Zitate zu: „Sozio­lo­gie – Die Abs­trak­tion „Gesellschaft““

Prof. Dr. Egbert Doze­kal, Frank­furt am Main, 30.10.2014

Kri­tik der Sozio­lo­gie: Die Abs­trak­tion „Gesellschaft“

1. Vom Ver­lan­gen nach Wis­sen über die Gesell­schaft, das eine Sozio­lo­gie befrie­di­gen will

a) „Sozio­lo­gi­sche Phan­ta­sie“: „Dahin­ter bli­cken“ und

„das Gesell­schaft­li­che“ als eine „Rea­li­tät sui gene­ris“ entdecken

Die Sozio­lo­gie behan­delt „kein Objekt, das nicht schon in einer der beste­hen­den Wis­sen­schaf­ten behan­delt würde”; sie zeigt „nur einen neuen Weg für alle diese” auf, „eine Methode der Wis­sen­schaft, die gerade wegen ihrer Anwend­bar­keit auf die Gesamt­heit der Pro­bleme nicht eine Wis­sen­schaft mit eig­nem Inhalt ist.” (Simmel:

Grund­fra­gen der Sozio­lo­gie (1917), Ber­lin 1970, S. 17

f.)

„Die Ein­sicht: der Mensch sei in sei­nem gan­zen Wesen und allen Äuße­run­gen dadurch bestimmt, dass er in Wech­sel­wir­kung mit ande­ren Men­schen lebt –muss aller­dings zu einer neuen Betrach­tungs­weise in allen soge­nann­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten füh­ren.“ (Sim­mel, S. 16)

„Wenn näm­lich alle mög­li­chen Tat­säch­lich­kei­ten des Lebens dar­auf­hin betrach­tet wer­den, dass sie sich inner­halb einer gesell­schaft­li­chen Gruppe und durch sie voll­zie­hen, so muss es Gemein­sam­kei­ten ihres Voll­zu­ges geben …, Cha­rak­ter­züge, die dar­auf­hin und nur dar­auf­hin her­vor­tre­ten, dass sich das gesell­schaft­li­che Leben

als Ursprung oder Sub­jekt jener Ereig­nisse zeigt.” (Sim­mel, S. 24)

„Aber diese gesell­schaft­li­che For­mung sol­cher Inhalte muss doch auch für sich in einer arbeits­tei­li­gen Wis­sen­schaft erforsch­bar sein… Kann man sagen, Gesell­schaft sei Wech­sel­wir­kung unter Indi­vi­duen, so wäre: die For­men die­ser Wech­sel­wir­kung zu beschrei­ben, Auf­gabe der Gesell­schafts­wis­sen­schaft im engs­ten und eigent­lichs­ten Sinne der ‚Gesell­schaft’. … For­men …, die aus der blo­ßen Summe leben­der Men­schen Gesell­schaft und Gesell­schaf­ten machen.” (Sim­mel., S. 27)

b) „Men­schen machen Gesell­schaft – und Gesell­schaft macht Men­schen“: Die Sozio­lo­gie schma­rotzt von einer Eigen­tüm­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus, die sie zu einer Naturei­gen­schaft von Gesell­schaft erklärt Die Indi­vi­duen müs­sen sich ihren eige­nen gesell­schaft­li­chen Lebens­ver­hält­nis­sen „jeder­zeit anpas­sen”, diese sind zwar „nur durch Men­schen ver­wirk­licht“, „ein Erzeug­nis mensch­li­cher Tätig­keit” , „der Ein­zelne“ fin­det sie fer­tig vor“ und muss „ihnen Rech­nung tra­gen”, sie haben für ihn den Cha­rak­ter von „Din­gen”, „die eine Rea­li­tät außer­halb der Indi­vi­duen besit­zen”, „füh­ren eine Eigen­e­xis­tenz.” (Durk­heim, Emile: Erzie­hung, Moral und Gesell­schaft, Neu­wied 1973, S. 99 u. 117) „Soziale Tat­sa­chen sind rela­tive bestän­dige Eigen­schaf­ten der sozia­len Rea­li­tät, die den Hand­lun­gen der Indi­vi­duen einen Rah­men set­zen und sie prä­gen. Sie sind Ei– gen­schaf­ten des sozia­len Lebens und daher nicht in den iso­lier­ten Indi­vi­duen loka­li­sier­bar; viel­mehr erschei­nen sie als die­sen äußer­lich, obgleich die Indi­vi­duen an ihnen teil­ha­ben (Durk­heim 1895). Ein gutes Bei­spiel für eine soziale Tat­sa­che ist die Wirt­schaft. Sie ist von kei­ner Ein­zel­per­son kon­zi­piert und geschaf­fen wor­den und wird von kei­ner Ein­zel­per­son oder Gruppe beherrscht.

