linke Kapi­ta­lis­mus­kri­tik

Was sich mit Marx doch alles anstel­len läßt!

Die linke Kon­tro­verse um das radi­kalste Menschenbild

  • Kri­tik der „feti­schis­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung“ (Kurz, Auer­bach u.a.)
  • Argu­mente für die Sicht­bar­keit des Kapi­ta­lis­mus und der Unar­ten sei­ner herr­schen­den Klasse (Tram­pert, Ebermann)
  • Wie sich die Bil­der glei­chen: Die Absage an das unbrauch­bare revo­lu­tio­näre Subjekt

Quelle: Gegen­stand­punkt 4 – 1996 Was sich mit Marx doch alles anstel­len läßt!

Die linke Kon­tro­verse um das radi­kalste Menschenbild

Ein Leser­brief

„Werte Genos­sen,

Ich möchte Euch ledig­lich auf zwei Bücher auf­merk­sam machen, deren Inhalt durch­aus eini­ges an gewohn­ten Denk­mus­tern, Grund­an­nah­men und Ziel­set­zun­gen der ehe­ma­li­gen MG und Eures Zir­ku­lars impli­zit und expli­zit in Frage stellt. Da mir die nötige Zeit fehlt, näher zu erläu­tern, wel­che Punkte ich für strit­tig halte – mal abge­se­hen davon, daß ich mich nicht zu den theo­re­tisch Beschla­gens­ten zähle – nur kurz fol­gende Hinweise:

1) „Inter­es­sen“ resp. „Mate­ria­lis­mus“ als Maß­stab der Ana­lyse und Kri­tik zu neh­men, war schon mal ein Feh­ler der ver­flos­se­nen „Revis“. Anders als kapi­ta­lis­mus­im­ma­nent, also in ihm behei­ma­tet und für ihn pro­duk­tiv, exis­tie­ren „Inter­es­sen“ doch gar nicht. Das Inter­esse an Lohn z.B. schließt das Inter­esse an Leis­tung für kapi­ta­lis­ti­sche Ver­wert­bar­keit der eige­nen Arbeits­kraft ein, und aus dem Wider­spruch des Ver­trags­ver­hält­nis­ses – die Bedin­gun­gen der Rea­li­sie­rung des Lohn­in­ter­es­ses wer­den vom Kapi­tal gesetzt – folgt des­we­gen noch lange kein ant­ago­nis­ti­scher Klas­sen­ge­gen­satz. Das „Schei­tern“ des Lohn­in­ter­es­ses in den Mit­tel­punkt der Kri­tik zu rücken ist des­we­gen äußerst frag­wür­dig. Nicht als Lohn­ar­bei­ter – der sich immer­hin in der Ableis­tung abs­trak­ter, kapitalwert-​produzierender ARBEIT betä­tigt – steht man ver­nünf­ti­ger­weise zu sich, son­dern als Mensch, dem diese ganze Pro­duk­ti­ons­weise, d.h. die Pro­duk­ti­ons– und Aus­tausch­ver­hält­nisse aller daran so inter­es­siert betei­lig­ten Leis­tungs­idio­ten, ein biß­chen fremd vor­kom­men kann.

Daß der „Mate­ria­lis­mus“ kon­ze­diert sei – auch noch vom Staat, der gar nichts pro­du­ziert –, nur lei­der an pri­vat­ei­gen­tüm­li­che Schran­ken stoße, ist ein merk­wür­di­ges Gedan­ken­kon­strukt (vgl. „Psy­cho­lo­gie des bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums“, § 1). Es macht nur Sinn, wenn man Inter­es­sen – wie z.B. an Lohn – gedank­lich in gute, wahre, schöne und kapi­ta­lis­mus­be­dingt defi­nierte ver­dop­pelt und den Schein für das zu befrei­ende Wesen nimmt: Gebrauchs­werte, Güter, Pro­dukte aller Arten – wenn nur das Geld nicht wär’! Eine sol­che Vor­stel­lung von Mate­ria­lis­mus macht sich sofort – als kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche gemeint – unglaub­wür­dig, wenn die Kohle stimmt. (Der bemühte Nach­weis der Armut kann nur auf Arme set­zen und – damit er zieht – sol­che, die an ihren trost­lo­sen Diens­ten den Geld­wert ihrer selbst­ver­ständ­lich erbrach­ten Leis­tun­gen aller Arten nicht ganz ange­mes­sen hono­riert sehen.)

2) Was die Leute für die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise bei­ein­an­der und geis­tig auf Linie hält, ist pri­mär weni­ger die Staats­ge­walt und die Pflege mora­li­scher Recht­schaf­fen­heit. Inter­es­siert am Tausch­wert von allem und jedem, wie „Mate­ria­lis­mus“ in der waren­pro­du­zie­ren­den Gesell­schaft halt so vor­kommt, sind die Leute logi­scher­weise auch am guten Funk­tio­nie­ren der bür­ger­li­chen Aus­tausch­ver­hält­nisse inter­es­siert. Das Geld gilt ihnen als all­ge­mei­nes Aneig­nungs– und Ver­fü­gungs­mit­tel von Pri­vat­per­so­nen mit bür­ger­li­chem Rechts­sta­tus, die sie offen­bar auch sein wol­len. Folg­lich taugt der „Nach­weis“ nichts, daß das Geld immer die ande­ren haben (die kapi­tal­kräf­ti­gen Eigen­tü­mer brau­chen ja wohl nach wie vor im Inter­esse der Ver­wer­tung des Gesamt­ka­pi­tals auch die „kleine Zir­ku­la­tion“ oder?)

Ent­frem­dete Bezie­hun­gen auf der Basis durch­ge­setz­ter WARE-​GELD-​Verhältnisse zu the­ma­ti­sie­ren, muß noch lange keine phi­lo­so­phi­sche Ver­ge­heim­nis­sung kapi­ta­lis­tisch bestimm­ter Sit­ten und Gebräu­che nach sich zie­hen. Ganz im Gegenteil!

Aber lest, wie gesagt, die bei­den Bücher sel­ber mal, laßt Euch mal ein biß­chen was Neues sagen – und ver­weist nicht auf frü­here Arti­kel, die erheb­li­che Schwä­chen haben. Eine offene Stel­lung­nahme in Eurer so mar­tia­lisch beti­tel­ten Zeit­schrift wäre selbst­ver­ständ­lich begrüßenswert.

– Ebermann/​Trampert, Die Offen­ba­rung der Pro­phe­ten, kon­kret Lite­ra­tur­ver­lag Ham­burg, 1995

– Wolf­ram Auer­bach, Dies­seits von Gut und Böse, Ver­lag für die Gesell­schaft Han­no­ver, 1996.

P.S. Ich halte die Aus­füh­run­gen in den erwähn­ten Schrif­ten nicht für durch­weg ein­sich­tig und gelun­gen. Mir ist in Bezug auf Eure Arbei­ten aller­dings auf­ge­fal­len, daß die „Qua­li­tät“ auch Män­gel hat. Habt Euch mal lie­ber nicht so!“

Wir haben uns also nicht so und neh­men Dei­nen Brief zum Anlaß einer grund­sätz­li­che­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Ten­denz lin­ken Schrift­tums. Du wirst Deine Anre­gun­gen in dem län­ge­ren Text bespro­chen fin­den und Dich auch in vie­lem von dem wie­der­er­ken­nen, was von Dei­nen Lek­tü­re­emp­feh­lun­gen zitiert wird. Vor­weg ein paar Bemer­kun­gen zu den gra­vie­ren­den Feh­lern Dei­ner Stellungnahme.

1. Du setzt die Abhän­gig­keit der Arbei­ter vom Kapi­tal gleich mit einer auto­ma­ti­schen Par­tei­lich­keit für das Kapitalverhältnis.

Jeder der in diese Ver­hält­nisse gebo­ren wird, muß sich um Geld und des­halb um Arbeit küm­mern. Wer das ihm auf­ge­zwun­gene Inter­esse ver­folgt und sich auf diese Weise durch­schlägt, gehorcht der Not und begeht kei­nen Feh­ler, den er auch las­sen könnte. Eine Par­tei­nahme für den Kapi­ta­lis­mus ist das nicht. Das „Inter­esse an Lohn schließt das Inter­esse an kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wert­bar­keit der eige­nen Arbeits­kraft“ kei­nes­wegs ein. Dar­auf wird es viel­mehr als seine Bedin­gung gesto­ßen. Daß diese Bedin­gung und das Inter­esse des Arbei­ters an sei­nem Lohn nicht das­selbe sind, bekommt der Lohn­ar­bei­ter zu spü­ren: Um der Bedin­gung zu ent­spre­chen, muß er beim Inter­esse zurück­ste­cken. Und noch nicht ein­mal durch Ver­zicht kann der Arbei­ter die Vor­be­din­gung sei­nes Loh­nes sicher­stel­len: den Gewinn des Kapi­ta­lis­ten, ohne den „Beschäf­ti­gung“ erst gar nicht zustande kommt. Arbei­ter sind die abhän­gige Varia­ble des Geschäfts. Sie steu­ern ihr Schick­sal auch nicht durch Ver­zicht. Das Lohn­in­ter­esse ist vom Kapi­tal abhän­gig, wird dadurch beschränkt und oft genug zunichte gemacht. Das ist der „ant­ago­nis­ti­sche Klassengegensatz.“

Mit die­sem Wider­spruch muß jeder Arbei­ter umge­hen. Wie er das tut und was er sich dazu denkt, ist eine nähere Befas­sung wert. Die Fest­stel­lung des Gegen­sat­zes ist zu unter­schei­den von der Frage, ob die Arbei­ter dar­aus Klas­sen­kampf fol­gen las­sen. Sie las­sen näm­lich alles mög­li­che dar­aus fol­gen: Beschei­den­heit, Rufe nach Gerech­tig­keit, gewerk­schaft­li­che Gegen­wehr, Natio­na­lis­mus usw. Das hängt eben davon ab, wie sie sich ihre Lage erklä­ren und wie ver­nünf­tig sie ihre Beschrän­kung fin­den. Du schreibst, Arbei­ter­in­ter­es­sen seien sys­tem­im­ma­nent, und kehrst damit die „Revi“-Position, daß die Revo­lu­tion eine auto­ma­ti­sche Wir­kung der Klas­sen­lage sei, nur in ihr ebenso fal­sches Gegen­teil um: Jetzt soll die Unter­las­sung des Klas­sen­kamp­fes eine auto­ma­ti­sche Wir­kung der Lage sein. Arbei­ter­in­ter­es­sen sind weder imma­nent noch sys­tem­tran­szen­die­rend, son­dern schlecht bedient.

2. Du schließt vom fal­schen Bewußt­sein der Lohn­ar­bei­ter dar­auf, daß ihre Inter­es­sen nicht geschä­digt seien.

Auch wir wis­sen, daß die Arbei­ter mit ihren auf­er­leg­ten Inter­es­sen Über­gänge machen, sich wegen ihrer Abhän­gig­keit vom Gewinn um den Erfolg der Firma, den Stand der Kon­junk­tur, ja den der Nation sor­gen und sich dafür ver­ant­wort­lich machen las­sen. Wir wis­sen aber auch, daß Leute, die sich für die Vor­aus­set­zung ihrer Beschäf­ti­gung stark machen, ihren Scha­den nur ver­grö­ßern. Wer die „Not­wen­dig­keit“ sin­ken­der Löhne ein­sieht und sich geis­tig wie ein Teil­ha­ber an dem Geschäft auf­führt, bei dem er für Lohn antritt, wird dadurch nicht zum Teilhaber.

Es stimmt auch, daß Lohn­ar­bei­ter Ideo­lo­gien des Sich-​Abfindens, Gerech­tig­keit­sil­lu­sio­nen und eine Psy­cho­lo­gie ent­wi­ckeln, mit der sie um ihre Selbst­ach­tung rin­gen, ange­sichts der Ent­täu­schun­gen, die ihr Erfolgs­stre­ben in der „Leis­tungs­ge­sell­schaft“ erlei­det. Mit fal­schen Gedan­ken bewah­ren und erneu­ern sie ihren Wil­len, es wei­ter­hin mit anstän­di­ger Arbeit zu ver­su­chen. Ihren Frie­den mit der Welt machen sie dadurch, daß sie Zwei­fel an sich wäl­zen. Dei­nen Lese­früch­ten aus der „Psy­cho­lo­gie des bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums“ ent­nimmst Du nicht, was die Leute run­ter­zu­schlu­cken haben, son­dern daß sie, wie auch immer, bei Zustim­mung zu den Ver­hält­nis­sen lan­den. Von der Zustim­mung schließt Du dar­auf, wie­viel Grund sie dafür haben müs­sen: Armut muß man, Dir zufolge, mit der Lupe suchen. Knap­pen Lohn kennst Du nur als Beschwer­de­ti­tel von Gerech­tig­keits­fa­n­ak­ti­kern, die nie genug krie­gen. Fällt Dir denn nicht auf, daß es auch den unaus­rott­ba­ren Bedarf nach Gerech­tig­keit nicht geben würde, wenn mate­ri­ell alles in Ord­nung wäre?

Du kommst uns statt des­sen mit der Idee, daß Kri­tik unglaub­wür­dig wird, wenn „die Kohle stimmt“! Wo lebst Du eigent­lich? Oder schließt Du schon wie­der von der Abwe­sen­heit des Klas­sen­kampfs auf befrie­digte Inter­es­sen? Wenn es übri­gens so wäre, daß all­ge­mein die Kohle stimmte; wenn abs­trakte Arbeit abzu­leis­ten nicht mehr hieße, eine Arbeit zu ver­rich­ten, die sich für den Arbei­ter nicht lohnt, dann gäbe es keine Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie. Und es brauchte auch keine! Dann näm­lich wäre der Mate­ria­lis­mus nicht bla­miert, son­dern befrie­digt. Das Geld wäre eine feine Ein­rich­tung zur Befrie­di­gung der Bedürf­nisse und das Kapi­tal eine Erfin­dung zur Ver­meh­rung der Gebrauchs­ar­ti­kel. Dann läge frei­lich auch das blöde Mit­ma­cher­tum nicht vor, das Du statt der Aus­beu­tung gerne kri­ti­siert hät­test, und nie­mand ver­diente die Beschimp­fung „Leis­tungs­idiot“ – weil Auf­wand und Ertrag des Ein­sat­zes ja offen­bar zusammenpassen.

Für Deine Emp­feh­lung, man solle nicht an Armut und Aus­beu­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft her­um­kri­ti­sie­ren, son­dern sie jen­seits „des Mate­ri­el­len“ ins­ge­samt fremd fin­den und als Hei­mat des „ver­nünf­tig zu sich selbst ste­hen­den Men­schen“ ableh­nen, haben wir nichts übrig. Der neue Klas­sen­ge­gen­satz von Mensch und Mit­ma­cher ist uns zugleich zu beschei­den und zu elitär.

Die Lin­ken zwi­schen Anbie­de­rung und Absage an das „revo­lu­tio­näre Subjekt“

Was der Leser­brief als Ver­dacht äußert, des­sen sind sich die Quel­len sei­ner Inspi­ra­tion längst sicher: Robert Kurz und die „Krisis“-Redaktion, die Zeit­schrift „Baha­mas“ und nun Auer­bach erken­nen die Mar­xis­ti­sche Gruppe, das „aus­ge­fuchs­teste“ ihnen bekannte „Klas­sen­kampf­pro­jekt“, als einen Fall für die „Revi­sio­nis­mus­kri­tik“, die die MG vor 20 Jah­ren in die Linke ein­ge­führt und gegen DKP und K-​Gruppen, die dama­li­gen Orga­ni­sa­tio­nen obi­ger Auto­ren, gerich­tet hatte. Unsere Vor­würfe gegen die Arbei­ter­freunde wer­den uns heute zurück­ge­ge­ben – bis­wei­len ver­bun­den mit dem Lob frü­he­rer Ver­dienste und der Kri­tik, hin­ter erreichte Ein­sich­ten zurück­ge­fal­len zu sein. Leute, die heute das mar­xis­ti­sche Lager hei­ßen, for­dern unser Geständ­nis, daß das Bemü­hen, Arbei­ter zur Revo­lu­tion zu bewe­gen, eine frucht­lose Anbie­de­rei an ihre kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen ist und von ech­ten Sys­tem­kri­ti­kern unter­las­sen gehört. Die Auto­ren ver­ste­hen sich unüber­hol­bar radi­kal: Ihre Absage gilt dem Kapi­ta­lis­mus mit­samt sei­nen Insas­sen. Der „wert­för­mi­gen Ver­ge­sell­schaf­tung“, dem „Arbeits­fe­tisch“ und inner­ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit ist dage­gen ver­haf­tet, wer sich mit den Opfern des Sys­tems anlegt, um ihren Wil­len zum Mit­ma­chen zu demontieren.

