Der Mensch in der Psychologie

Ein total Ver­rück­ter, stets bemüht, sich in den Griff zu kriegen

Quelle: www​.sozia​lis​ti​sche​gruppe​.de

Die Welt ist vol­ler Men­schen. Du bist einer, ich schon wie­der, sogar der Bun­des­kanz­ler. Aber worum han­delt es sich da bei uns? Wer ist der Mensch in uns allen? Das sind so Fra­gen. Die rufen nach Auf­klä­rung, und die Wis­sen­schaft hält, was sie ver­spricht: Den Men­schen kennt sie ganz genau, und zwar je nach Fach anders. Diesmal:

Der Mensch in der Psychologie

Ein total Ver­rück­ter, stets bemüht, sich in den Griff zu kriegen

Psy­cho­lo­gen stel­len Fra­gen wie: “Warum machen Men­schen Kriege?”, “Warum ren­nen sie dem Geld hin­ter­her und wer­den dabei doch nicht glück­lich?”, “Warum ver­zwei­feln sie an ihren Lieb­schaf­ten?” etc. So unter­schied­lich und gegen­sätz­lich die sozia­len Cha­rak­tere sind, die einem im wirk­li­chen Leben ent­ge­gen­tre­ten – Pro­fes­sor und Haus­frau, Unter­neh­mer und Arbei­ter, Poli­ti­ker und Wahl­volk – Psy­cho­lo­gen sehen alle­mal und grund­sätz­lich ein und das­selbe Sub­jekt, “den Men­schen”, am Werk. Es mag sein, was es will – ein Fuß­ball­spiel oder eine Staats­af­färe, ein Urlaubs­flirt oder ein Ereig­nis aus dem Berufs­le­ben. Auf jeden Fall steht für Psy­cho­lo­gen schon mal vorab fest, dass da Men­schen ihrer Selbst­ver­wirk­li­chung nach­ge­hen. Der Mensch in der Psy­cho­lo­gie ist ein Held der Frei­heit: Er bewegt sich in einer Welt, die sein Pro­dukt ist; aber zu sei­ner Zufrie­den­heit fällt sie dann doch nicht aus. Die Frage, woran das liegt, ist mit der Wahl des Sub­jekts schon beant­wor­tet: Der Mensch ist halt so, dass er in sei­nem Selbst­ver­wirk­li­chungs­drang nicht zu knapp Sachen unter­nimmt, die ihm nicht gut tun. Statt zu erklä­ren, was sie da jeweils vor sich haben, machen Psy­cho­lo­gen einen tau­to­lo­gi­schen Rück­schluss auf das Innen­le­ben des Men­schen. Ihr Frei­heits­held bekommt auf diese Weise die merk­wür­digs­ten Nei­gun­gen zuge­spro­chen: Warum machen Men­schen z. B. Kriege? Weil sie die Nei­gung dazu haben; Aggres­sion heißt die­ses Ding. Psy­cho­lo­gen hal­ten Kriege für erklä­rungs­be­dürf­tig; sie den­ken aber gar nicht am Krieg wei­ter – Ver­hält­nis zwi­schen Staa­ten; deren Inter­esse ver­letzt; wie ist die­ses Inter­esse beschaf­fen, dass Krieg Mit­tel sei­ner Durch­set­zung? usf. -, son­dern belas­sen ihn so unbe­grif­fen wie er daher­kommt, legen ihn in die Men­schen­seele, und dort soll sich nie­mand mehr über ihn wun­dern. Die Til­gung der Objek­ti­vi­tät hal­ten sie für deren Erklä­rung! Das psy­cho­lo­gi­sche Erklä­rungs­be­dürf­nis gibt sich zufrie­den damit, dass ihm der abso­lute Wider­spruch ange­bo­ten wird: Der Mensch ist eben so, dass er grund­los – und des­we­gen auch gleich­gül­tig, ob im Krieg oder in einer Wirts­haus­schlä­ge­rei – sich und sei­nes­glei­chen Schwie­rig­kei­ten macht. Aber nicht nur das, son­dern auch das Gegen­teil: Der Mensch, psy­cho­lo­gisch betrach­tet, hat näm­lich auch noch einen Lie­bes­trieb, wel­cher auch weni­ger mit dem bekann­ten zar­ten Gefühl zu tun hat als viel­mehr mit einem dicken “Plus”, das sich dann auf irgend­wen oder irgend­was rich­tet: Psy­cho­lo­gen leuch­tet es ein, dass einer ein Auto kauft, weil er eigent­lich mit sei­ner Mut­ter vögeln will. Beweis: Er kauft das Auto! Sol­che Aus­ge­bur­ten psy­cho­lo­gi­scher Phan­ta­sie bele­gen, dass Psy­cho­lo­gen gerne bereit sind, den Preis zu ent­rich­ten dafür, alles mensch­lich ver­ständ­lich fin­den zu wol­len. Sie brau­chen sich des­we­gen über nichts mehr in