Der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert wie im Buche

Die Behaup­tun­gen des Karl Marx, die Lohn­ar­beit betreffend

„v“ – die öko­no­mi­sche Größe im Kapi­ta­lis­mus, auf der die Pro­duk­tion, das Wachs­tum und die Ver­tei­lung des Reich­tums gründet

Der Kom­mu­nis­mus ist tot. Der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert, wie er im Buche steht: Die Behaup­tun­gen des Karl Marx, die Lohn­ar­beit betref­fend –oder– „v“ – die öko­no­mi­sche Größe im Kapi­ta­lis­mus, auf der die Pro­duk­tion, das Wachs­tum und die Ver­tei­lung des Reich­tums gründet.


Quelle: Gegen­stand­punkt 2 – 1992 Der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert, wie er im Buche steht Die Behaup­tun­gen des Karl Marx, die Lohn­ar­beit betreffend

oder

„v“ – die öko­no­mi­sche Größe im Kapi­ta­lis­mus, auf der die Pro­duk­tion, das Wachs­tum und die Ver­tei­lung des Reich­tums gründet

1. Die Abkür­zung „v“ steht in der Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie für varia­bles Kapi­tal. Also für einen Teil des Wer­tes, der von Kapi­ta­lis­ten (heute: Indus­tri­elle, Arbeit­ge­ber, Inves­to­ren, Unter­neh­mer… ) in Geld­form ange­legt wird, damit er sich ver­mehrt (heute: sich die Inves­ti­tion ren­tiert, der Betrieb schwarze Zah­len schreibt, die Bilanz einen Gewinn aus­weist… ). Die­ser Teil des Kapi­tal­vor­schus­ses zeich­net sich gegen­über dem con­stan­ten Kapi­tal „c“ dadurch aus, daß er seine Größe und damit die der gan­zen für den Betrieb aus­ge­leg­ten Summe ver­än­dert.

Diese Eigen­schaft, sich zu ver­meh­ren, ist natür­lich nicht die der Geld­summe, son­dern der mit ihr gekauf­ten Ware; die Arbeits­kraft, die da bezahlt wird, betritt in Gestalt eines Arbei­ters (heute: Mit-​/​-​In) das Unter­neh­men, und die von ihm ver­rich­tete Arbeit bringt unter Anwen­dung der Arbeits­mit­tel und –gegen­stände, die das „c“ reprä­sen­tie­ren, Pro­dukte her­vor; diese brin­gen beim Ver­kauf durch ihren recht­mä­ßi­gen Eigen­tü­mer mehr Geld ein, als die Ele­mente des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses gekos­tet haben. Der Grund für die­sen als Zweck der freien Markt­wirt­schaft all­ge­mein aner­kann­ten Regel­fall des Wachs­tums liegt laut Marx darin, daß die Arbeit Pro­dukte her­vor­bringt, deren eigen­tüm­li­cher Gebrauchs­wert darin besteht,zu Geld zu wer­den, daß sie also Wert schafft. Und zwar mehr, als die Bezah­lung der Arbeits­kraft ihren Anwen­der gekos­tet hat.

2. Diese Wir­kung von „v“ wird durch die Bezah­lung der Arbeits­kraft auf der einen Seite, durch ihren ent­spre­chen­den Ein­satz auf der ande­ren gesi­chert. Denn aus dem Ver­hält­nis der Kos­ten, die der Lohn dar­stellt, zu dem Wert, den die Arbeit mit den zum Ver­kauf bestimm­ten Pro­duk­ten her­vor­bringt, ergibt sich der Über­schuß „m“ (Mehr­wert), auf den es ankommt.

Dabei ist nicht zu über­se­hen, daß die dem Arbei­ter über­las­sene Lohn­summe, von der er sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­tet, erst ein­mal mit sei­ner Arbeit und ihrem Ertrag nichts zu tun hat. Also wer­den sie, um aus der Arbeits­kraft varia­bles Kapi­tal zu machen, auf­ein­an­der bezo­gen. Im Preis der Arbeit wird der Kauf der Arbeits­kraft mit der Bedin­gung ver­se­hen, daß ihre Anwen­dung die Meh­rung des Kapi­tals bewirkt. Der Arbeits­lohn ent­gilt den Wert der Ware Arbeits­kraft, damit der Lohn­ar­bei­ter pro­duk­tive, eben Mehr­wert schaf­fende Arbeit ver­rich­tet. Diese beruht zwar stets auf der Pro­duk­ti­vi­tät der Arbeit, die mit der Leis­tung des Arbei­ters und den ange­wand­ten Arbeits­mit­teln wech­selt, defi­niert sich aber durch „Pro­duk­ti­vi­tät“ des Kapi­tals, d.h. modern, danach, wie ren­ta­bel die Bezah­lung von Arbeit ausfällt.