Anders als der Autor des Leser­briefs sich erin­nern will, war es kein Feh­ler der „Revis“, den Mate­ria­lis­mus der Arbei­ter, d.h. deren geschä­digte Inter­es­sen zum Aus­gangs­punkt der Kri­tik zu neh­men. Im Gegen­teil. Was sollte auch krumm daran sein, daß Leute ärger­lich wer­den, weil ihre Inter­es­sen nicht zum Zuge kom­men, und sich nach den Grün­den dafür fra­gen? Der „Revi­sio­nis­mus­vor­wurf“ der MG hatte etwa den ent­ge­gen­ge­setz­ten Inhalt: Par­teien, die sich den Sozia­lis­mus auf die Fah­nen geschrie­ben hat­ten, revi­dier­ten in ihrer Poli­tik die Not­wen­dig­keit der Schä­di­gung der Arbei­ter­in­ter­es­sen in die­sem Sys­tem, von der sie in ihrem Par­tei­na­men immer­hin aus­gin­gen. Noch den affir­ma­tivs­ten pro­le­ta­ri­schen Beschwer­den lausch­ten diese Par­teien, die sich mit der Arbei­ter­schaft „ver­bün­den“ woll­ten, den Wil­len zum Wider­stand ab. Rufe nach Gerech­tig­keit kri­ti­sier­ten sie nicht als Feh­ler, son­dern münz­ten sie in einen poli­ti­schen „Kampf für Rechte“ um und gaben das alles für den ers­ten Schritt zur Revo­lu­tion aus. Mit Pole­mik gegen die „unso­ziale“ oder „neo­li­be­rale“ Poli­tik der Herr­schen­den such­ten sie sich beliebt zu machen, for­der­ten „Bil­dung statt Rake­ten“ und nied­rige Mie­ten, mach­ten mit „Preisbrecher-​Aktionen“ der pro­le­ta­ri­schen Haus­frau bil­lige Kar­tof­feln zugäng­lich, emp­fah­len sich also ihren Adres­sa­ten als Bei­stand bei deren Bemü­hen, unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen zurecht­zu­kom­men. Sogar den DGB, dem die Ver­träg­lich­keit sei­ner For­de­run­gen mit dem Erfolg des Modells Deutsch­land oberste Maxime ist, haben sie als Bünd­nis­part­ner und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tion im Vor­feld ihrer revo­lu­tio­nä­ren Umtriebe hofiert. Nie haben sie ihm die Auf­gabe der Arbei­ter­in­ter­es­sen, die in einer gewerk­schaft­li­chen „Ver­nunft“ liegt, ange­krei­det. Sie stell­ten sich hin­ter jeden noch so alber­nen Tarif-​Zirkus, um ihm nach­träg­lich eine „sys­tem­tran­szen­die­rende“ Qua­li­tät anzu­hän­gen. Bei den obli­ga­ten Soli­da­ri­täts­adres­sen an die ver­ehrte Arbei­ter­schaft blieb es näm­lich nicht, jede Lohn­for­de­rung radi­ka­li­sier­ten sie um einen wei­te­ren, von der Gewerk­schaft nicht vor­ge­se­he­nen Pro­zent­punkt und pro­pa­gier­ten äußerste Ent­schlos­sen­heit beim Kampf um die „gerechte For­de­rung“, die sich die DGB-​Politiker als Ver­hand­lungs­masse für ihre Kom­pro­miß– und Lohn­fin­dung zurecht­ge­legt hat­ten. Die Beleg­schaf­ten lie­ßen sich von die­ser Kamp­fes­lust in der Regel nicht anste­cken. Sie wuß­ten, wie die DGB-​Forderungen gemeint waren, und mein­ten sie selbst so. Kri­tik an die­sem „Rea­lis­mus“ aber war nicht vor­ge­se­hen. Im Gegen­teil, der hei­ßeste Kampf der DKP fand statt, wenn es galt, echte Arbei­ter gegen Kri­tik in Schutz zu neh­men. Wer Arbei­ter kri­ti­siert, hieß es, erklärt sie für dumm; wer die kreuz­bra­ven Metho­den der deut­schen Lohn­fin­dung ver­ächt­lich macht, ent­mu­tigt die kämp­fen­den Kol­le­gen und betreibt das Geschäft der Fabrik­her­ren, denen die – und sei es schwa­che – Gegen­macht der Gewerk­schaf­ten erspart wer­den soll.

Der gegen den Gegen­Stand­punkt erho­bene Vor­wurf, sich „affir­ma­tiv“ auf die „Lohn­in­ter­es­sen“ zu bezie­hen, hält sich nicht damit auf, uns ein fal­sches Hofie­ren der Arbei­ter nach­zu­wei­sen; es genügt den Anklä­gern, daß wir über­haupt noch von Aus­beu­tung reden und es der Mühe wert fin­den, den Lohn­ar­bei­tern ihre schlech­ten Erfah­run­gen in die­sem Sinne zu erklä­ren. Haben die alten Real­so­zia­lis­ten samt Umfeld uns vor­ge­wor­fen, wir wür­den den Arbei­tern, die gerade im Auf­bruch seien, die Fähig­keit abspre­chen, selbst den Aus­weg aus der bür­ger­li­chen Aus­beu­tungs­ge­sell­schaft zu fin­den, so behar­ren die Heu­ti­gen dar­auf, daß es so einen Aus­weg für Lohn­ar­bei­ter mit ihren unver­meid­lich kapi­ta­lis­ti­schen, also „wert­för­mi­gen“ Pri­vat­in­ter­es­sen sowieso nicht gibt.

Die alten und die neuen Anwürfe – so sehr sie ent­ge­gen­ge­setzte poli­ti­sche Absich­ten ver­fol­gen – ver­bin­det ein theo­re­ti­scher Feh­ler: Sie haben das Ver­hält­nis der von Marx erläu­ter­ten Gesetze des Kapi­ta­lis­mus – Wert und Mehr­wert – zur „Ober­flä­che der Gesell­schaft“[1] nicht ver­stan­den. Metho­di­scher Erläu­te­run­gen die­ses Typs hat Marx sich bedient, um den Unter­schied aus­zu­drü­cken zwi­schen den Geset­zen des Kapi­ta­lis­mus und ihrer Durch­set­zung in der Kon­kur­renz der Pri­vat­ei­gen­tü­mer. In die­ser Kon­kur­renz kommt der Tausch­wert nur als Preis von Waren vor, der Mehr­wert nur als Kauf­preis der Arbeit und als ihre Anwen­dung in der Fabrik, der Fall der Pro­fi­trate nur als ein Hin-​und-​Her diver­ser Wachstumsziffern.

Die alten Real­so­zia­lis­ten und einige Heu­tige haben von einer Dif­fe­renz der inne­ren Gesetze und der Weise, wie sie sich in der Kon­kur­renz durch­set­zen, noch nichts gehört und tun so, als seien die Erklä­run­gen des Kapi­tals im Gesche­hen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft sinn­fäl­lig prä­sent. Als wüß­ten die Leute aus purer Anschau­ung alles Nötige über den Mehr­wert, als wäre die Mehr­wer­trate an Unter­neh­mens­bi­lan­zen oder Akti­en­kur­sen abzu­le­sen, als wäre die Dia­gnose ‚Aus­beu­tung‘ All­ge­mein­gut. Wären die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse so ein­fach und durch­sich­tig wie die zwi­schen Herr und Knecht, dann wäre eine Wis­sen­schaft von der poli­ti­schen Öko­no­mie frei­lich über­flüs­sig. Dann wäre es aller­dings rät­sel­haft, warum die lohn­ar­bei­tende Mehr­heit sich nicht aus­ge­beu­tet vor­kommt, son­dern sich ihre reich­lich vor­han­dene Unzu­frie­den­heit lie­ber damit erklärt, daß der Anstän­dige halt immer der Dumme ist und daß dem Arbeits­mann die gleich­be­rech­tigte Teil­habe an der natio­na­len Zugewinn-​Gemeinschaft noch immer unfair vor­ent­hal­ten wird.

Die ande­ren wol­len von besag­ter Dif­fe­renz in umge­kehr­ter Weise nichts wis­sen. Sie las­sen die Men­schen als bewußt­lose und zugleich selbst­be­wußte Ver­kör­pe­run­gen der öko­no­mi­schen Kate­go­rien des „Kapi­tal“ in der Welt her­um­lau­fen. Sie tun so, als würde, wer seine Miete bezahlt, den Wert anbe­ten, und wer für Lohn arbei­ten geht, sich den „Selbst­zweck der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion“ zum Vor­satz machen. Auf ihre Weise beste­hen auch sie dar­auf, daß es nichts zu erklä­ren und auf­zu­klä­ren gibt. Ihre Kri­tik an der Unver­nunft der „wert­för­mi­gen Ver­ge­sell­schaf­tung“ kennt keine Adres­sa­ten, die sich über irgend­et­was täu­schen. Die Ver­tre­ter des „wert­kri­ti­schen Ansat­zes“ ver­ra­ten, daß sie gar nicht wis­sen, daß die groß­ka­lib­ri­gen Kate­go­rien der Sys­tem­kri­tik, die sie im Mund füh­ren, in so Bana­li­tä­ten wirk­lich sind wie in Armut, Aldi und Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeit. Sie hacken wild auf die „sinn­lose Selbst­zweck­ma­schine“ ein und stel­len sich igno­rant dage­gen, daß die maß­lose Akku­mu­la­tion des Kapi­tals Kri­tik nur ver­dient, weil sie der Pro­duk­tion der Lebens­mit­tel einen kon­sum­feind­li­chen Zweck aufzwingt.

I. Kurz, Auer­bach u.a.: Kri­tik der „feti­schis­ti­schen Vergesellschaftung“

1. Zwei Welten

Wolf­ram Auer­bach wid­met der Kri­tik der Mar­xis­ti­schen Gruppe bzw. der Zeit­schrift Gegen­Stand­punkt ein gan­zes Buch und bemüht sich darin viel um den über­flüs­si­gen Beweis, daß wir Marx ver­fäl­schen. Über­flüs­sig ers­tens des­halb, weil er selbst Marx-​Zitate nur gel­ten läßt, wo sie ihm pas­sen, und zum Mar­x­kri­ti­ker wird, wo er des­sen Äuße­run­gen nicht als Beleg für seine Ansich­ten zitie­ren kann. Er hätte sich also gleich ohne posi­ti­ven und nega­ti­ven Bezug auf die große Auto­ri­tät mit sei­nen Gedan­ken auf die unse­ren stür­zen kön­nen. Über­flüs­sig vor allem aber zwei­tens, weil das Plä­do­yer, das seine Aus­füh­run­gen kon­se­quent abschließt, auf die Absage an den Umsturz der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Ver­hält­nisse hin­aus­läuft und in den Schrei nach der Befrei­ung eines jeden von sei­nem „Sub­jekt­sein“ mündet:

„Es geht um unser Leben … wen das alles (Geld, Staat, Armut und Reich­tum, Wer­bung, Sub­jekt­sein, Recht usw.) noch abstößt – der fange JETZT bei SICH an! Die revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken haben die Welt nur ver­schie­den inter­pre­tiert, um sie zu ver­än­dern. Es kommt aber dar­auf an, sie abzu­sto­ßen. Es kommt dar­auf an, sich abzu­sto­ßen. Es kommt dar­auf an, es anders zu machen. FÜR EIN LEBEN OHNE ARBEIT, GELD, STAAT UND MORAL! Sto­ßen wir uns ab. ABFLUG. EVO­LA­TION.“ (S.193 u. 195)

Rela­tiv zu die­ser pro­gram­ma­ti­schen Erklä­rung ist der sehr „Kapital“-geschulte Beweis unse­rer Ver­fäl­schung Marx­scher Theo­rien reich­lich luxu­riös. Wer den Abflug in die psy­cho­lo­gi­sche Selbst­ver­wirk­li­chung machen will, braucht nicht unbe­dingt dar­zu­le­gen, daß der alte Öko­nom und Revo­lu­tio­när ihn auf die Idee gebracht habe. Aber der Autor hat sich offen­bar eine lang­jäh­rige Anhäng­lich­keit an den grund­ver­kehr­ten Stand­punkt von der Seele schrei­ben müs­sen – mit Verve, Spott und eini­gem Gift. Das alles geht uns nichts an. Seine Argu­mente jedoch sind reprä­sen­ta­tiv für die oben ange­deu­tete Rich­tung, und sein Plä­do­yer für den Abgang aus dem Feld von Poli­tik und Öko­no­mie ist konsequent.

Den Gegen­satz zwi­schen unse­ren Aus­sa­gen und den Leh­ren von Marx gewinnt Auer­bach an zahl­lo­sen Stel­len über fol­gen­des Verfahren:

„Gegen­stand­pünkt­li­cher Mei­nung nach kau­fen die Pri­vat­ei­gen­tü­mer nicht die Arbeits­kraft von Men­schen für eine bestimmte Zeit, son­dern die Arbeit. Kon­se­quen­ter­weise macht sich der Gegen­Stand­punkt (hier immer GSP) den Preis der Arbeit zum Thema. Mit Bom­ben und Gra­na­ten – durch­ge­fal­len.“ (S.141)

Im Marx-​Examen! Daß in der wirk­li­chen Welt Arbeits­ver­träge über Geld und Zeit abge­schlos­sen wer­den, daß Arbeit also einen Preis hat, dür­fen echte Mar­xis­ten gar nicht erst glau­ben. Selbst wenn sie von Marx wis­sen, daß sich gerade so auf der einen Seite der Mehr­wert sam­melt und auf der ande­ren für die Arbei­ter nur der Wert der Ware Arbeits­kraft übrig bleibt – und meis­tens nicht ein­mal der. Die Bezah­lung von Arbeit ist das Mit­tel des Kapi­ta­lis­ten, unbe­zahlte Arbeit anzu­eig­nen. Es ist gerade eine der Schön­hei­ten des Kapi­ta­lis­mus, daß ein freier Aus­tausch zwi­schen Pri­vat­ei­gen­tü­mern ein Aus­beu­tungs­ver­hält­nis ein­schließt. Dage­gen ver­langt Auer­bach ein Entweder-​Oder. Er kon­stru­iert eine Oppo­si­tion zwi­schen dem wesent­li­chen Gehalt der Trans­ak­tion – Kauf von Arbeits­kraft – und ihrer Erschei­nung – Tausch von Arbeit gegen Geld – und bestrei­tet die Erschei­nungs­weise. Den Wider­spruch zwi­schen bei­den, den er bemerkt, will er til­gen, weil die­ser eine Quelle der Täu­schung, aber auch der Spring­punkt ihrer Auf­lö­sung sein könnte. Er sieht es eben so, daß Mar­xis­ten allen Erns­tes in einer ande­ren Welt leben, als die in den kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen Befan­ge­nen. Mar­xis­ten, meint er, sol­len gefäl­ligst in ihrer Welt der erklär­ten Gegen­stände blei­ben, wo Arbeits­kraft gekauft wird – und die ande­ren in der ihren, wo Arbeit bezahlt wird.

Die­selbe Tren­nung zweier Wel­ten bekom­men wir auch umge­kehrt ange­tra­gen bzw. die Ver­let­zung die­ser Tren­nung zum Vor­wurf gemacht: Den Umstand, daß die lohn­ar­bei­tende Bevöl­ke­rung durch die Eigen­tums­ord­nung vom gesell­schaft­li­chen Reich­tum aus­ge­schlos­sen ist und sich die­ser Aus­schluß durch den Tausch von Lohn gegen Arbeit stets repro­du­ziert und erwei­tert, wider­legt Auer­bach so:

„Wenn die zahl­rei­chen Leute wirk­lich von allen Pro­duk­ten aus­ge­schlos­sen wären – könn­ten sie nicht leben! Sie hät­ten schon längst dahin­ge­rafft wor­den sein müs­sen. … Von wegen Aus­schluß, sys­te­ma­ti­scher zumal, der zahl­rei­chen Leute vom gesell­schaft­li­chen Reich­tum! Kein Kapi­ta­lis­mus ohne Lohn­ar­bei­ter! Lohn­ar­bei­ter wol­len stän­dig repro­du­ziert sein, um arbei­ten zu kön­nen. Ihre Arbeits­kraft hat einen Wert und auch einen Preis. In der Form des Lohns bzw. mit dem, was sie sich davon kau­fen kön­nen, par­ti­zi­pie­ren die Lohn­ar­bei­ter am gesell­schaft­li­chen Reich­tum.“ „Die arbei­tende Mehr­heit ist NICHT vom gesell­schaft­li­chen Reich­tum aus­ge­schlos­sen.“ (S.67, 70, 129)

Hier stellt sich Auer­bach auf den Stand­punkt der Bana­li­tät, die jeder sieht: Mit Ver­weis auf die Form der Trans­ak­tion zwi­schen Arbei­ter und Kapi­ta­list, den Tausch von Geld und Arbeit, bestrei­tet er ihren Gehalt. Weil sie sich über­haupt etwas kau­fen kön­nen und nicht ver­hun­gern, wer­den die Arbei­ter zu Teil­ha­bern am kapi­ta­lis­ti­schen Reich­tum ernannt. Der Gedanke, daß die Art und Weise der Betei­li­gung den Aus­schluß des Arbei­ters von sei­nem Pro­dukt orga­ni­siert, ist unse­rem Kri­ti­ker zu undia­lek­tisch. Sein gewoll­tes Miß­ver­ständ­nis lebt von der alter­na­ti­ven Ein­ord­nung der Arbei­ter in zwei fal­sche Schub­la­den: Sind sie Teil der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, oder ste­hen sie außer­halb? „Aus­ge­schlos­sen“ wären sie, wenn sie gar nichts bekom­men wür­den. Solange sie in die­ser Gesell­schaft leben – fol­gert er –, leben sie von ihr, gehö­ren also dazu.

Das ist die Quint­es­senz sei­nes Wis­sens über Pro­duk­tion und Ver­tei­lung des Reich­tums im Kapi­ta­lis­mus: Die Lohn­ar­bei­ter krie­gen nicht nichts, sie sind tat­säch­lich Teil der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Die Frage, was für ein Teil sie sind, ist im Lichte die­ser Alter­na­tive unin­ter­es­sant. Armut, an der man sich stö­ren, der man des­halb auf den Grund gehen könnte, gibt es nicht – oder, was das­selbe ist, sie zählt nicht. Weil der Auto­ma­tis­mus der Ver­wand­lung schlech­ter Erfah­rung in revo­lu­tio­nä­ren Wil­len nicht vor­liegt, den DKP und K-​Gruppen immer nicht stö­ren las­sen woll­ten, erfin­det der umge­kehrte „Revi“ den Deter­mi­nis­mus des not­wen­di­gen Dafür-​Seins.

2. Han­deln poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Sub­jekte, oder han­delt das Sys­tem? Unver­ständ­nis in Bezug auf „Fetisch“ und „Charaktermaske“

Einer Dar­stel­lung der Tätig­keit des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes, die Auer­bach im Gegen­Stand­punkt fin­det und gleich als Ver­riß refe­riert, hält er ent­ge­gen: Der Staat – immer­hin die poli­ti­sche Gewalt, die der Gesell­schaft die Regeln des Wirt­schaf­tens auf­zwingt – übe nur Funk­tio­nen des Sys­tems aus, die auch dem Staat vor­aus­ge­setzt seien. Nimmt man seine Anti­kri­tik nur als theo­re­ti­schen Irr­tum, dann zeugt sie von Unver­ständ­nis des Ver­hält­nis­ses von politisch-​bewußter Herr­schaft und der „Herr­schaft des Wert­ge­set­zes“. Auer­bach klagt ein ver­kehr­tes Entweder-​Oder ein.

