Das kom­mu­nis­ti­sche Manifest

Ein man­gel­haf­tes Pam­phlet – aber immer noch bes­ser als sein moder­ner guter Ruf

I. Ein Gespenst geht um in Europa – die Liebe zum kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest /​Ein gro­ßes Stück Welt­li­te­ra­tur /​Die beste Wirt­schafts­pro­gnose, die die Welt gese­hen hat /​Eine Sozial-​Charta, die durch die soziale Markt­wirt­schaft längst ein­ge­löst ist /​Eine wert­volle Schrift zur mora­li­schen Erbauung.

II. Das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest – Ein Umsturz­pro­gramm: schlecht begrün­det, leicht ver­lo­gen und poli­tisch eher irreführend:1. Kapi­tel: „Bour­geois und Pro­le­ta­rier“ a) Die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Bour­geoi­sie b) Die Cha­rak­te­ri­sie­rung des Pro­le­ta­ri­ats 2. Kapi­tel: „Pro­le­ta­rier und Kom­mu­nis­ten“ 3. Kapi­tel: „Sozia­lis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Lite­ra­tur“ 4. Kapi­tel: „Stel­lung der Kom­mu­nis­ten zu den ver­schie­de­nen oppo­si­tio­nel­len Par­teien“. PS.: Die Kar­riere der Feh­ler des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests im Rea­len Sozialismus


Quelle: Gegen­stand­punkt 2 – 1998 Das kom­mu­nis­ti­sche Manifest

Ein man­gel­haf­tes Pam­phlet – aber immer noch bes­ser als sein moder­ner guter Ruf

I. Ein Gespenst geht um in Europa – die Liebe zum kom­mu­nis­ti­schen Manifest

Wäre die alte Agi­ta­ti­ons­schrift von Marx und Engels nicht aus­ge­rech­net die­ses Jahr 150 Jahre alt gewor­den, kein Hahn hätte danach gekräht. Der Fas­zi­na­tion der run­den Jah­res­zahl konn­ten sich die kri­ti­schen Köpfe der frei­heit­li­chen Öffent­lich­keit aber ein­fach nicht ver­schlie­ßen: Rück­schau stand an und eine kri­ti­sche Wür­di­gung des Früh­wer­kes der „Ahn­vä­ter des Kom­mu­nis­mus“. Von deren Spät­fol­gen hält man zwar weni­ger denn je etwas: Seit die Sowjet­macht sich auf­ge­löst hat, gilt deren Sys­tem in zuneh­men­dem Maße nur noch als Ver­bre­chen. Als Sie­ger der Geschichte kann der abend­län­di­sche Geist aber man­ches wie­der inter­es­sant fin­den, wovon er sich bis neu­lich noch schwer bedroht gefühlt hat und das er des­halb erns­ter neh­men mußte, als ihm lieb war:

„Doch nun, da es einen ernst­zu­neh­men­den Mar­xis­mus nicht mehr gibt, besteht auch die Chance, vor­ur­teils­frei die Sei­ten des Marx­schen Wer­kes zu betrach­ten, in denen er recht behielt.“ (Niko­laus Piper, SZ 21.2.98)

Mit der größ­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit legt die­ser Ver­tre­ter der abso­lut über­par­tei­li­chen und unab­hän­gi­gen „vier­ten Gewalt“ ein Bekennt­nis zum par­tei­li­chen Den­ken im Dienste sei­ner Obrig­keit ab. Solange es eine real exis­tie­rende Alter­na­tive zum wun­der­ba­ren Sys­tem von Markt­wirt­schaft und Demo­kra­tie gab, hatte der in west­li­chen Redak­tio­nen behei­ma­tete kri­ti­sche Sach­ver­stand schlech­ter­dings keine Chance zur vor­ur­teils­freien Ana­lyse lin­ken Schrift­tums. Pro­pa­ganda gegen linke Sys­tem­geg­ner war damals nun­mal ein Gebot der Frei­heit. Jetzt, wo der gefähr­li­che Spuk vor­bei ist, kann man das ers­tens gelas­sen zuge­ben und sich zwei­tens ganz unver­krampft der Frage zuwen­den, was uns das „Gespenst“ aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest heute noch zu sagen hat. Die Ant­wor­ten sind entsprechend.

1. Ein gro­ßes Stück Weltliteratur

Da herrscht Einig­keit in der lite­ra­tur­kri­ti­schen Fach­welt: Marx, der konnte dich­ten! Von „gera­dezu bib­li­scher Sprach­ge­walt“ soll der Text sein, den die bei­den sozia­lis­ti­schen Agi­ta­to­ren vor 150 Jah­ren zu Papier brach­ten: min­des­tens „ein Meis­ter­werk der Welt­li­te­ra­tur“ (Umberto Eco), „eines der herr­lichs­ten Pro­sa­stü­cke der deut­schen Lite­ra­tur des 19. Jahr­hun­derts“ (Mar­cel Reich-​Ranicki). Ein Text, wie eine Sym­pho­nie: „Er beginnt mit einem Pau­ken­schlag, wie die Fünfte von Beet­ho­ven“ (noch­mal Umberto Eco)… So kann man sei­ten­weise Text­ana­ly­sen fabri­zie­ren, über die „lapi­da­ren Sätze“ mit ihren „schöp­fe­ri­schen Erup­tio­nen“ und „unver­geß­li­chen Apho­ris­men“ (Gespenst geht um!, Ket­ten ver­lie­ren… Welt zu gewin­nen!) daher­schwa­feln, den Text als Schu­lungs­ma­te­rial für Wer­be­fach­leute emp­feh­len, weil man sich angeb­lich sei­ner zwin­gen­den Kraft als Lite­ra­tur nicht ent­zie­hen kann, ohne auch nur im gerings­ten von dem Inhalt der Schrift ange­tan zu sein. Geschweige denn, sich die­sem Inhalt nicht ent­zie­hen zu kön­nen. Das begeis­terte Getue nach dem Motto: „Schöön haben sie das gesagt!“ ist die denk­bar größte Dis­tanz, die man zu der alten Agi­ta­ti­ons­schrift ein­neh­men kann. Denn immer­hin woll­ten Marx und Engels damals nicht noch’n Gedicht schrei­ben, son­dern die Arbei­ter zu einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion auf­het­zen.[1]

Aber nicht nur auf lite­ra­ri­schem Gebiet, auch auf dem Felde der Öko­no­mie sol­len die Auto­ren des kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests Groß­ar­ti­ges geleis­tet haben. Lau­ter erklärte Anti­kom­mu­nis­ten ent­de­cken im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest:

2. Die beste Wirt­schafts­pro­gnose, die die Welt gese­hen hat

Die Zukunft des welt­wei­ten Kapi­ta­lis­mus haben Marx und Engels näm­lich angeb­lich mes­ser­scharf vor­aus­ge­se­hen und dabei nicht mit Lob gespart für seine gran­dio­sen Taten. Eine erstaun­li­che Leis­tung soll das gewe­sen sein, wo doch

„der Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus erst am Anfang sei­ner eige­nen, äußerst dyna­mi­schen Welt­re­vo­lu­tion stand, die im Mani­fest geprie­sen wurde.“ „Der Text auf 30 Druck­sei­ten sagte kor­rekt den Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zeß in der Wirt­schaft vor­aus, auf Kos­ten der bis­he­ri­gen klei­nen Mit­tel­stände, klei­nen Indus­tri­el­len, Hand­wer­ker und Bau­ern. Mit dem Don­ner­hall alt­tes­ta­ment­li­cher Pro­phe­ten kün­digte er vor 150 Jah­ren die Glo­ba­li­sie­rung an.“ (Fried­jof Meyer, Spie­gel 16.3.98)

„Nie wurde die kapi­ta­lis­ti­sche Glo­ba­li­sie­rung, kaum daß sie begon­nen hatte, gran­dio­ser besun­gen als im Februar 1848.“ (Mathias Greif­frath, Die Zeit 5.2.98)

Selbst das Han­dels­blatt muß der pro­gnos­ti­schen Kraft des Mar­xis­mus Repekt zollen:

„…man­che sei­ner Pro­gno­sen sind von der Ent­wick­lung bestä­tigt wor­den und las­sen sich heute als Zustands­be­schrei­bun­gen selbst in den Leit­ar­ti­keln bür­ger­li­cher Zei­tun­gen nach­le­sen.“ (Hans Mun­dorf, HB 25.2.98)

Aus­ge­rech­net an die­ser ers­ten Hetz-​Schrift gegen den welt­wei­ten Kapi­ta­lis­mus wol­len sie näm­lich nichts Gerin­ge­res als ihr eige­nes Gerede von der Glo­ba­li­sie­rung mit ihren Gefah­ren und Chan­cen für den Stand­ort Deutsch­land aus­ge­macht haben. Begeis­te­rung kommt auf bei allen Freun­den der Globalisierungs-​Ideologie ange­sichts fol­gen­der Passage:

„Das Bedürf­nis nach einem stets aus­ge­dehn­te­ren Absatz für ihre Pro­dukte jagt die Bour­geoi­sie über die ganze Erd­ku­gel. Über­all muß sie sich ein­nis­ten, über­all anbauen, über­all Ver­bin­dun­gen her­stel­len. Die Bour­geoi­sie hat durch ihre Exploi­ta­tion des Welt­markts die Pro­duk­tion und Kon­sum­tion aller Län­der kos­mo­po­li­tisch gestal­tet. Sie hat zum gro­ßen Bedau­ern der Reak­tio­näre den natio­na­len Boden der Indus­trie unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Die ural­ten natio­na­len Indus­trien sind ver­nich­tet wor­den und wer­den noch täg­lich ver­nich­tet. Sie wer­den ver­drängt durch neue Indus­trien, deren Ein­füh­rung eine Lebens­frage für alle zivi­li­sier­ten Natio­nen wird… An die Stelle der alten loka­len und natio­na­len Selbst­ge­nüg­sam­keit und Abge­schlos­sen­heit tritt ein all­sei­ti­ger Ver­kehr, eine all­sei­tige Abhän­gig­keit von­ein­an­der.“ (zitiert nach Han­dels­blatt 25.2.98, aber so oder ähn­lich auch in sämt­li­chen ande­ren Lob­re­den auf den Pro­gnos­ti­ker Marx zu finden)

Wei­ter im Handelsblatt-​Text:

„Könnte das nicht der Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Indus­trie, Hans-​Olaf Hen­kel, in einer sei­ner Stand­ort­re­den ähn­lich gesagt haben, und zwar nicht als Pro­phe­zei­ung, son­dern als Abmah­nung an die Adresse der Reak­tio­näre, die immer noch an der Tarif­au­to­no­mie, am Sozi­al­staat, an der Natio­na­li­tät eines Währungs-​, Wirt­schafts– und Steu­er­sys­tems fest­hal­ten? Und wer wollte im Jahr 1998 der Fest­stel­lung von Marx aus dem Jahr 1848 wider­spre­chen, daß es für die Wirt­schaft ein Gesetz der Kon­zen­tra­tion gibt, ‚daß die bis­he­ri­gen klei­nen Mit­tel­stände, die klei­nen Indus­tri­el­len‘ der Kon­kur­renz der Groß­un­ter­neh­men zum Opfer fal­len? An die Stelle des indus­tri­el­len Mit­tel­stan­des werde die große Indus­trie tre­ten, beherrscht von den ‚Chefs gan­zer indus­tri­el­ler Armeen‘.“

Nein, das muß sich der alte Marx wirk­lich nicht nach­sa­gen las­sen, daß sein Text eine gelun­gene Rede­vor­lage für den heu­ti­gen Kapi­ta­lis­ten­chef abgäbe.[2] Im Unter­schied zu allen moder­nen Standort-​Rednern und Leitartikel-​Schreibern, die ein Phä­no­men namens „Glo­ba­li­sie­rung“ beschwö­ren, das unser aller Schick­sal sein soll, dem sich nie­mand, kein Poli­ti­ker, kein Unter­neh­mer, kein Gewerk­schafts­füh­rer ent­zie­hen kann, und das des­halb immer zu dem wenig orgi­nel­len kapi­ta­lis­ti­schen Sach­zwang füh­ren soll: die Geschäfts­be­din­gun­gen für das Kapi­tal müs­sen ver­bes­sert, die Löhne müs­sen dras­tisch gesenkt wer­den… – im Unter­schied zu Gestal­ten wie Hen­kel und Co. benennt das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest ers­tens ein Sub­jekt, das sich den Erd­ball nach sei­nen Bedin­gun­gen zurecht­macht. Wo Marx schreibt: „Die Bour­geoi­sie jagt über den gan­zen Erd­ball“, neh­men die des Lesens offen­kun­dig nur selek­tiv fähi­gen moder­nen Freunde der „Globalisierungs-​Debatte“ zur Kennt­nis: „…jagt über den Erd­ball“ = Glo­bus = Glo­ba­li­sie­rung = wir sit­zen alle in der „Glo­ba­li­sie­rungs­falle = die Löhne müs­sen run­ter, wer sagt’s denn!“ Wo die moder­nen Apo­lo­ge­ten des welt­wei­ten Kapi­ta­lis­mus keine Macher und Nutz­nie­ßer die­ser Pro­duk­ti­ons­weise mehr ken­nen wol­len, son­dern nur noch Betrof­fene, erklärt das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest zwei­tens die Not­wen­dig­keit des Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes zwi­schen Kapi­tal und Arbei­ter­klasse. In einer Zeit, in der die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise gewalt­sam gegen die noch beste­hen­den feu­da­lis­ti­schen Inter­es­sen durch­ge­setzt wurde, erkann­ten Marx und Engels die Qua­li­tät des neuen, unver­söhn­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes, der mit dem Sieg der Bour­geoi­sie über die feu­dale Gesell­schafts­ord­nung ein­ge­rich­tet wurde. Das Pro­le­ta­riat, die eigen­tums­lose Klasse der Lohn­ar­bei­ter, die durch die bür­ger­li­che Revo­lu­tion gerade erst her­ge­stellt wurde, woll­ten sie auf­het­zen zu einem Kampf gegen die neue Herr­schafts­klasse, die dabei war, „sich eine Welt nach ihrem eige­nen Bilde zu schaf­fen“. Denn ihnen war klar, wel­che noch nie dage­we­sene Bar­ba­rei mit der neuen fort­schritt­li­chen Pro­duk­ti­ons­weise welt­weit durch­ge­setzt wurde:

„In den Han­dels­krie­gen wird ein gro­ßer Teil nicht nur der erzeug­ten Pro­dukte, son­dern der bereits geschaf­fe­nen Pro­duk­tiv­kräfte regel­mä­ßig ver­nich­tet. In den Kri­sen bricht eine gesell­schaft­li­che Epi­de­mie aus, wel­che allen frü­he­ren Epo­chen als Wider­sinn erschie­nen wäre – die Epi­de­mie der Über­pro­duk­tion. Die Gesell­schaft fin­det sich plötz­lich in einen Zustand momen­ta­ner Bar­ba­rei zurück­ver­setzt; eine Hun­gers­not, ein all­ge­mei­ner Ver­nich­tungs­krieg schei­nen ihr alle Lebens­mit­tel abge­schnit­ten zu haben; die Indus­trie, der Han­del schei­nen ver­nich­tet, und warum? Weil sie zuviel Zivi­li­sa­tion, zuviel Lebens­mit­tel, zuviel Indus­trie, zuviel Han­del besitzt.“

Hier haben Marx und Engels nicht eine Pro­gnose gewagt und die Wirt­schafts– und Finanz­kri­sen des zuen­de­ge­hen­den 20. Jahr­hun­derts vor­aus­ge­sagt, son­dern zum Kampf gegen eine Gesell­schafts­ord­nung auf­ge­ru­fen, in der die Schaf­fung von Reich­tum not­wen­di­ger­weise Elend pro­du­ziert. Einer Pro­duk­ti­ons­weise also, in der Armut nicht mehr län­ger Resul­tat von Man­gel ist, son­dern das zwangs­läu­fige Resul­tat einer hem­mungs­lo­sen Ver­meh­rung von kapi­ta­lis­ti­schem Reich­tum. Im Moment der Durch­set­zung des kapi­ta­lis­ti­schen Pri­vat­ei­gen­tums war ihnen die Unge­heu­er­lich­keit die­ses neuen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­ses klar: Es beruht auf dem stän­dig neu repro­du­zier­ten Aus­schluß der eigen­tums­lo­sen Mas­sen von dem in nie gekann­ter Dimen­sion wach­sen­den Reich­tum, den sie als Lohn­ab­hän­gige gezwun­gen sind, für ihre Fabrik­her­ren zu schaffen.

Daß die­ser neue Klas­sen­ge­gen­satz mit dem Sieg der Bour­geoi­sie zum alles Ent­schei­den­den wird, daß davor „alles Stän­di­sche und Ste­hende ver­dampft“, alle sons­ti­gen gesell­schaft­li­chen Gegen­sätze und Pro­blem­la­gen neben­säch­lich wer­den, dar­auf wollte das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest die „Pro­le­ta­rier aller Län­der“ auf­merk­sam machen. Es war die Auf­for­de­rung, die in alle mög­li­chen Kämpfe invol­vier­ten Mas­sen soll­ten sich nicht zum Mit­tel für den gerade statt­fin­den­den Durch­set­zungs­kampf der Bour­geoi­sie gegen die Feu­da­l­ord­nung machen las­sen, son­dern gleich den Über­gang zum alles ent­schei­den­den Klas­sen­kampf gegen das Pri­vat­ei­gen­tum machen.

Es gehört schon ein beträcht­li­ches Maß an inter­es­sier­tem Analpha­be­tis­mus dazu, aus dem alten Mani­fest, das zur Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums, zum Angriff auf das kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis auf­ruft, Marx’ Dia­gnose des Klas­sen­ge­gen­sat­zes glatt zu eli­mi­nie­ren und statt des­sen eine gelun­gene Beschrei­bung der Pro­blem­lage unse­rer heu­ti­gen Wirt­schafts­füh­rer mit ihren „Stand­orts­or­gen“ herauslesen.

