Sig­mund Freud

Ein Ver­riß der Psychoanalyse

Quelle: MSZ – Mar­xis­ti­sche Stu­den­ten Zei­tung Nr. 28, 30. April 1979

Sig­mund Freud

Ein Ver­riß der Psychoanalyse

„Ich habe als jun­ger Mensch keine andere Sehn­sucht gekannt als die nach phi­lo­so­phi­scher Erkennt­nis, und ich bin jetzt im Begriffe sie zu erfül­len, indem ich von der Medi­zin zur Psy­cho­ana­lyse hin­über­lenke. The­ra­peut bin ich wider Wil­len gewor­den. “ (VII, 39)

Das wäre das letzte, was sich heute ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker nach­sa­gen ließe. Nicht wider­wil­lig, son­dern begeis­tert betreibt er sein Geschäft, dem nicht rich­tig ticken­den Teil der Mensch­heit den Wil­len gegen das Funk­tio­nie­ren aus­zu­trei­ben — schließ­lich hat er mit der the­ra­peu­ti­schen „Tech­nik“ Freuds den Neu­ro­ti­kern eine echte Hilfe anzu­bie­ten. Da die Men­schen­freund­lich­keit sei­ner Tätig­keit außer Frage steht, läßt er sich daher allen­falls zu einer Kri­tik der „phi­lo­so­phi­schen“ Abhand­lun­gen Freuds her­bei, mit denen er nichts zu schaf­fen haben will, weil sie als reak­tio­näre Schand­fle­cken die Fort­schritt­lich­keit des Gesamt­wer­kes zwar nicht tan­gie­ren, aber doch verunzieren.

Gerade wer die segens­rei­che Hilfe der Freud­schen The­ra­pie hoch­schätzt, sollte des­sen Sehn­sucht nach phi­lo­so­phi­scher Erkennt­nis Gerech­tig­keit wider­fah­ren las­sen. Denn schließ­lich ließ sich Freud nicht etwa in sei­nen schwa­chen Stun­den kul­tur­pes­si­mis­tisch gehen, son­dern stellte seine men­schen­ver­ach­tende phi­lo­so­phi­sche Nei­gung von Anfang an kon­se­quent in den Dienst des Fort­schritts. Als er bei sei­ner Pra­xis­er­öff­nung in Wien hys­te­ri­schen Damen ledig­lich mit Elek­tro­schock und Hyp­nose die­nen konnte, regte sich sein Wider­wil­len nicht etwa gegen die Bru­ta­li­tät sol­cher Behand­lungs­wei­sen, son­dern gegen deren Ineffizienz:

„Ver­läß­lich war das Ver­fah­ren nach kei­ner Rich­tung.“ (I, 432)

Mit die­sem die her­kömm­li­che The­ra­pie ledig­lich im Resul­tat kri­ti­sie­ren­den Urteil bezieht der Revo­lu­tio­när in Sachen Psy­cho­lo­gie posi­tiv Stel­lung zu einer Behand­lung der Seele, deren Bru­ta­li­tät sich als Elek­tri­sie­ren, Ein­ren­ken oder Abha­cken zur Wie­der­her­stel­lung des kran­ken Kör­pers durch­aus als zweck­mä­ßig erwie­sen hat. Er spricht nicht nur klipp und klar aus, daß er im Umgang mit Ver­rück­ten Gewalt für ange­bracht hält, son­dern auch, wie er die Psy­cho­lo­gie zu revo­lu­tio­nie­ren gedenkt, um mit den sich gegen sol­che Behand­lung sträu­ben­den Pati­en­ten erfolg­reich fer­tig zu werden:

„Es fehlt die phi­lo­so­phi­sche Hilfs­wis­sen­schaft, wel­che für Ihre ärzt­li­chen Absich­ten dienst­bar gemacht wer­den könnte.“ (I, 46)

Anstatt wie bis­her mit dem psy­chisch Erkrank­ten medi­zi­nisch zu ver­fah­ren und sei­nen Kör­per zu mal­trä­tie­ren, um die Seele zur Räson zu brin­gen, ver­zich­tet Freud auf kör­per­li­che Gewalt­an­wen­dung und nimmt die Phi­lo­so­phie zur Hilfe, um die ganze Wucht sei­ner The­ra­pie gegen die Seele zur richten.

Von wegen Hilfe

Die ärzt­li­chen Absich­ten nutz­bar gemachte Phi­lo­so­phie betrach­tet die Ver­rückt­heit vom Stand­punkt der Medi­zin und erklärt sie zur „Stö­rung der see­li­schen Funk­tio­nen“ (I, 46), von der die Psy­che ebenso befal­len wird wie der Kör­per von einer Krank­heit. Mit die­ser Ver­wand­lung der Ver­rückt­heit in eine Funk­ti­ons­stö­rung abstra­hiert Freud von dem Umstand, daß das Ver­rü­cken der objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten in eine Welt der sub­jek­ti­ven Wün­sche und Ängste, Ein­bil­dun­gen und Vor­stel­lun­gen, mit dem der Ver­rückte sich von sich selbst abhän­gig erklärt und in sich selbst ein­spinnt, dem Wil­len des Neu­ro­ti­kers ent­springt, nicht mehr funk­tio­nie­ren zu wol­len. Weil Freud auf den Wil­len wie auf einen kran­ken Kör­per ein­wir­ken möchte, gelingt sei­nem phi­lo­so­phisch ange­hauch­ten Geist das Kunst­stück, „die Psy­cho­lo­gie zu einer Natur­wis­sen­schaft wie jede andere aus­zu­ge­stal­ten“ (VI, 19), womit er sei­nen Gegen­stand bis zur Unkennt­lich­keit ver­un­stal­tet. Dort, wo die Frei­heit des Wil­lens herrscht — und davon legt auch der Ent­schluß Zeug­nis ab, sich unter dem freien Wil­len feind­li­chen Bedin­gun­gen nicht län­ger von den Kri­te­rien der Ver­nunft, unter der heut­zu­tage gemein­hin die Anpas­sung an diese Bedin­gun­gen ver­stan­den wird, bestim­men zu las­sen, son­dern die Welt in der sub­jek­ti­ven, aller­will­kür­lichs­ten Vor­stel­lung auf­ge­hen zu las­sen und so an sich anzu­pas­sen — „stellt“ Freud „Gesetze fest“ (I, 19), denen die Psy­che gehorcht: das Bestre­ben, den Wil­len zu negie­ren, treibt ihn bereits 1895, die Ding­lich­keit der Seele als Appa­rat zu ver­an­schau­li­chen, wobei er sei­nem Kon­strukt, das er im mensch­li­chen Orga­nis­mus zu loka­li­sie­ren ver­steht (wenn­gleich die „moderne Hirn­for­schung Freuds Modell nicht bestä­ti­gen konnte“ (VII, 41) ), nicht nur zwei „fun­da­men­tale Ele­mente“ — Neu­ro­nen (Ver­wandte des spä­te­ren ebenso ener­gie­ge­la­de­nen Orgon) – und „ein Ope­ra­ti­ons­prin­zip“, die „Abfuhr von Quan­ti­tät“, zur Ver­fü­gung stellt, son­dern auch die Schwie­rig­keit, „das Bewußt­sein irgendwo unter­zu­brin­gen“, behebt, indem er „eine dritte Klasse von Neu­ro­nen pos­tu­liert“ (VII, 47), so daß sich die Ver­rückt­heit ein­wand­frei als Stö­rung der „Öko­no­mie“ des See­le­n­en­er­gie­haus­halts ergibt. So ist die „phi­lo­so­phi­sche Hilfs­wis­sen­schaft“ von vorn­her­ein dar­auf aus, eine Neu­rose wie ein Magen­ge­schwür zu bekämp­fen, wes­halb die Anhän­ger Freuds, die darin eine Hilfe für den Pati­en­ten erbli­cken, sich und ande­ren das geheu­chelte Erschre­cken vor dem an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig­las­sen­den Ideal der natur­wis­sen­schaft­li­chen Beein­flus­sung des Wil­lens erspa­ren soll­ten, da sie die The­ra­pie, die die­sem Ideal ver­pflich­tet ist, nicht verachten:

„Die Zukunft mag uns leh­ren, mit beson­de­ren che­mi­schen Stof­fen die Ener­gie­men­gen und deren Ver­tei­lun­gen im see­li­schen Appa­rat direkt zu beein­flus­sen. Viel­leicht erge­ben sich noch unge­ahnte andere Mög­lich­kei­ten der The­ra­pie; vor­läu­fig steht uns nichts Bes­se­res zu Gebote als die psy­cho­ana­ly­ti­sche Tech­nik, und darum sollte man sie trotz ihrer Beschrän­kun­gen nicht ver­ach­ten.“ (VI, 40)

Indem Freud beim Hin­über­len­ken zur Psy­cho­lo­gie den ärzt­li­chen Stand­punkt nicht ver­läßt, son­dern die Psy­cho­ana­lyse unter der Fra­ge­stel­lung betreibt: Wie stelle ich die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit des Neu­ro­ti­kers wie­der her? — abstra­hiert er nicht nur davon, daß die­ser sich ver­rückt gemacht hat und die Rück­kehr zur Ver­nunft nur die Leis­tung sei­nes Wil­lens sein kann, son­dern stellt von vorn­her­ein klar, daß seine Pati­en­ten das Gegen­teil von ärzt­li­cher Hilfe von ihm zu erwar­ten haben. Wäh­rend näm­lich eine orga­ni­sche Erkran­kung vom Arzt beho­ben wer­den kann, weil er auf­grund der Kennt­nis der Gründe der Funk­ti­ons­stö­rung über Mit­tel ver­fügt, auf die orga­ni­sche Natur des Men­schen hei­lend ein­zu­wir­ken, muß die Besei­ti­gung der Ver­rückt­heit stets das wil­lent­li­che Werk des­je­ni­gen sein, der sie sich zuge­legt hat. Durch die Unter­schla­gung die­ses gewal­ti­gen Unter­schieds räumt Freud — der sei­nen Pati­en­ten hilf­reich erspart, gegen sich mit Hilfe der Ver­nunft aktiv wer­den zu müs­sen, um ihnen die Gewalt sei­nes Wil­lens auf­zu­zwin­gen — sich die Macht ein, gegen den Wil­len des Neu­ro­ti­kers mit der psy­cho­ana­ly­ti­schen Abhack­tech­nik los­zu­ge­hen, die den Wil­len zum Ver­rückt­sein für nicht exis­tent erklärt und ihm so den Wil­len zum Funk­tio­nie­ren auf­ok­troy­iert, Radi­ka­ler noch als die Jus­tiz, die den Miß­brauch der Frei­heit mit deren Ent­zug bestraft, ohne dabei die „Würde des Men­schen anzu­tas­ten“, ahn­det Freud die Ver­feh­lung, nicht mehr funk­tio­nie­ren zu wol­len, indem er den Ver­rück­ten den Wil­len aber­kennt, weil für den Phi­lo­so­phen der Men­schen­na­tur Wil­len und Funk­tio­nie­ren iden­ti­sche Begriffe sind.

Die Abhän­gig­keit vom Arzt als Bedin­gung der Heilung

Wenn Freud eine Neu­rose wie eine orga­ni­sche Stö­rung behan­deln will, so tut er dies im vol­len Bewußt­sein des Unter­schieds. Um „etwas beim Kran­ken zustan­de­zu­brin­gen“ (I, 289), d.h. das Ideal eines funk­ti­ons­tüch­ti­gen Men­schen an ihm zu ver­wirk­li­chen, ist er auf des­sen Wil­len ver­wie­sen, den er ihm abge­spro­chen hat, weil er sich mit „Lei­dens­sym­pto­men“ für untaug­lich erklärt hat. Um dem „Pati­en­ten“ den Wil­len ein­flö­ßen zu kön­nen, den Wil­len wie­der­her­zu­stel­len, muß die­ser aus freien Stü­cken mit Beginn der „Kur“ sich in ein per­sön­li­ches Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zu sei­nem The­ra­peu­ten bege­ben. Er muß mit dem Ana­ly­ti­ker einen „Ver­trag“ schlie­ßen, der ihm die „Ver­pflich­tung“ (I, 289) auf­er­legt, sich allen Maß­nah­men „zu fügen“ (I, 420). Um Hilfe zu erhal­ten, muß er ein­se­hen, daß ihm — weil (!) fix und fer­tig — die „Selb­stän­dig­keit“ (I, 418) abgeht, wes­halb er diese nur erlan­gen kann, wenn er sich per „Sug­ges­tion“ vom Ana­ly­ti­ker „beein­flus­sen“ läßt.

Eine selt­same Kur also, in der der Erfolg davon abhängt, daß der Pati­ent sei­nen ver-​rückten Wil­len prak­tisch ver­leug­net, indem er sich die Selb­stän­dig­keit abspricht und für die Dauer der Behand­lung an den The­ra­peu­ten abtritt. Wenn die Bedin­gung fiir den Hei­lungs­er­folg darin besteht, daß der Pati­ent sei­nen Wil­len auf­gibt und mit dem des The­ra­peu­ten ineins­setzt, so erschöpft sich der Grund für seine „Krank­heit“ in der gemei­nen Tau­to­lo­gie, nicht gesund wer­den zu wol­len. Wäh­rend in der Medi­zin eine orga­ni­sche Stö­rung besei­tigt wird, weil man auf­grund des Wis­sens, wodurch sie ver­ur­sacht wird, ihren Grund bekämpft, so erin­nert die Psy­cho­ana­lyse an mit­tel­al­ter­li­che Prak­ti­ken, in denen die Hei­lung nicht vom Wis­sen des Arz­tes dik­tiert wurde, son­dern vom Wil­len des Pati­en­ten zur Gesun­dung und sei­nem Ver­trauen in die Fähig­kei­ten des Arz­tes. Mit der For­de­rung der Abhän­gig­keit zum Zwe­cke der Hei­lung wird daher in der Kur selbst nicht der Grund des Ver­rückt­seins besei­tigt — von ihm wird abgesehen.