„Alles und jedes wird vom Staat Pri­vat­per­so­nen zuge­ord­net! Der Staat ist das Agens, die zuge­ord­ne­ten Dinge sind das Objekt, und die Pri­vat­per­so­nen, denen zuge­ord­net wird, sind die Günst­linge. … wodurch das Eigen­tum in die Welt kommt. … In Wahr­heit impli­ziert das kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis selbst schon die Ver­tei­lung der Men­schen auf die ver­schie­de­nen Posi­tio­nen, die es in ihm gibt, womit auch über den Anteil des Ein­zel­nen am Reich­tum der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ent­schie­den ist. Und umge­kehrt kann die­ser Reich­tum a priori in kei­ner ande­ren Form als der des Pri­vat­ei­gen­tums exis­tie­ren. Diese Form muß nicht erst von außen in die Gesell­schaft und das ihr zuge­ord­nete Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis hin­ein­ge­tra­gen wer­den, son­dern sie ist Teil ihres Wesens. … Ganz ohne Zutun des Staa­tes sind Besitz und Besit­zer ein­an­der schon ‚zuge­ord­net‘. Der Staat ver­leiht Ver­hält­nis­sen, die er in der Gesell­schaft vor­fin­det, den Sta­tus der Recht­mä­ßig­keit und sichert sie dadurch ab. … Ohne den Staat läuft die Chose nicht, aber er setzt sie nicht in die Welt.!“ (S.15 – 17)

Der Autor weiß nicht, daß Wert und Eigen­tum das­selbe sind: Aus­schlie­ßende Ver­fü­gung über Ele­mente des mate­ri­el­len Reich­tums. Pri­vat­ei­gen­tum ist das Rechts– also Gewalt­ver­hält­nis, das Pro­dukte zu Waren und Wert­din­gen macht. Wert ist die aus der aus­schließ­li­chen Ver­fü­gung erwach­sende Eigen­schaft der Waren, in bestimm­ter Pro­por­tion das Pro­dukt frem­der Arbeit ver­füg­bar zu machen. Ohne gewalt­same Zutei­lung der aus­schlie­ßen­den Ver­fü­gung bzw. den Aus­schluß davon würde kein Pro­dukt zu Ware und Wert – und ohne die dau­er­hafte Kon­trolle der Unter­ta­nen durch Schutz und Auf­recht­er­hal­tung der Rechts­ord­nung wür­den sie es nicht lange blei­ben. Die Vor­stel­lung, „das Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis würde selbst schon“ und „ganz ohne Zutun des Staa­tes“ die Ver­tei­lung des Reich­tums und der Men­schen auf die Posi­tio­nen der Klas­sen­ge­sell­schaft vor­neh­men, der Staat würde erst nach­träg­lich und äußer­lich hin­zu­tre­ten und die fer­tige Gesell­schaft „in den Sta­tus der Recht­mä­ßig­keit ver­set­zen“, tilgt den Gewalt­cha­rak­ter des Werts. Gegen wen muß die Ord­nung über­haupt „gesi­chert“ wer­den, wenn das Sys­tem sub­jekt­los herrscht und seine mensch­li­chen Ele­mente je schon funktionieren?

Das schein­bar gewalt­arme Funk­tio­nie­ren der fer­ti­gen Klas­sen­ge­sell­schaft, der berühmte „stumme Zwang der Ver­hält­nisse“, auf den Auer­bach anspielt, ist Resul­tat der durch­ge­setz­ten und aner­kann­ten Gewalt und ihrer Eigen­tums­ord­nung, die die über­aus pro­duk­tive Ver­wie­sen­heit der bei­den sozia­len Cha­rak­tere auf­ein­an­der ins Leben ruft und auf­recht­er­hält. Von der „ursprüng­li­chen Akku­mu­la­tion“ hat unser Marx-​Kenner doch wohl gehört, die der Staat, der älter ist als der Kapi­ta­lis­mus, mit jeder Menge Gewalt durch­setzte – Ver­trei­bung der Bau­ern von dem Land, das sie bebaut hat­ten, poli­ti­sche Zuord­nung der Län­de­reien und übri­gen Reich­tü­mer an Eigen­tü­mer, durch Steu­ern ein­ge­führ­ter Zwang, das Leben über Geld abzu­wi­ckeln –, ehe der Impe­ra­tiv des Geld­ma­chens die Form einer vor­ge­ge­be­nen und unper­sön­li­chen Ord­nung annahm, in der nur noch Rechts­per­so­nen auf­ein­an­der­tref­fen. Im einst real­so­zia­lis­ti­schen Osten kann die­ser Pro­zeß heute besich­tigt wer­den: Dort führt der Staat Kapi­ta­lis­mus ein, zer­stört jede her­ge­brachte Form von Arbeit und Leben, um dem neuen Prin­zip die alter­na­tiv­lose Gel­tung erst zu ver­schaf­fen, die den fer­ti­gen kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten den Anschein befrie­de­ter Gesell­schaf­ten ver­leiht. Gewalt ist aber nicht nur bei der Ein­rich­tung der Ver­hält­nisse, sozu­sa­gen ein­ma­lig, nötig, um einen Selbst­lauf des Sys­tems ins Werk zu set­zen. Gewalt ist die blei­bende Basis der wun­der­ba­ren „Sach­zwänge“, die nur wir­ken, wenn die Unan­tast­bar­keit des Eigen­tums und dadurch der Vor­rang der Kapi­tal­in­ter­es­sen vor ande­ren Ansprü­chen fest­steht. Und es bleibt noch nicht ein­mal bei die­ser Siche­rung der „Rah­men­be­din­gun­gen“, dem Schutz von Rechts­ord­nung und Eigen­tum. Die Regie­rung war­tet nicht dar­auf, daß „Markt­kräfte“ den Preis der Arbeit kapi­tal­för­der­lich gestal­ten, son­dern bestimmt im Inter­esse des Wachs­tums poli­tisch über gewal­tige Lohn­be­stand­teile, die das „his­to­ri­sche und mora­li­sche Ele­ment des Loh­nes“ aus­ma­chen, d.h. Lebens­stan­dard und soziale Siche­rung, die den Arbei­tern von der Nation zuge­stan­den waren. Heute gel­ten diese Stan­dards als zu hoch für Deutsch­lands Stand­ort­kon­kur­renz und wer­den poli­tisch gesenkt. So „stumm“ ist der Zwang also nicht ein­mal in den fer­tig ein­ge­rich­te­ten kapi­ta­lis­ti­schen Nationen!

Umge­kehrt. Mit sei­ner Garan­tie des Eigen­tums begrün­det der Staat das Mono­pol der Kapi­ta­lis­ten auf den Gebrauch der gesell­schaft­li­chen Arbeits­kraft. Damit über­ant­wor­tet er die natio­nale Repro­duk­tion den Geschäf­ten und Kon­junk­tu­ren des Kapi­tals. Die wird dann selbst­ver­ständ­lich in ihrem Ver­lauf nicht durch die Wün­sche und Vor­stel­lun­gen der Poli­ti­ker regu­liert, son­dern läuft – gesetz­lich geschützt – als freie Kon­kur­renz pri­vat ent­schei­den­der Kapi­ta­lis­ten. Und das Wert­ge­setz, das diese Kon­kur­renz in letz­ter Instanz regu­liert, hat sich erst recht nie eine Staats­ge­walt aus­ge­dacht. Der Staat bezieht sich prag­ma­tisch, aber auch sehr ziel­be­wußt auf die Anar­chie der Kon­kur­renz, die er getrennt von sich insti­tu­ti­on­liai­sert hat: Aus den all­ge­mei­nen Bedürf­nis­sen sei­ner kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft lei­tet er sei­nen Auf­ga­ben­ka­ta­log ab.

Soweit die Rich­tig­stel­lung des Ver­hält­nis­ses von staat­li­cher Gewalt und Wert­ge­setz. Das Zitat ist aber nicht bloß und nicht ein­mal haupt­säch­lich ein theo­re­ti­scher Irr­tum. Fragt man danach, über wel­chen Gegen­stand der Autor spricht und wem er was erklä­ren will, so ist die Ant­wort: Gegen­Stand­punkt. Er will nichts Neues über die bür­ger­li­che Herr­schaft, ihre Auf­ga­ben und Funk­ti­ons­weise mit­tei­len – alles, was er dar­über weiß, hat er aus die­ser Zeit­schrift; dem will er in der Sache nichts hin­zu­fü­gen und davon nichts zurück­neh­men. Seine Aus­künfte sind Pro­dukt einer rein metho­di­schen Nega­tion; das Gegen­bild des­sen, was er uns als Feh­ler vor­rech­nen will. Über­all, wo er eine Tätig­keit – des Staa­tes, der Kapi­ta­lis­ten, Arbei­ter, Gewerk­schaf­ten – kri­ti­siert fin­det, ent­deckt er „Ver­sub­jek­ti­vie­rung“, eine Auf­lö­sung öko­no­mi­scher Zwänge in den Wil­len von Men­schen. Die­ser Sünde setzt er sein Bild des tota­len Sys­tem­zwangs ent­ge­gen, den nie­mand kri­ti­sie­ren, gegen den sich nie­mand weh­ren kann, weil alle Zwe­cke und Inter­es­sen schon vor­weg Pro­dukt des vor­aus­ge­setz­ten Sys­tems sind. Unse­ren Erklä­run­gen des­sen, was Poli­ti­ker, Arbei­ter oder Kapi­ta­lis­ten tun, kommt es auf das Was und Warum die­ses Tuns an. Diese bestimm­ten Gründe bezieht Auer­bach auf sei­nen Gegen­satz von Sys­tem­zwang oder Mut­wil­len, um immer dort, wo er die von ihm gefor­derte ein­tö­nige Bot­schaft nicht ver­nimmt, sei­nen Vor­wurf der Auf­lö­sung des vor­ge­ord­ne­ten Sys­tems in freien Wil­len loszuwerden.

„Da der GSP behaup­tet, daß es kein ande­res Mit­tel für die mate­ri­el­len Bedürf­nisse der arbei­ten­den Mehr­heit gebe denn die Abhän­gig­keit vom freien Unter­neh­mer­tum, geht er davon aus, daß diese ein Mit­tel ist. … Warum soll aus­ge­rech­net die Abhän­gig­keit, derent­we­gen man seine Bedürf­nisse nicht befrie­di­gen kann, ein Mit­tel ihrer Satu­rie­rung sein? … Der GSP stellt auch das Geld als Mit­tel dar, des­sen sich die Pri­vat­ei­gen­tü­mer bedie­nen, um ihren Reich­tum zu ver­meh­ren. Das Pri­vat­ei­gen­tum schlüpft in die Maske des Gel­des. Marx dage­gen führt aus, daß das in ver­schie­de­nen Aggre­gat­zu­stän­den exis­tie­rende Kapi­tal eine Wert-​Größe dar­stellt, die sich im Geld als dem uni­ver­sel­len Wert aus­drückt. Die Ver­wer­tung des Wer­tes und damit die Ver­meh­rung des Gel­des sind Selbst­zweck!“ (S.126 und 142)

Es ist schwer, unsere Arti­kel in sol­chen Zita­ten wie­der­zu­er­ken­nen. Auer­bach ver­fälscht die Stel­len, um die Sünde deut­lich zu machen, die er gei­ßeln will: Daß die Abhän­gig­keit der Arbei­ter vom Unter­neh­mer ihr Mit­tel sei, wird er im Gegen­Stand­punkt kaum gefun­den haben: Arbeit für Geld ist das Lebens­mit­tel der Arbei­ter; die Abhän­gig­keit vom ent­ge­gen­ste­hen­den Inter­esse jedoch ist das Pro­blem die­ser Erwerbs­quelle; daß die Leute die­sen Erwerb brau­chen, weil sie kei­nen ande­ren haben, wird er bei uns fin­den; daß er Mit­tel der Satu­rie­rung, also der voll­stän­di­gen Befrie­di­gung ist, muß er hin­zu­er­fin­den, damit aus dem Wider­spruch der Lohn­ar­beit ein Wider­spruch wird, von dem er los­wer­den will, daß es so etwas nicht geben kann. Von Mit­teln, die nichts tau­gen, hat er wohl noch nie gehört. Und davon, daß man sie kri­ti­sie­ren und abschaf­fen kann, weil sie nichts tau­gen, auch nicht. Alle Berech­nung und Akti­vi­tät, durch die die Leute sich zur „abhän­gi­gen Varia­blen der Akku­mu­la­tion“ machen, läßt bei Auer­bach die Alarm­glo­cke klin­geln: Da wird von Sub­jek­ten gere­det, dabei herrscht doch der Wert. Dito beim Thema Geld: Es geht dem Autor um die Ent­ge­gen­set­zung von Geld als Mit­tel der Geld­be­sit­zer und Geld bzw. Kapi­tal als Selbst­zweck. Es inter­es­siert ihn nicht, daß Geld nun ein­mal der Stoff des Pri­vat­ei­gen­tums ist, daß Eigen­tü­mer es zum Kau­fen und Inves­tie­ren benut­zen. Er läßt Marx sein inter­es­san­tes „Dage­gen“ aus­spre­chen. Alles was die Leute tun und wodurch sie die Ver­meh­rung des Werts zum Selbst­zweck machen, wird als Ver­sün­di­gung gegen die­ses Resul­tat zurück­ge­wie­sen. „Selbst­zweck“ als wesent­li­ches Prä­di­kat der Wirt­schafts­weise ver­liert dann aber auch allen erklä­ren­den und kri­ti­schen Gehalt: Man möchte näm­lich schon gerne wis­sen, bei wel­cher Beschäf­ti­gung die Men­schen, die sie ver­rich­ten, wel­che Zwe­cke auf eine Weise ver­fol­gen, daß sie ihre Ziele nicht errei­chen, d.h. von ihrer Arbeit nichts haben, son­dern sich einer öko­no­mi­schen Ziel­set­zung unter­ord­nen, die nie­mands Zweck ist. Auer­bach zeich­net ein Bild vom Men­schen, der sich dem „Sys­tem“ ohne Täu­schung und ohne Berech­nung unter­ord­net, weil er gar nicht anders kann.

Diese Scha­blone vor die kapi­ta­lis­ti­sche Rea­li­tät gehal­ten, ergibt auch ein Bild: Bür­ger­li­che Herr­schaft gibt es nicht, eine herr­schende Klasse auch nicht; ihr gegen­über ste­hen keine geschä­dig­ten Sub­jekte mehr; alle Men­schen im Sys­tem üben unver­meid­li­che Sys­tem­funk­tio­nen aus. Alle sind unter die­sem merk­wür­di­gen Ver­häng­nis zugleich Objekte einer Herr­schaft, die kei­ner aus­übt, und Agen­ten die­ser Herr­schaft über sich: Als Cha­rak­ter­mas­ken des Kapi­tal­ver­hält­nis­ses, die vor­ge­ge­bene Rol­len spie­len, wer­den Kapi­ta­list und Arbei­ter gleich. Armut ist kein Grund zur Kri­tik, der Rei­che ist ja auch nicht frei! Die Klas­sen ste­hen in kei­nem Gegen­satz mehr, son­dern bil­den zusam­men das Kol­lek­tiv der unei­gent­li­chen Subjekte:

„Die Ziele, die die Men­schen als Arbei­ter, als Kapi­ta­list ver­fol­gen, schei­nen ihnen ihre urei­ge­nen zu sein. In Wirk­lich­keit aber exe­ku­tie­ren sie Zwe­cke, die außer­halb von ihnen lie­gen. … Bei­der (des Kapi­ta­lis­ten und des Arbei­ters) Exis­tenz und bei­der Wol­len, Kön­nen und Müs­sen lei­ten sich ab aus einem bei­den vor­aus­ge­setz­ten Gan­zen – dem kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis und dem Ver­wer­tungs­pro­zeß des Kapi­tals. … Der Klasse der Kapi­tal­be­sit­zer ste­hen eben keine ‚nack­ten‘ Men­schen gegen­über, son­dern Indi­vi­duen, die auf­grund der beste­hen­den öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse als Lohn­ab­hän­gige ihr Leben bestrei­ten. Diese Men­schen sind mit einem Bewußt­sein und einer psy­chi­schen Aus­stat­tung aus­ge­stat­tet, die zu den äuße­ren Lebens­be­din­gun­gen pas­sen wie der Schlüs­sel ins Schloß!“ (S.41 – 43. Nahezu iden­tisch Robert Kurz, Sub­jekt­lose Herr­schaft, in: Kri­sis 13, S.30.)

Wenn Leute Zwe­cke für die ihren hal­ten, dann sind sie es auch. Denn mehr ist dafür, daß ein Inhalt einem Men­schen Zweck wird, nicht ver­langt, als daß er ihn will. Han­delt es sich viel­leicht um Zwe­cke, die sie sich nicht zu eigen machen soll­ten? Tun die Resul­tate die­ser Zweck­ver­fol­gung den Leu­ten nicht gut, so daß sie Gründe hät­ten, sie fal­len zu las­sen? Von all dem ist nicht die Rede. Ihre Zwe­cke sol­len den Men­schen fremd sein, weil sie sich aus einem vor­aus­ge­setz­ten Gan­zen ablei­ten. Das Sys­tem bestimmt sie, aber sie mer­ken es nicht, weil sie vom Sys­tem ja ganz bestimmt, psy­chisch und bewußt­s­eins­mä­ßig voll an es ange­paßt sind. Das Rät­sel die­ser para­do­xen Stel­lung­nahme liegt weni­ger in der Frage, wie Men­schen fremde Zwe­cke irr­tüm­lich mit eige­nen ver­wech­seln kön­nen, als viel­mehr darin, woher der Autor die Gewiß­heit bezie­hen will, daß Zwe­cke, die so voll­stän­dig zu denen pas­sen, die sie betä­ti­gen – Schlüs­sel und Schloß! –, ihnen fremde, sie unter­ord­nende sein sol­len. Die ganze Grau­sam­keit des Kapi­ta­lis­mus redu­ziert sich dar­auf, daß das Sys­tem schon vor den Leu­ten da ist. Das Bild vom total inte­grier­ten Sys­te­m­ele­ment will nichts mehr wis­sen davon, ob die Leute in die­sem Sys­tem gut fah­ren; es ist nicht ein­mal mehr eine fal­sche Dar­stel­lung ihrer Unter­ord­nung, son­dern gar keine Bestim­mung des­sen, was im Kopf kapi­ta­lis­ti­scher Men­schen vor sich geht. Die tran­szen­den­tale Unfrei­heit, die kein Mensch bekämp­fen kann, aber auch nicht zu bekämp­fen braucht, weil er sie nicht merkt, ist nur noch geeig­net, die Größe des Indi­vi­du­ums, das an so einer Unfrei­heit zu lei­den ver­mag, und sei­nen wahr­haft unstill­ba­ren Frei­heits­drang auszudrücken.