Aber es kommt noch bes­ser: Der Wirt­schafts­fach­mann des Han­dels­blatts seufzt nach einem „neuen Marx“, damit er und sei­nes­glei­chen sich im – von ihm und sei­nes­glei­chen sonst immerzu geprie­se­nen – „freien Spiel der Märkte“, das ohne jede Pla­nung doch bekannt­lich so wun­der­bar funk­tio­niert und letzt­lich der Men­schen­na­tur so unnach­ahm­lich ent­spricht, noch zurecht­fin­den kön­nen oder doch zumin­dest den einen oder ande­ren Tip bekom­men könn­ten, wo sich das Inves­tie­ren noch lohnt…

„Marx und Engels ver­stan­den sehr viel von der Öko­no­mie ihrer dama­li­gen Zeit. Leb­ten sie heute, wären sie ver­mut­lich keine Kom­mu­nis­ten, son­dern libe­rale, das heißt beam­tete Pro­fes­so­ren der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Auch in die­ser Eigen­schaft wür­den sie sicher­lich mehr leis­ten als die unent­wegte Repro­duk­tion von Adam-​Smith-​Zitaten. Sie wür­den viel­leicht doch den Mut haben, auch einen Bilck in die Zukunft zu rich­ten, und wenigs­tens eine Theo­rie des Glo­ba­lis­mus ent­wi­ckeln. Denn wenn schon Pro­duk­tion und Kon­sum­tion immer kos­mo­po­li­ti­scher wer­den müs­sen, wenn den natio­na­len Indus­trien der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen wird, wenn alles Stän­di­sche und Ste­hende ver­damp­fen muß, von den natio­na­len Wäh­run­gen bis zu den natio­na­len Tarif– und Sozi­al­sys­te­men: Warum gibt es keine „All­ge­meine Theo­rie“ sol­cher Ver­än­de­run­gen? Warum gibt es keine Kon­zepte, was in Deutsch­land an die Stelle der Tarif­au­to­no­mie tre­ten könnte, wie sich die Sozi­al­ver­si­che­run­gen bei sin­ken­den Löh­nen finan­zie­ren lie­ßen, wel­che Trans­fer­leis­tun­gen in Europa not­wen­dig wer­den, wenn der Wett­be­werb der Wäh­run­gen außer Kraft gesetzt wird? Und warum muß die Welt immer über­rascht wer­den von Wäh­rungs­kri­sen wie in Süd­ame­rika, Mexiko oder in den asia­ti­schen Tiger­staa­ten? Warum steht das Wis­sen um die Gebrech­lich­keit sol­cher Staa­ten immer erst nach­träg­lich und nie recht­zei­tig zur Verfügung?“

Ein paar Zei­len vor­her war sich der Handelsblatt-​Schreiber zwar sicher, daß „Marx und Engels sicher gute Dia­gnos­ti­ker, aber unfä­hige The­ra­peu­ten“ waren – aber was soll’s: Auf den klei­nen Neben­wi­der­spruch kommt es auch schon nicht mehr an bei einem Men­schen, der unge­rührt zu Pro­to­koll gibt, daß die Wirt­schafts­weise, deren hun­dert­pro­zen­ti­ger Anhän­ger er ist, nach Geset­zen vor sich hin funk­tio­niert, die kei­ner ihrer Akteure oder Ideo­lo­gen durch­schaut. Die­sem geball­ten wirt­schaft­li­chen Sach­ver­stand ist des­halb auch völ­lig selbst­ver­ständ­lich, daß eine „Theo­rie der Glo­ba­li­sie­rung“ nie und nim­mer auf die fun­da­men­tale Kri­tik einer Öko­no­mie hin­aus­läuft, die sol­che wahn­wit­zi­gen Ver­hält­nisse pro­du­ziert. Nein, beim Han­dels­blatt ist der markt­wirt­schaft­li­che Rea­lis­mus zu Hause, und für den ist „Theo­rie“ so unge­fähr das­selbe wie ein Kon­zept zur „sozi­al­ver­träg­li­chen Sen­kung der Lohn­kos­ten“ am Stand­ort Deutsch­land oder ein paar ast­reine Tips fürs Finanz­ka­pi­tal, wel­cher „emer­ging mar­ket“ auch über­mor­gen noch einer ist… Sol­che Kon­zepte gibt es nun wirk­lich mas­sen­haft, fabri­ziert von „libe­ra­len Wirt­schafts­pro­fes­so­ren“ und Wirt­schafts­in­sti­tu­ten, dazu muß man nicht den alten Marx aus­gra­ben und auch noch pos­tum ver­be­am­ten! Aber genau­ge­nom­men seufzt der Mann vom Han­dels­blatt weder nach einer „Theo­rie der Glo­ba­li­sie­rung“ noch nach aktu­el­len wirt­schafts­po­li­ti­schen Kon­zep­ten und Pro­gno­sen, son­dern nach einer unschlag­ba­ren Erfolgs­stra­te­gie für den Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land in der welt­wei­ten Kon­kur­renz. Da wird er sich wohl auch zukünf­tig mit der unent­weg­ten Repro­duk­tion von Gejam­mer beschäf­ti­gen kön­nen, daß man ange­sichts der „freien Kon­kur­renz der Märkte“ immer erst nach­träg­lich weiß, wo sich ein Geschäft gelohnt hat und wo nicht. Falls der unwahr­schein­li­che Fall ein­tritt, daß er irgend­wann wis­sen will, woran das liegt: Sollte er viel­leicht ein­fach mal ein biß­chen mar­xis­ti­sche Theo­rie studieren…

Das würde auch einem wei­te­ren kri­ti­schen Geist nichts scha­den, der damit angibt, nicht nur das Mani­fest, son­dern auch das „Kapi­tal“ gele­sen zu haben, um dann zu fol­gen­der Erkennt­nis zu kommen:

„Zumin­dest das Kapi­tal ist, wie mitt­ler­weile sogar Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler begrei­fen, kein Pro­gramm zur Abschaf­fung, son­dern im Gegen­teil eine Art Bibel des Kapi­ta­lis­mus, mit einem hohen Anteil von pro­phe­ti­schen Büchern, in denen die Ent­wick­lung von Welt und Wirt­schaft beängs­ti­gend genau vor­her­be­rech­net wird, inklu­sive Glo­ba­lis­mus und Geld­han­del­sirr­sinn. Wobei Irr­sinn bloß so ein jour­na­lis­ti­scher Aus­rut­scher ist; Marx sel­ber, kühl bis ans Herz, behaup­tete, das müsse so sein. Und setzt nicht ein­mal das Wört­chen ‚lei­der‘ hinzu, jeden­falls nicht im Kapi­tal. Gar nicht dumm im ana­ly­ti­schen Teil liest sich auch das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest. Wenn bloß die­ser merk­wür­dige Schluß­satz nicht wäre: ‚Pro­le­ta­rier aller Län­der, ver­ei­nigt euch!‘ Ja, wozu denn, um Him­mels wil­len?“ (Rai­ner Ste­phan, SZ 3.3.98)

Ziem­lich dumm im ana­ly­ti­schen Teil. Aber wir buch­sta­bie­ren gerne noch ein­mal für die Analpha­be­ten aller Län­der: Die­ser „merk­wür­dige Schluß­satz“ kommt so zustande: Nach­dem der Klas­sen­feind – die Bour­geoi­sie – cha­rak­te­ri­siert ist, wer­den ihre not­wen­di­gen Opfer – die „Pro­le­ta­rier aller Län­der“ – zum Klas­sen­kampf gegen die welt­weite Herr­schaft des Pri­vat­ei­gen­tums und seine poli­ti­schen Garan­ten auf­ge­ru­fen. Wir bezwei­feln bloß, daß diese Erläu­te­rung etwas nutzt ange­sichts der beacht­li­chen geis­ti­gen Leis­tung des Herrn Ste­phan, die oppo­si­tio­nelle Stel­lung gegen das Pri­vat­ei­gen­tum aus dem Marx’schen Schrift­tum ein­fach aus­zu­blen­den. Oder wie sonst sollte man dar­auf kom­men, im „Kapi­tal“ eine Art „Bibel des Kapi­ta­lis­mus“ zu sehen, die „bloß“ mal eben „kühl“ dar­stellt, daß im Kapi­ta­lis­mus alles so sein muß, wie es ist? Ja, wenn das Wört­chen „lei­der“ wenigs­tens ab und zu zum Ein­satz gekom­men wäre, dann hätte man sich als mora­li­scher Mensch viel­leicht vor­stel­len kön­nen, daß Marx irgend­et­was Grund­sätz­li­ches an den kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen aus­zu­set­zen hatte. Aber so, so hat er ja „nur“ die Sys­te­ma­tik der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise ana­ly­siert und die Not­wen­dig­keit des Elends einer gan­zen Klasse erklärt. Und weil er diese Not­wen­dig­kei­ten des Sys­tems ana­ly­siert hat, hat Marx auch gewußt, daß das Elend die­ser Welt nicht mit einem herz­zer­rei­ßen­den „Lei­der“ zu beden­ken ist – das hat er den Pfaf­fen und Sys­tem­ver­bes­se­rern über­las­sen. Denn gerade weil der Kapi­ta­lis­mus, solange es ihn gibt, so funk­tio­niert, wie er eben funk­tio­nie­ren muß, hat Marx dar­auf bestan­den, daß die­ses Sys­tem nicht ver­bes­sert, son­dern abge­schafft wer­den muß. Das alles hat Herr Ste­phan lie­ber nicht zur Kennt­nis neh­men wol­len. Fürs Leben gemerkt hat er sich statt des­sen: „Der Kapi­ta­lis­mus ist ein amo­ra­li­sches Sys­tem“ – aber was sein muß, muß wohl sein, lei­der, leider…

Ande­rer­seits kann man gar nicht oft genug beto­nen, daß die „bedau­er­li­chen Zustände des Man­ches­ter­ka­pi­ta­lis­mus“, die nach Aus­kunft der heu­ti­gen Rezen­sen­ten des Mani­fests damals durch­aus zu Recht ange­pran­gert wur­den, mitt­ler­weile längst über­wun­den sind. Wenn man es rich­tig liest, ist das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest nämlich:

3. Eine Sozial-​Charta, die durch die soziale Markt­wirt­schaft längst ein­ge­löst ist

Denn nicht nur in ihren Dia­gno­sen – oder genauer gesagt: ihren angeb­li­chen Pro­gno­sen – auch in der vor­ge­schla­ge­nen The­ra­pie bekom­men die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests von ihren moder­nen Fans ein dickes Lob. Mit Begeis­te­rung stür­zen sie sich auf die 10 For­de­run­gen, die am Ende des 2. Kapi­tels als pas­sende nächste Schritte hin zur pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion auf­ge­lis­tet wer­den: For­de­run­gen, die ein etwas eigen­ar­ti­ges Sam­mel­su­rium dar­stel­len: von der Expro­pria­tion des Grund­ei­gen­tums und Ver­wen­dung der Grund­rente zu Staats­aus­ga­ben über die Ein­füh­rung einer Pro­gres­siv­steuer bis zur Zen­tra­li­sa­tion des Kre­dits in den Hän­den des Staa­tes und der Besei­ti­gung des Unter­schieds von Stadt und Land … wird hier für inter­es­sierte moderne Ideo­lo­gen eini­ges Mate­rial gebo­ten. Daß nicht jeder der bele­se­nen Kom­men­ta­to­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes das Vor­wort zu des­sen zwei­ter Auf­lage aus dem Jahre 1872 gele­sen hat, will man ihnen nicht unbe­dingt vor­wer­fen. Obwohl sie dann hät­ten zur Kennt­nis neh­men kön­nen, daß Marx und Engels sich ziem­lich bald nach Erschei­nen des Mani­fests eines Bes­se­ren beson­nen hat­ten und sich von die­sen 10 For­de­run­gen dis­tan­zier­ten. Was die Lek­türe des Mani­fes­tes sel­ber betrifft, muß man aller­dings auch an die­ser Stelle wie­der eine aus­ge­prägte Form der Lese­schwä­che bei den Rezen­sen­ten fest­stel­len. Denn immer­hin wer­den dort diese For­de­run­gen cha­rak­te­ri­siert als

„Maß­re­geln, die öko­no­misch unzu­rei­chend und unhalt­bar erschei­nen, die aber im Laufe der Bewe­gung über sich hin­aus­trei­ben und als Mit­tel zur Umwäl­zung der gan­zen Pro­duk­ti­ons­weise unver­meid­lich sind“.

Einen „kon­kre­ten Teil­er­folg“ konn­ten sich die bei­den Revo­lu­tio­näre also vor­stel­len auf dem Weg zum eigent­li­chen Ziel der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion – einer der schlech­te­ren Ein­fälle des Mani­fes­tes, doch dazu spä­ter. Daß die Erfül­lung die­ser For­de­run­gen nicht mit dem End­ziel der Revo­lu­tion, die sie ansta­cheln woll­ten, zu ver­wech­seln sein sollte, haben die Auto­ren also deut­lich zu Papier gebracht. Aber was kann man machen, wenn die Nach­welt nicht lesen, son­dern sich sel­ber loben will?

„Die wah­ren Voll­stre­cker des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests waren jene Sozi­al­de­mo­kra­ten, wel­che das all­ge­meine Wahl­recht und damit den Staat erober­ten… Die demo­kra­ti­schen Sozia­lis­ten – auch wenn sie sich nicht immer so nann­ten – unter­war­fen das Eigen­tum dem Wohl der All­ge­mein­heit, die Hälfte des Sozi­al­pro­dukts der Ver­wal­tung durch den demo­kra­ti­schen Staat. Sie ori­en­tier­ten den Lohn nicht mehr an den gerings­ten Unter­halts­kos­ten, son­dern am Leis­tungs­prin­zip – laut Marx (1875) Kenn­zei­chen einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung, der­weil im her­nach ange­peil­ten Schla­raf­fen­land einer ‚kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung‘ jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen zuge­teilt wer­den sollte. Das gilt auf nied­rigs­tem Niveau in Deutsch­land bereits für Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, eine Errun­gen­schaft mit Anzie­hungs­kraft. Die Pro­le­ta­rier haben jeden­falls längst mehr zu ver­lie­ren als ihre Ket­ten, es fragt sich nur, ob es dabei bleibt. Das Sofort­pro­gramm des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests ist de facto, auch wenn ein neues Man­ches­ter­tum gerade wie­der eine Wende rück­wärts pro­biert, bei­nahe ver­wirk­licht – von der star­ken Pro­gres­siv­steuer bis zur öffent­li­chen unent­gelt­li­chen Erzie­hung der Kin­der und der Über­win­dung des Gegen­sat­zes von Stadt und Land.“ (Fried­jof Meyer, Spie­gel 16.3.98)

Was soll man dazu noch sagen? Der Mann ver­wech­selt Marx’ For­de­rung, „jeden nach sei­ner Leis­tung“ am gesell­schaft­li­chen Reich­tum zu betei­li­gen, mit dem „Leis­tungs­lohn“, den das Kapi­tal als Mit­tel ein­setzt, um „Arbeits­plätze“ ren­ta­bel zu machen – als würde da aus­ge­rech­net die Arbeits­leis­tung bezahlt! Da drängt sich doch die Frage auf, ob die­ser Experte, der im „Spie­gel“ als Ken­ner der Mate­rie, näm­lich als „jun­ger Sozia­list von 1961“, vor­ge­stellt wird, je eine Zeile in den Lohn­ka­pi­teln des ers­ten Ban­des des „Kapi­tal“ gele­sen hat? Falls ja, spricht das erst recht gegen sei­nen Geis­tes­zu­stand. Dort erklärt Marx näm­lich den Leis­tungs­lohn kei­nes­wegs als einen Schritt in die rich­tige Rich­tung zur „Über­gangs­ge­sell­schaft“, in der „jeder nach sei­ner Leis­tung“ über den gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Reich­tum ver­fü­gen kön­nen sollte, son­dern als Mit­tel der Lohn­sen­kung für abhän­gige Lohn­ar­bei­ter, die durch die Form der Lohn­zah­lung von vorn­her­ein von der Ver­fü­gung über den Reich­tum, den sie pro­du­zie­ren, aus­ge­schlos­sen sind. Drol­lig auch der Ein­fall, die deut­sche Sozi­al­hilfe – mit ihren üppi­gen „Kör­ben“: 1 Kino­karte pro Monat, 1 Paar Schuhe pro Sai­son, 1 Schach­tel Ziga­ret­ten pro Woche… – als Beginn des Prin­zips „jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen“ zu fei­ern – wenn auch „auf nied­rigs­tem Niveau“, das ver­steht sich für einen Mann, des­sen Bedürf­nis­hori­zont wohl kaum der „Anzie­hungs­kraft“ der Bedürf­nis­be­frie­di­gung durch bun­des­deut­sche Sozi­al­äm­ter erlie­gen dürfte. Jedem das Seine eben, da kennt ein auf­ge­klär­ter Geist sich aus. Einer, der ins Schwär­men gerät bei der schö­nen Vor­stel­lung einer Asso­zia­tion, „worin die freie Ent­wick­lung eines jeden die Bedin­gung für die freie Ent­wick­lung aller ist“, und der ein paar Zei­len wei­ter zu Papier bringt, daß er jeden­falls sich unter einem erstre­bens­wer­ten „Schla­raf­fen­land“ – was im übri­gen im Pro­gramm von Marx und Engels nie vor­ge­se­hen war – nichts ande­res vor­stel­len kann als ein gro­ßes Sozi­al­amt, das „jedem zuteilt“, was ihm zusteht. Dafür braucht es wirk­lich keine sozia­lis­ti­sche Revo­lu­tion, da hat der Mann aus­nahms­weise recht.

Die vir­tuose Gleich­set­zung „Kom­mu­nis­mus = Schla­raf­fen­land = BRD-​Sozialpolitik“ beherr­schen auch andere ori­gi­nelle Kommentatoren:

„Im Mani­fest wird das Schla­raf­fen­land einer Gesell­schaft nach der Erobe­rung der poli­ti­schen Herr­schaft durch das Pro­le­ta­riat und der Ent­eig­nung der Bour­geoi­sie wie folgt beschrie­ben: Ein­füh­rung einer pro­gres­si­ven Ein­kom­mens­steuer; Ver­wen­dung der Grund­rente zu Staats­aus­ga­ben; Abschaf­fung des Erb­rech­tes; Zen­tra­li­sa­tion des Kre­dits durch eine Natio­nal­bank mit Staats­ka­pi­tal und aus­schließ­li­chem Mono­pol; Zen­tra­li­sa­tion des Trans­port­we­sens in den Hän­den des Staa­tes; öffent­li­che und unent­gelt­li­che Erzie­hung aller Kin­der, Besei­ti­gung der Fabrik­ar­beit der Kinder.

Die pro­gres­sive Ein­kom­mens­steuer, die Grund­steuer, die Erb­schafts­steuer, die Bun­des­bank, die staat­li­che Eisen­bahn, das Ver­bot der Kin­der­ar­beit, die unent­gelt­li­che Aus­bil­dung von Kin­dern und Stu­den­ten: Das alles sind nun Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in einer Demo­kra­tie mit all­ge­mei­nem Wahl­recht. Für diese Errun­gen­schaf­ten, die für Marx noch eine Uto­pie waren, brauchte man keine kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tion.“ (Hans Mun­dorf, HB 25.2.98)

Sehen wir erneut davon ab, daß diese For­de­run­gen im Mani­fest kei­nes­wegs als End­ziel der Revo­lu­tion aus­ge­ge­ben wer­den. Und sehen wir ab von ein paar klei­nen Umin­ter­pre­ta­tio­nen der zitier­ten For­de­run­gen durch den Schrei­ber des Han­dels­blatts – die öffent­li­che und unent­gelt­li­che Erzie­hung aller Kin­der z.B. ist ein biß­chen etwas ande­res als die unent­gelt­li­che Unter­rich­tung an öffent­li­chen Schu­len; soweit uns bekannt ist, sind die Las­ten der Auf­zucht des Nach­wuch­ses ein­schließ­lich der nicht uner­heb­li­chen Kos­ten, die zumin­dest eine „höhere“ Aus­bil­dung bedeu­tet, wei­ter­hin voll und ganz Pri­vat­sa­che der glück­li­chen Eltern; und erst recht ist die Abschaf­fung des Erbrechts, gelinde gesagt, ein etwas radi­ka­le­rer Ein­griff in die Geschäfts­ord­nung des Pri­vat­ei­gen­tum als die Erhe­bung einer Erb­schafts­steuer; das Enteigungs-​Geschrei in der Redak­tion des Han­dels­blatts kön­nen wir uns jeden­falls leb­haft vor­stel­len, falls je eine Staats­ge­walt die Abschaf­fung des Erbrechts in Erwä­gung zie­hen würde… Aber wie gesagt: Wenn man von alle­dem absieht, dann kön­nen wir getrost davon aus­ge­hen, daß Marx und Engels heute für das Han­dels­blatt Gast­kom­men­tare ver­fer­ti­gen würden.

