Nach­ruf auf Jean Piaget

Ein Weich­tier­for­scher wird Struk­tu­ra­list und stirbt

Quelle: MSZ 5 – 1980

Nach­ruf auf Jean Piaget

Ein Weich­tier­for­scher wird Struk­tu­ra­list und stirbt

Diese auch logisch kor­rekte Ant­wort der Geschichte auf die von Pia­get zeit­le­bens auf­ge­wor­fene Frage

„Ver­mit­tels wel­cher Leis­tun­gen geht der mensch­li­che Geist von einem Stand weni­ger befrie­di­gen­der Erkennt­nis zu einem Stand höhe­rer Erkennt­nis über?“ (1,20)

wird von all denen, die die­sen Gen­fer Meta­phy­si­ker als – gar empi­risch fun­dier­ten Kin­der­psy­cho­lo­gen, För­de­rer eman­zi­pa­to­ri­scher Erzie­hung und Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker schät­zen gelernt haben, wohl nicht ernst­ge­nom­men wer­den. Dabei dürfte doch min­des­tens klar sein, daß Pia­get sich unter den von ihm ver­rät­sel­ten „Leis­tun­gen des mensch­li­chen Geis­tes“ nicht ein­fach das Den­ken vor­ge­stellt haben kann; dar­über ließ er auch kei­nen Zweifel:

„Es ist nicht Sache der Psy­cho­lo­gen zu ent­schei­den, ob ein bestimm­ter Stand der Erkennt­nis hoher als ein ande­rer ist oder nicht.“ (a. a.0.)

Und wenn für einen Psy­cho­lo­gen der Erkennt­nis­fort­schritt schon eine Sache ist, die es getrennt von sei­nen Inhal­ten noch ein­mal gibt, dann soll­ten gerade Anhän­ger die­ser Auf­fas­sung die Über­schrift nicht für iro­nisch hal­ten. Nach der Logik von Pia­get stim­men die darin behaup­te­ten Über­gänge alle­mal und daß sie nach der gewöhn­li­chen Logik aus sei­nen Feh­lern fol­gen, wird sich zeigen.

Auto­bio­gra­phi­sche Einführung

Pia­get gilt bei Psy­cho­lo­gen, Päd­ago­gen u.a. die seine sehr über­sicht­li­chen Sta­dien der Kin­des­ent­wick­lung für ziem­lich gesi­cher­tes Wis­sen hal­ten – in einem unver­ständ­li­chen Gegen­satz dazu als theo­re­tisch extrem kom­pli­zier­ter Den­ker. Pia­get war da um eini­ges ehr­li­cher, was die Pri­mi­ti­vi­tät sei­ner „kom­ple­xen“ Theo­rie­ge­bäude angeht, Rück­bli­ckend cha­rak­te­ri­sierte er das so:

„Ich wurde im Jahre 1896 gebo­ren. Meine Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung kon­zen­trierte sich auf die Gebiete der Bio­lo­gie und der Phi­lo­so­phie“ (eine explo­sive Mischung!) „und zwi­schen 1911 und 1925 ver­öf­fent­lichte ich unge­fähr 25 Stu­dien über auf dein Land oder im Was­ser lebende Mol­lus­ken. Die­ses Trai­ning (!) war für meine spä­te­ren psy­cho­lo­gi­schen (!) Unter­su­chun­gen außer­or­dent­lich nütz­lich und formte in mir die Gewohn­heit (!), gleich­zei­tig unter dem Gesichts­punkt der Anpas­sung an die Umwelt und unter dem Gesichts­punkt einer intern regu­lier­ten Ent­wick­lung auf sei­ten des Sub­jekts (?) zu den­ken?“ (1,91)

Offene Worte! Der Mann stu­dierte als Bio­loge das Trei­ben von Weich­tie­ren, war aber Phi­lo­soph genug, diese natur­wis­sen­schaft­li­che Arbeit gleich als Ein­übung in die Psy­cho­lo­gie zu betrach­ten. Nun ist es frei­lich recht eigen­wil­lig, sich aus­ge­rech­net Mol­lus­ken, die schon wegen ihres rela­tiv undif­fe­ren­zier­ten Orga­nis­mus (der haupt­säch­lich aus Ver­dau­ungs­or­ga­nen besteht) kaum so etwas wie ein tie­ri­sches Selbst­ge­fühl zustan­de­brin­gen dage­gen sind ja sogar die belieb­ten Labo­ra­to­ri­ums­rat­ten wahre Indi­vi­dua­li­täts­bün­del -, unter dem „Gesichts­punkt“ von Sub­jek­ten vor­zu­stel­len. Und die feine Unter­schei­dung zwi­schen Anpas­sung nach außen und inter­ner Regu­la­tion dürfte den Weich­tie­ren, die schon mit ers­te­rem genug zu tun haben, auch eher fern­lie­gen. Aber Pia­get macht ja gar kei­nen Hehl dar­aus, daß das ein­zige hier betei­ligte Sub­jekt nur seine Ein­bil­dungs­kraft ist, wes­halb er es ein­fach als ihm nun ein­mal zur „Gewohn­heit“ gewor­dene Manier bezeich­net, sich Mol­lus­ken zumin­dest ähn­lich wie Sub­jekte und umge­kehrt die wirk­li­chen Sub­jekte (für die Psy­cho­lo­gie war es schließ­lich nütz­lich!) zumin­dest ähn­lich wie das blöde Schwab­bel­vieh zu den­ken. Für sol­che gewohn­heits­mä­ßi­gen Ide­e­nas­so­zia­tio­nen, die dann theo­re­ti­sche Not­wen­dig­keit für sich in Anspruch neh­men, fand bereits Hegel das pas­sende Wort:

„Tie­fer kann man im Den­ken nicht her­un­ter­kom­men,“ (WW 20,279)

