Eine Wis­sen­schaft Namens Psychologie

Quelle: MSZ 3 – 1986 Eine Wis­sen­schaft Namens Psychologie

Ein Bericht, der die wesent­li­chen Leis­tun­gen einer Wis­sen­schaft erklärt, benennt ihren Gegen­stand, refe­riert die grund­sätz­li­chen Erkennt­nisse über ihn und führt die Beweise für die zen­tra­len Ein­sich­ten des Fachs an.

Dazu ver­stei­gen sich im Falle der Psy­cho­lo­gie auch die Ver­tre­ter der Dis­zi­plin nicht. Selbst in ihren lehr­buch­haf­ten Dar­stel­lun­gen sind sie damit befaßt, ihren Gegen­stand zu suchen; die meis­ten wid­men sich der Prä­sen­ta­tion von Metho­den, nach denen sich die Psy­cho­lo­gie betrei­ben läßt. Dabei sind sie sicht­lich ange­tan von der Viel­falt sich durch­aus wider­spre­chen­der Theo­rien, aus denen Sie den Auf­trag ablei­ten, den Mög­lich­kei­ten nach­zu­ge­hen, die sich für die Fort­set­zung psy­cho­lo­gi­scher Theo­rie­bil­dung ergeben.

Wis­sen kommt so zwar nicht zustande, wohl aber eine Unmenge von Lite­ra­tur, in der Fach­leute dar­über Aus­kunft geben, wel­cher Sicht­weise sie sich ver­schrie­ben haben.

A)

Psy­cho­lo­gen kon­kur­rie­ren und koexis­tie­ren mit ande­ren Wis­sen­schaf­ten auf­grund eines Men­schen­bilds, das sie stän­dig wie­der­ent­de­cken, was immer sie beob­ach­ten und als Mate­rial ihrer Theo­rien benut­zen. Die Ele­men­tar­form ihrer Lehre besteht in der Behaup­tung, der Mensch sei als ein Wesen zu deu­ten, das ein Ver­hält­nis z u sich selbst ein­geht: Psy­cho­lo­gen befas­sen sich mit allem, sie neh­men Stel­lung zu Poli­tik und Krieg, Liebe und Arbeit, Krank­heit und Spiel – aber nichts davon neh­men sie sich zum Gegen­stand. Sämt­li­che Taten und Unar­ten des Men­schen sub­su­mie­ren sie unter ihren gedank­li­chen Uni­ver­sal­schlüs­sel, dem­zu­folge es sich in jedem Fall um einen Aus­druck, eine Kon­se­quenz der „Men­schen­na­tur“ han­delt, die ihr Fach zum Inhalt hat. Alles gerät zum Bei­spiel dafür, daß der Mensch ein psy­cho­lo­gi­sches Wesen und ein Pro­blem dazu ist.

Mit Hilfe der Psy­cho­lo­gie wird man unab­läs­sig damit ver­traut gemacht, wie rela­tiv sich der Wille zu den eige­nen Anla­gen und Kräf­ten ver­hält. Wo immer ein Vor­ha­ben in Kon­flikt mit den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen sei­ner Durch­füh­rung kommt, dia­gnos­ti­ziert diese Wis­sen­schaft men­schen­ken­ne­risch Erfolge und Nie­der­la­gen der Betei­lig­ten – im Umgang mit sich selbst. Was immer die besich­tig­ten Indi­vi­duen trei­ben – die Psy­cho­lo­gie löst es in das Pro­blem ihres Ver­hal­tens auf, des­sen Gesetze sie in denk­bar dürf­ti­gen „Fak­to­ren“ zu ermit­teln suchen will. Ers­tens gibt sie sich kun­dig in bezug auf die Aus­stat­tung des von ihr ana­ly­sier­ten Men­schen. Zwei­tens läßt sie den Wil­len und das Bewußt­sein ihrer Pro­ban­den antre­ten, damit sie sich an die­ser Bedin­gung – die Mit­tel und Bedin­gung, Werk­zeug und Defekt in einem ist – bewähren.

Mit ihrem Ver­ständ­nis des Indi­vi­du­ums als einem funk­tio­nel­len Ver­hält­nis z u sich selbst ver­spricht die Psy­cho­lo­gie Auf­schluß über das Warum und Wie mensch­li­cher Unter­neh­mun­gen, Die Tech­ni­ken des Umgangs mit den eige­nen Fähig­kei­ten, die sie unbe­streit­bar vor­fin­det, will sie nicht erklä­ren und beur­tei­len, ja nicht ein­mal diese Fähig­kei­ten selbst. Sie trägt statt des­sen das Vor­ur­teil vor sich her, in der Kennt­nis des See­len­ap­pa­ra­tes, als den sie den Men­schen nach wie vor ver­steht, lägen die deter­mi­nis­ti­schen Vor­gänge ver­bor­gen, die den Motor der mensch­li­chen Werke und der Lebens­füh­rung abgeben.