Hei­lung als „Selbst­über­win­dung“ (I, 285)

Weil die medi­zi­ni­sche Steue­rung eines psy­chisch gestör­ten Men­schen „der­zeit“ noch nicht mög­lich ist, erschüt­tert Freud „der Jam­mer eines lan­ges Lebens“, den der Pati­ent in der ers­ten Vier­tel­stunde vor ihm „aus­brei­tet“ (I, 248), so sehr, daß er ihm seine Ohn­macht eingesteht:

„Der Ein­fluß der frü­hen Kind­heits­er­leb­nisse … sie gehö­ren der Ver­gan­gen­heit an, wir kön­nen sie nicht unge­sche­hen machen. Dann all das, was wir als die ‚reale Ver­sa­gung‘ zusam­men­ge­faßt haben, als das Unglück des Lebens, aus dem die Ent­beh­rung an Liebe her­vor­geht, die Armut, der Fami­li­en­zwist, das Unge­schick in der Ehe­wahl, die Ungunst der sozia­len Ver­hält­nisse und die Strenge der sitt­li­chen Anfor­de­run­gen, unter deren Druck eine Per­son steht. Da wären frei­lich Hand­ha­ben genug für eine wirk­same The­ra­pie, aber es müßte eine The­ra­pie sein, wie sie nach der Wie­ner Volks­sage Kai­ser Josef geübt hat, das wohl­tä­tige Ein­grei­fen eines Mäch­ti­gen, vor des­sen Wil­len Men­schen sich beu­gen (!) und Schwie­rig­kei­ten ver­schwin­den (!). Aber wer sind wir, daß wir sol­ches Wohl­tun in unsere The­ra­pie auf­neh­men könn­ten? Selbst arm und gesell­schaft­lich ohn­mäch­tig …“ (I, 416)

Der Pati­ent, der den Ana­ly­ti­ker auf­ge­sucht hat, weil es ihm — und nicht der Gesell­schaft — jetzt dre­ckig geht, muß sich die ver­rück­ten Omni­po­ten­z­wün­sche des Kai­ser Sig­mund anhö­ren, die aller­dings ver­ra­ten, wie und „wo da ein Raum für eine the­ra­peu­ti­sche Ein­wir­kung“ (I, 415) bleibt. Wenn der „Lei­dens­kon­flikt“ nicht besei­tigt wer­den kann, so gibt es doch einen „Aus­weg“ (I, 423): es steht noch in der Macht des Schwächs­ten, sich dem The­ra­peu­ten zu „beu­gen“ und so seine „Schwie­rig­kei­ten ver­schwin­den“ zu las­sen. Er muß nur gegen sich aktiv wer­den und sich zu sei­ner Neu­rose ver­hal­ten, als gäbe es kei­nen Grund für ihre Exis­tenz. Der Pati­ent muß sei­nem Wil­len unter der Fuch­tel des wohl­tä­ti­gen The­ra­peu­ten eine zweite Natur zule­gen und somit Hilfe des Hei­len­den den ver­rück­ten Wil­len in Schach hal­ten. Auch bei noch so gesal­ze­nen Prei­sen ist also vom Ana­ly­ti­ker keine Hilfe zu erwar­ten — er ermög­licht dem Pati­en­ten ledig­lich, indem er ihm seine Selb­stän­dig­keit abnimmt, sich durch seine Ver­dopp­lung den Genuß der Selbst­hei­lung bei fort­exis­tie­ren­der Stö­rung zukom­men zu las­sen. Die Hei­lung hängt also aus­schließ­lich vom Wil­len des Pati­en­ten ab, sei­ner Stö­rung die Aner­ken­nung zu ver­sa­gen und sich den Wil­len zum Funk­tio­nie­ren zuzu­le­gen. Freud läßt seine Pati­en­ten nicht dar­über im unkla­ren, wel­che Bru­ta­li­tät sie sich im Ver­lauf der Ana­lyse antun — las­sen — müssen:

„Wenn wir einen Neu­ro­ti­ker in psy­cho­ana­ly­ti­sche Behand­lung neh­men, so … hal­ten wir ihm die Schwie­rig­keit der Methode vor, ihre Zeit­dauer, die Antrengun-​gen und Opfer, die sie kos­tet, und was den Erfolg anbe­langt, so sagen wir, wir kön­nen ihn nicht sicher ver­spre­chen, er hänge von sei­nem Beneh­men ab, von sei­nem Ver­ständ­nis, sei­ner Gefü­gig­keit, sei­ner Aus­dauer.“ (I,41)

Ihnen wer­den nicht nur die Opfer vor­ge­hal­ten, die zu ihrer Gesun­dung erfor­der­lich seien, viel­mehr wird schon vor Beginn der Ana­lyse klar­ge­stellt, daß der Ana­ly­ti­ker den Tick für unbe­grün­det hält und das, was dem Neu­ro­ti­ker zu schaf­fen macht — wes­halb er es sich mit sei­nem Tick vom Leibe hal­ten will —, nicht zu the­ma­ti­sie­ren gedenkt:

„Sie sind falsch berich­tet, wenn Sie anneh­men. Hat und Lei­tung in den Ange­le­gen­hei­ten des Lebens sei ein inte­grie­ren­des Stück der ana­ly­ti­schen Beein­flus­sung. Im Gegen­teil …“ (I, 417)

Was würde man wohl von einem Medi­zi­ner hal­ten, der sei­nem Pati­en­ten erklärt, die Gründe für seine Gal­len­ko­lik seien ihm egal — er werde aber viel­leicht wie­der gesund, wenn er sich anstän­dig benähme und den Anord­nun­gen des Arz­tes sich gefü­gig zeige. Wer meint, die­ser Ver­gleich hinkt, wird sicher an fol­gen­dem Zitat: „Es ist weit vor­teil­haf­ter, wenn die Kran­ken … wäh­rend der Behand­lung in jenen Ver­hält­nis­sen blei­ben, in denen sie mit den ihnen gestell­ten Auf­ga­ben zu kämp­fen haben.“ (I, 443) erken­nen, daß Freud ein gebro­che­nes Bein durch mög­lichst starke Belas­tung und kurze täg­li­che Bett­ruhe kurie­ren würde. Weil er Hei­lung dadurch bewerk­stel­li­gen will, daß er den Pati­en­ten nach wie vor — am liebs­ten ver­stärkt — der Ursa­che der Stö­rung aus­setzt, hat sich der kaputte Typ nicht nur den Anfor­de­run­gen des ihm „ungüns­tig“ geson­ne­nen „Lebens“, son­dern auch vier­mal pro Woche zusätz­lich dem ihm nicht güns­ti­ger geson­nen Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu stellen.

Vom »Sinn der Sym­ptome« (I, 258)

Freud-​Fans sind nicht sehr ein­falls­reich, wenn es darum geht, den Meis­ter für sich zu ret­ten. So wer­den Pra­xis und Theo­rie der Psy­cho­ana­lyse von­ein­an­der getrennt und als „Eman­zi­pa­tion“ oder „Repres­sion“ wahl­weise gegen­ein­an­der aus­ge­spielt. Wäh­rend die einen trotz einer „längst brü­chig gewor­de­nen“ Theo­rie auf den hoch­her­zi­gen Zweck sei­ner The­ra­pie: „er erzieht den Pati­en­ten zum mün­di­gen Bür­ger“ nichts kom­men lassen:

„Daß sie ein­zel­nen Men­schen hilft, sei unbe­strit­ten und legi­ti­miert sol­che Pra­xis mehr, als deren theo­re­ti­sche Recht­fer­ti­gung es vermag.“ —

mei­nen die ande­ren, die Pra­xis — zumal die seit Freud immer mehr auf den Hund gekom­mene: „Das Ritual: Schwei­gen und ‚Hm‘.“ (IX, 50) — bla­miere sich vor den in der Theo­rie ange­leg­ten men­schen­freund­li­chen Mög­lich­kei­ten. Die von bei­den Sei­ten zur Ret­tung der fort­schritt­li­chen Sei­ten Freuds auf­ge­stellte Behauptung:

„Theo­rie und Pra­xis der Psy­cho­ana­lyse haben wenig mit­ein­an­der zu tun.“ (IX, 50)

tut der kon­se­quent an der Pra­xis aus­ge­rich­te­ten Phi­lo­so­phie der Men­schen­na­tur, die ebenso kon­se­quent in die Pra­xis umge­setzt wurde, Unrecht. Weil die psy­cho­ana­ly­ti­sche Behand­lung in ihrem prak­ti­schen Drang nach der Ver­wirk­li­chung des Ide­als all­zeit berei­ter Tüch­tig­keit keine Gründe für die Neu­rose gel­ten läßt, son­dern dem Neu­ro­ti­ker die Bereit­schaft abver­langt, von sei­ner Neu­rose abzu­se­hen, stellt die psy­cho­ana­ly­ti­sche Theo­rie das Mit­tel zu die­ser Bra­chi­al­kur bereit, indem sie dem Pati­en­ten zwar keine Erklä­rung sei­ner Neu­rose, dafür aber eine phi­lo­so­phi­schen Ansprü­chen gerecht wer­dende Deu­tung ihrer Sym­ptome lie­fert, die einen hin­ter ihnen ver­bor­ge­nen Sinn aufspürt.

Mit der Deu­tung der ver­rück­ten Gedan­ken und Hand­lun­gen eines Neu­ro­ti­kers als Aus­druck durch­aus ver­stän­di­gen, näm­lich sinn­vol­len Trei­bens nimmt Freud Abstand von einer Erklä­rung des gestör­ten Wil­lens, die des­sen Ver­rückt­heit als sein eige­nes Werk kri­ti­siert. Wenn ein Mensch sich das Leben zusätz­lich dadurch schwer macht, daß er sich ein­bil­det, über keine Brü­cke gehen zu kön­nen, so hat er — weil es kei­nen ratio­nel­len Grund für diese Angst gibt — andere Pro­bleme. Sei es, daß er sich schwer tut oder trotz Anstren­gung leer aus­geht, prak­tisch wird er dau­ernd dar­auf gesto­ßen, daß es auf seine Kos­ten geht, wenn er sich den Anfor­de­run­gen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft unter­wirft, die sei­nen Wil­len nur bedingt respek­tiert. Weit ent­fernt davon, gegen die ihm auf­er­legte Beschrän­kung anzu­kämp­fen oder sich wenigs­tens vor Poli­ti­kern zu ängs­ti­gen, obgleich er ihnen schon vom Gesicht able­sen könnte, wel­che Gefahr für Leib und Leben die ihnen zuge­stan­dene Macht bedeu­tet, voll­streckt er unter­wür­fig das von der Gesell­schaft über ihn gefällte Urteil an sich selbst noch ein­mal. Mit der in die Tat gegen sich umge­setzte Theo­rie über seine Schwie­rig­kei­ten abstra­hiert er von sei­nen ursprun­g­li­chen Pro­ble­men, davon also, daß er sich tag­täg­lich Bru­ta­li­tä­ten gefal­len läßt und antut — und schafft sich mit sei­nem Tick den Grund für das vor­her schon akt­zep­tierte Urteil, eine Fla­sche zu sein.

Das Dogma des Unbewußten

Freud will seine Pati­en­ten nicht zur Ver­nunft brin­gen, son­dern wie­der funk­ti­ons­tüch­tig machen. Des­halb ver­fährt er nicht nach der „alter­tüm­li­chen“ Methode Pinels, „die den in Nar­ren und Wahn­sin­ni­gen vor­han­de­nen Rest von Ver­nunft als die Grund­lage der Hei­lung auf­faßt“ (Hegel, Enzy­klo­pä­die III, § 408, Zusatz). Seine Wei­ge­rung, Kri­tik an einem Men­schen zu üben, der sein Schei­tern gegen­über den an ihn gestell­ten Ansprü­chen dadurch meis­tert, daß er gegen sich aktiv wird und sich mit sei­nem Tick die in sei­ner Ver­rückt­heit lie­gende Berech­ti­gung sei­nes Schei­terns beweist, begrün­det Freud, indem er ihnen das Bewußt­sein bestrei­tet, wodurch er die Gründe für ihre Ver­rückt­heit aus der Welt schafft. Um das Bewußt­sein der Ver­rück­ten zu einer neuen Stel­lung gegen­über ihren Wün­schen oder auch Ängs­ten zu bewe­gen, läßt er sich eine Ersatz­er­klä­rung ein­fal­len, die dem Bewußt­sein aller­hand selt­same Qua­li­tä­ten zuschreibt.