Das Bezah­len von Arbeit dient also der Her­stel­lung der Ren­ta­bi­li­tät, indem ein Maß­ver­hält­nis zwi­schen den Leis­tun­gen des Arbei­ters und sei­nem Ent­gelt auf­ge­macht wird. Diese Zweck­be­stim­mung des Arbeits­loh­nes ist im Kapi­ta­lis­mus ebenso geläu­fig, wie sie dau­ernd geleug­net wird. Ein­mal ein­ge­führt, gilt die Ver­an­stal­tung „Geld für Leis­tung“ als eine sinn­rei­che Erfin­dung zur Ermitt­lung des­sen, was einem Lohn­ar­bei­ter gerech­ter­weise zusteht.

3. Marx hat die Indienst­nahme der Arbeit für die Erzeu­gung von „m“ „Aus­beu­tung“ genannt, die Stei­ge­rung der Exploi­ta­ti­ons­rate m/​v als das Geschäfts­mit­tel kri­ti­siert, durch das die Eigen­tü­mer von Kapi­tal ihr Recht auf Gewinn aus ihrem Ver­mö­gen durchsetzen.

Das hat schon zu sei­ner Zeit die Lieb­ha­ber des Kapi­ta­lis­mus nicht ruhen las­sen, weil sie diese Art von sozia­ler Anklage unter Ver­bot stel­len woll­ten. Ihren prak­ti­schen Maß­nah­men gegen die auf­kom­mende Arbei­ter­be­we­gung stell­ten sie die theo­re­ti­sche Zurück­wei­sung zur Seite; und die Argu­mente, die da zustan­de­ka­men, waren so modern, daß sie heute noch für brauch­bar erach­tet wer­den. Und einige „Miß­ver­ständ­nisse“ von „Marx’ Lehre“ haben sogar Ein­gang gefun­den in die Arbei­ter­be­we­gung und nicht unwe­sent­lich zu deren Ruin beige­tra­gen – was heute frei­lich als ihr erfolg­rei­cher Ein­stieg in die (poli­ti­sche) Mit­ge­stal­tung des Kapi­ta­lis­mus geschätzt wird.

a) Die „Aus­beu­tung“, die ihren Begriff in der Mehr­wer­trate hat, die der Lohn­ar­beit ent­springt, ist keine mora­li­sche Vor­stel­lung über einen „unge­rech­ten Lohn“. Auch keine Beschwerde dar­über, daß die unge­rechte Bezah­lung von Arbei­tern vom Feh­len der Ideale „Frei­heit und Gleich­heit“ in der Welt des Pri­vat­ei­gen­tums zeuge.

b) „Aus­beu­tung“ bezeich­net schlicht das Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis von Kapi­tal und Lohn­ar­beit; die Eigen­tü­mer von Kapi­tal resp. Arbeit sind frei und gleich – diese recht­li­chen Ver­hält­nisse stel­len auch keine Werte dar, die zu ver­wirk­li­chen wären; sie sind als prak­tisch defi­nierte Stel­lung im und zum Staat sehr real. Sie gehö­ren als poli­ti­sche Vor­aus­set­zung unbe­dingt zu besag­tem Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis, an dem nicht irgend­wel­che recht­li­chen Unter­schiede, son­dern der mate­ri­elle Gegen­satz, die sich aus­schlie­ßen­den Inter­es­sen der Klas­sen der Witz sind.

