li­cher Über­zeu­gungs­kraft zu sagen, näm­lich an Weis­hei­ten mit­zu­tei­len hät­ten. Das ist ande­rer­seits keine Ein­schrän­kung für das, was einer sich prak­tisch vor­schrei­ben läßt, son­dern umge­kehrt die Grund­lage der Loya­li­tät, mit der freie Bür­ger ihrer Obrig­keit und allen, die sie die­ser zurech­nen, begeg­nen. Der beliebte Vor­wurf an Macht­ha­ber und Pro­mi­nente, sie seien eher däm­lich, besei­tigt diese Illu­sion nicht, son­dern lebt von ihr und ergänzt sie nur um ein „eigent­lich“, die unver­wüst­li­che Bas­tion aller Ideale. Gerade sol­che „Kri­tik“ bekräf­tigt ja den Anspruch, die Auto­ri­tät, die einer Per­son zukommt, hätte durch sie begrün­det zu sein.

Wie auch immer sie gewen­det und ange­wandt wird: Die Vor­stel­lung, wer etwas zu sagen hat, müßte auch etwas zu sagen haben, ist ein Vor­schuß auf die Ange­be­rei der „wich­ti­gen Per­sön­lich­kei­ten“, von dem ein „klei­ner“ Mas­sen­mensch nur träu­men kann.

Für demo­kra­ti­sche Poli­ti­ker ist die­ser Bonus über­haupt der Arti­kel und die Waffe ihrer Kon­kur­renz­ge­schäfte. Sie wer­ben für sich gera­dezu mit ihrer Zufrie­den­heit mit sich selbst und ihrer Wich­tig­keit, die sie ohne jede fal­sche Beschei­den­heit an den Tag legen. Dabei nut­zen sie die Zwei­deu­tig­keit des „etwas zu sagen haben“ metho­disch aus: Den Inter­es­sen, denen sie zur Durch­set­zung ver­hel­fen, und den Macht­mit­teln mit denen sie das tun, geben sie den Anspruch tief­emp­fun­de­ner Über­zeu­gun­gen; ihre „Über­zeu­gun­gen“ wie­derum tra­gen sie in der Gewiß­heit vor, daß sie sich keine Über­prü­fung, gar auf Rich­tig­keit, gefal­len las­sen müs­sen, weil ihre Macht für sie ein­steht. Um es mit den unver­geß­li­chen Wor­ten des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters zu sagen: „Die kri­ti­sie­ren und demons­trie­ren – wir regie­ren!“ Damit ist klar in der Demo­kra­tie, wer recht hat. So prä­sen­tie­ren demo­kra­ti­sche Poli­ti­ker dem Publi­kum lau­ter metho­di­sche Fik­tio­nen einer bruch­lo­sen Deckungs­gleich­heit von Macht und Per­sön­lich­keit: ihren „Macht­in­stinkt“, ihre „Macher-​Qualitäten“, ihre „Respekts­per­son“ usw. Und längst beherr­schen sie den berech­nen­den Ein­satz der Absur­di­tät, das Regie­ren als ihre geglückte Selbst­ver­wirk­li­chung dar­zu­stel­len: Jedes Stück Bio­gra­phie, Frau und Kind, vor allem aber der eigene Genuß an der Macht bür­gen dafür, daß da im Geschäft der Herr­schaft ein indi­vi­du­el­les Lebens­ge­setz seine geglückte Äuße­rung gefun­den hat – keine Frage, daß sol­chen Men­schen die Macht zusteht. In den ande­ren bür­ger­li­chen Beru­fen der bes­se­ren Art ist das Kon­kur­renz­mit­tel der Ange­be­rei mit den jeweils errun­ge­nen Erfol­gen mehr oder weni­ger durch sach­fremde Gesichts­punkte des Wis­sens, der Fer­tig­keit z.B. im Ver­fas­sen von Leit­ar­ti­keln, der Beherr­schung einer Kunst und der­glei­chen ver­un­rei­nigt; und das um so stär­ker, je wei­ter eine Kar­riere noch am Anfang steht. Alle­mal ist aber das Bewußt­sein von der Bedeu­tung des „Selbst“, das ein geho­be­ner Mensch „ver­wirk­licht“, mehr als ein zusätz­li­cher Genuß ohne Anstren­gung und Reue. In allen Kar­rie­ren, die die­sen Namen ver­die­nen, ist die über­zeu­gende Dar­stel­lung die­ses Bewußt­seins ein unent­behr­li­ches Kon­kur­renz­mit­tel – ganz anders als bei der Mehr­heit, die kaum je eine Chance hat, mit erfolg­rei­cher Ange­be­rei irgend­ei­nem wirk­li­chen, mate­ri­el­len Erfolg näherzukommen.