Für die­ses Pro­gramm benö­tigt die Dis­zi­plin noch nicht ein­mal die Befas­sung mit den For­men, in denen sich die Sub­jek­ti­vi­tät betä­tigt – Psy­cho­lo­gen wis­sen bis auf den heu­ti­gen Tag nicht zwi­schen Gefühl und Selbst­be­wußt­sein, Bedürf­nis und Inter­esse, Erin­ne­rung und Vor­stel­lung zu unter­schei­den. Dafür wid­men sie sich um so eif­ri­ger dem Ideal einer Wis­sen­schaft, die eine fest­ste­hende Deu­tung erforscht und Belege für ihre Objek­ti­vi­tät her­bei­schafft. Ihre Metho­den, von der tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Modell­bil­dung bis zu den „naturwissenschaftlich-​empirischen“ Tests und Expe­ri­men­ten, sind Stra­te­gien, durch die das fach­spe­zi­fi­sche Vor­ur­teil den Schein der Begrün­det­heit erhal­ten soll. Ziel ist die Bestimmbar­keit der Gesetze im Men­schen, derer Psy­cho­lo­gen hab­haft wer­den wol­len, weil sie von ihnen über­zeugt sind.

B)

1. Ein Psy­cho­loge stu­diert die Phy­sio­lo­gie, ohne je Phy­sio­loge wer­den zu wol­len. Seine dies­be­züg­li­chen Anstren­gun­gen begrün­det er damit, daß er anders kei­nen „Zugang“ zu den ihn eigent­lich inter­es­sie­ren­den psy­chi­schen Vor­gän­gen bzw. Tätig­kei­ten fin­den könne.

Er will zwar die Wahr­neh­mung, das Bewußt­sein, das Den­ken usw. erfor­schen, erklärt sich aber außer­stande, die­ser geis­ti­gen Tätig­keit hab­haft zu wer­den – so sicher er sich ansons­ten ist, daß sie voll­zo­gen wer­den. Er beklagt allen Erns­tes, daß sie ihm „nur“ als inne­res Gesche­hen bekannt sind und der Beob­ach­tung eigent­lich „nur“ in Form der Selbstbeob­ach­tung zugäng­lich wer­den. Die wie­derum hält er für eine recht unzu­ver­läs­sige Instanz, was Aus­künfte über die all­ge­mei­nen Gesetze des See­len­le­bens angeht. Also beschränkt er sich weise dar­auf, das Psy­chi­sche erst ein­mal dort zu stu­die­ren, wo er zwar weiß, daß er es – das ist der Nach­teil – gerade nicht vor sich hat. Dafür – das ist der Vor­teil – kann er es aber auch beob­ach­ten, mes­sen, tes­ten: empi­risch fas­sen. Der Psy­cho­loge treibt Psy­cho­phy­sik, also kei­nes von bei­den; und er zer­mar­tert sein Gehirn mit dem fun­da­men­ta­len Rät­sel, wieso das Sub­jek­tive und Objek­tive ewig aus­ein­a­der­fal­len. Da wer­den Nach­weise geführt und Meß­ta­bel­len voll­ge­schrie­ben, die nur bele­gen, daß man per Wahr­neh­mung ein­fach kein Phy­si­ker ist. Das seine Sinne benüt­zende Mensch­lein schätzt, emp­fin­det etc. die Unter­schiede in der Höhe von Tönen, die Dif­fe­ren­zen von Far­ben und Gewich­ten ein­fach anders, als diese ihrer phy­si­ka­li­schen Erklä­rung nach beschaf­fen sind. Ein Wun­der? Oder ein Auf­trag an den Psy­cho­lo­gen, end­lich eine gesetz­mä­ßige Rela­tion zwi­schen meß­ba­ren phy­si­ka­li­schen Daten und deren „Abbild“, wie es „erlebt“ wird, zu ermit­teln? Am bes­ten mit Funk­ti­ons­glei­chung und Kurve und so sin­ni­gen Mit­tei­lun­gen wie: „Der emp­fun­dene Abstand zwi­schen zwei Rei­zen der glei­chen Moda­li­tät vari­iert mit deren Größe und Inten­s­ti­tät“. Oder mit einem Gesetz, das die arith­me­ti­sche Reihe der Emp­fin­dun­gen (Maß­ein­heit: „Emp­fin­dungs­in­ten­si­tät“) mit der geo­me­tri­schen Reihe Reiz­grö­ßen (Maß­ein­heit: „Rei­zin­ten­si­tät“) kor­re­liert. Unterm Strich bleibt die psy­cho­lo­gisch ver­bürgte Gewiß­heit, daß sich die Wahr­neh­mung in der Phy­sik täuscht, weil sie keine ist; daß sie aber auch eini­ges zur Ver­hal­tens­si­cher­heit des Men­schen bei­trägt, obwohl ihre Gesetze der „Ver­fäl­schung“, bis­wei­len auch der Abse­hung („Abs­trak­tion“) von objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten, noch nicht ermit­telt sind. Die Psy­cho­lo­gie läßt sich wei­tere Tests ange­le­gen sein, wel­che die Phy­sik nie nötig hatte.