c) Die „Aneig­nung unbe­zahl­ter frem­der Arbeit“ ist der voll­zo­gene Zweck des Kapi­tals – so geht seine Ver­meh­rung und nur so. Einen Antrag auf „gerechte Ver­tei­lung“ des in Geld gemes­se­nen Reich­tums wollte Marx auch und gerade mit die­ser For­mu­lie­rung nicht begrün­den; er bestand schließ­lich dar­auf, daß über­haupt nicht die Arbeit, son­dern die Arbeitskraft bezahlt wird; die Form des Arbeits­lohns hielt er für die dem Kapi­ta­lis­mus gemäße Weise, die Pro­duk­ti­vi­tät der Arbeit in den Dienst von „m“ zu stel­len – und über­haupt für kei­nen Grund, die Parole „gerech­ter Lohn für ein gerech­tes Tag­werk“ zu wählen.

d) Denn soviel war Marx klar: Wenn die Arbeit dem Zweck gewid­met ist, Wert zu pro­du­zie­ren, der als Geld das Maß des Reich­tums ist und die aus­schlie­ßende Ver­fü­gung über ihn garan­tiert; wenn die­ser Reich­tum mit den Anstren­gun­gen und der Dauer des Pro­du­zie­rens wächst – die Pro­duk­tiv­kräfte der Arbeit also gar nicht für die bequeme Her­stel­lung von reich­lich Gebrauchs­wert und zuguns­ten der „dis­po­sa­ble time“ zum Ein­satz gelan­gen –, dann ist die Arbeit selbst nicht mit Reich­tum ver­bun­den. Die Lohn­ar­bei­ter, die mit ihren Diens­ten als abhän­gige Varia­ble der Kapi­tal­ver­meh­rung – modern: der Wirt­schaft und ihres Wachs­tums – ver­plant sind, haben mit der Pro­duk­ti­vi­tät ihrer Arbeit auch die Ent­schei­dung über ihre Sub­sis­tenz und das Maß ihres Wohl­stands an das Kapi­tal abge­tre­ten, das sie anwen­det oder auch nicht.

e) Was schließ­lich die unzwei­fel­haft kri­ti­sche Absicht des Wor­tes „Aus­beu­tung“ anlangt, ist gegen Marx damals wie heute nur das Dümmste gut genug gewe­sen, um ihn zurück­zu­wei­sen. Gegen die Fest­stel­lung, die Lohn­ar­bei­ter des Kapi­ta­lis­mus seien inmit­ten des von ihnen geschaf­fe­nen Reich­tums dar­auf fest­ge­na­gelt, sich als Arbeits­kräfte zu erhal­ten und nicht ein­mal dazu in der Lage; gegen die Behaup­tung, dies sei eine not­wen­dige Kon­se­quenz des Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­ses, in dem sie als „v“-Männer so oder anders rui­niert wer­den, läuft immer nur das ein­fäl­tigste aller mora­li­schen Gerichts­ver­fah­ren: Ver­gli­chen mit ande­ren Krea­tu­ren in nie­de­ren Stän­den – einst und heute anderswo – ste­hen sie doch präch­tig da! Das Deu­ten auf Elends­ge­stal­ten ver­rät nicht nur den Maß­stab, den man braucht, um den Lohn­ar­bei­tern des Kapi­tals wenigs­tens ide­ell zu soli­dem Wohl­stand zu ver­hel­fen. Es „wider­legt“ Marx mit einem Ver­bot, die Fra­gen zu klä­ren, die zur Kri­tik am „Sys­tem“ füh­ren: ob, wie und warum die Lohn­ar­beit bei allem Reich­tum, den sie schafft, eigent­lich als „Lebens­mit­tel“ taugt. Statt die Behaup­tung auf­zu­stel­len, die Men­schen vor zwei­hun­dert Jah­ren und in fer­nen Kolo­nien seien genau so schlecht daran wie die Arbei­ter bei VW, hat Marx eben dies getan: ermit­telt, wel­che Not­wen­dig­kei­ten im Kapi­ta­lis­mus herr­schen. Um zu ent­schei­den, was gegen die man­nig­fal­tige Not, die in den Rei­hen der arbei­ten­den Klasse auf­tritt, getan wer­den kann.