Mit den „Cha­rak­ter­mas­ken des Kapi­tals“, von denen Marx ver­schie­dent­lich spricht, haben diese kon­stru­ier­ten Funk­ti­ons­ele­mente des Sys­tems nichts zu tun. Bei Marx sind die Men­schen näm­lich nicht durch einen bösen Zau­ber des Sys­tems oder durch Prä­gung Cha­rak­ter­mas­ken, sie machen sich zu Trä­gern der diver­sen Kapi­tal­funk­tio­nen, und zwar dadurch, daß sie sich berech­nend auf die jeweils vor­ge­fun­de­nen öko­no­mi­schen Erwerbs­quel­len bezie­hen, um sie zu nut­zen. Wer Ver­mö­gen besitzt, macht sich zur Ver­kör­pe­rung des Kapi­tals, wenn er Arbei­ter anstellt und sie mit Gewinn ver­kauf­bare Ware her­stel­len läßt. Dann betä­tigt er gegen seine Arbeits­kräfte den Zweck und die Gesetze des Kapi­tals als seine Sache, gibt ihnen eine leib­haf­tige Gestalt. Daß er eine objek­tive öko­no­mi­sche Kate­go­rie ver­kör­pert, deren Bestim­mun­gen nicht aus sei­nen Ansich­ten und Absich­ten her­rührt, merkt der Kapi­ta­list daran, daß er die Gesetze des Kapi­tals auch gegen sich zu spü­ren kriegt – und zwar von sei­ten sei­ner Kon­kur­ren­ten. Was er mit sei­nem Ver­mö­gen anstellt, das tun viele, und sie machen sich wech­sel­sei­tig den Markt strei­tig. Um sich mit dem eige­nen Ange­bot zu behaup­ten, muß der Kapi­ta­list die Preise sei­ner Waren sen­ken. Um bei fal­len­den Prei­sen zu beste­hen, muß er „ratio­na­li­sie­ren“, d.h. die Pro­duk­tiv­kraft stei­gern, bes­sere maschi­nelle Aus­stat­tung anschaf­fen und dafür die erziel­ten Gewinne immer von neuem reinves­tie­ren. Die Akku­mu­la­tion wird so zu einem Zwang, dem er bei Strafe des Unter­gangs gehor­chen muß. Durch ihre all­ge­mein und gegen­ein­an­der betrie­bene Berei­che­rung, d.h. durch ihre Kon­kur­renz, machen die Kapi­ta­lis­ten ihre Absicht zu einem Gesetz gegen sich und zwin­gen sich wech­sel­sei­tig Bestim­mun­gen des Kapi­tals auf, die in ihren Absich­ten nicht auf­ge­hen. Der gegen jedes, und sei es noch so luxu­riöse, Bedürf­nis rück­sichts­lose Akku­mu­la­ti­ons­trieb ist kein sub­jek­ti­ves Motiv. Auch ein Kapi­ta­list ist nicht Dago­bert Duck, des­sen Genuß im Füh­len des abs­trak­ten Reich­tum selbst und im Nach­zäh­len sei­nes Zuwach­ses besteht.

Die Kapi­ta­lis­mus­theo­rie von Auer­bach und ebenso von Kurz besteht aus etwa fünf Meta­phern, die sich bei Marx fin­den. Daß sich der „Selbst­zweck“ des „auto­ma­ti­schen Sub­jekts“ „hin­ter dem Rücken der Betei­lig­ten abspielt“, die des­halb „Cha­rak­ter­mas­ken“ sind, ist ihre ganze Mit­tei­lung. Der „Fetisch“ oder noch schö­ner: die „Fetisch-​Konstitution der Gesell­schaft“ ist ihr Gegen­stand. Sie neh­men die kri­ti­schen Attri­bute, die Marx Wert, Geld und Kapi­tal gibt, für die Sache sel­ber, ver­ges­sen die Öko­no­mie und machen den Fetisch, das auto­ma­ti­sche Sub­jekt, zum Schöp­fer einer gan­zen Welt von Mario­net­ten. Zur Abgren­zung noch ein Wort zum Fetisch bei Marx. Der alte Autor macht hier einen pole­mi­schen Ver­gleich: Im Kapi­ta­lis­mus erlau­ben die Men­schen, daß Geld­zet­tel oder einen Stück Natur­stoff – Gold – Macht über sie aus­übt. Sie ver­hal­ten sich zum Geld wie die Wil­den zu ihrem Fetisch, einem selbst­ge­schnitz­ten Göt­ter­bild, das sei­nem Inha­ber Macht über andere ver­leiht. Die­ser Ver­gleich ist eine Kri­tik, nicht aber der Begriff des Gel­des! Damit die Moder­nen vor dem Geld in die Knie gehen, braucht es – um noch ein­mal daran zu erin­nern – die Staats­ge­walt. Ohne daß diese dem „Ding“ den nöti­gen Respekt ver­schafft, übt es keine Macht über Men­schen aus. So weit geht Marx’ Ver­gleich mit den Wil­den denn doch nicht.

3. Wenn Cha­rak­ter­mas­ken den­ken – um so schlim­mer! Wie man vom „not­wen­dig fal­schen Bewußt­sein“ ein Wort nach dem ande­ren durchstreicht.

Die „gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen der Sachen“, die Macht, die das Geld dem ver­schafft, der es hat, ist ein Fak­tum und kein Fall von Ideo­lo­gie oder fal­schem Bewußt­sein. Es lohnt sich, dies aus­drück­lich fest­zu­stel­len, denn die erwähn­ten Auto­ren ver­wech­seln bei­des nach Kräf­ten. Der Zwang der Ver­hält­nisse und das fal­sche Bewußt­sein derer, die sich zu ihrem Scha­den damit arran­gie­ren, wird von ihnen vor­wärts und rück­wärts iden­ti­fi­ziert – im Inter­esse ihres Befun­des, daß die Men­schen zu den fal­schen Ver­hält­nis­sen pas­sen wie ein Schlüs­sel zum Schloß. Einer­seits gilt ihnen das Bewußt­sein als eine pas­sive Folie, auf der sich das Sys­tem mit sei­nen Funk­ti­ons­im­pe­ra­ti­ven ein­prägt und eine „psy­chi­sche Aus­stat­tung“ hin­ter­läßt, deren ein­zige Bestim­mung Ange­paßt­heit ist. Ver­stand und Wille bekom­men die Eigen­schaf­ten eines Appa­rats, der Ver­hal­tens­wei­sen pro­du­ziert. Der Befund tota­ler Ange­paßt­heit läßt kei­nen Raum für rich­tige oder fal­sche Gedan­ken. Nach die­ser Seite voll­en­den die Fetisch­kri­ti­ker den alten Feh­ler des „dia­lek­tisch mate­ria­lis­ti­schen“ Dog­mas, das Sein bestimme das Bewußt­sein – als ob das Objekt der Erkennt­nis es ver­möchte, Gedan­ken über es zu deter­mi­nie­ren. Sie selbst sind das Gegen­bei­spiel. Was ande­ren wegen wert­för­mi­ger Ver­ge­sell­schaf­tung unmög­lich sein soll, muß den Kri­ti­kern irgend­wie gelun­gen sein: das Ver­häng­nis zu durch­schauen. Ande­rer­seits wer­den – schön zir­ku­lär – dann wie­der die feti­schis­ti­schen Inter­es­sen und Ein­stel­lun­gen der Cha­rak­ter­mas­ken zum Grund der gesell­schaft­li­chen Objek­ti­vi­tät erklärt. Weil das Geld „ihnen als all­ge­mei­nes Aneig­nungs– und Ver­fü­gungs­mit­tel gilt“, meint der Autor des Leser­briefs, würde es dazu. Das Geld gilt den Leu­ten aber nicht als Mit­tel des Zugriffs auf Gebrauchs­gü­ter, es ist die­ses Mit­tel. Unter dem nega­ti­ven Sys­tem­ge­dan­ken – „totale Inte­gra­tion ist das Grauen“ (Adorno) – wer­den die ent­ge­gen­ge­setz­ten fal­schen Deter­mi­na­tio­nen iden­tisch: die Deter­mi­na­tion des Bewußt­seins durch das Sein und die Ent­ste­hung der Objek­ti­vi­tät aus dem fal­schen Mei­nen und Wollen.

Das „not­wen­dig fal­sche Bewußt­sein“ im Kapi­ta­lis­mus ist etwas vom Deter­mi­na­ti­ons­ge­dan­ken Grund­ver­schie­de­nes. Zunächst ist es eini­ges nicht, was die bespro­che­nen Auto­ren damit ver­mi­schen. Ers­tens sind die Men­schen im Kapi­ta­lis­mus alter­na­tiv­los auf die öko­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen ver­wie­sen, die es gibt. Sie müs­sen sich – gleich­gül­tig, was sie den­ken – des Gel­des bedie­nen, um an die Dinge des Bedarfs her­an­zu­kom­men. Sie müs­sen – gleich­gül­tig, was sie von der Aus­beu­tung hal­ten – sehen, wie sie ihre Arbeits­be­reit­schaft zu Geld machen. Zwei­tens müs­sen sie sich des­halb das Geld­ver­die­nen zum Inter­esse machen, sich um eine Qua­li­fi­ka­tion, eine Arbeits­stelle küm­mern, sehen, wie sich das Ein­kom­men stei­gern läßt. Schlimm genug, daß auch dies erst ein­mal nötig ist. Lei­der wird drit­tens auch das Den­ken den prak­ti­schen Not­wen­dig­kei­ten ange­paßt – und dann wird es falsch: Der kal­ku­la­to­ri­sche Umgang mit Arbeit, Geld, Kapi­tal, zu dem man genö­tigt ist, wird für die Bestim­mung die­ser Sachen genom­men. Dann hal­ten die Leute die öko­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen, auf die sie sich als Mit­tel ein­las­sen müs­sen, für genau die Mit­tel, deren Bestim­mung der Nut­zen ist, den sie brau­chen. Die­ser Schritt ist nur in prak­ti­scher, nicht in theo­re­ti­scher Hin­sicht not­wen­dig: Es steht dem Men­schen jeder­zeit frei, sich zu erklä­ren, woran sein Schei­tern liegt, wenn er bei der Benut­zung der vor­ge­ge­be­nen Mit­tel nicht weit kommt. Wer aber trotz schlech­ter Erfah­rung mit ihnen zurecht­kom­men will, rich­tet sein Den­ken so ein, wie er zu han­deln gezwun­gen ist, und ent­wi­ckelt einen Dog­ma­tis­mus der Nütz­lich­keit: Er stellt nicht mehr nüch­tern fest, daß er sich Arbeit suchen muß, son­dern hält den Arbeits­markt für eine Chance und den Gewinn für eine posi­tive Bedin­gung nicht nur für die Inves­ti­tion, son­dern auch für sei­nen Arbeits­platz und Lohn. Das ist ver­kehrt: Gewinn wird nicht gemacht, um Lohn und Arbeits­platz zu ermög­li­chen; sie sind noch nicht ein­mal Neben­wir­kun­gen der Gewinne, auf die man sich ver­las­sen könnte. Das für kon­struk­ti­ves Mit­ma­chen erfor­der­li­che Bewußt­sein hegt Illu­sio­nen über Funk­ti­ons­wei­sen und Zwe­cke der kapi­ta­lis­ti­schen Ein­rich­tun­gen – und es wird oft genug auf die Unwahr­heit der eige­nen Sicht gesto­ßen. Die Ent­täu­schung des­sen, was man sich aus­ge­rech­net und wor­auf man sich ein Recht zuge­mes­sen hatte, ist täg­li­che Erfah­rung und das Fer­tig­wer­den mit Ent­täu­schun­gen die geis­tige Haupt­ar­beit. Zusatz­an­stren­gun­gen sind nötig, um den Wil­len zum Mit­ma­chen und den Schein der Ver­nunft dabei auf­recht­zu­er­hal­ten. Wenn das fal­sche Bewußt­sein des­sen inne­wird, daß es illu­so­risch ist, hält es an sei­nem guten Glau­ben gegen die Erfah­rung in der Form des „eigent­lich“ fest: Eigent­lich gehört die Fabrik doch allen, die sie auf­ge­baut haben und als Erwerbs­quelle brau­chen, eigent­lich müß­ten Lohn und Leis­tung zusam­men­pas­sen und nicht, wie so oft, skan­da­lös von­ein­an­der abwei­chen. Der prak­ti­sche Zwang, sich wei­ter um einen Arbeits­platz etc. küm­mern zu müs­sen, und der fal­sche Schein von Ver­nunft stüt­zen sich wech­sel­sei­tig: Die fal­sche Theo­rie gibt dem erzwun­ge­nen Han­deln recht, und der Wille zum Wei­ter­ma­chen gibt dem Den­ken den Leit­fa­den vor und ertränkt Zwei­fel. Das „not­wen­dig fal­sche Bewußt­sein“ ist also keine pas­sive „Wider­spie­ge­lung“ eines sonstwo exis­tie­ren­den Selbst­zwecks – und schon gleich keine gege­bene psy­chi­sche Aus­stat­tung, son­dern eine recht ver­bis­sene Aktivität.

Das fal­sche Bewußt­sein und seine Kri­tik sind bei Kurz und Auer­bach kein Thema, weil sie die in den Ver­hält­nis­sen befan­ge­nen Leute ganz und gar in ihren Rol­len auf­ge­hen las­sen. Eine Nöti­gung ken­nen sie eben­so­we­nig wie das Ver­hält­nis von sub­jek­ti­vem Zweck und den dazu nicht pas­sen­den öko­no­mi­schen Mit­teln, an dem sich die Leute abar­bei­ten. Dadurch wird das „Not­wen­dig“ des fal­schen Bewußt­seins so abso­lut gesetzt, daß nichts Fal­sches mehr übrig bleibt: Die Trä­ger der „durch den Wert kon­sti­tu­ier­ten Rol­len“ haben kein rich­ti­ges oder fal­sches Bewußt­sein, son­dern eine funk­tio­nal ange­mes­sene psy­chi­sche Aus­stat­tung, wenn über­haupt. Auer­bach geht näm­lich noch einen Schritt wei­ter und nimmt sein Wahn­ge­bilde von der Ent­sub­jek­ti­vie­rung so ernst, daß er die Welt des Werts wahr­haf­tig mit han­deln­den Mas­ken bevöl­kert, die eigent­lich gar kein Bewußt­sein haben:

„Kön­nen über­haupt Arbei­ter schei­tern? Nein, da Arbei­ter zu sein eine dem Men­schen äußer­li­che Bestim­mung ist! Öko­no­mi­sche Mas­ken kön­nen sich keine Ziele set­zen und folg­lich auch nicht schei­tern. Sofern aber Indi­vi­duen wis­sent­lich mit Arbeiter-​Interessen in den Ring stei­gen, ver­fol­gen sie a priori fal­sche Zwe­cke! … Statt der Destruk­tion des fal­schen Bewußt­seins von Arbei­tern müßte man sich die Zer­stö­rung ihres Bewußt­seins vor­neh­men. Wenn Arbei­ter ein Bewußt­sein haben, ist alles zu spät! Denn die öko­no­mi­sche Exis­ten­zweise kann nicht über solch ein Ding ver­fü­gen, son­dern nur jemand, der Arbei­ter sein will.“ (Auer­bach, S. 134 und 182f.)

Wür­den es die Men­schen doch dabei belas­sen, die Mas­ken zu sein, die die­ser Marx-​Kenner ihnen zuge­schrie­ben hat. Daß sie, wie auch Auer­bach bemerkt, doch ein Bewußt­sein haben, macht die Sache nur schlim­mer! Sie wol­len die Mas­ken sein, die sie sind! Sie beken­nen sich zum Begriff der Ware Arbeits­kraft. Als ob sie den wüß­ten! Und als ob sie ihre Rolle bil­li­gen wür­den, wenn sie wie Mar­xis­ten dar­über däch­ten! Das Fal­sche, das er den Leu­ten nach­sagt, läßt er schon bei dem Bemü­hen begin­nen, sich in der Geld­wirt­schaft zu ernäh­ren. Falsch ist da keine Mei­nung über Lohn­ar­beit und Kapi­tal, falsch ist der Wille – und eine Täu­schung über sein Instru­ment ist kein Thema mehr, wenn das Ver­werf­li­che schon der Zweck ist. Im fal­schen Zweck, Geld zu ver­die­nen, ist das pas­sive Pro­dukt der Ver­hält­nisse voll iden­tisch mit ihnen, ja ihr Prot­ago­nist: Man müßte das Bewußt­sein der Men­schen zer­stö­ren, wollte man sie von ihrer Par­tei­nahme für ihre Aus­beu­tung abbringen!

Die Wert-​Kritiker der „Krisis“-Redaktion drü­cken die­sen Gedan­ken weni­ger blut­rüns­tig aus. Sie machen dar­aus eine ganze Phi­lo­so­phie vom moder­nen Men­schen als ein sich selbst, d.h. seine höhere Bestim­mung ver­feh­len­des Wesen: „Fetisch-​Konstitution und Sub­jek­ti­vi­tät“ nen­nen sie das. Aus­gangs­punkt ist auch bei ihnen der Ent­schluß, Vor­teils­rech­nun­gen, die Lohn­ar­bei­ter wegen und mit ihrer Abhän­gig­keit anstel­len, gleich gar nicht als irrige Rech­nun­gen, son­dern als Fälle von Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit aufzufassen:

„Men­schen, die nicht mehr nach Bedürf­nis­be­frie­di­gung, son­dern nur noch nach ‚Arbeits­plät­zen‘ schreien, muß eine Art von Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit beschei­nigt wer­den, die ihren soge­nann­ten Eigen­nut­zen als blo­ßen Voll­zug eines säku­la­ri­sier­ten reli­giö­sen Prin­zips denun­ziert. … (Es geht darum,) den Skan­dal der völ­li­gen Bewußt­lo­sig­keit auf der Ebene gesell­schaft­li­cher Form­be­stim­mun­gen zu erken­nen. … Der Mensch ent­steht als Sub­jekt gegen­über der ers­ten Natur, weiß aber not­wen­di­ger­weise sel­ber nicht, wer er ist, weiß und hat sich nicht bewußt als das, was er gewor­den ist, näm­lich gesell­schaft­li­ches Wesen.“ (Kurz, Sub­jekt­lose Herr­schaft, S.19, 30, 52)

Wer den Leu­ten Bewußt­lo­sig­keit attes­tiert, ist weit hin­aus über die Frage, worin sie sich täu­schen. Der Gesell­schafts­kri­ti­ker rich­tet sich auch nicht mehr an die Leute, über deren Bewußt­lo­sig­keit er sich aus­läßt. Wie ein Psych­ia­ter unter Kol­le­gen defi­niert er für sein Publi­kum die Bezirke der Unbe­wußt­heit drit­ter – und was für wel­che! Der heu­tige Mensch weiß nicht, wer er ist! Und wer ist er unbe­kann­ter­weise? Ein gesell­schaft­li­ches Wesen! Die­sen bil­li­gen Soziologen-​Spruch, den vor Gericht noch jeder Taschen­dieb zu sei­ner Ent­schul­di­gung vor­brin­gen kann, sol­len die Leute angeb­lich nicht wis­sen. Dies nicht zu wis­sen, macht den ein­zi­gen Feh­ler, das Feti­schis­ti­sche ihres Bewußt­sein aus: Sie bekom­men den Ehren­ti­tel des eigent­li­chen Sub­jekts abge­spro­chen. Form­blinde Mas­sen­men­schen gehen ihren Ange­le­gen­hei­ten nach und beden­ken gar nicht, daß ihr „Sub­jekt­sein“ gesell­schaft­lich pro­du­ziert ist. Wenn sie sich sonst über nichts täuschen …