Immer­hin kann Pia­gets ori­gi­nel­len Denk­ge­wohn­hei­ten – ohne daß man schon etwas über seine wei­te­ren Aus­füh­run­gen weiß schon eini­ges über die Sorte Psy­cho­lo­gie ent­nom­men wer­den, die aus jenen ent­wach­sen sein soll.- Wer, bloß weil er ein paar nie­dere Vie­cher stu­diert hat, gleich meint, da> mensch­li­ches Den­ken und Han­deln sei wesent­lich ein Ver­hält­nis von exter­ner Anpas­sung und inter­ner Ent­wick­lung, der strei­tet natür­lich die Frei­heit in den Leis­tun­gen der Leute ab und denkt sie sich statt­des­sen als Bedin­gung des Zustan­de­kom­mens gewis­ser natür­li­cher Not­wen­dig­kei­ten. Als ob die „Anpas­sung“, die es gibt, irgend­et­was mit der mensch­li­chen Bio­lo­gie zu tun hätte; und als ob die die­ser Anpas­sung ent­spre­chende „Ent­wick­lung“ (es wird sich doch nicht um die Aus­ge­stal­tung des Ver­dau­ungs­trak­tes han­deln) in irgend­ei­ner Hin­sicht von der Bio­lo­gie her­vor­ge­bracht würde! Schließ­lich legt Pia­get selbst Wert dar­auf, seine ver­rückte Denk­weise nicht als Resul­tat sei­nes mol­lus­ken­haf­ten Orga­nis­mus, son­dern als abso­lut freie Wil­lens­ent­schei­dung hin­zu­stel­len (was aller­dings auch nicht gerade ein wis­sen­schaft­li­ches Güte­sie­gel ist):

“ Ich wollte mich der Bio­lo­gie ver­schrei­ben, hatte aber ein ebenso gro­ßes Inter­esse an den Pro­ble­men objek­ti­ver Erkennt­nis“ (nun gib bloß nicht so an.) „und der Erkennt­nis­theo­rie.“ (Ach, das ist das­selbe?) _​Meine Ent­schei­dung, die Ent­wick­lung der kogni­ti­ven Funk­tio­nen beim Kinde zu unter­su­chen“ (ist zwar schon wie­der etwas ande­res, aber darum geht es nicht:) „hing mit mei­nem Wunsch (!) zusam­men, die bei­den Inter­es­sen in einer Tätig­keit zu befrie­di­gen.“ (1,91)

Typisch „objek­tive Erkennt­nis‘ nichts her­aus­krie­gen wol­len, statt­des­sen über Erkennt­nis Theo­rien bas­teln, diese zur Abwechs­lung ein­mal bio­lo­gisch aus­staf­fie­ren (um ein letz­tes Mal die Weich­tiere des Neu­en­bur­ger Sees zu erwäh­nen: diese rei­ben sich näm­lich in der Ent­wick­lung ihrer „kogni­ti­ven Funk­tio­nen“ auf und haben M. Pia­get einen ent­spre­chen­den Tip gege­ben) und sich schließ­lich ganz kühl auf den „Wunsch“ beru­fen, der hier der Vater des Gedan­kens ist. Pia­get sieht da keine Schwierigkeiten-​, als Welsch­schwei­zer fühlt er sich offen­bar dem fran­zö­si­schen „esprit“ ver­pflich­tet, dem­zu­folge auch die bizarrste Gedan­ken­ver­bin­dung als Wis­sen­schaft gilt, wenn sie nur irgend­ein intel­lek­tu­el­les Inter­esse befrie­digt oder viel­mehr die freie Will­kür zum Prin­zip des Intel­lekts erklärt. Von daher ist es durch­aus plau­si­bel, daß dem Mann Lob­ge­sänge der fol­gen­den Art zuhauf nach­ge­ru­fen wurden:

„In Pia­gets Den­ken über­schnei­den (!) sich ver­schie­denste (!) Dis­zi­pli­nen: Mathe­ma­tik, Logik, Phy­sik, Bio­lo­gie, Kyber­ne­tik, Psy­cho­lo­gie, Phi­lo­so­phie und Sozio­lo­gie.“ (FAZ)

Je „ver­schie­denst“ das Fach, desto bril­lan­ter die „Über­schnei­dung“, muß sich der Rezen­sent wohl gedacht haben. Ande­rer­seits: Wo mag sich die­ses dis­pa­rate Zeug nur über­schnei­den? Allen­falls darin, daß der Geschlechts­ver­kehr (Bio­lo­gie), ein Schluß (Logik) und ein Inte­gral (Mathe­ma­tik) genau dann das­selbe sind, wenn man groß­zü­gig aber auch alle Dif­fe­ren­zen weg­läßt und sich eine Gemein­sam­keit zusam­men­spinnt, die kei­nem der behan­del­ten Gegen­stände zukommt und sich nur noch Pia­gets bekann­tem „Wunsch“ ver­dankt. Unter die­sem „Gesichts­punkt“ ver­wan­delt sich die ganze Welt in -„Strukturen“.

I. Abtei­lung: Strukturalismus

Was ist denn nun eine Struktur?

„Eine Struk­tur“ (ist gar nichts, sie besitzt etwas) –besitzt ers­tens Tota­li­täts­ge­setze, die andere sind als die ihrer Ele­mente, und die es sogar ermös­li­chi­chen von der­ar­ti­gen Ele­men­ten ganz abzu­se­hen.,“ (111,9)

Scheint ja ein ver­teu­fel­tes Ding zu sein. Man weiß zwar nicht recht, wovon über­haupt die Rede ist; aber in all ihrer Abs­trakt­heit weist „eine Struk­tur“ bereits beacht­li­che Merk­male auf. 1. ist sie eine Tota­li­tät von Ele­men­ten, die als sol­che andere Gesetze besitzt, die ihrer Ele­mente – und dies ist selbst in dem luft­lee­ren Raum, in den uns Pia­get ver­setzt, erstaun­lich. Er mag ja dabei den­ken an was er will (die Bei­spiele eilen von the­ma­ti­schen Struk­tu­ren über den Orga­nis­mus bis zur Gesell­schaft), aber daß irgendwo ein Gan­zes außer­halb von Tei­len, wor­aus es besteht, noch ein­mal für sich exis­tiert und in die­ser phan­tas­ma­go­ri­schen Gestalt beson­dere „Tota­li­täts­ge­setze“ hat ist wirk­lich ein star­kes Stück.