4. Daß Arbei­ter in einen Betrieb gehen, um sich ihren Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen, ist eine Sache. Eine andere sind die Bedin­gun­gen, auf die sie da tref­fen. Das Ver­hält­nis von Lohn und Leis­tung ist näm­lich schon fest­ge­legt, bevor ein Lohn­ab­hän­gi­ger unter gründ­li­cher Abwä­gung sei­ner Bedürf­nisse ent­schei­det, wel­ches Ein­kom­men ihm die „unselb­stän­dige Arbeit“ ein­tra­gen muß. Der Preis der Arbeit ist mit dem Arbeits­platz gege­ben: Ein Geld­quan­tum ist der exten­si­ven und/​oder inten­si­ven Leis­tung zuge­ord­net (Zeit– und Stück­lohn), und diese Leis­tung resul­tiert aus den Kal­ku­la­tio­nen des Kapi­tals. Inso­fern ist jeder Arbeits­platz ein Ange­bot, das mit einem Dik­tat ver­bun­den ist. Nach der Seite des Gel­des ist defi­niert, wie­viel die Arbeits­kraft wert ist; nach der Seite der Arbeit steht fest, wie sich ihr Ver­käu­fer als varia­bles Kapi­tal zu bewäh­ren hat. Daß dabei die Rech­nung mit dem Eigen­tum, das sich das Recht auf seine Ver­meh­rung orga­ni­siert, in Gegen­satz zu den Inter­es­sen der Arbeits­kraft gerät, ist kein Geheim­nis. Viel Leis­tung für wenig Geld ist dem „Wachs­tum“ gemäß – das Umge­kehrte ent­spricht den Bedürf­nis­sen derer, die arbei­ten, weil sie davon (gut) leben wol­len. Die Höhe des gezahl­ten Loh­nes hat zwar die Bestim­mung „Wert der Ware Arbeits­kraft“; als Geld­quan­tum muß „v“ die Erhal­tung des arbeits­fä­hi­gen Indi­vi­du­ums gewähr­leis­ten, es zum Kauf der dazu not­wen­di­gen Lebens­mit­tel befä­hi­gen. Diese Not­wen­dig­keit schließt ein „his­to­ri­sches und mora­li­sches Ele­ment“ ein; sowohl aus den „natür­li­chen Eigen­schaf­ten eines Lan­des“ als auch aus der „Kul­tur­stufe“ bil­den sich Gewohn­hei­ten und Lebens­an­sprü­che der Arbeits­leute, deren Befrie­di­gung ent­schei­dend ist für den Wil­len und die Fähig­keit, regel­mä­ßig zu arbei­ten. Zugleich aber ist das Geld­quan­tum „v“ für die Bedürf­nisse des Kapi­tals eine Schranke – in der Kal­ku­la­tion des Unter­neh­mens sind die­sel­ben Not­wen­dig­kei­ten des Arbei­ter­le­bens eine Kost, die nach den Regeln der Sub­trak­tion den Über­schuß min­dert, also selbst nach Kräf­ten gemin­dert wird.

5. Vom „Wert­ge­setz“, dem­zu­folge der Wert der Waren das Pro­dukt abs­trak­ter Arbeit ist und sein Maß in der gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Arbeits­zeit hat, hal­ten Kapi­ta­lis­ten mehr als VWL-​Professoren. In ihren Maß­nah­men zur Erzie­lung und Stei­ge­rung des Mehr­werts prak­ti­zie­ren sie es näm­lich. Als Grund für diese Maß­nah­men wis­sen sie die Kon­kur­renz anzu­ge­ben, der sie „aus­ge­setzt“ sind – daß sie mit ihrem Kapi­tal und um seine Ver­meh­rung kon­kur­rie­ren, set­zen sie still­schwei­gend vor­aus. Damit die Not­wen­dig­kei­ten ihres Geschäfts als der Voll­zug eines Zwan­ges durch­ge­hen, dem sie aus­ge­lie­fert sind.

Die Hebel, die sie dabei in Bewe­gung set­zen, lau­fen ziel­stre­big auf lau­ter Kor­rek­tu­ren am Preis der Arbeit hin­aus, die der Arbeits­kraft gar nicht gut bekommen.