„Das Sub­jekt der Moderne ist sich eben­so­we­nig wie alle frü­he­ren Gestal­ten des Sub­jekts sei­ner eige­nen Form bewußt: Es reprä­sen­tiert sozu­sa­gen die höchste Form der Form-​Bewußtlosigkeit. Damit läßt sich die all­ge­meine Bestim­mung ange­ben: Ein Sub­jekt ist ein bewuß­ter Aktor, der sich sei­ner eige­nen Form nicht bewußt ist. Genau diese Form-​Bewußtlosigkeit aber ist es, die den bewuß­ten Hand­lun­gen … gegen­über den ande­ren Sub­jek­ten einen unsicht­ba­ren objek­ti­ven Zwangs­cha­rak­ter auf­er­legt. … Ein Sub­jekt ist ein Aktor, der stru­ku­rell männ­lich bestimmt ist. In die­sem Bezug wer­den Natur und andere Sub­jekte zu Objek­ten her­ab­ge­setzt, aber eben nicht aus der Willens-​Subjektivität des erschei­nen­den Ich-​Bewußtseins her­aus, son­dern aus der Bewußt­lo­sig­keit der eige­nen Form. … Das Unbe­wußte als all­ge­meine Bewußt­s­eins­form, all­ge­meine Sub­jekt­form und all­ge­meine Repro­duk­ti­ons­form der Gesell­schaft objek­ti­viert sich in Gestalt gesell­schaft­li­cher Kate­go­rien (Ware, Geld) aus­nahms­los allen Gesell­schafts­mit­glie­dern gegen­über, ist aber gleich­zei­tig gerade des­halb die bewußt­lose Ein­heit der Sub­jekte selbst. … Die Revo­lu­tion gegen die Fetisch-​Konstitution ist iden­tisch mit der Auf­he­bung des Sub­jekts.“ (S.68, 69, 75, 77, 94)

Wir dach­ten zwar, daß nach Adorno ein kri­ti­sches Inter­pre­tie­ren des Kapi­ta­lis­mus nicht mehr mög­lich ist; aber offen­bar ist das Bedürf­nis, vom „Sub­jekt der Moderne“ zu schwa­dro­nie­ren, ein­fach nicht tot­zu­krie­gen. Nur ein wenig höl­zer­ner und noch unver­ständ­li­cher als bei des­sen Schöp­fer kommt hier die Vor­stel­lung daher, daß es im total fal­schen „Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“ kein wah­res Ich gibt – nicht erstaun­lich ange­sichts des den Ein­fall lei­ten­den Bemü­hens, dem so ein­fach gestrick­ten und so bil­lig zu befrie­di­gen­den mora­li­schen Drang­sal, sich mit sei­ner Welt eins und sich in ihr hei­misch zu füh­len, sein noto­ri­sches Schei­tern als „all­ge­meine Bestim­mung“ anzu­hän­gen. So kommt das „Sub­jekt“ aus der phi­lo­so­phi­schen Werk­statt ziem­lich fremd her­aus: Wenn es tut und macht, was es will, geht bei allem recht unei­gent­lich es selbst zur Sache; es ist „bewußt­los“, weil näm­lich in den Sachen, mit denen es ver­fährt, gar nicht es selbst steckt, son­dern das viel­mehr seine „Objekte“ sind, ihm also äußer­lich – und fer­tig ist der Skan­dal, und die „bewuß­ten Hand­lun­gen“ sind ihren „Objek­ten“ gegen­über eine ein­zige Nöti­gung. Objek­tiv, ver­steht sich, denn so ein­fach las­sen sich Sub­jekte, die bewußt­los bewußt han­deln, auch nicht mora­lisch zur Rai­son brin­gen. Daher wer­den sie erst­mal zum „Aktor“ umge­tauft, auf den dann die pas­sen­den mora­li­schen Ver­ge­hen das schlechte Licht wer­fen, in dem sich die ganze phi­lo­so­phi­sche Kri­tik bün­delt: „Natur“ ist der erste hohe Wert, an dem sich ver­grif­fen wird, der Mit­mensch, die „ande­ren Sub­jekte“, der Nächste, und schließ­lich ist der „Aktor“ auch noch „männ­lich“, womit der Kri­ti­ker auch noch sei­nen Tri­but an den Wert „Frau“ ent­rich­tet hätte. „Ware, Geld“ – in Klam­mern – machen dann deut­lich, daß mit die­sem mora­li­schen Ver­häng­nis allen Erns­tes der Kapi­ta­lis­mus gemeint sein soll, und wei­sen auch schon dar­auf hin, wie der auf phi­lo­so­phisch abzu­schaf­fen geht: Kampf dem Ver­grei­fen an den Objek­ten! Nie­der mit dem Haben-​Wollen!

Die Pre­digt gegen jeden Zweck und jedes Mit­tel, ein­mal aufs Maß des gesun­den Men­schen­ver­stands hin­un­ter­ge­rech­net, ver­wirft nicht den miß­ra­te­nen und darin gif­ti­gen bür­ger­li­chen Mate­ria­lis­mus, son­dern den Mate­ria­lis­mus schlecht­hin – und das im Namen der Moral des Kapi­ta­lis­mus. Sie will in Fra­gen der Behand­lung des Men­schen nicht unter­schei­den, wor­auf es ein­zig und allein ankommt, näm­lich ob es ihnen gut oder schlecht bekommt – Objekt eines geschei­ten Ver­sor­gungs­we­sens, von Zuwen­dung oder Begierde ganz zu schwei­gen, ist der Mensch ja durch­aus gerne, Objekt von Gewalt und Aus­beu­tung dage­gen weni­ger. Diese ein­zig ratio­nale Unter­schei­dung wird ersetzt aus­ge­rech­net durch den blö­den Vor­be­halt gegen­über jeg­li­cher Benut­zung von Men­schen, den der Kapi­ta­lis­mus in der Tat respek­tiert: Als Per­son aner­kannt zu wer­den, dar­auf hat der Mensch noch inmit­ten sei­ner schlech­tes­ten Behand­lung ein unver­äu­ßer­li­ches Recht. Man könnte Kurz ja sogar das – gar nicht geheime – Geheim­nis ver­ra­ten, daß die laute und freu­dige Begrü­ßung der Men­schen als Sub­jekte unver­äu­ßer­li­cher Men­schen­rechte immer nur der Auf­takt dazu ist, es bei der Rück­sicht auf ihr mate­ri­el­les Wohl­er­ge­hen nicht so genau zu neh­men – und auch zu gar nichts ande­rem taugt. Jeden­falls hat es kei­nes Marx-​Exegeten zur Ver­kün­dung des gar nicht neuen Impe­ra­tivs bedurft: „Gebrau­che andere Men­schen nie­mals nur als Mit­tel, son­dern stets auch als Zweck in ihnen selbst!“ Die­ser Appell stammt vom alten Kant, und der führt eine schlechte alte Tra­di­tion fort. Seit Jesus Chris­tus wol­len alle Moral­apos­tel den neuen Men­schen schaf­fen, der sich zu sei­nen ego­is­ti­schen Inter­es­sen ein schlech­tes Gewis­sen macht. Kurz’ Unter­schied zu diver­sen Buß­pre­di­gern besteht nur darin, daß man ihn garan­tiert nicht ver­steht. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die Unmo­ral, die er gei­ßelt, ist ein not­wen­di­ges Pro­dukt der Fetisch-​Konstitution und kein ver­meid­ba­rer Fehl­tritt der „Willens-​Subjektivität“ – als zu beher­zi­gen­der Vor­wurf ist die totale Ver­ur­tei­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Men­schen nicht gemeint. Fetisch-​Produkte, die sie sind, könn­ten sie damit ohne­hin nichts anfan­gen. Sie haben kei­nen Grund, ihre „Willens-​Subjektivität“ suspekt zu fin­den – sie sind ein­fach so! Die mensch­li­chen Bestand­teile die­ser „Fetisch-​Konstitution“ sind ihrem bes­se­ren Mensch­sein so gründ­lich ent­frem­det, daß sie in den ent­frem­de­ten Ver­hält­nis­sen voll­kom­men zu Hause sind.

Von die­sem Stand­punkt aus bese­hen erscheint so man­ches in ande­rem Licht: Die Leute wol­len Geld ver­die­nen, also sind sie Geld­geier, wie die Kapi­ta­lis­ten, nur schlechtere.

„Der Zank­ap­fel heißt ‚Geld‘! Die eine Seite möchte mehr Geld machen, die andere Seite will es nur für mehr Geld tun. Von sol­chem Zwist sollte man sich, so man uner­bitt­li­cher Fun­da­men­tal­kri­ti­ker der Ver­hält­nisse zu sein beliebt, fern­hal­ten. Denn: Pecu­nia olet! Erst wenn die Mehr­heit die Nase rümpft und von Arbeit­ge­bern aus­ge­ge­bene Duka­ten als Esel­säp­fel betrach­tet, ist an die Auf­he­bung der beste­hen­den Ver­hält­nisse zu den­ken.“ (Auer­bach, S. 132)

„Es ist für den ver­stock­ten alten Links­ra­di­ka­lis­mus ein­fach nicht nach­voll­zieh­bar, daß der Klas­sen­kampf sei­nem Begriff nach in der bür­ger­li­chen Form­hülle ver­blei­ben muß. Denn auch die Ware Arbeits­kraft ist eine Ware, in deren Begriff die ‚Pri­vat­heit‘ ent­hal­ten ist. Das bedeu­tet nichts ande­res als daß auch die ‚Arbei­ter­klasse‘ in der Form des Geld­lohns ‚pri­vat aneig­net‘. … Jeder, der ‚sein Geld ver­dient‘, muß immer schon all­tags­prak­tisch mit­ma­chen, und die­ses Mit­ma­chen endet genau dort, wo das Geld­ver­die­nen auf­hört.“ (Kurz, Die letz­ten Gefechte, Kri­sis 18, S.44, 48)

Nicht ein Irr­tum über ihre untaug­li­chen öko­no­mi­schen Mit­tel, son­dern ihr Mate­ria­lis­mus ket­tet sie an das Sys­tem. Der Ver­nunft zugäng­lich wären sie nur, sofern sie ihre mate­ri­el­len Inter­es­sen ver­ach­ten wür­den. Vom Sys­tem bleibt sei­ner­seits nichts Kri­tik­wür­di­ges ste­hen – außer eben, daß es diese totale Inte­gra­tion sei­ner Ele­mente ist: Die Unver­nunft der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse besteht in die­ser Inte­gra­tion, ja Kon­sti­tu­tion ihres Men­schen­ma­te­ri­als, sie wan­dern der­art in ihre mensch­li­chen Ele­mente ein, daß nur noch an denen, an deren schlech­tem Cha­rak­ter, an ihrer Raff­gier und ihrem „Haben-​Wollen“ die Kri­tik der Gesell­schaft zu füh­ren geht – für einen „uner­bitt­li­chen Fun­da­men­tal­kri­ti­ker“ jedenfalls.

Anders als Auer­bach ver­spricht sich Kurz die Befrei­ung der Men­schen nicht von der Zer­stö­rung ihres unkor­ri­gier­ba­ren Bewußt­seins, son­dern von der Selbst­zer­stö­rung des Selbstzweck-​Systems, an das sie so unbe­dingt ange­paßt sind. Kurz wen­det sich nicht an diese, will ihnen nicht die Anpas­sung an die leb­haft ver­ur­teilte Unver­nunft aus­re­den – den ent­frem­de­ten Sub­jek­ten ist der Wahn­sinn ja Hei­mat. Er setzt dar­auf, daß ihre Anpas­sung bei aller Anstren­gung schei­tern wird, wenn weg­bricht, woran die Leute ange­paßt sind: Der fina­len Krise des Kapi­ta­lis­mus ist die Rolle des Auf­klä­rers – rich­ti­ger: des Zer­stö­rers der Ange­paßt­heit zuge­wie­sen. Der Auf­gabe, diese End­krise von Jahr zu Jahr aktua­li­siert anzu­sa­gen, wid­met Kurz die andere Hälfte sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen.[2]

„Wie es scheint, wer­den nun die nicht mehr hin­aus­schieb­ba­ren his­to­ri­schen Gren­zen der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise erreicht. Die Zwickel-​Gewerkschaften haben sich offen­bar ent­schlos­sen, lie­ber zusam­men mit dem Kapi­ta­lis­mus aus Angst vor dem Tod Selbst­mord zu bege­hen als eine neue, andere Sys­te­mal­ter­na­tive zu ent­wi­ckeln und soziale Gegen­wehr zu leis­ten. Die Poli­tik der ‚radi­ka­len Anpas­sung‘ ist naiv, weil es sich nur um die Anpas­sung an den Unter­gang des Sys­tems der Lohn­ar­beit sel­ber han­deln kann. Die­ser Unter­gang wird auch dann rati­fi­ziert, wenn ihn die gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen nicht wahr­ha­ben wol­len.“ (Kurz, Die letz­ten Gefechte, S. 42)

Kurz ver­wahrt sich dage­gen, daß seine Absage an den Klas­sen­kampf als unpo­li­ti­sche Sinn­stif­tung für Ex-​Linke auf­ge­faßt wird. Die­ser Zir­kus von Sub­jekt, Objekt und Form-​Bewußtlosigkeit will allen Erns­tes als Revo­lu­ti­ons­theo­rie ver­stan­den wer­den. Im Schei­tern der Anpas­sung durch den Unter­gang des­sen, woran sich ange­paßt wird, sieht Kurz die Ver­nunft auf­schei­nen. Das Rie­sen­werk – „Der zweite Mensch kann im Gegen­satz zum ers­ten nicht ‚ent­ste­hen‘, er muß sich selbst bewußt schaf­fen.“ – „erscheint unge­heu­er­lich und fast unlös­bar“ (Sub­jekt­lose Herr­schaft S. 82f). Denn „was bis­her dem blin­den Regel­me­cha­nis­mus folgte, muß in das bewußte Bewußt­sein der Men­schen, in die Selbst-​Bewußtheit über­führt wer­den.“. Das kaum Denk­bare kann jedoch denk­bar ein­fach ins Werk gesetzt wer­den – durch Ver­wei­ge­rung gegen­über dem Geld­ver­die­nen: Ein biß­chen nach­bar­schaft­li­ches Netz­werk, Arbeits­zeit­ver­kür­zung ohne Lohn­aus­gleich ver­bun­den mit einem Ein­stieg in kom­mu­nale und soziale Tätig­kei­ten jen­seits des Erwerbs schaf­fen lau­ter Inseln der Ver­nunft im Meer des Fal­schen. Kurz hält alles dies für einen ganz guten Anfang. So gese­hen ist die Selbst­be­frei­ung gar nicht so schwie­rig. Die gro­ßen Kir­chen bie­ten Start­hil­fen. Wenn Phi­lo­so­phen halt prak­tisch werden …

II. Tram­pert und Eber­mann: Argu­mente für die Sicht­bar­keit des Kapi­ta­lis­mus und der Unar­ten sei­ner herr­schen­den Klasse

Schon im Titel „Die Offen­ba­rung der Pro­phe­ten“ stel­len Tram­pert und Eber­mann ihr Buch als einen „Anti-​Kurz“ vor. Ihre Absage an Zusam­men­bruchs­hoff­nun­gen und ihr Behar­ren dar­auf, daß ent­we­der seine Opfer den Kapi­ta­lis­mus abschaf­fen, wenn sie ihn nicht mehr für nötig hal­ten, oder kei­ner, ist sym­pa­thisch; ebenso ihre Zurück­wei­sung der Manie, dem Kapi­ta­lis­mus immer neue Sta­dien nach­zu­sa­gen. Für die bei­den ist der Kapi­ta­lis­mus im wesent­li­chen immer der­selbe geblie­ben. Da haben sie recht.

Nicht so erfreu­lich ist die Art und Weise, wie sie Kurz’ Ansich­ten ver­wer­fen. Sie haben sich auf die abs­trakte Nega­tion von all dem ver­legt, was die­ser ver­tritt. Die bei­den kri­ti­sie­ren nicht des­sen Gedan­ken, sie rücken nicht die Deu­tun­gen zurecht, die die­ser den in Betracht gezo­ge­nen Kri­sen­phä­no­me­nen gibt, son­dern behaup­ten jeweils genau das Gegen­teil von dem, was bei Kurz steht. Als ob ihre Oppo­si­tion zu sei­ner Phi­lo­so­phie die Wahr­heit über die Sache wäre. Sie und ihr Geg­ner ergän­zen sich gera­dezu in kon­trä­ren Einseitigkeiten.

1. Zitate aus der Wirk­lich­keit zur Wider­le­gung des Phi­lo­so­phen Kurz

Kurz sagt, der Kapi­ta­lis­mus befinde sich in sei­ner fina­len Krise und werde ten­den­zi­ell aus­beu­tungs­un­fä­hig. Die Ham­bur­ger beschei­ni­gen dem Sys­tem beste Gesund­heit, wenigs­tens im Welt­maß­stab. Kurz stellt fest, daß aus dem wirt­schaft­li­chen Zuwachs, den sich die BRD von der Anne­xion der DDR ver­spro­chen hatte, wohl nichts gewor­den sei, und sieht darin wie­der ein Indiz für das nahe Ende des Wes­tens. Die Ham­bur­ger hal­ten voll dage­gen: Nie seien die Bedin­gun­gen für das deut­sche Kapi­tal so güns­tig gewe­sen wie seit dem Sieg über den Ost­block. Kurz spricht von einer für das pro­duk­tive Kapi­tal nicht mehr funk­tio­na­len Akku­mu­la­tion von Finanz­ti­teln, die sich aus Man­gel an pro­duk­ti­ver Anlage im Finanz­sek­tor selbst her­um­trei­ben und nach sei­nen Regeln ver­meh­ren, ohne daß der mate­ri­elle Reich­tum, auf den sie Anspruch­s­ti­tel sind, ent­spre­chend oder auch nur über­haupt wach­sen würde. Eber­mann und Tram­pert wis­sen dage­gen aus dem sta­tis­ti­schen Jahr­buch der Bun­des­re­gie­rung zu berich­ten, daß das meiste Geld nach wie vor in der Pro­duk­tion ver­dient werde. Es küm­mert sie nicht, daß den Zif­fern des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts ihre öko­no­mi­sche Her­kunft nicht mehr anzu­se­hen ist, daß dort also Ein­künfte ohne Rück­sicht dar­auf zusam­men­ge­zählt wer­den, ob sie aus einer Ver­meh­rung des kapi­ta­lis­ti­schen Reich­tums oder aus der Abwick­lung unpro­duk­ti­ver Funk­tio­nen resul­tie­ren. Beim Thema des „fik­ti­ven Kapi­tals“ las­sen sich die bei­den von Kurz’ wol­ki­gem Meta­pher­n­un­we­sen dazu ver­lei­ten, diese Form des Kapi­tals even­tu­ell für reine Ein­bil­dung zu hal­ten, um diese alberne Ver­mu­tung dann zu dementieren:

„Ein gewal­ti­ger, nicht aus­re­chen­ba­rer Anteil des volu­mi­nö­sen Geld­ka­pi­tals ist grund­sätz­lich kei­nes­wegs fik­tiv, son­dern Aus­fluß der rea­len Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion.“ (S.70)

Das ist nicht ein­mal eine fal­sche Bestim­mung des­sen, was fik­ti­ves Kapi­tal ist, son­dern gar keine. Das Erklä­ren ist eben nicht die Sache der bei­den. Ihre Mit­tei­lung erschöpft sich im Dementi der Kri­sen­phä­no­mene, die Kurz zu sei­nem Kata­stro­phen­ge­mälde zusam­men­fügt – als ob der aus ihnen gefol­gerte Zusam­men­bruch des „Fetisch­sys­tems“ wirk­lich fol­gen würde, wenn man die Phä­no­mene gel­ten ließe. Über­ak­ku­mu­la­tion, die Phase der Depres­sion, in der kein Wachs­tum zustan­de­kommt, die pre­käre Lage des Geld– und Schul­den­we­sens, dem der mate­ri­elle Reich­tum geop­fert wird – Maastricht-​Deflation in Europa, „balan­ced bud­get“ in den USA, „Absturz Ost“, Stand­ort­kon­kur­renz: Soll es das alles nicht oder fast nicht geben, damit nicht folgt, was Kurz dar­aus fol­gen läßt? Sein Feh­ler besteht in der Umdeu­tung der Krise zur „Auf­he­bungs­schwelle des Sys­tems“; das ist ver­kehrt, nicht weil die Krise eine längst über­wun­dene Klei­nig­keit wäre, son­dern weil sich da nichts von selbst aufhebt.

