Der Wert

Brief an unsere Leser, die Marx’sche „Arbeits­wert­lehre“ und die Leis­tung des Finanz­ka­pi­tals betreffend

Quelle: 2 – 2010

Der Wert

Brief an unsere Leser, die Marx’sche „Arbeits­wert­lehre“ und die Leis­tung des Finanz­ka­pi­tals betreffend

In unse­ren Arti­keln zur Finanz­krise [1]) und zum Begriff des Finanz­ka­pi­tals [2]) haben wir ein paar grund­sätz­li­che Bestim­mun­gen der umfang­rei­chen Geschäfte auf­ge­schrie­ben, die das Finanz­ka­pi­tal jen­seits der Ver­sor­gung von Land­wirt­schaft und Indus­trie mit Leih­ka­pi­tal betreibt. Uns sel­ber haben wir u.a. klar­ge­macht und unse­ren Lesern Ein­sich­ten wie die zuge­mu­tet, dass die Bewirt­schaf­tung von Wert­pa­pie­ren ein Wachs­tum eige­ner Art und Größe her­vor­bringt – das sich den Titel „Blase“ immer und nur dann ver­dient, wenn etwas schief geht –; dass das Finanz­ka­pi­tal dabei man­nig­fa­che Zustän­dig­kei­ten in der „Real­wirt­schaft“ gewinnt, seine Gewinne aber nicht mit Mehr­wert bezahlt wer­den; dass dar­auf seine außer­ge­wöhn­li­che Macht beruht, mit sei­nen Erfol­gen wie Miss­er­fol­gen über Wohl und Wehe aller geläu­fi­gen Leis­tun­gen und Inter­es­sen zu ent­schei­den, die den Charme der Markt­wirt­schaft aus­ma­chen; etc. Tat­sa­che ist ja, dass das Finanz­ge­werbe ver­briefte, han­del­bare Rechts­an­sprü­che auf Erträge akku­mu­liert, die mit der Pro­duk­tion von Mehr­wert nie und nim­mer ein­zu­lö­sen wären – wor­aus folgt, dass es darum offen­bar auch nicht geht. Tat­sa­che ist auch, dass die mas­sen­hafte Ent­wer­tung sol­cher Anspruch­s­ti­tel die gesamte Geld­wirt­schaft in Gefahr bringt, des­we­gen von den zustän­di­gen Staats­ge­wal­ten auf eigene Rech­nung mit einer gigan­ti­schen Wert­ga­ran­tie abge­wen­det wird und dann sogar deren Garan­tie­macht in Frage stellt – ein über­deut­li­cher Beleg dafür, dass es sich bei die­sen eigen­tüm­li­chen Wert­ob­jek­ten nicht um eigent­lich unge­deckte, „letzt­lich“ nich­tige bloße Ansprü­che han­delt, son­dern um den „Kern“ des markt­wirt­schaft­li­chen Reich­tums, der auf kei­nen Fall – wie Fach­leute es in Anleh­nung an den Super-​GAU in der Atom­in­dus­trie gerne aus­drü­cken – eine „Schmelze“ erlei­den darf.[3]) Tat­sa­che ist schließ­lich auch, dass der markt­wirt­schaft­li­che Sach­ver­stand sein Publi­kum seit Beginn der Krise mit Infor­ma­tio­nen über die Kon­struk­ti­ons­weise und Ein­schät­zun­gen von Sinn und Gefah­ren mehr­fach ver­pack­ter Schuld­pa­piere zumüllt, die nichts erklä­ren – wor­aus wir den Schluss gezo­gen haben, wir soll­ten eine Erklä­rung der poli­ti­schen Öko­no­mie die­ses Sek­tors der Markt­wirt­schaft dage­gen setzen.

Dass unse­ren Lesern der Nach­voll­zug die­ser Erklä­rung nicht leich­ter fällt als der Redak­tion ihre Erar­bei­tung, ist eine Sache und jeden­falls kein Wun­der. Eine andere Sache sind Reak­tio­nen unse­rer Leser­schaft, die auf ernste theo­re­ti­sche Schwie­rig­kei­ten schlie­ßen las­sen, unsere Ablei­tung des Finanz­ka­pi­tals und sei­ner Geschäfte aus den von Marx erklär­ten Prin­zi­pien der poli­ti­schen Öko­no­mie des Kapi­tals mit eben die­sen Prin­zi­pien in Ein­klang zu brin­gen. Einige Kri­ti­ker fin­den das, was wir über den Wert finanz­ka­pi­ta­lis­ti­scher Geld­an­la­gen sagen, über­haupt unver­träg­lich mit dem, was sie bei Marx über „wert­schaf­fende Arbeit“ gelernt haben, und bestrei­ten, dass Marx so revi­diert wer­den darf. Das wäre uns zwar egal, wenn Marx Unrecht hätte. Weil wir aber ganz im Gegen­teil in des­sen Kri­tik des Kapi­tals die theo­re­ti­sche Grund­lage für unsere Kri­tik des Finanz­ka­pi­tals gefun­den haben, sind wir uns sicher, dass unsere Kri­ti­ker mit ihrer Vor­stel­lung vom Wert falsch lie­gen, und auch, dass es an Unklar­hei­ten beim Ver­ständ­nis der Marx’schen Wert­lehre liegt, wenn es so arge Pro­bleme mit der Ver­ein­bar­keit unse­rer Erläu­te­run­gen des Finanz­ka­pi­tals und jener „Lehre“ gibt. Des­we­gen hier ein Ange­bot zur Klärung.

I.

Viel­leicht ist ja ein­fach nicht gut ver­stan­den, was die Waren­ana­lyse in Marx’ Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie mit ihrem Schluss vom Tausch­wert auf den Wert und die Arbeit als des­sen Quelle und Maß wirk­lich sagt.

1.

Die Tat­sa­che, dass der Reich­tum an Gütern, von denen die Men­schen heut­zu­tage leben, arbeits­tei­lig pro­du­ziert wird, dass also in jedem Pro­dukt ein Stück der gesell­schaft­lich geleis­te­ten Arbeit steckt, ist banal und nichts, was zu bewei­sen oder zu erklä­ren wäre; auch Marx macht davon kein Auf­he­bens. Von Inter­esse ist die Frage, wel­chen Zwe­cken und Not­wen­dig­kei­ten eine arbeits­tei­lige Pro­duk­tion gehorcht, in der keine pla­nende Instanz die Arbeit auf­teilt, in der weder die inhalt­li­che Spe­zi­fi­ka­tion noch der jewei­lige Umfang der zu leis­ten­den Arbei­ten bedarfs­ge­recht fest­ge­legt oder über­haupt ermit­telt wer­den; in der viel­mehr die Her­stel­lung des Reich­tums an Gütern auf Geld­er­werb berech­net ist und seine Ver­tei­lung übers Geld statt­fin­det. Da ist als Ers­tes fest­zu­hal­ten, dass vor dem zweck­mä­ßi­gen Gebrauch von Pro­duk­ten das Ver­fü­gungs­recht des Pro­du­zen­ten steht: der eigen­tums­recht­li­che Aus­schluss aller Inter­es­sen­ten, die das Pro­dukt brau­chen, von des­sen Ver­wen­dung. Vor­aus­set­zung, Aus­gangs­punkt und blei­bende Grund­lage der herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Arbeits­tei­lung ist – so absurd wie in der Markt­wirt­schaft selbst­ver­ständ­lich – der Gegen­satz zwi­schen Her­stel­lung und Bedürf­nis, der mit dem Eigen­tums­recht des Pro­du­zen­ten gesetzt ist; wobei man sich ruhig auch schon daran erin­nern darf, dass in die­ser Gesell­schaft als Pro­du­zent gilt, wer das Eigen­tums­recht am Pro­duk­ti­ons­pro­zess besitzt: Her­stel­ler ist nicht der Mensch, der – bzw. inso­fern er – tat­säch­lich Hand anlegt, son­dern die Rechts­per­son, die Firma in der Regel, die das Pro­dukt hat her­stel­len las­sen und der es daher nach Recht und Gesetz gehört. Auf­ge­löst wird die­ser fun­da­men­tale Ant­ago­nis­mus zwi­schen Her­stel­lung und Benut­zung im Kauf­akt: durch das Geld, das dem Eigen­tü­mer sei­nen pro­duk­ti­ven Auf­wand, seine gesell­schaft­li­che Teil-​Arbeit, ver­gü­tet. Die markt­wirt­schaft­li­che Gewohn­heit begnügt sich für das Ein­ver­ständ­nis mit die­ser Trans­ak­tion mit der Erin­ne­rung daran – und mehr hat der sys­tem­ei­gene Sach­ver­stand zur Erläu­te­rung ihres guten Sinns auch nicht anzu­bie­ten –, dass der Geld­emp­fän­ger sich für den Erlös sei­ner­seits Bedarfs­ar­ti­kel kau­fen kann. So löst sich die Sache ganz nach der Seite der kon­kre­ten Gebrauchs­gü­ter hin auf, und das Geld kürzt sich als blo­ßer Ver­mitt­ler einer gelun­ge­nen Arbeits­tei­lung her­aus – obwohl doch zugleich jeder weiß, dass es in der Markt­wirt­schaft genau dar­auf ankommt: aufs Geld, die quan­ti­ta­tiv bemes­sene Zugriffs­macht auf alle mög­li­chen Güter. Das Gut, um das es bei der Pro­duk­tion für den Ver­kauf wirk­lich geht und in dem die ange­strebte Ver­gü­tung für die geleis­tete Arbeit tat­säch­lich besteht, ist das durchs Geld reprä­sen­tierte Quan­tum Eigen­tum woran auch immer, ein Stück aus­schlie­ßen­der Ver­fü­gungs­macht getrennt von dem Pro­dukt, mit dem es in die Welt gekom­men ist. Diese real exis­tie­rende Abs­trak­tion: die Aus­tausch­bar­keit des Pro­dukts, ver­wirk­licht in einer Geld­summe, heißt – nicht nur bei Marx – Wert.