Die anvi­sierte Zer­fäl­lung des Den­kens und Wol­lens in das ver­rückte Sym­ptom und den ver­stän­di­gen Sinn, in dem allein die Ursa­che für die „Stö­rung“ zu sehen sei, eröff­net er mit der Lüge, das Bewußt­sein eines Men­schen lasse sich nicht für sich erklä­ren, die er mit der Behaup­tung „recht­fer­tigt“, das Den­ken sei „zusam­men­hangs­los“ weil „die Daten des Bewußt­seins in hohem Grade lücken­haft sind“ (III, 125). Es ist schon eine wis­sen­schaft­li­che Glanz­leis­tung, dem Den­ken den inne­ren Zusam­men­hang mit dem Ver­weis auf die Tat­sa­che abzu­strei­ten, daß der Mensch auch mal schla­fen muß. Da ein Gedanke nur dann Gedanke ist, wenn er mor­gens, mit­tags und abends lücken­los gedacht wird — sein Inhalt also laut Freud mit sei­ner Vor­aus­set­zung zusam­men­fällt, von einem mensch­li­chen Ver­stand ange­stellt zu wer­den —, ergibt sich auf­grund der Lücken der Zusam­men­hang des Den­kens logi­scher­weise dadurch, daß bei­zei­ten nicht gedacht wird:

„Alle diese bewuß­ten Akte blie­ben zusam­men­hangs­los und unver­ständ­lich, wenn wir den Anspruch fest­hal­ten wol­len, daß wir auch alles durchs Bewußt­sein erfah­ren müs­sen, was an see­li­schen Akten in uns vor­geht, und ord­nen sich in einen auf­zeig­ba­ren Zusam­men­hang ein, wenn wir die erschlos­se­nen unbe­wuß­ten Akte inter­po­lie­ren. Gewinn an Sinn und Zusam­men­hang ist aber ein voll­be­rech­tig­tes Motiv, das uns über die unmit­tel­bare Erfah­rung hin­aus­füh­ren darf.“ (III, 126)

Da die Idio­tie des Kon­strukts, das Wesen des Bewußt­seins liege in sei­nem Nicht­vor­han­den­sein, immer­hin die Frage offen­läßt, was man dem ein­ge­fleisch­ten vor­wis­sen­schaft­li­chen Vor­ur­teil: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ zu ent­geg­nen habe, sprengt der um Auf­klä­rung bestrebte und aller Reli­gion abholde Sig­mund die Gren­zen der Erfah­rung noch wei­ter und tritt gegen den alt­mo­di­schen Got­tes­be­weis, der Nicht­sei­en­des als exis­tent zu bewei­sen trach­tete, den Beweis für die Exis­tenz des Unbe­wuß­ten an:

„Die Berech­ti­gung, ein unbe­wuß­tes See­li­sches anzu­neh­men und mit die­ser Annahme wis­sen­schaft­lich zu arbei­ten, wird uns von vie­len Sei­ten bestrit­ten. Wir kön­nen dage­gen anfüh­ren, daß die Annahme des Unbe­wuß­ten not­wen­dig und legi­tim ist und daß wir für die Exis­tenz des Unbe­wuß­ten mehr­fa­che Beweise besit­zen.“ (III, 125)

Freud baut sich diese Vogel­scheu­che von Geg­nern auf, die „unbe­wuß­tem See­li­schen“ wie z.B. dem Traum die Exis­tenz bestrei­ten, um nicht weni­ger rea­li­täts­feind­lich die Exis­tenz des Unbe­wuß­ten zu „bewei­sen“. Mit der unwis­sen­schaft­li­chen Anstren­gung, den Beweis für eine Tat­sa­che zu füh­ren, ver­folgt er den Zweck, die „psy­cho­lo­gi­sche Denk­weise“ zu instal­lie­ren, die dem Bewußt­sein die „Not­wen­dig­keit des Unbe­wuß­ten“ als seine Erklä­rung unter­ju­belt. Weil er dem Den­ken mit sei­ner Annahme, ohne das Unbe­wußte nicht erklär­bar zu sein, die Selb­stän­dig­keit bestrei­tet und es als Wir­kung des Unbe­wuß­ten faßt:

„Es ist in der Tat der auf­fäl­ligste Cha­rak­ter­zug der hys­te­ri­schen Geis­tesver­fas­sung, daß sie von unbewuß­ten Vor­stel­lun­gen beherrscht wird.“ (VII, 141),

er also auf den „dyna­mi­schen Begriff des Unbe­wuß­ten hin­aus­will, muß er sich noch ein paar wei­tere logi­sche Schnit­zer leis­ten. Unbe­wußte see­li­sche Vor­gänge zeich­nen sich nicht etwa dadurch aus, daß sie nicht unter der Herr­schaft der Ver­nunft ste­hen. Sie las­sen sich also — auf­grund der hier geleis­te­ten „schwie­ri­gen intel­lek­tu­el­len Arbeit“ (III, 295) — in keins­ter Weise vom Bewußt­sein unter­schei­den: „Sie kön­nen (!) mit all den Kate­go­rien beschrie­ben wer­den, die wir auf die bewuß­ten See­len­akte anwen­den, als Vor­stel­lun­gen, Stre­bun­gen, Ent­schlie­ßun­gen u. dgl. Ja, von man­chen die­ser laten­ten Zustände müs­sen wir aus­sa­gen, sie unter­schei­den sich von den bewuß­ten eben nur (!) durch den Weg­fall des Bewußt­seins.“ (III, 127)

Man denkt also auch dann, wenn man nicht denkt — weil die Psy­cho­ana­lyse sich zu ihren Wider­sprü­chen bekennt, um mit dem Vor­ur­teil auf­zu­räu­men, Den­ken sei eine Tätig­keit des Bewußtseins:

„Sie muß ver­tre­ten, daß es unbe­wuß­tes Den­ken und unge­wuß­tes Wol­len gibt.“ (I, 47)

Mit die­ser Ver­dop­pe­lung des Bewußt­seins in bewußte und unbe­wußte Akte, die erfun­den wurde, um die lebens­lange Abhän­gig­keit des Wil­lens vom unge­wuß­ten Wol­len zu behaup­ten, sind wei­tere Unge­reimt­hei­ten unver­meid­lich. Die Frage, warum die Men­schen über­haupt sich der Anstren­gung des Den­kens unter­zie­hen, wenn es — kaum sind sie gebo­ren — unab­läs­sig in ihnen denkt und der unge­wußte Wille ihnen die Qual der Ent­schei­dung abnimmt:

„See­li­sche Vor­gänge sind an und für sich unbe­wußt“ (I, 47),

ist natür­lich unzu­läs­sig, weil Freud mit sei­nem Kon­strukt ja nicht an der Exis­tenz des Bewußt­seins, wohl aber an sei­ner Sinn­haf­tig­keit rüt­teln wollte. Ergie­bi­ger ist da die Frage, warum die einen Gedan­ken bewußt und die ande­ren unbe­wußt sind, die Men­schen sich also, obwohl sie den­ken kön­nen, von ihrem Unbe­wußt­sein ter­ro­ri­sie­ren lassen.

Das Kind — eine lüs­terne Sau

Diese Frage beant­wor­tet Freud, der an so man­chem Erwach­se­nen „das Thema der Beschäf­ti­gung mit dem Wiwi­ma­cher her­vor­ge­holt“ (IV, 103) hat, mit aus­ge­spro­che­ner Begeis­te­rung schließ­lich tut sich bei dem Beweis der Exis­tenz der „Früh­blüte des kind­li­chen Sexu­al­le­bens“ (III, 230) das schwin­del­er­re­gende Böse auf, dem nur ein Psy­cho­loge uner­schro­cken ins Auge zu bli­cken wagt:

„Das Unbe­wußte des See­len­le­bens ist das Infan­tile. Der befrem­dende Ein­druck, daß soviel Böses im Men­schen steckt, beginnt nach­zu­las­sen. Die­ses ent­setz­lich Böse ist ein­fach das Anfäng­li­che, Pri­mi­tive, Infan­tile des See­len­le­bens, das wir beim Kinde in Wirk­sam­keit fin­den kön­nen, das wir aber bei ihm zum Teil wegen sei­ner klei­nen Dimen­sio­nen über­se­hen (?), zum Teil nicht schwer­neh­men, weil wir vom Kinde keine ethi­sche Höhe for­dern.“ (I, 214)

Wenn ein Kind schon denkt, bevor es denkt, dann weckt die Mut­ter­brust im neu­ge­bo­re­nen Knäb­lein schreck­li­che Gelüste. Das Sau­gen ver­mit­telt nicht ein­fach woh­lige Emp­fin­dung, son­dern ent­facht in ihm die teuf­li­sche Nei­gung (das Sau-​Gen), die Mut­ter zu ver­ge­wal­ti­gen, den Vater zu kas­trie­ren und Brü­der und Schwes­tern, die ihm das begehrte „Objekt“ strei­tig machen, um die Ecke zu brin­gen. Die jeder­mann zugäng­li­che Beob­ach­tung, daß das Fum­meln schon einem Klein­kind ange­nehme Sen­sa­tio­nen ver­schafft, hat nichts Umwer­fen­des an sich. Als Ent­de­ckung „früh­kind­li­cher Sexua­li­tät“ läßt sie sich nur dann fei­ern, wenn man von der Tat­sa­che absieht, daß ein Kind sich beim Fum­meln noch nicht den dazu­ge­hö­ri­gen Part­ner vor­stel­len kann und des­halb auch keine sexu­el­len Emp­fin­dun­gen dabei hat, son­dern kur­zer­hand die Behaup­tung auf­stellt, das Kind sei an sich — auf­grund des „Sys­tem des Unbe­wuß­ten“ — schon ein fer­ti­ger Mensch, um mit der — so zur Exis­tenz gebrach­ten — kind­li­chen „Sexua­li­tät“ die dem Men­schen ange­bo­re­nen „nie­de­ren Lei­den­schaf­ten“ (III, 295) zu bewei­sen. Um sei­ner These, „die bewuß­ten Akte“ bil­de­ten „bloß ein­zelne Anteile des gan­zen“ — an sich unbe­wuß­ten — „See­len­le­bens“ (I, 47), den Anschein von Plau­si­bi­li­tät zu ver­lei­hen, um also das Dogma des Unbe­wuß­ten und sei­ner ver­häng­nis­vol­len Dyna­mik zu erhär­ten, schlach­tet Freud wei­ter Beob­ach­tun­gen aus. Es läßt sich näm­lich schlecht leug­nen, daß die nie­de­ren Lei­den­schaf­ten des Kin­des sich nicht unge­hemmt aus­to­ben kön­nen, weil auch bei per­ver­ses­ter Ver­wor­fen­heit die „klei­nen Dimen­sio­nen“ nicht zu „über­se­hen“ sind und so an eine Ver­ge­wal­ti­gung der Eltern nicht zu den­ken ist — obgleich Freud zu Beginn sei­ner Kar­riere durch­aus ver­rückt genug war, genau daran zu den­ken, wenn er auch hier die Dimen­sio­nen vertauscht:

„Die gut­bür­ger­li­chen Wie­ner Damen, die in Freuds Ordi­na­tion die Behe­bung ihrer ner­vö­sen Stö­run­gen such­ten, waren sämt­lich zwi­schen dem sechs­ten und ach­ten Lebens­jahr von ihren Vätern sexu­ell miß­braucht wor­den,“ (VII, 9)

Dar­über­hin­aus erwies das Fak­tum, daß Eltern ihren Kin­dern bis­wei­len die Fum­me­lei ver­bie­ten, der Theo­rie­bil­dung einen vor­züg­li­chen Dienst, wenn­gleich zu sei­ner Taug­lich­keit die Lüge in die Welt gesetzt wer­den mußte, daß das Fum­meln sich durch Ver­bot unter­drü­cken Hesse — und der Schnei­der mit der Schere Tag und Nacht neben der Wiege gestan­den habe. Diese zurecht­ge­stutz­ten Fak­ten geben den Grund für Freuds Neu­ro­sen­theo­rie ab, da das Kind, wenn es den­ken lernt, seine bösen Wün­sche nicht ans Licht des Bewußt­seins läßt, son­dern „ver­drängt“, wofür die Macht des Unbe­wuß­ten jedes Kind mit einer Neu­rose — vor­zugs­weise Kas­tra­ti­ons­kom­plex — bestraft. Wie das Bewußt­sein von etwas ange­krän­kelt wer­den kann, von dem es keine Ahnung hat, wie also genau die „Ver­drän­gung“ funk­tio­niert, kann man sich so:

„Der unbe­wußte Gedanke wird vom Bewußt­sein aus­ge­schlos­sen“ (III, 33)

oder so:

„Bei der Ver­drän­gung ope­riert das Ich unbe­wußt.“ (VII, 12)

erklä­ren; wenn man Schwie­rig­kei­ten hat, die­sen jeweils durch sein Gegen­teil begrün­de­ten Gedan­ken zu den­ken, so kann man sich ihn auch so vorstellen:

„Die roheste Vor­stel­lung von die­sen Sys­te­men ist die für uns bequemste; es ist die räum­li­che Vor­stel­lung. Wir set­zen also das Sys­tem des Unbe­wuß­ten einem gro­ßen Vor­raum gleich, in dem sich die see­li­schen Regun­gen wie Ein­zel­we­sen tum­meln. An die­sen Vor­raum schließt sich ein zwei­ter, enge­rer, eine Art Salon« in wel­chem auch das Bewußt­sein ver­weilt. Aber an der Schwelle zwi­schen bei­den Räum­lich­kei­ten wal­tet ein (bewußt-​unbewußter) Wäch­ter sei­nes Amtes der die ein­zel­nen See­len­re­gun­gen mus­tert, zen­su­riert und sie nicht in den Salon ein­läßt, wenn sie sein Miß­fal­len erre­gen … Wenn sich die Regun­gen im Vor­raum bereits zur Schwelle vor­ge­drängt haben und vom Wäch­ter zurück­ge­drängt wor­den sind, dann sind sie bewußt­s­ein­sun­fä­hig; wir hei­ßen sie ver­drängt.“ (I, 293)

Mit die­ser anschau­li­chen Erklä­rung hat Freud den Vor­gang, dem man in der Kind­heit unter­zo­gen wird, die Erzie­hung zum mora­li­schen Men­schen, als Ver­drän­gung ver­ge­heim­nist, die nur des­halb heut­zu­tage jeder­mann als das unaus­weich­li­che Resul­tat jeg­li­cher Erzie­hung erscheint, weil er die unan­ge­neh­men Fol­gen der mora­li­schen Ver­bote am eige­nen Leib ver­spürt hat; die Begeis­te­rung aber, mit der die Phrase von der Ver­drän­gung auf­ge­grif­fen wird, ver­dankt sich dem Wil­len, die Ver­hält­nisse, die einen jetzt fer­tig­ma­chen, zu ertra­gen, da man sich mit der Sti­li­sie­rung zum lebens­lan­gen Opfer sei­ner durch die Erzie­hung ver­korks­ten Triebe dem sich selbst bemit­lei­den­den Beweis der eige­nen Unfä­hig­keit lie­fert, sei es die Schick­sals­schläge gleich­mü­tig hin­zu­neh­men oder gegen das anzu­ge­hen, was einem stinkt. Daß es nicht die Ver­drän­gung ist, was einem zu schaf­fen macht, son­dern die Tat­sa­che, daß man sich als mora­li­scher Mensch den Anfor­de­run­gen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft unter­wirft, kann man sich daran klar­ma­chen, was wirk­lich in der Kind­heit mit einem ange­stellt wurde. Von der elter­li­chen Gewalt wird der Umstand, daß ein Kind auf Wis­sen ange­wie­sen ist, um seine Phan­ta­sien durch die Ver­nunft zügeln zu ler­nen und sich so in der Welt zurecht­zu­fin­den, weid­lich aus­ge­nutzt, indem sie dem Kind die Erklä­rung nur in der Form der Moral offe­riert, mit der jeder Gegen­stand für gut oder schlecht befun­den wird. Die Bru­ta­li­tät die­ser Erklä­rungs­weise erfährt ein Kind an sich selbst, da es die eige­nen Wün­sche der mora­li­schen Ver­ur­tei­lung unter­zie­hen soll — wes­halb kei­nem eine „Trotz­phase“ erspart bleibt. Den Zwie­spalt zwi­schen dem, was das Kind will, und dem, was man nicht haben kann, tun darf oder den­ken soll, ent­schei­det nicht der kleine Mann im Ohr, der den Vor­raum bewacht, son­dern das Kind selbst, wenn es die mora­li­schen For­de­run­gen als berech­tigte aner­kennt und sein Sträu­ben gegen sie auf­gibt, indem es sich seine Wün­sche mit der ihm ange­bo­te­nen Erklä­rung ver­bie­tet, und wenn es das Ver­bo­tene, das bekannt­lich das Schönste am Leben ist, heim­lich und noch nicht unbe­dingt mit schlech­tem Gewis­sen tut.