Falls sie nicht damit beschäf­tigt wären, Sonn­tags­pre­dig­ten zu ver­fas­sen. Denn zu allem Über­fluß wird das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest auch noch ent­larvt als

4. Eine wert­volle Schrift zur mora­li­schen Erbauung

Die FAZ läßt einen ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest zusam­men mit dem Neuen Tes­ta­ment als „Doku­mente der Hoff­nung“ loben, die zur mora­li­schen Ertüch­ti­gung der Jugend auch heute noch enorm viel bei­tra­gen können:

„Eltern und Leh­rer soll­ten junge Men­schen dazu ermun­tern, beide Bücher zu lesen. Es wird der mora­li­schen Hal­tung der jun­gen Leute för­der­lich sein. Wir soll­ten unsere Kin­der so erzie­hen, daß sie es uner­träg­lich fin­den, wenn wir, die wir hin­ter unse­ren Schreib­ti­schen sit­zen und auf Tas­ta­tu­ren her­um­fin­gern, zehn­mal mehr ver­die­nen als die Men­schen, die sich beim Rei­ni­gen unse­rer Toi­let­ten die Fin­ger schmut­zig machen, und hun­dert­mal mehr als jene, die in der Drit­ten Welt unsere Tas­ta­tu­ren zusam­men­bauen. Wir soll­ten dafür sor­gen, daß es ihnen Sorge und Kum­mer berei­tet, wenn die Län­der, die sich zuerst indus­tria­li­siert haben, hun­dert­mal rei­cher als jene sind, die noch nicht indus­tria­li­siert sind.…. Es ist heute so wahr wie 1848, daß die Rei­chen immer ver­su­chen wer­den, rei­cher zu wer­den, indem sie die Armen ärmer machen, daß die voll­stän­dige Ver­wand­lung der Arbeit in eine Ware zur Ver­elen­dung der Lohn­emp­fän­ger füh­ren wird und daß ‚die moderne Staats­ge­walt… nur ein Aus­schuß ist, der die gemein­schaft­li­chen Geschäfte der gan­zen Bour­geois­klasse ver­wal­tet‘.… Am bes­ten wäre es wohl, wir fän­den ein neues Doku­ment, das den Kin­dern Inspi­ra­tion und Hoff­nung ver­mit­telt und dabei weder mit den Män­geln des Neuen Tes­ta­ments noch denen des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests behaf­tet ist. Es wäre gut, wenn wir einen refor­mis­ti­schen Text ohne die apo­ka­lyp­ti­sche Prä­gung die­ser bei­den Bücher besä­ßen – einen Text, der nicht behaup­tet, ‚alles‘ müsse erneu­ert wer­den, Gerech­tig­keit könne ‚nur erreicht wer­den durch den gewalt­sa­men Umsturz aller bis­he­ri­gen Gesell­schafts­ord­nung‘. Es wäre gut, wenn wir ein Doku­ment besä­ßen, das die Ein­zel­hei­ten einer dies­sei­ti­gen Uto­pie erläu­tert, ohne zu behaup­ten, daß diese Uto­pie mit einem Schlag in Erschei­nung tre­ten werde, sobald nur diese oder jene ‚ent­schei­dende‘ Ver­än­de­rung zustande gebracht – das Pri­vat­ei­gen­tum abge­schafft oder Jesus in unser aller Her­zen ein­ge­zo­gen sei.“ (Richard Rorty, FAZ 20.2.98)

Das haben wir gerne, erst den Kin­dern „Kum­mer und Sorge“ über das Elend der Welt berei­ten; auch noch andeu­ten, daß das mit den „gemein­schaft­li­chen Geschäf­ten der Bour­geois­klasse“ zu tun hat, bloß um dann bei der wei­sen Ermah­nung zu lan­den, daß nichts fata­ler wäre als ein Umsturz der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, die für Kum­mer und Sorge aller­hand Mate­rial lie­fern. Und was machen dann die Kin­der mit all ihrem Kum­mer? Keine Frage: Sie wer­den zu sor­gen­vol­len Moral­apos­teln, die – falls sie das Glück haben, einer jener raren gut dotier­ten Pos­ten an einer Tas­ta­tur zu ergat­tern – die Rest­mensch­heit an ihren Träu­men vom dies­sei­ti­gen Para­dies teil­haf­tig wer­den las­sen. Für jeman­den, für den „das Pri­vat­ei­gen­tum abschaf­fen“ und „Jesum in unser aller Her­zen ein­zie­hen las­sen“ so unge­fähr das­selbe ist, ist auch die Rück­ver­wand­lung des Mar­xis­mus von der Wis­sen­schaft zur Uto­pie eine der leich­te­ren Übungen.

Wenn er das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest nicht bloß auf der Suche nach sei­ner mensch­heits­be­glü­cken­den Inspi­ra­tion abge­grast hätte, wäre der Pro­fes­sor aus Ame­rika viel­leicht sogar über die Kri­tik gestol­pert, die zwei Kom­mu­nis­ten bereits vor 150 Jah­ren an gewis­sen mora­li­schen Spin­nern zu Papier gebracht haben:

„Ein Teil der Bour­geoi­sie wünscht den sozia­len Miß­stän­den abzu­hel­fen, um den Bestand der bür­ger­li­chen Gesell­schaft zu sichern. Es gehö­ren hier­her: Öko­no­mis­ten, Phil­an­thro­pen, Huma­ni­täre, Ver­bes­se­rer der Lage der arbei­ten­den Klasse, Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sie­rer, Abschaf­fer der Tier­quä­le­rei, Mäßig­keits­ver­eins­stif­ter; Win­kel­re­for­mer der bunt­sche­ckigs­ten Art. Und auch zu gan­zen Sys­te­men ist die­ser Bour­geois­so­zia­lis­mus aus­ge­ar­bei­tet worden.“

Er ist eben wirk­lich immer wie­der brand­ak­tu­ell, der alte Marx…

Das meint auch der Rezen­sent, den „Die Zeit“ anläß­lich des run­den Geburts­tags auf das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest ange­setzt hat: Der liest eben sein spe­zi­el­les „Sys­tem des Bour­geois­so­zia­lis­mus“ aus dem Papier heraus:

„Die Geschichte rollt rück­wärts. Poli­zis­ten ver­trei­ben Bett­ler aus den Shop­ping Malls, die Rück­re­form zum drei­glied­ri­gen Schul­sys­tem wird gefor­dert, der Kanz­ler mahnt die Kir­chen, sich mehr um die Schäf­chen­see­len als um die Gerech­tig­keit der Märkte zu sor­gen. Der Sozio­loge Ulrich Beck pro­pa­giert die Wie­der­ein­füh­rung von Ehren­zei­chen für Gemein­wohl­ar­beit, und der CDU-​Vordenker Klaus Haef­ner schlägt vor, das über­flüs­sige Drit­tel der Bevöl­ke­rung statt mit Geld mit staat­lich pro­du­zier­ten Bil­li­gna­tu­ra­lien (Klei­dung, Essen, Woh­nung) zu ver­sor­gen. Stück für Stück ver­schwin­det eine Ord­nung, in der Selbst­ent­fal­tung, Sicher­heit und Gerech­tig­keit an den Sta­tus des Arbeits-​Bürgers geknüpft waren.“ (Mathias Greif­frath, Die Zeit 5.2.98)

Sehen wir ein­mal dar­über hin­weg, wie hier die ver­flos­se­nen Zei­ten des bun­des­deut­schen „Wirtschaftswunder-​Kapitalismus“ ver­herr­licht wer­den. Hal­ten wir fest, daß der Mann offen­sicht­lich meint, daß die Zustände, die er nicht lei­den kann und als „Rolle rück­wärts“ der Geschichte inter­pre­tiert, durch die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft pro­du­ziert wer­den. Warum meint er dann ein paar Zei­len spä­ter, daß fol­gen­des Nietzsche-​Zitat die Sache auf den Punkt bringt?

„Aber Fort­schritt ‚ist mög­lich‘, schrieb der Skep­ti­ker Nietz­sche, wenn eine ‚bewußte Kul­tur‘ die ‚die Erde als Gan­zes öko­no­misch ver­walte‘ und ‚die Men­schen sel­ber sich öku­me­ni­sche, die Erde umspan­nende Ziele stel­len‘. Heute heißt das, in einer demo­kra­ti­schen Welt­ord­nung unglei­che Ent­wick­lung poli­tisch her­bei­zu­füh­ren: ein mit dem Über­le­ben der Natur­ba­sis ver­träg­li­ches, nach­hal­ti­ges Wachs­tum im Süden, eine öko­lo­gi­sche Abrüs­tung des ener­gie– und mate­ri­al­fres­sen­den Nor­dens… Das Wort ‚Pro­le­ta­riat‘ ist heute ebenso ver­braucht wie ‚Klas­sen­kampf‘, aber in der Idee einer welt­wei­ten Lern­be­we­gung, nicht in einem irdi­schen Schla­raf­fen­land liegt die immer noch gül­tige Idee des ‚Mani­fests‘: in der Pos­tu­lie­rung einer Mensch­heit, in der jeder und jede sich als Gat­tungs­we­sen denkt, fühlt und ebenso han­delt.“ (a.a.O.)

So ein­fach ist das: Mit dem schlich­ten Hin­weis, daß auch Wör­ter sich „ver­brau­chen“ kön­nen (durch zu häu­fige Benut­zung?), wird auch die Sache, die sie bezeich­nen, aus der Welt geschafft. Das Resul­tat: „Pro­le­ta­riat“ und „Klas­sen­kampf“ sind out, „Lern­be­we­gung“ und „Gat­tungs­we­sen“ sind in. Was küm­mert es, daß „Gat­tungs­we­sen“ so ziem­lich das Gegen­teil aus­drückt von dem, was mit Pro­le­ta­riat bestimmt war. Denn „Gat­tungs­we­sen“, das meint doch wohl: „Wir“ – „Unter­neh­mer“ und „Arbei­ter“, „Poli­ti­ker“ und „Unter­ta­nen“ – sit­zen letzt­lich alle in einem Boot – dem „Raum­schiff Erde“ oder so – und müs­sen end­lich, end­lich die „Lern­be­we­gung“ hin zur Öko­lo­gie machen.… Nein, so blöd war Marx nicht. Der hat zwar schon vor über 100 Jah­ren die Rui­nie­rung der Umwelt – obwohl die damals noch gar nicht so hieß – kri­ti­siert. Er hat aber immer dazu­ge­sagt, daß es die Geschäfts­prin­zi­pien der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft sind, die für das wach­sende Elend der Mas­sen und die Ver­gif­tung ihrer natür­li­chen Lebens­be­din­gun­gen sorgen.

*

Die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes woll­ten nicht zu einer Samm­lung von „ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Gat­tungs­we­sen“ auf­ru­fen, son­dern deut­lich machen, daß die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion von Reich­tum zur welt­wei­ten Ver­elen­dung der Arbei­ter führt. Sie haben das für einen uner­träg­li­chen Wider­spruch gehal­ten, der nach Auf­lö­sung schreit. Aller­dings einer Auf­lö­sung, die nicht zwangs­läu­fig erfolgt; sonst hät­ten sie sich die Abfas­sung eines Mani­fes­tes auch spa­ren kön­nen. Sie waren von der Not­wen­dig­keit einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion in dem Sinn über­zeugt, daß sie gemacht wer­den muß.

Gerade inso­fern ist das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest aller­dings eini­ger­ma­ßen kritikabel.

II. Das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest – Ein Umsturz­pro­gramm: schlecht begrün­det, leicht ver­lo­gen und poli­tisch eher irreführend

1. Kapi­tel: „Bour­geois und Proletarier“

a) Die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Bourgeoisie

Das Mani­fest beginnt mit einem Über­blick über die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, die mit der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise über die Welt kom­men. Die Absicht der Auto­ren ist deut­lich: Der Klas­sen­feind wird bestimmt. Eine neue herr­schende Klasse ist dabei, die Welt „nach ihrem Bild“ umzu­mo­deln. Ihr Mate­ria­lis­mus des Gel­des treibt sie nicht nur zur Umwäl­zung aller über­kom­me­nen, son­dern auch zur per­ma­nen­ten Revo­lu­tio­nie­rung der von ihr selbst geschaf­fe­nen Verhältnisse:

„Die fort­wäh­rende Umwäl­zung der Pro­duk­tion, die unun­ter­bro­chene Erschüt­te­rung aller gesell­schaft­li­chen Zustände, die ewige Unsi­cher­heit und Bewe­gung zeich­net die Bour­geoi­sepo­che vor allen ande­ren aus.“

Die Macht dazu, stän­dig alles umzu­wäl­zen, erhält die Bour­geoi­sie von der herr­schen­den Staats­ge­walt, die Marx im Mani­fest als den „Aus­schuß“ bezeich­net, „der die gemein­schaft­li­chen Geschäfte der gan­zen Bougeois­klasse ver­wal­tet.“ Das Ganze geschieht auf Kos­ten der ebenso neu­ar­ti­gen arbei­ten­den Klasse: Die Lohn­ar­bei­ter sind die not­wen­di­gen Opfer einer Pro­duk­ti­ons­weise, in der die Schaf­fung eines gigan­ti­schen Reich­tums auf der Armut derer beruht, die ihn pro­du­zie­ren. Ein so noch nie dage­we­se­ner Klas­sen­ge­gen­satz ist also in der Welt – eine beson­ders „unver­schämte“ Form von „Ausbeutung“.

Soweit die Schil­de­rung der Sach­lage. Wie kom­men die Auto­ren des Mani­fests dann aber auf den Ein­fall, zur Erläu­te­rung die­ser Zustände einen Kurz­durch­gang durch die Mensch­heits­ge­schichte anzu­bie­ten, in dem alle rich­ti­gen Aus­sa­gen über die Bour­geoi­sie ein­ge­packt wer­den in eine Theo­rie über ein angeb­lich immer­wäh­ren­des Ent­wick­lungs­prin­zip der Geschichte – von wegen: „Die Geschichte aller bis­he­ri­gen Gesell­schaft ist die Geschichte von Klas­sen­kämp­fen“ –? Was soll die Ver­si­che­rung: „Wir sehen also, wie die moderne Bour­geoi­sie selbst das Pro­dukt eines lan­gen Ent­wick­lungs­gangs, einer Reihe von Umwäl­zun­gen in der Pro­duk­ti­ons– und Ver­kehrs­weise ist.“? Selbst wenn es so gewe­sen sein sollte, daß „Unter­drü­cker und Unter­drückte … in ste­tem Gegen­satz zuein­an­der [stan­den], … einen unun­ter­bro­che­nen, bald ver­steck­ten, bald offe­nen Kampf [führ­ten], einen Kampf, der jedes­mal mit einer revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tung der gan­zen Gesell­schaft endete oder mit dem gemein­sa­men Unter­gang der kämp­fen­den Klas­sen“ – was hilft ein sol­cher Hin­weis auf das, was angeb­lich immer schon so war, zur Erläu­te­rung der Eigen­tüm­lich­kei­ten der neuen, alles revo­lu­tio­nie­ren­den Produktionsweise?

Tat­säch­lich paßt die von Marx und Engels ange­bo­tene Ein­ord­nung der neuen Bourgeois-​Herrschaft in eine all­ge­meine Geschichte der mensch­li­chen Aus­beu­tung noch nicht ein­mal zu dem, was sie zur Sache zu sagen haben. Nicht bloß, daß bei dem beredt beschwo­re­nen Tri­umph der kapi­ta­lis­tisch pro­du­zie­ren­den Bour­geoi­sie über die alten feu­da­len Ver­hält­nisse von einem Auf­stand der Unter­drück­ten gegen ihre Unter­drü­cker wahr­haf­tig nicht die Rede sein kann: Auch über den neuen Klas­sen­ge­gen­satz, den das sieg­rei­che Bür­ger­tum eröff­net, wis­sen die Auto­ren ganz andere Dinge mit­zu­tei­len, als daß es sich um eine Neu­auf­lage der alten Story von „Freier und Sklave, Patri­zier und Ple­be­jer“ usw. han­deln würde. Pran­gern sie doch eine ganz neu­ar­tige Sor­tie­rung von Arm und Reich, von Oben und Unten und eine frü­her undenk­bare Not­wen­dig­keit von Armut an:

„In den Kri­sen bricht eine gesell­schaft­li­che Epi­de­mie aus, wel­che allen frü­he­ren Epo­chen als ein Wider­sinn erschie­nen wäre – die Epi­de­mie der Über­pro­duk­tion. Die Gesell­schaft fin­det sich in einen Zustand momen­ta­ner Bar­ba­rei zurück­ver­setzt; … und warum? Weil sie zuviel Zivi­li­sa­tion, zuviel Lebens­mit­tel, zuviel Indus­trie, zuviel Han­del besitzt.“

Kor­rekt kenn­zeich­nen die Auto­ren den kapi­ta­lis­ti­schen Aber­witz, daß pro­du­zier­ter Über­fluß ganz unmit­tel­bar Not her­vor­bringt. Sie wis­sen also bereits im Moment der Durch­set­zung des neuen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­ses, daß die welt­weite Armut, die das Pri­vat­ei­gen­tum not­wen­di­ger­weise pro­du­ziert, mit den Hun­gers­nö­ten ver­gan­ge­ner Epo­chen, mit dem Feh­len von Lebens­mit­teln abso­lut nichts zu tun hat. Diese Erkennt­nis sub­su­mie­ren sie aber unter die Behaup­tung, das sei letzt­lich schon immer so gewe­sen, und brin­gen sie auf den abs­trak­ten Kalauer herunter:

„Auf einer gewis­sen Stufe der Ent­wick­lung … wider­spre­chen die Pro­duk­tiv­kräfte den Produktionsverhältnissen“.

Die­ser Wider­spruch hätte schon zum Unter­gang des Feu­da­lis­mus geführt; der­selbe Wider­spruch wäre nun der letzte Grund für den Unter­gang der Bourgeosie:

„Die bür­ger­li­chen Ver­hält­nisse sind zu eng gewor­den, um den in ihnen erzeug­ten Reich­tum zu fas­sen… Die Waf­fen, womit die Bour­geo­sie den Feu­da­lis­mus zu Boden geschla­gen hat, rich­ten sich jetzt gegen die Bour­geoi­sie selbst.“

An den kapi­ta­lis­ti­schen Kri­sen – mit Über­pro­duk­tion auf der einen Seite und Hun­gers­nö­ten auf der ande­ren – wol­len die Auto­ren des Mani­fests dann doch gar nicht so sehr die per­verse „Logik“ erkannt haben, nach der der bür­ger­li­che Laden sys­te­ma­tisch funk­tio­niert, son­dern eine geschicht­li­che Zwangs­läu­fig­keit, der­zu­folge die Bour­geoi­sie mit ihrer Durch­set­zung auch schon ihren Unter­gang betreibt.

In sei­ner Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie lie­fert Marx sel­ber die Kri­tik die­ser Idee. Wenn er im 15. Kapi­tel des 3. Ban­des des „Kapi­tal“ die Gesetz­mä­ßig­kei­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Krise ana­ly­siert, ist nicht mehr die Rede davon, daß ‚die bür­ger­li­chen Ver­hält­nisse zu eng wer­den für den erzeug­ten Reich­tum‘. Dort führt er aus, daß in Zei­ten der Über­ak­ku­mu­la­tion kapi­ta­lis­ti­scher Reich­tum ver­nich­tet wird, damit dann der ganze Zir­kus „mit erwei­ter­ten Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, mit einem erwei­terte Markt und mit erhöh­ter Pro­duk­tiv­kraft“ von neuem anfängt. Über­ak­ku­mu­la­tion führt perio­disch zur Ent­wer­tung und Ver­nich­tung von Pro­duk­tiv­kräf­ten, und das ist die Bedin­gung für den nächs­ten Zyklus, für „die Erobe­rung neuer Märkte und die gründ­li­chere Aus­beu­tung der alten“, wie es auch schon das Mani­fest sagt – das ist aber nicht das­selbe wie eine Krise des Kapi­ta­lis­mus oder gar der Anfang von des­sen zwangs­läu­fi­gem Ende wegen defi­ni­ti­ver Unver­träg­lich­keit von Pro­duk­tiv­kräf­ten und „bür­ger­li­chen Eigen­tums­ver­hält­nis­sen“.

Genau dar­auf jedoch: auf die Behaup­tung eines geschicht­lich zwangs­läu­fi­gen Schei­terns der Bour­geoi­sie an ihren eige­nen Errun­gen­schaf­ten, legt das Mani­fest gro­ßen Wert – aus­ge­rech­net das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest, das immer­hin den Anstoß zu einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion geben will, also doch irgend­wie davon aus­geht, daß die Herr­schaft der Kapi­ta­lis­ten­klasse sich nicht von selbst erle­digt. Die­sen prak­ti­schen Aus­gangs­punkt ihrer Bemü­hun­gen demen­tie­ren die Auto­ren aber gleich noch in einer ande­ren Hin­sicht: Der Herr­schaft der „bür­ger­li­chen Eigen­tums­ver­hält­nisse“ attes­tie­ren sie die groß­ar­tige Leis­tung, ein fal­sches Bewußt­sein über sie, also eine auf ver­kehrte Vor­stel­lun­gen gegrün­dete affir­ma­tive Stel­lung zu ihr, unmög­lich zu machen. Nie­mand, der sich nur umschaut in der Gesell­schaft, soll sich noch Illu­sio­nen machen kön­nen über die Haupt­front zwi­schen Aus­beu­tern und Ausgebeuteten.