Gebil­dete Seel­chen: Ange­be­rei mit kul­ti­vier­ten Selbstzweifeln

Ins­be­son­dere der Umgang mit den unaus­bleib­li­chen Nie­der­la­gen in die­ser Kon­kur­renz gehört zu den raf­fi­nier­ten Kul­tur­leis­tun­gen, mit denen die gebil­de­ten Stände, und zwar gerade ihre – noch – erfolg­lo­sen oder geschei­ter­ten Kar­rie­ris­ten, die bür­ger­li­che Gesell­schaft berei­chert haben.

So beherr­schen bereits junge Stu­den­ten ohne spe­zi­elle Schu­lung die Dia­lek­tik der Beschei­den­heit und des Selbst­vor­wurfs. Das Bekennt­nis zu einer ein­ge­bil­de­ten Unfä­hig­keit, etwa ein paar Weis­hei­ten zu Papier zu brin­gen oder vor ande­ren frei zu reden, kommt da sehr for­dernd ein­her; es will etwa erho­bene Ansprü­che ebenso ins Unrecht set­zen wie vor allem die kon­kur­rie­ren­den Kom­mi­li­to­nen, die sich ohne jedes Ver­dienst leich­ter tun. Wer die ver­langte Rück­sicht­nahme ver­wei­gert, ist min­des­tens unsen­si­bel und hat alle nach­fol­gen­den Mißer­folge des beken­nen­den „Ver­sa­gers“ mit auf dem Gewis­sen. Die stel­len sich auch leicht ein; denn fortan mißt der unver­stan­dene Mensch keine sei­ner Äuße­run­gen mehr an dem – meist sehr bana­len – Kon­kur­renz­zweck, dem er genü­gen soll, son­dern an einem recht umfas­sen­den „Pro­blem“, das er sich auf­er­legt hat. Alles gerät ihm zur Erpro­bung einer fik­ti­ven Super-​Fähigkeit, gewis­ser­ma­ßen der Tüch­tig­keit all sei­ner Ver­mö­gen, näm­lich sei­ner „Durch­set­zungs­fä­hig­keit“. Mißer­folge bei der Bewäl­ti­gung die­ses ein­ge­bil­de­ten prin­zi­pi­el­len Tests set­zen ihn in den eige­nen Augen ent­schei­dend herab, lädie­ren nichts gerin­ge­res als sein „Selbst­wert­ge­fühl“; und dar­aus, viel mehr als aus Häß­lich­kei­ten sei­ner kon­kur­rie­ren­den Mit­men­schen, erwächst ihm der Zwei­fel, ob man ihn über­haupt mögen kann: ein fun­da­men­ta­les „Anerkennungsproblem“.