Dich­tung und fal­sche Gedanken

Psy­cho­lo­gen, die auf der metho­do­lo­gi­schen Höhe der Zeit ste­hen, fin­den an der Theo­rie der Ver­drän­gung des Unbe­wuß­ten kei­nen Fehler:

„Der Begriff des Unbe­wuß­ten gibt dem Ana­ly­ti­ker genü­gend Raum, um jedes belie­bige mensch­li­che Ver­hal­ten, ganz gleich, wie abnorm es ist, ein­zu­ord­nen … Unter die­sen Umstän­den sind die ‚Aus­sa­gen‘ des Psy­cho­ana­ly­ti­kers zwangs­läu­fig unwi­der­leg­bar.“ (IX, 61)

bestrei­ten Freud jedoch die Wis­sen­schaft­lich­keit auf­grund der sub­jek­ti­ven Dar­stel­lungs­weise sei­ner Theo­rie. Ihnen sind die vie­len Ver­glei­che, ety­mo­lo­gi­schen Ablei­tun­gen und Bil­der ein Dorn im inter­sub­jek­tiv getrüb­ten Auge. Da sie den gedank­li­chen Gehalt der Ana­lo­gien bestrei­ten, ent­geht ihnen, wie kor­rekt diese die fal­schen Gedan­ken dar­stel­len. Daß Freud jedoch dau­ernd an die Vor­stel­lungs­kraft sei­ner Leser appel­liert, die sich an seine dem All­tags­ver­stand unmit­tel­bar wider­spre­chen­den Gedan­ken als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten gewöh­nen sol­len, führt zu dem Schluß, daß er als Wis­sen­schaft­ler durch den Ver­gleich mit dem gesun­den Men­schen­ver­stand um die­sen wirbt. Wenn der Vor­ar­bei­ter der Urschrei­theo­rie nach sei­ner fal­schen Erklä­rung der Angst als Wie­der­ho­lung der immer­glei­chen Situa­tion, die das bestimmte Objekt der Angst als irre­le­vant bezeich­net und statt­des­sen eines erfin­det, vor dem auch kein Neu­ge­bo­re­nes Angst haben kann, weil ihm dazu noch die Emp­fin­dung fehlt:

„Beim Angst­ef­fekt glau­ben wir zu wis­sen, wel­chen früh­zei­ti­gen Ein­druck er als Wie­der­ho­lung wie­der­bringt. Wir sagen uns, es ist der Geburts­akt, bei wel­chem jene Grup­pie­rung von Unlust­emp­fin­dun­gen, Abfuh­r­er­re­gun­gen und Kör­per­sen­sa­tio­nen zustande kommt, die das Vor­bild für die Wir­kung einer Lebens­ge­fahr gewor­den ist und seit­her als Angst­zu­stand von uns wie­der­holt wird.“,

die rich­tige Ety­mo­lo­gie des Wor­tes Angst herbeizitiert:

„Der Name Angst — angus­tiae, Enge —“,

so betont sie seine Wie­der­ho­lungs­these zwei­fel­los, ohne sie dadurch rich­ti­ger zu machen:

„betont den Cha­rak­ter der Been­gung im Atmen, die damals als Folge der rea­len Situa­tion vor­han­den war und heute im Affekt fast regel­mä­ßig wie­der­her­ge­stellt wird.“ (I, 383)

Dem vor­ein­ge­nom­me­nen Leser hat er mit die­ser Krü­cke jeden­falls eine Esels­brü­cke gebaut. Freud, der sich in sei­nem wis­sen­schaft­li­chen Vor­ge­hen der Devise ver­schrie­ben hat:

„Was man nicht erflie­gen kann, muß man erhin­ken.“ (III, 272),

hinkt mit sei­nen erschli­che­nen Über­gän­gen nicht nur auf dem Ver­gleichs­bein. Die Eigen­art sei­nes Stils, die ihm bei den Traum­deu­tun­gen und Kran­ken­ge­schichte — gar nicht selbst­kri­tisch — bewußt war:

„Es berührt mich selbst noch eigen­tüm­lich, daß die Kran­ken­ge­schich­ten, die ich schreibe, wie Novel­len zu lesen sind, und daß sie sozu­sa­gen des erns­ten Geprä­ges der Wis­sen­schaft­lich­keit ent­beh­ren. Ich muß mich damit trös­ten, daß für die­ses Ergeb­nis die Natur des Gegen­stan­des offen­bar eher ver­ant­wort­lich zu machen ist als meine Vor­liebe.“ (VIII, 40),

ver­dankt sich kei­nes­wegs der „Natur sei­nes Gegen­stan­des“, son­dern sei­ner Tech­nik der Asso­zia­tion, mit der er ihm zu Leibe rückt. Wenn­gleich die von ihm pro­du­zier­ten phan­ta­sie­vol­len Ein­fälle nicht sel­ten der Komik ent­beh­ren, ist es für einen Neu­ro­ti­ker kei­nes­wegs spa­ßig, einem Ana­ly­ti­ker aus­ge­lie­fert zu sein, des­sen wis­sen­schaft­li­ches Aus­bil­dungs­pro­gramm zu einem wesent­li­chen Teil im Stu­dium der Lite­ra­tur besteht (vgl. VIII, 25).

Melan­cho­lie = Ana­le­ro­tik oder: Die Dis­po­si­tion zum Versager

Mit der Erfin­dung früh­kind­lich ver­dräng­ter Sexua­li­tät hat Freud den Schlag gegen die Neu­ro­ti­ker gelan­det. Ein Melan­cho­li­ker z.B. hat die ana­le­ro­ti­sche (!) Phase nicht anstän­dig „ver­ar­bei­tet“, wes­halb er sich seine melan­cho­li­schen Gedan­ken als Äuße­run­gen der „Lumpf­sym­bo­lik“ (IV, 108) inter­pre­tie­ren las­sen muß. Freud, der vor­gibt, die psy­chi­sche Stö­rung mit der Krank­heitsgenese zu erklären:

„Die Erklä­rungs­auf­gabe in der Psy­cho­ana­lyse ist über­haupt enge begrenzt. Zu erklä­ren sind die auf­fäl­li­gen Sym­ptom­bil­dun­gen durch die Auf­de­ckung ihrer Genese.“ (IV, 217),

macht nicht ein­fach den Feh­ler, so vom Wil­len des Neu­ro­ti­kers zu abstra­hie­ren, daß er die Bedin­gung für die Ent­ste­hung einer Neu­rose für deren Grund aus­gibt, also behaup­tet, der Neu­ro­ti­ker sei Feti­schist, weil er von der Mut­ter geprü­gelt wor­den sei. Indem er mit dem Kon­strukt des mit Wil­len und Bewußt­sein begab­ten Unbe­wuß­ten argu­men­tiert, ist eine irreale Bedin­gung der Grund der Neu­rose. Das Kind ist schon als fer­ti­ger Mensch unterstellt:

„Der kleine Mensch ist oft mit dem vier­ten oder fünf­ten Jahr schon fer­tig und bringt nur all­mäh­lich zum Vor­schein, was bereits in ihm steckt.“ (I, 348),

so daß bereits zu die­sem Zeit­punkt mit sei­ner „Dis­po­si­tion zur Neu­rose“ (III, 204) über sein spä­te­res Schick­sal ent­schie­den ist:

„Ich behaupte, daß der Kind­heits­ein­fluß sich bereits in der Anfangs­si­tua­tion der Neu­ro­sen­bil­dung fühl­bar macht, indem er in ent­schei­den­der Weise mit­be­stimmt, ob und an wel­cher Stelle das Indi­vi­duum in der Bewäl­ti­gung der rea­len Pro­bleme des Lebens ver­sagt.“ (IV, 171)

Diese kühne Pro­phe­zei­ung ver­dankt sich der Dyna­mik des Unbe­wuß­ten, das — in der Kind­heit zwangs­läu­fig ver­drängt — die Gedan­ken bis ins hohe Alter an sich fesselt :

„Man erfährt regel­mä­ßig, daß seine Neu­rose an jene Kin­der­angst anknüpft die Fort­set­zung der­sel­ben dar­stellt, und daß also eine unaus­ge­setzte, aber auch (vom Bewußt­sein) unge­störte psy­chi­sche Arbeit sich von jenen Kin­der­kon­flik­ten an durchs Leben gespon­nen hat.“ (IV, 119) —

und mit den Pro­ble­men eines Drei­jäh­ri­gen knech­tet, der die schmut­zige Phan­ta­sie eines Psy­cho­lo­gen besitzt. Den Quatsch, daß die „Urszene“, die alle­mal eine Kind­heits­neu­rose her­auf­be­schwört, dafür ver­ant­wort­lich sei, daß ein Mensch mit 25 oder erst mit 38 manisch depres­siv oder aber hys­te­risch wird, wider­legt Freud mit sei­nen „Zwei Kin­der­n­eu­ro­sen“ sel­ber. Der Wolfs­mann war mit 23 Jah­ren soweit, daß er den Schock sei­nes Lebens nicht mehr ver­kraf­tete: Der Anblick des „coitus a tergo“, den die Eltern wie Freud aus den Träu­men des Pati­en­ten außer­or­dent­lich zwin­gend zu „erschlie­ßen“ ver­stand — dem l 1/​2-​jährigen vor­ex­er­zier­ten, regte seine unbe­wußte Phantasie:

„Wenn man nur an die ein­fa­chen Reak­tio­nen des 1 1/​2jährigen Kin­des beim Erle­ben die­ser Szene denkt, kann man die Auf­fas­sung schwer von sich wei­sen, daß eine Art von schwer bestimm­ba­rem Wis­sen, etwas wie eine Vor­be­rei­tung zum Ver­ständ­nis, beim Kinde dabei mit­wirkt. Worin dies beste­hen mag, ent­zieht sich jeder (?) Vor­stel­lung; wir haben nur (!) die eine aus­ge­zeich­nete Ana­lo­gie mit dem weit­ge­hen­den instink­ti­ven Wis­sen der Tiere zur Ver­fü­gung.“ (IV, 230) —

so stark an, daß er — sobald er nicht mehr tie­risch, son­dern mensch­lich zu den­ken und somit „ethi­sche Höhe“ zu erklim­men begann sich mit der Ver­drän­gung bestra­fen mußte. Der „kleine Hans“ hin­ge­gen, der schon mit 3 Jah­ren Opfer einer psy­cho­ana­ly­ti­schen Behand­lung wurde — die Freud „zweck­mä­ßi­ger­weise“ allen Kin­dern ange­dei­hen zu las­sen beabsichtigte:

„als eine Maß­re­gel der Für­sorge für ihre Gesund­heit, so wie man heute gesunde Kin­der gegen Diph­the­rie impft, ohne abzu­war­ten, ob sie an Diph­the­rie erkran­ken.“ (I, 547) —,

befand sich im Alter von 22 Jah­ren „durch­aus wohl“, „litt unter kei­ner­lei Beschwer­den oder Hem­mun­gen“ (IV, 123) und hatte zur Ver­wun­de­rung Freuds nicht ein­mal mehr eine Erin­ne­rung an die Gemein­hei­ten, die sein psy­cho­ana­ly­ti­scher Vater mit Freuds Unter­stüt­zung an ihm beging:

„Am Mon­tag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: ‚Ich bin mit dir in Schön­brunn gewe­sen bei den Scha­fen, und dann sind wir unter den Stri­cken durch­ge­kro­chen, und das haben wir dann dem Wach­mann beim Ein­gang gesagt, und der hat uns zusam­men­ge­packt.‘ Ich bemerke dazu: Als wir am Sonn­tag zu den Scha­fen gehen woll­ten, war die­ser Raum (Ach­tung!) nur mit einem Stri­cke abge­sperrt. Hans war sehr ver­wun­dert, daß man einen Raum nur mit einem Stri­cke absperrt, unter dem man doch (!) leicht durch­schlüp­fen kann. Ich sagte ihm, anstän­dige Men­schen krie­chen nicht unter dem Strick (son­dern den­ken sich statt­des­sen was Unan­stän­di­ges). Er meinte, es sei doch ganz leicht, wor­auf ich erwi­derte, es kann dann ein Wach­mann kom­men, der einen fort­führt. Hans beich­tete noch ein Stück­chen Gelüste, Ver­bo­te­nes zu tun. ‚Ich bin mit dir in der Eisen­bahn gefah­ren und wir haben ein Fens­ter zer­schla­gen und der Wach­mann hat uns mitgenommen.‘ “