„Sie (die Bour­geoi­sie) hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit reli­giö­sen und poli­ti­schen Illu­sio­nen ver­hüll­ten Aus­beu­tung die offene, unver­schämte, direkte, dürre Aus­beu­tung gesetzt… Alles Stän­di­sche und Ste­hende ver­dampft, alles Hei­lige wird ent­weiht, und die Men­schen sind end­lich gezwun­gen, ihre Lebens­stel­lung, ihre gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen mit nüch­ter­nen Augen anzusehen.“

Da wer­den der bür­ger­li­chen Gesell­schaft auf dem Felde der Bewußt­s­eins­bil­dung Wir­kun­gen zuge­schrie­ben, die ein­fach nicht stim­men: Aus­ge­rech­net im Kapi­ta­lis­mus, im Ver­hält­nis von Fabrik­herr und freiem Lohn­ar­bei­ter, oder modern: von Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer, soll die Aus­beu­tung nackt und dürr jedem vor Augen ste­hen und Nüch­tern­heit erzwin­gen! Es mag ja stim­men, daß die Bour­geoi­sie die ganze Welt ihrem Mate­ria­lis­mus des Gel­des unter­wirft und den gan­zen Rest der Gesell­schaft in den Sta­tus bezahl­ter Lohn­die­ner ver­setzt. Aber daß es des­halb keine Ideo­lo­gien mehr gäbe über die­ses Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis mit­samt sei­ner „Leis­tungs­ge­sell­schaft“ und sei­ner „freien Markt­wirt­schaft“, das kann ja wohl nicht wahr sein. Eben dies behaup­tet aber aus­ge­rech­net der Mann, der spä­ter den ‚Waren­fe­tisch‘ erklärt hat und im ent­spre­chen­den Kapi­tel des 1. Ban­des des „Kapi­tal“ fol­gen­des ausführt:

„Ver­set­zen wir uns … in das finstre euro­päi­sche Mit­tel­al­ter… Die Natu­ral­form der Arbeit, ihre Beson­der­heit, ist hier ihre unmit­tel­bare gesell­schaft­li­che Form. Die Fron­ar­beit ist eben­so­gut durch die Zeit gemes­sen wie die Waren pro­du­zie­rende Arbeit, aber jeder Leib­eigne weiß, daß es ein bestimm­tes Quan­tum sei­ner per­sön­li­chen Arbeits­kraft ist, die er im Dienst sei­nes Herrn ver­aus­gabt. Der dem Pfaf­fen zu leis­tende Zehn­ten ist kla­rer als der Segen des Pfaf­fen. Wie man daher immer die Cha­rak­ter­mas­ken beur­tei­len mag, worin sich die Men­schen hier gegen­über­tre­ten, die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse der Per­so­nen in ihren Arbei­ten erschei­nen jeden­falls als ihre eig­nen per­sön­li­chen Ver­hält­nisse und sind nicht ver­klei­det in gesell­schaft­li­che Ver­hält­nisse der Sachen, der Arbeits­pro­dukte… Jene alten gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­or­ga­nis­men sind außer­or­dent­lich viel ein­fa­cher und durch­sich­ti­ger als der bür­ger­li­che…“ (MEW 23, S. 91ff)

Der „alte“ Marx war also schlauer als der „junge“ – aber der war schließ­lich auch nicht der Dümmste. Wie kam der also dar­auf zu behaup­ten, mit dem Sieg der Bour­geoi­sie läge „die offene, dürre Aus­beu­tung“ jeder­mann so klar vor Augen wie ihm selbst? Offen­bar war ihm und sei­nem Genos­sen Engels an den erbit­ter­ten Arbei­ter­kämp­fen klar­ge­wor­den, daß das Pro­le­ta­riat schlech­ter­dings nicht über­le­ben konnte, ohne daß es sich gegen die Bour­geoi­sie zur Wehr setzte. Mit sei­ner Gegen­wehr rea­gierte die gerade ent­ste­hende Lohn­ar­bei­ter­klasse auf Lebens­um­stände, die auch glü­hende Anhän­ger unse­rer moder­nen „sozia­len Markt­wirt­schaft“ als „Man­ches­ter­ka­pi­ta­lis­mus“ ver­dam­men. Daß die unum­schränkte Herr­schaft des Pri­vat­ei­gen­tums den Arbei­tern keine Über­le­bens­chance läßt, ihr Kampf gegen die Bour­geoi­sie also eine Über­le­bens­be­din­gung für sie ist, war folg­lich nicht zu über­se­hen. Aus die­ser Beob­ach­tung, daß die Arbei­ter nicht nur zuse­hen müs­sen, durch ihre Lohn­ar­beit zu (über)leben, son­dern um die­ses Über­le­ben auch noch kämp­fen müs­sen, haben Marx und Engels dann den ver­we­ge­nen Schluß gezo­gen, das Pro­le­ta­riat, so wie es damals unter­wegs war, wäre schon – im Prin­zip – eine revo­lu­tio­näre Bewe­gung. Die kämp­fen­den Pro­le­ta­rier soll­ten nur noch ins Bild gesetzt wer­den über die eigent­li­che Bedeu­tung ihres Kamp­fes und die Unaus­weich­lich­keit ihres Sie­ges; der läge näm­lich nicht nur in ihrem Inter­esse, son­dern stände außer­dem und vor allem im Ein­klang mit der his­to­ri­schen Ten­denz: der Selbst­zer­stö­rung der Bourgeoisie.

Das ist nun aller­dings so ziem­lich die ver­kehr­teste Art, eine aus­ge­nutzte Klasse zur Revo­lu­tion auf­zu­het­zen. Ent­spre­chend frag­wür­dig gerät im Fort­gang des Textes:

b) Die Cha­rak­te­ri­sie­rung des Proletariats

„Aber die Bour­geoi­sie hat nicht nur die Waf­fen geschmie­det, die ihr den Tod brin­gen; sie hat auch die Män­ner gezeugt, die diese Waf­fen füh­ren wer­den – die moder­nen Arbei­ter, die Proletarier.“

Diese Sorte Meta­pho­rik ver­an­laßt noch 150 Jahre spä­ter die ver­ei­nig­ten „Lite­ra­tur­päpste“ aller Kul­tur­na­tio­nen zu Lob­ge­sän­gen über „Sprach­ge­walt“ und „groß­ar­tige Prosa“. Über die schwüls­tige Aus­drucks­weise könnte man hin­weg­se­hen, wenn die Bot­schaft wenigs­tens stim­men würde – wenn also gemeint wäre: ‚Alle Anklänge an so etwas wie ein not­wen­di­ges Schei­tern der Bour­geoi­sie an den von ihr selbst her­vor­ge­brach­ten Wider­sprü­chen, an einen selbst­tä­ti­gen „Gang der Geschichte“ hin zur pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion, sind rhe­to­ri­sche Spie­le­rei; es kommt alles dar­auf an, daß die moder­nen Arbei­ter, die­ses urei­gene Pro­dukt der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise, aus ihrer hoff­nungs­lo­sen Lage die rich­ti­gen Schlüsse zie­hen und die Bour­geoi­sie besie­gen, indem sie ihr die Dienste ver­wei­gern, für die diese sie braucht.‘ Genau so geht es aber nicht wei­ter. Der Fest­stel­lung, daß das Pro­le­ta­riat, die Klasse der Lohn­ar­bei­ter sel­ber das Pro­dukt der kapi­ta­lis­tisch wirt­schaf­ten­den Bour­geoi­sie ist, fol­gen zwar einige Hin­weise, wie – kom­ple­men­tär zu den welt­wei­ten, umwäl­zen­den Machen­schaf­ten der Bour­geoi­sie – die moderne Aus­beu­tung und die aus­ge­beu­tete Klasse aus­sieht: daß die „moder­nen Arbei­ter … nur so lange leben, als sie Arbeit fin­den, und die nur so lange fin­den, als ihre Arbeit das Kapi­tal ver­mehrt“; daß sie im Betrieb als „blo­ßes Zube­hör der Maschine“ ver­nutzt wer­den; daß der Lohn, der ihnen aus­ge­zahlt wird, nicht sie reich macht, son­dern einen gan­zen Hau­fen ande­rer Figu­ren – „Haus­be­sit­zer, Krä­mer, Pfand­lei­her“ usw.. Aus der Schil­de­rung der Abhän­gig­keit, in der diese Klasse steht, wird jedoch ziel­stre­big die Behaup­tung gedrech­selt, daß sie sich diese Abhän­gig­keit zwangs­läu­fig nicht gefal­len las­sen kann – als hät­ten Marx und Engels nicht gewußt, daß die moder­nen Lohn­ar­bei­ter erst ein­mal voll damit aus­ge­las­tet sind, sich an den Not­wen­dig­kei­ten ihrer abhän­gen Exis­tenz abzu­kämp­fen. Jeden­falls hal­ten es die Auto­ren des Mani­fests über­haupt nicht für erfor­der­lich – so wie spä­ter z.B. in der Kri­tik des Gothaer Pro­gramms der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie –, das elen­dige Inter­esse, an Beschäf­ti­gung und Lohn näm­lich, das die arbei­tende Klasse an ihre Aus­beu­ter bin­det, theo­re­tisch und agi­ta­to­risch aufs Korn zu neh­men. Sie stel­len klar, daß der Lohn noch nicht ein­mal ein taug­li­ches Über­le­bens­mit­tel ist; sie sehen aber weit und breit kei­nen Grund, die von der Bour­geoi­sie ‚gezeug­ten Män­ner‘ als Leute zu neh­men – geschweige denn ent­spre­chend anzu­re­den –, die sich in Erman­ge­lung eines bes­se­ren Lebens­mit­tels auf den Stand­punkt des Geld­er­werbs per Lohn­ar­beit stel­len und dadurch sel­ber zum aus­ge­beu­te­ten Fuß­volk des bür­ger­li­chen Ladens machen. Daß das Pro­le­ta­riat ein Pro­dukt der Bour­geoi­sie ist, hal­ten sie für unmit­tel­bar gleich­be­deu­tend damit, daß es der gebo­rene Kämp­fer gegen die Bour­geoi­sie wäre. Und wenn schon nicht wirk­lich, so doch um so mehr der sprach­ge­wal­tig beschwo­re­nen his­to­ri­schen Ten­denz nach – mit der rhe­to­ri­schen Figur läßt sich noch alles begrü­ßen und recht­fer­ti­gen, womit man eigent­lich gar nicht ein­ver­stan­den ist:

„Das Pro­le­ta­riat macht ver­schie­dene Ent­wick­lungs­stu­fen durch. Sein Kampf gegen die Bour­geoi­sie beginnt mit sei­ner Existenz.“

Sie kön­nen gar nicht umhin, die bra­ven pro­le­ta­ri­schen „Män­ner“, sich gegen die Bour­geoi­sie zu erhe­ben; ihre Zuge­hö­rig­keit zu den kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen ist gleich­be­deu­tend mit deren Kün­di­gung. Sie sind die leib­haf­tige Ver­wirk­li­chung des Wider­spruchs, daß die Bour­geoi­sie sich durch die Ent­wick­lung aller Pro­duk­tiv­kräfte ihren eige­nen Unter­gang berei­tet: Das ist die Bedeu­tung, die die Auto­ren des Mani­fests ihrer Erkennt­nis bei­le­gen, daß die Bour­geoi­sie sel­ber den moder­nen Pro­le­ta­rier her­vor­bringt. Alle Hin­weise auf die Not­wen­dig­keit des Scha­dens, den die arbei­tende Klasse in die­sem Sys­tem nimmt, ste­hen im Dienste die­ses einen Haupt– und Gene­ral­ge­dan­kens: Das Pro­le­ta­riat ist der Voll­stre­cker des sowieso unaus­weich­li­chen Unter­gangs der Bour­geoi­sie.

Marx und Engels trei­ben hier ein unred­li­ches Spiel mit der Kate­go­rie der ‚geschicht­li­chen Not­wen­dig­keit‘. Es gibt ja in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft selbst­tä­tig wir­kende Sach­zwänge – eben die der Aus­beu­tung einer lohn­ar­bei­ten­den Klasse; genau des­we­gen aber exis­tiert kein Sach­zwang, der denen ein Ende machen würde. Statt­des­sen gibt es eine prak­ti­sche Not­wen­dig­keit der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion – in dem Sinn, daß diese Klasse anders auf kei­nen grü­nen Zweig kommt: Ihre polit­öko­no­mi­sche Bestim­mung, dem kapi­ta­lis­ti­schen Bür­ger­tum als abhän­gi­ges, aus­ge­beu­te­tes Werk­zeug sei­ner Berei­che­rung zu die­nen, kann sie nicht anders los­wer­den als durch die Kün­di­gung ihres Lohn­ar­beits­ver­hält­nis­ses. Die Pro­le­ta­rier müs­sen gar nichts – sie haben bloß keine andere Chance: Um ihrer Aus­beu­tung zu ent­kom­men, müs­sen sie die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­tion machen, die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise umstür­zen. Diese Not­wen­dig­keit langt den Auto­ren des Mani­fests aber nicht; sie wol­len der Alter­na­tiv­lo­sig­keit der pro­le­ta­ri­schen Exis­tenz immer noch ent­neh­men, daß das ganze kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tungs­we­sen des­we­gen auch schon unaus­weich­lich auf sein ‚natür­li­ches‘ Ende zuläuft, gewis­ser­ma­ßen seine Selbst­li­qui­die­rung betreibt. Auch der Satz, der empha­tisch die „Waf­fen“ zitiert, „die die Pro­le­ta­rier füh­ren wer­den“, redet gar nicht von Waf­fen, die die Arbei­ter zu ergrei­fen hät­ten, son­dern meint schon wie­der den „Wider­spruch zwi­schen Pro­duk­tiv­kräf­ten und Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen“: Den drü­cken Marx und Engels den Pro­le­ten hier ide­ell in die Kämpf­er­faust. Wo immer das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest auf die Lage der arbei­tende Klasse zu spre­chen kommt, bemüht es sich um die Erklä­rung einer „his­to­ri­schen Not­wen­dig­keit des Klas­sen­kampfs“ im Sinne eines Mecha­nis­mus, der die Pro­le­ten angeb­lich not­ge­drun­gen auf die revo­lu­tio­näre Bahn drängt. Und die­ser Mecha­nis­mus soll aus­ge­rech­net das Werk des Klas­sen­fein­des sel­ber sein.

Nach die­ser Vor­gabe kon­stru­iert das Mani­fest sein Bild von der ‚not­wen­di­ger­weise‘ kämp­fen­den – und am Ende sieg­rei­chen Arbeiterklasse:

„Aber mit der Ent­wick­lung der Indus­trie ver­mehrt sich nicht nur das Pro­le­ta­riat; es wird in grö­ßern Mas­sen zusam­men­ge­drängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr…; immer mehr neh­men die Kol­li­sio­nen zwi­schen dem ein­zel­nen Arbei­ter und dem ein­zel­nen Bour­geois den Cha­rak­ter von Kol­li­sio­nen zweier Klas­sen an. Die Arbei­ter begin­nen damit, Koali­tio­nen gegen die Bour­geoi­sie zu bil­den; sie tre­ten zusam­men zur Behaup­tung ihres Arbeits­lohns. Sie stif­ten selbst dau­ernde Asso­zia­tio­nen, um sich für die gele­gent­li­chen Empö­run­gen zu ver­pro­vi­an­tie­ren… Das eigent­li­che Resul­tat ihrer Kämpfe ist nicht der unmit­tel­bare Erfolg, son­dern die immer wei­ter um sich grei­fende Ver­ei­ni­gung der Arbei­ter… Es bedarf aber bloß der Ver­bin­dung, um die vie­len Lokal­kämpfe von über­all glei­chem Cha­rak­ter zu einem natio­na­len, zu einem Klas­sen­kampf zu zen­tra­li­sie­ren… Diese Orga­ni­sa­tion der Pro­le­ta­rier zur Klasse, und damit zur poli­ti­schen Par­tei, wird jeden Augen­blick wie­der gesprengt durch die Kon­kur­renz unter den Arbei­tern selbst. Aber sie ent­steht immer wie­der, stär­ker, fes­ter, mächtiger.“

Von ihrer Arbeit kön­nen moderne Lohn­ar­bei­ter gar nicht leben; sie müs­sen neben ihrer Arbeit erst noch darum kämp­fen, daß die Kapi­ta­lis­ten ihnen das Not­wen­dige zuge­ste­hen; dafür bleibt ihnen gar nichts ande­res übrig als der Zusam­men­schluß in einer Kampf­front – das ist der Grund für pro­le­ta­ri­sche Koali­tio­nen, die spä­ter in die Gewerk­schafts­be­we­gung ein­ge­mün­det sind. Damit ist auch schon ihr Zweck benannt: In sol­chen Zusam­men­schlüs­sen geht es eben darum, trotz allem vom Lohn leben zu kön­nen. Mit der Per­pe­tu­ie­rung der Lohn­ar­bei­ter­exis­tenz haben sie daher ihr Ziel erreicht, und der Kampf wird ein­ge­stellt; bis sich her­aus­stellt, daß der Erfolg nur ein vor­über­ge­hen­der war, die Not­wen­dig­keit zur Gegen­wehr erneut unab­weis­bar wird und der Zir­kus von vorn los­geht. Genau davon redet das Mani­fest; aber diese banale Wahr­heit der pro­le­ta­ri­schen Kampf-​Koalition ist ihm schon wie­der zu wenig. Es will darin par­tout den Beginn der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion, der Abschaf­fung des Lohn­sys­tems sehen. Des­we­gen kann es nicht zuge­ben, daß nach jedem Abwehr­kampf gleich wie­der der All­tag der Lohn­ar­beit wei­ter­geht: Daß da ein fal­scher Kampf sein Ziel erreicht hat, wird so hin­ge­stellt, als würde, aus wel­chen Grün­den auch immer – im Zwei­fels­fall sol­chen „der Ent­wick­lung“! –, der natur­wüch­sig immer wei­ter um sich grei­fende revo­lu­tio­näre Zusam­men­schluß immer mal wie­der „gesprengt“, nur um sich anschlie­ßend um so macht­vol­ler neu zu bil­den. Da erüb­rigt sich natür­lich die Mit­tei­lung von ein paar guten Grün­den, warum Pro­le­ta­rier es nicht bei blo­ßen, immer wie­der von neuem not­wen­di­gen Abwehr­kämp­fen und den dafür nöti­gen beding­ten Zusam­men­schlüs­sen belas­sen, sich viel­mehr ein ganz ande­res Kampfziel set­zen und die dafür nötige „Koali­tion“ mit­ein­an­der ein­ge­hen soll­ten. Statt­des­sen behaup­tet aus­ge­rech­net ein Kom­mu­nis­ti­sches Mani­fest, aus­ge­rech­net die Bour­geoi­sie würde die Arbei­ter immer wie­der und auf immer höhe­rer Stu­fen­lei­ter in die revo­lu­tio­näre Ver­ei­ni­gung hineintreiben:

„Der Fort­schritt der Indus­trie, des­sen wil­len­lo­ser und wider­stands­lo­ser Trä­ger die Bour­geoi­sie ist“ – im ers­ten Teil des Kapi­tels ran­gierte diese Klasse noch als ziem­lich umtrie­bi­ger revo­lu­tio­nä­rer Ver­ein! –, „setzt an die Stelle der Iso­lie­rung der Arbei­ter durch die Kon­kur­renz“ – als wäre die eine Frage der Pro­duk­ti­ons­tech­nik! – „ihre revo­lu­tio­näre Ver­ei­ni­gung durch die Asso­zia­tion“ – als müß­ten die Arbei­ter sich zu der gar nicht selbst erst mal ent­schlie­ßen! „Mit der Ent­wick­lung der gro­ßen Indus­trie wird also unter den Füßen der Bour­geoi­sie die Grund­lage selbst weg­ge­zo­gen, wor­auf sie pro­du­ziert und die Pro­dukte sich aneig­net. Sie pro­du­ziert vor allem ihre eige­nen Toten­grä­ber. Ihr Unter­gang und der Sieg des Pro­le­ta­ri­ats sind gleich unvermeidlich.“

Noch so ein Anwen­dungs­fall der „Ent­wick­lungs­lo­gik“, die Marx und Engels nach Bedarf auf alles anwen­den, was sie in in der Gesell­schaft beob­ach­ten: Hier ‚ent­wi­ckelt‘ „der Fort­schritt der Indus­trie“ nicht etwa seine dienst­ba­ren Kräfte zu dem pro­le­ta­ri­schen Hau­fen, den es tat­säch­lich gibt – nein, „die Ent­wick­lung“ gibt per defi­ni­tio­nem nicht eher Ruhe, als bis sich die Auto­ren zu ihrer viel­zi­tier­ten „sprach­ge­wal­ti­gen“ Meta­pher von den „Toten­grä­bern der Bour­geoi­sie“ vor­ge­ar­bei­tet haben. Und das ist dann die „Erklä­rung“, die das Mani­fest den Arbei­tern unbe­dingt meint mit­tei­len zu müs­sen: Ihr Kampf zielt auto­ma­tisch aufs Rich­tige; für den Sieg über die Bour­geoi­sie braucht es nur noch den Zusam­men­schluß ihrer Opfer, und der macht sich letzt­lich von selbst…

Jeder Arbei­ter­kampf, jeder Erfolg im Kampf um die Erhal­tung des Pro­le­ta­ri­ats kann daher nur ein wei­te­rer Schritt sein hin zur Abschaf­fung der Bour­geoi­sie. Und der Erfolg kann schon des­we­gen unmög­lich aus­blei­ben, weil die Pro­le­ta­rier die meis­ten sind:

„Alle bis­he­ri­gen Bewe­gun­gen waren Bewe­gun­gen von Mino­ri­tä­ten oder im Inter­esse von Mino­ri­tä­ten. Die pro­le­ta­ri­sche Bewe­gung ist die selb­stän­dige Bewe­gung der unge­heu­ren Mehr­zahl im Inter­esse der unge­heu­ren Mehr­zahl. Das Pro­le­ta­riat, die unterste Schicht der jet­zi­gen Gesell­schaft, kann sich nicht erhe­ben, nicht auf­rich­ten, ohne daß der ganze Über­bau der Schich­ten, die die offi­zi­elle Gesell­schaft bil­den, in die Luft gesprengt wird.“

Wie die Bour­geoi­sie es fer­tig­bringt, diese gewal­tige Mehr­heit sys­te­ma­tisch zu beherr­schen und aus­zu­beu­ten – die Herr­schaft über Min­der­hei­ten wäre im übri­gen sowieso eine fade und wenig ein­träg­li­che Ange­le­gen­heit… –, das erscheint den bei­den Theo­re­ti­kern des Klas­sen­kampfs gänz­lich irre­le­vant gegen­über dem hoff­nungs­vol­len Befund, daß die Kampf­be­din­gun­gen bei dem Zah­len­ver­hält­nis ganz aus­ge­zeich­net aus­se­hen. Wer wollte da noch fra­gen, für wel­che beschränk­ten Kampf­ziele sich die Pro­le­ta­rier „erhe­ben“, und ob es irgend­wem über­haupt um einen Auf­stand gegen die ganze „offi­zi­elle Gesell­schaft“ geht? Wenn sie sich ‚auf­bäumt‘, die ‚untere‘, quan­ti­ta­tiv starke ‚Schicht‘, dann haben jeden­falls die dar­über­lie­gen­den dün­ne­ren ‚Schich­ten‘ nichts mehr zu lachen. Und dafür, daß es so kommt, weil es so kom­men muß, dafür sorgt ein­mal mehr „die Ent­wick­lung“ – jenes omi­nöse Sub­jekt, das die Pro­le­ten ziel­füh­rend zur Revo­lu­tion treibt:

„Indem wir die all­ge­meins­ten Pha­sen der Ent­wick­lung des Pro­le­ta­ri­ats zeich­ne­ten, ver­folg­ten wir den mehr oder min­der ver­steck­ten Bür­ger­krieg inner­halb der beste­hen­den Gesell­schaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revo­lu­tion aus­bricht und durch den gewalt­sa­men Sturz der Bour­geoi­sie das Pro­le­ta­riat seine Herr­schaft begründet.“

So pro­pa­giert das Mani­fest die revolutionär-​erwartungsvolle Les­art eines sehr moder­nen selbstzufrieden-​konterrevolutionären Feh­lers: Die Schaf­fung und Erhal­tung einer brauch­ba­ren Arbei­ter­klasse wäre das­selbe wie ihre Abschaf­fung. Bür­ger­li­che Ideo­lo­gen heute wol­len weit und breit kein Pro­le­ta­riat mehr ent­de­cken kön­nen, weil es schließ­lich eine durch­aus lebens­fä­hige Arbei­ter­schaft gibt – nir­gendwo herrscht mehr der „Man­ches­ter­ka­pi­ta­lis­mus“, jeden­falls nicht in den kapi­ta­lis­ti­schen Metro­po­len, oder zumin­dest nicht in deren net­te­ren Vier­teln… Umge­kehrt hiel­ten es die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests für aus­ge­schlos­sen, daß das Kapi­tal sich glatt zur Respek­tie­rung sei­ner eige­nen aller­wich­tigs­ten Erfolgs­be­din­gung, näm­lich zur Erhal­tung einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Arbei­ter­klasse zwin­gen ließe:

„Sie (die Bour­geoi­sie) ist unfä­hig zu herr­schen, weil sie unfä­hig ist, ihrem Skla­ven die Exis­tenz selbst inner­halb sei­ner Skla­ve­rei zu sichern, weil sie gezwun­gen ist, ihn in eine Lage her­ab­sin­ken zu las­sen, wo sie ihn ernäh­ren muß, statt von ihm ernährt zu werden.“

– und sind darin tat­säch­lich wider­legt: Aufs Herr­schen ver­steht sie sich doch, die Bour­geoi­sie; und wenn auch nur in der Form, daß das Pro­le­ta­riat ihm ein paar Über­le­bens­be­din­gun­gen abkämpft und eine sozi­al­staat­li­che Ord­nungs­ge­walt dem Pro­le­ta­riat ein funk­tio­nel­les Über­le­ben mit dem gezahl­ten Lohn auf­zwingt. Das hat­ten Marx und Engels in der Tat noch nicht vor Augen; und daß die Kämpfe des Pro­le­ta­ri­ats auf nichts ande­res ziel­ten, das moch­ten sie in ihrem Mani­fest ein­fach nicht wahr­ha­ben. Selbst­er­kämpf­tes Über­le­ben, so mein­ten sie, müßte doch zusam­men­fal­len mit dem Sieg der Arbei­ter­klasse über ihre Ausbeuter.

An die­ser Stelle ist es unum­gäng­lich, eine Fehl­an­zeige zu erstat­ten und den Genos­sen Marx und Engels nicht bloß einen Fehl­schluß vor­zu­wer­fen, son­dern einen regel­rech­ten „black-​out“: Den­sel­ben Auto­ren, die sel­ber dau­ernd prak­tisch mit der Staats­ge­walt und ihren Machen­schaf­ten kon­fron­tiert waren und die außer­dem auch staatstheo­re­tisch voll auf der Höhe waren – in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Hegel und Bruno Bauer z.B. rich­tig und klar zwi­schen „Citoyen“ und „Bour­geois“ zu unter­schei­den wuß­ten: aus­ge­rech­net denen fällt aus­ge­rech­net im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest zur poli­ti­schen Herr­schaft der Bour­geoi­sie nichts Geschei­tes ein. Sie erwäh­nen durch­aus die moderne bür­ger­li­che Staats­ge­walt als einen „Aus­schuß“, der die gemein­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten der gan­zen herr­schen­den Klasse im Griff hat. Dar­über jedoch, was die­ser Aus­schuß alles leis­tet, gerade im Unter­schied zum bor­nier­ten bour­geoi­sen Klas­sen­in­ter­esse an pri­va­ter Berei­che­rung; worin die erwähn­ten „gemein­schaft­li­chen Geschäfte“ der herr­schen­den Klasse als sol­cher über­haupt beste­hen; warum es für deren Ver­wal­tung flä­chen­de­ckende Gewalt braucht; wel­chen Dienst die öffent­li­che Gewalt für die Auf­recht­er­hal­tung des kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaftssys­tems erbringt: über alles das schwei­gen sie sich aus – so daß ihnen heute jeder daher­ge­lau­fene Sozi­al­staats­apos­tel tri­um­phie­rend ent­ge­gen­hal­ten kann, mitt­ler­weile wäre alles bes­tens im Inter­esse der Arbei­ter gere­gelt. Was ihnen dann doch zur poli­ti­schen Herr­schaft der Bour­geoi­sie ein­fällt, ist aus­ge­rech­net der eine Punkt, an dem sie wie­der die Kurve zu ihrer Theo­rie vom selbst­ver­ur­sach­ten Unter­gang der bür­ger­li­chen Klas­sen­herr­schaft krie­gen: Die Bour­geoi­sie bräuchte die Unter­stüt­zung des Pro­le­ta­ri­ats für ihren Kampf um die Staats­ge­walt gegen die alten feu­da­len Herr­schafts­ver­hält­nisse sowie um die Inter­es­sen des neuen bür­ger­li­chen Gemein­we­sens; des­we­gen müßte sie ihm aller­hand „Bil­dungs­ele­mente“ zufüh­ren, die den Pro­le­ta­ri­ern dann für ihren Klas­sen­kampf unwei­ger­lich zugute kämen. Die Tat­sa­che, daß die Bour­geoi­sie diese Unter­stüt­zung auch tat­säch­lich bekam, und zwar ohne daß es anschlie­ßend gleich ihrer Herr­schaft an den Kra­gen gegan­gen wäre, erschüt­tert die Manifest-​Verfasser kein biß­chen. Sie wer­den nicht irre in ihrer Ein­schät­zung, daß die revo­lu­tio­näre Sache damit im Prin­zip schon ganz gut vor­an­ge­bracht wäre. Im Gegen­teil! Der fatale Umstand, daß das Pro­le­ta­riat sich für seine neuen bür­ger­li­chen Her­ren auch noch geschla­gen hat – wie das übri­gens zum Beruf der dienst­ba­ren Klasse im Klas­sen­staat alle­mal gehört! –, und das nicht zu knapp, wird glatt in das Gene­ral­ur­teil inte­griert: Die Bour­geo­sie arbei­tet an ihrem Untergang.

„Die Kol­li­sio­nen der alten Gesell­schaft über­haupt för­dern man­nig­fach den Ent­wick­lungs­gang des Pro­le­ta­ri­ats. Die Bour­geoi­sie befin­det sich in fort­wäh­ren­dem Kampfe: anfangs gegen die Aris­to­kra­tie; spä­ter gegen Teile der Bour­geoi­sie selbst, deren Inter­es­sen mit dem Fort­schritt der Indus­trie in Wider­spruch gera­ten; stets gegen die Bour­geoi­sie aller aus­wär­ti­gen Län­der. In allen die­sen Kämp­fen sieht sie sich genö­tigt, an das Pro­le­ta­riat zu appel­lie­ren, seine Hülfe in Anspruch zu neh­men und es so in die poli­ti­sche Bewe­gung hin­ein­zu­rei­ßen. Sie selbst führt dem Pro­le­ta­riat ihre eige­nen Bil­dungs­ele­mente, d.h. Waf­fen gegen sich selbst, zu.“

Pro­le­ten las­sen sich von der Bour­geoi­sie gegen den Adel ein­set­zen; sie tre­ten als „Bünd­nis­ge­nos­sen“ gegen die Bour­geoi­sie „aus­wär­ti­ger Län­der“ an – und die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests bezeich­nen die­ses Ver­hält­nis vor­nehm als „Hülfe“! Die Beschlag­nah­mung der Arbei­ter als Natio­na­lis­ten durch die bür­ger­li­che Staats­ge­walt, den poli­ti­schen Dienst des Pro­le­ta­ri­ats am Staat der Bour­geoi­sie begrü­ßen sie noch wie eine ‚List der Ver­nunft‘ zur Stär­kung der kämp­fen­den Mas­sen durch ihren Klas­sen­feind. Das ist schon eine ziem­lich bru­tale Ver­wechs­lung, wer in die­sem Ver­hält­nis für wen die Rolle des nütz­li­chen Idio­ten spielt. Und nicht ein­mal der kleine Neben­wi­der­spruch fällt den Auto­ren auf, daß ihre Aus­sa­gen über das schlech­ter­dings nicht vor­han­dene Inter­esse der Bour­geoi­sie an einer Ernäh­rung des Pro­le­ta­ri­ats nicht die ganze Wahr­heit sein kön­nen oder zumin­dest der Modi­fi­zie­rung bedür­fen, wenn es auf die lohn­ar­bei­ten­den Mas­sen nicht bloß als Pro­duk­ti­ons– und Kos­ten­fak­tor, son­dern auch als dienst­ba­res Staats­volk ankommt: Die Bour­geoi­sie hat zwar kein über­mä­ßi­ges Inter­esse an der Ernäh­rung des Pro­le­ta­ri­ats; inso­fern sie die Pro­le­ten aber braucht, sorgt sie unter dem über­ge­ord­ne­ten Gesichts­punkt der natio­na­len Selbst­er­hal­tung für ihr Fußvolk…

Es ist also nicht ein­mal bloß so, daß dem Mani­fest eine gescheite Staats­theo­rie fehlt. Es ist schlim­mer: Marx und Engels wis­sen um die Funk­tio­na­li­sie­rung der Pro­le­ta­rier für die poli­ti­sche Herr­schaft der Bour­geoi­sie – und wol­len davon nichts ande­res wis­sen als den erhoff­ten und nicht ein­ge­tre­te­nen posi­ti­ven Effekt: Dadurch würde die revo­lu­tio­näre Klasse nur immer noch grö­ßer und mächtiger.

Von die­sen Feh­lern kom­men Marx und Engels in ihrem Mani­fest nicht mehr herunter.

2. Kapi­tel: „Pro­le­ta­rier und Kommunisten“

Wenn es nun so steht um die Gesell­schaft, den Klas­sen­kampf und das Pro­le­ta­riat: was wol­len dann die Kom­mu­nis­ten? Die Ant­wort des Mani­fests ist eigen­ar­tig: Sie wol­len ers­tens angeb­lich nichts ande­res als alle ande­ren Arbei­ter­par­teien! Träfe das wirk­lich zu, dann bräuch­ten sie erst gar keine eigene Par­tei auf­zu­ma­chen. Wie nötig sie das aber fin­den und warum, daß es also mit der behaup­te­ten prin­zi­pi­el­len Über­ein­stim­mung mit der rest­li­chen Arbei­ter­be­we­gung nicht weit her ist, das stel­len Marx und Engels sel­ber nach­drück­lich klar, wenn sie im 3. Kapi­tel des Mani­fests die füh­ren­den Köpfe der ande­ren, damals mehr oder weni­ger ver­brei­te­ten, sozia­lis­ti­schen Rich­tun­gen kritisieren.

Noch frag­wür­di­ger ist die zweite Versicherung:

„Sie (die Kom­mu­nis­ten) haben keine von den Inter­es­sen des gan­zen Pro­le­ta­ri­ats getrenn­ten Inter­es­sen. Sie stel­len keine beson­de­ren Prin­zi­pien auf, wonach sie die pro­le­ta­ri­sche Bewe­gung modeln wollen.“

Da schrei­ben die füh­ren­den Theo­re­ti­ker des Kom­mu­nis­mus ein Mani­fest, mei­nen also, sie hät­ten den Arbei­tern etwas mit­zu­tei­len, was die beher­zi­gen soll­ten, und demen­tie­ren als ers­tes jede sach­li­che Dif­fe­renz zwi­schen sich und den ange­spro­che­nen Mas­sen. Nur einen Unter­schied wol­len sie gel­ten las­sen: Daß Kom­mu­nis­ten „stets das Inter­esse der Gesamt­be­we­gung ver­tre­ten“ und über­haupt „die Ein­sicht in die Bedin­gun­gen, den Gang und die all­ge­mei­nen Resul­tate der pro­le­ta­ri­schen Bewe­gung“ vor dem Rest der Mann­schaft vor­aus haben. Was soll das: Die einen kämp­fen mehr oder weni­ger begriffs­los vor sich hin, die ande­ren wis­sen, wo’s lang geht – aber die Haupt­sa­che ist, daß man sich im Prin­zip nicht unter­schei­det?! Wenn es die Kom­mu­nis­ten braucht, um das „Inter­esse der Gesamt­be­we­gung“ zu ver­tre­ten, dann kann von einer „Gesamt­be­we­gung“ kaum die Rede sein, und deren „Inter­esse“ exis­tiert schon gar nicht – außer in den Köp­fen der Kom­mu­nis­ten: als deren Pro­gramm, das sie den Lohn­ar­bei­tern nahe­zu­brin­gen geden­ken. Was es auf Sei­ten der kämp­fen­den Arbei­ter gibt, das sind – soviel wis­sen die Auto­ren – ziem­lich beschränkte Anlie­gen, und die Kämp­fen­den haben auch kein Bewußt­sein davon, daß sie als Fak­tor und Bestand­teil einer „Gesamt­be­we­gung“ ihre his­to­ri­sche Mis­sion erfül­len. Den­noch: Marx und Engels lesen ent­schie­den in die vor ihren Augen statt­fin­den­den Arbei­ter­kämpfe das Inter­esse an einer blitz­sau­be­ren pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion hin­ein. Dabei geben sie mit ihrer Kon­struk­tion eines „Gesamt­in­ter­es­ses“, das alle beschränk­ten Arbeits­kämpfe zusam­men­faßt und des­sen Wäch­ter die Kom­mu­nis­ten als der „prak­tisch ent­schie­denste, immer wei­ter­trei­bende Teil der Arbei­ter­par­teien“ sind, einer­seits zu, daß in den dama­li­gen Arbeits­kämp­fen durch­aus andere Inter­es­sen ver­foch­ten wur­den als das an einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion in ihrem Sinne. Genau diese Dif­fe­renz zwi­schen ihrem Stand­punkt und den Zie­len, für die Lohn­ar­bei­ter ein­tre­ten, wenn sie „ein­fach nur“ um die Ver­bes­se­rung ihrer Lebens­be­din­gun­gen als Lohn­ar­bei­ter strei­ten, leug­nen sie ande­rer­seits. Sie über­se­hen groß­zü­gig, daß Arbei­ter sich in der Kon­kur­renz, in die sie das Kapi­tal ver­setzt, bewäh­ren wol­len und dabei auch natio­na­lis­ti­sche Gesichts­punkte in ihren Kampf um Rechte ein­brin­gen, und behaup­ten glatt, daß sich der Kampf um die Durch­set­zung von Arbei­ter­rech­ten wie ein Teil(kampf) zum gro­ßen Kampf ums Ganze ver­halte. Mit ihrem zwei­fel­haf­ten Lob der kämp­fen­den Arbei­ter – daß die zwar keine Ahnung haben, aber irgend­wie schon auf dem rich­ti­gen Damp­fer sind – unter­stel­len sie einen Gegen­satz zwi­schen ihrem Pro­gramm und dem, was Wille und Bewußt­sein des Pro­le­ta­ri­ats ist, und erklä­ren ihn gleich­zei­tig für unerheblich.