„Das Sys­tem der gan­zen Zah­len ist ein Bei­spiel für eine Struk­tur, denn hier gibt es Gesetze, die für die Reihe als sol­che gel­ten“ (1,30)

Das ist kein Bei­spiel, Mon­sieur. Sofern ich natür­lich ein Gan­zes nicht in Bezug auf seine Teile betrachte, ver­steht es sich von selbst, daß es dann keine eige­nen Gesetze auf­weist; für Pia­gets Aus­las­sun­gen sind kei­nes­wegs seine Nie­ren ver­ant­wort­lich zu machen. Aber ( han­delt es sich auch nicht um „Tota­li­täts­ge­setze“. Sofern ich umge­kehrt ein Ganze Tota­li­tät von Ele­men­ten betrachte, ist Behaup­tung absurd; in die­ser Hin­sicht auch das Sys­tem der gan­zen Zah­len kein Gesetze haben, die für die gan­zen Zah­len nicht gel­ten, – 2. ermög­li­chen die mys­te­riö­ser Gesetze der „Tota­li­tät“ es die­ser auch noch von ihren Ele­men­ten „ganz abzu­se­hen“. über­las­sen wir das Lachen den Hüh­nern. Selbst die Mathematiker-​Crew Bour­baki, die es Pia­get außer­or­dent­lich ange­tan hat, hat bis­her noch keine alge­brai­schen oder topo­lo­gi­schen Struk­tu­ren ent­deckt, die gleich ohne( das, was sie über­haupt zu Struk­tu­ren macht näm­lich die Ver­knüp­fung ihrer Ele­mente,( aus­ge­kom­men waren.

„Zwei­tens sind diese Eigen­schaf­ten der Gesamt­heit Trans­for­ma­ti­ons­ge­setze, die im Gegen­satz ste­hen zu irgend­wel­chen Forrnal­ge­set­zen.“ (II,9)

Struk­tu­ra­lis­mus als Menschenbild

Da es uns vor­läu­fig noch auf die Logik der struk­tu­ra­lis­ti­sche Abs­trak­tio­nen selbst ankommt, wol­len wir zu der Logik, die Pia­get seine Über­gänge dik­tiert, auch noch nichts sagen. Indes gibt die zweite Besti­mung der „Struk­tur“ schon ein gewis­ses Indiz dar­über ab: 1. folgt sie wohl kaum aus der ers­ten, denn nur aus der Abtren­nung einer Tota­li­tät“ von ihren Ele­men­ten ergibt sich kei­nes­falls, daß ihre Gesetze des­we­gen „Trans­for­ma­ti­ons­ge­setze“ sind. – 2. Woher dann über­haupt Pia­gets Gegen­satz von „Trans­for­ma­ti­ons­re­geln“ und „For­mal­ge­set­zen“ oder „sta­tis­ti­schen Eigen­schaf­ten“? Über, „die Struk­tur“ selbst wis­sen wir nichts: aus den Bei­spie­len folgt wie­der nicht das, wofür sie Bei­spiele sein sollen.

„Im Falle der Addi­tion gan­zer Zah­len kön­nen wir (!) eine Zahl in eine andere trans­for­mie­ren, indem wir (!) ihr etwas hin­zu­fü­gen.“ (I,31)

„Wir“ in allen Ehren, aber sollte es nicht um Eigen­schaf­ten „einer Struk­tur“ gehen? Addie­ren wird doch nicht eine Eigen­schaft der Addi­tion sein – da könnte man ja seine japa­ni­schen Taschen­rech­ner weg­wer­fen und in Zukunft alle mathe­ma­ti­schen Ope­ra­tio­nen gleich den Her­ren und Damen Zah­len über­las­sen, die das offen­bar schon von sich aus bewerk­stel­li­gen. Welch bewun­der­wür­dige Nebel­rei­che Pia­get da eröffnet!

„Drit­tens beinhal­tet jede Struk­tur eine Selbsre­ge­lung in zwei­fa­chem Sinn: Ihr Auf­bau führt nie­mals über ihre Gren­zen hin­aus und benö­tigt nie­mals etwas von außer­halb die­ser Gren­zen…“ (II,9)

All­mäh­lich nähern wir uns wirk­lich dem Spring­punkt des gan­zen Gere­des. Es kann doch unmög­lich Zufall sein, daß es Pia­get ein­fach nicht gelingt, bei sei­nen Bestim­mun­gen der „Struk­tur“, die es als etwas Objek­ti­ves, als gemein­schaft­li­che Beschaf­fen­heit wirk­li­cher Gegen­stände außer­halb des Den­kens, geben soll, Eigen­schaf­ten und Tätig­kei­ten aus­ein­an­der­zu­hal­ten. 1. rächt sich immer mehr die Abs­trak­tion von den Unter­schie­den des­sen, was alles „Struk­tu­ren“ sein sol­len; die Addi­tion mag ja inner­halb der Gren­zen, die ihr das Plus­zei­chen setzt, ver­blei­ben, aber wie darf man sich ihren Selbst­re­ge­lungs­me­cha­nis­mus“ vor­stel­len? Und ein Com­pu­ter mag sei­ner­seits man­ches „selbst­re­geln“, aber daß er des­halb „nie­mals etwas von außer­halb“ benö­tigt, mag uns nicht in den Kopf. 2, stimmt es uns sehr prin­zi­pi­ell nach­denk­lich, daß Pia­get mit­tels eines auf den ers­ten Blick so inhalts­lee­ren Begriffs wie „Struk­tur“ die Objekte sei­ner Theo­rie immer mehr in Sub­jekte (oder was er sich dar­un­ter vor­stellt) ver­wan­delt. Nun sind wir doch schon bei Eigen­schaf­ten wie der Selbst­re­ge­lung der dem Benö­ti­gen ange­langt, die man allen­falls noch als Meta­phern gel­ten las­sen könnte – bloß noch­mals – wofür?