Man sieht daran: Es ist im Ansatz ver­kehrt, sich den Tausch­wert der Waren, i.e. ihre öko­no­mi­sche Bestim­mung, im Ver­kauf einen Preis zu erzie­len, mit der Selbst­ver­ständ­lich­keit erklä­ren zu wol­len, dass für ihre Her­stel­lung ein bestimm­tes Quan­tum Arbeit ver­aus­gabt wor­den ist, und nicht mit den gesell­schaft­li­chen Gewalt­ver­hält­nis­sen, unter denen allein Arbeit Tausch­wert her­vor­bringt. Von sich aus erzeugt mensch­li­che Arbeit irgend­ei­nen kon­kre­ten Nutz­ef­fekt. Wenn sie Tausch­wert schafft, dann ist sie sel­ber schon in jeder Hin­sicht dadurch defi­niert, dass ihr Pro­dukt zu Geld wird. Näm­lich so:

– Sie zählt sel­ber nur als Quelle von Eigen­tum, nicht an etwas, son­dern von Eigen­tum schlecht­hin. Ihr ers­tes Attri­but heißt des­we­gen pri­vat und drückt aus, dass ihr Zweck nicht in dem gesell­schaft­li­chen Bedürf­nis liegt, das ihr Pro­dukt als Teil gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion mit sei­nem Gebrauchs­wert befrie­digt, son­dern in der Macht des Pro­du­zen­ten, sein Pro­dukt dem Bedürf­nis danach vor­zu­ent­hal­ten – nicht um es doch sel­ber zu benut­zen, son­dern um es gegen ein Stück all­ge­mei­ner Ver­fü­gungs­macht her­aus­zu­ge­ben. Der Nut­zen, den seine Arbeit schafft, besteht nicht in ihrem Nut­zen für den Benut­zer ihres Pro­dukts, son­dern in dem Quan­tum pri­va­ter Zugriffs­macht, das durch das Pro­dukt reprä­sen­tiert wird und im Ver­kauf in ver­all­ge­mei­ner­ter Form, vom Pro­dukt getrennt, in Form von Geld, beim Ver­käu­fer bleibt.

– Das zweite öko­no­mi­sche Attri­but der wert­schaf­fen­den Arbeit heißt folg­lich abs­trakt und drückt aus, dass diese Arbeit als Teil der gesell­schaft­li­chen Gesamt­ar­beit, also aus­ge­rech­net als beson­de­rer Bei­trag zu einem gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zess, nur inso­fern zählt, als ihr Pro­dukt sich als aus­tausch­bar erweist, ande­ren gleich gilt, soweit sie sel­ber also das­selbe leis­tet wie alle ande­ren Teil­ar­bei­ten. Das Wert­schaf­fende an ihr ist das, was sie mit jeder belie­bi­gen pro­duk­ti­ven Tätig­keit gemein­sam hat – und das ist das pur Nega­tive: die Ver­aus­ga­bung von Lebens­zeit und –kraft im Dienst am Eigen­tum.[4]) Ihren öko­no­mi­schen Zweck erreicht die wert­schaf­fende Arbeit nicht durch den kon­kre­ten Nutz­ef­fekt, den sie stif­tet – der wäre bei stei­gen­der Pro­duk­tiv­kraft der Arbeit ja mit einem abneh­men­den Auf­wand an Zeit und Kraft zu haben –, son­dern allein durch die Menge, also die Dauer des Ein­sat­zes von Arbeits­kraft über­haupt. In der Kom­bi­na­tion mit dem ers­ten Merk­mal ergibt sich damit bereits ein kom­plet­tes Para­dox: Als pri­vate ist die Arbeit dadurch als nütz­lich bestimmt, dass ihr Nutz­ef­fekt ganz beim Pro­du­zen­ten ver­bleibt; der Nutz­ef­fekt, den sie als abs­trakte Arbeit her­vor­bringt, liegt in dem schie­ren Ver­brauch von Arbeits­kraft. Schon damit steht fest: Wenn die ganze Öko­no­mie der markt­wirt­schaft­lich geteil­ten Arbeit auf einem solch para­do­xen Ver­hält­nis beruht, dann nur, weil seine bei­den Momente tat­säch­lich von­ein­an­der getrennt, als Inter­es­sen­ge­gen­satz zwi­schen Pri­vat­ei­gen­tü­mer als Nutz­nie­ßer und Arbeits­kraft als Ver­schleiß­teil des gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses exis­tie­ren. Hier ist aber zunächst nur das Moment an der wert­schaf­fen­den Arbeit fest­zu­hal­ten, auf das das Attri­but ‚abs­trakt‘ ver­weist: die Absur­di­tät, dass der Reich­tum an Gütern, den diese schafft, öko­no­misch allein danach zählt, in wel­chem Umfang für seine Her­stel­lung Ar­­beitszeit ver­braucht und Arbeits­kraft ver­schlis­sen wird. In die­sem rein nega­ti­ven Sinn hat der Reich­tum, auf den es in der Markt­wirt­schaft wirk­lich ankommt, das in Geld gemes­sene Eigen­tum, im Quan­tum Arbeit sein Maß.

– Wie viel der­art abs­trak­ten Reich­tum die Arbeit tat­säch­lich zustande bringt, hängt frei­lich wie­derum gar nicht von ihr ab – von ihrem kon­kre­ten Inhalt und der kon­kre­ten Müh­sal sowieso nicht, aber auch nicht von ihrem wirk­li­chen in Zeit­ein­hei­ten gemes­se­nen Quan­tum. Die ver­bind­li­che und ein­zig gül­tige Art, den abs­trak­ten Nut­zen der Arbeit zu quan­ti­fi­zie­ren, das her­ge­stellte Quan­tum Eigen­tum zu bezif­fern, ist der Ver­kaufs­akt, in dem das Pro­dukt sei­nen Gebrauchs­wert los und seine Wert-„Natur“ rea­li­siert wird. Und da: im Preis, der für eine Ware zu erzie­len ist, als Bestim­mungs­grund für des­sen Höhe, macht sich der kon­krete arbeits­tei­lige Zusam­men­hang gel­tend, in dem die pro­du­zier­ten Güter zum Lebens­pro­zess der Gesell­schaft bei­tra­gen, näm­lich das Bedürf­nis nach der her­ge­stell­ten Ware und der tech­ni­sche Stand ihrer Her­stel­lung. Zur Gel­tung kommt die­ser Zusam­men­hang, die Gebrauchs­wert­seite der Arbeit, frei­lich nach den Geset­zen des Eigen­tums: als prak­ti­zier­ter Inter­es­sengegen­satz zwi­schen den ver­schie­de­nen Waren­an­bie­tern sowie zwi­schen Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten, näm­lich in der Kon­kur­renz um den Preis. Hier muss die Arbeit bewei­sen, dass sie das Attri­but gesell­schaft­lich not­wen­dig ver­dient. Die­ses Attri­but drückt des­we­gen auch nicht die Selbst­ver­ständ­lich­keit aus, dass auch die markt­wirt­schaft­lich pro­du­zie­rende Gesell­schaft mit ihrem absur­den und gemei­nen Begriff von Reich­tum letzt­lich vom mate­ri­el­len Nut­zen der auf den Markt gewor­fe­nen Güter lebt: Es steht für den Umstand, dass sich in der Markt­wirt­schaft alle kon­kre­ten gesell­schaft­li­chen Bedürf­nisse und alle tech­ni­schen Qua­li­tä­ten der Arbeit in Not­wen­dig­kei­ten des Gel­des ver­wan­deln. Der gesell­schaft­li­che Bedarf zählt nach dem Quan­tum geld­för­mi­ger Zugriffs­macht, das jedem ein­zel­nen Bedürf­nis zu Gebote steht; die Pro­duk­tiv­kraft der Arbeit kommt zur Gel­tung als Mit­tel, in Kon­kur­renz gegen andere Her­stel­ler die ver­schie­de­nen Bedürf­nisse aus­zu­nut­zen und die dafür ver­füg­bare Zah­lungs­fä­hig­keit abzu­grei­fen. So ent­schei­den die wirk­lich ver­aus­gab­ten Arbeits­stun­den noch nicht ein­mal, was sie zum Eigen­tum des juris­ti­schen Pri­vat­pro­du­zen­ten bei­tra­gen; es ist umge­kehrt: Der in der Kon­kur­renz erzielte Gel­der­lös ent­schei­det dar­über, wie viel gesell­schaft­lich durch­schnitt­lich not­wen­dige Arbeit die indi­vi­du­ell geleis­tete Arbeit reprä­sen­tiert, in wel­chem Umfang also das auf­ge­wandte Quan­tum an Arbeits­zeit als Wert­quelle wirk­sam gewor­den ist – und ob überhaupt.