2. Das Bewußt­sein spielt sich drin­nen ab, und die Welt ist – „obwohl“ sich das Bewußt­sein um sie dreht – drau­ßen. Soweit sich das Innen über­haupt fas­sen läßt, ist es schon wie­der sein Aus­druck im Außen, z.B. eine Reihe geheim­nis­vol­ler Kehlkopfaktivitäten.

Für die Psy­cho­lo­gie, gerade für die allerem­pi­rischste und modernste, ist ange­sichts die­ser einem fach­idio­ti­schen Denk­feh­ler geschul­de­ten „Schwie­rig­keit“ das meta­phy­si­sche Leib-​Seele– Pro­blem höchst aktu­ell. Eine Kor­re­la­tion muß her, ein Ver­hält­nis ver­langt nach sei­nem Gesetz! Zumal sich dem so unzu­gäng­li­chen inne­ren Gesche­hen eines nicht abstrei­ten läßt: es leis­tet gute Dienste, sooft sich der Mensch unter tat­kräf­ti­ger Benüt­zung sei­nes eige­nen Außen mit dem Rest der Welt ins Beneh­men setzt.

Das ver­dient eine Prü­fung, zumal das interne Trei­ben nicht sel­ten auch versagt.

Also lau­tet der Beschluß, in zwei Teil­pro­bleme unter­glie­dert: Ers­tens ist in der Frage nach den mehr oder min­der brauch­ba­ren Leis­tun­gen des geis­ti­gen Innen­diens­tes lei­der nur die Abtei­lung so recht faß­bar, die zuge­ge­be­ner­ma­ßen bes­ten­falls als Vor­aus­set­zung eine Rolle spielt. Immer­hin läßt sich aber bei die­ser Vor­aus­set­zung aus der Natur­wis­sen­schaft ein Ideal machen, so daß erst ein­mal Ursa­che und Wir­kung zu ihrem Recht kom­men. Wör­ter und Far­ben, Qua­li­tät und Quan­ti­tät der Außen­welt erhal­ten den Sta­tus einer Ursa­che, die ihre Wir­kung auf die Phy­sis, das Äußer­li­che der Sub­jek­ti­vi­tät, tut.

Zwei­tens steht auf­grund die­ser Wir­kung, die das Bewußt­sein, das Den­ken, den Wil­len gerade nicht bewirkt, die auf­re­gende Debatte an, was die geheim­nis­volle Psy­che mit ihr anstellt. Läßt sie sich von den phy­si­ka­li­schen Sin­nes­ein­drü­cken beein­dru­cken und ist nur deren Aus­druck? Oder ist sie so frei und macht sich ihren eige­nen bewußt­s­eins­mä­ßi­gen Reim darauf?

Die Ant­wort der moder­nen Psy­cho­lo­gie auf diese von ihr selbst stän­dig wie­der­ge­käute Alter­na­tive darf als ebenso aus­wei­chend wie befrie­di­gend bezeich­net wer­den. Sie ent­schei­det sich weder für weder noch für noch, und sie umgeht damit jeg­li­che Bestim­mung der Leis­tun­gen, deren Gesetze sie ihren Hörern ver­spricht. Im Sprach­denk­mal der Anpas­sung, die das mensch­li­che Sub­jekt aus­ge­rech­net durchs Den­ken und seine pro­blem­lö­se­ri­sche Funk­tion zustan­de­bringt, ver­ei­nigt diese Wis­sen­schaft das Urteil der Pas­si­vi­tät (Bewußt­sein) mit der Akti­vi­tät (Wir­kung); sie gibt (damit) an, daß das biß­chen Gefühl, Bewußt­sein und Ver­stand – so rät­sel­haft das Geis­tes­le­ben im ein­zel­nen funk­tio­nie­ren mag – immer­hin und wis­sen­schaft­lich ver­bürgt seine Funk­tion hat.

