PEGIDA

böse und gute Patrio­ten im Clinch

Im vor­weih­nacht­li­chen Deutsch­land und ab da regel­mä­ßig las­sen sich null Komma nichts Zehn­tau­sende „Patrio­ti­sche Euro­päer gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des“ mobi­li­sie­ren. Im eher athe­is­ti­schen Dres­den und anderswo beken­nen sie sich mit dem mas­sen­haf­ten Absin­gen von Weih­nachts­lie­dern zur christ­li­chen Leit­kul­tur und weh­ren die Aus­brei­tung der fal­schen Reli­gion oder gleich die Macht­über­nahme durch Imame und Scharia-​Gerichte ab. Was geht die­sen Leu­ten eigent­lich ver­lo­ren, wenn Aus­län­der wie sie auch ihre Arbeit tun, woh­nen, leben und dabei nicht an den christ­li­chen Gott glau­ben, son­dern zu Allah beten?

Die poli­ti­schen Par­teien sind auf­ge­scheucht: Da mel­det sich ein Mas­sen­be­dürf­nis, das sich im Spek­trum der poli­ti­schen Ange­bote nicht unter­ge­bracht und durch Wah­len nicht bedient fin­det, also das den Ver­wal­tern des Volks­wil­lens aus dem Ruder zu lau­fen droht. Die obige Frage stel­len Polit­pro­fis daher gleich ein wenig anders und respekt­vol­ler: Über den Streit, ob sie die Demons­tran­ten in die rechte Ecke stel­len und aus dem Kreis respek­ta­bler Mei­nun­gen aus­gren­zen, oder sie als Fälle „irra­tio­na­ler Pho­bien“ (Xeno­pho­bie, Isla­mo­pho­bie etc.) abtun sol­len, arbei­ten sie sich zur drit­ten Option vor: Um „die Men­schen“ wie­der ein­zu­fan­gen und sie von ihren zwie­lich­ti­gen Anfüh­rern zu tren­nen, wol­len Poli­ti­ker die „Sor­gen der Demons­tran­ten ernst neh­men“. Eine Schwie­rig­keit, die Angst vor Isla­mi­sie­rung und ent­spre­chende „Weh­ret den Anfängen!“-Rufe ernst zu neh­men, ken­nen sie nicht. Poli­ti­ker und Medien wäl­zen zwar die Rät­sel­frage: „Was wol­len die Pegida-​Anhänger wirk­lich?“ Im Grunde aber wis­sen sie immer schon die Ant­wort: Schnur­stracks über­set­zen sich die poli­ti­schen Volks­be­treuer die demons­trierte Isla­mo­pho­bie in „soziale Bedro­hungs­ängste von Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rern“, „Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern“ und „Euro­skep­ti­kern“. Ihrem fach­kun­di­gen Urteil zufolge lei­den sol­che Leute an der „Unüber­sicht­lich­keit“ der Welt­lage, am Ver­lust kon­ser­va­ti­ver Werte, ja der Hei­mat. Der ver­rückte Über­gang von Unzu­frie­den­heit aller Art zur Dia­gnose der Über­frem­dung, zum Gefühl, dass das Volk daheim nicht mehr daheim ist und seine natio­nale Iden­ti­tät nichts mehr gilt, sowie zum Bedürf­nis nach natio­na­ler Selbst­be­haup­tung ist den Poli­ti­kern ebenso geläu­fig wie den Pegida-​Demonstranten. Irgend­wie ver­ste­hen sie ihre Wäh­ler und sehen sich gefor­dert, aus­ge­rech­net die­ses ehren­werte Bedürf­nis ihrer Kund­schaft ernst zu neh­men – z.B. durch eine Debatte, ob ihre Asyl­po­li­tik aus­rei­chend dafür sorgt, den ‚Flücht­lings­strom‘ nach Deutsch­land ein­zu­däm­men und uner­wünschte Asyl­su­chende mög­lichst umge­hend los­zu­wer­den und von vorn­her­ein abzu­schre­cken und ob ihre Ein­wan­de­rungs­po­li­tik auch garan­tiert nur Aus­län­der ins Land holt, die sich durch nütz­li­che Dienste für Deutsch­land ein Blei­be­recht verdienen.