Nur gut, daß diese fürch­ter­lich prin­zi­pi­el­len Pro­bleme meist genauso leicht zu hei­len sind, wie der gebeu­telte Kar­rie­rist sie sich zusam­men­fin­det. Eine lächer­li­che Auf­mun­te­rung oder eine gute Note kön­nen ihm, wenn er es so sehen will, die Wert­schät­zung der Welt für seine Per­son sichern, sein Selbst­wert­ge­fühl ent­spre­chend heben und die Illu­sion enor­mer Durch­set­zungs­fä­hig­keit ver­mit­teln. Was von sol­chen „see­li­schen Tiefs“ und „Höhen­flü­gen“ nach ein paar Kon­junk­tur­zy­klen in der Regel bleibt, ist die Übung, damit zu koket­tie­ren oder auch gleich­ge­sinnte Mit­men­schen zu drang­sa­lie­ren. Selbst sol­che Leute, die es längst nicht mehr nötig haben, schi­cken ihren Ein­las­sun­gen gerne den Hin­weis vor­aus, sie seien „gar nicht in Form“; so wol­len sie sich für ihre Bei­träge, die sie ganz selbst­ver­ständ­lich als eine Selbst­dar­stel­lung vor kri­ti­schem Publi­kum ver­ste­hen und insze­nie­ren des wohl­wol­len­den Vor­ur­teils ver­si­chern, ihr „Selbst“ sei auf alle Fälle weit bes­ser als des­sen anfecht­bare „Dar­stel­lung“. Die ande­ren, die „es nötig haben“, sind neben ihren paar sons­ti­gen Tätig­kei­ten sehr damit beschäf­tigt, den Rest der Welt und mög­lichst auch sich selbst von der Exis­tenz und Trag­weite eines sol­chen vor­teil­haf­ten Unter­schieds zwi­schen ihrem „eigent­li­chen“ Ich und des­sen als Leis­tungs­be­weis gemein­ten Wer­ken zu überzeugen.

Die Gewohn­heit die­ser sub­ti­len Form der Ange­be­rei geht kaum ohne schlech­tes Gewis­sen ab, das sich mit dem Zwei­fel an der Echt­heit der eige­nen Selbst­dar­stel­lung zu Wort mel­det; einem Ver­dacht, der gegen alle ande­ren natür­lich erst recht am Platz ist. Das Pro­ble­ma­ti­sie­ren, wie ernst man es – ganz tief inner­lich – mit sei­nen Gefüh­len und Über­zeu­gun­gen meint, fin­det da unver­gleich­lich grö­ße­res Inter­esse als der Gegen­stand der frag­li­chen Gefühle und als die Argu­mente, die für oder gegen eine Über­zeu­gung spre­chen. In gebil­de­ten Dis­kus­sio­nen zäh­len Begrün­dun­gen sowieso nur als Mate­rial für die Demons­tra­tion von „Selbst­si­cher­heit“, dem fik­ti­ven Güte­sie­gel der erstreb­ten Echt­heit; umge­kehrt ist die Waffe der „Ver­un­si­che­rung“ längst an die Stelle von Kri­tik getre­ten. Nach dem­sel­ben Mus­ter wer­den Gefühle, eigene wie fremde, auf einen dau­ern­den Echt­heits­be­weis ver­pflich­tet; zum Schluß, wenn sie an die Tech­ni­ken ihrer Erzeu­gung bzw. Vor­spie­ge­lung schon ziem­lich zugrun­de­ge­gan­gen sind, wer­den sie mit der tief­sin­ni­gen Auf­for­de­rung zu „mehr Spon­ta­nei­tät!“ end­gül­tig erle­digt. So machen Leute, die in prak­ti­scher Hin­sicht ganz andere als pro­le­ta­ri­sche Exis­tenz­sor­gen haben, in kul­ti­vier­ter Weise sich selbst und ein­an­der das Leben schwer; und Depres­sio­nen stel­len sich ein, wo von mate­ri­el­len Mißer­fol­gen und Nie­der­la­gen gar nicht groß die Rede sein kann.

Der inter­es­sante „Fall“ und seine Betreu­ung: Kindisch-​Werden mit Anspruch und Methode