Um beim Ver­kauf der Pro­dukte, der auf der Kon­kur­renz der Waren­preise beruht, den geschäfts­not­wen­di­gen Über­schuß zu erzie­len, ent­de­cken Kapi­ta­lis­ten stets ein und das­selbe Ver­fah­ren: Sie ver­än­dern den Pro­duk­ti­ons­pro­zeß, und zwar so, daß sich der Wir­kungs­grad der Arbeit erhöht. Die Wir­kung, um die es geht, ist die auf das Ver­hält­nis von Kos­ten und Über­schuß. Erzielt wird sie durch Indienst­nahme der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät, die dem Eigen­tü­mer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel zusteht und den Lohn­ar­bei­ter, der für seine Arbeits­kraft ent­gol­ten wird, nichts angeht. Die Zuord­nung die­ses Ent­gelts zu einem „Quan­tum Arbeit“ bedeu­tet schließ­lich nicht, daß die Arbei­ter eine wie auch immer gear­tete Kosten-​Nutzen-​Rechnung zum Maß­stab für Betriebs­ab­läufe machen – umge­kehrt sind sie als „Beschäf­tigte“ der tech­ni­schen Orga­ni­sa­tion, der Arbeits­tei­lung und der Dis­zi­plin unter­wor­fen, die sie antref­fen. Mit der Bezah­lung der Arbeits­kraft ver­fügt der Kapi­ta­list über deren Gebrauch wie über jedes andere Eigen­tum, und dies eben nach den Gebo­ten sei­ner Kosten-​Nutzen-​Rechnung. Die ord­net der Lohn­summe eine Leis­tung zu – und daran ändert sich auch nichts, wenn diese Zuord­nung 150 Jahre nach Marx „Arbeits­platz“ heißt.

Das Stei­gern des Wir­kungs­grads der Arbeit, das in zwei sich ergän­zen­den Ver­fah­ren zur Pro­duk­tion von Mehr­wert statt­fin­det, hat in die­ser Form der Bezah­lung von Arbeits­kraft das adäquate Instrument:

a) Der abso­lute Mehr­wert nimmt sei­nen Aus­gang von einer gege­be­nen Orga­ni­sa­tion der Arbeit. Im Betrieb herrscht Ord­nung, das Inein­an­der­grei­fen der Teil­funk­tion des Per­so­nals ist wie die Dis­zi­plin durch Auf­sicht und Rou­tine gere­gelt, und die Löhne der Beschäf­ti­gen sind ihren gewohn­heits­mä­ßi­gen Leis­tun­gen zuge­mes­sen. Die pro­du­zier­ten Waren erzie­len einen Preis auf dem Markt, der das vor­ge­schos­sene Kapi­tal und einen Über­schuß zurück­flie­ßen läßt. Die zah­lungs­fä­hige Nach­frage beweist dem Eigen­tü­mer des Kapi­tals, daß in sei­nen Waren gesell­schaft­lich not­wen­dige Arbeit steckt, daß unter sei­ner Regie zusätz­li­cher Wert erzeugt wird, der ihm in Gestalt des erlös­ten Gel­des zufällt. Inso­fern ist jede Ver­län­ge­rung der Arbeits­zeit das taug­li­che Mit­tel für die gestei­gerte Ver­wer­tung sei­nes Kapi­tals, weil diese Maß­nahme die Umschlags­ge­schwin­dig­keit erhöht. Die Weis­heit, daß im Geschäfts­le­ben Zeit alle­mal Geld ist, genügt als Ersatz für das Stu­dium von Marx ohne wei­te­res – auch diese kal­ku­la­to­ri­sche Faust­re­gel führt dazu, daß in kapi­ta­lis­ti­schen Betrie­ben das Gesetz gilt: Es muß mög­lichst lange gear­bei­tet wer­den.

Die Prak­ti­zie­rung die­ses Geset­zes hat ihrer­seits als eine bis heute gewahrte Tra­di­tion dazu geführt,

– daß eine Reihe von Arbei­ter­ge­ne­ra­tio­nen ver­schlis­sen war, bevor sie rich­tig ange­fan­gen hat, von der Lohn­ar­beit zu leben; das Recht der Her­ren über die Pro­duk­ti­ons­mit­tel, den betrieb­li­chen Stun­den­plan fest­zu­le­gen, wurde so aus­ge­nützt, daß zur Wie­der­her­stel­lung der Arbeits­kraft die Lebens­zeit nicht reichte;