So sehr Kurz, theo­re­tisch gese­hen, die Krise liebt – er benennt seine Zeit­schrift nach ihr! –, so wenig paßt den Ham­bur­gern diese Phase der Akku­mu­la­tion ins Bild. Kurz ent­nimmt ihr den Beweis sei­nes „auto­ma­ti­schen Sub­jekts“: Nie wird so mani­fest, daß auch die Kapi­ta­lis­ten bei ihrer Pro­fit­ma­che­rei Gesetze betä­ti­gen, die in den Zwe­cken der Akteure nicht nur nicht auf­ge­hen, son­dern diese ver­ei­teln, als dann, wenn Gewinne sin­ken und das Wachs­tum aus­bleibt. Alle Anstren­gun­gen, den Gewinn zu stei­gern und ihn gegen den Markt zu sichern, füh­ren zum Gegen­teil. Aus der Krise macht Kurz den Beweis, daß das Den­ken und Wol­len der Men­schen in die­sem Sys­tem des Fetischs keine Rolle spie­len; zugleich eröff­net die Krise ihm die tröst­li­che Aus­sicht, der Fetisch werde an sei­nen inne­ren Wider­sprü­chen zer­bre­chen. Eber­mann und Tram­pert hören die Bot­schaft und mögen sie nicht. Zuzu­ge­ben, daß die Geschäfte nicht gehen und die Kapi­ta­lis­ten trotz aller Aus­beu­tung nicht auf ihre Kos­ten kom­men, hiel­ten sie für eine Ver­harm­lo­sung die­ser Sub­jekte. Was sie zur Krise zu sagen haben, ergibt sich dar­aus, was sie mei­nen, sagen zu müs­sen, um Kurz’ Ohn­machts­theo­rie der Herr­schen­den zurück­zu­wei­sen. Wie vor­her Auer­bach haben auch sie, wenigs­tens im öko­no­mi­schen Teil ihres Buches, nicht die Wirk­lich­keit zum Gegen­stand ihrer Aus­sa­gen, son­dern die ange­fein­dete Posi­tion. Die kapi­ta­lis­ti­sche Rea­li­tät füh­ren sie als Beweis­mit­tel gegen ihren Oppo­nen­ten an, wo und wie sie sich ihrer Mei­nung nach dafür eig­net. Die­sem Kon­zept fol­gend geben sie ers­tens zu, daß es Kri­sen wirk­lich gibt, bestim­men diese zwei­tens, wegen der Beweis­ab­sicht, daß es bloß Kri­sen sind, grund­falsch und len­ken drit­tens das Augen­merk auf die Kri­sen­be­wäl­ti­gung, die längst unter­wegs und erfolg­reich ist:

„Der Zwang zur per­ma­nen­ten Anhäu­fung von Wer­ten dehnt den Kapi­tal­stock im Ver­hält­nis zur leben­di­gen Arbeit so lange aus, bis die ange­schwol­lene Kapi­tal­masse die Grenz­pro­fi­ta­bi­li­tät sin­ken läßt. Das fixe Kapi­tal wirft immer müh­sa­mer die ange­strebte Pro­fi­trate ab, es kann sich nicht mehr aus­rei­chend ver­zin­sen. Solange aber der aus den Arbeits­kräf­ten durch Ratio­na­li­sie­run­gen und tech­ni­sche Ver­fei­ne­run­gen her­aus­ge­preßte Mehr­wert so hoch gehal­ten wer­den kann, daß er die Ver­zin­sung des Gesamt­ka­pi­tals kom­pen­siert, ist die Pro­duk­tion gesi­chert. Erst jen­seits die­ser Grenze unter­blei­ben Inves­ti­tio­nen oder die­nen über­wie­gend der wei­te­ren Ratio­na­li­sie­rung. … Die jüngs­ten Kri­sen­er­schei­nun­gen kün­dig­ten sich seit etwa zwan­zig Jah­ren an. Dies drückte sich in abge­flach­ten Wachs­tums­ra­ten, in Akku­mu­la­ti­ons­sto­ckun­gen und in einer wach­sen­den Geld­an­lage aus. Da Pros­pe­ri­täts­pha­sen zugleich kon­sum­för­dernd sind, belas­tete ein gestie­ge­ner pri­va­ter und staat­li­cher Kon­sum zusätz­lich die sin­kende Pro­fi­ta­bi­li­tät der Wirt­schaft. Die Sanie­rung der Pro­fi­trate erfolgt jedoch nicht erst Mitte der 90er Jahre mit Hilfe der Apo­lo­gie einer ‚Risi­ko­ge­mein­schaft‘, son­dern beglei­tete die­sen Pro­zeß von Anfang an.“ (S.23f. u. 55)

Was ist Gegen­stand und Thema die­ser Dar­stel­lung? Marx’ Erklä­rung des Kri­sen­grun­des – Sen­kung der ange­wand­ten Arbeit rela­tiv zur Größe des Gesamt­ka­pi­tals – wird im Ton der Selbst­ver­ständ­lich­keit erwähnt. Zugleich wird dem Leser das Ver­ständ­nis des schnell hin­zi­tier­ten Zusam­men­hangs gar nicht abver­langt; in VWL-​Fehlern zuhause, wie ihn die Auto­ren vor­aus­set­zen, bekommt er ein Ange­bot der plau­si­blen Art gemacht: per­ma­nente Anhäu­fung – ange­schwol­le­nes Kapi­tal – sin­kende Grenz­pro­fi­ta­bi­li­tät. Soll es doch bloß das „Immer-​Mehr“ sein, das nicht gut gehen kann? Sinkt die Grenz­pro­fi­ta­bi­li­tät des Kapi­tals wie der Grenz­nut­zen des sechs­ten Bie­res? Im zwei­ten Satz wird dem fixen Kapi­tal abver­langt, es solle eine Pro­fi­trate abwer­fen, was es tat­säch­lich aber nicht „immer müh­sa­mer“, son­dern über­haupt nicht schafft. Diese Weis­heit haben die Auto­ren weder von Marx noch von der Volks­wirt­schafts­lehre; bei Marx ist das fixe Kapi­tal weder Quelle noch Bezugs­größe des Pro­fits, die VWL aber kennt die Kate­go­rie des fixen Kapi­tals gar nicht. Die Pro­fi­trate ist auch noch eine „ange­strebte“. Hier reden die Auto­ren also von Wün­schen der Kapitalisten.Die haben aber wie­derum mit der Pro­fi­trate, die Marx abhan­delt, sicher nichts im Sinn. Im drit­ten Satz wird der durch Ratio­na­li­sie­run­gen gestei­gerte Mehr­wert als Gegen­mit­tel gegen die Krise und als Instru­ment zur Ret­tung der Pro­duk­tion ange­führt. Geht es um die? Wir dach­ten immer, die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion sei Mit­tel des Pro­fits und nicht der Pro­fit das Mit­tel, die „Pro­duk­tion zu sichern“. Vor allen Din­gen aber sind die Ratio­na­li­sie­run­gen, die den Mehr­wert stei­gern, nicht etwa ein Gegen­mit­tel gegen den Fall der Pro­fi­trate, son­dern haar­ge­nau die­sel­ben Metho­den, die ihren Fall her­bei­füh­ren. Aber das ist wie­der Marx. Die Ham­bur­ger sind, wenn sie im nächs­ten Satz wie­der Ratio­na­li­sie­run­gen anfüh­ren, schon bei Kon­kur­renz­stra­te­gien, mit denen Kapi­ta­lis­ten in der Krise ihren Markt­an­teil ver­tei­di­gen. Schließ­lich wol­len sie nicht ein­mal auf die erz­bür­ger­li­che Idee ver­zich­ten, daß wach­sen­der Kon­sum die Pro­fite belas­tet hätte, weil ihnen diese Auf­fas­sung den Gegen­satz der Kapi­ta­lis­ten zum Leben der Men­schen so schön aus­zu­drü­cken scheint. Bei Marx hat die Krise ihren Grund umge­kehrt darin, daß das Kapi­tal sein Waren­pro­dukt gren­zen­los aus­dehnt und zugleich die Kon­sum­ti­ons­kraft der Gesell­schaft beschränkt, die es ihm ver­sil­bern müßte. Zu guter Letzt reden sie von einer Sanie­rung der Pro­fi­trate, die schon eine ganze Weile mit einer Apo­lo­gie vor­an­ge­trie­ben wird. Über­flüs­sig, daran zu erin­nern, daß die Pro­fi­trate sowieso von nie­man­dem saniert wer­den kann: Sie „saniert“ sich durch Ent­wer­tung von Kapi­tal, und diese Sanie­rung ist die Kata­stro­phe für den Kapi­ta­lis­ten, den es trifft. Alle Ver­än­de­run­gen, die Kapi­ta­lis­ten vor­neh­men und vor­neh­men kön­nen, um ihren indi­vi­du­el­len Pro­fit zu „sanie­ren“, sind eben die Metho­den, die den Fall der Pro­fi­trate herbeiführen.

Dar­über, was Krise ist, wol­len wir mit den bei­den lie­ber nicht wei­ter strei­ten. Denn ihr ver­misch­tes Zitie­ren von Marx-​Wörtern und bür­ger­li­chen Kon­junk­tur­theo­re­ti­kern läßt von bei­den nichts übrig. Von Marx nicht, weil ein Wille, den Grund der Krise aus­fin­dig zu machen, ihren Aus­sa­gen nicht zu ent­neh­men ist; von den Kon­junk­tur­for­schern nicht, weil auch ihre wirt­schafts­po­li­ti­schen Stra­te­gien und Schuld­zu­wei­sun­gen weder beur­teilt noch kri­ti­siert, son­dern eben nur zitiert wer­den – als Belege dafür, daß es die Kri­sen, von denen Marx redet, wirk­lich gibt. Und schließ­lich und end­lich dient die­ser Beweis ihrer lin­ken Ortho­do­xie, bei dem alles wie Kraut und Rüben durch­ein­an­der­geht, nur der Vor­be­rei­tung der Mit­tei­lung, daß Kri­sen nichts Unge­wöhn­li­ches sind, daß die aktu­elle schon län­ger dau­ert und die Kapi­ta­lis­ten, die Schweine, sich auf Kos­ten der Lohn­ab­hän­gi­gen sanieren.

2. „Sach­zwang­ideo­lo­gien bestrei­ten und Schul­dige benennen!“

Eber­mann und Tram­pert haben deut­lich gemacht, daß sie das ideo­lo­gi­sche Argu­ment „Krise“ nicht lei­den kön­nen; zurück­ge­wie­sen haben sie es durch eine ten­den­zi­elle Leug­nung des Phä­no­mens. Das­selbe Ver­fah­ren wie­der­ho­len sie an der ande­ren Neu­ig­keit, die aus der Welt des Kapi­tals ver­mel­det wird, um die Unmög­lich­keit oder Über­holt­heit des Klas­sen­kampfs zu bewei­sen, der These von der „Glo­ba­li­sie­rung“. Sie wis­sen um die ideo­lo­gi­sche Funk­tion der Stand­ort­de­batte, nach der die Natio­nal­staa­ten immer weni­ger selbst bestim­men könn­ten, weil sie ihre ganze innere Aus­stat­tung – Löhne, Sozi­al­sys­teme, Steu­ern etc. – den Ansprü­chen inter­na­tio­na­ler Anle­ger gemäß machen müß­ten. Mit der Kon­kur­renz der Natio­nen um Kapi­tal­an­lage befas­sen sich die bei­den aus­schließ­lich unter der Vor­gabe, den „glo­ba­li­sie­ren­den Unsinn“ zu ent­kräf­ten; beson­ders natür­lich Kurz’ Radi­ka­li­sie­rung davon, die den Staat „ent­wirk­licht“ sieht. Ihre Urteils­bil­dung über den heu­ti­gen Impe­ria­lis­mus fin­det nur wegen und gegen Kurz und Kon­sor­ten statt und folgt dem Auf­trag, Gegen­be­haup­tun­gen gegen das „Stand­ort­ar­gu­ment“ zu pro­du­zie­ren. Sie wis­sen nicht, daß man Argu­mente nicht durch ein Deu­ten auf Fak­ten wider­le­gen kann, und kon­tern die fal­schen Theo­rien ihrer Geg­ner durch eigene Falsch­mel­dun­gen aus der Wirk­lich­keit. Die „Argu­mente“ suchen sie sich nach der Leis­tung her­aus, die sie für die­sen Zweck zu leis­ten ver­spre­chen. Ob sie unter­ein­an­der zusam­men­pas­sen, ist zweitrangig.

Damit die „Glo­bal­theo­re­ti­ker“ nicht Recht behal­ten, bestrei­ten die Ham­bur­ger an einer Stelle ein­fach die All­ge­mein­heit der heu­ti­gen Stand­ort­kon­kur­renz. „Kapi­ta­lis­ti­sche Staa­ten haben kein prin­zi­pi­el­les Inter­esse daran, aus dem ‚rei­ßen­den Strom‘ (des den Welt­markt bevöl­kern­den Kapi­tals) Kapi­tal für ihr Land abzu­zie­hen.“, weil sie dann auch Gewinn­trans­fer ins Aus­land zulas­sen müß­ten. Doch, die­ses Inter­esse haben Natio­nen! Es bleibt ihnen gar nichts ande­res übrig, als um ihren natio­na­len Anteil am Welt­ge­schäft dadurch zu kon­kur­rie­ren, daß sie ihren Stand­ort für inter­na­tio­na­les Kapi­tal attrak­tiv machen. Sie müs­sen dann eben ers­tens dar­auf ach­ten, viel Pro­duk­tion im Inland zu kon­zen­trie­ren und zwei­tens eine posi­tive Bilanz trans­fe­rier­ter und aus dem Aus­land ein­ge­hen­der Gewinne der ein­hei­mi­schen Mul­tis zu erwirt­schaf­ten. Im nächs­ten Moment taugt ihnen ein dem ers­ten wider­spre­chen­des Argu­ment, das in der Sache den Stand­ort­ver­gleich der Mul­tis unter­stellt, aber die Gefahr halb so schlimm erschei­nen läßt. Wenn es gar nicht mehr um die Erklä­rung der welt­wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, son­dern nur mehr um eine Gegen­po­si­tion zur „Stand­ort­ideo­lo­gie“ zu tun ist, dann „leis­tet“ das zweite Argu­ment das­selbe wie das erste.

„Unbe­strit­ten üben Kapi­tal– und Waren­ver­kehr einen Zwang auf Natio­nal­staa­ten aus. … Viele indus­tri­elle und dienst­leis­tende Kern­be­rei­che sind aller­dings so orts­ge­bun­den wie die chi­ne­si­sche Mauer.… Das Aus­maß, in dem Pro­duk­ti­ons­stät­ten mit ihrem Drum­herum räum­lich gebun­den sind, ent­larvt das Stand­ort­ar­gu­ment der Kapi­tal­ver­bände als Pro­pa­ganda, die nur noch von den lin­ken Glo­bal­theo­re­ti­kern über­trof­fen wird.“ (S.72f)

Ganz stoff­lich genom­men, soll also das Kapi­tal nicht so mobil sein, wie die Angst­ma­cher sug­ge­rie­ren. Als ob Kapi­ta­lis­ten nicht stets mit bei­dem befaßt wären; mit der Bewäh­rung der Fabri­ken, die sie schon haben und die tat­säch­lich nicht mobil sind, und mit der zusätz­li­chen Anlage von neuem Kapi­tal, das in Geld­form aller­dings sehr leicht über Gren­zen zu bewe­gen ist. Aber was nüt­zen sol­che Unter­schei­dun­gen Leu­ten, die absicht­lich ten­den­ziös argu­men­tie­ren? Mit ein paar Behaup­tun­gen des Gegen­teils vom Gegen­teil machen sie die Befas­sung mit dem Impe­ria­lis­mus zum mora­li­schen Gefecht:

„Die Behaup­tung, die mäch­ti­gen Staa­ten und die von ihnen aus­ge­plün­der­ten armen Län­der wür­den sich unter der Welt­herr­schaft des Gel­des glei­cher­ma­ßen auf­lö­sen bzw. sich anein­an­der anpas­sen, kommt einem his­to­ri­schen Frei­spruch des Impe­ria­lis­mus gleich. … Aus den Tätern Opfer einer alle in Mit­lei­den­schaft zie­hen­den glo­ba­len Ent­wick­lung zu machen, ist aller­dings Aus­druck eines Zeit­geis­tes, der auch linke Theo­re­ti­ker dazu ver­an­laßt, sich nur noch darum zu sor­gen, ob das Kre­dit­sys­tem der Rei­chen auch sicher genug ist oder womög­lich das hie­sige Ban­ken­sys­tem vor einem Zusam­men­bruch steht. Indem unter der Beschwö­rung der Glo­ba­li­tät alles gleich wird, beer­digt die neue Theo­rie die auf Natio­nal­staa­ten beru­hende impe­ria­lis­ti­sche Wirk­lich­keit. … Alles im Lande folgt – heißt es dies­mal von links – einem frem­den Zwang. Statt deut­sche Regie­run­gen, Insti­tu­tio­nen und gesell­schaft­li­che Grup­pen für das von ihnen zu ver­ant­wor­tende Übel auch ver­ant­wort­lich zu machen, wird der Kne­bel ‚Finanz­markt‘ oder irgend etwas ande­res Frem­des beschwo­ren, das in sei­ner Glo­ba­li­tät bedroh­lich genug erscheint.“ (S.86)

Ein his­to­ri­scher Frei­spruch liegt gar nicht vor! Die Ham­bur­ger hören von vorn­her­ein nur die ideo­lo­gi­sche Funk­tion her­aus, die sie in Kurz’ Befunde hin­ein­le­sen. Sie wei­sen eine Ent­schul­di­gung der Impe­ria­lis­ten und eine par­tei­li­che Sorge um den Bestand des Ban­ken­sys­tems zurück, wo Kurz froh­lo­ckend den Unter­gang bei­der weis­sagt. Kurz’ Unsinn, in die „Ent­sub­jek­ti­vie­rung“ auch die Staa­ten ein­zu­be­zie­hen, um das „feti­schis­ti­sche Welt­ver­hält­nis“ immer rei­ner nach sei­nen eige­nen Geset­zen funk­tio­nie­ren und daran zugrunde gehen zu las­sen, liegt auf einem ganz ande­ren Feld als dort, wo die Ham­bur­ger ihn beim Ent­schul­di­gen ertap­pen wol­len. Ihr mora­li­sches Bedürf­nis, Täter und Schul­dige ver­ant­wort­lich zu machen, läßt ihnen alle Theo­rie als Stel­lung­nahme zu ihrem Thema erscheinen.