Im 4. Kapi­tel des Mani­fests, das im ein­zel­nen die „Stel­lung der Kom­mu­nis­ten zu den ver­schie­de­nen oppo­si­tio­nel­len Par­teien“ in diver­sen Län­dern angibt, brin­gen die Auto­ren die­sen Feh­ler fol­gen­der­ma­ßen noch ein­mal auf den Punkt:

„Mit einem Wort, die Kom­mu­nis­ten unter­stüt­zen über­all jede revo­lu­tio­näre Bewe­gung gegen die beste­hen­den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Zustände. In allen die­sen Bewe­gun­gen heben sie die Eigen­tums­frage, wel­che mehr oder min­der ent­wi­ckelte Form sie auch ange­nom­men haben möge, als die Grund­frage der Bewe­gung hervor.“

Wenn man die „Eigen­tums­frage“ stän­dig her­vor­he­ben muß, weil sie in den diver­sen oppo­si­tio­nel­len Bewe­gun­gen offen­bar eher „min­der ent­wi­ckelt“ ist, dann sollte man bes­ser gleich zur Kennt­nis neh­men, daß diese Bewe­gun­gen von ande­ren „Grund­fra­gen“ umge­trie­ben wer­den als von der der Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums. Dann ist es aller­dings auch ein ziem­li­cher Unfug, so zu tun, als müß­ten Kom­mu­nis­ten alle Oppo­si­tio­nel­len, egal wofür die gerade kämp­fen, bloß immerzu daran erin­nern, daß es ihnen doch – letzt­lich – auch um die Eigen­tums­frage ginge.

Wie kom­men Kom­mu­nis­ten auf soviel wohl­wol­lende Selbst­ver­leug­nung? Offen­bar haben Marx und Engels damals jede Menge Arbei­ter­kämpfe regis­triert, deren Ziele sie zwar nicht teil­ten, deren Feh­ler sie aber für ziem­lich vor­läu­fig erklär­ten. Sie setz­ten auf die Erfah­rung bei ihren Adres­sa­ten, daß fal­sche Kämpfe nichts nüt­zen und sie des­halb dem rich­ti­gen Klas­sen­kampf nicht aus­kom­men könn­ten. Also haben sie jeden Arbei­ter­auf­ruhr unter der Abs­trak­tion „Klas­sen­kampf“ begrüßt und den Pro­le­ta­ri­ern das beru­hi­gende Ange­bot unter­brei­tet, daß die Kom­mu­nis­ten schon den Über­blick dar­über behal­ten, wo das kämp­fende Pro­le­ta­riat hin muß und will. Statt auf Agi­ta­tion und Kri­tik haben sie sich auf eine Art Ver­trau­ens­wer­bung ver­legt: Kom­mu­nis­ten ver­trauen dem Pro­le­ta­riat, daß es ganz von selbst schon rich­tig liegt – umge­kehrt kann sich das Pro­le­ta­riat auf die Kom­mu­nis­ten als „Weg­wei­ser“ ver­las­sen. Ins­ge­samt erfüllt diese Leug­nung der Dif­fe­renz zwi­schen Kom­mu­nis­ten und Pro­le­ten den Tat­be­stand der Heu­che­lei – und aus­ge­rech­net mit einer sol­chen Anwan­ze­rei an die Adres­sa­ten, denen sie auch noch sel­ber beschei­ni­gen, daß sie von den Zie­len der Revo­lu­tion keine Ahnung haben, mei­nen die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests die Arbei­ter für einen revo­lu­tio­nä­ren Umsturz begeis­tern zu können!

Die Stel­lung, die Marx und Engels hier zum Pro­le­ta­riat ein­neh­men, läßt erken­nen, aus wel­cher „Denk­schule“ sich die bei­den gerade ver­ab­schie­den. Offen­sicht­lich haben sie nicht bloß als gute Kom­mu­nis­ten den Klas­sen­kampf der Pro­le­ta­rier gegen ihre Aus­beu­tung als prak­ti­sche Not­wen­dig­keit für ein anstän­di­ges Leben erkannt, son­dern als Idea­lis­ten eines fäl­li­gen Mensch­heits­fort­schritts in die tat­säch­lich statt­fin­den­den Kämpfe eine tie­fere Bedeu­tung hin­ein­in­ter­pre­tiert. Nur jemand, der „von der Uto­pie zur Wis­sen­schaft“ unter­wegs ist, hält dann auch fol­gende Über­le­gung für mitteilenswert:

„Die theo­re­ti­schen Sätze der Kom­mu­nis­ten beru­hen kei­nes­wegs auf Ideen, auf Prin­zi­pien, die von die­sem oder jenem Welt­ver­bes­se­rer erfun­den oder ent­deckt sind. Sie sind nur all­ge­meine Aus­drü­cke tat­säch­li­cher Ver­hält­nisse eines exis­tie­ren­den Klas­sen­kampfs, einer unter unsern Augen vor sich gehen­den geschicht­li­chen Bewegung.“

Wer sich so auf die Rea­li­tät beruft und beteu­ert, daß diese sein Pro­gramm längst ent­hält, recht­fer­tigt und beweist, der ist einer­seits sehr beschei­den. Er erklärt näm­lich sein gan­zes poli­ti­sches Vor­ha­ben zum blo­ßen „Aus­druck“ von etwas, das sowieso pas­siert. Ande­rer­seits ist er sehr anspruchs­voll in Bezug auf die paar Gedan­ken, die ihm ein­ge­fal­len sind. Die sol­len schließ­lich nichts Gerin­ge­res sein als die Blau­pause des­sen, woran sich die ganze Welt – ein­schließ­lich der Arbei­ter­klasse – gerade abar­bei­tet. So reden Geschichts­te­leo­lo­gen auf der Suche nach einem real exis­tie­ren­den Voll­zugs­or­gan für ihre Idee – oder etwas freund­li­cher aus­ge­drückt: So redet jemand, der sich gerade über „Das Elend der Phi­lo­so­phie“ zur wis­sen­schaft­li­chen Öko­no­mie vor­ar­bei­tet. Eine kom­mu­nis­ti­sche Dia­gnose, die ihre Urteile nicht aus phi­lo­so­phi­schen Ideen, son­dern aus der Ana­lyse der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät bezieht, muß sich jeden­falls nicht ihrer Rea­li­täts­nähe ver­si­chern. Die Emp­feh­lung, die Lohn­ar­bei­ter soll­ten das Lohn­sys­tem umstür­zen, weil sie mit ihren mate­ri­el­len Inter­es­sen sonst ohne­hin keine Chance haben, braucht kein ande­res, „höhe­res“ Argu­ment. Im Mani­fest wird diese Bot­schaft ersetzt durch die Behaup­tung einer pro­le­ta­ri­schen Mis­sion, der sich nie­mand ent­zie­hen kön­nen soll, weil der­glei­chen in der Mensch­heits­ge­schichte sowieso lau­fend vor­kommt und sogar „die Abschaf­fung bis­he­ri­ger Eigen­tums­ver­hält­nisse nichts den Kom­mu­nis­mus eigen­tüm­lich Bezeich­nen­des“ sei – als hätte das kämp­fende Pro­le­ta­riat gerade noch auf diese beru­hi­gende Mit­tei­lung gewartet.

Nach­dem die welt­ge­schicht­li­che Bedeu­tung der lau­fen­den Arbei­ter­kämpfe inso­weit geklärt ist, beschäf­ti­gen sich die Auto­ren mit der Zurück­wei­sung bür­ger­li­cher Vor­würfe gegen die Kom­mu­nis­ten. Dabei ist nicht zu ver­ken­nen, daß sie sich mit Ein­wän­den aus­ein­an­der­set­zen, die nicht nur von der Bour­geoi­sie erho­ben wur­den, die sie direkt pole­misch anre­den. Ihre Ant­wor­ten auf die gän­gi­gen anti­kom­mu­nis­ti­schen Ankla­gen sind im Grunde Punkt für Punkt lau­ter wei­tere Ein­ge­ständ­nisse, wie wenig von einer Über­ein­stim­mung der Kom­mu­nis­ten mit den Anlie­gen der kämp­fen­den Pro­le­ten tat­säch­lich die Rede sein konnte – und genau­so­viele ver­kehrte Demen­tis. Eines die­ser Demen­tis betrifft einen damals offen­sicht­lich schon im Umlauf befind­li­chen Irr­tum: die Gleich­set­zung von Kom­mu­nis­mus und Dieb­stahl. Denn zum Eigen­tum fällt ihnen fol­gen­des ein:

„Was den Kom­mu­nis­mus aus­zeich­net, ist nicht die Abschaf­fung des Eigen­tums über­haupt, son­dern die Abschaf­fung des bür­ger­li­chen Eigen­tums… Kapi­ta­list sein, heißt nicht nur eine rein per­sön­li­che, son­dern eine gesell­schaft­li­che Stel­lung in der Pro­duk­tion ein­neh­men. Das Kapi­tal ist ein gemein­schaft­li­ches Pro­dukt und kann nur durch eine gemein­same Tätig­keit vie­ler Mit­glie­der, ja in letz­ter Instanz nur durch die gemein­same Tätig­keit aller Mit­glie­der der Gesell­schaft in Bewe­gung gesetzt wer­den. Das Kapi­tal ist also keine per­sön­li­che, es ist eine gesell­schaft­li­che Macht. Wenn also das Kapi­tal in gemein­schaft­li­ches, allen Mit­glie­dern der Gesell­schaft ange­hö­ri­ges Eigen­tum ver­wan­delt wird, so ver­wan­delt sich nicht per­sön­li­ches Eigen­tum in gesell­schaft­li­ches. Nur der gesell­schaft­li­che Cha­rak­ter des Eigen­tums ver­wan­delt sich. Er ver­liert sei­nen Klassencharakter.“

Statt schlicht und ergrei­fend aus­zu­füh­ren, daß es sich bei einem kom­mu­nis­ti­schen Umsturz nicht um eine Reihe von Ent­eig­nun­gen han­delt, son­dern um die Abschaf­fung des Eigen­tums; statt zu erklä­ren, daß eine kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tion auf die Abschaf­fung des gan­zen Rechts­zu­stands zielt, der mit dem Pri­vat­ei­gen­tum gege­ben ist, beteu­ern Marx und Engels, daß diese grund­le­gende Umwäl­zung garan­tiert nicht den Tat­be­stand des Weg­neh­mens von „per­sön­li­chem Eigen­tum“ erfüllt. Sie bemü­hen dafür eine Unter­schei­dung zwi­schen Eigen­tum über­haupt und sei­nem gesell­schaft­li­chen Cha­rak­ter, die Mar­xis­ten vor Rät­sel stellt. Denn das, was Eigen­tum aus­macht: das aus­schlie­ßende Ver­fü­gen über gegen­ständ­li­chen Reich­tum, das nur dank staat­li­cher Ver­fü­gung all­ge­mein Gül­tig­keit hat und die Basis des kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­ses ist – das kön­nen die Auto­ren unmög­lich im Sinn gehabt haben, wenn sie zwi­schen quasi immer­wäh­ren­dem Eigen­tum und einer davon getrennt exis­tie­ren­den gesell­schaft­li­chen Form des Eigen­tums unter­schie­den haben wol­len. Sonst wäre ihnen auch zur Figur des Kapi­ta­lis­ten nicht aus­ge­rech­net die Anti­these von „nur rein per­sön­li­cher“ und „gesell­schaft­li­cher Stel­lung in der Pro­duk­tion“ ein­ge­fal­len. Die Ent­de­ckung, daß das kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tum ein „gemein­schaft­li­ches Pro­dukt“ und als Pro­duk­ti­ons­mit­tel Teil eines gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses ist, mag ja stim­men. Aus dem Befund folgt aber gerade nicht, daß die Pro­le­ta­rier bloß noch die Kapi­ta­lis­ten zu ver­ja­gen bräuch­ten, so unge­fähr wie einen über­flüs­si­gen Zusatz zur längst rea­li­sier­ten gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Arbeits­tei­lung, und schon würde sich die ‚wahre‘ gesell­schaft­li­che Natur des Kapi­tals zei­gen und gegen ihre ‚Ver­frem­dung‘ durch den Schein eines per­sön­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Kapi­ta­list und Pro­duk­tion durch­set­zen. Die „gesell­schaft­li­che Stel­lung“ des Kapi­ta­lis­ten „in der Pro­duk­tion“ besteht viel­mehr gerade darin, daß er ganz per­sön­lich, mit der Gewalt des recht­lich geschütz­ten Eigen­tums, über sie ver­fügt. Die Tat­sa­che, daß „gemein­schaft­lich“ pro­du­ziert wird, steht nicht in einem – ent­lar­ven­den – Gegen­satz zur Pri­vat­heit des Kapi­tals; des­sen Pri­vat­macht ist viel­mehr das Gesell­schaft­li­che an der gan­zen Pro­duk­ti­ons­weise. Und des­we­gen hat der Kom­mu­nis­mus auch nicht bloß eine Modi­fi­ka­tion des „gesell­schaft­li­chen Cha­rak­ters des Eigen­tums“ im Sinn, wenn er, wie im Mani­fest durch­aus ange­kün­digt, die „Auf­he­bung des Pri­vat­ei­gen­tums“ ver­langt: Es geht schon gegen das Eigen­tum selbst, weil das näm­lich nicht den einen oder ande­ren „gesell­schaft­li­chen Cha­rak­ter“ hat, son­dern den „Cha­rak­ter“ der gesam­ten Gesell­schaft, näm­lich ihrer Pro­duk­ti­ons­weise begrün­det. Was soll also das ganze Hin-​und-​Her im Mani­fest zwi­schen „Abschaf­fung des Eigen­tums über­haupt“, um die es angeb­lich nicht geht, und der „Abschaf­fung des bür­ger­li­chen Eigen­tums“, um die es sehr wohl gehen soll? Daß die gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­weise des Pri­vat­ei­gen­tums seine Macht ver­lie­ren und ihre bis­he­ri­gen not­wen­di­gen Opfer dadurch rei­cher wer­den, läßt sich doch wohl ein­fa­cher sagen. Daß Kapi­ta­lis­ten ihre Macht genom­men wer­den soll, müs­sen Kom­mu­nis­ten wirk­lich nicht mit lau­ter beschwich­ti­gen­den „Nurs“ beschö­ni­gen. Das Mani­fest leis­tet sich also nicht nur ein höchst umständ­li­ches, son­dern auch sehr fal­sches Dementi der ver­brei­te­ten Auf­fas­sung, Kom­mu­nis­ten woll­ten den Leu­ten „ihr Hab und Gut“ wegnehmen.

Beru­higt wer­den soll­ten damit wohl all die auf­ge­reg­ten Gemü­ter, die seit jeher Kom­mu­nis­mus und Ent­ei­gung für ein und das­selbe hal­ten. Dabei war Marx und Engels die Ent­ei­gung, die durch die Macht des Kapi­tals an den Arbei­tern tag­täg­lich voll­streckt wird, durch­aus geläu­fig. Aber statt ein­fach das aus­zu­füh­ren, ver­brei­ten sie eine schlechte Lohntheo­rie:

„Der Durch­schnitts­preis der Lohn­ar­beit ist das Mini­mum des Arbeits­lohns, d.h. die Summe der Lebens­mit­tel, die not­wen­dig sind, um den Arbei­ter als Arbei­ter am Leben zu erhal­ten. Was also der Lohn­ar­bei­ter durch seine Tätig­keit sich aneig­net, reicht bloß dazu hin, um sein nack­tes Leben wie­der zu erzeu­gen. Wir wol­len diese per­sön­li­che Aneig­nung der Arbeits­pro­dukte zur Wie­der­er­zeu­gung des unmit­tel­ba­ren Lebens kei­nes­wegs abschaf­fen, eine Aneig­nung, die kei­nen Rein­er­trag übrig­läßt, der Macht über fremde Arbeit geben könnte. Wir wol­len nur den elen­den Cha­rak­ter die­ser Aneig­nung auf­he­ben, worin der Arbei­ter nur lebt, um das Kapi­tal zu ver­meh­ren, nur so weit lebt, wie es das Inter­esse der herr­schen­den Klasse erheischt… Der Kom­mu­nis­mus nimmt kei­nem die Macht, sich gesell­schaft­li­che Pro­dukte anzu­eig­nen, er nimmt nur die Macht, sich durch Aneig­nung fremde Arbeit zu unterjochen.“

Das klingt schon wie­der wie Trost: Die Kom­mu­nis­ten wol­len den Arbei­tern ganz bestimmt nichts weg­neh­men! Und dafür wird eine Lohntheo­rie der beschränk­ten Aneig­nung bemüht. Die Auto­ren hät­ten sich da bes­ser ein­mal klar ent­schie­den: Ist der Lohn Aneig­nung des Not­wen­di­gen, was Kom­mu­nis­ten den Arbei­tern auch nicht neh­men wol­len; – oder bedeu­tet Lohn­ar­beit, daß der „Arbei­ter nur lebt, um das Kapi­tal zu ver­meh­ren“ und „nur so weit lebt, wie es das Inter­esse der herr­schen­den Klasse erheischt“? Wenn letz­te­res, dann ist der Lohn nur in einem sehr zyni­schen Sinn das Lebens­mit­tel der Arbei­ter, näm­lich über­haupt nicht ihr Mit­tel; dann ist er viel­mehr vor allem andern Mit­tel des Kapi­tals – und man kann dem Arbei­ter in einem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest getrost die Bot­schaft zumu­ten: Den Lohn schaf­fen Kom­mu­nis­ten übri­gens ab.