Gleich­wohl kann sie von Ein­zel­per­so­nen – durch die Ein­füh­rung neuer Pro­dukte oder die Bil­dung neuer Orga­ni­sa­tio­nen und die Kon­zep­tion neuer Pro­duk­ti­ons­stra­te­gien – ver­än­dert wer­den. Man­che Per­so­nen (Ent­schei­dungs­trä­ger in Regie­run­gen, Lei­ter gro­ßer Unter­neh­men) haben einen enor­men Ein­fluss auf wirt­schaft­li­che Trends; andere (z.B. die Obdach­lo­sen) leben am Rand der Gesell­schaft, sind ‚mar­gi­na­li­siert‘. Doch wir alle spie­len in der Wirt­schaft bis zu einem gewis­sen Aus­maß eine Rolle. Ja, sie exis­tiert nur als Resul­tat der Ent­schei­dun­gen und Hand­lun­gen vie­ler inter­agie­ren­der Indi­vi­duen und Grup­pen. Und der Zustand der Wirt­schaft – ob Boom oder Rezes­sion – beein­flusst wie­derum die Indi­vi­duen in Form hoher und nied­ri­ger Zin­sen, Ent­las­sun­gen usw.“ (Joas, Hans (Hrsg.): Lehr­buch der Sozio­lo­gie, Frank­furt am Main und New York 2003, S. 25)

Den Sub­jek­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise erscheint ihr gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis „als ein außer ihnen exis­tie­ren­des gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis von Gegen­stän­den”, es nimmt „die phan­tas­ma­go­ri­sche Form eines Ver­hält­nis­ses von Din­gen annimmt.“ (Marx, Karl: Das Kapi­tal Bd. 1, MEW 23, Ber­lin 1972, S. 86) „Ihre eigene gesell­schaft­li­che Bewe­gung besitzt für sie die Form einer Bewe­gung von Sachen, unter deren Kon­trolle sie ste­hen, statt sie zu kontrollieren.“(Marx, S. 89)

c) Die Leis­tung „sozio­lo­gi­scher Auf (=Ver)klärung“:

Ver­söh­nung des Gegen­sat­zes von Indi­vi­duum und Gesell­schaft, Iden­ti­tät und Unter­wer­fung „Aller­dings erhe­ben wir den Zwang zum Kri­te­rium jedes sozio­lo­gi­schen Tat­be­stan­des” (Durk­heim, Emile: Die Regeln der sozio­lo­gi­schen Methode (1895), Frank­furt am Main 1984, S. 202)

Die „unglaub­li­che Tat­sa­che“, „dass die meis­ten Men­schen die meis­ten äuße­ren Kon­trol­len meis­tens ganz in Ord­nung fin­den. Die Gesell­schaft kon­trol­liert nicht nur unse­ren Bewe­gungs­raum, sie formt auch unsere Iden­ti­tät. … Unser Bund mit ihr beruht nicht so sehr auf gegen­sei­ti­ger Erobe­rung, son­dern auf heim­li­chem Ein­ver­ständ­nis. Manch­mal zwingt sie uns auch zu völ­li­ger Unter­wer­fung. Aber viel öfter gehen wir in die Falle unse­rer eige­nen von Grund auf sozia­len Natur.“ (Berger,

Peter L.: Ein­la­dung zur Sozio­lo­gie, Mün­chen 1977, S.

133 f)

„It is the busi­ness of socio­logy to inves­ti­gate the con­nec­tions bet­ween what society makes of us and what we make of our­sel­ves. Our activi­ties both struc­ture – give shape to – the social world around us and at the same time are struc­tu­red by the social world.” (Gid­dens, Anthony: Socio­logy, 4. Aufl., Oxford 2004, S. 5)

2. Von den Ent­de­ckun­gen des „sozio­lo­gi­schen Blicks“ auf das „Funk­tio­nie­ren“ von

Gesell­schaft

a) „Sys­tem“: eine logi­sche Kate­go­rie als Erfolgs­Mo­dell von Gesellschaft

„Wir defi­nie­ren Gesell­schaft als den Typus eines sozia­len Sys­tems, des­sen Kenn­zei­chen ein Höchst­maß an Selbst­ge­nüg­sam­keit im Ver­hält­nis zu sei­ner Umwelt, ein­schließ­lich ande­rer sozia­ler Sys­teme, ist.” (Parsons,

Tal­cott: Das Sys­tem moder­ner Gesell­schaf­ten, Mün­chen 1972, S. 16)

