Zitate zu: „Phi­lo­so­phie – Den­ken im Geist der Rechtfertigung“

Peter Decker – Zeit­schrift GegenStandpunkt

Kri­tik der Philosophie

Kri­ti­sches Den­ken aus dem Geist der Recht­fer­ti­gung – Zitate

1. Phi­lo­so­phen über Phi­lo­so­phie: Stau­nen – Wahr­heits­pa­thos und Wis­sen­schafts­ver­ach­tung – kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen des Selbstverständlichen

„Was Phi­lo­so­phie ist, wird wohl nicht defi­niert wer­den kön­nen, solange Phi­lo­so­phie leben­dig ist. Die Frage nach dem Wesen der Phi­lo­so­phie ist selbst in die phi­lo­so­phi­sche Refle­xion ein­be­zo­gen und von ihr nicht zu tren­nen. Unbe­scha­det die­ser Sach­lage wird jeder, der in die­sem Felde tätig wer­den will, ohne eine Gebrauchs­de­fi­ni­tion von „Phi­lo­so­phie“ nicht aus­kom­men kön­nen. Eine sol­che Gebrauchs­de­fi­ni­tion, die viel­leicht einer heute unter Phi­lo­so­phien eini­ger­ma­ßen ver­brei­te­ten Auf­fas­sung ent­spre­chen würde, könnte fol­gen­der­ma­ßen for­mu­liert wer­den: Phi­lo­so­phie ist die Refle­xion auf die Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit genau des­sen, was in jeder ande­ren als der phi­lo­so­phi­schen Ein­stel­lung für selbst­ver­ständ­lich genom­men wer­den muss.“ Gün­ter Pat­zig, Vor­wort zu: Frege, Funk­tion, Begriff, Bedeu­tung, S. 14.

„Ande­rer­seits kann man zwei­fel­los behaup­ten, daß am Ursprung jeder phi­lo­so­phi­schen Suche immer ein Erstauen steht, eine gewisse Art, etwas als nicht end­gül­tig hin­zu­neh­men, etwas als nicht völ­lig natür­lich zu betrach­ten. Das ist wahr­schein­lich so ein­leuch­tend, daß man gar nicht näher dar­auf ein­ge­hen muß. Was aber viel­leicht weni­ger klar ist, ist, daß diese Infra­ge­stel­lung unver­än­der­lich auf eine spä­ter auf­zu­de­ckende Wahr­heit gerich­tet ist. Die Worte „eine Wahr­heit“ sind im übri­gen nicht so exakt, wie sie sein soll­ten: Frag­men­ta­ri­sche Wahr­hei­ten, die von­ein­an­der iso­liert wer­den, gehö­ren dem Bereich der Wis­sen­schaft und nicht der Phi­lo­so­phie an; es ist viel­mehr die Wahr­heit, um die es sich immer han­delt, aber von dem Augen­blick an, da die Refle­xion ein bestimm­tes Niveau erreicht hat, erstreckt sich die Infra­ge­stel­lung auch auf die Wahr­heit selbst; das hat zur Folge, daß man sich fra­gen muß, was das Wort selbst bedeu­tet, und gleich­zei­tig, wel­ches die Bedin­gun­gen und Gren­zen sind, inner­halb derer das Ver­lan­gen nach Wahr­heit viel­leicht erfüllt wer­den kann.“ Mar­cel, Die Ver­ant­wort­lich­keit des Phi­lo­so­phen, in:Salmun, Was ist Philosophie?,S. 68

„Die wahre gesell­schaft­li­che Funk­tion der Phi­lo­so­phie liegt in der Kri­tik des Beste­hen­den.“ Max Hork­hei­mer, Kri­ti­sche Theo­rie der Gesell­schaft, Bd.II, S. 304.

2. Die radi­kale Warum-​Frage: Miss­brauch und Man­gel der logi­schen Kate­go­rie ‚Grund’ – Legi­ti­ma­tion statt Erklärung

„Meta­phy­sik ist das Hin­aus­fra­gen über das Sei­ende, um es als ein sol­ches und im Gan­zen für das Begrei­fen zurück zu erhal­ten.“ Mar­tin Hei­deg­ger., Was ist Meta­phy­sik, Antritts­vor­le­sung Frei­burg 1923, Bonn 1931, S.21.

„Daß Phi­lo­so­phie auf das Uni­ver­sale der Welt und das Letzte des Daseins, das Woher, das Wohin und das Wozu von Welt und Leben abzielt in der Weise der theo­re­ti­schen Welt­er­kennt­nis, unter­schei­det sie von den Ein­zel­wis­sen­schaf­ten, die immer nur einen bestimm­ten Bezirk der Welt und des Daseins betrach­ten.“ Ders., Grund­pro­bleme der Phä­no­me­no­lo­gie, Mar­bur­ger Vor­le­sun­gen 1927, Ges.Ausg. FfM 1983, Abt. II, Bd. 24, S. 12.