Reka­pi­tu­lie­ren wir also:

1. Der Unter­schied von Tota­li­tät und Ele­men­ten ist prima facie über­haupt keine Qua­li­tät von Gegen­stän­den, son­dern eine Refle­xi­ons­be­stim­mung. die davon abhängt, was an ihnen ich mir zum Gegen­stand mache. Die wirk­li­che Tren­nung des Gan­zen vom Teil gibt es nur dort, wo sie einen beson­de­ren Gegen­stand wesent­lich cha­rak­te­ri­siert, wo die Eigen­art einer Sache also gerade darin besteht, als „Tota­li­tät“ etwas ande­res zu sein als das Ver­hält­nis ihrer „Ele­mente“. Dies gilt nun ein­mal nur für den Men­schen, der

sich Zwe­cke setzt, die aus sei­nen natür­li­chen Funk­tio­nen nicht unmit­tel­bar folgen.

Der Unter­schied von „Transforrnations-​“ und „For­mal­ge­set­zen“ geht als sol­cher eben sowe­nig irgend­ei­nen Gegen­stand an. Natür­lich läßt sich alles auf der Welt sowohl unter dem Gesichts­punkt der Ver­än­de­rung wie der Iden­ti­tät betrach­ten, aber des­halb liegt das Wesen der Dinge nicht aus­ge­rech­net darin, daß sie sich ver­än­dern, oder gar darin, daß wir sie ver­än­dern kön­nen, was Pia­get stets durch­ein­an­der­zu­wer­fen beliebt, Soweit „Trans­for­ma­tion“ nicht rein zeit­li­ches Gesche­hen, son­dern als „Ent­wick­lung“ eine Qua­li­tät sein soll, kommt sie wie­der nur dem Men­schen zu, der nicht nur wie jeder Affe grö­ßer wird, dabei aber stets der­selbe Affe bleibt wie zuvor, son­dern der sich seine Ver­än­de­rung zum Zweck setzt und daher wie Pia­get vom Bio­lo­gen zum phi­lo­so­phisch­psy­cho­lo­gi­schen Affen erst wer­den muß.

schließ­lich ist „Selbst­re­ge­lung“ als über die ers­ten bei­den „Struk­turei­gen­schaf­ten“ hin­aus­ge­hende Bestim­mung auch nicht so recht ein­zu­se­hen. Sie mag zwar den Inhalt eher natür­li­cher Trans­fon­na­ti­ons­pro­zesse bil­den, aber doch nicht zugleich davon unter­schie­dene Eigen­schaft. Als sol­che gibt sie wie­derum nur einen Sinn, wenn sie als Zweck­be­griff vor­ge­stellt wird; und da wird sich auch der gern zum Bei­spiel genom­mene Com­pu­ter hart tun!

Summa sum­ma­rum: Man täuscht sich also sehr, wenn man den gan­zen struk­tu­ra­lis­ti­schen Non­sens für einen im Grunde unnö­ti­gen Umweg zu Pia­gets Psy­cho­lo­gie hält, auf die er doch von Anfang an hin­aus­wollte. Das Gegen­teil ist der Fall – der Struk­tu­ra­lis­mus ist die Vor­stel­lung des psy­cho­lo­gi­schen Men­schen­bilds bei Pia­get. Die „Kunst“ die­ses Ver­fah­rens (und in sei­ner Anwen­dung zeigt sich auch sehr schnell, wie­viel Freunde sich Pia­get dar­über ein­ge­han­delt hat) besteht schlicht darin, daß der Meis­ter aus Genf den

Beweis– und Regrün­dungs­zwang, dem sich Freud und Skin­ner mit ihren aus Spe­ku­la­tion über psy­chi­sche Appa­rate und aus Labor­ver­su­chen mit Rat­ten u.dgl. ent­wi­ckel­ten Hypo­the­sen über das See­len­le­ben aus­ge­lie­fert haben, läs­sig umgeht, indem er seine Annah­men über die mensch­li­che Natur erst ein­mal gar nicht als sol­che vor­trägt. Er über­setzt sie in Defi­ni­tio­nen einer „Struk­tur“ die es über­all geben soll, um diese Defi­ni­tio­nen anschlie­ßend auf sei­nen eigent­li­chen Gegen­stand nur anzu­wen­den. Dabei kommt zwar gar nichts ande­res her­aus als sein anfäng­li­cher „Wunsch“ und die Vor­stel­lung, daß die selbst­be­wußte – Zweck­set­zung des Men­schen ein Natur­ge­setz jeder „Tota­li­tät“ sei, seine Tätig­keit gewis­sen „Trans­for­ma­ti­ons­re­geln“ , folge, mit denen er durch die Trans­for­ma­tion der Objekte „sich selbst regelt“, aber dies hat nicht die Form einer Hypo­these, son­dern die einer – sich schein­bar an allen mög­li­chen Gegen­stän­den betä­ti­gen­den – defi­ni­to­ri­schen Gesetzmäßigkeit.

Erken­nen als Strukturvergleich

Die „Erklä­rung“ des mensch­li­chen Erken­nens kommt also sehr leger daher, ohne daß PIA­GET groß­ar­tige Ver­mu­tun­gen über das Bewußt­sein auf­stel­len oder zu schwar­zen Schach­teln grei­fen müßte. Alles ist rein begriff­lich und lädt des­halb dazu ein, jedes Phä­no­men der Rea­li­tät als mög­li­chen Beleg für die Stim­mig­keit der Behaup­tun­gen herzunehmen.

„Nach mei­ner Ansicht bedeu­tet ein Objekt Zu erken­nen nicht, es abzu­bil­den“ (Stimmt. Wir sind nicht beim Foto­gra­fen) „son­dern, auf es ein­zu­wir­ken.“ (1, 23)

Das stimmt nun aller­dings nicht. Man mag bei man­chen Erkennt­nis­sen nicht ohne prak­ti­sche Ein­griffe in die Rea­li­tät aus­kom­men, aber selbst in die­sem Fall ist das Ein­wir­ken noch lange kein Erken­nen. Gut, wozu hat PIA­GET belie­big hand­hab­bare Begriff­s­in­stru­mente? Er inter­pre­tiert sich also um:

„Es“ (das Erken­nen durch Ein­wir­ken) ..bedeu­tet. Trans­for­ma­ti­ons­sys­teme zu kon­stru­ie­ren, die sich an oder mit die­nern Objekt aus­füh­ren lassen.“

Das Erken­nen defi­niert sich auf diese Weise näher als eine Art erken­nen­des Ein­wir­ken, das dann zum Erken­nen führt. Sind wir damit wei­ter? Durch bloße Gedan­ken­kon­struk­tio­nen, selbst wenn sie sich „am Objekt aus füh­ren las­sen“, hat man doch nichts erkannt. Das nicht, aber PIA­GET hat das Pro­blem jetzt in seine struk­tu­ra­lis­ti­sche Terrni­n­o­lo­gie trans­for­miert, so daß er sich nun das Erken­nen als Struk­tur­ver­gleich umfor­mu­lie­ren kann:

„Oder: Rea­li­tät erken­nen heißt, Trans­for­ma­ti­ons­sys­teme zu kon­stru­ie­ren. die der Rea­li­tät – mehr oder weni­ger adäquat – ent­spre­chen,‘ (da fehlt doch ‚was – ah, schon kommt’s:) „die Trans­for­ma­tio­nen der Rea­li­tät mehr oder weni­ger iso­morph sind“ (a.a.0.)