Den Über­gang in den Fana­tis­mus betrüb­ter Selbst­ver­ur­tei­lun­gen bewerk­stel­li­gen Mit­glie­der der gebil­de­ten Stände und geho­be­nen Gesell­schafts­klas­sen auf geho­bene und gebil­dete Weise, näm­lich mit Methode und nie ohne bewußte Heu­che­lei. Man weiß sich selbst als Fall, wenn die Zwei­fel an der eige­nen Per­sön­lich­keit und ihrer „Echt­heit“ über­hand neh­men; man wird nicht ein­fach ein sol­cher. Und die­ses Bewußt­sein ist von einem Inter­esse ganz eige­ner Art inspi­riert: Ein inter­es­san­ter Fall möchte man schon wenigs­tens sein. Auch da läßt sich noch mun­ter kon­kur­rie­ren. Marot­ten, die die erlit­te­nen Nie­der­la­gen als das Ergeb­nis einer unaus­weich­li­chen Lebens­un­tüch­tig­keit ent­schul­di­gen, wer­den nicht blind­lings ein­ge­übt, son­dern gleich zu sämt­li­chen aner­kann­ten Bedürf­nis­sen und Pflich­ten eines geho­be­nen Daseins in Bezie­hung gesetzt und zu einer Selbst­deu­tung aus­ge­baut, die durch „sys­te­ma­ti­sche Desen­si­bi­li­sie­rung“ und ähn­lich unsen­si­bles Zeug nicht zu erschüt­tern ist. Gebil­dete Neu­ro­sen, die auf Bewun­de­rung Anspruch erhe­ben, geben einen ganz ande­ren Markt für psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung her, und das kei­nes­wegs bloß, weil da die Zah­lungs­fä­hig­keit höhere Ansprü­che gestattet.

Neu­ro­ti­ker aus der bes­se­ren Gesell­schaft haben es bei ihren welt­li­chen Seel­sor­gern mit lau­ter Gleich­ge­sinn­ten zu tun, die ihre „Fälle“ min­des­tens genauso inter­es­sant fin­den wie diese sich selbst – oder das wenigs­tens heu­cheln müs­sen; sonst krie­gen sie erst gar keine Kund­schaft. Die wird mit dem Ange­bot gefan­gen, in inti­men Gesprä­chen das so raf­fi­niert ver­korkste „Selbst“ mit all sei­nen Abgrün­den und Untie­fen aus­zu­lo­ten. Die Selbst­deu­tung wird zur pro­fes­sio­nel­len Selbst­be­spie­ge­lung voll­en­det; die unver­brüch­li­che Treue des The­ra­peu­ten zum Pati­en­ten hilft die­sem ein neues sym­pa­thi­sche­res Selbst­bild zu malen, das fri­schen „Lebens­mut“ gibt. Dabei steht noch sehr dahin, ob ein sol­cher Abschluß des the­ra­peu­ti­schen Bemü­hens über­haupt in der Absicht einer der bei­den Sei­ten liegt. Der Gesprächs­the­ra­peut ver­kauft mit sei­nen Sit­zun­gen den Glau­ben an einen „ech­ten Kern“ sowohl der vor­ge­tra­ge­nen „Pro­bleme“ wie der Per­sön­lich­keit, die daran zu lei­den behaup­tet; den Glau­ben, den der Kli­ent sonst nir­gends fin­det, noch nicht ein­mal bei sich selbst. Damit kön­nen sich gut­bür­ger­li­che Geis­ter glän­zend auf die Dauer ein­rich­ten – die christ­li­che Beichte ist ja auch nicht mit einem Mal vor­bei, son­dern soll das gläu­bige Schaf durchs Leben beglei­ten. Mate­rial für das seel­sor­ge­ri­sche Gespräch lie­fert der Kli­ent mit den – im Laufe einer geglück­ten The­ra­pie immer zweck­mä­ßi­ge­ren – Pro­duk­ten sei­nes Sen­ti­ments und sei­ner Phan­ta­sie, näm­lich mit sei­nen Lau­nen und Asso­zia­tio­nen. Der The­ra­peut erzieht zur Auf­merk­sam­keit auf die­sel­ben und bringt Methode und Sinn hin­ein, indem er bei­des mit Bedeu­tung befrach­tet – wobei es ziem­lich egal ist, mit wel­cher. Die Sex-​Symbolik des alten Freud steht noch immer am höchs­ten im Kurs, zumin­dest bei der Kund­schaft, weil sie gleich die Sphäre zum Haupt­thema macht, in der das Pro­ble­ma­ti­sie­ren der eige­nen Selbst­dar­stel­lungs­künste die ers­ten und deut­lichs­ten prak­ti­schen Wir­kun­gen zei­tigt. Mit dem Rück­marsch in die schul­mä­ßig zurecht­in­ter­pre­tierte Kind­heit wird zugleich die Methode des gan­zen Unter­fan­gens, die Hin­len­kung von Ver­stand und Wille auf und ihre Bin­dung an das Unver­stän­dige und Unwill­kür­li­che, zum vor­ran­gi­gen Inhalt des hin­ter­grün­di­gen Selbst­bilds gemacht, in dem das „gestörte“ Indi­vi­duum sich „wie­der­fin­den“ soll. Selbst bei gebil­de­ten und vor­ge­bil­de­ten Kli­en­ten braucht es natür­lich seine Zeit, bis die ihre Asso­zia­tio­nen und Selbst­emp­fin­dun­gen gründ­lich genug in den Dienst der Deu­tun­gen gestellt haben, die ihr The­ra­peut auf Lager hat, und sich wie Bei­spiele für Freuds Men­schen­bild auf­zu­füh­ren ver­ste­hen. Aber dafür dau­ert eine kom­plette Psy­cho­ana­lyse mit allem Drum und Dran ja auch ihre Monate und Jahre.