2.

Die Her­stel­lung von Gütern in der Markt­wirt­schaft wird von dem Inter­esse an Geld bestimmt. Die­ses Inter­esse ist als Bestim­mungs­grund der gesell­schaft­li­chen Arbeit so abs­trakt wie sein Gegen­stand: Es rich­tet sich auf das pure Quan­tum öko­no­mi­scher Ver­fü­gungs­macht. Es ent­hält kei­nen Gesichts­punkt, unter dem es abschlie­ßend erfüllt wäre. Sein Erfolgs­kri­te­rium heißt: mög­lichst viel, also immer mehr vom Glei­chen. Reich­tum, der sein Maß im Geld hat, ist eben des­we­gen maß­los: Es ist seine öko­no­mi­sche Natur, nie genug zu sein.

Die­ser Reich­tum rich­tet sich feind­lich gegen die kon­krete Arbeit, die den gesell­schaft­li­chen Reich­tum an nütz­li­chen Gütern schafft, ein­schließ­lich der Sub­jekte, die sie leis­ten. Denn er defi­niert als die eigent­li­che öko­no­mi­sche Leis­tung der pro­duk­ti­ven Arbeit einen Erfolg, der allein darin besteht, dass er auf Kos­ten der pro­duk­tiv Arbei­ten­den geht, und gar nicht in deren Hand liegt: „Pro­duk­tiv“ im markt­wirt­schaft­li­chen Sinn ist Arbeit ja dadurch, dass die pure Ver­aus­ga­bung von Arbeits­kraft und Lebens­zeit in dem Maß Eigen­tum schafft, wie die Kon­kur­renz ums Geld der Kund­schaft die­sen Auf­wand prak­tisch als not­wen­dig bestä­tigt. Bequeme Ver­sor­gung und freie Zeit für die Arbei­ten­den schließt diese Form des Reich­tums nicht ein, son­dern aus; wert­schaf­fende Arbeit bedeu­tet maxi­ma­len Ver­zehr von Arbeitskraft.

Die Ver­rich­tung der­ar­ti­ger Arbeit als öko­no­mi­scher Nor­mal­fall beruht auf einer Not­wen­dig­keit, die der Sorte Reich­tum geschul­det ist, der diese Arbeit dient: Die gesell­schaft­li­che Arbeits­kraft wird für die Erzeu­gung von immer mehr Geld benutzt und ver­schlis­sen, weil sie gar keine Chance hat, sich der Macht des Eigen­tums sel­ber zu bedie­nen; sie dient dem Eigen­tum, weil sie sel­ber kei­nes hat, viel­mehr durch die Macht des Eigen­tums von allem Benö­tig­ten, von Sub­sis­tenz– und Pro­duk­ti­ons­mit­teln getrennt ist. Arbeits­kräfte, die mit ihrer Arbeit Wert schaf­fen, tun das des­we­gen, weil sie von sich aus nicht in der Lage sind, in gesell­schaft­li­cher Arbeits­tei­lung für sich zu sor­gen, son­dern dar­auf ange­wie­sen, durch und für die Macht des Eigen­tums in Dienst genom­men zu werden.

Diese Indienst­nahme geschieht ihrer­seits nach den Regeln der Markt­wirt­schaft: „Das Geld“, kon­kret also: die geld­be­sit­zende Elite, die im ein­schlä­gi­gen Jar­gon pas­sen­der­weise „die Wirt­schaft“ heißt, kauft den eigen­tums­lo­sen Leu­ten Arbeits­kraft und Lebens­zeit ab. Es ver­wan­delt auf die Art deren Arbeits­fä­hig­keit in seine eigene Potenz, durch die Ver­aus­ga­bung eines Quan­tums Arbeit Wert zu schaf­fen. Nur so, als Besitz­stand der Käu­fer, als Teil der Macht des Eigen­tums, tut die gesell­schaft­li­che Arbeits­kraft über­haupt den Dienst, auf den es öko­no­misch ankommt. Des­we­gen schafft diese Arbeit auch kein Eigen­tum für die wirk­li­chen Sub­jekte, die sie leis­ten, son­dern für die Rechts­per­son, die deren Arbeits­kraft durch Kauf unter ihr Kom­mando gebracht hat und dar­über als ihr Eigen­tum ver­fügt: Wert­schaf­fende Arbeit pro­du­ziert die Macht, die sie in Dienst nimmt. Und – noch­mals – umge­kehrt: Diese abs­trakte Pro­duk­tiv­kraft ent­fal­tet die Arbeit nur, weil die Pri­vat­macht des Gel­des sich ihrer bemäch­tigt hat – anders kom­men eigen­tums­lose Arbeits­kräfte über­haupt nicht zu irgend­ei­ner gesell­schaft­lich pro­duk­ti­ven Tätig­keit, und anders kommt ihrer pro­duk­ti­ven Tätig­keit über­haupt nicht die öko­no­mi­sche Leis­tung zu, Eigen­tum zu ver­meh­ren. Denn dass am Pro­dukt nur des­sen Aus­tausch­bar­keit zählt, nur das Eigen­tum daran, also nur die im Eigen­tums­recht begrün­dete Ver­fü­gungs­macht, die im Geld zum öko­no­mi­schen Gegen­stand wird: Das liegt nicht an der Arbeit, son­dern daran, dass sie per Kauf der Macht des Eigen­tums inkor­po­riert ist und dem Rechts­sub­jekt, das über den Arbeits­pro­zess gebie­tet, als des­sen Leis­tung zuge­rech­net wird. So wird mit der wert­schaf­fen­den Arbeit ein­ge­kauf­ter Dienst­kräfte tat­säch­lich die Kom­man­do­ge­walt des Gel­des sel­ber pro­duk­tiv: Die pro­du­ziert neues Eigentum.

Dabei ist mit der Masse der mobi­li­sier­ten Arbeits­stun­den und dem am Markt erstrit­te­nen Gel­der­lös noch nicht ent­schie­den, ob die Macht des ange­wand­ten Gel­des dem eige­nen Zweck, dem Inter­esse an Geld­ver­meh­rung, über­haupt gerecht wird und gege­be­nen­falls in wel­chem Maß. Ver­langt ist nicht ein­fach viel, son­dern die Ver­meh­rung des geld­för­mi­gen Eigen­tums, jenes Wachs­tum also, von dem der markt­wirt­schaft­li­che Sach­ver­stand gar nicht anzu­ge­ben braucht, was denn da immerzu wach­sen soll, weil sich das sys­te­ma­tisch von selbst ver­steht. Die­ser Erfolg erfor­dert einen Über­schuss der ein­ge­nom­me­nen Geld­summe über den Betrag, den die Ver­fü­gung über das ein­ge­setzte Quan­tum Arbeit sowie der Ein­satz von Pro­duk­ti­ons­mit­teln kos­ten. Das Geld muss sich als Quelle sei­ner eige­nen Ver­meh­rung betä­ti­gen; erst damit bewährt es sich als Kapi­tal: als „Haupt­summe“ mit der Macht, Zuwachs zu generieren.

Die Rolle, die hier­für der Arbeit zukommt, kenn­zeich­net Marx mit einem klein geschrie­be­nen „v“. Das Kür­zel soll aus­drü­cken, dass die Leis­tung der Arbeit, Wert zu schaf­fen, in Wahr­heit die Leis­tung des Prei­ses ist, der für die Ver­fü­gung über Arbeits­kraft zu ent­rich­ten ist: Die pro­duk­tive Arbeit ist ein Teil des Kapi­tals, das sich da betä­tigt, und zwar der­je­nige, der sich mit dem Kom­mando über ein Stück gesell­schaft­li­cher Arbeit als varia­bel, näm­lich zur Selbst­ver­grö­ße­rung fähig erweist.[5]) Diese Macht ist umso grö­ßer, je weni­ger die Ar­­beitskraft kos­tet und je mehr ihr Ein­satz an Erlös ein­bringt. Für die Arbeits­kräfte bleibt des­we­gen nur so viel Geld übrig, dass sie davon den Auf­wand für ihr Eigen­tum, die vom Kapi­tal benö­tigte Arbeits­kraft eben, bestrei­ten kön­nen; so blei­ben sie den Geld­be­sit­zern als Ver­fü­gungs­masse erhal­ten. An ihnen bleibt außer­dem die Müh­sal hän­gen, in der der pri­vate Nut­zen ihrer Arbeit für den Tausch­wert der Pro­dukte besteht. Die Aus­beute dar­aus, der geschaf­fene ab­­strakte Reich­tum, gehört den Eigen­tü­mern, den recht­li­chen Her­ren des Arbeits­pro­zes­ses, den Marx des­we­gen in aller wis­sen­schaft­li­chen Sach­lich­keit als Aus­beu­tung kritisiert.