Na eben, so geht das ! Das Erken­nen ist eine Struk­tur, das Objekt ist eine Struk­tur, beide trans­for­mie­ren sich, also muß das Erken­nen seine Struk­tur so trans­for­mie­ren, daß es dabei eine Struk­tur kon­stru­iert, die mög­lichst genauso aus­schaut („iso­morph“) wie die Struk­tur des sich trans­for­mie­ren­den Objekts, Nach­dem er damit abge­lei­tet hat, daß das Erken­nen 1. gesetz­mä­ßig ver­läuft, 2. wobei es auf den Inhalt des­sel­ben nur mehr oder weni­ger ankommt, Haupt­sa­che, es hält sich an seine Gesetze, geht ihm zum Schluß lei­der die Luft aus, so daß am Ende der Deduk­ti­ons­kette ein reich­lich plat­tes Ergeb­nis steht:

„Erkennt­nis ist also ein Sys­tem von Trans­for­ma­tio­nen, die all­mäh­lich immer adäqua­ter werden.“

So viele schöne neue Begriffe – und dann doch. nur die müde Behaup­tung, daß Erkennt­nis ein end­lo­ses Geschäft ist, weil sie nie rest­los adäquat wird, man also nichts genau wis­sen kann! Die Selbst­wi­der­le­gung jedes Erkennt­nis­theo­re­ti­kers – daß er seine Behaup­tung immer sehr genau weiß – mag man bei einem PIA­GET, des­sen ein­zige Gründe die Will­kür sei­ner Defi­ni­tio­nen sind, fast blei­ben las­sen. Und den Ver­weis auf die Idio­tie einer Wis­sen­schaft, die aus sol­chen Deduk­tio­nen erfreut die uni­ver­selle Anwend­bar­keit und die Beto­nung der „akti­ven Rolle“ des Erken­nens bei PIA­GET her­aus­liest, ebenso.

II. Abtei­lung. Kinderpsychologie

Wir kön­nen uns jetzt bedeu­tend kür­zer fas­sen, da inzwi­schen klar sein müßte, daß außer den schon abge­han­del­ten „Struk­tur­be­stim­mun­gen“ in den gan­zen 25 000 Sei­ten des PIA­GET­schen Druck­werks nicht mehr vor­kommt als end­lose Rück­in­ter­pre­ta­tio­nen der ein­mal fest­ste­hen­den Abs­trak­tion in neue For­mu­lie­run­gen, die – weil sie schon der Maß­stab der Abs­trak­tion waren – genau den geläu­fi­gen Vor­stel­lun­gen von Psy­cho­lo­gen usw. ent­spre­chen. und ihnen des­halb sehr kon­kret und über den theo­re­ti­schen Appa­rat sehr abge­lei­tet erschei­nen. Für den Über­gang zur Kin­der­psy­cho­lo­gie hat sich PIA­GET (je nach Zweck des ent­spre­chen­den Buches oder dem in die­sem gerade anste­hen­den Pro­blem­kreis) übri­gens die Gründe zurecht­ge­legt, wie sie gerade paß­ten. Der Form hal­ber seien wenigs­tens drei unter­schied­li­che „Argu­mente“ angeführt:

Das 1. war der schon in der Auto­bio­gra­phie geäu­ßerte „Wunsch“ der Ver­ei­ni­gung von Bio­lo­gie und Erkennt­nis­theo­rie. Wie sich zeigte, braucht man dazu ledig­lich Phan­ta­sie, aber keine Kin­der. Aber immerhin.

Das 2. gibt sich enorm ideo­lo­gie­kri­tisch und wälzt das inter­es­sante Pro­blem, ob nicht beim Stu­dium mensch­li­cher Sub­jekte – wo man doch selbst eins ist! – Ver­zer­run­gen auf­tre­ten kön­nen. Deshalb:

„Sofern man den Ver­dacht haben kann. daß eine „Struk­tur“ (knirsch!) ..die einem Erwach­se­nen zuge­schrie­ben wird. eher dem Beob­ach­ter als dem Sub­jekt sei­ner Beob­ach­tung zukommt,“ (beschäf­tigt man sich kei­nes­wegs mit die­sem Ver­dacht bzw. ver­ge­wis­sert sich sei­ner Beob­ach­tung, son­dern:) .lie­fert die Unter­su­chung der ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­ta­dien einen objek­ti­ven Bezugs­rah­men, den man nur sehr schwer den Erfor­der­nis­sen einer sub­jek­ti­ven Theo­rie anpas­sen kann“ (II, 50)

Aus­ge­mach­ter Blöd­sinn, denn wenn man schon auf eine sub­jek­tive Theo­rie aus ist, wer­den einen Ein­bli­cke in Kind­heit und Jugend gerade daran hin­dern! Beweis:PIAGET. Das 3. bedient sich der ganz am Anfang zitier­ten Fra­ge­stel­lung der „gene­ti­schen Erkennt­nis­theo­rie“, bedau­ert, daß sich die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Geis­tes­tä­tig­keit nicht vom Nean­der­ta­ler aus rekon­stru­ie­ren läßt („lei­der wis­sen wir über die Psy­cho­lo­gie des Nean­der­ta­lers … nicht sehr viel“ – so ein Quatsch, der hat doch sich selbst trans­for­miert, indem er die Umwelt trans­for­miert hat!), und ver­fällt daher von der „Bio­ge­nem“ auf die „Ontogenese“