Zu den neue­ren Errun­gen­schaf­ten auf dem The­ra­pie­markt zäh­len einige Radi­ka­li­sie­run­gen des metho­disch geheu­chel­ten Kindisch-​Werdens, und zwar in theo­re­ti­scher wie prak­ti­scher Hin­sicht. Ganz fried­li­che Gesprächs­the­ra­peu­ten gehen mitt­ler­weile bei der Fahn­dung nach den „Kräf­ten“, die das Selbst und den „eigent­li­chen Pro­blem­kern“ ihrer Fälle aus­ma­chen, über so lebens­nahe Vor­stel­lungs­bil­der wie Trieb, Ver­bot und ein dazwi­schen ein­ge­klemm­tes Ich ent­schlos­sen hin­aus und „ent­de­cken“ eine Deter­mi­na­tion durch prä­na­tale „Bio­rhyth­men“. Die bestim­men übri­gens auch das Geburts­da­tum und stel­len damit eine glück­li­che und seriöse Bezie­hung zum Reich der Astro­lo­gie her, die die gewöhn­li­che­ren Leute schon immer als Aus­kunfts­quelle über ihr inne­res Erfolgs– und Mißer­folgs­ge­heim­nis genutzt haben. Ernst­haft in der Dis­kus­sion sind ebenso alle Spe­ku­la­tio­nen über ein „frü­he­res Leben“ des Indi­vi­du­ums, das für das jet­zige die Wei­chen gestellt habe. Ent­schie­den wird über sol­che „Theo­rien“ mit dem ein­zi­gen psy­cho­lo­gisch schlag­kräf­ti­gen „Argu­ment“, ob näm­lich ein The­ra­peut seine Kli­en­ten dazu brin­gen kann, sich mit einer der­ar­ti­gen Deu­tung ihres Lebens­kamp­fes wohl­ver­stan­den und „gut“ z u füh­len. Und weil das heut­zu­tage alle­mal gelingt, sind auch sämt­li­che Albern­hei­ten des See­len­wan­de­rungs­glau­bens bereits drin im Reper­toire psy­cho­lo­gi­scher Auf­klä­rung. Andere Schule radi­ka­li­sie­ren mehr die prak­ti­sche Erzie­hung zum Kin­di­schen und wol­len ihren Kun­den als höchs­ten Erfolg eine Wie­der­ho­lung des „Urschreis“ ent­lo­cken, mit dem sie einst nach dem Abna­beln ins eigen­stän­dige Dasein ein­ge­tre­ten sind – denn lei­det ein Mensch, der „mit sei­nen Pro­ble­men nicht fer­tig“ wird, nicht im Grunde an einer noch nicht durch­trenn­ten Nabel­schnur? Düm­mer als der „Ödi­pus­kom­plex“, den gebil­dete Men­schen schon glatt für eine Tat­sa­che hal­ten, ist die­ser Ein­fall auch nicht. Und der schul­mä­ßi­gen Psy­cho­ana­lyse hat er eine gewisse Geschäfts­tüch­tig­keit vor­aus: Urschreien läßt sich in kür­zes­ter Zeit und grö­ße­ren Grup­pen „lernen“.

