„Ich bin glück­lich, weil …“

BILD, 27. Juli 83

Quelle: Prof. Dr. Fre­erk Huisken

BILD, 27. Juli 83

„Ich bin glück­lich, weil …“

Glück hat kei­nen bestimm­ten Inhalt. W a s als Glück emp­fun­den wird, gibt in der Regel an, wie­weit der Mensch seine Ansprü­che an sein Leben bereits r e d u z i e r t hat, inwie­weit er sie bereits den ihm auf­ge­mach­ten Erwar­tun­gen ent­spre­chend zurecht­ge­bo­gen hat.

Glück ist also, wenn’s einem noch nicht so dre­ckig geht wie denen, die als offi­zi­elle Ver­kör­pe­rung von Elend jeweils ver­gleichs­weise her­an­ge­zo­gen wer­den. Glück ist des­we­gen auch immer die Suche nach dem Gesichts­punkt, unter wel­chem man sich sein mehr oder weni­ger küm­mer­li­ches Dasein nicht als sol­ches, son­dern als das glatte Gegen­teil zurecht­le­gen kann.

Acht Bei­spiele dafür:

Klaus Bitt­nis (32), Tech­ni­ker aus Berlin:

„Weil ich gesund bin und meine Frau Arbeit hat, denn ich habe meine gerade verloren.“

Herr Bitt­nis hat einen bekann­ten Kalauer für sich als bit­tere Wahr­heit ent­deckt: Er ist selbst gesund für unbrauch­bar erklärt wor­den und des­we­gen ein­kom­mens­los, wes­halb seine Frau arbei­ten gehen muß. Glück ist, wenn wenigs­tens nicht beide auf der Straße sitzen!

Friedrich-​Wilhelm Kögel (45), Mathematik-​Lehrer in Stuttgart:

„Weil ich seit 16 Jah­ren mit der­sel­ben Frau ver­hei­ra­tet bin – und weil mir sofort zehn schöne Dinge ein­fal­len, falls es mir mal wirk­lich schlecht geht.“

Herr Kögel, dem seine Frau gegönnt sei, hat die Tech­nik drauf, sich im Unglück mit der Erin­ne­rung an Zei­ten trös­ten zu kön­nen, in denen es ihm bes­ser ging. Nicht umsonst ist er Leh­rer. Glück ist, wen man sich daran erin­nern kann, dass es mal nicht so schlimm war.

Harald Schmidt (35), Instal­la­teur aus Hamburg:

„Ich bin glück­lich, dass wir Deut­sche in Frie­den leben. Hof­fent­lich bleibt das so.“

Herr Schmidt weiß, was sich gehört. Frie­den für Deutsch­land. Wenn einem Fami­li­en­va­ter zusätz­lich zu all den Sor­gen des All­tags noch eine „Kriegs­ge­fahr“ ein­ge­brockt wird, dann sind ab sofort alle Tages­sor­gen zur Neben­sa­che erklärt. Es könnte ja auch ein Krieg aus­bre­chen! Glück ist, wenn es noch schlim­mer kom­men könnte!

Clau­dia Fär­ber (27), Promotion-​Assistentin aus Köln:

„Mir macht meine neue Arbeits­stelle bei der EMI-​Electrola rich­tig Spaß – ich fahre zu Kon­zer­ten und lerne dabei auch Künst­ler wie David Bowie kennen.“

Frau Fär­ber hat einen inter­es­san­ten Beruf. Mag sein! Aber wes­we­gen h a t sie denn einen B e r u f. Wegen David Bowie? Glück ist, wenn man wenigs­tens gele­gent­lich mal in der Nähe von sol­chen Leu­ten ist, die all das haben, was man selbst im Leben nie erreicht!

Lud­wig War­ken (53), Rol­la­den­bauer aus Nalbach/​Saar:

„Weil mein Sohn Rüdi­ger (21) ers­ter Bun­des­sie­ger mit sei­nem Gesel­len­stück wurde und ich wie­der genü­gend Auf­träge für meine zwölf Ange­stell­ten habe.“

Herr War­ken lügt wie gedruckt. Ers­tens ver­wech­selt er Stolz auf den Filius mit Glück und zwei­tens hat er sei­nen Rol­la­den­la­den natür­lich über­haupt nur auf­ge­macht, um Leu­ten Beschäf­ti­gung zu ver­schaf­fen. Gell! Nur für andere ist er da! Glück ist, wenn man erle­ben darf, dass a n d e r e zufrie­den sind!

Horst Pickert (48), Post­haupt­se­kre­tär aus Hamburg:

„Ich ver­diene genug, um meine Fami­lie zu ernäh­ren und habe schon drei Töch­ter großgezogen.“

Herr Pickert hat sich die Fami­lie zum Zweck gemacht. Nur für die Fami­lie – Ernäh­rung, Nach­wuchs­pro­duk­tion und Auf­zucht – ist er auf der Welt. Glück ist, sich für andere aufzuopfern.

Alfred Ham­mer (63), Rent­ner aus Hannover:

„Wenn ich auf mei­ner Park­bank am Mosch­see sitze und Leute vor­bei­kom­men, mit denen ich mich unter­hal­ten kann.“

Herr Ham­mer sitzt auf der Park­bank und war­tet auf andere Rent­ner, mit denen er die Zeit tot­schlägt, bis er abtritt. Glück ist, wenn man in aller Ruhe das zwangs­läu­fige Ende eines Arbeits­le­bens auf dem gro­ßen Rent­ner­park­platz vor dem Fried­hof abwartet!

Axel Fuech­tey (26), Gestal­ter aus Essen:

„Mein Beruf füllt mich aus, auch beim Fuß­ball habe ich als Mit­tel­stür­mer Erfolg. Und das Größte: Vor zwei Mona­ten habe ich mir sogar mei­nen Jugend­traum erfül­len kön­nen: einen neue 750er Honda mit Computer.“

Bleib noch Herr Fuech­tey, der etwas aus der Rolle fal­len darf. Ohne idea­lis­ti­sches und Sinn-​Gefasel gibt er ein­fach was Hand­fes­tes an, das ihm Spaß macht. Einer von Ach­ten! Aber: Wie lange hat er eigent­lich auf das Motor­rad spa­ren müs­sen? Wie gut, dass er sich nicht m e h r erträumt hat! Hof­fent­lich kommt die­ser drei­fa­che Glücks­pilz vor lau­ter aus­ge­füll­ter Berufs­tä­tig­keit – viel­leicht ein paar Über­stun­den zur Abzah­lung des „Jugend­traums“ dabei – noch zum Fuß­ball­spie­len und Motor­rad­fah­ren? Glück ist, wenn man sich in sei­ner Jugend ohne­hin nur wünscht, was man allen­falls im Leben erreicht – eine Honda!