3. Daß sich der Mensch ziem­lich ver­hält, steht für alle Ver­tre­ter des Faches fest. Baha­vio­ris­ten sind aller­dings nur die wenigs­ten gewor­den. Einige unter den Men­schen­ken­nern haben ihrer Ach­tung vor dem Sub­jekt Nach­druck ver­lie­hen, weil sie die eigene Gat­tung lie­ber mit Frei­heit ver­se­hen sehen möch­ten und Deter­mi­nis­mus ver­ab­scheuen. Damit haben jene weni­gen eine Reak­tion voll­zo­gen, die jeg­li­chen Rei­zes ent­behrt. Objekt zu sein ist näm­lich unter Men­schen keine Frage der wis­sen­schaft­li­chen, per defi­ni­tio­nem voll­zo­ge­nen Aber­ken­nung der Sub­jekt­würde, son­dern die Folge eines Benut­zungs­ver­hält­nis­ses zwi­schen leib­haf­ti­gen Sub­jek­ten. Und ob jemand dabei zu Scha­den kommt, hängt ganz ande­ren Din­gen ab als von so lau­si­gen Kate­goe­rien wie Sub­jekt und Objekt.

Was die kon­se­quen­ten Beha­vio­ris­ten vom Schlage eines Wat­son oder Skin­ner ihren Kol­le­gen vor­aus­ha­ben, ist ihr Bewußt­sein (sic!) davon, mit dem Ver­hal­ten von nichts ande­rem mehr zu reden und nichts ande­res mehr den­ken zu müs­sen, als eben ein funk­tio­nel­les Ver­hält­nis. Was andere Bewußt­sein, Den­ken, Wil­len etc. nen­nen erklä­ren sie für nicht exis­tent, weil sie sich metho­disch eine Theo­rie zurecht­ge­legt haben, in der alles geis­tige und zweck­be­stimmte Tun des mensch­li­chen Pro­ban­den ers­tens eine Funk­tion i s t und zwei­tens eine hat. Die unbe­greif­li­che Psy­che wird durch ihre theo­re­ti­sche Til­gung begreif­lich; das „Innen“ zeich­net sich im Unter­schied zu ande­ren schwar­zen Schach­teln durch seine Reak­tio­nen und sonst nichts aus, weil das „Außen“ zum Reiz ernannt wor­den ist – und umge­kehrt. Daß andere Bestim­mun­gen nicht vor­kom­men – die Ver­stär­ker­chen und ande­ren Zusatz­kon­strukte ändern ja nichts an der Grund­idee, son­dern ret­ten sie ins „kom­ple­xere“ S-​R-​Leben hin­über – macht die Theo­rie so uni­ver­sell wie inhalts­los und plau­si­bel zugleich. Aller­dings nur für Leute, die auf den abs­trak­ten Gedan­ken der Her­vor­ge­ru­fen­heit von Denk– und Wil­lens­ak­ten rea­gie­ren wie auf ein wis­sen­schaft­li­ches Gesetz, das mit dem Reiz einer erklär­ten Not­wen­dig­keit daher­kommt. Sol­che Leute begeis­tern sich dann auch für die Beein­fluß­bar­keit des Wil­lens. Ler­nen – was, spielt da keine Rolle – ist ein wun­der­ba­res Geschäft, das im Sich-​Konditionieren-​Lassen besteht und am bes­ten an Rat­ten zu stu­die­ren geht, weil es beim Men­schen genauso, bloß kom­ple­xer, funktioniert.

Zu die­ser recht frei­wil­li­gen Bezwei­fe­lung des freien Wil­lens, die auch aus dem Ideal der Dres­sur kein Hehl macht, gehört sehr logisch die Natur als Fak­tor der Deter­mi­na­tion; diese schöne Vor­stel­lung las­sen sich echte Men­schen­ken­ner auch durch Atom­ra­ke­ten, Par­la­ments­de­bat­ten und Ehe­recht nicht ver­mie­sen. Lie­ber ver­dop­peln sie den Her­vor­ge­ru­fen­heits­ge­dan­ken in Pro­zent­rech­nun­gen über Anlage und Umwelt, was der Zwil­lings­for­schung, ein– und zwei­eiig, Auf­trieb gibt.