Die Gegen­de­mons­tran­ten mit ihren Licht­er­ket­ten und gemein­schaft­li­chem Lär­men hal­ten die frem­den­feind­li­che Bewe­gung aus der Mitte der Gesell­schaft für eine Schande. Sie haben eine andere Vor­stel­lung von dem Gemein­we­sen, dem sie ange­hö­ren, und machen sich mit ihrem Fremd­schä­men zu Reprä­sen­tan­ten eines bes­se­ren, welt­of­fe­nen und huma­nen Deutsch­land, eines men­schen­freund­li­chen Mün­chen, Dres­den …, das Zuwan­de­rer und Hilfs­be­dürf­tige nicht aus­grenzt. Dem „christ­li­chen Abend­land“ set­zen sie demons­tra­tiv den Ruf nach wahr­haft christ­li­cher oder baju­wa­ri­scher oder sonst­wie welt­of­fe­ner Mit­mensch­lich­keit und Soli­da­ri­tät ent­ge­gen, möch­ten diese Werte für Deutsch­land und seine Bür­ger ver­bind­lich machen und ‚ihr Mün­chen‘ als Hort eines sol­chen bes­se­ren Patrio­tis­mus hoch­hal­ten – im Ver­ein mit Poli­tik– und Par­tei­ver­tre­tern, die wäh­ler­wirk­sam die gute Gesin­nung demons­trie­ren, die ihre prak­tisch betrie­bene Asyl– und Aus­län­der­po­li­tik jeder Kri­tik ent­zie­hen soll.

Drei Fra­gen wirft diese immer wie­der auf­flam­mende natio­nale Erre­gung auf:

- Wie kom­men deut­sche Bür­ger, die mit eini­gem zurecht­kom­men und man­ches Uner­freu­li­che schlu­cken müs­sen, also unzu­frie­den mit ihren Lebens­um­stän­den sind, auf die Dia­gnose, dass all ihre Mise­ren daran lie­gen, dass sich zu viele Fremde in Deutsch­land tum­meln, dass das gute deut­sche arbeit­same Volk daheim nicht mehr daheim ist und seine natio­nale Iden­ti­tät nichts mehr gilt. Wieso kom­men sie eigent­lich dar­auf, die Poli­tik ließe es – aus­ge­rech­net in Sachen Asyl– und Aus­län­der­fra­gen und über­haupt – an ent­schie­de­nem Durch­grei­fen feh­len, ver­mis­sen aus­ge­rech­net einen star­ken Staat und wer­den aus­ge­rech­net dar­über rebel­lisch gegen die Regierenden.

- Warum ver­ur­tei­len die Poli­ti­ker den Pro­test der Pegida und gren­zen ihn aus, haben aber zugleich für des­sen Anlie­gen Ver­ständ­nis und ent­neh­men ihm ent­spre­chend dring­li­chen Hand­lungs­be­darf in Sachen Ausländerpolitik?

- Was ist von einer Kri­tik zu hal­ten, die Pegida alter­na­tive Werte und Pflich­ten ent­ge­gen­hält, die sich für gute Deut­sche viel bes­ser zie­men wür­den? Geht es eigent­lich in Ord­nung, als Reprä­sen­tant eines vor­ge­stell­ten bes­se­ren Deutsch­lands demons­tra­tiv für die Güte eines Gemein­we­sens ein­zu­tre­ten, das mit all sei­nen poli­ti­schen Berech­nun­gen und Maß­nah­men und den gül­ti­gen öko­no­mi­schen Inter­es­sen dem vor­stel­lig gemach­ten Bild einer guten, für alle wohn­li­chen Hei­mat lau­fend Hohn spricht.