Die Erzeu­gung von Wert fin­det also durch den Ein­satz von Geld als Kapi­tal und als des­sen Leis­tung statt: als Ver­wer­tungspro­zess. Den Erfolg mes­sen die Eigen­tü­mer an dem Über­schuss, den sie durch den Ein­satz ihres Gel­des erzie­len, über das ein­ge­setzte Geld, berech­net auf Lohn­kos­ten und den rech­ne­ri­schen Wert­ver­lust der ein­ge­setz­ten Pro­duk­ti­ons­mit­tel: als Pro­fi­trate. In die­ser Rechen­weise ist fest­ge­schrie­ben, nicht nur, wor­auf es in der Markt­wirt­schaft ankommt, son­dern auch, dass die Quelle des Wert­zu­wach­ses der Wert sel­ber ist.

3.

Der Ver­wer­tungs­pro­zess dient kei­nem außer­halb von ihm lie­gen­den Zweck, son­dern allein der Ver­grö­ße­rung der in Geld rea­li­sier­ten Ver­fü­gungs­macht, mit der er uner­bitt­lich stets von neuem anfängt: der Akku­mu­la­tion von Kapi­tal. Die­ser unend­li­che Kreis­lauf voll­zieht nicht die Ver­meh­rung von nütz­li­chen Gütern nach, bil­det nicht wach­sen­den gegen­ständ­li­chen Reich­tum in abs­trak­ten Zif­fern ab. Es ist umge­kehrt: Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion ist der ganze öko­no­mi­sche Inhalt der Markt­wirt­schaft; die Bedürf­nisse des Kapi­tal­wachs­tums, die sich für die Eigen­tü­mer und Sach­wal­ter des Kapi­tals als Not­wen­dig­kei­ten erfolg­rei­chen Kon­kur­rie­rens dar­stel­len, defi­nie­ren die mate­ri­el­len Bedürf­nisse der Gesell­schaft und die Bedin­gun­gen, unter denen die sich durch die Her­stel­lung von Gütern für den Ver­kauf aus­nut­zen las­sen – in sei­nen berüch­tig­ten Repro­duk­ti­ons­sche­mata erläu­tert Marx die Sub­sum­tion der gesell­schaft­li­chen Arbeits­tei­lung unter die Erfor­der­nisse der Akkumulation.

Das wesent­li­che Mit­tel der Kapi­tal­ver­meh­rung, in der kapi­ta­lis­ti­schen Pra­xis: die ent­schei­dende Waffe im Kon­kur­renz­kampf der Kapi­ta­lis­ten, ist wie­derum – wie könnte es bei die­sem unend­li­chen Kreis­lauf der Ver­wer­tung anders sein – der Akku­mu­la­ti­ons­er­folg: die Größe des ein­ge­setz­ten Kapi­tals. In einer Welt, in der schlech­ter­dings alles käuf­lich ist, bemisst sich an der Menge des ver­füg­ba­ren Gel­des die Fähig­keit eines jeden Unter­neh­mens, in eige­ner Regie die Bedin­gun­gen für die Stei­ge­rung der Pro­fi­trate zu ver­bes­sern. Zum Ein­satz kom­men da alle erdenk­li­chen Maß­nah­men und Tech­ni­ken zur Sen­kung des Prei­ses für Arbeits­kraft, also vor allem des Quan­tums an Arbeit, das zur Her­stel­lung von Gütern für den Ver­kauf nötig ist. Das Kapi­tal per­fek­tio­niert seine Pro­duk­ti­ons­mit­tel; die tech­ni­sche Pro­duk­tiv­kraft der Arbeit selbst wird vom Kapi­tal immer wie­der „neu erfun­den“ und den Arbeits­kräf­ten auf­ge­nö­tigt; so macht sich prak­tisch gel­tend, dass die Potenz der Arbeit ins Eigen­tum ihrer Anwen­der über­ge­gan­gen ist. Ent­spre­chend kon­kret wirk­sam wird im Pro­duk­ti­ons­pro­zess der abs­trakte Cha­rak­ter der Arbeit, derer sich das Kapi­tal zur Schaf­fung von Tausch­wert bedient: Alle geis­ti­gen Poten­zen der Arbeit – tech­ni­sches Wis­sen, Pla­nung der Arbeit… – exis­tie­ren getrennt vom arbei­ten­den Per­so­nal, ste­hen den Arbeits­kräf­ten in Appa­ra­ten ver­ge­gen­ständ­licht oder in Funk­tio­nä­ren per­so­ni­fi­ziert als Poten­zen des Kapi­tals gegen­über, fun­gie­ren als Pro­duk­tiv­kräfte nach des­sen Bedarf und Ent­schei­dung; selbst ihre eige­nen beruf­li­chen Fer­tig­kei­ten wen­den die bezahl­ten Arbeits­kräfte, sogar die auf den höhe­ren Stu­fen der betrieb­li­chen Hier­ar­chie, nicht wirk­lich nach ihrem Ermes­sen an, son­dern nur so und nur so lange, wie das Unter­neh­men es für zweck­mä­ßig erach­tet. Die kon­krete pro­duk­tive Tätig­keit sel­ber ist in einer fort­ge­schrit­te­nen Markt­wirt­schaft ein sehr abs­trak­ter Dienst an frem­dem Pri­vat­ei­gen­tum: der Voll­zug vor­ge­schrie­be­ner und vor­ge­ge­be­ner Teil­ar­bei­ten, deren Ein­tei­lung und Zusam­men­hang ganz in der Hand der Firma liegt.

Dass der enorme tech­ni­sche Fort­schritt, mit dem das Kapi­tal den zur Güter­her­stel­lung nöti­gen Arbeits­auf­wand senkt, den Arbeits­kräf­ten nichts erspart, ver­steht sich von selbst. Das öko­no­mi­sche Grund­ge­setz, wonach nur das Gleichgültig-​Austauschbare an den ver­schie­de­nen Teil­ar­bei­ten markt­wirt­schaft­lich zählt, und das auch nur, soweit der Ertrag der Arbeit zum Preis der Arbeits­kräfte in einem pro­fit­brin­gen­den Ver­hält­nis steht, wird durch fort­schritt­li­che Tech­nik ja über­haupt nicht rela­ti­viert; die Arbeits­zei­ten blei­ben lang und die Anfor­de­run­gen an die Leis­tungs­fä­hig­keit fle­xi­bel; Ein­spa­run­gen beim Arbeits­auf­wand haben Arbeits­kräfte mit ihrer Ent­las­sung auszubaden.

Eine etwas zwie­späl­tige Kon­se­quenz ergibt sich für die Ver­an­stal­ter und Nutz­nie­ßer der wert­schaf­fen­den Arbeit. Die Unter­neh­men, die mit der Ver­bil­li­gung des Kos­ten­fak­tors und der Effek­ti­vie­rung des Pro­duk­ti­ons­fak­tors Arbeit den Kon­kur­renz­kampf gegen andere Pro­du­zen­ten gewin­nen, weil sie ihre Ware preis­wer­ter anbie­ten kön­nen, stei­gern ihren Gewinn. Die Masse des abs­trak­ten, in Geld nach­ge­zähl­ten kapi­ta­lis­ti­schen Reich­tums stei­gern sie damit nicht ent­spre­chend. Soweit der Preis­vor­teil, mit dem sie ihren Absatz stei­gern, von den Kon­kur­ren­ten wie­der ega­li­siert wird, ver­schlech­tert sich, ten­den­zi­ell und ins­ge­samt, das Ver­hält­nis zwi­schen Gesamt­auf­wand und Ertrag – also die Pro­fi­trate, um die es doch geht.