4. Das Inter­esse am Ver­hält­nis von Aus­stat­tung und Leis­tung, daran, wozu der Mensch kraft sei­ner Funk­ti­ons­weise fähig ist, beflü­gelt frei­lich nicht nur die Anti-​Seelenkundler von der Kon­di­tio­nie­rungs­front. An man­chen von ihnen wie dem Ami Wat­son, der sei­nen theo­re­ti­schen Reiz-​Reaktionswahn an sei­nem Kind aus­ließ, seine Theo­rie prak­tisch machte, haben ganz andere Psy­cho­lo­gen des­halb auch nicht ihr eige­nes Prin­zip ent­deckt, son­dern einen Ver­stoß gegen den Huma­nis­mus. Bis­wei­len stellt sich die­ser Vor­wurf schon anläß­lich des allen Tier­ex­pe­ri­men­ten inne­woh­nen­den „Ver­gleichs“ zwi­schen dem ani­mal ratio­nale und ande­rem Gezie­fer ein. Die Gleich­stel­lung wird im Rah­men der Ach­tung vor „dem Men­schen“, ethisch eben, für uner­träg­lich befun­den; und die Erkun­dung der mensch­li­chen Intel­li­genz mit­tels Expe­ri­men­ten an Tie­ren vom Ein­zel­ler bis zum Vier­füß­ler gilt als dem Men­schen nicht ange­mes­sen (von der Frak­tion der Tier­schüt­zer wol­len wir hier ein­mal abse­hen). Der­glei­chen hat zwar zeit­weise und für man­che Schu­len ein schlech­tes Licht auf die Ver­hal­tens­for­scher der här­te­ren Sorte gewor­fen, aber die Fort­schritte der Ver­hal­tens­for­schung nicht auf­ge­hal­ten. Dazu wären ja ganz andere Ein­sich­ten von­nö­ten gewe­sen; statt des Zei­ge­fin­gers der Moral, wel­che inzwi­schen längst im Sich-​Anpassen, im Trial-​Error-​Verfahren der Tier­welt ent­deckt wird und sich für Kapa­zi­tä­ten wie Lorenz vor­bild­lich, für einen Pop­per weg­wei­send in erkennt­nis­theo­re­ti­scher Sicht aus­nimmt („Wenn wir Theo­rien bil­den, ver­fah­ren wir wie Amö­ben…“), hätte die Logik der psy­cho­lo­gi­schen Methode gezeigt wer­den sollen.

Diese Logik ist näm­lich auch in psycho-​logisch ganz anders aus­se­hen­den Theo­rien am Werk. Das Men­schen­bild von Freud klärt den geneig­ten Stu­den­ten schließ­lich auch über das geis­tige und Wil­lens­le­ben des Sub­jekts mit einem Modell auf, in dem die Bedingt­heit des freien Wil­lens breit­ge­tre­ten wird. Vom Bewußt­sein, vom Den­ken erfährt man da herz­lich wenig; von den Schran­ken, die die­sen Tätig­kei­ten und dem gesam­ten zweck­mä­ßig und mit Wis­sen ans Werk gehen­den Wil­len auf­er­legt sind, um so mehr. Das Un– und Unter­be­wußt­sein kom­men ihm stän­dig in die Quere, vom Es ist der Mensch ge– und vom Über-​Ich bedrängt, so daß sein Ich ein Leben lang mit Selbst­zen­sur befaßt wie gebeu­telt ist. Wie gesagt – für Psy­cho­lo­gen mögen Wel­ten dazwi­schen lie­gen; logisch gese­hen han­delt es sich bei sämt­li­chen Schu­len um das­selbe Kon­strukt einer Sub­jek­ti­vi­tät, die nur sehr bedingt ihre Funk­tion bemeis­tert. Wenn die Beha­vio­ris­ten radi­kal wer­den und die Leis­tun­gen von Gefühl und Ver­stand, Spra­che und Den­ken gänz­lich in Funk­tion von und für auf­lö­sen, so machen sie eben aus der Frag­wür­dig­keit und Bedingt­heit mensch­li­cher Fähig­kei­ten schlecht­hin, aus ihrem Vor­ur­teil – ein „For­schungs­ob­jekt“ Für sie ist die Intel­li­genz ein Instinkter­satz, sie kommt auch so zur Gel­tung wie jene ani­ma­li­sche Über­le­bens– und Anpas­sungs­in­stanz, und die Rede von der „Men­schen­na­tur“ ist keine Metapher.