„Als all­ge­mei­nes Merk­mal von Sys­te­men wird dabei zunächst ange­se­hen, dass es sich um einen Zusam­men­hang mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Teile han­delt.“ (Berns­dorf, Wer­ner (Hrsg.):Wörterbuch der Sozio­lo­gie, Bd. 3, Frank­furt am Main 1976, S. 758)

„Das ent­schei­dende Defi­ni­ti­ons­kri­te­rium des Sys­tems” ist, „dass es ein Gan­zes ist, das … seine Iden­ti­tät bewahrt. Damit wird die Sys­te­mer­hal­tung (Bestands­er­hal­tung, Selbst­er­hal­tung) zum zen­tra­len Pro­blem” (Parsons,

S. 10)

„Das vor­ran­gige Inte­gra­ti­ons­pro­blem eines Hand­lungs­sys­tems ist die Koor­di­na­tion sei­ner Teil­ein­hei­ten, in ers­ter Linie also mensch­li­cher Indi­vi­duen… Daher schrei­ben wir dem sozia­len Sys­tem haupt­säch­lich Inte­gra­ti­ons­funk­tion zu.” (Par­sons, S. 12)

„Mit Gesell­schaft im prä­gnan­ten Sinn meint man eine Art Gefüge zwi­schen Men­schen, in dem alles und alle von allen abhän­gen; in dem das Ganze sich erhält nur durch die Ein­heit der von sämt­li­chen Mit­glie­dern erfüll­ten Funk­tio­nen, und in dem jedem Ein­zel­nen grund­sätz­lich eine sol­che Funk­tion zufällt, wäh­rend zugleich jeder Ein­zelne durch seine Zuge­hö­rig­keit zu dem tota­len Gefüge in wei­tem Maße bestimmt wird. Der Begriff der Gesell­schaft wird ein Funk­ti­ons­be­griff, sobald er mehr die Ver­hält­nisse zwi­schen sei­nen Ele­men­ten und die Gesetz­mä­ßig­kei­ten sol­cher Ver­hält­nisse bezeich­net als die Ele­mente… Sozio­lo­gie wäre vorab die Wis­sen­schaft von den gesell­schaft­li­chen Funk­tio­nen, ihrer Ein­heit, ihrer Gesetz­mä­ßig­keit.“ (Adorno, Theo­dor W., Hork­hei­mer, Max: Sozio­lo­gi­sche Exkurse, Frank­furt am Main 1974, S. 22 f)

„Häu­fig sind Eigen­schaf­ten der Sozi­al­struk­tur und der sozia­len Orga­ni­sa­tion funk­tio­nal mit­ein­an­der ver­knüpft. Was in einem Teil der Gesell­schaft geschieht, beein­flusst, was in ande­ren Tei­len geschieht, und wird wie­derum selbst davon beein­flusst… Einige frühe Sozio­lo­gen erklär­ten diese funk­tio­na­len Ver­knüp­fun­gen oft mit­tels einer bio­lo­gi­schen Ana­lo­gie. Sie ver­gli­chen die Gesell­schaft mit einem Orga­nis­mus wie dem mensch­li­chen Kör­per, in dem Herz, Lunge, Leber, Gehirn und andere Organe struk­tu­rell dif­fe­ren­ziert, aber funk­tio­nal ver­knüpft sind. Die Lunge benö­tigt das Herz, das Blut in die Lun­gen­ar­te­rie pumpt; alle ande­ren Organe, also auch das Herz, hän­gen von der Lunge ab, die das Blut mit Sau­er­stoff anreichert…Wenn das Herz nicht genü­gend und regel­mä­ßig Blut pumpt, oder die Lunge nicht genü­gend Sau­er­stoff lie­fert, oder Teile des Gehirn beschä­digt wer­den, ist das Sys­tem ins­ge­samt – der ganze Orga­nis­mus – betrof­fen. Gesell­schaf­ten sind nicht so stark inte­griert wie bio­lo­gi­sche Orga­nis­men, doch auch ihre Teile sind wech­sel­sei­tig von­ein­an­der abhän­gig, damit sie als Sys­tem arbei­ten kön­nen.“ (Joas, S. 21)

b) „Funk­tion“: das Vor­ur­teil von einem Nütz­lich­keits­zu­sam­men­hang des gesell­schaft­li­chen Sys­tems und sei­ner Teile – inklu­sive diver­ser „Dysfunktionalitäten“