Selbst­su­che „unpo­li­tisch“ und poli­ti­siert“: Der letzte Sieg der demo­kra­ti­schen Seel­sorge über Kri­tik und den Wil­len zum Eingreifen

Mit ihrem reich­li­chen The­ra­pie­an­ge­bot hat die Psy­cho­lo­gen­zunft zumin­dest den einen Publi­kums­er­folg errun­gen: Jeder auf­ge­klärte Zeit­ge­nosse – den sein Erfolg nicht, wenigs­tens zeit­wei­lig, auf ange­neh­mere Gedan­ken bringt – ver­steht sich im Prin­zip als Fall, auch wenn er zu des­sen Abwick­lung kei­nen The­ra­peu­ten braucht. Selbst wenn er deren Ange­bote ver­ach­tet oder iro­ni­siert, glaubt er zumin­dest an die Mög­lich­keit einer Methode, ein im eige­nen Inne­ren beschlos­se­nes „Geheim­nis“ auf­zu­de­cken und den Pro­blem­fall des eige­nen Selbst zu lösen. So all­ge­mein ver­brei­tet und fest ver­an­kert ist die­ses Vor­ur­teil, daß die pro­fes­sio­nelle Psy­cho­lo­gie es schon längst nicht mehr nötig hat, für sich und ihre All­zu­stän­dig­keit zu wer­ben. Eher kommt sie mit War­nun­gen vor allzu gro­ßem und nai­vem Ver­trauen auf ihre Leis­tungs­fä­hig­keit daher; sie läßt es sich nicht mehr neh­men, sel­ber daran zu erin­nern, daß „Psy­cho­lo­gie nicht alles“ ist und daß es für die Lebens­ge­stal­tung letzt­lich nicht auf irgend­wel­che Rezepte, son­dern den „Wil­len des ein­zel­nen“ ankomme.

Mit die­sem gele­gent­li­chen Ges­tus der Beschei­den­heit nimmt die eta­blierte Psy­cho­lo­gie nichts zurück, weder von ihrem Stand­punkt der tota­len Zustän­dig­keit für die indi­vi­du­elle Lebens­füh­rung noch von ihren ent­spre­chen­den Betreu­ungs­an­sprü­chen und Hilfs­an­ge­bo­ten. Die letz­te­ren immu­ni­siert sie auf diese Weise gegen die unaus­bleib­li­chen Ent­täu­schun­gen: Im Zwei­fels­fall hat das Indi­vi­duum sich nicht genü­gend ange­strengt. Bequem will es eben auch die wis­sen­schaft­li­che Seel­sorge ihren Kli­en­ten nicht machen. Und wenn Psy­cho­lo­gen sich zu ihrer Unzu­stän­dig­keit in Fra­gen der „rea­len Ver­hält­nisse“ beken­nen, dann ist das über­haupt nicht als die Auf­for­de­rung miß­zu­ver­ste­hen, um die sollte man sich ohne psy­cho­lo­gi­sche Anlei­tung küm­mern. Die Logik ihres Bekennt­nis­ses läuft auf einen ganz ande­ren Impe­ra­tiv hin­aus: Wo schon die Psy­cho­lo­gie mit ihrer Hilfe fürs Indi­vi­duum nicht hin­reicht, da reicht das psy­cho­lo­gisch betreu­ungs­be­dürf­tige Indi­vi­duum schon gleich nicht hin. So for­mu­liert die Psy­cho­lo­gen­zunft mit ihrer Beschei­den­heit gera­dezu metho­disch den Dienst, den sie den Ver­hält­nis­sen leis­tet, für die sie sich inkom­pe­tent erklärt. Sie ent­läßt ihre Leute mit einer „geheil­ten“ Ein­stel­lung z u den „Auf­ga­ben“ und „Umstän­den“ ihres Lebens; mit der, und nicht etwa mit ande­ren „rea­len Ver­hält­nis­sen“ – soweit sie nicht sel­ber eine Ein­stel­lungs­frage sind -, sol­len sie fortan also auch zurecht­kom­men, und zwar zu ihrer Zufrie­den­heit. So immu­ni­siert die Psy­cho­lo­gie die Welt der Inter­es­sen und der Herr­schaft, in die sie erklär­ter­ma­ßen nicht ein­grei­fen will, gegen die Unzu­frie­den­heit der Sub­jekte, die sie durch­aus zu ihrer Sache erklärt. Die­ser Befund gilt nicht bloß für sol­che Schu­len der psy­cho­lo­gi­schen Men­schen­füh­rung, die sich von ihrer „lin­ken“ Kon­kur­renz den Vor­wurf des Apo­li­ti­schen, der „Aus­blen­dung des Gesell­schaft­li­chen“ u.ä. ein­ge­fan­gen haben. Die poli­ti­sie­ren­den Vari­an­ten, die mit dem Wahl­spruch: „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im Fal­schen!“ ange­tre­ten sind, lan­den mit ihren unzwei­fel­haf­ten Erfol­gen logi­scher– und kon­se­quen­ter­weise bei genau dem­sel­ben Ergebnis.