5. Die Befas­sung mit den Fähig­kei­ten des Indi­vi­du­ums führt, so möchte man anneh­men, alle­mal zur Ana­lyse der Tätig­kei­ten, in denen sich die ers­te­ren äußern. Nicht so bei Psy­cho­lo­gen, die über die Logik einer Ver­hält­nis­be­stim­mung recht ziel­stre­big einen Irr­tum nach dem ande­ren in die Welt set­zen. Aus den Sprü­chen eines Zeit­ge­nos­sen wür­den sie nie seine Denk­fä­hig­keit ent­neh­men und unter­su­chen wol­len. Was ein Urteil oder ein Schluß ist, inter­es­siert sie schon gleich gar nicht. Sie suchen mit dem Hand­werks­zeug sämt­li­cher ihnen geneh­mer Schu­len nach Bedin­gun­gen, die vor­han­den sein müs­sen, um die Fähig­keit zu gewähr­leis­ten. Diese Bedin­gun­gen tau­fen sie Fak­to­ren, zäh­len sie auf oder ord­nen sie gemäß einer geo­me­tri­schen Figur (Wür­fel sind beliebt!) an, um so ihr Modell z.B. der Intel­li­genz vor­stel­lig zu machen. Dabei ent­fal­ten sie hef­tige Dis­kus­sio­nen über sichere und hypo­the­ti­sche Momente ihrer Theo­rien – und ver­an­stal­ten Tests, die zu so phan­tas­ti­schen Befun­den gelan­gen wie dem, daß sich Ver­suchs­tiere mit Hilfe von Elek­tro­schlä­gen an die Unter­schei­dung von schwarz und weiß gewöh­nen. Wenn Ver­suchs­tiere „rascher zu einem Ziel lie­fen, wenn sie an einem Zwi­schen­ziel belohnt wor­den waren“, so schlie­ßen Psy­cho­lo­gen mes­ser­scharf auf ein Ver­hal­tens­ge­setz, das sie der mensch­li­chen Kunst des Ler­nens ein gut Stück näher bringt: „…daß die situa­ti­ons­spe­zi­fi­sche Frus­tra­tion als Antrieb wirkt“. Manch­mal ent­de­cken sie Effekte, „die nicht immer zu beob­ach­ten sind“, so daß die Beob­acht­bar­keit zur Erfin­dung neuer Expe­ri­mente drängt. Daß Ler­nen schon wie­der „Ver­hal­ten“ ist und Den­ken auch, steht fest, obgleich selbst Tests mit Maul­fi­schen noch nicht zur Ent­de­ckung eines all­ge­mei­nen Denk­fak­tors geführt haben.

Inzwi­schen sind gewisse „Fak­to­ren“ der Intel­li­genz, wie z.B. die Funk­tion der Sinne (groß und klein, grün und gelb unter­schei­den), der Mecha­nis­mus des Gedächt­nis­ses (sich Zei­chen mer­ken und sie wie­der dem­sel­ben Bild zuord­nen, unter dem sie gesich­tet wur­den) etc. so aner­kann­ter­ma­ßen tat­säch­lich Fak­to­ren, daß Psy­cho­lo­gen per Intel­li­genz­test prü­fen dür­fen, ob sie einer hat. Das gibt der Zunft mäch­tig Auf­trieb, weil sie sich in der Aus­lese des demo­kra­ti­schen Kar­rie­re­we­sens nütz­lich machen darf. So etwas kommt einer Bestä­ti­gung ihrer Theo­rien gleich; so wie sie es sehen, wer­den in der Welt tat­säch­lich unter­schied­li­che „Fähig­kei­ten“ bei den Men­schen ermit­telt! Es lohnt sich also prak­tisch, Ler­nen und Den­ken, Gedächt­nis und Intel­li­genz für eine Ver­hal­tens­struk­tur zu hal­ten, den IQ zu mes­sen und der natür­li­chen Gerech­tig­keit auf die Sprünge zu helfen.