„Wenn Tha­les auf die Frage, was das Sei­ende sei, ant­wor­tet: Was­ser, so erklärt er hier Sei­en­des aus einem Sei­en­den, obgleich er im Grunde sucht, was das Sei­ende als Sei­en­des sei. In der Frage ver­steht er so etwas wie Sein, in der Ant­wort inter­pre­tiert er Sein als Sei­en­des.“ ebd. S. 453.

3. Die Anwen­dung des Recht­fer­ti­gungs­den­kens auf Wis­sen­schaft, Moral und Leben

„Alles Inter­esse mei­ner Ver­nunft ver­ei­nigt sich in den fol­gen­den drei Fra­gen: 1. Was kann ich wis­sen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hof­fen?“ Imma­nuel Kant, Kri­tik der rei­nen Ver­nunft, B832f.

A) Was kann ich wis­sen? – Prü­fung der Leis­tungs­fä­hig­keit des Erkennt­nis­ver­mö­gens – „Die Mög­lich­keit von Wis­sen­schaft“ und ihre Grenzen

„Die Auf­fas­sung, wir hät­ten im Den­ken ein Mit­tel zur Hand, mehr über die Welt zu wis­sen, als beob­ach­tet wurde, etwas zu wis­sen, was immer und über­all in der Welt unbe­dingte Gel­tung haben muß, ein Mit­tel, all­ge­meine Gesetze des Seins zu erfas­sen, scheint uns durch­aus mys­te­riös. Wie soll es zuge­hen, daß wir von irgend einer Beob­ach­tung im vor­hin­ein sagen kön­nen, wie sie aus­fal­len muß, bevor wir sie noch ange­stellt haben? Woher sollte unser Den­ken die Exe­ku­tiv­ge­walt neh­men, durch die es eine Beob­ach­tung zwänge, so und nicht anders aus­zu­ge­hen?“ Hahn, Logik, Mathe­ma­tik und Natur­er­ken­nen, in: Schlei­chert, Logi­scher Empi­ris­mus – der Wie­ner Kreis, S. 211.

„Nur durch Spe­ku­la­tion gelan­gen wir zu mög­li­chen all­ge­mei­nen Tat­sa­chen­wahr­hei­ten. Denn alles soge­nannte Tat­sa­chen­wis­sen besteht in Hypo­the­sen. Wie sie zustan­de­kom­men, ist unwe­sent­lich. Was zählt, ist allein, ob sie nach­prüf­bar sind oder nicht. Dies ist der Inhalt des Pop­per­schen Fal­li­bi­lis­mus: Alles, was Men­schen ersin­nen, kann falsch sein; und das meiste erweist sich auch bei stren­ger Prü­fung als falsch. Effek­tiv fal­si­fi­zierte Hypo­the­sen sind zu ver­wer­fen. Und Pop­pers metho­do­lo­gi­sche Emp­feh­lung bei der Suche nach Neuem lau­tet: Halte dich nicht vor­sich­tig an das beob­acht­bare, son­dern suche nach rei­chen, gehalt­vol­len, zu vie­len Pro­gno­sen fähige, also nicht nach ‚wahr­schein­li­chen‘ Hypo­the­sen.“ Stegmül­ler, Moderne Wis­sen­schafts­theo­rie, S. 440.

B) Was soll ich tun?

Die For­de­rung, Zwe­cke zu recht­fer­ti­gen, und ihre tau­to­lo­gi­sche Erfüllung

„Dass mora­li­sche For­de­run­gen mit einem Anspruch auf unbe­dingte Gül­tig­keit auf­tre­ten, bezeich­net zunächst nur die Eigen­tüm­lich­keit eines ver­brei­te­ten sitt­li­chen Emp­fin­dens. Und nicht nur ist es offen­bar mög­lich, sol­che For­de­run­gen trotz ihres Anspruchs zu igno­rie­ren, son­dern es läßt sich ganz all­ge­mein bezwei­feln, ob ihnen die bean­spruchte unbe­dingte Gül­tig­keit tat­säch­lich zukommt. Eines der Phä­no­mene, die sol­che Zwei­fel immer wie­der ins Leben rufen, ist die unbe­streit­bare Tat­sa­che, daß zu ver­schie­de­nen Zei­ten, in ver­schie­de­nen Gemein­schaf­ten, Kul­tur­krei­sen, Per­so­nen sehr ver­schie­dene Mora­len mit dem Anspruch auf unbe­dingte Gül­tig­keit auf­ge­tre­ten sind. … Gegen­über sol­chem Rela­ti­vis­mus ist schon früh der Ver­such unter­nom­men wor­den, die Gebote der Moral durch theo­re­ti­sche Unter­su­chun­gen zu prü­fen und an die Stelle von Glau­ben und blo­ßer, tra­di­tio­nel­ler Über­zeu­gung ein­sich­tige, für alle ver­bind­li­che Begrün­dun­gen für das

Beste­hen und den Inhalt bestimm­ter mora­li­scher For­de­run­gen zu set­zen.“ Fischer-​Lexikon Phi­lo­so­phie, FfM 1958, S. 46