„Denn nichts könnte der Unter­su­chung leich­ter zugäng­lich sein ab die Onto­ge­nese von Begrif­fen.“ (Glau­ben wir gern!) „über­all sind Kin­der um uns,“ (ach ja!) „und die Ent­wick­lung der logi­schen Erkennt­nis, der mathe­ma­ti­schen Erkennt­nis, der phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis und so fort..( bis hin zu PIA­GET) „könn­ten wir nir­gendwo bes­ser stu­die­ren als an Kin­dern.“ (11, 21)

Bekannt­lich stu­diert sich die Ent­wick­lung einer Erkennt­nis nir­gendwo bes­ser als dort, wo sie noch gar nicht vor­han­den ist.!

a) Kin­der­psy­cho­lo­gie der Logik und Mathematik

PIA­GET sagt denn auch, sobald er sich „kon­kret“ den Kin­dern zuwen­det, was er schon immer gesagt hat, Der Anschau­lich­keit hal­ber führt er dazu die Kate­go­rie des „Bedürf­nis­ses“ ein, die sich aber von selbst wie­der herauskürzt:

“ Ein Bedürf­nis (ist) alle­mal die Äuße­rung eines Ungleich­ge­wichts, Ein Bedürf­nis ent­steht, wenn irgend­et­was außer­halb von uns oder in uns .. sich geän­dert hat und es darum geht. du Ver­hal­ten auf die­sen Wech­sel abzu­stim­men.“ (111, 166)

Dann stimmt es sich ab, und das Gleich­ge­wicht ist wie­der da. Das ist näm­lich wie behn Erken­nen (siehe oben) und über­haupt, Du Sub­jekt paßt immer dann zur Welt, wenn die Welt zu ihm paßt – und wenn sich in oder außer­halb von uns etwas ver­än­dert (tran­for­miert), dann müs­sen wir die „Umwelt“ so trans­for­mie­ren, daß wir uns eg trans­for­mie­ren kön­nen, daß sich wie­der ein Gleich­ge­wicht her­stellt. Das folgt ja logisch aus den Geset­zen “ einer Struk­tur“. Daß ein Bedürf­nis – wenn davon schon die Rede nein soll einen bestimm­ten Grund und Zweck hat, wes­halb ihm die Frage, wer oder was da jetzt ver­än­dert wer­den muß, kei­nes­wegs so gleich­gül­tig ist wie PIA­GET, der immer nur in dem Abs­trak­ti­ons­paar Veränderung/​Gleich­ge­wicht her­um­pen­delt und sich bei jedem von bei­den nur dafür inter­es­siert, daß das jeweils andere wie­der ein­tritt, irri­tiert FIA­GET kei­nes­wegs. Er hat sich in den „Gedan­ken“ ver­bis­sen, daß das Ver­hält­nis von Indi­vi­duum und Umwelt eben ein Ver­hält­nis ist und sonst nichts. Daß schon Klein­kin­der (obzwar kin­disch) ziem­lich ein­sei­tig sind und damit immer­hin kund­tun, daß sie Sub­jekte sein wol­len, kommt ihm nicht in den Kopf. Daran erkennt man immer­hin die Leis­tung sei­ner struk­tu­ra­lis­ti­schen Begriffs­bil­dun­gen, sobald damit auf die Rea­li­tät los­ge­gan­gen wird: Das zunächst recht harm­los schei­nende Bild eines struk­tu­rel­len Regel­krei­ses zwi­schen Sub­jekt und Objekt bewirkt näm­lich nur eines – die Aus­lö­schung der Dif­fe­renz bei­der. In der Sub­sum­tion der sub­jek­ti­ven Leis­tun­gen unter natur­ge­setz­li­che Funk­tio­nen fällt eben das Sub­jek­tive am Sub­jekt weg, das Zweck­mä­ßige am Zweck usf. Mit einem Wort: Das Ver­hält­nis der Indi­vi­duen zur Welt besteht darin, daß sie sich letz­tere unter­wer­fen, aber nicht in einer wech­sel­sei­ti­gen Anpassung!

Wenn PIA­GET sei­nen Spar­ren noch­mals umfor­mu­liert, die schon durch­ge­kaute Trans­for­ma­tion der Umwelt für das Sub­jekt nun „Assi­mi­la­ti­on­die die neuen For­meln nahe­le­gen. Wie soll ein Struk­tu­ra­list denn ein Theo­re­ti­ker der Unter­wer­fung sein (so über­setzt sich ein PIAGET-​Kritiker näm­lich Sachen wie „Akkom­mo­da­tion“ oder „Anpas­sung“)? Der Mann ist doch viel ver­rück­ter! Diese Begriffe sind so belie­big asso­zia­ti­ons­fä­hig, daß sich natür­lich vorn Mur­mel­spiel des Klein­kinds über die schu­li­sche Erzie­hung bis zur Revo­lu­tion aber auch alles damit inter­pre­tie­ren läßt.

Seine „Erkennt­nisse“ über die logi­sche, mathe­ma­ti­sche und phy­si­ka­li­sche Ent­wick­lung des Kin­des sind ent­spre­chend. So beob­ach­tet er die kind­li­che Ent­de­ckung des Kom­mu­ta­ti­vi­täts­ge­set­zes (die Summe ist unab­hän­gig von der Anord­nung der Ele­mente) in der Mathematik:

„Die Kie­sel­steine lie­gen es zu. de in ver­schie­de­nen Wei­nen anzu­ord­nen… Aber die Ord­nung war nicht in den Kie­sel­stei­nen begrün­det; sie wurde von ihm her­ge­stellt, er, das Sub­jekt, legte die Kie­sel in eine Zeile und dann in einen Kreis. Dar­über hin­aus steckte die Summe nicht in den Kie­sel­stei­nen selbst, er, das Sub­jekt, ver­ei­nigte sie.“ II (1,25)

In sou­ve­rä­ner Miß­ach­tung der Tat­sa­che, daß Quan­ti­tä­ten zwar keine qua­li­ta­ti­ven Eigen­schaf­ten von Kie­sel­stei­nen sind (also auch nicht in ihnen „ste­cken“), aber immer­hin zu ihnen gehö­ren ( ein Kie­sel­stein ist halt nicht zwei Kie­sel­steine), phan­ta­siert PIA­GET sich hier die quan­ti­ta­ti­ven Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Dinge als Leis­tung des Sub­jekts zusammen.