6. Die wis­sen­schaft­li­che Psy­cho­lo­gie ver­fer­tigt aus einer Sicht­weise, einem prak­ti­zier­ten Stand­punkt mit dem mas­sen­haft Leute in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft sich und ande­ren auf den Wecker fal­len, eine Methode zur Beur­tei­lung der Sub­jek­ti­vi­tät. Der erwähnte Stand­punkt bemüht sowohl für Zwe­cke der Recht­fer­ti­gung wie für sol­che der Kri­tik die heiße Frage, ob sich das Indi­vi­duum seine Erfolge bzw. Mißer­folge selbst zuzu­schrei­ben hat oder nicht. Inso­fern bie­tet er nichts ande­res als ein paar mora­li­sche Ein­fälle in Sachen Gerech­tig­keit, die sich an den tat­säch­lich gel­ten­den Maß­stä­ben bla­mie­ren. Sobald frei­lich Ernst damit gemacht wird, am Ein­zel­nen die Ursa­che sei­ner mehr oder min­der gelun­ge­nen Unter­neh­mun­gen fest­zu­ma­chen, ihn jen­seits aller frag­li­chen Zwe­cke dar­auf­hin zu prü­fen, wie e r mit sei­nen Fähig­kei­ten haus­hält, wie er sich also ver­hält, hat die Psy­cho­lo­gie als Tech­nik der mora­li­schen Begut­ach­tung diese abge­löst. Dann gibt es Leute ohne Fähig­kei­ten, sol­che, die sie nicht zu nut­zen wis­sen, aus­ge­machte Ver­sa­ger und Dumme und ande­res mehr. Dann gleicht eine Sorte Ver­hal­ten man­gelnde Vor­aus­set­zung aus, wäh­rend eine andere Ein­stel­lung alle posi­ti­ven Eigen­schaf­ten zunichte macht.

Aus die­sem, dem bür­ger­li­chen Leben mit sei­nen Rech­ten und Pflich­ten, sei­ner Kon­kur­renz und sei­ner Hier­ar­chie eige­nen Wahn, sich eine „Stif­tung Eig­nungs­test“ zuge­hö­rig zu füh­len, ver­fer­tigt ein wis­sen­schaft­li­cher Psy­cho­loge sein Hand­werk. Es besteht darin, sie Ergeb­nisse der allzu volks­tüm­li­chen Prü­fungs­kom­mis­sio­nen mit Hilfe aller metho­do­lo­gi­schen Unar­ten moder­ner Wis­sen­schaft zu „veri­fi­zie­ren“, sie auf­zu­su­chen und nach Mit­teln ihrer Auf­find­bar­keit zu stre­ben. Dabei ist eine gewisse Emt­fer­nung vom Aus­gangs­punkt nicht zu ver­mei­den, was ein Blick in die Lite­ra­tur des Faches zeigt. Aller­dings ver­säumt es kein ein­zi­ger Ver­tre­ter der Zunft, die Gele­gen­heit zur Rück­kehr in seine Hei­mat zu den Tech­ni­ken der Moral wahr­zu­neh­men. Was die Intel­li­genz­theo­re­ti­ker über die Dienste am Aus­le­se­we­sen bewerk­stel­li­gen, schaf­fen alle ande­ren spä­tes­tens mit der Syn­these ihrer Hypo­the­sen über den Men­schen, das psy­cho­lo­gi­sche Wesen. Dar­über, was eine echte und rechte Per­sön­lich­keit aus­macht, wol­len sie in ihren aka­de­mi­schen Höhen­flü­gen sämt­lich eini­ges in Erfah­rung gebracht haben. Die aka­de­mi­sche Spin­ne­rei macht sich sicher auch auf die­sem Feld gel­tend. Wenn einer seine Klas­si­fi­zie­rungs­wut ein mathe­ma­ti­sches Gewand umhängt, das lau­ter Mög­lich­kei­ten und grund­lose dazu abdeckt, dann tickt er eben nicht rich­tig. Zumal er fol­gen­des für „eine nüch­terne theo­re­ti­sche Über­le­gung“ hält: „…daß zur Siche­rung (!) der indi­vi­du­el­len Eigen­tüm­lich­kei­ten selbst einer sehr gro­ßen Anzahl von Men­schen (N=„1010)“ nur eine rela­tiv geringe Anzahl (n) von­ein­an­der unab­hän­gige Merk­male (Fak­to­ren) erfor­der­lich ist, von denen jede in k unter­scheid­ba­ren Stu­fen vor­kommt: k^n=„N^n.“ Wenn dann aber die „Merk­male“ genannt wer­den, die Psy­cho­lo­gen so ein­fal­len, weiß man wie­der, worum es geht, und daß diese Aka­de­mi­ker doch nicht den Faden zum gewöhn­li­chen Blöd­sinn abrei­ßen las­sen, dem sie die­nen möch­ten: „Akti­vi­tät“, Selbst­be­herr­schung“, „Durch­set­zungs­fä­hig­keit“, „emo­tio­nale Sta­bi­li­tät“ usw.