Ihre Kri­tik besteht darin, den Ver­ant­wort­li­chen die Maske des Bie­der­manns vom Gesicht zu rei­ßen. Sach­ge­setze der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion ent­lar­ven sie als Ent­schul­di­gungs­ideo­lo­gien und lösen sie in bösen Wil­len auf. Aus­beu­tung bewei­sen sie, indem sie Zeu­gen und Zeug­nisse des Aus­beu­tungs­wil­lens prä­sen­tie­ren. Sie füh­ren Kapi­ta­lis­ten vor, die das gewünschte Geständ­nis able­gen: Tyll Necker hat gesagt, man müsse die Krise nut­zen, weil die Men­schen bei 4 Mil­lio­nen Arbeits­lo­sen reif seien für Lohn­sen­kung und die Demon­tage des Sozi­al­staats. Inso­weit Necker bekennt, daß er die Arbei­ter­klasse ver­ar­men will, glau­ben die Auto­ren ihrem Zeu­gen jedes Wort. Es ist übri­gens keine Kunst, Zeug­nisse die­ser Art aus­fin­dig zu machen, sie ste­hen in jeder Zei­tung. Umge­kehrt wäre es eigen­ar­tig, daß die Absen­kung von Lohn, Rente etc. denen unbe­kannt sein sollte, die dies orga­ni­sie­ren. Sobald der glaub­wür­dige Zeuge seine Refor­men jedoch mit der bedau­er­li­chen aber unab­weis­ba­ren Not­wen­dig­keit begrün­det, Pro­duk­tion am Stand­ort Deutsch­land zu hal­ten und neue Kapi­tal­an­lage ins Land zu holen, glau­ben die bei­den ihm kein Wort mehr. Der Sach­zwang ist bei ihnen ein angeb­li­cher, eine leere Dro­hung, die sich in nichts auf­löst, wenn die damit bedroh­ten Beleg­schaf­ten sich nicht bange machen las­sen: Ihr braucht euch nicht erpres­sen zu las­sen, so leicht hauen die schon nicht ab! Und wenn doch? Müs­sen sich die Beschäf­tig­ten dann erpres­sen las­sen? Wer nie auf die Idee kommt, Sach­zwänge zu kri­ti­sie­ren, son­dern den Arbei­tern Hand­lungs­frei­heit zusi­chert, indem er die Zwänge leug­net, steht in die­sem Dilemma. Sach­zwänge abzu­strei­ten, ist nur die andere Seite davon, daß man sie respek­tiert. Die Gewerk­schaf­ten z.B. sind stän­dig bemüht, die Grenze zwi­schen der Unter­neh­mer­pro­pa­ganda, die sie nicht glau­ben müs­sen, und dem ech­ten Sach­zwang zu ermit­teln, dem sie um so stren­ger gehor­chen. Dabei gibt Tyll Necker so schön Aus­kunft dar­über, was ein Sach­zwang ist – und warum die Beleg­schaf­ten, die mit ihm kon­fron­tiert wer­den, nicht in Geläch­ter aus­bre­chen: Wer ist es denn, der aus Deutsch­land weg­zu­ge­hen oder gar nicht erst zu kom­men droht? Genau die Kapi­ta­lis­ten, deren Spre­cher der Herr Necker ist. Er beruft sich auf sein Inter­esse und sein Recht, Kapi­tal dort anzu­le­gen, wo es am meis­ten abwirft, und er ver­spricht im Namen aller ein­hei­mi­schen und inter­na­tio­na­len Klas­sen­brü­der, daß sie die­ses Recht in ihrem Inter­esse aus­üben wer­den. Die All­ge­mein­heit und Gül­tig­keit die­ses Inter­es­ses, das allen ande­ren Inter­es­sen in der Gesell­schaft vor­aus­ge­setzt ist, ist der Zwang, den es aus­übt. Necker heu­chelt, wenn er den Sach­zwang vom Inter­esse der Kapi­ta­lis­ten abtrennt und behaup­tet, sie müß­ten lei­der einem Zwang gehor­chen, der doch nur aus der kon­kur­rie­ren­den Betä­ti­gung ihres Inter­es­ses ent­springt. Durch ihre Kon­kur­renz wer­den die Erfolgs­wege ihres Inter­es­ses aller­dings zur Not­wen­dig­keit, nicht nur gegen­über dem Rest der Gesell­schaft, son­dern auch für den Kapitalisten.

Der Irr­tum der Arbei­ter, die sich Sach­zwänge ein­leuch­ten las­sen, besteht nicht darin, daß es diese Zwänge etwa nicht gäbe. Der Feh­ler ihres Respekts besteht darin, daß sie die Zwänge der Kon­kur­renz als Gesetze aner­ken­nen, die aus der Natur des Pro­du­zie­rens und Ver­tei­lens über­haupt fol­gen, und nicht als Zwänge erken­nen, die zu ihrer pro­le­ta­ri­schen Ein­kom­mens­quelle gehö­ren; Zwänge, in denen sich bemerk­bar macht, daß der objek­tive Zweck der Lohn­ar­beit – Mehr­wert – sich nicht ver­trägt mit dem sub­jek­ti­ven Zweck – dem Lebens­un­ter­halt –, für den Arbei­ter arbei­ten gehen. Not­wen­dig­kei­ten gibt es in die­sem Sys­tem jede Menge, – aber als Zweck des Pro­du­zie­rens über­haupt ist die Pro­fit­ma­che­rei gar nicht not­wen­dig. Die Not­wen­dig­kei­ten der Pro­fit­pro­duk­tion als Kon­se­quen­zen eines feind­li­chen, im Kapi­ta­lis­mus gül­ti­gen Inter­es­ses zu erken­nen, das die Unter­ord­nung der Arbei­ter­in­ter­es­sen ver­langt, aber nicht ver­dient, ist der erste Schritt der Befrei­ung aus dem Lohn­sys­tem. Dann erst wür­den die Her­ren Arbei­ter begrei­fen, unter wel­chen Zwang sie wirk­lich gestellt sind – es ist nicht die Raff­gier oder Unfä­hig­keit eines Vor­ge­setz­ten; es sind nicht die Sach­ge­setze „des Wirt­schaf­tens“, son­dern es ist die Macht des Eigen­tums, für des­sen Ver­meh­rung die Gesell­schaft so per­fekt funk­tio­na­li­siert ist, daß die Wahn­wi­ti­zig­kei­ten ihrer Öko­no­mie wie ein zweck­ra­tio­na­les, unper­sön­li­ches Sys­tem aus­se­hen.[3] Gegen diese Not­wen­dig­kei­ten des Kapi­ta­lis­mus müs­sen Arbei­ter, die auf ihrem Inter­esse beste­hen, ver­sto­ßen – im Bewußt­sein der Konsequenzen.

„Ein dra­ma­ti­scher Ver­fall von Massenbewußtsein“

Eber­mann und Tram­pert wol­len die Ver­wand­lung des Mar­xis­mus in Phi­lo­so­phie nicht mit­ma­chen. Die Ver­ge­heim­nis­sung der kapi­ta­lis­ti­schen Welt in ein unmerk­li­ches, aber tota­les Ver­häng­nis, in das alle bür­ger­li­chen Men­schen in glei­cher Weise ver­strickt sind, gilt ihnen als irra­tio­na­ler Quark. Ihre Kri­tik daran besteht in der Behaup­tung des Gegen­teils. Der sub­jekt­lo­sen Welt der Unbe­wußt­heit set­zen sie ihr Bild der Offen­sicht­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus ent­ge­gen: Täter und Opfer lie­gen auf der Hand. Täu­schung ist bei den einen wie den ande­ren aus­ge­schlos­sen. Die Aus­beu­ter geste­hen die Aus­beu­tung; die Ideo­lo­gien, mit denen sie ihre Inter­es­sen ver­schlei­ern, braucht man ihnen nur nicht zu glau­ben. Noch nicht ein­mal beim uni­ver­sel­len Unter­ord­nungs­ar­gu­ment der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, dem Sach­zwang, ent­de­cken sie Auf­klä­rungs­be­darf und einen Irr­tum derer, die es aner­ken­nen und sich beu­gen. Wo alles offen zu Tage liegt und fal­sches Bewußt­sein kei­nen Platz hat, da wird Kri­tik und ihre prak­ti­sche Kon­se­quenz, die Revo­lu­tion, zu einer Frage der auf­rech­ten Maß­stäbe und ihrer kon­se­quen­ten Anwen­dung. Bei­des vor­zu­füh­ren und damit auf­zu­rüt­teln, ist ihr Ver­ständ­nis von Agitation.

Sie deu­ten auf das Schlechte, damit es sich ent­larvt. Weil es an der Kennt­nis der Fak­ten aber gar nicht fehlt, hel­fen sie der Ent­lar­vung ein biß­chen nach und fügen dem Deu­ten das Umdeu­ten hinzu. So rea­gie­ren sie dar­auf, daß sich diese Welt an den Maß­stä­ben der gang und gäben Moral eben nicht über­zeu­gend und ver­nich­tend bla­miert. Also heißt es stei­gern: Viel­leicht muß man das Böse noch deut­li­cher her­aus­stel­len, viel­leicht den Gesichts­punkt von Mensch­lich­keit und Soli­da­ri­tät noch nach­drück­li­cher in Erin­ne­rung brin­gen? Damit das Urteil der vor­han­de­nen Moral zu dem Schluß kommt, den sie for­dern, ist Über­trei­bung das beste Argument:

– Der öko­no­mi­sche Ver­kehr zwi­schen der ers­ten und der Drit­ten Welt heißt bei ihnen grund­sätz­lich nicht Tausch, son­dern Raub – es han­delt sich also um eine Form der Aneig­nung, die vom bür­ger­li­chen Gesetz­buch ver­bo­ten wird. Daß der Aus­tausch von Wer­t­äqui­va­len­ten die Härte ist, die den Welt­markt in sol­che und sol­che Natio­nen schei­det, ist ihnen mora­lisch nicht ein­deu­tig genug.

– An der Über­be­völ­ke­rung – den auch in Deutsch­land fürs Kapi­tal nicht nutz­ba­ren Men­schen, die eine Last dar­stel­len – wird ihnen klar: Die Über­zäh­li­gen umzu­brin­gen, ist das Sanie­rungs­mit­tel der Wahl. Sogleich erken­nen sie Ren­ten­sen­kung, Obdach­lo­sig­keit und Arbeits­hetze als Maß­nah­men einer Ausrottungspolitik.

„Die Hilf­lo­sig­keit der Armen drückt ihre Ahnung aus: Das Sinn­vollste, was sie für das Gemein­we­sen tun könn­ten, wäre ihr kol­lek­ti­ver Selbst­mord.“ (S.42)

Es wäre nicht schwie­rig, die wirk­li­chen Gründe der erwähn­ten Här­ten her­aus­zu­fin­den: Ren­ten­sen­kung hat den Zweck, die Ren­ten­kasse zu sanie­ren und die Kapi­tale von Lohn­ne­ben­kos­ten zu ent­las­ten; die Alten müs­sen nicht gleich ster­ben, son­dern mit weni­ger aus­kom­men. Obdach­lo­sig­keit hat gar nichts Fina­les an sich, son­dern ist das zyni­sche Resul­tat von Ver­hält­nis­sen, in denen das grund­sätz­lichste Lebens­be­dürf­nis nur über Geld zu regeln ist. Arbeits­hetze dage­gen ist final – sie zielt dar­auf, pro bezahlte Arbeits­stunde mehr Leis­tung aus den Beschäf­tig­ten her­aus­zu­ho­len, aber nicht auf deren Besei­ti­gung. Der nor­male Zynis­mus die­ser Gesell­schaft genügt den bei­den Auto­ren nicht, um zu der Sorte Ver­ur­tei­lung zu kom­men, die sie anpei­len. Der Schutz des Lebens hat Ver­fas­sungs­rang, der Lohn nicht. Des­halb brau­chen die Anklä­ger ihre agi­ta­to­ri­sche Über­trei­bung und neh­men sie für bare Münze. Wenn Mord wirt­schaft­lich gebo­ten ist, steht das Urteil fest: menschenfeindlich!

Die bei­den, die zu ande­rer Gele­gen­heit auch mal über den modi­schen „Gut­men­schen“ spot­ten konn­ten, ent­glei­sen mora­lisch. Um ihrer Bot­schaft wil­len lie­fern sie ein flam­men­des Bekennt­nis zur Prä­am­bel des Grund­ge­set­zes ab und exkom­mu­ni­zie­ren andere aus der Gemeinde der lin­ken Gutmenschen:

„In dem gemein­sa­men Wunsch, ein­an­der zu hel­fen und zu schüt­zen, Men­schen nicht ihrer Her­kunft und ihres Geschlechts wegen zu min­der­wer­ti­gen Sub­jek­ten zu machen, steckt mehr Kom­mu­nis­mus als im sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Geschwätz.“ (S.99).

An die­sem Wunsch aber fehlt es! Wenn alles auf der Hand liegt, wenn die Behand­lung der Unter­ge­be­nen den beschei­dens­ten Ansprü­chen der Men­schen­würde ins Gesicht schlägt – dann müs­sen die Mas­sen doch den Schluß zie­hen, den Tram­pert und Eber­mann ihnen vor­ge­führt haben. Müß­ten! Weil der mora­lisch und mensch­lich gebo­tene Auf­stand aus­bleibt, kippt ihre Zurück­wei­sung von Kurz’ Entfremdungs-​Philosophie um und gerät zu einem, dem sei­nen gar nicht unähn­li­chen Bild vom ver­dor­be­nen Men­schen. Nach ein paar öko­no­mi­schen Kapi­teln zur Ein­lei­tung wid­men sie den weit­aus grö­ße­ren Teil ihres Buches der Dar­stel­lung des Men­schen, der das Sys­tem nicht umstürzt, obwohl ihm doch alles klar sein müßte. Mit einem Men­schen­bild erklä­ren diese Leute, die an den offen­sicht­li­chen Bedarf nach Revo­lu­tion glau­ben, ihr Aus­blei­ben zu einer Not­wen­dig­keit. Es gibt die mensch­li­chen Men­schen nicht mehr, die das Werk zu ver­rich­ten hät­ten: Die Arbei­ter haben „Klas­sen­be­wußt­sein und Per­sön­lich­keit ver­lo­ren.“ (S.35)

„Alte soziale Klas­sen­kol­lek­tive haben sich auf­ge­löst. … Es scheint, daß der mar­xis­ti­sche Ver­such, im ent­wi­ckel­ten Kapi­ta­lis­mus ein revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt aus des­sen sozi­al­öko­no­mi­scher Stel­lung abzu­lei­ten, wenn nicht end­gül­tig, so zumin­dest auf abseh­bare Zeit geschei­tert ist. Natür­lich haben sich die Klas­sen­ge­sell­schaf­ten des­halb nicht etwa in Luft auf­ge­löst, im Gegen­teil: Die Ursa­che für das Ver­schwin­den eines Klas­sen­be­wußt­seins liegt gerade in deren Ver­fes­ti­gung durch die gelun­gene Iden­ti­fi­ka­tion der Aus­ge­beu­te­ten mit dem Betriebs­zweck und den markt­mä­ßi­gen Funk­tio­nen, die ihnen rund um die Uhr zuge­wie­sen sind.“ (S.109)

Ein „der­art fort­ge­schrit­te­nes Sta­dium der Auf­lö­sung des Klas­sen­be­wußt­seins“ kön­nen sich die Auto­ren nur dadurch erklä­ren, daß es den Leu­ten zu gut geht: In der

„lan­gen Pros­pe­ri­tät nach dem Zwei­ten Welt­krieg … flo­gen dem Pro­le­ta­riat mas­sen­haft Waren um die Ohren. … Der Kapi­ta­lis­mus hatte das Pro­le­ta­riat am Geld schnup­pern las­sen. … Rei­sen … sozia­ler Auf­stieg … die Bekannt­schaft mit Ren­ten­pa­pie­ren und Aktien … das Umworben-​Werden als Kon­su­men­ten erschie­nen den Bewußt­lo­sen als Zei­chen ihrer Frei­heit und Aner­ken­nung.“ (S.110 – 117)

Das­selbe Sys­tem, dem sie vor­her blan­ken Mord aus Pro­fit­grün­den nach­sag­ten, hat nun das Ver­bre­chen began­gen, die Aus­ge­beu­te­ten so lange mit Glücks­gü­tern zu beste­chen, daß sie über ihre Aus­beu­tung hin­weg­se­hen. Die Ham­bur­ger Mora­lis­ten las­sen den Wider­spruch der ural­ten Beste­chungs­theo­rie wie­der auf­le­ben, die einer­seits „ver­ste­hen“ kann, daß sich Arbei­ter wegen vor­wie­gend guter Erfah­run­gen mit dem Sys­tem der Aus­beu­tung iden­ti­fi­zie­ren, die sie nicht mehr mer­ken. Ande­rer­seits aber will sie ihnen doch nicht den Vor­wurf erspa­ren, sich ihre natür­li­che Bestim­mung zur Revo­lu­tion für ein paar Sil­ber­linge abkau­fen zu lassen.