Und gerade, indem er an die­ser abso­lut unpas­sen­den Stelle „ihn, das Sub­jekt“ drei­mal beschwört, beweist er sein Des­in­ter­esse sowohl an der Mathe­ma­tik als am Sub­jekt: Kin­der, die aus der zufäl­li­gen Auf­fin­dung der Kom­mu­ta­ti­vi­tät den kurio­sen Schluß zie­hen, sie hät­ten sie „her­ge­stellt“, bewei­sen damit eben, daß sie von Mathe­ma­tik eben­so­we­nig ver­ste­hen wie PIA­GET also zwar Sub­jekte sind, aber sich nicht als sol­che auf­füh­ren. Hier herrscht dann wirk­lich das berühmte „Gleich­ge­wicht“ – wür­den sich Brü­cken­bauer nach der Logik von PIA­GET ver­hal­ten, hät­ten sie eben­so­viel Gewalt über ihre Kon­struk­tio­nen wie umge­kehrt, mit abseh­ba­rem Resultat.

Das Kom­ple­ment der erfa­bel­ten „Adäquat­heit“ kind­li­cher Natur­wis­sen­schaft ist eine ebenso erfa­belte Inad­äquat­heit, zu der PIA­GET gleich – wie oben – mit beiträgt:

„‚Warum rollt sie?‘ fragt bei­spiels­weise ein 6jähriger die Pen­ort, die sich mit ihm beschäf­tigt; dabei zeigt er auf eine Kugel, die sich auf einer leicht abuch­üs­si­gen Ter­rasse auf diese unten sit­zende Per­son zube­wegt. Man ant­wor­tet: ‚Weil es hier­her abwärts geht‘, was eine bloß kau­sale Ant­wort ist,“ (eine sin­nige Ein­wen­dung) „aber das Kind, von die­ser Erklä­rung nicht befrie­digt‘,‘ (fragt nun nach den Geset­zen des Han­gab­triebs, oder was?) ‚.kommt mit einer zwei­ten Frage, ‚Weiß sie, daß du hier her­un­ten bist?‘ … Die mecha­ni­sche Erklä­rung (hat) das Kind nicht zufrie­den­ge­stellt, wei­tes sich die Bewe­gung not­wen­di­ger­weise (?) ziel­ge­rich­tet und infol­ge­des­sen (??) irgend­wie beab­sich­tigt vor­stellt.- was es wis­sen Wolke. waren also sowohl Zweck 1) als auch Ursa­che (?) der Bewegung.“

Also nur weil PIA­GET Meta­phy­si­ker ist und etwas gegen „bloß kau­sale“ Ant­wor­ten hat, braucht er 6jährige nicht gleich für genauso dumm ver­kau­fen. Da das Kind offen­sicht­lich von der Mecha­nik noch nichts ver­steht sich auch gar nicht dafür inter­es­siert -, kann es kaum ein so ver­rück­ter “ Phy­si­ker“ sein wie PIA­GET, der den Grund einer Abwärts­be­we­gung und den Zweck, den jemand mög­li­cher­weise mit dem Kugel­sto­ßen ver­folgt hat (dar­über erfährt man schon gar nichts, viel­leicht ist das Ding von selbst los­ge­rollt), nicht aus­ein­an­der­hal­ten kann. Was bekommt PIA­GET mit sol­chen Fall­bei­spie­len nun eigent­lich über die Ent­wick­lung logi­scher und mathe­ma­ti­scher Fähig­kei­ten beim Kind heraus?

  1. abstra­hiert er von der Erzie­hung, die statt­fin­det, und erklärt sich deren Resul­tate (wieso fragt wohl ein 6jähriger danach, ob eine Kugel etwas wefl3“?) als durch­aus natür­li­che und berecK­tigte „Entwicklungsstadien“.
  2. gilt ihm jedes Bei­spiel, das die man­gelnde Kennt­nis der Kin­der zeigt, als Beleg für das Gegen­teil: ihren bemer­kens­wer­ten Erkenntnisfortschritt. ‚
  3. gelingt ihm dies, indem er sich für die Inhalte die­ser „Erkennt­nisse“ nicht inter­es­siert, son­dern jede Ver­än­de­rung gleich als sol­che, d.h. im Ver­hält­nis zur vori­gen „Erkennt­nis“ begrüßt. Dabei wen­det er eigene Erfin­dun­gen über Logik und Mathe­ma­tik an, weil er sonst ja auch wirk­lich nicht wüßte, wo sich da jetzt was ver­än­dert hat.
  4. resul­tiert somit das Ganze wie­der im Aus­gangs­punkt: Nicht ob über seine Kennt­nisse sich das Kind als Sub­jekt ent­wi­ckelt, also das Zeug beherr­schen kann, womit es umgeht, inter­es­siert ihn; son­dern die jewei­li­gen Subjekt-​Objekt-​Beziehungen wer­den als sich trans­for­mie­rende und neu sich wie­der her­stel­lende beurteilt.
  5. kann inso­fern von Kin­der­psy­cho­lo­gie nur sehr unei­gent­lich die Rede sein, denn dar­über erfährt man wirk­lich nichts Neues (damit sich nie­mand täuscht: sol­che Sachen wie „Objekt­per­ma­nenz“ oder „lnva­ri­anz­struk­tu­ren“ sind mit den zwei vor­ge­stell­ten Bei­spie­len auch erle­digt – bei­de­mal hält PIA­GET die kin­di­sche Art, sich Eigen­schaf­ten von Gegen­stän­den als eigene Leis­tung zu erklä­ren, für so bedeut­sam, daß er sich jeden Bei­trags zur Besei­ti­gung sol­cher Feh­ler ent­hält –schon weil er es selbst nicht kann). PIA­GETs Neu­heit ist nur, daß er der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie und deren Ein­bil­dun­gen über not­wen­dige Erkennt­nis­vor­aus­set­zun­gen in bestimm­ten Altern (auch dort taucht der Inhalt des Gelern­ten oder zu Ler­nen­den nicht auf) mit sei­nen sich immer bestä­ti­gen­den „Struk­tur­ge­set­zen“ Recht gibt, ohne über­haupt Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie zu betrei­ben. Statt Psy­cho­loge, ist PIA­GET ein sie legi­ti­mie­ren­der Metho­do­loge der Psy­cho­lo­gie, der jedes ihrer Urteile bekräf­tigt, ohne auch nur eines zur Kennt­nis zu nehmen.