C)

Ob das Ideal des Diens­tes a m Indi­vi­duum wie bei Freud aus quasi medi­zi­ni­schen Hilfs­vor­stel­lun­gen gebo­ren oder wie bei der ame­ri­ka­ni­sier­ten Tech­nik der Erfolgs­be­ra­tung ein­fach als käuf­li­che Dienst­leis­tung ange­bo­ten wird, ist egal. Psy­cho­lo­gen bezie­hen sich alle­mal posi­tiv auf den Mist, auf dem ihr Geist bzw. Ver­hal­ten gewach­sen ist. Am nor­ma­len Psy­cho­lo­gi­sie­ren ist ihnen alles Recht, und eine Erschüt­te­rung der Moral haben sie nie im Sinne gehabt. Bes­ten­falls sind sie in die­sen Ver­dacht gera­ten, weil sie wie­der ein­mal an einer zeit­ge­mä­ßen Moder­ni­sie­rung des „Ver­hal­tens“ her­um­schma­rotzt haben.

Das para­si­täre Ein­grei­fen i n die öffent­li­che Moral ist ihr einer­seits wie jeder ande­ren Dis­zi­plin durch die Auto­ri­tät jeder Wis­sen­schaft im demo­kra­ti­schen Dia­log gewährt. Ande­rer­seits gewinnt die Stimme der Psy­cho­lo­gie um so mehr an Gewicht, als sie noch jeden sozia­len Kon­flikt, jeden Krieg und über­haupt alle poli­ti­schen Schwei­ne­reien kun­dig in ein Pro­blem für den Men­schen bzw. ein Pro­blem durch den Men­schen ver­fa­belt, des­sen Eigen­ar­ten sie schließ­lich unent­wegt stu­diert. Poli­ti­schen Ent­schlüs­sen zum Krieg begeg­nen diese Fach­idio­ten mit einer Theo­rie der mensch­li­chen Aggres­sion, die – würde sie stim­men – schon mensch­li­che See­len­kund­ler zum Opfer eines Kapi­tal­ver­bre­chens hätte wer­den las­sen. Sorgt sich der Staat um Fami­lie und Nach­wuchs, machen sich die Psy­cho­lo­gen für aller­lei Erbau­lich­kei­ten über die Kunst der Liebe stark. Daß und wie sie Kämp­fer gegen den Mar­xis­mus sind, sagen sie jeden Tag, obwohl sie sich da gar nicht aus­ken­nen. Sie bemer­ken ein­fach, daß er „dem Men­schen“ nach ihrem Bilde nicht ent­spricht – womit sie rich­tig liegen.

Die neu­trale Rat­ge­ber­tour setzt die öffent­li­che Wich­tig­tue­rei der Zunft kon­se­quent fort. Mit dem klei­nen Unter­ton der Klage, daß sie die Men­schen ken­nen, aber diese nicht auf sie hören, kommt ja schon ein wenig das Ver­spre­chen auf Bes­se­rung der Mensch­heit zum Vor­schein. Wer das Ange­bot so ver­steht, daß er sich in einem ewig wäh­ren­den Krieg mit sich selbst ver­bes­sern könnte, wenn er sich den Deu­tun­gen eines Psy­cho­lo­gen anver­traut, geht dann auch schon mal hin. Dann kriegt er wie­der Selbst­ver­trauen und so Zeug – wobei, mag man gar nicht erwähnen.

Als päd­ago­gi­sche Hilfs­truppe haben sich die Wis­sen­schaft­ler von der see­li­schen Betreu­ungs­front noch am nach­hal­tigs­ten ins Spiel gebracht. Das Ideal der „Men­schen­füh­rung“, der „Moti­va­tion“ und so, ver­kauft sich präch­tig in einer Welt, wo das Aus­bil­dungs­we­sen alles Ler­nen als Aus­lese orga­ni­siert und „Per­sön­lich­kei­ten“ ent­we­der gefragt sind oder überflüssig.

Daß in der kli­ni­schen Psy­cho­lo­gie den gestör­ten Per­sön­lich­kei­ten, den­je­ni­gen also, die es mit dem psy­cho­lo­gi­schen Umgang mit sich selbst zu weit getrie­ben haben, um nicht unan­ge­nehm auf­zu­fal­len, aus­ge­rech­net durch die Absol­ven­ten der aka­de­mi­schen Psy­cho­lo­gie gehol­fen wer­den soll, ist ein Witz. Bei dem Geis­tes­zu­stand einer gan­zen Disziplin!