Freud bemerkt dazu begeistert:

„Die rich­tige (die Logik des Unbe­wuß­ten!) Fort­set­zung der Giraf­fen­phan­ta­sie. Er ahnt, daß es ver­bo­ten ist, sich in den Besitz der Mut­ter zu set­zen; er ist auf die Inzest­schranke gesto­ßen. Aber er hält es für ver­bo­ten an sich (so dreht man Leu­ten das Wort im Mund um). Bei den ver­bo­te­nen Strei­chen, die er in der Phan­ta­sie aus­führt, ist jedes­mal der Vater dabei und wird mit ihm ein­ge­sperrt. Der Vater, meint er (!), tut doch auch jenes rät­sel­hafte (?) Ver­bo­tene mit der Mut­ter, das er (!) sich durch etwas Gewalt­tä­ti­ges (!) wie das Zer­schla­gen einer Fens­ter­scheibe, durch das Ein­drin­gen in einen abge­schlos­se­nen Raum ersetzt.“ (IV, 40)

Der kleine Hans, an dem sich Freud als Beweis für die Exis­tenz von Kin­der­n­eu­ro­sen auf­geilt, ist der ein­zige, der in die­sem ver­rück­ten Beweis argu­men­tiert, wes­halb er auch für ver­rückt erklärt wird. Weil er sich von sei­nem anstän­di­gen Vater die Moral nicht ein­fach mit einem „Man tut das nicht“ auf­herr­schen läßt, wird „kan­ni­ba­les Mate­rial“ (IV, 128) aus sei­ner Wei­ge­rung her­vor­ge­holt, um sei­nen Wil­len durch das Erschre­cken über die Unan­stän­dig­keit sei­nes des Gehor­sams erman­geln­den Für­wit­zes zu bre­chen. Der kleine Hans ist also weder ein Beleg für die Auf­ge­klärt­heit einer Kin­der­er­zie­hung mit­tels Psy­cho­ana­lyse, die den Kin­dern die Moral ein­impft, indem sie ihre Phan­ta­sien bestärkt, ihnen aus­re­det, wie sich was wirk­lich ver­hält und sie so ver­rückt macht. Noch beweist er mit sei­ner Kin­der­n­eu­rose — ganz abge­se­hen davon, daß sie sys­te­ma­tisch von dem Vater pro­du­ziert wurde — die infame Behaup­tung Freuds, die Neu­ro­sen über­haupt hät­ten nichts mit „Lebens­be­wäl­ti­gung“, son­dern mit früh­kind­lich ver­dräng­ten Trieb­re­gun­gen zu tun:

„Eine neu­ro­ti­sche Erkran­kung im vier­ten oder fünf­ten Jahr der Kind­heit beweist vor allem, daß die infan­ti­len Erleb­nisse für sich allein imstande sind, eine Neu­rose zu pro­du­zie­ren, ohne daß es dazu der Flucht vor einer im Leben gestell­ten Auf­gabe bedürfte … Man kann ja unter­su­chen, ob sich eine die Neu­rose bestim­mende ‚Auf­gabe‘ im Leben eines Kin­des fin­det. Man ent­deckt aber nichts ande­res als Trieb­re­gun­gen, deren Befrie­di­gung dem Kind unmög­lich, deren Bewäl­ti­gung es nicht gewach­sen ist.“ (IV, 172)

Psy­cho­ana­lyse = »Nacherziehung«

Gemäß sei­nem Bemü­hen, die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit des Wil­lens wie­der­her­zu­stel­len, igno­riert Freud den Wil­len des Neu­ro­ti­kers, der die ihm abver­lang­ten Belas­tun­gen nicht mehr aus­hal­ten will. Mit der Erfin­dung des Kon­strukts des Unbe­wuß­ten, die dem Wil­len theo­re­tisch die Selb­stän­dig­keit bestrei­tet, indem sie des­sen Abhän­gig­keit von irra­tio­nel­len Quel­len auf­deckt, hat er sich das Mit­tel zur „Beein­flus­sung“ des Wil­lens geschaf­fen. Durch die „Erset­zung des Unbe­wuß­ten durch Bewuß­tes, die Über­set­zung des Unbe­wuß­ten in Bewuß­tes‘“ (I, 418) „nutzt“ die Theo­rie: nach­dem sie den Grund für die Stö­rung ins Unbe­wußte ver­legt hat, um dem Neu­ro­ti­ker seine angeb­li­che Unselb­stän­dig­keit, sein unwil­lent­li­ches Getrie­ben­s­ein von Absich­ten, die dem „Pri­mat der Geni­ta­li­tät“ (IX, 161) gehor­chen, zu demons­trie­ren, ver­schwin­det mit der „Bewußt­ma­chung“ der dunk­len Mächte, die nur unbe­wußt ihre Dyna­mik ent­fal­ten, zwar nicht der Grund für seine Stö­rung. Aber dem Neu­ro­ti­ker wird eine fal­sche Erklä­rung sei­ner Lage ange­bo­ten, eine bewußte Stel­lung zu sich selbst abver­langt, die auf den Selbst­vor­wurf hin­aus­läuft, keine ver­nünf­ti­gen Gründe, son­dern nur unei­gent­li­che, unlau­tere Absich­ten zu haben. Da die Psy­cho­ana­lyse den Wil­len dafür ver­ein­nah­men will, sich die Grund­lo­sig­keit sei­ner Ver­rückt­heit mit dem ihn aus der Tiefe beläs­ti­gen­den Unbe­wuß­ten zu begrün­den, sie also den Wil­len zur „Stö­rung“ bre­chen muß, wird der Neu­ro­ti­ker die in ihm ver­bor­gene Irra­tio­na­li­tät nicht als Grund für seine Stö­rung akzep­tie­ren, wenn der The­ra­peut ihm seine erra­tene Deu­tung ein­fach verrät:

„Was müs­sen wir also tun, um das Unbe­wußte bei unse­ren Pati­en­ten durch Bewuß­tes zu erset­zen? Wir haben ein­mal gemeint, das ginge ganz ein­fach, wir brauch­ten nur dies Unbe­wußte erra­ten und es ihm vor­sa­gen.“ (I, 420)

Weil die Psy­cho­ana­lyse die Stö­rung nicht erklärt, son­dern mit ihrer Deu­tung den stör­ri­schen Wil­len gefü­gig machen will, ist es mit dem Vor­sa­gen nicht getan. Die Über­nahme der Deu­tung, die zur Bedin­gung der Hei­lung macht, daß der gestörte Wille von sich abstra­hiert, ist keine Frage des Wis­sens, son­dern der Ein­stel­lung:

„Wenn der Arzt sein Wis­sen durch die Mit­tei­lung auf den Kran­ken über­trägt, so hat dies kei­nen Erfolg … Das Wis­sen muß auf einer inne­ren Ver­än­de­rung im Kran­ken beru­hen, wie sie nur durch eine psy­chi­sche Arbeit mit bestimm­tem Ziel her­vor­ge­ru­fen wer­den kann.“ (I, 280)

Um die erwünschte Ände­rung zu bewir­ken, atta­ckiert der Psy­cho­ana­ly­ti­ker daher den Pati­en­ten per­ma­nent, sich das von ihm bestimmte Ziel anzu­eig­nen und den Wider­stand gegen seine Deu­tung aufzugeben.

Die hei­lige Regel der the­ra­peu­ti­schen Technik

Damit das Unbe­wußte bewußt gemacht wer­den kann, läßt sich der Neu­ro­ti­ker zu Beginn sei­ner Behand­lung auf einen Ver­trag ein, womit er dem Ana­ly­ti­ker bereits das Recht ein­räumt, jeder­zeit die Behand­lung abzu­bre­chen, falls er sich nicht an die Regeln hält. Mit dem im Kon­trakt ver­ein­bar­ten Behand­lungs­mo­dus wird dem Ana­ly­ti­ker vom Neu­ro­ti­ker zuge­stan­den, ihn wie ein unmün­di­ges Kind zu behan­deln, damit er lernt, sich zusam­men­zu­rei­ßen. So wird ihm mit der „hei­li­gen Regel“ der the­ra­peu­ti­schen „Tech­nik“ Denk­ver­bot verordnet:

„Wir legen es dem Kran­ken auf, sich in einen Zustand von ruhi­ger Selbst­be­ob­ach­tung ohne Nach­den­ken zu ver­set­zen. Wir schär­fen ihm ein, immer nur der Ober­flä­che sei­nes Bewußt­seins zu fol­gen, jede wie immer gear­tete Kri­tik gegen das, was er fin­det, zu unter­las­sen.“ (I, 286)

In der psy­cho­ana­ly­ti­schen Bespre­chung des gestör­ten Wil­lens hat der Pati­ent also seine Intel­li­genz dazu zu gebrau­chen, sie dem The­ra­peu­ten zu über­las­sen. Was und wie er den­ken soll, wird ihm dik­tiert — ist doch „seine intel­lek­tu­elle Ein­sicht weder stark noch frei genug“ (I, 428). So erzählt er dem Psych­ia­ter nicht nur, wel­chen Unsinn er letzte Nacht geträumt hat. Auch mit dem Aus­kra­men der frü­hen Kind­heits­er­leb­nisse hat es nicht sein Bewen­den. Denn da Unbe­wuß­tes in Bewuß­tes „über­setzt“ wer­den, in Traum und Erin­ne­rung der „Sinn“ sei­nes Lei­dens ste­cken soll, stellt er mit sei­nen Asso­zia­tio­nen der Deu­tung das Mate­rial zur Ver­fü­gung, die Sinn in den Unsinn zwingt. Indem er rum­phan­ta­siert, hat er nicht nur akzep­tiert, daß in den will­kür­lich ver­knüp­fen Vor­stel­lun­gen die Logik der Phan­ta­sie wal­tet, daß dar­über­hin­aus die Deu­tung sei­ner Träume die „via regia“ zu sei­ner Hei­lung ist, weil seine Ver­nunft und sein Wille gerade dort am Werk sein sol­len, wo sie nicht rea­gie­ren. Son­dern er hat mit sei­nen Asso­zia­tio­nen dem Ana­ly­ti­ker die Waffe gegen ihn in die Hand gege­ben, mit der die­ser ihn „zur Bestä­ti­gung der Kon­struk­tion“ (III, 228) der Dyna­mik des Unbe­wuß­ten „nötigt“: er hat jetzt das Unbe­wußte „als ein Stück der Ver­gan­gen­heit“ zu erin­nern — schließ­lich wurde die Kon­struk­tion ja auch sei­nen frei schwei­fen­den Gedan­ken „erra­ten“.

Wider­stand ist Verrücktheit

Das „mäch­tigste Hilfs­mit­tel der Ana­lyse“ (VII, 135) jedoch, mit dem der Ana­ly­ti­ker den Wider­stand des Pati­en­ten bricht, sich mit der Über­nahme der Deu­tung eine sei­ner Ver­rückt­heit feind­lich geson­nene Ein­stel­lung zuzu­le­gen, besteht in der radi­ka­len Anwen­dung die­ser Theo­rie auf alle Gefühle und Gedan­ken des Pati­en­ten, die die­ser in der Behand­lung äußert. Nichts wird als das genom­men, was es ist — son­dern als Aus­druck des Unbe­wuß­ten inter­pre­tiert und so zum Hebel dafür gemacht, den Wider­stand gegen die Deu­tung sei­ner Sym­ptome aus dem Unbe­wuß­ten auf­zu­ge­ben. Leis­tet der Neu­ro­ti­ker „intel­lek­tu­el­len Wider­stand“, so „bleibt man“ dem „immer über­le­gen“ (I, 288):

„Der Pati­ent kann in sei­nem Bestre­ben nach Oppo­si­tion um jeden Preis völ­lig das Bild eines affek­tiv Schwach­sin­ni­gen erge­ben. Seine Kri­tik ist also keine selb­stän­dige, als sol­che zu respek­tie­rende Funk­tion, sie ist Hand­lan­ger sei­ner affek­ti­ven Ein­stel­lun­gen und wird von sei­nem Wider­stand diri­giert.“ (I, 291) —

weil man den psy­cho­lo­gi­schen Dreh beherrscht, Den­ken, Wol­len und Han­deln des Men­schen nicht für sich, son­dern als „Ober­flä­che“ zu betrach­ten, d.h. ihnen die Selb­stän­dig­keit zu bestrei­ten und sie aus ihrem aus der Tiefe ope­rie­ren­den Gegen­stück, dem „eigent­lich rea­len Psy­chi­schen“ (II, 580), tau­to­lo­gisch zu erklä­ren, wodurch ihr wirk­li­cher Grund zur Ein­bil­dung des Ver­rück­ten wird. Denn wenn er meint, die Deu­tung des The­ra­peu­ten, die die­ser als „Wis­sen“ aus­gibt, kri­ti­sie­ren zu müs­sen, so bestä­tigt er damit nur des­sen Dia­gnose, immer noch zu spin­nen. Der Wider­stand gegen die Deu­tung ist Zei­chen von Ver­rückt­heit, weil nicht der Neu­ro­ti­ker, son­dern das „ver­drängte“ Unbe­wußte sich „so ener­gisch gegen die Abstel­lung sei­ner Sym­ptome und die Her­stel­lung eines nor­ma­len Ablau­fes in sei­nen see­li­schen Vor­gän­gen wehrt“ (I, 291). Wenn er schweigt, so sträubt sich sein Unbe­wuß­tes, schmut­zige Gedan­ken preis­zu­ge­ben, wenn er ver­neint, so liegt sein Motiv ebenso klar auf der Hand:

„Geht der Pati­ent in die Falle und nennt das, woran er am wenigs­ten glau­ben kann, so hat er damit fast immer das Rich­tige zuge­stan­den (!). Die Ver­nei­nung ist eine Art, das Ver­drängte zur Kennt­nis zu neh­men.“ (III, 373) —

das sich genauso hin­ter der Beja­hung ver­birgt, mit der die Pein­lich­kei­ten sei­nes Unbe­wuß­ten dem The­ra­peu­ten ein Schnipp­chen zu schla­gen versuchen.