„Linke“ Psy­cho­lo­gen haben die Auf­for­de­rung in die Welt gesetzt, den Stand­punkt der Selbst­emp­fin­dung und den gar nicht nai­ven und spon­ta­nen Wunsch, sich „ganz ein­fach“ gut zu füh­len „unheim­lich gut“, wenn’s geht – nicht bloß pri­vat zu pfle­gen, son­dern der poli­ti­schen Welt als Anspruch und idea­len Maß­stab vor­zu­hal­ten. Tat­säch­lich haben unzu­frie­dene Intel­lek­tu­elle ein paar Jahre lang in die­sem Sinne her­um­ge­tan. Als „Spon­tis“ haben sie z.B. das Kri­te­rium des höchst­per­sön­li­chen Spa­ßes auf Uni­ver­si­tä­ten und Poli­ti­ker ange­wandt und vie­les bla­miert – aller­dings eben nur vor die­sem Maß­stab. Die Hoff­nung, die bla­mier­ten Ver­hält­nisse wür­den damit auch schon durch­ein­an­der­pur­zeln, ging nicht in Erfül­lung. So blieb eine sehr selbst­ge­nüg­same schlechte Mei­nung über sie übrig: unrett­bar „kalt“ und „frus­trie­rend“ sei die eta­blierte Gesell­schaft, dem Gefühl und jeder Spon­ta­nei­tät feind­lich – sogar „unfä­hig zu trau­ern“. Die prak­ti­sche Anwen­dung die­ser „Kri­tik“ macht deut­lich, wie unprak­tisch sie ist und wie fern von jedem Wil­len, das Kri­ti­sierte aus der Welt zu schaffen.

Die „Spon­ta­nei­tät“ hat ihren „Sieg“, wenn sie die „leb­lose“ Beton­wand mit einer Sprüh­pa­role ver­ziert oder einen „see­len­lo­sen“ Büro­kra­ten vor­ge­führt hat. Das „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ ist am Ziel, wenn die Ange­spro­che­nen sich nach wirk­li­chen oder sym­bo­li­schen Zer­stö­rungs­ta­ten „befreit“ und ein­fach „bes­ser füh­len“. Die vor­sich­ti­gere und ent­spre­chend popu­lä­rere, schul­meis­ter­li­che Auf­for­de­rung, „Kon­flikte aus­zu­tra­gen“, ist erfolg­reich erfüllt, wenn einer „sich mal was traut“ – ganz gleich, was dar­aus wird.