„Der Aus­druck ‚Funk­tion‘ bezeich­net den Bei­trag, den jede soziale Bezie­hung, Posi­tion, Orga­ni­sa­tion, jeder Wert oder jede Eigen­schaft einer Gesell­schaft für das soziale Sys­tem als Gan­zes leis­tet. In einem funk­tio­nal inte­grier­ten Sys­tem wird jeder Teil von sei­nen Bezie­hun­gen zu den ande­ren Tei­len beein­flusst und ist von ihnen abhän­gig. So besteht die Funk­tion von Schu­len darin, Schü­ler aus­zu­bil­den, die über die von den Unter­neh­men gefor­der­ten Fer­tig­kei­ten ver­fü­gen und am öffent­li­chen Leben als Bür­ger ihres Lan­des teil­neh­men kön­nen.“ (Joas, S. 21)

„Gele­gent­lich kommt es vor, dass ein sozia­les Teil­sys­tem das effi­zi­ente Funk­tio­nie­ren des Gesamt­sys­tems unter­mi­niert, in wel­chem Fall es ‚dys­funk­tio­nal‘ ist.“

(Joas, S. 21)

3. Sozio­lo­gie der sozia­len Ungleichheit

a) Theo­re­ti­sche Modelle der Gesell­schafts­struk­tur: Klasse, Schicht, Lebens­lage, Milieu als Ras­ter zur Ein­ord­nung der Indi­vi­duen in die Gesell­schaft „Um die Struk­tur der sozia­len Ungleich­heit in ihrer Gesamt­heit zu glie­dern und zu ana­ly­sie­ren, hat die Sozio­lo­gie drei wich­tige Ansätze mit unter­schied­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen und Model­len ent­wi­ckelt: das tra­di­tio­nelle Modell der Klas­sen bzw. Schich­ten und die bei­den neue­ren Modelle der sozia­len Lagen und der sozia­len Milieus.“ (Geiß­ler, S. 93)

b) Empi­ri­sche Daten zur Ein­kom­mens­un­gleich­heit – und ihre theo­re­ti­sche Inter­pre­ta­tion: Anlass zur (Un)Zufriedenheit mit dem Funk­tio­nie­ren der Gesellschaft

„Die Wohl­stands­ex­plo­sion hat die sozia­len Ungleich­hei­ten in der Bun­des­re­pu­blik nicht besei­tigt. Es exis­tie­ren – so wie in ande­ren Wohl­stands­ge­sell­schaf­ten auch – erheb­li­che Unter­schiede in Ein­kom­men und Besitz sowie den damit ver­bun­de­nen Lebens­chan­cen.“ (Geiß­ler, S. 78)

Daten zur Ein­kom­mens­ver­tei­lung und Armut: einer­seits Belege für eine „nivel­lierte Wohl­stands­ge­sell­schaft“, ande­rer­seits für eine zuneh­mende „Mar­gi­na­li­sie­rung“ des unte­ren Drit­tels der Bevöl­ke­rung „Unter den soge­nann­ten Funk­tio­na­lis­ten der USame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gie wurde bereits in den 1940er Jah­ren die Theo­rie ent­wi­ckelt, dass eine Leis­tungs­ge­sell­schaft auch soziale Ungleich­heit benö­tigt. Materielle

Leis­tungs­an­reize sind erfor­der­lich (‚funk­tio­nal‘), um das Leis­tungs­po­ten­tial der Indi­vi­duen und damit auch der gesam­ten Wirt­schaft und Gesell­schaft zu mobi­li­sie­ren (Davis/​Moore 1967). Die Kri­ti­ker die­ser Theo­rie haben dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nicht alle Ungleich­hei­ten beim Ein­kom­men – und erst recht nicht beim Ver­mö­gen – etwas mit indi­vi­du­el­ler Leis­tung zu tun haben., dass in der Kon­kur­renz um gute Ein­kom­men nicht alle Leis­tungs­fä­hi­gen auch wirk­lich zum Zuge kom­men und dass die Soli­da­ri­tät mit den sozial Schwa­chen Umver­tei­lun­gen auch unab­hän­gig vom Leis­tungs­prin­zip erfor­der­lich macht. Auf die gesell­schaft­lich wich­tige und poli­tisch umstrit­tene Frage, wie hoch die Unter­schiede im ver­füg­ba­ren Ein­kom­men sein müs­sen, um die Leis­tungs­be­reit­schaft nicht zu beein­träch­ti­gen, und von wel­chem Punkt an die Umver­tei­lungs­po­li­tik die wirt­schaft­lich­ge­sell­schaft­li­che Dyna­mik hemmt, kön­nen die Sozi­al­wis­sen­schaft­ler keine ein­deu­ti­gen Ant­wor­ten geben.“ (Geiß­ler, S. 84 f)

4. Der Ertrag des sozio­lo­gi­schen Den­kens: Idee der Nütz­lich­keit und Not­wen­dig­keit von „Gesell­schaft“ sowie par­tei­li­che Sorge um ihr „Funktionieren“