Das Auf­kom­men feind­li­cher Gefühle

Zur Bre­chung des Wider­stan­des gegen die Über­nahme der Deu­tung wird nicht nur die­ser psy­cho­lo­gisch als „Funk­tion der Ver­drän­gung“ gedeu­tet. Son­dern der Psy­cho­ana­ly­ti­ker macht sich die Gefühls­bin­dung sei­nes Pati­en­ten zu Nutze, indem er auch an ihr sein ver­nich­ten­des Urteil über den Kran­ken, von sei­nen Trie­ben getrie­ben zu wer­den, wie­der­holt und sie als „Über­tra­gung“ deu­tet. Gefühle kom­men nicht etwa auf, weil der Neu­ro­ti­ker sei­nen Intel­lekt in der Weise des Über­las­sens gebraucht und sich vom The­ra­peu­ten, dem er sich auf Gedeih und Ver­derb aus­ge­lie­fert hat, abhän­gig gemacht hat — er ihn liebt, weil er von ihm Hilfe erwar­tet, oder ihn haßt, weil er keine bekommt —, son­dern weil er fol­gende psy­cho­ana­ly­ti­sche Grund­weis­heit noch nicht geschluckt hat:

„Wir über­win­den die Über­tra­gung, indem wir dem Kran­ken nach­wei­sen, daß seine Gefühle nicht aus der gegen­wär­ti­gen Situa­tion stam­men und nicht der Per­son des Arz­tes gel­ten, son­dern daß sie wie­der­ho­len, was bei ihm bereits frü­her ein­mal vor­ge­fal­len ist.“ (I, 427)

Egal, ob Liebe oder Haß:

„Der Trotz bedeu­tet die­selbe Abhän­gig­keit wie Gehor­sam.“ (I, 420);

wor­auf es ankommt, ist der Wille zur Ein­sicht beim Pati­en­ten, nicht vom Therapeuten:

„Zur Ent­ste­hung feind­li­cher Gefühle gibt die Situa­tion der Kur gewiß kei­nen zurei­chen­den Anlaß.“ (I, 426),

son­dern von sich abhän­gig zu sein, daß er mit sei­ner man­geln­den Ver­ständ­nis­be­reit­schaft für die Deu­tung des Psy­cho­ana­ly­ti­kers sei­nem Unbe­wuß­ten die Macht ver­leiht, ihn mit der unbe­wäl­tig­ten Ver­gan­gen­heit zu drangsalieren.

Durch Kampf zur Verurteilung

Im Inter­esse der „gemein­schaft­li­chen Arbeit“, „den Wider­stand weg­zu­schaf­fen“ (I, 420), ver­fährt schließ­lich der The­ra­peut mit dem Pati­en­ten noch här­ter als Petru­chio, der den Wil­len der wider­spens­ti­gen Katha­rina zähmte, indem er sie dahin brachte, sich sei­nem Wil­len zu fügen, die liebe Sonne für ein Nacht­licht anzu­se­hen, wor­auf er ihr den Wider­spruch ein für alle­mal so austrieb:

Petru­chio: „Ei, wie du lügst! ‚s ist ja die liebe Sonne!“ Katha­rina: „Ja, Lie­ber Gott! Es ist die liebe Sonne!“.

Ein Ver­rück­ter muß dort etwas sehen ler­nen, wo es abso­lut nichts zu sehen gibt und damit er sich den Grund für seine Ver­rückt­heit ein­bil­den kann, hilft der The­ra­peut sei­ner Phan­ta­sie auf die Sprünge:

„Es ist kein Zwei­fel, daß die Intel­li­genz des Kran­ken es leich­ter hat, den Wider­stand zu erken­nen und die dem Ver­dräng­ten ent­spre­chende Über­set­zung zu fin­den, wenn wir ihr die dazu pas­sen­den Erwar­tungs­vor­stel­lun­gen gege­ben haben. Wenn ich Ihnen sage: schauen Sie auf den Him­mel, da ist ein Luft­bal­lon zu sehen, so wer­den Sie ihn auch viel leich­ter fin­den, als wenn ich Sie bloß auf­for­dere hin­auf­zu­schauen, ob Sie irgend­et­was ent­de­cken. Auch der Stu­dent, der die ers­ten Male ins Mikro­skop guckt, wird vom Leh­rer unter­rich­tet, was er sehen soll, sonst sieht er es über­haupt nichts, obwohl es da und sicht­bar ist.“ (I, 421)

Der „Kampf“ (I, 288), der sich in der Ana­lyse auf so fried­li­che Weise zwi­schen Ana­ly­ti­ker und Pati­ent abspielt:

„Worte rufen Affekte her­vor und sind das all­ge­meine Mit­tel der Beein­flus­sung der Men­schen unter­ein­an­der.“ (I, 43),

ist dann im Sinne des Erfin­ders ent­schie­den, wenn sich der Pati­ent dazu bereit­fin­det, sich an sei­nen Träu­men und sons­ti­gen unbe­wuß­ten Phä­no­me­nen als sein eige­ner Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu betä­ti­gen und nach den Erwar­tungs­vor­stel­lun­gen des The­ra­peu­ten aus ihnen deren Sinn zu „erschlie­ßen“. Und weil im Dun­kel der Seele alle­mal die Logik des Bösen herrscht, darf man eine bewußt gemachte Ver­drän­gung auch nicht etwa aus­le­ben, son­dern muß sie ver­ur­tei­len:

„Die Ana­lyse macht den Erfolg der Ver­drän­gung nicht rück­gän­gig; die Triebe, die damals unter­drückt wur­den« blei­ben die unter­drück­ten, aber sie erreicht die­sen Erfolg auf ande­rem Wege, ersetzt den Pro­zeß der Ver­drän­gung, der ein auto­ma­ti­scher und exzes­si­ver ist, durch maß– und ziel­volle Bewäl­ti­gung mit Hilfe der höchs­ten see­li­schen Instan­zen, mit einem Worte: sie ersetzt die Ver­drän­gung durch die Ver­ur­tei­lung.“ (IV, 120)

Das Resul­tat der Therapie

Wenn ein Neu­ro­ti­ker sich mit dem „Sys­tem des Unbe­wuß­ten“ einen irrea­len Grund für seine Ver­rückt­heit ein­bil­den muß, der nun als unbe­wuß­ter für seine Ver­rückt­heit zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den darf, so hat mit der Bewußt­ma­chung jede Ver­rückt­heit zu unter­blei­ben, sie ist abzu­stel­len und Nor­ma­li­tät hat sich ein­zu­stel­len. Weil in der Ana­lyse der wirk­li­che Grund der psy­chi­schen Stö­rung nicht besei­tigt wurde, und ein Ago­ra­pho­bi­ker nach wie vor Angst vor gro­ßen Plät­zen hat, so besteht der Erfolg der Psy­cho­ana­lyse darin, daß er sie nun aus­hält, indem er sich die Grund­lo­sig­keit sei­ner Angst ein­re­det: er ver­ur­teilt jetzt sein kind­li­ches Gelüst, in die Mami (= abge­schlos­se­ner Raum) ein­zu­drin­gen, wes­halb er sich auch nicht mehr mit dem Kas­tra­ti­ons­kom­plex (= Ver­mei­den des Ein­drin­gens in abge­schlos­sene Räume) zu bestra­fen braucht. Die gän­gige Vor­stel­lung, daß ein Mensch, der die Ana­lyse erfolg­reich absol­viert habe, nun wie­der „funk­tio­niere“:

„Die Psy­cho­ana­lyse hat das ihrige getan, wenn sie den Pati­en­ten mög­lichst gesund und leis­tungs­fä­hig ent­läßt.“ (I, 579),

ist daher eine Ver­harm­lo­sung der Leis­tung der Psy­cho­ana­lyse. Der gestörte Wille besteht fort, indem er sich mit psy­cho­ana­ly­ti­schen Deu­tun­gen im Zaum hält und so seine Taug­lich­keit auf­zwingt — wes­halb es auch nur mora­lisch ein­sich­tige Men­schen zu die­ser Funk­ti­ons­weise bringen:

„Man weise Pati­en­ten zurück, wel­che nicht einen gewis­sen Bil­dungs­grad und einen eini­ger­ma­ßen ver­läß­li­chen Cha­rak­ter besit­zen.“ (IX, 25)

Nur wer die Wil­len­stärke auf­bringt, sich bestän­dig als sein eige­ner Psy­cho­ana­ly­ti­ker in die Man­gel zu neh­men, kann als Wolfs­mann tadel­lo­ses Beneh­men bringen:

„Seit­her hat der Pati­ent, dem der Krieg Hei­mat, Ver­mö­gen und alle Fami­li­en­be­zie­hun­gen geraubt hatte, sich nor­mal gefühlt und tadel­los benom­men. Viel­leicht hat gerade sein Elend durch die Befrie­di­gung sei­nes Schuld­ge­fühls zur Befes­ti­gung sei­ner Her­stel­lung beige­tra­gen.“ (IV, 231)

Die Welt­an­schau­ung

Die Psy­cho­ana­lyse trägt sich mit dem Ges­tus der Auf­ge­klärt­heit vor, der nichts Mensch­li­ches fremd ist. Keine Lei­den­schaft ist ihr nied­rig genug, um sie nicht mit ihrem Scharf­sinn zu erhel­len, der aus Asso­zia­tio­nen die Logik des Unbe­wuß­ten bastelt.

Apo­theose der Irrationalität

Des­halb muß sich auch jeder, der nicht in sei­nen Träu­men pulen will, sagen las­sen, ihm fehle die Selbst­kri­tik, sich die Abhän­gig­keit von den tie­fe­ren Schich­ten sei­nes Wil­lens ein­zu­ge­ste­hen und beweise gerade durch seine Wei­ge­rung die Rich­tig­keit der Theo­rie der Ver­drän­gung. So besiegte Freud, dem in einer kla­ren Minute nichts zu dem Unsinn, den er über Onkel Otto zusam­men­ge­träumt hatte, ein­fal­len wollte, vor­bild­lich sei­nen Wider­stand, indem er ihn — sich zur Ehr­lich­keit mah­nend und den For­de­run­gen der Wis­sen­schaft beu­gend — als „inne­ren“ ana­ly­sierte :

„Wenn einer dei­ner Pati­en­ten zur Traum­deu­tung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so wür­dest du es ihm ver­wei­sen und ver­mu­ten, daß sich hin­ter dem Traum eine unan­ge­nehme Geschichte ver­steckt, wel­che zur Kennt­nis zu neh­men er sich erspa­ren will. Ver­fahr mit dir ebenso; deine Mei­nung, der Traum sei ein Unsinn, bedeu­tet nur einen inne­ren Wider­stand gegen die Traum­deu­tung.“ (VIII, 63)

Wenn Freud über das Resul­tat sei­ner im Auf­trag der Wis­sen­schaft ver­bro­che­nen Deu­te­reien das ver­nich­tende Urteil fällt:

„Der Ver­las­ser der ‚Traum­deu­tung‘ hat es gewagt, gegen den Ein­spruch der gestren­gen Wis­sen­schalt Par­tei für die Alten und für den Aber­glau­ben zu neh­men.“ (VIII, 7 f.),

so ist dies wört­lich zu neh­men. Wer meint, Freud habe sich ein paar Ent­glei­sun­gen geleis­tet — als er bekannte, von Heb­am­men und sons­ti­gen Laien seine Ein­fälle bezo­gen zu haben, und die Ana­lyse dazu miß­brauchte, die „Deu­tung“ von Pro­phe­zei­un­gen und Tele­pa­thien zu „ermög­li­chen“ und andere „okkulte Tat­be­stände auf­zu­de­cken“ (I, 482) —, die im Wider­spruch zu sei­nen rest­li­chen wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­er­geb­nis­sen stün­den, täuscht sich über die Leis­tung der psy­cho­ana­ly­ti­schen Betrach­tung des Men­schen. Freud begeis­tert sich daran, in der Ana­lyse „die tiefs­ten und pri­mi­tivs­ten Schich­ten“ (IV, 131) zu Tage geför­dert zu haben, in denen er die Waffe ent­deckt hat, das Bewußt­sein in seine Schran­ken zu verweisen :

„Die Psy­cho­ana­lyse muß das Bewußt­sein als eine Qua­li­tät des Psy­chi­schen anse­hen, die zu ande­ren Qua­li­tä­ten hin­zu­kom­men oder weg­blei­ben mag.“ (I, 283)

Indem er es für eine „unhalt­bare Anma­ßung“ (I, 126) hält, „die Rolle des Bewußt­seins zu über­schät­zen“ (I, 127), ver­langt er im Namen der Wis­sen­schaft der mit Bewußt­sein ver­se­he­nen Mensch­heit das Bekennt­nis ihrer Irra­tio­na­li­tät ab.