der Welt zu wun­dern, weil sie sich dazu ent­schlos­sen haben, sich das Befremd­lichste und Ver­rück­teste als das den Men­schen Bewe­gende ein­leuch­ten zu las­sen. Die­ser Ent­schluss ist unwi­der­leg­bar. Wer meint, darin einen Ein­wand zu haben, dass er bei sich solch merk­wür­dige Nei­gun­gen noch nicht ver­spürt hat, dem kom­men Psy­cho­lo­gen offen­siv: typi­scher Fall von Ver­drän­gung! Gegen das, was mit Wil­len und Bewusst­sein begabte Men­schen als ihre jewei­li­gen Beweg­gründe wis­sen, behaup­ten die Psy­cho­lo­gen eine Welt dahin­ter lie­gen­der Motive als das Bestim­mende: Was den Men­schen zur Tat schrei­ten lässt, soll gerade nicht das sein, was er will, son­dern ein (An-)Trieb, dem der Wille als blo­ßes Aus­füh­rungs­or­gan gehor­chen muss; und wer davon noch nichts gemerkt hat, der beweist nur die Macht des Unbe­wuss­ten. Diese Wil­lens­me­ta­phy­sik ist her­me­tisch: Sie behaup­tet, dass der Witz am Wil­len in sei­ner Leug­nung besteht. Er soll durch irra­tio­nale Antriebe deter­mi­niert, also außer Kraft gesetzt sein. Dann gibt es ihn aber nicht. Es muss ihn aber geben, weil sonst nicht er deter­mi­niert wer­den könnte. Gibt es ihn aber, ist mit Deter­mi­na­tion nichts. Also zurück: Deter­mi­na­tion, aber eine, die im Ver­bor­ge­nen wirkt, so dass der Wille nicht merkt, dass er außer Kraft gesetzt wird. Sach­lich ist es völ­lig wurscht, ob man sagt: In der Seele wir­ken Kräfte, die stets ver­bor­gen blei­ben, oder ob man das lässt. Aber fürs Men­schen­bild ist die­ser Unter­schied enorm bedeut­sam. Jetzt steht er da, der Mensch in der Psy­cho­lo­gie: als selbst­be­wuss­ter Herr der Welt – aber lei­der hat er sich selbst nicht im Griff. Die Welt – in Ord­nung! Der Mensch ist das Pro­blem: Er ist beherrscht vom Irra­tio­na­lis­mus meta­phy­si­scher See­len­kräfte. Für wen ist das eigent­lich ein Pro­blem? Für den Men­schen, behaup­ten Psy­cho­lo­gen. Und wenn der es schon nicht sel­ber mer­ken kann, so wenigs­tens sie. Gründe für “Frust” und “Stress” und “Leid” ken­nen sie mehr als sonst jemand, und alle­mal ist damit alles Objek­tive, das Anlass zur Kri­tik geben könnte, der Dia­gnose eines miss­lun­ge­nen Selbst­ver­hält­nis­ses des Men­schen zu sich unter­ge­ord­net: Er lei­det an sich und exis­tiert damit dop­pelt. Ein­mal als der miss­ra­tene Voll­ver­rückte und dann noch als der­je­nige, dem das nicht passt, und der des­we­gen von dem Drang beseelt ist, sich in den Griff zu krie­gen. Damit spre­chen die Psy­cho­lo­gen ihrem Men­schen den Wil­len und die Fähig­keit zu sich ratio­nal zu ver­hal­ten zu sich näm­lich. Dann könnte er das Spin­nen aber auch gleich las­sen. Er soll aber bei­des! Der­selbe Mensch, der vom Mecha­nis­mus sei­ner See­len­kräfte gebeu­telt wird, macht sich also an die Auf­gabe, sich zum Herrn über die­sen Mecha­nis­mus auf­zu­schwin­gen: Da baut sich in mir ein Druck auf, der braucht ein Ven­til – sprach der Dampf­kes­sel zu sich. Nach die­ser Logik kriegt der Mensch alle Hände voll zu tun: Er ver­drängt, pro­ji­ziert, kom­pen­siert, und je mehr er das, viel­leicht auch unter psy­cho­lo­gi­scher Anlei­tung, mit Wil­len und Bewusst­sein voll­zieht – also die Resul­tate von Pro­jek­tion, Ver­drän­gung usw. auch wie­der ver­ar­bei­tet usf. -, desto umfang­rei­cher wird sein See­len­haus­halt, der bewäl­tigt sein will, und desto ähn­li­cher wird er dem Men­schen in der Psy­cho­lo­gie. Leu­ten, die sich sel­ber als der­ar­tige Pro­blem­bün­del betrach­ten, steht die Psy­cho­lo­gie – dabei – hilf­reich zur Seite: Sie exer­ziert an ihnen ihr Men­schen­bild durch.