Dass so – wie Marx es aus­drückt – die Metho­den der Pro­fit­ma­che­rei dem beab­sich­tig­ten Effekt in die Quere kom­men kön­nen, haben Marx-​Kenner so auf­ge­fasst, als behielte die Glei­chung, wonach der Wert sein Maß in dem Zeit­quan­tum pro­duk­ti­ver Arbeit hätte, letzt­lich Recht gegen die Aus­nut­zung der gesell­schaft­li­chen Wert­schöp­fung durch die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­fit­ma­che­rei. Das ist ver­kehrt, ver­rät die­selbe Fehl­deu­tung der Marx’schen „Wert­lehre“, die wir hier kor­ri­gie­ren möch­ten; des­we­gen hier noch ein­mal die Erin­ne­rung: Inhalt des „Wert­ge­set­zes“ ist die Degra­die­rung der pro­duk­ti­ven Arbeit zum bloß quan­ti­ta­tiv wirk­sa­men Hilfs­mit­tel für die Schaf­fung von Geld, i.e. von Men­gen­ein­hei­ten pri­va­ten Eigen­tums getrennt vom Eigen­tum an irgend­et­was Bestimm­tem und als der­art abs­trakte Ver­fü­gungs­macht ver­ge­gen­ständ­licht; und als herr­schen­des öko­no­mi­sches Prin­zip gibt es ein sol­ches Gesetz über­haupt nur, weil alle pro­duk­tive Arbeit der Gesell­schaft durch die Macht des Eigen­tums in Beschlag genom­men ist und als Hilfs­mit­tel für die schran­ken­lose Ver­meh­rung des Eigen­tums: für die Akku­mu­la­tion von Kapi­tal ein­ge­setzt wird. Dass pro­duk­tive Arbeit nur als abs­trakte, wert­schaf­fende zählt, ist keine der Arbeit eig­nende Fähig­keit, die vom Kapi­tal okku­piert wird: Mit dem Kauf von Arbeits­kraft, der Aneig­nung ihrer pro­duk­ti­ven Poten­zen, ihrer recht­li­chen Ver­wand­lung in seine eigene Po­­tenz macht das kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tum seine öko­no­mi­schen Bestim­mun­gen, näm­lich seine Macht über Arbeit und Reich­tum, erst wirk­lich zu dem öko­no­mi­schen Inhalt, auf den es bei der Pro­duk­tion nütz­li­cher Güter ankommt, also zu den maß­geb­li­chen öko­no­mi­schen Bestim­mun­gen der Arbeit – näm­lich: abs­trakt, pri­vat und als gesell­schaft­lich not­wen­dige wert­bil­dend zu sein. Wenn aus den Metho­den des Kapi­tals zur Stei­ge­rung sei­nes Wachs­tums eine dem Effekt ent­ge­gen­wir­kende Ten­denz folgt, dann kol­li­diert die Macht des Gel­des da nicht mit einem ihr vor­aus­ge­setz­ten Gesetz; schon gar nicht schei­tert dann die Pro­fit­ma­che­rei an einer Eigen­ge­setz­lich­keit der Arbeit, die dafür aus­ge­nutzt wird. Dann pro­du­ziert viel­mehr das Kapi­tal sel­ber einen Wider­spruch zwi­schen der Wachs­tums­po­tenz, die es sich ein­ver­leibt hat, dem klei­nen „v“, und dem Auf­wand, den es für die Stei­ge­rung die­ser sei­ner Potenz treibt; es demons­triert, dass die gesell­schaft­li­che Not­wen­dig­keit, die das der abs­trak­ten Arbeit abge­won­nene Wert­quan­tum bestimmt, allein von ihm defi­niert wird. Und es bewäl­tigt die selbst­ver­schul­dete Ver­zö­ge­rung sei­nes Wachs­tums dem­ent­spre­chend; so näm­lich, dass es genau so wei­ter­macht und die Ein­spa­rung von Arbeits­kos­ten durch immer per­fek­tere und tech­no­lo­gisch immer wei­ter ent­wi­ckelte, daher ten­den­zi­ell auch immer kost­spie­li­gere Metho­den der Aus­beu­tung uner­bitt­lich vor­an­treibt. Wer davon den Scha­den hat, wer da schei­tert, das lässt sich z.B. an den Arbeits­lo­sen­zif­fern able­sen, die zur kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz unver­meid­lich dazugehören.

4.

Der Zweck der markt­wirt­schaft­li­chen Güter­her­stel­lung, die Akku­mu­la­tion von Kapi­tal, wird dadurch ganz wesent­lich geför­dert, dass Teil­funk­tio­nen des Ver­wer­tungs­pro­zes­ses in eige­nen Bran­chen als selb­stän­di­ges Geschäft abge­wi­ckelt wer­den. Der wich­tigste die­ser Teil­be­rei­che, der Waren­han­del, spielt dabei eine beson­dere Rolle inner­halb der markt­wirt­schaft­li­chen Arbeits­tei­lung: Zur Her­stel­lung des Reich­tums an Gütern trägt er gar nichts bei, sofern man ihm nicht alle nöti­gen Trans­port­leis­tun­gen zurech­nen will. Not­wen­dig ist er als uner­läss­li­che Etappe in der Ver­wirk­li­chung des kapi­ta­lis­ti­schen Zwecks der Güter­pro­duk­tion: Er orga­ni­siert sys­te­ma­tisch, im Gro­ßen und flä­chen­de­ckend bis zum letz­ten Ver­kaufs­akt, die Abtren­nung des Werts der pro­du­zier­ten Güter von dem stoff­li­chen Reich­tum, der ja bloß dem abs­trak­ten Reich­tum als Vehi­kel dient. Der Waren­han­del ist damit der Teil des Ver­wer­tungs­pro­zes­ses, der erst wirk­lich über das Quan­tum ent­schei­det, in dem über­haupt neues Eigen­tum geschaf­fen wor­den ist; logi­scher­weise hat er Anteil an die­sem Reich­tum. Und selbst­ver­ständ­lich sind da Kapi­ta­lis­ten aktiv, die die Arbeit, die für die kapi­ta­lis­ti­sche Form des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses, das Kau­fen und Ver­kau­fen, nötig sind, von schlecht bezahl­ten und kräf­tig aus­ge­nutz­ten Dienst­kräf­ten erle­di­gen las­sen und dafür vom Wert der ver­mark­te­ten Waren so viel an sich brin­gen, wie sie ihren Lie­fe­ran­ten und ihren Kun­den abpres­sen können.

Einen Bei­trag ande­rer Art zur Akku­mu­la­tion des Kapi­tals leis­tet das Finanz­ge­werbe. Es ist nicht Teil des Ver­wer­tungs­pro­zes­ses, son­dern macht die­sen ins­ge­samt zu sei­nem Geschäfts­ob­jekt: Es trennt die Ver­fü­gung über Geld von des­sen Ent­ste­hungs­pro­zess ab, macht es sich und sei­nen Kun­den in der ver­selb­stän­dig­ten Form des Kre­dits ver­füg­bar. Mit sei­nem geschäft­li­chen Zugriff auf das auf­ge­ho­bene wie das zir­ku­lie­rende Geld der Gesell­schaft sowie kraft staat­li­cher Lizenz und Ermäch­ti­gung geht das Finanz­ge­werbe dabei so weit, in ganz gro­ßem Stil seine Zah­lungs­ver­spre­chen als gesell­schaft­li­ches Zah­lungs­mit­tel zir­ku­lie­ren und seine Ver­bind­lich­kei­ten als Geld­ka­pi­tal wir­ken zu las­sen. Was wir dazu in den bis­her erschie­ne­nen drei Kapi­teln über das Finanz­ka­pi­tal auf­ge­schrie­ben haben, wird sicher nicht dadurch leich­ter ver­ständ­lich, dass wir es in Kurz­fas­sung wie­der­ho­len. Im Hin­blick auf die Zwei­fel, ob wir da nicht doch eine Revi­sion der Marx’schen Wert­lehre vor­neh­men, kann viel­leicht aber doch ein Hin­weis von Nut­zen sein.

Mit sei­nen Kre­dit­ge­schäf­ten bringt das Finanz­ge­werbe von ihm geschöpfte Zah­lungs­mit­tel in Umlauf. Die reprä­sen­tie­ren in Geld­ein­hei­ten gemes­sene Ver­fü­gungs­macht; und darin unter­schei­den sie sich in gar nichts von dem Geld, das das ander­wei­tig enga­gierte Kapi­tal dadurch schöpft und mehrt, dass es Güter für den Tausch pro­du­ziert und im Ver­kauf das Eigen­tum als sol­ches von sei­nem Gegen­stand trennt und dage­gen ver­selb­stän­digt. Ein Rechts­ver­hält­nis zwi­schen Eigen­tü­mern ist das eine Geld so gut wie das andere: ein Rechts­ver­hält­nis des Aus­schlus­ses und der Zugriffs­macht in der irra­tio­na­len, von Marx als ‚feti­sch­ar­tig‘ ver­ach­te­ten Gestalt eines Dings, das der Ver­fü­gungs­macht des Eigen­tums ein quan­ti­ta­ti­ves Maß ver­passt. Da sind nicht zwei Sor­ten Wert unter­wegs, son­dern ein und der­selbe abs­trakte Reich­tum; in unter­schied­li­cher Ver­wen­dung, aber in der­sel­ben kapi­ta­lis­ti­schen Mis­sion, sich zu ver­meh­ren. Die Macht dazu funk­tio­niert in bei­den Fäl­len aus dem­sel­ben Grund, näm­lich nur des­we­gen, weil das staat­lich durch­ge­setzte Regime des Eigen­tums den gesam­ten gesell­schaft­li­chen Lebens­pro­zess beherrscht. Denn auch darin unter­schei­den sich pro­duk­ti­ves und Finanz­ka­pi­tal über­haupt nicht: Mit der Ver­wen­dung des Gel­des als Geld­quelle machen sie die Gesell­schaft ins­ge­samt zur Manö­vrier­masse der Macht ihres auf Ver­meh­rung pro­gram­mier­ten Eigen­tums und dafür haft­bar, dass ihre Rech­nun­gen auf­ge­hen – wie sie sich dabei von­ein­an­der unter­schei­den und wie ihre unter­schied­li­chen Geschäfts­ak­ti­vi­tä­ten zusam­men­hän­gen, davon han­deln unsere drei Artikel.