Irgend­wie steht das ja auch da; „daß es keine Lohn­ar­beit mehr gibt, sobald es kein Kapi­tal mehr gibt“, bezeich­net das Mani­fest als „Tau­to­lo­gie“. Aber daß der Lohn nicht in den blei­ben­den Nor­mal­fall einer Aneig­nung des Lebens­not­wen­di­gen durch den Arbei­ter und einen „elen­den Cha­rak­ter die­ser Aneig­nung“, näm­lich die von der Bour­geoi­sie gesetz­ten Bedin­gun­gen des Lohn-​Erwerbs, zer­fällt, das hat Marx erst spä­ter in sei­ner „Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie“ gescheit erklärt. Der Lohn ist ein Teil des Kapi­tals – „varia­bles Kapi­tal“ –; auf Sei­ten der Arbei­ter setzt er Eigen­tums­lo­sig­keit vor­aus und repro­du­ziert sie. Vom Arbeits­pro­dukt eig­net sich der Lohn­ar­bei­ter näm­lich über­haupt nichts an; es gehört ihm schlech­ter­dings nichts von den Pro­duk­ten, die er her­stellt. Sämt­li­che „Nurs“ sind daher ver­kehrt, die so schön beschwich­ti­gend im Text des Mani­fests bemüht wer­den: Mit der Abschaf­fung des Kapi­tals ist nicht „nur“ eine „elende“ Form der Aneig­nung von Arbeits­pro­duk­ten durch eine bes­sere ersetzt, son­dern eine Sorte Arbeit abge­schafft, die von vorn­her­ein nichts als kapi­ta­lis­ti­sches Pri­vat­ei­gen­tum pro­du­ziert – also die Lohn­ar­beit sel­ber. Und des­we­gen stimmt es auch nicht, daß „der Kom­mu­nis­mus … kei­nem die Macht (nimmt), sich gesell­schaft­li­che Pro­dukte anzu­eig­nen,“ son­dern „nur die Macht, sich durch diese Aneig­nung fremde Arbeit zu unter­jo­chen“: „Das Gesell­schaft­li­che“ an den Pro­duk­ten des Kapi­tals ist gerade, daß sie über­haupt nicht jeder­mann zur Aneig­nung zur Ver­fü­gung ste­hen, son­dern von vorn­her­ein kapi­ta­lis­ti­sches Pri­vat­ei­gen­tum sind; Pro­duk­tion durch Lohn­ar­bei­ter und Aneig­nung durchs Kapi­tal sind ein und das­selbe; die „Macht, sich fremde Arbeit zu unter­jo­chen“, kommt daher nicht zu einer ‚nor­ma­len‘ Art der Güter­an­eig­nung hinzu, son­dern ist der ganze öko­no­mi­sche Inhalt des gesam­ten Aneig­nungs­pro­zes­ses, Aus­gangs– und End­punkt aller Güter­pro­duk­tion. Die Besei­ti­gung die­ser Macht ist also erst recht kein „Nur“, und sie läßt auch keine her­kömm­li­che Art der ‚per­sön­li­chen‘ Aneig­nung ‚gesell­schaft­li­cher Pro­dukte‘ beste­hen – eher schafft der Kom­mu­nis­mus erst­mals ein sol­ches Verhältnis…

Die Bemer­kun­gen des Mani­fests zu Per­sön­lich­keit und Frei­heit sind eben­falls keine Glanz­leis­tun­gen der mar­xis­ti­schen Theo­rie. Wir erfah­ren, daß Kom­mu­nis­ten angeb­lich nichts gegen diese hohen Güter an sich haben, son­dern nur die „Auf­he­bung der Bourgeois-​Persönlichkeit, –Selbst­stän­dig­keit und –Frei­heit“ im Auge haben. Daß nicht bloß der Bour­geois auf dem Tausch­wert steht, son­dern die bür­ger­li­che Frei­heit über­haupt kei­nen ande­ren Inhalt hat als die bedin­gungs­lose Aner­ken­nung des Tausch­werts, also die Ver­pflich­tung der „Per­sön­lich­keit“ aufs Eigen­tum als ein­zi­ges Lebens­mit­tel, das war den Ver­fas­sern des Mani­fests offen­sicht­lich noch nicht ganz klar. Im 2. Kapi­tel des 1. Ban­des des „Kapi­tal“ steht es dann um so ein­deu­ti­ger: Die Per­son ist nichts ande­res als der „Hüter der Waren“, der Sach­wal­ter der Preis­form; die wech­sel­sei­tige Aner­ken­nung der Per­so­nen als Pri­vat­ei­gen­tü­mer ist durch das öko­no­mi­sche Ver­hält­nis gege­ben, das ihnen durch den Waren­cha­rak­ter des Reich­tums quasi ding­lich vor­ge­ge­ben ist:

„Die Per­so­nen exis­tie­ren hier nur für­ein­an­der als Reprä­sen­tan­ten von Ware, daher als Waren­be­sit­zer. Wir wer­den über­haupt im Fort­gang der Ent­wick­lung fin­den, daß die öko­no­mi­schen Cha­rak­ter­mas­ken der Per­so­nen nur die Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse sind, als deren Trä­ger sie sich gegenübertreten.“

Das ist sie, die Per­sön­lich­keit, wie sie leibt und lebt in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft: Als Per­so­ni­fi­ka­tion der Preis­form tre­ten deren Mit­glie­der alle­mal gegen­ein­an­der an. Jeder steht unter der Prä­misse, daß er nur für sich sel­ber da ist, mit sei­nen Mit­teln eben ver­sucht, das Beste aus sich und sei­nem Leben zu machen. Jeder, auch der Pro­le­ta­rier, steht nur in einer Waren­be­zie­hung zum Rest der Gesell­schaft – auch zum Unter­neh­mer, der ihn beschäf­tigt. Moderne Per­sön­lich­kei­ten sind so durch und durch Reprä­sen­tan­ten der Preis­form, daß sie diese in jeder Lebens­lage gegen­ein­an­der in Anschlag brin­gen: Alles – bis zum Lie­bes­le­ben – wird zur Frage der Aner­ken­nung und der Begut­ach­tung der ande­ren geschätz­ten Per­sön­lich­keit – nach dem Mus­ter: „Was kriege ich von dir für das, was ich (in dich) inves­tiere?“ So gehen die selbst­be­wuß­ten Mit­glie­der der bür­ger­li­chen Gesell­schaft mit­ein­an­der um, ohne auch nur im min­des­ten ein Bewußt­sein davon zu haben, daß sie nichts ande­res sind als „Cha­rak­ter­mas­ken der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse“. Auch Lohn­ar­bei­ter gehen nicht in die Fabrik, um dem Kapi­tal zu die­nen, son­dern um für ihren Lebens­un­ter­halt zu sor­gen. Die arbei­tende Klasse exis­tiert also im Kapi­ta­lis­mus als lau­ter freie, nur an sich selbst den­kende Per­sön­lich­kei­ten. Des­we­gen schafft der Kom­mu­nis­mus eben nicht nur die „Bourgeois-​Persönlichkeit“, son­dern auch die pro­le­ta­ri­sche Per­sön­lich­keit ab, weil es sich bei sämt­li­chen wer­ten Per­so­nen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft um nichts ande­res als „Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse“ handelt.

Zur Fami­lie: Es mag ja ein­mal ganz nett sein, der Bour­geoi­sie, die sich als Bewah­rer und Ret­ter des Fami­li­en­le­bens auf­führt, ihre Heu­che­lei in puncto ehe­li­cher Treue und Moral um die Ohren zu hauen. Die Grenze die­ser Sorte Pole­mik wird deut­lich, wenn nicht mehr ganz klar ist, ob nicht der­je­nige, der den Heuchelei-​Vorwurf erhebt, sel­ber für die Ideale Par­tei ergreift, die die „Heuch­ler“ immerzu mit Füßen tre­ten. Es mag ja erfri­schend sein, wenn sich das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest für eine offene, offen­her­zige Viel­wei­be­rei aus­spricht. Nicht in Ord­nung dage­gen geht es, wenn das nach dem Mus­ter dar­ge­stellt wird: Wir Kom­mu­nis­ten voll­en­den doch letzt­lich „nur“ ein Zer­stö­rungs­werk von Sitte und Anstand, das die Bour­geoi­sie schon selbst längst – wenn auch nur im Gehei­men – begon­nen hat. Am Ende kommt es noch so her­aus, als wäre aus­ge­rech­net der bür­ger­li­che Kopf mit sei­ner mora­lisch ver­leug­ne­ten Unmo­ral Vor­bild und Vor­rei­ter der kom­mu­nis­ti­schen Kri­tik des Familienlebens.

Beson­ders fatal wird die­ses Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter bei der pole­mi­schen Behand­lung des Vor­wurfs, „Kom­mu­nis­ten woll­ten das Vater­land, die Natio­na­li­tät abschaf­fen“. Man könnte ja auch ein­fach sagen: Genau, das wol­len wir, und gute Gründe dafür haben wir auch… Statt­des­sen bemüht sich das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest auch hier um den Nach­weis, daß die Bour­geoi­sie sel­ber schon – aus­ge­rech­net! – am Ver­schwin­den der Natio­nen arbeitet:

„Die natio­na­len Abson­de­run­gen und Gegen­sätze der Völ­ker ver­schwin­den mehr und mehr schon mit der Ent­wick­lung der Bour­geoi­sie, mit der Han­dels­frei­heit, dem Welt­markt, der Gleich­för­mig­keit der indus­tri­el­len Pro­duk­tion und der ihr ent­spre­chen­den Lebens­ver­hält­nisse. Die Herr­schaft des Pro­le­ta­ri­ats wird sie noch mehr ver­schwin­den machen.“

Die welt­weite Gleich­ma­che­rei der Lebens­ver­hält­nisse durch das Kapi­tal ist eine Sache; was die „natio­na­len Abson­de­run­gen der Völ­ker“ betrifft, haben Marx und Engels schon recht. Eine ganz andere Sache sind aber die „Gegen­sätze der Völ­ker“: Die ver­schwin­den über­haupt nicht „mit der Ent­wick­lung der Bour­geoi­sie“; die bekom­men über­haupt erst einen soli­den Grund durch die wach­sende Kon­kur­renz der natio­na­len Staats­ge­wal­ten, deren Reich­tum auf ihrer jewei­li­gen kapi­ta­lis­ti­schen Natio­nal­öko­no­mie beruht. Das wird sogar ein paar Zei­len wei­ter im Mani­fest sel­ber angedeutet:

„In dem Maße, wie die Exploi­ta­tion des einen Indi­vi­du­ums durch das andere auf­ge­ho­ben wird, wird die Exploi­ta­tion einer Nation durch die andere auf­ge­ho­ben. Mit dem Gegen­satz der Klas­sen im Innern der Nation fällt die feind­li­che Stel­lung der Natio­nen gegeneinander.“

Wenn schon die Auf­he­bung des Klas­sen­ge­gen­sat­zes im Innern – also immer­hin nichts Gerin­ge­res als eine Revo­lu­tion – nötig ist, damit die Feind­se­lig­kei­ten zwi­schen den Natio­nen auf­hö­ren, dann ist damit immer­hin ange­deu­tet, daß die moderne Nation die Art und Weise ist, wie die Bour­geoi­sie poli­tisch regiert, und daß diese Sorte Herr­schaft lau­ter Gründe für Streit zwi­schen den Natio­nen ent­hält. Dann sollte man aber bes­ser nicht behaup­ten, daß die Kom­mu­nis­ten auch in die­ser Frage „nur“ eine his­to­ri­sche Ten­denz voll­en­den woll­ten, die die Bour­geoi­sie schon ein­ge­lei­tet hat.

Schließ­lich die Sache mit den „ewi­gen Wahr­hei­ten, wie Frei­heit, Gerech­tig­keit usw.“, deren Unter­gra­bung den Kom­mu­nis­ten ange­las­tet wird. Es ist schon ein über­aus mat­ter Kon­ter gegen die­sen Vor­wurf zu beteu­ern, daß neue Herr­schaf­ten schon immer mit alten Ideo­lo­gien auf­ge­räumt haben und daß des­we­gen der Fort­gang des Klas­sen­kampfs auch bloß das Zer­stö­rungs­werk der Bour­geoi­sie an der Ide­en­welt des Feu­da­lis­mus wei­ter­führt und voll­en­det. Ein­ge­lei­tet wird diese Ent­geg­nung mit einer eher gro­ben Theo­rie des fal­schen Bewußtseins:

„Die herr­schen­den Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herr­schen­den Klasse.“

Wenn man sich so umschaut in der Welt des höhe­ren Blöd­sinns, kann das die ganze Wahr­heit nicht sein. Die aktu­el­len herr­schen­den Ideen sind jeden­falls oft so ver­drech­selt, daß die herr­schende Klasse ihre Schwie­rig­kei­ten hat, sie zu begrei­fen. Aber wenn es schon um die herr­schen­den Ideen gehen soll, dann hät­ten gerade Marx und Engels – in ande­ren Schrif­ten haben sie es bewie­sen – in Sachen Kri­tik mehr zu bie­ten als den pau­scha­len Hin­weis, „daß das gesell­schaft­li­che Bewußt­sein aller Jahr­hun­derte … [sich] in gewis­sen gemein­sa­men For­men bewegt“. Und die kom­mu­nis­ti­sche Abnei­gung gegen Reli­gion und Moral damit zu begrün­den, daß das doch „kein Wun­der“ sei bei Leu­ten, die „mit den über­lie­fer­ten Eigen­tums­ver­hält­nis­sen radi­kal bre­chen wol­len“, ist fast mehr eine Ent­schul­di­gung als ein Bei­trag zum Kampf gegen fal­sches Bewußtsein.

*

„Doch las­sen wir die Ein­würfe der Bour­geoi­sie gegen den Kom­mu­nis­mus“ – um zum let­zen Abschnitt des 2. Kapi­tels zu kom­men, in dem eine Liste wirk­lich kon­kre­ter Teil-​Forderungen auf­stellt wird:

Als ers­tes erfah­ren wir, daß das Pro­le­ta­riat die poli­ti­sche Herr­schaft ergrei­fen muß. Hier kann man nur sagen: Was denn sonst! Auch wenn wir, nach unse­rer Kennt­nis der moder­nen Demo­kra­tie, das nie und nim­mer gleich­set­zen wür­den mit der „Erkämp­fung der Demo­kra­tie“. Aber sei’s drum.

Das fol­gende öko­no­mi­sche Pro­gramm ist schon deut­lich weni­ger klar umris­sen. Wenn es da heißt:

„Das Pro­le­ta­riat wird seine poli­ti­sche Herr­schaft dazu benut­zen, der Bour­geoi­sie nach und nach alles Kapi­tal zu entreißen…“,

dann möchte man doch schon dar­auf beste­hen, daß „Ent­rei­ßen“ und „Abschaf­fen“ nicht ganz das­selbe ist. Kein Zwei­fel auch, daß die Ent­mach­tung der Bourgeoisie

„natür­lich nur gesche­hen [kann] ver­mit­tels des­po­ti­scher Ein­griffe in das Eigen­tums­recht und in die bür­ger­li­che Produktionsweise.“

Aber wieso um alles in der Welt sol­len diese „Maß­re­geln“ dann „öko­no­misch unzu­rei­chend und unhalt­bar erschei­nen“ und sich nur dadurch recht­fer­ti­gen, daß sie „über sich selbst hin­aus­trei­ben und als Mit­tel zur Umwäl­zung der gan­zen Pro­duk­ti­ons­weise unver­meid­lich sind“? Soll denn die vom Pro­le­ta­riat eroberte Staats­macht schon wie­der so einen öko­no­mi­schen Selbst­lauf eröff­nen, einen geschicht­li­chen Mecha­nis­mus, der den Zie­len der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion quasi „hin­ter dem Rücken“ der agie­ren­den Sub­jekte zum Durch­bruch ver­hilft? Ein End­ziel, das kei­ner will: die Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus, soll auf den Weg gebracht wer­den mit­tels lau­ter „Etap­pen­sie­gen“, die zwar nichts mit einer kom­mu­nis­ti­schen Umwäl­zung zu tun haben, für die man aber zumin­dest in den „fort­ge­schrit­tens­ten Län­dern“ schon einige Bünd­nis­ge­nos­sen sieht.

Die­ser Vor­stel­lung ent­spre­chend sind die 10 For­de­run­gen am Ende des 2. Kapi­tels kon­stru­iert. Es ist wirk­lich kein Wun­der, daß sich gerade dar­auf die heu­ti­gen Ideo­lo­gen der „sozia­len Markt­wirt­schaft“ so begeis­tert beru­fen, weil sie sie – mit den nöti­gen „rea­lis­ti­schen“ Abstri­chen, ver­steht sich… – im moder­nen Kapi­ta­lis­mus erfüllt sehen. Denn allen For­de­run­gen haf­tet ein übler Beige­schmack an; alle zie­len auf die Staats­ge­walt – jenen „Aus­schuß der Bour­geoi­sie“- mit dem Antrag, diese sollte sich doch auch ums Pro­le­ta­riat kümmern:

„1. Expro­pria­tion des Grund­ei­gen­tums und Ver­wen­dung der Grund­rente zu Staats­aus­ga­ben.2. Starke Pro­gres­siv­steuer.3. Abschaf­fung des Erbrechts.4. Kon­fis­ka­tion des Eigen­tums aller Emi­gran­ten und Rebel­len.5. Zen­tra­li­sa­tion des Kre­dits in den Hän­den des Staats…6. Zen­tra­li­sa­tion des Trans­port­we­sens in den Hän­den des Staats.7. Ver­meh­rung der Natio­nal­fa­bri­ken…8. Glei­cher Arbeits­zwang für alle…9. Ver­ei­ni­gung des Betriebs von Acker­bau und Indus­trie…10. Öffent­li­che und unent­gelt­li­che Erzie­hung aller. Besei­ti­gung der Fabrik­ar­beit der Kin­der in ihrer heu­ti­gen Form. Ver­ei­ni­gung der Erzie­hung mit der mate­ri­el­len Produktion.“

Marx und Engels haben sich spä­ter von die­sem „Sofort­pro­gramm“ dis­tan­ziert.[3] Bei der Abfas­sung des Mani­fests waren sie davon über­zeugt, daß nur sol­che For­de­run­gen, die sich darum bemü­hen, an die gege­be­nen Ver­hält­nisse anzu­knüp­fen und Kor­rek­tu­ren anzu­brin­gen, der pas­sende Ein­stieg in eine totale Umwäl­zung der Gesell­schaft wären. Und so radi­kal die For­de­run­gen auch sein mögen – extre­mis­tisch zum Teil noch für ein moder­nes bür­ger­li­ches Gemein­we­sen, für die Ver­hält­nisse im Jahre 1848 auf alle Fälle alle­samt umstürz­le­risch: Sie sind durch und durch oppor­tu­nis­tisch. Vor­han­de­nen Reform­be­we­gun­gen wird recht gege­ben und gleich­zei­tig dar­auf gesetzt, daß mit jeder bür­ger­li­chen Reform nichts gerin­ge­res voll­bracht wäre als ein wei­te­rer Schritt hin zur Abschaf­fung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft. Eine „starke Pro­gres­siv­steuer“ auf den kapi­ta­lis­ti­schen Reich­tum jedoch ist noch nicht ein­mal eine beson­ders zweck­mä­ßige Kampf­maß­nahme, um „der Bour­geoi­sie nach und nach alles Kapi­tal zu ent­rei­ßen“; geschweige denn, daß damit die Erset­zung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise durch einen ver­nünf­ti­gen gesell­schaft­li­chen Plan in die Wege gelei­tet wäre – allen­falls mag auf die Art die Staats­ge­walt in die Rolle der Kapi­ta­lis­ten hin­ein­wach­sen, wor­auf in der Tat auch die meis­ten ande­ren For­de­run­gen abzie­len. Als wäre der Staat, wenn er den Reich­tum der Gesell­schaft nur bei sich zen­tra­li­siert und die Kapi­ta­lis­ten ersetzt, schon unge­fähr das, wor­auf Kom­mu­nis­ten mit ihrer Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie hin­aus­wol­len, oder zumin­dest eine gute Bedin­gung dafür und genau das, was ein sieg­rei­ches Pro­le­ta­riat mit der erober­ten Macht her­zu­stel­len hätte!

Kurz: Es wer­den lau­ter „über sich selbst hin­aus­trei­bende Wege“ zur pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion auf­ge­zeigt, die garan­tiert keine sind. Denn das, wor­auf das Ganze hin­aus­lau­fen soll:

„Sind im Laufe der Ent­wick­lung die Klas­sen­un­ter­schiede ver­schwun­den und ist alle Pro­duk­tion in den Hän­den der asso­zi­ier­ten Indi­vi­duen kon­zen­triert, so ver­liert die öffent­li­che Gewalt den poli­ti­schen Cha­rak­ter… An die Stelle der alten bür­ger­li­chen Gesell­schaft mit ihren Klas­sen und Klas­sen­ge­gen­sät­zen tritt eine Asso­zia­tion, worin die freie Ent­wick­lung eines jeden die Bedin­gung für die freie Ent­wick­lung aller ist.“ –

die­ses End­ziel der „Ent­wick­lung“ ist so ziem­lich der ein­zige geschicht­li­che Schritt in der Welt, der ganz bestimmt nicht als Sach­zwang „hin­ter dem Rücken“ gesell­schaft­li­cher Cha­rak­ter­mas­ken pas­siert, son­dern nur, wenn Indi­vi­duen sich wirk­lich mit Wille und Bewußt­sein über das, was sie vor­ha­ben, „asso­zie­ren“. Wenn irgend­et­was, dann ist eine sol­che Asso­zia­tion, in der die „freie Ent­wick­lung eines jeden die Bedin­gung für die freie Ent­wick­lung aller ist“ – las­sen wir’s mal als kom­mu­nis­ti­sche „Ant­wort“ auf das bür­ger­li­che Ideal der „frei ent­wi­ckel­ten Per­sön­lich­keit“ gel­ten… –, nicht als bewußt­lo­ses „Übersich-​Hinauswachsen“ einer „geschicht­li­chen Ent­wick­lung“ zu haben, son­dern nur als gemein­sa­mer Plan von Leu­ten, die wis­sen, was sie tun.