Die staat­li­che Reak­tion hat taten­durs­tige Spon­tis inzwi­schen noch weit beschei­de­ner gemacht. Der psy­cho­lo­gi­sche Auf­stand beschränkt sich heute auf die Beschwerde, man könne „sich“ in irgend­ei­nen „Zusam­men­hang“ – eine Dis­kus­sion, ein Semi­nar viel­leicht gar ein Arbeits­platz – nicht oder nicht „voll ein­brin­gen“. Wenn man schon das nicht kann – sehen wir ein­mal davon ab, warum man das über­haupt wol­len soll! -, wie könnte man dann erst ins Gesche­hen ein­grei­fen? Die Beschwerde selbst attes­tiert sich ihre Aus­sichts­lo­sig­keit in Sachen Ver­än­de­rung; wenn’s über­haupt prak­tisch gemeint war, dann sucht man sich bes­ten­falls ange­neh­mere „Zusammenhänge“.

Das­selbe fol­ge­rich­tige Schick­sal war der „Kriegs­angst“ beschie­den, die viele ent­täuschte „mün­dige Bür­ger“ gegen Ende der sozi­al­li­be­ra­len Regie­rungs­zeit anläß­lich der NATO-„Nachrüstung“ an sich ent­deckt und von ande­ren geteilt haben woll­ten. Diese guten Men­schen, die sich auf Kir­chen­ta­gen und ein paar gro­ßen Demons­tra­tio­nen zusam­men­ge­fun­den haben, brauch­ten kaum die sofort ein­set­zende Bera­tung durch H.E. Rich­ter und gleich­ge­sinnte poli­ti­sie­rende The­ra­peu­ten, um den ent­schei­den­den Fehl­schluß zu bege­hen und ihre „Angst­ge­fühle“ weit­aus inter­es­san­ter zu fin­den als deren Gegen­stand. Das eigene ungute Gefühl galt als Aus­weis unwi­der­sprech­li­cher Betrof­fen­heit und sollte zu demo­kra­ti­schem Enga­ge­ment in Abwei­chung von der offi­zi­el­len Poli­tik der Nation berech­ti­gen. In die­sem Sinne wur­den die ein­schlä­gi­gen Emp­fin­dun­gen gepflegt, mit Schre­ckens­be­rich­ten über die Wir­kun­gen von Atom­bom­ben genährt, gemein­sam besun­gen usw. Der­ar­tige metho­di­sche Ver­an­stal­tun­gen, sie dau­er­haft zu machen, hält natür­lich die beste Angst nicht aus. So schloß sich fol­ge­rich­tig die Sorge um die Echt­heit des Gefühls an, ohne das man sich zu kei­nem „Wider­stand“ berech­tigt und in der Lage glaubte. Letz­te­rer wurde umge­kehrt als Echt­heits­be­weis insze­niert, rein nach der metho­di­chen Maß­re­gel: „Man muß doch etwas tun!“ – zu ergän­zen: ‚wenn man es wirk­lich ernst meint!‘ Die­ses Anlie­gen, vor dem eige­nen Gewis­sen zu beste­hen – und das ange­sichts der Ent­de­ckung, daß die Repu­blik mit ihrer Rüs­tungs­po­li­tik auf Kriegs­kurs liegt! -, ist schon wel­t­en­fern von dem Wil­len, irgend­et­was zu be– oder ver­hin­dern. Des­we­gen ist es auch nicht als geschei­tert zu bezeich­nen. Der Lohn , den sie über­haupt bloß ver­spricht, näm­lich das Erleb­nis eines gemein­schaft­li­chen Gefühls­aus­bruchs, in den man seine eige­nen „Ängste“ ein­mal „voll ein­brin­gen“ konnte, die­sen Lohn trägt die Bil­dung einer Men­schen­kette oder die Ver­an­stal­tung eines „Anti-​Kriegs-​Festival“ alle­mal in sich. Aber darum geht’s dann auch bloß. Die „Arbeits­tei­lung“ mit den Poli­ti­kern, die fürs Regie­ren zustän­dig sind, wird von Bür­gern, die vor allem für ihre Treue zu sich selbst zustän­dig sein wol­len, nicht gestört.