Anders gesagt: Wer ver­stan­den hat, was für ein Unding der abs­trakte Reich­tum ist, um den es ein­zig und allein geht, wenn nütz­li­che Güter ein­zig und allein für den Tausch gegen Geld fabri­ziert wer­den – dazu die Erin­ne­run­gen in den vor­ste­hen­den drei Punk­ten –, der hat damit noch nicht erklärt, was das Finanz­ka­pi­tal mit die­ser Abs­trak­tion alles anstellt, wie es mit sei­ner Kre­dit­schöp­fung den sich ver­wer­ten­den Wert ver­selb­stän­digt und ver­viel­facht und wie es daran ver­dient. Der wird aber auf alle Fälle die Abs­trak­tion des Eigen­tums schlecht­hin, die die Kom­man­dan­ten des gesell­schaft­li­chen Arbeits­pro­zes­ses dem Reich­tum an Gütern, den sie her­stel­len las­sen, als des­sen wahre öko­no­mi­sche Natur bei­le­gen und zum tota­li­tär herr­schen­den Zweck und Sach­zwang machen, nicht für wirk­li­cher, hand­fes­ter oder wie auch immer sub­stan­zi­el­ler hal­ten als die öko­no­mi­sche Macht, die die Finanz­ka­pi­ta­lis­ten mit ihren ver­brief­ten Schul­den in Hän­den hal­ten und mit ihren spe­ku­la­ti­ven Geschäf­ten aus­üben und die sich durch ihren Gebrauch ver­mehrt, ohne dass des­we­gen auch nur eine Ware mehr her­ge­stellt und ver­kauft wor­den sein müsste. Was in deren Hän­den als Kapi­tal fun­giert, nennt Marx im Gegen­satz zu den Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Arbeits­kräf­ten, die die ande­ren Kapi­ta­lis­ten als ihr Eigen­tum in Besitz neh­men und zu Poten­zen der Ver­fü­gungs­macht ihres Gel­des degra­die­ren, „fik­tiv“; er erin­nert daran, dass die Welt ohne die Reich­tü­mer des Finanz­ka­pi­tals gebrauchs­wert­mä­ßig kein biss­chen ärmer wäre, nichts kon­kret Nütz­li­ches feh­len würde – übri­gens eben­so­we­nig wie ohne den „Fetisch“ Geld. Damit will er aber gerade nicht gesagt haben, die Macht, die die­sem rechts­för­mig fin­gier­ten Kapi­tal im Sys­tem der poli­ti­schen Öko­no­mie des Eigen­tums­rechts zukommt, wäre eine bloße Ein­bil­dung oder auch nur im Gerings­ten weni­ger real als das, was andere Kapi­ta­lis­ten – sol­che, die an den mate­ri­el­len Bedürf­nis­sen der Mensch­heit und deren geschäft­li­cher Aus­nut­zung Geld ver­die­nen – in ihren Bilan­zen auf­schrei­ben. Die sel­ber hal­ten ja im Gegen­teil ihren Reich­tum erst dann für wirk­lich real, und kapi­ta­lis­tisch frei anwend­bar ist er ja auch wirk­lich nur dann, wenn er die Gestalt einer Zif­fer auf ihrem Bank­konto ange­nom­men hat. In die­sem ver­rück­ten Sys­tem sind es tat­säch­lich die vom Kre­dit­ge­werbe her­ge­stell­ten und ver­mark­te­ten Schuld­ver­hält­nisse, die die ganze Macht des Werts reprä­sen­tie­ren und uni­ver­sell anwend­bar machen. Es ist das ‚fik­tive‘ Kapi­tal, das seine Pro­du­zen­ten dazu befä­higt, alle ande­ren kapi­ta­lis­ti­schen Geschäfte zu finan­zie­ren, zu diri­gie­ren, in Schwung zu brin­gen oder abzu­wür­gen – und ins­ge­samt zu gefähr­den, wenn das Spe­ku­lie­ren nach sei­nen eige­nen Kri­te­rien nicht mehr gelingt.

Des­we­gen sind es im Übri­gen auch sol­che Geschäfte – mit dem Kre­dit­ri­siko, mit der spe­ku­la­ti­ven Bewer­tung von Wert­pa­pie­ren, mit Spe­ku­la­ti­ons­pa­pie­ren zur Absi­che­rung gegen Ver­luste aus spe­ku­la­ti­ven Enga­ge­ments, schließ­lich mit der Abtren­nung sol­cher Spe­ku­la­ti­ons­pa­piere von ihrem Ver­si­che­rungs­zweck und der Ver­mark­tung rei­ner Finanz­wet­ten –, mit denen sich in der glo­ba­len Markt­wirt­schaft am meis­ten Geld ver­die­nen lässt. In die­ser Welt gel­ten Her­stel­lung und Ver­trieb der absur­des­ten Deri­vate glatt als geld­werte Dienst­leis­tung, so wie die Her­stel­lung von Arm­band­uh­ren und der Ver­trieb von Nüs­sen oder Nach­rich­ten; nur viel, viel teu­rer. Und wenn der markt­wirt­schaft­li­che Sach­ver­stand Recht hat mit sei­nem Dogma, dass die Höhe eines Ent­gelts – zumin­dest im Prin­zip – den Wert des ent­gol­te­nen Diens­tes aus­drückt, dann leis­tet in Sachen Wert­schöp­fung tat­säch­lich nie­mand so viel wie Invest­ment­ban­ker, die Ver­pa­ckun­gen für Deri­vate erfinden.

II.

1.

Unsere Über­le­gun­gen zur Macht des Kre­dit­sek­tors, Geld zu schöp­fen, Kre­dit zu ver­ge­ben und mit Tech­ni­ken eige­ner Art Geld­ka­pi­tal zu akku­mu­lie­ren, sind von man­chen skep­ti­schen Lesern so ver­stan­den wor­den, als läge uns daran, die Unab­hän­gig­keit die­ser Geschäfts­sphäre von der Welt der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung der Arbeit zu bewei­sen; als woll­ten wir quasi den Deri­va­te­künst­lern recht geben, die ihre Tätig­keit nicht für das hin­ter­letzte Pro­dukt des Sys­tems der Lohn­ar­beit, son­dern für die wahre Quelle des Reich­tums der moder­nen Welt­wirt­schaft hal­ten. Dabei wird wohl über­se­hen, dass die Ablei­tung des Finanz­ge­schäfts und sei­ner Auto­no­mie aus den Prin­zi­pien der poli­ti­schen Öko­no­mie des Kapi­tals die theo­re­ti­sche Rück­füh­rung der Bran­che und ihrer apar­ten Stel­lung im und zum sons­ti­gen kapi­ta­lis­ti­schen Betrieb auf diese Prin­zi­pien leis­tet. Viel­leicht hilft auch in die­ser Hin­sicht ein Hinweis:

Die Frei­hei­ten in Sachen Geld­schöp­fung und Gewin­ner­wirt­schaf­tung, die das Finanz­ge­werbe sich her­aus­nimmt, hal­ten wir für die zu erklä­rende Sach­lage; sie in Abrede zu stel­len, weil man sich eine Erklä­rung der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion zurecht­ge­legt hat, die dazu nicht passt, ist nicht gut. Diese Frei­hei­ten sind die Errun­gen­schaf­ten einer Macht über den gesell­schaft­li­chen Geld­ver­kehr und den geschäft­li­chen Gebrauch des Gel­des, die nicht vom Him­mel gefal­len ist, son­dern in der poli­ti­schen Öko­no­mie des Geld­ver­die­nens ihre Grund­lage hat: Die Macht des Finanz­ka­pi­tals, durch den Han­del mit ge– und ver­lie­he­nem Geld Geld zu machen, beruht dar­auf, dass in der Markt­wirt­schaft über­haupt Geld als Geld­quelle fun­giert – die kom­mer­zi­elle Kund­schaft der Ban­ken treibt ja nichts ande­res. Diese Macht des Gel­des, durch sei­nen geschäft­li­chen Gebrauch mehr zu wer­den, ist ihrer­seits keine mys­te­riöse Eigen­schaft des Gel­des, obwohl sie in der Markt­wirt­schaft glatt so wirkt, näm­lich als sach­li­che Gege­ben­heit. Sie ist die Kon­se­quenz dar­aus, dass sich in die­sem Sys­tem ein Lebens­un­ter­halt nur mit dem Erwerb von Geld erwirt­schaf­ten lässt, die meis­ten Betrof­fe­nen aber nie genug Geld haben, um des­sen Macht zur Selbst­ver­meh­rung durch den rich­ti­gen ge­­schäftlichen Gebrauch frei­zu­set­zen; die sind viel­mehr genö­tigt, für Geld zu arbei­ten – dafür näm­lich, dass für die Min­der­heit, die genug davon hat, „das Geld arbei­tet“. Wel­che Jobs die auf Geld­er­werb durch Arbeit ange­wie­sene Mehr­heit sucht und fin­det, ist im Sys­tem der markt­wirt­schaft­li­chen Frei­heit egal; da ist nichts unmög­lich; in allen erdenk­li­chen Dienst­leis­tun­gen kann die Arbeit su­­chende Mensch­heit ihre Chance fin­den. Dabei wird aller­dings ein Unter­schied gern über­se­hen, der für die all­ge­meine unbe­dingte Not­wen­dig­keit, sich Geld zu beschaf­fen, ent­schei­dend ist: Auch die fort­schritt­lichste kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft, in der die Indus­trie zu den aus­ster­ben­den Bran­chen gezählt wird, lebt von den mate­ri­el­len Gütern, die mit mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln her­ge­stellt wer­den müs­sen. Auch wenn die meis­ten Lohn­ab­hän­gi­gen und klei­nen Selbst­aus­beu­ter mit ande­ren Auf­ga­ben beschäf­tigt wer­den – mas­sen­haft sol­chen, die mit der Ver­mark­tung von Gütern, der Ver­wal­tung der mit Geld wirt­schaf­ten­den Gesell­schaft, den finan­zi­el­len Sach­zwän­gen der bür­ger­li­chen Exis­ten­zweise zu tun haben –: Die Gesell­schaft lebt von der Arbeit, die die lebens­not­wen­di­gen Güter pro­du­ziert. Der all­ge­meine Zwang, für Geld zu arbei­ten, hat sei­nen letz­ten öko­no­mi­schen Grund darin, dass die Pro­duk­ti­ons­mit­tel für diese Güter denen gehö­ren, die darin ihr Geld ange­legt haben und nur pro­du­zie­ren las­sen, was und wenn es sich für ihr Geld­in­ter­esse lohnt. Mit der Not­wen­dig­keit des Geld­er­werbs für den Lebens­un­ter­halt ist eine Pro­duk­ti­ons­weise definiert.

Die Frei­hei­ten des Finanz­ka­pi­tals sind also das sys­tem­ei­gene Pro­dukt der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­onsweise. Der Stoff des Finanz­ge­schäfts bezeugt, dass es aus dem Sys­tem der Lohn­ar­beit folgt.

2.

In unse­rer umge­kehrt argu­men­tie­ren­den Erklä­rung des Finanz­ge­wer­bes legen wir aller­dings Wert dar­auf, dass diese Bran­che sich vom kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons– und Ver­wer­tungs­pro­zess förm­lich trennt, mit eige­nen Mit­teln und Metho­den Geld­macht akku­mu­liert und sich als maß­geb­li­cher Anstif­ter und zusam­men­fas­sen­der Nutz­nie­ßer auf das Geschäfts­le­ben bezieht, das im markt­wirt­schaft­li­chen Jar­gon „Real­wirt­schaft“ heißt. Wes­halb das theo­re­tisch nötig und sach­lich wich­tig ist, ist wohl auch nicht recht ver­stan­den wor­den; des­we­gen auch dazu zwei Hin­weise, ein metho­di­scher und ein sachlicher.

In einer Ablei­tung, so wie Marx sie fürs Kapi­tal lehr­buch­mä­ßig dar­legt und wie wir ver­sucht haben sie fort­zu­set­zen, ist – wenn sie rich­tig ist – jedes wich­tige Ergeb­nis der Aus­gangs­punkt für Kon­se­quen­zen, die ihrer eige­nen „Logik“ fol­gen und nicht mehr der, die zu die­sem Ergeb­nis geführt hat. Das fängt bei Marx schon mit dem Über­gang vom Tausch­wert der Ware zum Geld als all­ge­mei­nem Äqui­va­lent an; mit dem Fort­gang vom Geld als all­ge­mei­nem Zugriffs­mit­tel zum Geld als Zweck und als Kom­man­do­mit­tel über seine eigene Quelle beginnt die poli­ti­sche Öko­no­mie des pro­duk­ti­ven Kapi­tals; usw. Wenn dann – auf viel spä­te­rer Stufe – die Geld­händ­ler aus ihrem Dienst an der Geld­zir­ku­la­tion ein Ge­­schäft mit dem Ver­lei­hen aktu­ell nicht gebrauch­ter Geld­sum­men machen, näm­lich frem­des Kapi­tal ver­grö­ßern und dafür am Pro­fit par­ti­zi­pie­ren, dann ist die Natur die­ses Geschäfts zu begrei­fen. Wer da nur bemer­ken will, dass Mehr­wert umver­teilt wird und der Zins den vom kom­mer­zi­el­len Kre­dit­neh­mer aus­beu­te­risch ange­eig­ne­ten Früch­ten der Arbeit ent­stammt, wer sich also, metho­disch gespro­chen, mit der theo­re­ti­schen Zurück­füh­rung der Kon­se­quenz auf ihre Her­lei­tung zufrie­den gibt, der ver­passt das Ent­schei­dende: dass diese Geschäfts­sphäre sich mit dem neuen Instru­men­ta­rium der Eigen­tums­über­tra­gung und der Rück– und Zins­for­de­rung, also mit der recht­lich ver­selb­stän­dig­ten Macht des Geld­ka­pi­tals auf den Ver­wer­tungs­pro­zess des ange­wand­ten Kapi­tals bezieht. Man muss also schon das ver­selb­stän­digte Geld­ka­pi­tal und den Zins als Fort­schritt in der – wie Marx es aus­drückt – „Ver­äu­ßer­li­chung des Kapi­tal­ver­hält­nis­ses“ wei­ter­den­ken. Da gibt es dann den Fort­gang – um den wir zu Beginn des 2. Kapi­tels län­ger gerun­gen haben – vom Gebrauch des Gel­des als Leih­ka­pi­tal zum Kapi­tal­markt, auf dem das Kre­dit­ver­hält­nis sel­ber zur Han­dels­ware wird. Die „Logik“ die­ses Han­dels, die Berech­nun­gen, die da zum Zuge kom­men, die neue öko­no­mi­sche Kate­go­rie der Bewer­tung, der spe­ku­la­ti­ven Ablei­tung eines Kapi­tal­werts aus der erwar­te­ten Ren­dite: das alles ist gerade nicht ver­stan­den, wenn man immer nur auf den End­punkt des vor­he­ri­gen Ablei­tungs­schritts zurück­blickt und fest­ge­hal­ten haben will, dass in Wert­pa­pie­ren „letzt­lich“ doch auch nichts ande­res drin­steckt als ein Stück Leih­ka­pi­tal. Da wer­den eben finanz­ka­pi­ta­lis­ti­sche Rechts­ver­hält­nisse in neuer Weise pro­duk­tiv. Und wenn der spe­ku­la­tive Cha­rak­ter die­ser eigen­ar­ti­gen Pro­duk­tiv­kraft, die Wert­schöp­fung per Bewer­tung, sel­ber zum Geschäfts­ob­jekt wird, dann liegt mit den Deri­va­ten schon wie­der ein – theo­re­tisch weni­ger bedeu­ten­der, prak­tisch dafür recht bri­san­ter – Über­gang vor. Nur so jeden­falls kommt man der Logik der Sache auf die Spur – am Ende eben jener Ver­selb­stän­di­gung des Finanz­ka­pi­tals, die ihm seine prak­ti­sche Wucht verleiht.