– daß sich der Staat, der mit sei­ner Gewalt die Benut­zung freier Lohn­ar­bei­ter durch das Kapi­tal als seine öko­no­mi­sche Grund­lage ein­ge­führt hat und betreut, zu sei­ner ers­ten gro­ßen sozia­len Tat genö­tigt sah: Seit­dem gibt es einen gesetz­lich geschütz­ten Normalarbeitstag;

– daß diese Regel­ar­beits­zeit bis auf den heu­ti­gen Tag von merk­wür­dig vie­len Aus­nah­men beglei­tet ist; sie hat sich nicht nur – Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritte waren da offen­sicht­lich wenig bedeut­sam – in einer schon recht betag­ten Fas­sung gehal­ten; man kennt auch für Über­stun­den und Son­der­schich­ten einen aner­kann­ten Grund: die Not­wen­dig­kei­ten des Betriebs.

Der andere Grund dafür, daß Lohn­ar­bei­ter eine über das ansehn­li­che Maß des „Nor­ma­len“ hin­aus­ge­hende Por­tion ihrer Lebenszeit in Arbeitszeit ver­wan­deln las­sen, ist genauso aner­kannt: Der Nor­mal­lohn für die Nor­mal­ar­beits­zeit ist ziem­lich knapp bemes­sen. Mit der Bezah­lung der Arbeits­kraft in der Form eines Prei­ses der Arbeit – pro Stunde oder pro Stück – ist eben auch die Bemes­sung des gezahl­ten Loh­nes von der Rück­sicht auf den Wert der Arbeits­kraft eman­zi­piert. Die Not­wen­dig­kei­ten des Arbei­ter­le­bens, der Instand­hal­tung sei­ner Phy­sis, die mit der Ent­wick­lung der Pro­duk­tion ver­än­der­ten Bedürf­nisse und ihre Kon­fron­ta­tion mit den Bedin­gun­gen des Mark­tes – all das ist ja aus­drück­lich nicht berück­sich­tigt, wenn die Lohn­höhe als Geld für abge­lie­ferte Leis­tung fest­ge­legt wird. Diese Gleich­gül­tig­keit gegen die Lebens­be­dürf­nisse der Arbei­ter wird prak­tisch wirk­sam in der Kon­kur­renz der Kapi­ta­lis­ten um die und mit den Arbei­tern. Bei spär­li­chem Ange­bot, das der früh­ka­pi­ta­lis­ti­sche Arbeits­kräf­te­markt an für die Manu­fak­tur, der Vor­stufe der Indus­trie, brauch­ba­ren, mit hand­werk­li­chem Geschick aus­ge­stat­te­ten Arbei­tern bereit­hielt, kon­kur­rier­ten Kapi­ta­lis­ten um die Meis­ter des jewei­li­gen Faches – mit der Lohn­höhe. Diese dem Geschäfts­sinn ent­sprin­gen­den Gesichts­punkte der Leis­tungs­ge­rech­tig­keit wand­ten sie umge­hend auf die reich­lich ver­füg­ba­ren Arbeits­kräfte an, die offen­sicht­lich mehr als ihre kör­per­li­chen Kräfte nicht zum Ein­satz brach­ten. In der Dif­fe­ren­zie­rung der Arbeits­löhne ist es – mit den spä­ter zur Blüte gebrach­ten „Argu­men­ten“ von Leis­tung und Qua­li­fi­ka­tion – beschlos­sene Sache, den Wert der Arbeits­kraft ers­tens abzu­sen­ken und zwei­tens den meis­ten Arbei­tern nicht zu bezahlen.

b) Der rela­tive Mehr­wert ent­steht, indem der Ertrag der Arbeit durch die Ver­än­de­rung ihrer Orga­ni­sa­tion gestei­gert wird, ins­be­son­dere durch die Ein­füh­rung von Arbeits­mit­teln, die die Arbeit pro­duk­ti­ver machen. Auch die­ses Ver­fah­ren stellt einen „Schluß“ dar – von der Kon­kur­renz auf dem Markt, die das kapi­ta­lis­ti­sche Unter­neh­men beste­hen will, auf den Pro­duk­ti­ons­pro­zeß, der unter sei­nem Kom­mando steht: „ …und die Kon­kur­renz herrscht jedem indi­vi­du­el­len Kapi­ta­lis­ten die imma­nen­ten Gesetze der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­onweise als äußere Zwangs­ge­setze auf.“