3. Kapi­tel: „Sozia­lis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Literatur“

Aus­rech­net bei ihrer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem sozia­lis­ti­schen Über­bau der dama­li­gen Zeit lau­fen Marx und Engels zu gro­ßer Form der Kri­tik auf. In ihrer Abrech­nung mit zeit­ge­nös­si­schen „sozia­lis­ti­schen“ Reak­tio­nä­ren und Fort­schritt­lern las­sen sie an deren Theo­rien kein gutes Haar. Da wis­sen sie sehr genau zu unter­schei­den, daß die Ein­ge­mein­dung der Arbei­ter­klasse in die bür­ger­li­che Gesell­schaft etwas ande­res ist als die Ent­mach­tung der Bour­geoi­sie. Lei­der wol­len sie von die­ser Kri­tik nichts mehr wis­sen, sobald sie sich ihrem 4. Kapi­tel widmen:

4. Kapi­tel: „Stel­lung der Kom­mu­nis­ten zu den ver­schie­de­nen oppo­si­tio­nel­len Parteien“

Kaum befas­sen sie sich mit ande­ren sozia­lis­ti­schen Par­teien, stel­len sie sich wie­der affir­ma­tiv und oppor­tu­nis­tisch auf jeden Mist ein und ent­de­cken in einem Land nach dem ande­ren Bünd­nis­part­ner, die mit der ent­schlos­se­nen Unter­stüt­zung der Kom­mu­nis­ten rech­nen kön­nen.[4]

*

Bleibt noch der letzte Abschnitt des Tex­tes. Etwas weni­ger Thea­tra­lik hätte es zwar auch getan; dann hät­ten sich jeden­falls nicht spä­tere Ver­tre­ter der „herr­schen­den Ideen“, statt „vor einer kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­tion zu zit­tern“, an der schön­ge­form­ten Rede erbauen kön­nen. Aber sach­lich völ­lig in Ord­nung, die­ses abschlie­ßende Bekennt­nis zu der kom­mu­nis­ti­schen Maxime, nichts zu ver­leug­nen und nichts zu beschönigen:

„Die Kom­mu­nis­ten ver­schmä­hen es, ihre Ansich­ten und Absich­ten zu ver­heim­li­chen. Sie erklä­ren es offen, daß ihre Zwe­cke nur erreicht wer­den kön­nen durch den gewalt­sa­men Umsturz aller bis­he­ri­gen Gesell­schafts­ord­nung. Mögen die herr­schen­den Klas­sen vor einer kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­tion zit­tern. Die Pro­le­ta­rier haben nichts in ihr zu ver­lie­ren als ihre Ket­ten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“

Hät­ten sich die Auto­ren auf den vor­an­ge­gan­ge­nen Sei­ten ihres Mani­fests doch an ihre Maxime gehalten!

PS.: Die Kar­riere der Feh­ler des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests im Rea­len Sozialismus

Was die Auto­ren des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests betrifft, die haben – wie schon mehr­fach erwähnt – die Män­gel und Feh­ler ihrer Früh­schrift spä­ter größ­ten­teils korrigiert.

Doch bedau­er­li­cher­weise fin­den nicht nur heu­tige Schön­geis­ter das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest echt affen­geil. Viel schlim­mer ist, daß diese Schrift in den letz­ten 150 Jah­ren soviel Anklang gefun­den hat bei allen, die sich für die „Sache der Arbei­ter­be­we­gung“ stark gemacht haben. Die Schwä­chen und Feh­ler des Mani­fests haben lei­der eine steile Kar­riere hin­ter sich als belieb­tes­ter Leit­fa­den sämt­li­cher kom­mu­nis­ti­scher Umtriebe der letz­ten Jahr­zehnte, ja sogar für die ver­flos­se­nen kom­mu­nis­ti­schen Staats­grün­dun­gen. Den kom­mu­nis­ti­schen Par­teien, die sich auf Marx und Engels berie­fen, haben näm­lich die Schwach­hei­ten des Mani­fests viel mehr zuge­sagt als die Kri­tik der Poli­ti­schen Öko­no­mie und des Gothaer Pro­gramms der Sozi­al­de­mo­kra­tie. Sie haben die Vor­stel­lung, Kom­mu­nis­mus wäre nichts wei­ter als die Zusam­men­fas­sung, der „ent­schie­denste Aus­druck“ all der Sehn­süchte des „ent­rech­te­ten und geknech­te­ten Pro­le­ta­ri­ats“, zum Dogma erho­ben und nach allen Sei­ten hin radi­kal ver­kehrte Kon­se­quen­zen dar­aus gezogen.

– Auf der einen Seite oppor­tu­nis­tisch bis zur Selbst­ver­leug­nung beim Anknüp­fen an „soziale Bewe­gun­gen“, die sie als Kom­mu­nis­ten im Volk, ins­be­son­dere im Pro­le­ta­riat, gesucht und gefun­den haben.

– Skru­pel­los, beden­ken­los bei der Aus­wahl von Bünd­nis­part­nern, deren Ziel­set­zun­gen sie als lau­ter Bestand­teile und Vor­stu­fen des eige­nen Pro­gramms gedeu­tet haben.

– Hoff­nungs­los affir­ma­tiv in Bezug auf alles – Fami­lie, Brauch­tum, Nor­men und Werte, Vater­land… –, was nach Auf­fas­sung aller wohl­mei­nen­den Kul­tur­kri­ti­ker im Kapi­ta­lis­mus unter die Räder kommt; nach dem Motto: „Das Wahre, Gute, Schöne ist in Wahr­heit erst im Sozia­lis­mus möglich.“

– Auf der ande­ren Seite total des­in­ter­es­siert an den – kri­ti­ka­blen oder auch kor­rek­ten – Bedürf­nis­sen und Vor­stel­lun­gen, mit denen kom­mu­nis­ti­sche Umstürz­ler in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft tat­säch­lich kon­fron­tiert sind.

Kurz: Aus­ge­rech­net die sich auf Marx beru­fen­den Par­teien haben sich den Wider­spruch geleis­tet, die agi­ta­to­ri­sche Auf­klä­rung ihrer Adres­sa­ten über die kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem­not­wen­dig­keit ihrer mise­ra­blen Lage, die agi­ta­to­ri­sche Kri­tik der höchst sys­tem­im­ma­nen­ten Gerech­tig­keits­for­de­run­gen, die Kri­tik der Art und Weise also, wie Lohn­ar­bei­ter sich auf die Lebens­be­din­gun­gen unter dem Regime des Kapi­tals ein­stel­len, ziem­lich voll­stän­dig zu erset­zen durch die Aner­ken­nung des Pro­le­ta­ri­ats im beson­de­ren und der Volks­mas­sen im all­ge­mei­nen in dem trost­lo­sen Zustand, in dem Kom­mu­nis­ten sie vor­fin­den. Die „Volks­mas­sen“ wur­den von ihrer „Vor­hut“ – den Kom­mu­nis­ten – beglück­wünscht als Erfül­lungs­ge­hil­fen eines fik­ti­ven Auf­trags der Geschichte, den sie noch nicht ein­mal zu ken­nen brauch­ten, weil er angeb­lich sowieso galt und Wir­kung zeigte.

Wo sie an die Macht gekom­men sind, haben die kom­mu­nis­ti­schen Par­teien des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus die „untrenn­bare Ein­heit“ von Füh­rung und Volk dekre­tiert. Als „Arbei­ter– und Bau­ern­staa­ten“ haben sie den Pro­let­kult auf die Spitze getrie­ben; die Iden­ti­tät zwi­schen Par­tei und Mas­sen mit aller Macht insze­niert, so daß jede kri­ti­sche Stel­lung­nahme aus den Rei­hen der gelieb­ten Mas­sen den Genos­sen an den „Schalt­he­beln der Macht“ suspekt war, als mög­li­che Abwei­chung von der „kor­rek­ten Par­tei­li­nie“ beob­ach­tet und nicht sel­ten auch ver­folgt wurde. Umge­kehrt wur­den alle Regun­gen, die sie im Volk vor­ge­fun­den haben – von der Reli­gion über folk­lo­ris­ti­sches Brauch­tum bis zum Natio­na­lis­mus – von den regie­ren­den kom­mu­nis­ti­schen Par­teien alles andere als kon­se­quent bekämpft, viel­mehr als – bes­ten­falls noch unge­nü­gen­der – Aus­druck einer im Prin­zip kor­rek­ten, völ­ker­ver­bin­den­den, mas­sen­freund­li­chen Ten­denz affirmiert.

Was die Öko­no­mie betrifft, haben die an die Macht gekom­me­nen Anhän­ger des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests dann tat­säch­lich, statt einen Über­gang zur plan­mä­ßi­gen Pro­duk­tion von Gebrauchs­wer­ten durch­zu­set­zen, ein Sys­tem „öko­no­misch unzu­rei­chen­der und unhalt­ba­rer Maß­nah­men“ im Sinne eines radi­kal ver­bes­ser­ten Kapi­ta­lis­mus installiert.

Auf das Geld wie auf den Lohn mein­ten sie – im Gegen­satz zu der von Marx und Engels in ihren spä­te­ren Schrif­ten gelie­fer­ten Kri­tik an die­sen kapi­ta­lis­ti­schen Errun­gen­schaf­ten – kei­nes­falls ver­zich­ten zu kön­nen. Im Gegen­teil, sie waren der fes­ten Auf­fas­sung, erst im Sozia­lis­mus würde bei­des zur vol­len Schön­heit und zu nütz­li­chen „Hebeln der Steue­rung der Pro­duk­tion und Kon­sum­tion“ reifen.

Ange­sichts die­ses Pro­gramms war es ihnen völ­lig klar, daß die „öffent­li­che Gewalt“ nie und nim­mer ihren „poli­ti­schen Cha­rak­ter“ ver­lie­ren konnte; bzw. sie haben irgend­wann per poli­ti­schem Dekret ver­kün­det, daß sie die „Über­gangs­ge­sell­schaft“ für been­det betrach­ten und in ihren Staa­ten der Kom­mu­nis­mus herrscht.

Im Welt­maß­stab schließ­lich hiel­ten sie wenig von dem Slo­gan: „Pro­le­ta­rier aller Län­der, ver­ei­nigt euch!“ Sie sorg­ten für die rest­lose Erset­zung des Klas­sen­kampfs durch eine Poli­tik der mili­tä­ri­schen Kon­fron­ta­tion und Friedenssicherung.

Um einen „geis­ti­gen Über­bau“ für ihren revo­lu­tio­nä­ren Taten­drang waren sie nicht ver­le­gen. Sie hat­ten sich näm­lich hef­tig in die Vor­stel­lung ver­liebt, daß sie und ihr Pro­gramm immer nur der „Aus­druck einer geschicht­li­chen Gesetz­mä­ßig­keit“ sein konn­ten. In die­sem Sinne haben sie gleich eine ganze Tra­di­tion lin­ker Erkennt­nis­theo­rie begrün­det, die sich – streng Histo– und Diamat-​mäßig – in immer kom­ple­xe­ren Ela­bo­ra­ten um die Ver­an­ke­rung der zutiefst phi­lo­so­phi­schen Erkennt­nis bemühte: daß das, was ist – und was die Par­tei ver­an­stal­tet, auch sein muß, weil es der Geschichte entspricht.

Blei­ben noch die Epi­go­nen der „Bewe­gung“, die bei­spiels­weise in den 70er Jah­ren an bun­des­deut­schen Hoch­schu­len „die Fahne des Kom­mu­nis­mus hoch­ge­hal­ten“ haben. Die sind nicht davor zurück­ge­schreckt, jedes Volks­ge­mur­mel und jeden noch so sozi­al­ver­träg­li­chen DGB-​Tarifstreit zur „sozia­len Bewe­gung“ und zum „Schritt in die rich­tige Rich­tung“ zu erklä­ren. So haben sie sich revo­lu­tio­näre Umtriebe in die Tasche gelo­gen, um sich als deren Aus­druck begrei­fen zu kön­nen. Jede Kri­tik an ihren Adres­sa­ten haben sie ent­schie­den abge­wehrt und sich mit Gruß­adres­sen an „kämp­fende Beleg­schaf­ten…“ an die Spitze der angeb­li­chen oder wirk­li­chen Unzu­frie­den­heit im Volk gesetzt.

Sogar ihren Abge­sang auf den Kom­mu­nis­mus haben man­che der alten Freunde des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests in dem Bewußt­sein voll­zo­gen, daß sie den vor­ge­zeich­ne­ten Gang der Welt­ge­schichte irgend­wie falsch ver­stan­den haben müß­ten. Selbst­kri­tisch haben sie zu Pro­to­koll gege­ben, daß sie mit ihrem „kom­mu­nis­ti­schen Expe­ri­ment“ offen­sicht­lich – mensch­heits­ge­schicht­lich gese­hen – schät­zungs­weise ein paar hun­dert Jahre zu früh dran waren. So kann man auch die eigene Absage an kom­mu­nis­ti­sches Gedan­ken­gut als Ein­sicht in geschicht­li­che Not­wen­dig­kei­ten darstellen.

Die­je­ni­gen, die erst gar nicht dazu kamen, ein „kom­mu­nis­ti­sches Expe­ri­ment“ zu ver­an­stal­ten – die kom­mu­nis­ti­schen Grup­pie­run­gen in den kapi­ta­lis­ti­schen Metro­po­len –, haben auf ihre Weise ihre Absage an den Kom­mu­nis­mus über die Bühne gebracht. Nach­dem sie aus dem Mani­fest eine Gebrauchs­an­wei­sung zum Pro­let­kult gemacht und sich als „Vor­hut“ auf­ge­baut hat­ten, die sich in nichts von der „wirk­li­chen Bewe­gung“ unter­schei­det, muß­ten sie irgend­wann fest­stel­len, daß das real exis­tie­rende Pro­le­ta­riat alles andere im Sinn hat als eine kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung. Da haben sie dem bis neu­lich noch heiß­ge­lieb­ten Pro­le­ta­riat ihre Zunei­gung ent­zo­gen. Kri­ti­sie­ren wol­len sie „die Mas­sen“ immer noch nicht. Denn jetzt glau­ben sie zu wis­sen, daß diese ganze Bande – und ganz spe­zi­ell der Pro­let in sei­ner deut­schen Aus­prä­gung – zum „schlech­tes­ten Men­schen­ma­te­rial“ gehört, das die Welt je gese­hen hat. Sol­che Typen gehö­ren, nach Aus­kunft der ent­täusch­ten Arbei­ter­freunde von ges­tern, mit Ver­ach­tung gestraft und nicht für eine Revo­lu­tion agitiert.

Schuld an alle­dem ist das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest trotz aller sei­ner Män­gel nicht. Denn ers­tens ist der Schrift zu ent­neh­men, daß Marx und Engels damit eine Kampf­schrift gegen den Kapi­ta­lis­mus in die Welt set­zen woll­ten. Und zwei­tens han­delt es sich bei die­sem mar­xis­ti­schen Früh­werk immer­hin um eine „Vor­stufe“ für weit­aus bes­sere Spät­werke. Die Freunde des Rea­len Sozia­lis­mus sind den umge­kehr­ten Weg gegan­gen: Sie haben die Ein­sich­ten der „Alten“ zuguns­ten ihrer geschichts­phi­lo­so­phi­schen Anfänge revidiert.

[1] Daß Ber­tolt Brecht, wie jetzt im Rah­men der all­ge­mei­nen Lob­ge­sänge über die angeb­li­che lite­ra­ri­sche Qua­li­tät des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes zu erfah­ren war, spä­ter tat­säch­lich ver­sucht haben soll, aus dem Mani­fest ein Gedicht zu machen, kann man wirk­lich nicht sei­nen bei­den Auto­ren zur Last legen. Es zeigt höchs­tens, daß Brecht sein Leb­tag nicht zwi­schen künst­le­ri­scher Erbau­ung und poli­ti­scher Agi­ta­tion unter­schei­den wollte. Ein Feh­ler, den er im übri­gen mit den Par­tei­füh­run­gen des real-​sozialistischen Staats­blocks teilte, für die Unter­hal­tung und „pro­le­ta­ri­sche Bewußt­s­eins­bil­dung“ eben­falls eine „untrenn­bare Ein­heit“ dar­stellte. Wes­halb der „Kul­tur­schaf­fende“ Brecht in sei­nen DDR-​Jahren bekannt­lich das tra­gi­sche Schick­sal erlitt, von der poli­ti­schen Gän­ge­lung durch US-​Behörden, die in ihm einen „kom­mu­nis­ti­schen Agi­ta­tor unter dem Deck­man­tel der Kunst“ aus­mach­ten, unter die für­sorg­li­che Obhut und Kon­trolle der Par­tei der Werk­tä­ti­gen zu gera­ten, die bis­wei­len andere Vor­stel­lun­gen von „sozia­lis­ti­scher Lini­en­treue“ beim Dich­ten und Thea­ter­spie­len hatte als der seit neu­es­tem auch im Wes­ten Deutsch­lands gefei­erte „größte deut­sche Dra­ma­ti­ker die­ses Jahrhunderts“.

[2] Uns sind Figu­ren wie Hans-​Olaf Hen­kel, Ger­hard Schrö­der, Nor­bert Blüm und Kon­sor­ten dage­gen an einer ganz ande­ren Stelle der Mani­fests sehr leb­haft vor Augen gestanden:

„Sei­nen ent­spre­chen­den Aus­druck erreicht der Bour­geois­so­zia­lis­mus erst da, wo er zur blo­ßen red­ne­ri­schen Figur wird. Freier Han­del! im Inter­esse der arbei­ten­den Klasse; Schutz­zölle! im Inter­esse der arbei­ten­den Klasse; Zel­len­ge­fäng­nisse! im Inter­esse der arbei­ten­den Klasse: das ist das letzte, das ein­zige erst­ge­meinte Wort des Bour­geois­so­zia­lis­mus. Der Sozia­lis­mus der Bour­geoi­sie besteht eben in der Behaup­tung, daß die Bour­geois Bour­geois sind – im Inter­esse der arbei­ten­den Klasse.“ Die aktu­elle Fas­sung die­ses Sozia­lis­mus heißt: „Lohn­sen­kun­gen und ren­ta­ble Arbeits­plätze! im Inter­esse der arbei­ten­den Klasse!“

[3] „Die­ser Pas­sus (die am Ende von Abschnitt II vor­ge­schla­ge­nen revo­lu­tio­nä­ren Maß­re­geln) würde heute in vie­ler Bezie­hung anders lau­ten… Nament­lich hat die [Pari­ser] Kom­mune den Beweis gelie­fert, daß ‚die Arbei­ter­klasse nicht die fer­tige Staats­ma­schine ein­fach in Besitz neh­men und sie für ihre eig­nen Zwe­cke in Bewe­gung set­zen kann‘.“ (Marx/​Engels, Vor­wort zur deut­schen Aus­gabe des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests von 1872)

[4] Auch ihre spä­tere Dis­tan­zie­rung von die­sen Pas­sa­gen läßt weni­ger eine Kri­tik an die­sem oppor­tu­nis­ti­schen Feh­ler erken­nen als viel­mehr eine Absage an die Par­teien, die sie sich 1848 als Bünd­nis­part­ner aus­ge­guckt hat­ten – weil es die schlicht und ein­fach nicht mehr gab:

„Fer­ner ist selbst­re­dend, daß die Kri­tik der sozia­lis­ti­schen Lite­ra­tur für heute lücken­haft ist, weil sie nur bis 1847 reicht; ebenso die Bemer­kun­gen über die Stel­lung der Kom­mu­nis­ten zu den ver­schie­de­nen Oppo­si­ti­ons­par­teien (Abschnitt IV), wenn auch in den Grund­zü­gen heute noch rich­tig, doch in der Aus­füh­rung heute schon des­we­gen ver­al­tet sind, weil die poli­ti­sche Lage sich total umge­stal­tet und die geschicht­li­che Ent­wick­lung die meis­ten der dort auf­ge­zähl­ten Par­teien aus der Welt geschafft hat.“ (Marx/​Engels, Vor­wort zur deut­schen Aus­gabe des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests von 1872).