„Argu­mente kön­nen über­haupt nur funk­tio­na­lis­tisch sein. Die Frage ist nur, was ein argu­men­ta­ti­ves Den­ken leis­ten kann und was nicht. Es kann viel leis­ten. Das Maxi­mum sei­ner Mög­lich­kei­ten hat schon Pla­ton auf­ge­wie­sen: Es kann an seine eigene Grenze, d.h. an den Rand von Ein­sich­ten füh­ren, die nicht mehr argu­men­ta­tiv, d.h. funk­tio­nal her­leit­bar sind. Ein dem Wesen des Men­schen gemä­ßer Funk­tio­na­lis­mus kann zei­gen, daß eine nicht­funk­tio­nale Ethik der drei­fa­chen Ehr­furcht vor dem, was über uns, was unse­res­glei­chen und was unter uns ist, auch unter Nütz­lich­keits­ge­sichts punk­ten, aufs Ganze und auf die Länge gese­hen, für den Men­schen das beste ist.“ Robert Spae­mann

„Es gibt (in der heu­ti­gen Wis­sen­schaft) kein ver­nünf­ti­ges Ziel an sich. … Da die Zwe­cke nicht mehr im Licht der Ver­nunft bestimmt wer­den, ist es auch unmög­lich zu sagen, daß ein öko­no­mi­sches oder poli­ti­sches Sys­tem, wie grau­sam und des­po­tisch es auch sei, weni­ger ver­nünf­tig ist, als ein ande­res. … Ist ein­mal die phi­lo­so­phi­sche Grund­lage der Demo­kra­tie zusam­men­ge­bro­chen, so ist die Fest­stel­lung, Dik­ta­tur sei schlecht, nur für sol­che Men­schen ratio­nal gül­tig, die nicht ihre Nutz­nie­ßer sind.“ Max Hork­hei­mer, Zur Kri­tik der instru­men­tel­len Ver­nunft, Raub­druck 1968, 122 und 142f.

C) Was darf ich hof­fen? Lebens­sinn, Ver­söh­nung, ein tran­szen­den­ta­les Obdach – kurz: Reli­gi­ons­er­satz modern. Die Fort­set­zung der Meta­phy­sik über ihr Ende hinaus.

In der Sinn­fin­dung „usur­piert das Bedürf­nis das, was ihm man­gelt. Der Wahr­heits­ge­halt des abs­en­ten wird gleich­gül­tig; sie behaup­ten es, weil es gut für die Men­schen sei.“ Adorno, Nega­tive Dia­lek­tik, S. 363f

„Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.“ „Die These, das Leben habe kei­nen Sinn, wäre als posi­tive genauso töricht, wie ihr Gegen­teil falsch ist.“ Ebd. S. 367f

„Dass der Teu­fel nicht mehr zu fürch­ten und auf Gott nicht mehr zu hof­fen sei, expan­diert sich über die Meta­phy­sik, in der die Erin­ne­rung an Gott und Teu­fel nach­lebt, kri­tisch reflek­tiert. Es ver­schwin­det, was den Men­schen in höchst unideo­lo­gi­schem Ver­stande das Dring­lichste sein müßte. … Nicht sind die Fra­gen gelöst, nicht ein­mal ihre Unlös­bar­keit bewie­sen. Sie sind ver­ges­sen. … In der Gleich­gül­tig­keit des Bewußt­seins gegen die meta­phy­si­schen Fra­gen … ver­steckt sich ein Hor­ror, der, ver­dräng­ten ihn die Men­schen nicht, ihnen den Atem verschlüge.“

„In der ver­ge­sell­schaf­te­ten Gesell­schaft jedoch, dem aus­weg­los dich­ten Gespinst der Imma­nenz, emp­fin­den die Men­schen den Tod ein­zig noch als ein ihnen Äußer­li­ches und Frem­des…“ Adorno, Nega­tive Dialektik

„Inwie­fern ist die Angst eine aus­ge­zeich­nete Befind­lich­keit? Wie wird in ihr das Dasein durch sein eige­nes Sein vor es selbst gebracht?“ Mar­tin Hei­deg­ger, Sein und Zeit, Tübin­gen 1979, S. 184.

„Die Behe­bung des Seinsaus­stan­des besagt Ver­nich­tung sei­nes Seins. Solange das Dasein als Sei­en­des ist, hat es seine ‚Gänze‘ ‘nie erreicht. Als Sei­en­des wird es dann nie mehr erfahr­bar.“ Sein und Zeit, S. 236.

„Das vor­lau­fende Frei­wer­den für den eige­nen Tod befreit von der Ver­lo­ren­heit in die zufäl­lig sich andrän­gen­den Mög­lich­kei­ten, so zwar, daß dies die fak­ti­schen Mög­lich­kei­ten, die den unüber­hol­ba­ren vor­ge­la­gert sind, aller­erst eigent­lich ver­ste­hen und wäh­len läßt. Das Vor­lau­fen erschließt der Exis­tenz als äußerste Mög­lich­keit die Selbst­auf­gabe und zer­bricht so jede Ver­stei­fung auf die je erreichte Exis­tenz.“ Sein und Zeit, S. 264.