Denn die Macht der Bran­che: ihre Potenz, sich selbst und die rest­li­che Ge­­schäftswelt auf Schul­den­ba­sis mit Zah­lungs­mit­teln aus­zu­stat­ten, damit die Akku­mu­la­tion des eige­nen Geld­ka­pi­tals wie die Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion in allen ande­ren Geschäfts­zwei­gen von den Schran­ken des schon ver­dien­ten Gel­des frei­zu­set­zen usw., steht und fällt mit ihrer Auto­no­mie, ihrer apar­ten Stel­lung im und zum Sys­tem, die sie sich mit ihren Diens­ten an des­sen Funk­tio­nie­ren ver­schafft. Das Finanz­ka­pi­tal ist das Gewerbe, das der Kon­kur­renz der Kapi­ta­lis­ten ins­ge­samt als die ver­selb­stän­digte Zusam­men­fas­sung, die sys­tem­ei­gene Ver­ge­sell­schaf­tung der Pri­vat­macht des Gel­des gegen­über­tritt und dar­über Regie führt. Damit ist es die gesamt­wirt­schaft­li­che Trieb­kraft dafür, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise sich sämt­li­cher gesell­schaft­li­cher Res­sour­cen und Über­le­bens­be­din­gun­gen bemäch­tigt; dass „das“ Kapi­tal alle Län­der des Glo­bus zu sei­nen Inves­ti­ti­ons­sphä­ren macht; dass es nach sei­nen Bedürf­nis­sen immer neue an­­spruchsvolle Ver­wer­tungs­be­din­gun­gen ent­wi­ckelt und Mensch und Natur dafür zurecht­macht, also ver­schleißt. Kraft sei­ner Son­der­stel­lung im und zum Sys­tem ist das Kre­dit­we­sen die „sys­te­mi­sche“ Bran­che schlecht­hin: Indem es die welt­weite Geschäfts­welt mit Geschäfts­mit­teln ver­sorgt, für sei­nen Geschäfts­er­folg in Beschlag nimmt und von sei­nen Erfol­gen abhän­gig macht, geht es wie selbst­ver­ständ­lich von der tota­len und tota­li­tä­ren Herr­schaft des Gel­des über den Lebens­pro­zess der Mensch­heit aus und besorgt das Herr­schafts­mit­tel. In die­ser Funk­tion wird es von der poli­ti­schen Gewalt nicht gebremst, son­dern aner­kannt, bean­sprucht und gepflegt; der letzte Teil unse­res Auf­sat­zes wird davon han­deln, wie die Staats­ge­walt sich in ihrer Kon­kur­renz gegen ihres­glei­chen die­ser Macht des Finanz­ka­pi­tals bedient – und wie das Finanz­ka­pi­tal auch dadurch an Macht gewinnt.

Aus all­dem folgt übri­gens ein poli­ti­scher Schluss: Der Kampf um eine Be­­schränkung der Frei­hei­ten des Kre­dit­ge­wer­bes gehört in sei­ner nor­ma­len Fas­sung und auch dann noch, wenn er in der Krise zum offe­nen Streit aus­ar­tet, zur unauf­lös­li­chen Sym­biose von Staats­macht und Bank­we­sen dazu. Auch in sei­nen radi­kals­ten Vari­an­ten hat er mit einem Kampf gegen die Herr­schaft des Kapi­tals nichts zu tun. Deren Abschaf­fung geht nur per Kün­di­gung: dadurch, dass das Kom­mando des Gel­des über die Arbeit von denen auf­ge­kün­digt wird, die sie tun. Damit ist auch aus der Macht der Finanz­welt die Luft ’raus – und nicht nur aus den Blasen.

[1]) Prak­tisch in jeder Num­mer seit Heft 3 – 07.

[2]) In den Num­mern 3 – 08, 2 – 09 und 1 – 10 die­ser Zeitschrift.

[3]) Alle Welt ver­steht die Sache lie­ber umge­kehrt: Mit der Krise würde offen­bar, dass die Kre­dite, die das Finanz­ge­werbe ver­gibt, wich­tig und pro­duk­tiv und über­haupt unver­zicht­bar sind, die bes­se­ren Kre­ditpapiere jedoch, an denen die­ses Gewerbe am meis­ten ver­dient, eigent­lich bloße Bla­sen­bild­ner, Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen, jeden­falls kein wirk­li­cher geld­wer­ter Reich­tum. Wenn das die Wahr­heit wäre: was wäre dann schlimm daran, dass in der Krise „die Blase platzt“ und die vor­ge­spie­gel­ten Werte ihrer Nich­tig­keit über­führt wer­den? Wenn man über das Finanz­ka­pi­tal Bescheid wis­sen will, dann sollte man erst ein­mal ver­su­chen zu begrei­fen, was es leis­tet und was über­haupt los ist, wenn seine Rech­nun­gen auf­ge­hen; nur dann weiß man auch, woran es schei­tern kann und was alles fäl­lig ist, wenn es schei­tert. Seine Pro­dukte, weil sie sich ent­wer­ten kön­nen, für „eigent­lich“ nich­tig zu erklä­ren, ihr Kaputt­ge­hen also mehr oder weni­ger für ihre Erklä­rung zu neh­men, ist ver­kehrt, ist eine Art, sich das Nach­den­ken dar­über zu erspa­ren, und ist außer­dem bedenk­lich nahe an der bür­ger­li­chen Denk­weise, die die Dinge nach ihrem Erfolg beurteilt.

[4]) Es ist der große Feh­ler der Freunde der „Arbeits­wert­lehre“, dass sie im Wert nicht die Indienst­nahme der gesell­schaft­li­chen Arbeit – die­ses not­wen­di­gen „Stoff­wech­sels des Men­schen mit der Natur“ – für einen ihr frem­den und feind­li­chen Zweck erken­nen, son­dern, den bür­ger­li­chen Öko­no­men ähn­lich, den Wert für eine hilf­rei­che Abs­trak­tion hal­ten, näm­lich für die Gleich­set­zung ver­schie­de­ner Arbei­ten und Arbeits­pro­dukte zum Zweck ihrer leich­te­ren Ver­gleich­bar­keit und Addi­tion. Ihnen gilt die fürs Eigen­tum ver­rich­tete Arbeit als eine ganz ver­nünf­tige Weise, die für die Gesell­schaft not­wen­dige Arbeit zu orga­ni­sie­ren; kri­tik­wür­dig fin­den sie nur, dass die bür­ger­li­che Welt nicht zuge­ben mag, dass der ganze schöne Wert aus Arbeit stammt. Marx’ Kri­tik der wert­schaf­fen­den Arbeit ver­ste­hen sie als deren Reha­bi­li­ta­tion und Auf­wer­tung und set­zen dem bür­ger­li­chen Stand­punkt den pro­le­ta­ri­schen Stolz der „Schöp­fer allen Reich­tums und aller Kul­tur“ ent­ge­gen, dass ihre Malo­che die ein­zige und ganze Quelle des Reich­tums sei. Aus dem Dienst, den die Arbei­ter­schaft dem Gemein­we­sen leis­tet, lei­ten ihre politisch-​ideologischen Für­spre­cher ab, dass der „volle Arbeits­er­trag“, der ihr zustünde, grö­ßer aus­zu­fal­len hätte als der Lohn, den man ihr zahlt. Marx aber war kein Freund des ech­ten Werts; er mochte den Arbei­tern nicht dazu gra­tu­lie­ren, dass sie und nur sie den gan­zen Wert schaf­fen. In sei­ner Kri­tik des Gothaer Pro­gramms (1875) tritt er einem ent­spre­chen­den Lob der Arbeit durch die dama­li­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten aus­drück­lich ent­ge­gen: „Die Ar­­beit ist nicht die Quelle allen Reich­tums“ – jeden­falls nicht, soweit nicht vom Wert, son­dern vom mate­ri­el­len Reich­tum die Rede ist. Der hängt ebenso von Bedin­gun­gen der Natur wie vom Stand von Wis­sen­schaft und Tech­nik ab. „Die Bür­ger haben sehr gute Gründe, der Arbeit über­na­tür­li­che Schöp­fer­kraft anzu­dich­ten“, setzt Marx hinzu: Sie sind die Nutz­nie­ßer der Arbeit, die den Wert schafft. Ein sozia­lis­ti­sches Pro­gramm aber hätte sich sol­cher „bür­ger­li­cher Redens­ar­ten“ zu ent­hal­ten (MEW 19, S. 15).

[5]) Marx greift zu aller­lei ver­we­ge­nen Bil­dern, um diese Sub­sum­tion der Arbeit unter das kapi­ta­lis­tisch ange­wandte Eigen­tum, die Inkor­po­ra­tion ihrer Poten­zen durch das Kapi­tal, so kennt­lich zu machen, dass auch der an jede markt­wirt­schaft­li­che Gemein­heit gewöhnte Ver­stand die „der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise eigen­tüm­li­che und sie cha­rak­te­ri­sie­rende Ver­keh­rung, ja Ver­rü­ckung des Ver­hält­nis­ses von toter und leben­di­ger Arbeit“ (Das Kapi­tal Bd. 1, MEW 23, S. 329) begreift: „Das Kapi­tal ist ver­stor­bene Arbeit, die sich vam­pyr­mä­ßig belebt durch die Ein­sau­gung leben­di­ger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon ein­saugt.“ (ebd. S. 247)