b) Kin­der­psy­cho­lo­gie der Moral

Hier ist die ganze Ent­wick­lung (immer­hin fast 500 Sei­ten über die in der Umge­bung von Genf gel­ten­den Spiel­re­geln beim Schus­sern mit immer den­sel­ben Befra­gun­gen von Kin­dern!) ein so direk­ter Nie­der­schlag des fixen Drei­ge­stirns Akkom­mo­da­tion – Assi­mi­la­tion – Anpas­sung (Gleich­ge­wicht), daß ein Über­blick genügt, Zunächst ver­wan­delt PIA­GET gleich das Pro­blem der mora­li­schen Ent­wick­lung – das doch irgend­wie etwas damit zu tun hat, was man darf oder nicht darf – wie­der in eine rein for­melle Ange­le­gen­heit, also in eine Frage von Struk­tu­ren, in einen Fall von Regeln,

„Es ist in der Tat auf­fal­lend, wie rasch die beson­dere Tätig­kei­ten des Kin­des sche­ma­ti­siert wer­den und sogar zum Ritus wer­den.“ (IV, 26)

Auf­fal­lend ist hier nur, daß PIA­GET Mora­li­sche Regeln nicht von irgend­wel­chen ande­ren Regeln oder gar blo­ßen Regel­mä­ßig­kei­ten unter­schei­den kann. Kon­se­quent ent­deckt er in „moto­ri­schen Regeln“ den Ursprung mora­li­scher Regeln, wenn er sie auch nicht dazu­rech­net. Diese begin­nen, wie die Erkennt­nis, aber auch dort, wo es sie noch nicht gibt. Das L Sta­dium der „mora­li­schen Ent­wick­lung“ soll näm­lich ein „Ego­zen­trisrnus“ rein:

„Indern das Kind so das, was es beob­ach­tet, nach­macht und ehr­lich(?) der Mei­nung ist, wie alle ande­ren zu spie­len. denkt es jedoch(!) zuerst nur(1) daran, seine neuen Kennt­nisse für sich allein zu ver­wen­den“ (IV, 33)

Pfui! Aber die Moral ist hier bes­ten­falls auf sei­ten von PIA­GET zu ent­de­cken– Was hat das vom Kind noch mäßig in Angriff genom­mene Mur­mel­spiel damit zu tun? Daß die­ses Sta­dium über­haupt in die mora­li­sche „Ent­wick­lung“ fällt, ver­dankt sich nur der Tat­sa­che, daß es eine neue kon­krete Ver­klei­dung der „Assi­mi­la­tion“ dar­stellt, die nach den „Regeln“ des Struk­tu­ra­lis­mus nun ein­mal der „Akko­mo­da­tion“ vor­her­ge­hen muß, damit diese dann als Reak­tion nach­fol­gen kann. Macht sie auch und heißt jetzt 11. Sta­dium oder „mora­li­scher Realismus“:

„Wir wer­den als Mora­li­schen Rea­lis­mus die Nei­gung des Kin­des bezeich­nen, die Pflich­ten und die sich auf sie bezie­hen­den Werte als für sich unab­hänge vorn Bewußt­sein exis­tie­rend(?) und sich gleich­sam obli­ga­to­risch auf­zwin­gend. zu betrach­ten, wel­ches auch immer die Umstände sein mögen.“ (IV, 121)

Das geht zwar nicht ohne elter­li­chen Zwang, des­sen starke Hand auch dann noch droht, wenn der Vater gerade nicht da ist; PIA­GET bestrei­tet das auch nicht, aber er möchte die Gesetz­mä­ßig­keit der Sache betont haben, wes­halb der blanke Gehor­sam, zu dem Moral nicht unbe­dingt gehört, 1. ein wich­ti­gen Durch­gangs­sta­dium ah Dämp­fer das Ego­zen­tris­mus, 2. natür­lich sei­ner­seits die Vor­be­rei­tung des Fol­gen­den ist. Die „kate­go­ri­sche Ver­pflich­tung“ muß vom Kind nun wie­der assi­mi­liert wer­den (wie vor­her der Ego­zen­tris­mus akko­mo­diert wurde) – und dar­aus ergibt sich das III. Sta­dium näm­lich das der „Zusam­men­ar­beit“ und „Gegenseitigkeit“:

„Indern das Kind die Regeln ver­än­dert, d.h. Indem es selbst Gesetz­ge­ber und höchste Aiguritift,ta die­ser Demo­kra­tie wird“ (der Demo­kra­tie des Mur­mel­spiels!) „die auf die vor­an­ge­gan­gene Geron­to­kra­tie folgt, wird sich das Kind der Daseins­be­rech­ti­gung der Gesetze bewußt. Die Regel wird Ihm zur not­wen­di­gen Bedin­gung der Ver­stän­di­gung.“ (IV, 73 f)

Wie­derum, ohne sich über den Inhalt mora­li­scher „Regeln“ zu ver­brei­ten“ hat PIA­GET sein Ziel erreicht: Aus der rei­nen Logik „einer Struk­tur“ ersteht nun der mora­li­sche Gleich­ge­wichts­zu­stand – die Staatsverfassung.

Respek­ta­bel, wozu ein bereits 1925 ent­stan­de­ner „Wunsch“ noch intel­lek­tu­el­ler Befrie­di­gung im Laufe der Zeit alles taugt!

Nach­weis der Zitate:

I) Ein­füh­rung in die gene­ti­sche Erkenntnistheorie

II) Erkennt­nis­theo­rie der Wis­sen­schaf­ten vom Menschen

III) Theo­rie und Metho­den der moder­nen Erziehung

IV) Das mora­li­sche Urteil beim Kinde.