Weil ihre Auf­gabe bleibt und die Besto­che­nen sich ihr nur ver­wei­gern, muß den Inte­grier­ten dann doch Bewußt­lo­sig­keit, Blind­heit und Per­ver­sion nach­ge­sagt wer­den. Aus der Abwe­sen­heit des Klas­sen­be­wußt­seins, das sich gehö­ren würde, kon­stru­ie­ren sich die Auto­ren den schlech­ten Cha­rak­ter, dem all das genau ent­spricht, was sie verabscheuen:

„In der post­mo­der­nen Blöd­welt dringt fast nichts mehr so ins Bewußt­sein, wie es wirk­lich ist. Das Unter­neh­mens­ziel zu errei­chen, wird von den Unfreien längst nicht mehr als Anstren­gung ver­stan­den, der man sich tun­lichst ent­zie­hen sollte, son­dern genauso als Chance zur Selbst­ver­wirk­li­chung wie das getrie­bene Dasein in der freien Zeit, des­sen Streß dem des Berufs­all­tags immer ähn­li­cher wird.“ (S.110)

Dank ihrer Schub­la­den – revo­lu­tio­nä­res oder nicht revo­lu­tio­nä­res Bewußt­sein – kön­nen sie ein­fach nichts nor­mal dar­stel­len. Wann war je die Erfül­lung des Arbeits­auf­trags, für den der Arbei­ter sein Geld kriegt, eine Anstren­gung, der er sich tun­lichst ent­zieht? Und heute soll das­selbe gleich die Selbst­ver­wirk­li­chung sein, als die Moti­va­ti­ons­psy­cho­lo­gen die Ableis­tung der Arbeit gerne genom­men sähen? Als Bei­trag zu einer Cha­rak­te­ro­lo­gie des moder­nen Blöd­men­schen, der sich voll mit dem iden­ti­fi­ziert, was ihm feind­lich ent­ge­gen­steht, taugt der Ver­riß ebenso gut wie die ande­ren inter­es­san­ten Befunde über die­sen Kerl: Arbeit ist sein Leben, er kann gar nicht mehr auf­hö­ren damit; er bil­det die Frei­zeit durch Akti­vi­tät und die Angst, nichts zu ver­säu­men, nach Kräf­ten dem Streß der Arbeits­zeit nach; er ist ein auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter, der sich nur unterm Kom­mando oder im Ein­klang mit dem Geschmacks­ur­teil von Mil­lio­nen wohl fühlt usw.

Mit der Kari­ka­tur moder­ner Frei­zeit­ge­stal­tung beschrei­ten die Revo­lu­tio­näre das Feld der Kul­tur­kri­tik. Wie Gene­ra­tio­nen eli­tä­rer Kri­ti­ker des Mas­sen­ge­schmacks vor ihnen, machen sie den Leu­ten ihren Zeit­ver­treib madig. Wo es um nichts geht – um Unter­hal­tung eben –, spie­len sie die stren­gen Rich­ter und wer­fen den Mas­sen vor, sie lie­ßen sich falsch unter­hal­ten. Ihrem Lei­den an dem für die Revo­lu­tion untaug­li­chen Men­schen­schlag fügen sie nun die andere Seite der Moral hinzu: ihren Lohn. Der Genuß, nicht so zu sein wie diese, stellt sich beim Aus­ma­len der Arsch­lö­cher, die Frei­zeit­parks, Bodybuilding-​Studios und Techno-​Parties bevöl­kern, ganz von sel­ber ein. Daß dies einer ent­wi­ckel­ten Indi­vi­dua­li­tät unwür­dige Beschäf­ti­gun­gen sind, leuch­tet Leu­ten sofort ein, die gerne mal ein gutes Buch lesen, außer den Sto­nes auch Miles Davis hören, ihr Bier mit Dis­kus­sion in ver­rauch­ten Buden trin­ken und Trimm-​Dich auf den unent­gelt­li­chen öffent­li­chen Par­cours abwickeln.

„Der Ver­lust jeder gesell­schafts­po­li­ti­schen Uto­pie rückte den eige­nen Kör­per in den Mit­tel­punkt des Daseins. Die ganze Tra­gik, die darin liegt, daß die nar­zis­ti­sche Aus­prä­gung des Arsches das Den­ken und Han­deln absor­biert…“ (S.131),

müs­sen unsere Ham­bur­ger Lebens­künst­ler nicht erlei­den, die sich auf dem Deckel ihres Buches sport­lich prä­sen­tie­ren. Sie haben ihre Uto­pie ja noch. Gegen den Ver­lust der rich­ti­gen Werte und des kor­rek­ten auto­no­men Selbst­ver­ständ­nis­ses, set­zen die Auto­ren das Vor­bild ihrer Werte: ech­ten Genuß, wirk­li­che Ent­span­nung, tiefe Ruhe und Müßiggang.

Die übri­gen Ergeb­nisse der Erkun­dung der mensch­li­chen Abgründe sind schnell zusam­men­ge­faßt: Nach der Frei­zeit der Mas­sen wen­det sich das Buch dem Thema Natio­na­lis­mus zu. Da wird „der Deut­sche“ meh­rere hun­dert Sei­ten lang an den Pran­ger gestellt. Mit ihrem Wust von Zeug­nis­sen deut­scher Ver­werf­lich­keit, durch die Jahr­hun­derte gesam­melt und zum Bestand einer ver­ach­ten­den Tra­di­tion addiert, die den heu­ti­gen Lohn­ar­bei­ter prägt und ihn so unbrauch­bar für revo­lu­tio­näre Bemü­hun­gen macht, sind sie dann auch beim eigent­li­chen Gegen­stand ihres Buches gelan­det. Das biß­chen Rade­bre­chen über Öko­no­mie und Aus­beu­tung wird als Zutat kennt­lich; es figu­riert als Beweis dafür, daß ihnen bei allem Abscheu vor der ver­geig­ten – ins­be­son­dere deut­schen – Mensch­heit auch noch die Ver­hält­nisse zuwi­der sind. Oder anders­herum: Der aktu­el­len Mode ent­täusch­ter Lin­ker, „den Deut­schen“ als einen ganz und gar ver­ach­tens­wer­ten, unheil­bar schlech­ten Volkscha­rak­ter zu iden­ti­fi­zie­ren, ver­lei­hen sie mit ihren Fin­ger­zei­gen auf die Aus­beu­tungs­in­ter­es­sen, denen sich das Volk ein­fach nicht wider­setzt, den Schein einer objek­ti­ven, öko­no­mi­schen Begründung.

III. Wie sich die Bil­der glei­chen … Die Absage an das unbrauch­bare revo­lu­tio­näre Subjekt

Die dem Anschein und ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach so ent­ge­gen­ge­setz­ten Ver­tre­ter lin­ker Rich­tun­gen kom­men zu einem über­ein­stim­men­den Resul­tat: zum Bild eines ver­korks­ten, sich selbst ver­feh­len­den, für Ver­nunft­un­ter­neh­mun­gen untaug­li­chen Men­schen­ge­schlechts. Ihr Mar­xis­mus, d.h. ihre Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit oder Ver­nunft, taugt bei­den gerade noch zu der Erkennt­nis, daß die Men­schen nicht so ver­nünf­tig sind wie sie. Kein Wun­der, die ver­fein­de­ten Stand­punkte machen den­sel­ben Feh­ler, wenn sie von ver­schie­de­nen Extre­men her die Dif­fe­renz til­gen zwi­schen dem, was die Leute wol­len, zu dem, wofür sie sich damit her­ge­ben und was sie sich gefal­len las­sen müs­sen. Beide Sei­ten lan­den bei einer not­wen­di­gen Zustim­mung der Aus­ge­beu­te­ten zu ihrer Aus­beu­tung. Die einen, weil sie die Arbei­ter ohne­hin nur als unbe­wußte Cha­rak­ter­mas­ken, ja als Geschöpfe des Kapi­tals gel­ten las­sen, deren unver­schul­de­tem Ego­is­mus der Tanz ums gol­dene Kalb gerade recht ist. Die ande­ren, weil sie Aus­beu­tung und Unter­wer­fung als offen­sicht­li­che Tat­sa­che bespre­chen und sich dann den kor­rum­pier­ten, arbeits­gei­len, auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter dazu bas­teln, der genau danach verlangt.

Ihr bemüh­ter Beweis der not­wen­di­gen Iden­ti­tät der Leute mit den kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nisse ist das Bekennt­nis, daß bei ihnen kein theo­re­ti­sches Miß­ver­ständ­nis von Marx vor­liegt, son­dern daß sich Anhän­ger des revo­lu­tio­nä­ren Auto­ma­tis­mus, die sie immer waren, nun umge­kehrt auf den Weg machen. Es inter­es­siert sie nicht, daß Arbei­ter revo­lu­tio­när oder brav, natio­na­lis­tisch oder christ­lich sind, je nach­dem, wie sie sich ihre schlech­ten Erfah­run­gen erklä­ren. Kri­tik, d.h. Streit mit dem ver­ehr­ten revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekt, das nicht die Schlüsse zieht, die sie gezo­gen sehen wol­len, ist ihnen fremd. Jah­re­lang haben sie die­ses Sub­jekt gesucht, als ob es irgendwo zu fin­den wäre; woll­ten sich mit ihm ver­bün­den, sich an die Spitze sei­ner Bewe­gung stel­len – wenn es sich nur gemel­det hätte. Da es sich aber nicht von selbst mel­det, rächen sich seine ent­täusch­ten Lieb­ha­ber an ihm und zeich­nen ein gro­tes­kes Bild des sich selbst ent­frem­de­ten, herz– und kul­tur­lo­sen Men­schen, das ihre Absage an das für seine Bestim­mung untaug­li­che revo­lu­tio­näre Sub­jekt ins Recht setzt. Sie geben nicht auf und belas­sen es nicht bei einem: Dann eben nicht! Sie hal­ten an ihrer Idee, daß die Arbei­ter Revo­lu­tion zu machen hät­ten und auch machen wür­den, wenn sie mensch­lich halb­wegs intakt wären, fest mit Hilfe ihres Bil­des von einem total ver­fehl­ten Men­schen. Ein paar pro­le­ta­ri­sche Irr­tü­mer über die Wirt­schaft und die eigene Rolle in ihr wür­den eben auch nicht den Beweis lie­fern, daß es ein für alle­mal unmög­lich ist, die Arbei­ter gegen das Kapi­tal auf­zu­brin­gen. Wenn sie zusam­men­fas­send ihr Anlie­gen aus­drü­cken, for­mu­lie­ren sie den aus­weg­lo­sen Zir­kel, daß die Leute vor­weg schon eine andere Gesell­schaft im Kopf haben müß­ten, um auf Ein­wände gegen die jet­zige zu ver­fal­len. Die Ham­bur­ger hal­ten es mit Ador­nos Far­ben­lehre – man müsse schon die Vor­stel­lung ande­rer Far­ben haben, um über das Grau zu ver­zwei­feln –; Kurz warnt vor Gegen­wehr gegen die Sen­kung der Löhne, weil die Leute nur Löhne und nicht „eine neue Sys­tem­über­win­dung“ wollen:

„In die­selbe Falle der his­to­ri­schen Ziel­lo­sig­keit wür­den spon­tane Mas­sen­ak­tio­nen für den Erhalt der sozia­len Gra­ti­fi­ka­tio­nen lau­fen, auf die man­che radi­kale Linke hof­fen … Aber auch im High-​tech-​Zeitalter gilt, daß der Knüp­pel nicht klü­ger sein kann als der­je­nige, der ihn schwingt. Ohne eine neue Idee der Sys­tem­über­win­dung als Fer­ment sozia­ler Bewe­gun­gen wird es nur noch Stroh­feuer der hoff­nungs­lo­sen Gegen­wehr geben.“ (Kurz, Kon­kret 11/​96, S.37)

Der hef­tige Streit bei­der Lager defi­niert Links­sein heute: Sagt die eine Seite, die Arbei­ter seien Opfer, beschimpft sie die andere als „ver­stockte Arbeiterbewegungs-​Marxisten“, die nicht kapiert haben, daß, wer Wert und Geld kri­ti­siert, sich mit Arbei­tern nicht ein­las­sen darf. Die ande­ren kon­tern: Wer das Kapi­tal ein „Fetisch­ver­hält­nis unter Ein­schluß aller Betei­lig­ten“ nennt, ist ein klein­bür­ger­li­cher Klas­sen­ver­söhn­ler. Den alten kapi­ta­lis­ti­schen Feind gebe es doch noch – nur die alten Freunde seien ver­schwun­den. Natür­lich dür­fen anstän­dige Linke ein „Bünd­nis mit dem heu­ti­gen Pro­le­ta­riat samt all sei­ner häß­li­chen Sei­ten“ nicht mehr ein­ge­hen, seit­dem Deut­sche Aus­län­der angrei­fen. Wenn die Kurz-​Fraktion dann Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus als „Erschei­nungs­for­men des Werts dechif­frie­ren“, erträn­ken sie die beson­dere Unart des Deutsch­tums im Wert­be­griff … und so fort. Lau­ter Unsinn auf bei­den Sei­ten und wind­schiefe Ent­geg­nun­gen, die nichts kri­ti­sie­ren, son­dern dem ande­ren Lager Anbie­de­rei an die für Linke unbrauch­ba­ren Nor­mal­men­schen vor­rech­nen. Sie rich­ten unter sich einen Radikalismus-​Wettbewerb aus um das schärfste Ver­dam­mungs­ur­teil gegen­über dem Revolutions-​faulen Pro­le­ten. Wie sich frü­her der radi­kalste Linke daran bewies, daß er den Kapi­ta­lis­ten und Impe­ria­lis­ten noch Schlech­te­res zuge­traut hat als sein Neben­mann, so bewei­sen ent­täuschte Linke heute ihren Radi­ka­lis­mus im Abscheu vor dem Pro­le­ta­riat: Das will seine Ver­hält­nisse, also hat es sie auch ver­dient.[4]

Der Schrei­ber des Leser­briefs hat die ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tun­gen übri­gens glei­cher­ma­ßen anre­gend gefun­den und uns zum Umden­ken ans Herz gelegt. Er hat die Gemein­sam­keit der feind­li­chen Par­teien bemerkt und sie darin loh­nend gefun­den. Das ist nicht gut, son­dern schlecht.

[1] „Alle Wis­sen­schaft wäre über­flüs­sig, wenn die Erschei­nungs­form und das Wesen der Dinge unmit­tel­bar zusam­men­fie­len!“ „Die fer­tige Gestalt der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse, wie sie sich auf der Ober­flä­che zeigt, in ihrer rea­len Exis­tenz, und daher auch in den Vor­stel­lun­gen, worin die Trä­ger und Agen­ten die­ser Ver­hält­nisse sich über die­sel­ben klar­zu­wer­den suchen, sind sehr ver­schie­den von, und in der Tat ver­kehrt, gegen­sätz­lich zu ihrer inne­ren, wesent­li­chen, aber ver­hüll­ten Kern­ge­stalt und dem ihr ent­spre­chen­den Begriff.“ (Karl Marx, Das Kapi­tal, Bd. III, S. 825 und 219)

[2] Kurz’ Über­trei­bung und Fehl­deu­tung der perio­di­schen Kri­sen in der Akku­mu­la­tion des Kapi­tals zum Sys­tem­bruch hat sich ein frü­he­rer Arti­kel gewid­met: Robert Kurz, Der Unter­gang des Abend­lan­des – links­herum, Gegen­Stand­punkt 2 – 92, S.59.

[3] Noch ein­mal soll R. Kurz zu Wort kom­men, weil er in Bezug auf den Sach­zwang und seine Auf­lö­sung aus­drück­lich das Gegen­teil ver­tritt: „Die Dif­fe­renz könnte schär­fer nicht sein: Für den gemei­nen Mar­xis­mus ist die Selbst­be­we­gung des Gel­des, die Ver­wer­tung des Werts, gerade jener Schein, der auf die Zwe­cke, den Wil­len, das sub­jek­tive Han­deln der Men­schen zurück­zu­füh­ren und also in (fal­sche, herr­schaft­li­che) Sub­jek­ti­vi­tät auf­zu­lö­sen ist. Eine radi­kale, kon­se­quente Feti­schis­mus­kri­tik müßte dage­gen genau umge­kehrt die empi­ri­sche Sub­jek­ti­vi­tät sel­ber als den Schein denun­zie­ren, d.h. die Zwe­cke, den Wil­len und das sub­jek­tive Han­deln der waren­pro­du­zie­ren­den Men­schen in ihre wahre Sub­jekt­lo­sig­keit als bloße Exe­ku­tion einer allen Sub­jek­ten vor­aus­ge­setz­ten Fetisch­form auf­lö­sen. Nicht etwa, um sich dem ‚auto­ma­ti­schen Sub­jekt‘ zu unter­wer­fen, son­dern im Gegen­teil, um es als sol­ches angrei­fen und über­win­den zu kön­nen.“ (Kurz, Sub­jekt­lose Herr­schaft, S. 30) Ver­gli­chen mit sei­ner Auf­ga­ben­stel­lung muß es ein Leich­tes für Arbei­ter sein, zu bemer­ken, daß sie zu kurz kom­men, und der Sache auf den Grund zu gehen. Kurz for­dert von Wesen, die keine Sub­jekte sind, ihre Sub­jekt­lo­sig­keit zu erken­nen, um zum Sub­jekt zu wer­den. Aber sie brau­chen nicht zu ver­zwei­feln. Genau­ge­nom­men meint Kurz ja nur, man „müßte“, wenn man „radi­ka­ler“ und „kon­se­quen­ter“ Feti­schis­mus­kri­ti­ker sein wollte… Aber wer will das schon!

[4] Die radi­ka­len Men­schen­kri­ti­ker bedie­nen sich einer Logik, mit der bür­ger­li­che Apo­lo­ge­ten tau­send­fach Marx wider­legt haben: Das Mit­ma­chen der vom Kapi­tal Geschä­dig­ten, der funk­tio­nie­rende soziale Friede samt sei­nen demo­kra­ti­schen Ver­laufs­for­men, hat ja immer schon als schla­gen­der Beweis gegol­ten, daß es die Klas­sen­ge­gen­sätze gar nicht geben kann, von denen Mar­xis­ten reden. Jetzt fei­ert diese Tour, den Kapi­ta­lis­mus für Vol­kes Wille, also gut, zu erklä­ren, ihre Wie­der­auf­er­ste­hung – im spie­gel­ver­kehr­ten Gewand: Die Mas­sen füh­len sich auf­ge­ho­ben in die­sen Ver­hält­nis­sen, also sind es auch die ihren – so schlecht, wie sie eben beide sind.