Die psy­cho­ana­ly­ti­sche ver­ein­heit­lichte Weltanschauung

Es macht also gar nichts, wenn an dem funk­tio­nie­ren­den Teil der Mensch­heit nicht „ähn­lich güns­tige Bedin­gun­gen für die Beob­ach­tung (!)“ des Trieb­le­bens vor­han­den sind wie bei den Neurotikern:

„Da das Stu­dium des Trieb­le­bens vom Bewußt­sein her kaum über­steig­bare Schwie­rig­kei­ten bie­tet, bleibt die psy­chi­sche Erfor­schung der See­len­stö­run­gen die Haupt­quelle unse­rer Kennt­nis.“ (III, 89)

Man muß nur das an den Neu­ro­ti­kern her­aus­ge­fun­dene Prin­zip, daß sie von etwas ande­rem getrie­ben sein müs­sen, weil sie ja sonst nor­mal wären, auf den Rest der Mensch­heit anwen­den, so daß deren hin­ter­grün­dige Motive ebenso erfolg­reich auf­ge­spürt wer­den kön­nen. So wie vom Wil­len des Neu­ro­ti­kers abge­se­hen und seine Ver­rückt­heit mit ihm unter­scho­be­nen, ihm unbe­wuß­ten nie­de­ren Lei­den­schaf­ten erklärt wird, kann man jeden „Cha­rak­ter“ auf seine „Ana­le­ro­tik“ zurück­füh­ren und frei­weg behaupten:

„Ord­nungs­liebe, Geiz und Hart­nä­ckig­keit seien als Pro­dukt dau­ern­der Reak­ti­ons­bil­dun­gen gegen anale Lüste anzu­se­hen, gegen die bei der Zurück­hal­tung oder Aus­schei­dung der Faeces, wie auch beim Spiel mit ihnen, gewinn­bare Befrie­di­gung.“ (VII, 176)

Weil mit der Ent­de­ckung ana­ler und ande­rer Gelüste als dem „eigent­lich rea­len Psy­chi­schen“ alle mensch­li­chen Akti­vi­tä­ten von die­sen unter­jocht wer­den — gerade dann, wenn sie über­haupt nichts mit ihnen zu tun zu haben schei­nen, erwei­sen sie als „Sub­li­mie­run­gen“ mit der Ver­wand­lung der „Trie­be­ner­gie“ die Abhän­gig­keit von ihr —, so daß sie alle­samt als aus dem Unbe­wuß­ten gespeis­tes „See­len­le­ben“ anzu­se­hen sind, hat Freud mit der Psy­cho­ana­lyse eine Welt­an­schau­ung entwickelt:

„Als eine Spe­zi­al­wis­sen­schaft — Tie­fen­psy­cho­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie des Unbe­wuß­ten — ist sie ganz unge­eig­net, eine eigene Welt­an­schau­ung zu bil­den, sie muß die der Wis­sen­schaft anneh­men.“ (I, 586)

Des­halb braucht sich die „Ein­heit­lich­keit“ sei­ner „Welt­er­klä­rung“ (I, 586):

„Die Psy­cho­ana­lyse wird als Wis­sen­schaft nicht durch den Stoff, den sie behan­delt, son­dern durch die Tech­nik, mit der sie arbei­tet, cha­rak­te­ri­siert. Man kann sie auf Kul­tur­ge­schichte, Reli­gi­ons­wis­sen­schaft und Mytho­lo­gie eben­so­wohl anwen­den wie auf die Neu­ro­sen­lehre, ohne ihrem Wesen Gewalt anzu­tun. Sie beab­sich­tigt und leis­tet nichts ande­res als die Auf­de­ckung des Unbe­wuß­ten im See­len­le­ben.“ (I, 377),

die mit dem Prin­zip des Unbe­wuß­ten kei­nen Gegen­stand unge­scho­ren davon kom­men läßt, auch nicht „die man­gelnde Berück­sich­ti­gung der gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen“ vor­wer­fen zu las­sen, die für Freud kei­nes­wegs tabu waren:

„Ein drit­tes, höchst ernst­haf­tes Stück der mensch­li­chen Geis­tes­tä­tig­keit, jenes, das die gro­ßen Insti­tu­tio­nen der Reli­gion, des Rechts, der Ethik und all die For­men der Staat­lich­keit geschaf­fen hat, zielt im Grunde dar­auf ab, dem Ein­zel­nen die Bewäl­ti­gung sei­nes Ödi­pus­kom­ple­xes zu ermög­li­chen und seine Libido aus ihren infan­ti­len Bin­dun­gen in die end­gül­tig erwünsch­ten sozia­len über­zu­lei­ten.“ (IX, 160)

In sei­nem Eifer, die ganze Welt aus der schwei­ni­schen Beschaf­fen­heit der Men­schen zu dedu­zie­ren, tut Freud nicht nur den von ihm als gegen­sätz­lich behaup­te­ten Gegen­stän­den die Gewalt an, sie aus der näm­li­chen Ursa­che zu begründen:

„Trieb­re­gun­gen spie­len eine unge­mein große und bis­her nie genug gewür­digte Rolle in der Ver­ur­sa­chung der Ner­ven– und Geis­tes­krank­hei­ten. Die­sel­ben sexu­el­len Regun­gen sind auch mit nicht zu unter­schät­zen­den Bei­trä­gen an den höchs­ten kul­tu­rel­len, künst­le­ri­schen und sozia­len Schöp­fun­gen des Men­schen­geis­tes betei­ligt.“ (I, 48)

Allen Phä­no­me­nen der „Stein­zeit­ge­sell­schaft“ ebenso wie des bür­ger­li­chen Lebens wird bestrit­ten, etwas ande­res dar­zu­stel­len als die — ver­drängte oder sub­li­mierte Ver­wand­lung sexu­el­ler Regun­gen. So wird nichts als das erklärt, was es ist, son­dern was mit ihm unter­las­sen wurde, so daß sich das Unbe­wußte als trei­ben­des Motiv gel­tend macht

— am Geld:

„Ebenso, daß eine der wich­tigs­ten Äuße­run­gen der umge­bil­de­ten Ero­tik aus die­ser Quelle (= Ana­le­ro­tik) in der Behand­lung des Gel­des vor­liegt, wel­cher wert­volle Stoff im Laufe des Lebens das psy­chi­sche Inter­esse ah sich gezo­gen hat, das ursprüng­lich dem Kot, dem Pro­dukt der Anal­zone, gebührte.“ (IV, 188),

— am Denken:

„Die Fähig­keit, eine Aus­sage für wahr oder falsch zu erklä­ren, läßt sich auf sehr pri­mi­tive Regun­gen zurück­füh­ren. Man ver­spürt in sich einen Gedan­ken und fällt ein Urteil, das soviel bedeu­tet wie ‚es soll in mir oder außer mir sein‘. Das Urteil ‚wahr‘ ent­spricht dem Ver­schlu­cken oder Behal­ten des Gedan­kens, das Urteil ‚falsch‘ dem Aus­spu­cken oder Aus­schei­den des­sel­ben,“ (VI, 166),

— am Antisemitismus:

„Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex ist die tiefste Wur­zel des Anti­se­mi­tis­mus, denn schon in der Kin­der­stube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis — er meint ein Stück des Penis — abge­schnit­ten wird, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu ver­ach­ten.“ (IV, 36),

— am Flech­ten und Weben:

„Der Scham schrei­ben wir die ursprüng­li­che Absicht zu, den Defekt des Geni­ta­les zu ent­de­cken. Man meint, daß die Frauen zu den Ent­de­ckun­gen oder Erfin­dun­gen der Kul­tur­ge­schichte wenig Bei­träge geleis­tet haben, aber viel­leicht haben sie doch eine Tech­nik erfun­den, die des Flech­tens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man ver­sucht, das unbe­wußte Motiv die­ser Leis­tung zu erra­ten. Die Natur selbst hätte das Vor­bild für diese Nach­ah­mung gege­ben, indem sie mit der Geschlechts­reife die Geni­tal­be­haa­rung wach­sen ließ, die das Geni­tale ver­hüllt. Der Schritt, der noch zu tun war, bestand darin, die Fasern anein­an­der haf­ten zu machen, die am Kör­per in der Haut sta­ken und nur mit­ein­an­der ver­filzt waren. Wenn Sie die­sen Ein­fluß des Penis­man­gels auf die Gestal­tung der Weib­lich­keit als eine fixe Idee anrech­nen, bin ich natür­lich wehr­los.“ (I, 562f)

Die Phi­lo­so­phie der Menschennatur

Bleibt zum Schluß nur noch die Frage, warum Freud so dar­auf ver­ses­sen ist, der gan­zen Welt ihre Objek­ti­vi­tät zu bestrei­ten und die von den Ver­rück­ten prak­ti­zierte Stel­lung zur Welt — „geheim­nis­volle Ein­heit von Welt und Ich, das Geheim­nis der Wirk­lich­keit also als eines Wer­kes der Seele“ (Th. Mann /​VI, 134) — der gan­zen Mensch­heit als „Ein­sicht“ zu ver­schrei­ben, an der sie ihr Han­deln aus­zu­rich­ten hat.

Offen­sicht­lich hält er nicht den Schluß sei­ner Pati­en­ten für kri­ti­ka­bel, die von den Anfor­de­run­gen des „Lebens“, das ihnen Ver­zicht und Gehor­sam abver­langt, fer­tig­ge­macht wur­den und sich dafür an der Wirk­lich­keit rächen, indem sie sie durch das allei­nige Gel­ten­las­sen ihrer sub­jek­ti­ven Vor­stel­lung — zumin­dest in der Vor­stel­lung — um die Exis­tenz brin­gen. Viel­mehr stört ihn der Effekt solch ver­rück­ten Trei­bens, da sich die Sub­jekte so ihrem Auf­trag zu funk­tio­nie­ren ent­zie­hen. Was Freud zu tun hatte, war daher eins: die Kri­tik der Ver­rück­ten mit dem Gebot der Taug­lich­keit zu vereinbaren.

So pro­pa­giert er offen­siv die Unzu­läng­lich­keit der Welt und nimmt der Kri­tik der Unzu­frie­de­nen den Wind dadurch aus den Segeln, daß er sie gegen sie wen­det: denn die Wirk­lich­keit ist nicht des­halb kri­ti­ka­bel, weil sie den Men­schen, die — um zuran­de­zu­kom­men sich beschrän­ken und aller­hand ver­knei­fen müs­sen, allen Anlaß zur Unzu­frie­den­heit bie­tet, son­dern vom Stand­punkt der Ideale aus betrach­tet, die den Leu­ten Ver­zicht und Opfer für das Funk­tio­nie­ren des Gan­zen abfor­dern, hat sich Unzu­frie­den­heit über die man­gelnde Ver­wirk­li­chung der­sel­ben ein­zu­stel­len. Bedau­erns­wert ist daher der schlechte Stand der Ideale in die­ser Welt, so daß sich die Kri­tik nicht gegen die im Namen der Ideale zuge­mu­te­ten Opfer empört, son­dern der Mensch­heit, die sich nichts ver­knei­fen kann, ihr wenig wür­de­vol­les Ver­hal­ten vor­hält und so mit ihrer eige­nen Unzu­frie­den­heit für die Schlech­tig­keit der Welt zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen. Als „recht­schaf­fe­ner Natur­for­scher“ (I, 493) weiß Freud sein Urteil, daß alle Men­schen „wert­los“ (VII, 14) sind, zu bele­gen: um das Höhere ist es schlecht bestellt, weil ihm das Tier im Men­schen entgegensteht:

„Der Mensch ist ein Wesen von schwa­cher Intel­li­genz, das von sei­nen Trieb­wün­schen beherrscht wird.“ (V, 128)

„Die bis­he­rige Ent­wick­lung des Men­schen scheint mir kei­ner ande­ren Erklä­rung zu bedür­fen als die der Tiere.“ (III, 251)

Wenn Freud mit der „inhä­ren­ten Unzu­läng­lich­keit des Pri­mär­pro­zes­ses“ (VII, 58) den Men­schen auf sei­nen Kon­struk­ti­ons­feh­ler auf­merk­sam macht, immerzu Ener­gie abfüh­ren zu müs­sen und so nach Lust statt nach dem Ernst des Lebens zu stre­ben, so hat er damit nicht nur die Ein­heit von Welt und Ich bewerk­stel­ligt, die alle objek­ti­ven Gründe für Unzu­frie­den­heit ver­schwin­den läßt, „das ‚Zusto­ßen‘ als ein ‚Machen‘ ent­larvt“ (VI, 141). Zugleich beugt er der Kon­se­quenz der Ver­rück­ten vor, die ihre sub­jek­tive Vor­stel­lung von der Wirk­lich­keit gegen sie hal­ten und sich so vor dem Getriebe der bür­ger­li­chen Welt abschir­men: er lie­fert den Indi­vi­duen eine sub­jek­tive Erklä­rung ihres Schei­terns und ihrer Unzu­frie­den­heit, die auf den Zweck ihrer Funk­ti­ons­tüch­tig­keit bezo­gen ist, indem sie die objek­ti­ven Ansprü­che an die Indi­vi­duen aner­kennt und gegen sie als des­sen sub­jek­tive Unzu­läng­lich­keit gel­tend macht. Es besteht also kein Grund zum Ver­zwei­feln, denn wenn sich auch an der Objek­ti­vi­tät nichts dre­hen läßt, so hat man doch an der eige­nen Sub­jek­ti­vi­tät, die der Zufrie­den­heit im Wege steht, ein rei­ches Betä­ti­gungs­feld. Nach der Devise:

„Beschei­den­heit — ver­ges­sen wir nicht, daß sie von Bescheid­wis­sen kommt, daß ursprüng­lich das Wort die­sen Sinn führte und erst über ihn den zwei­ten von modes­tia, mode­ra­tio ange­nom­men hat.“ (VI, 150f),

stellt Freud eine Erklä­rung bereit, mit der die Men­schen die Schwie­rig­kei­ten, die ihnen das Funk­tio­nie­ren in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft berei­tet, als Schwie­rig­kei­ten, die sie sich selbst berei­ten, behaup­ten ler­nen. Da es nicht darum geht, die Gründe dafür her­aus­zu­fin­den, warum es den Men­schen dre­ckig geht — die Gren­zen, die ihnen in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft gesetzt sind, sind eben­so­we­nig Gegen­stand der Kri­tik wie der Umstand, daß sie sie sich gefal­len las­sen —, son­dern darum ima­gi­näre Gründe anzu­bie­ten, mit denen sich die Men­schen für die Unzu­frie­den­heit sel­ber zur Ver­ant­wor­tung zie­hen, wird von allem, was die Men­schen tun und las­sen, abstra­hiert und das Getrie­ben­s­ein des Men­schen durch ihre Triebe erfun­den, wodurch allen mensch­li­chen Tätig­kei­ten die Selb­stän­dig­keit bestrit­ten ist. Egal, was die Men­schen anstel­len, ob sie Kla­vier­spie­len oder Auto­fah­ren oder Revo­lu­tion machen — es sind nicht ver­schie­dene Tätig­kei­ten, die die Indi­vi­duen ver­fol­gen, weil sie sich einen bestimm­ten Zweck gesetzt haben —, son­dern sie doku­men­tie­ren alle das­selbe: jedes­mal stel­len die Triebe etwas mit den Men­schen an, die gar nicht Herr ihrer selbst sind. Wenn also die Men­schen mit Schwie­rig­kei­ten nicht zuran­de­kom­men, so liegt es ein­zig und allein an der Schwie­rig­keit, die sich in ihnen abspielt, weil sie davon keine Kennt­nis haben: in ihrem Inne­ren lie­gen die Instan­zen mit­ein­an­der im Kampf, mit denen der Anspruch der bür­ger­li­chen Gesell­schaft an die Indi­vi­duen frech als deren Natur aus­ge­ge­ben wird. Wenn Freud „die Zer­le­gung der psy­chi­schen Per­sön­lich­keit“ (I, 496) vor­nimmt, so macht das Funk­tio­nie­ren die Per­sön­lich­keit aus, wobei die Zer­le­gung den Nach­weis bezweckt, daß die drei Funk­tio­nen, in die die Per­son „auf­zu­spal­ten“ ist, ihr das Funk­tio­nie­ren schwer machen. Weil nicht das Ich Sub­jekt sei­ner ver­schie­de­nen Tätig­kei­ten ist, son­dern sein Wol­len die Resul­tate des Kamp­fes dar­stellt, die drei mehr oder min­der ener­gie­starke Sub­jekte in ihm aus­fech­ten — denn die Instan­zen wer­den von Freud aus­drück­lich als Han­delnde eingeführt:

„Ein Sprich­wort warnt davor, gleich­zei­tig zwei Her­ren zu die­nen. Das arme Ich hat es noch schwe­rer, es dient drei gestren­gen Her­ren, ist bemüht, deren Ansprü­che und For­de­run­gen in Ein­klang zu brin­gen. Diese Ansprü­che gehen immer aus­ein­an­der, schei­nen oft unver­ein­bar zu sein; kein Wun­der, wenn das Ich so oft an sei­ner Auf­gabe schei­tert. Die drei Zwing­her­ren sind die Außen­welt, das Über-​Ich und das ES. … So vom ES getrie­ben, vom Über-​Ich ein­ge­engt, von der Rea­li­tät zurück­ge­sto­ßen, ringt das Ich um die Bewäl­ti­gung sei­ner öko­no­mi­schen Auf­gabe, die Har­mo­nie unter den Kräf­ten und Ein­flüs­sen her­zu­stel­len, die in ihm und auf es wir­ken, und wir ver­ste­hen, warum wir so oft den Aus­ruf nicht unter­drü­cken kön­nen: Das Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwä­che ein­be­ken­nen muß, bricht es in Angst aus, Real­angst vor der Außen­welt, Gewis­sens­angst vor dem Über-​Ich, neu­ro­ti­sche Angst vor der Stärke der Lei­den­schaf­ten im ES.“ (I, 514f) —,

sind die drei Instan­zen auch nicht mit jenen Begrif­fen zu ver­wech­seln, aus deren Exis­tenz er die Plau­si­bi­li­tät sei­nes Kon­strukts bezieht. Das Über-​Ich ist alles andere als das Gewis­sen, da die mora­li­sche Beur­tei­lung der Welt eine Leis­tung des wachen fal­schen Bewußt­seins ist, mit der das Indi­vi­duum die von ihm gefor­derte Beschrän­kung sich als sei­nen Vor­teil zurecht­legt, um durch die­sen Trost sei­nem Wil­len die eigene Ein­en­gung zu befeh­len, das Über-​Ich hin­ge­gen — das von Freud nicht als Feh­ler im Den­ken kri­ti­siert wird, da ihn nicht inter­es­siert, was die Leute den­ken oder tun, son­dern wie sie zu rei­bungs­lo­sem Funk­tio­nie­ren zu bewe­gen sind — ver­fügt als von der Per­son abge­spal­tene Kraft selbst über Bewußt­sein und Wil­len, mit der es die ande­ren Kräfte ein­engt und so — je nach Stand der Kräf­te­ver­hält­nisse — das Funk­tio­nie­ren hin­dert oder beför­dert. Auch das ES hat nichts mit Lei­den­schaft oder kör­per­li­chen Bedürf­nis­sen zu schaf­fen; mit der Instal­lie­rung des ES als eigen­stän­di­ger Instanz behaup­tet Freud glatt die natür­li­che Auto­ri­tät des Menschen:

“ … die Trieb­ver­zichte, die die Kul­tur ver­langt. Denkt man sich ihre Ver­bote auf­ge­ho­ben, man darf also jetzt zum Sexu­al­ob­jekt jedes Weib wäh­len, das einem gefällt, darf einen Riva­len beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, erschla­gen, kann dem ande­ren auch irgend­ei­nes sei­ner Güter weg­neh­men, ohne ihn um Erlaub­nis zu fra­gen, wie schön, welch eine Kette von Befrie­di­gung wäre das Leben!“ (V, 95)

Weil die bür­ger­li­che Gesell­schaft von ihren Mit­glie­dern Ver­zicht ver­langt, ent­schä­di­gen sich diese mit Wün­schen und Vor­stel­lun­gen. Doch wenn auch mal der Wunsch auf­kommt, den tyran­ni­schen Vater um die Ecke zu brin­gen, so gehört schon eine ganze Por­tion Unver­schämt­heit dazu, dem unter­drück­ten Sohn die­sen Wunsch als des­sen Gelüst, als ursprüng­li­che Nei­gung und ihm von Natur zukom­men­den Trieb anzuhängen.

Wenn so mit ES der Haupt­schul­dige ding­fest gemacht wäre, der ver­derb­lich auf die ande­ren das Indi­vi­duum len­ken­den Kräfte ein­wirkt, so ist es nicht etwa ein Gebot der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, son­dern der Kul­tur, neben dem Über-​Ich die Per­son mit einer wei­te­ren Instanz aus­zu­rüs­ten, die die vor­geb­li­che Natur­in­stanz in Schach hält. Das Ich, von Freud groß­spu­rig als das vor­ge­stellt, „was man Ver­nunft und Beson­nen­heit nen­nen kann“ (III, 293 f), hat aller­dings mit dem, was es „reprä­sen­tiert“, wenig Ähn­lich­kei­ten auf­zu­wei­sen. Denn wäh­rend Ver­nunft und Beson­nen­heit Tätig­kei­ten des selbst­be­wuß­ten Indi­vi­du­ums sind, mit denen es sich diri­giert, „sitzt das Ich dem ES, uner­kannt“ und unbe­wußt, ober­fläch­lich auf“ (III, 292) und hat so die schwie­rige Auf­gabe, Kräfte, die von ihm nichts wis­sen wol­len und von denen es nichts weiß, zu bekämp­fen. Das Ich ist eine abhän­gige Größe, das selbst über keine Ener­gie ver­fügt, son­dern sich aus dem Reser­voir des ihm feind­lich geson­ne­nen ES speist, so daß das Schei­tern die­ser Instanz vor­pro­gram­miert ist.

Mit den drei Instan­zen hat Freud nicht nur demons­triert, warum die Men­schen „schwer zusam­men­hal­ten und darum kaum zu regie­ren sind“ (I, 598), son­dern auch den Weg gewie­sen, wie diese Funk­ti­ons­bün­del zum Funk­tio­nie­ren gebracht wer­den können:

„Die Ver­nunft gehört zu den Mäch­ten, von denen man am ehes­ten einen eini­gen­den Ein­fluß auf den Men­schen erwar­ten darf.“ (I, 598)

Die Ver­nunft übt dann einen mäch­tig eini­gen­den Ein­fluß aus, wenn sie sich als Instanz begreift und die dem „Ich“ inne­woh­nende Fähig­keit zur Selbst­be­herr­schung in der Erkennt­nis äußert, warum ihm die so schwer­fällt. Nicht etwa, weil das Indi­vi­duum mit der Selbst­be­herr­schung — als Kon­se­quenz der Beherr­schung — gegen seine eige­nen Bedürf­nisse vor­geht, son­dern weil die bei­den ande­ren mensch­chen Instan­zen dem Ich seine Auf­gabe so schwer machen. Mit der Ver­wand­lung der Gemein­hei­ten, die in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft das Indi­vi­duum mit der Selbst­be­herr­schung sich selbst abver­langt, in Schwie­rig­kei­ten, die ihm seine „Zwing­her­ren“ berei­ten, ist ein Mensch hübsch beschei­den gewor­den und legt es nicht mehr der Welt zur Last, wenn er nicht in ihr zurecht­kommt. Statt­des­sen bemüht er sich, mit sich klar­zu­kom­men, sach­ge­recht mit sei­nen Stör­funk­tio­nen umzu­ge­hen, indem er sich diese Undin­ger bewußt macht, wodurch sie bekannt­lich ihre Macht über ihn ver­lie­ren — so daß für einen, der Bescheid weiß, aller Grund zur Klage ent­fällt. Und da das Funk­tio­nie­ren­müs­sen gerade dazu immer erneu­ten Anlaß lie­fert, hält man es aus, wenn man sich mit der ewi­gen Suche nach unbe­wuß­ten Trie­ben die eigene Natur — die stets das Wohl­be­fin­den in der Beschei­den­heit stört, weil die­ser Zustand nicht umsonst, son­dern nur unter Auf­bie­tung aller Wil­lens­kräfte zu haben ist — als Grund der Unzu­frie­den­heit einredet.

Wer auf diese Weise immerzu beschäf­tigt ist, sich selbst zu negie­ren, weiß nicht nur, daß er an das Leben keine Ansprü­che stel­len darf, solange er die Ansprü­che, die er an sich selbst stellt, nicht ver­wirk­li­chen kann, son­dern hat seine Wün­sche schon längst her­un­ter­ge­schraubt, weil er nun mal ein Mensch ist:

„Die Absicht, daß der Mensch glück­lich sei, ist im Plan der Schöp­fung nicht ent­hal­ten. Was man im strengs­ten Sinne Glück heißt, ent­springt der eher plötz­li­chen Befrie­di­gung hoch auf­ge­stau­ter Bedürf­nisse und ist sei­ner Natur nach nur als epi­so­di­sches Phä­no­men mög­lich. Jede Fort­dauer einer vom Lust­prin­zip ersehn­ten Situa­tion ergibt nur ein Gefühl von lauem Behag­gen. Wir sind so ein­ge­rich­tet (!), daß wir nur den Kon­trast inten­siv genie­ßen kön­nen, den Zustand nur sehr wenig. Damit sind unsere Glücks­mög­lich­kei­ten schon durch unsere Kon­sti­tu­tion beschränkt.“

So bese­hen hat man Gott nicht nur für die Ein­rich­tung der Arbeit zu dan­ken, die dem lauen Beha­gen, das der Urlaub als Zustand an sich hat, ein durch den Kon­trast lust­vol­les Ende berei­tet, son­dern macht auch die Arbeit als Zustand bei­nah Spaß, weil sie nur wenig Zeit für ande­res läßt und so Gele­gen­heit bie­tet, Bedürf­nisse hoch auf­zu­stauen, so daß die Plötz­lich­keit der Abre­ak­tion zwei­fel­los glück­lich zu nen­nen ist, So bese­hen ist daher die Kul­tur eine gott­volle Ange­le­gen­heit, die den Men­schen vor sei­ner Natur in Schutz nimmt:

„Es ist ja die Haupt­auf­gabe der Kul­tur, ihr eigent­li­cher Daseins­grund, uns gegen die Natur zu ver­tei­di­gen.“ (V, 95)

und ihn für das ihm eh nicht ver­gönnte Glück ent­schä­digt, indem sie ihm „Trie­bop­fer“ auf­er­legt, die „Leid aus­schal­ten“ (VII, 197), das er sich und ande­ren mit dem Aus­to­ben sei­nes hem­mungs­los auf Bedürf­nis­be­frie­di­gung ver­ses­se­nen ES zufü­gen würde. Das ein­zige, was dem Indi­vi­duum — wegen der „Schwie­rig­kei­ten, wel­che die Unbän­dig­keit der mensch­li­chen Natur jeder Art von sozia­ler Gemein­schaft berei­tet“ (VII, 198) — zu wün­schen übrig bleibt, ist ein Heil­mit­tel zur „Regu­lie­rung der indi­vi­du­el­len Aggres­sion“ (VII, 204), mit der er immer wie­der die Kul­tur ver­saut, der er doch so viele schöne Trie­bop­fer gebracht hat. Doch solange der che­mi­sche Stoff noch nicht gefun­den ist, der „die Dik­ta­tur der Ver­nunft im mensch­li­chen See­len­le­ben“ (I, 598) instal­liert, wodurch der See­len­haus­halt von vorn­her­ein so ein­ge­rich­tet ist, daß die Instanz der Selbst­be­herr­schung in jedem Fall die Ober­hand behält, muß man sel­ber dafür sor­gen, daß einem „das psy­cho­lo­gi­sche Ideal“ (V, 127) in Fleisch und Blut übergeht.


Nach­weis der Zitate:

  1. S. Freud, Vor­le­sun­gen, Fischer Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 1
  2. Ders., Traum­deu­tung, l.c., Bd. 2
  3. Ders., Psy­cho­lo­gie des Unbe­wuß­ten, l.c., Bd.3
  4. Ders., Zwei Kind­heits­neu­reo­sen, l.c., Bd. 8
  5. Ders., Mas­sen­psy­cho­lo­gie, Fischer Bücherei
  6. Ders., Abriß der Psy­cho­na­lyse, Fischer Bücherei
  7. R. Woll­heim, Sig­mund Freud, dtv Moderne Theoretiker
  8. Q. Man­noni, Freud, rororo Monographie
  9. Kurs­buch, Das Elend mit der Psyche