Das Gesetz, von dem hier die Rede ist, lau­tet: Es muß mög­lichst pro­duk­tiv gear­bei­tet wer­den. Aller­dings nicht des­we­gen, weil es zuwe­nig gibt und die Arbeit zuviel vom Leben okku­piert, also zu beschwer­lich ist. Son­dern aus­drück­lich zu dem Zweck, daß sich die Pro­duk­tion von Waren für den Markt in einer Ver­meh­rung des Kapi­tals nie­der­schlägt. Inso­fern bezeugt besag­ter „Schluß“ von der Kon­kur­renz auf die Pro­duk­tion, vom Markt, der den gewinn­brin­gen­den Ver­kauf von Waren nicht zuläßt, auf die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät erst ein­mal eines: Im Preis von Waren, die unver­käuf­lich sind oder nichts ein­brin­gen, steckt zuviel Arbeits­zeit. Die „Gesell­schaft“ jeden­falls, mit ihrem uner­bitt­li­chen Maß­stab des Gel­des, beweist dem Kapi­ta­lis­ten offen­bar, daß an sei­nen Pro­duk­ten zu lange gear­bei­tet wor­den ist. Die­sen Man­gel behebt er dann durch eine Pro­duk­ti­vi­tät, die sich als gesell­schaft­lich not­wen­dige aus­weist, indem ihr Pro­dukte ent­sprin­gen, die selbst dann ren­ta­bel zu ver­kau­fen sind, wenn sie weni­ger kos­ten als ihre Vorgänger.

Das ist zwar klar, aber denen nicht geläu­fig, die den­sel­ben Tat­be­stand als Not­wen­dig­keit ver­ste­hen und bil­li­gen dazu – als Not­wen­dig­keit zur „Sen­kung der Pro­duk­ti­ons­kos­ten“. Diese Vor­stel­lung mag ja als Leit­fa­den für die Kal­ku­la­tion in kapi­ta­lis­ti­schen Betrie­ben durch­ge­hen, die enorme Sum­men auf­wen­den, um den Arbeits­pro­zeß so zu gestal­ten, daß die her­ge­stell­ten Waren einen Kapi­tal­über­schuß ein­zu­han­deln gestat­ten. Als Alter­na­tive zur, gar als Wider­le­gung der Marx­schen Erklä­rung des Mehr­werts taugt sie nichts. Denn zunächst ein­mal besteht die Sen­kung der „Pro­duk­ti­ons­kos­ten“ in einer gewal­ti­gen Ver­meh­rung des ange­wand­ten Kapi­tals, und „gespart“ wird ledig­lich an den Lohn­kos­ten, deren Sen­kung sich jedoch schwer­lich mit der Stei­ge­rung des Vor­schus­ses für Anla­gen und Maschi­ne­rie ver­rech­nen läßt. Das gemeinte und prak­tisch erzielte Resul­tat betrifft eine Ver­bes­se­rung der Ware, die mit ihren nütz­li­chen Eigen­schaf­ten nichts zu tun hat: das Ver­hält­nis der für sie auf­ge­wand­ten Kos­ten zum Über­schuß, den ihr Ver­kauf einbringt.

Zustande kommt die­ses geschäfts­dien­li­che Ver­hält­nis durch die Ver­än­de­run­gen in der Pro­duk­tion, wel­che mit „Sen­kung der Pro­duk­ti­ons­kos­ten“ so merk­wür­dig umschrie­ben und über­gan­gen wer­den zugleich. Eine „Stei­ge­rung des Über­schus­ses“ ließe sich schließ­lich genauso als Titel des Pro­gramms ver­wen­den, scheint aber man­chen Leu­ten schon zu nahe an Marx’ Lehre zu lie­gen. Die Sache mit der gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Arbeits­zeit als Quelle und Maß des Werts, der Dif­fe­renz zwi­schen Wert der Arbeits­kraft und ihrem Pro­dukt als Grund für den Mehr­wert – der­glei­chen Theo­rien sind in einer selt­sa­men Weise „unbe­strit­ten“: Gegen­tei­lige Aus­künfte über die Her­kunft des Über­schus­ses, der da erwirt­schaf­tet wird, kom­men nicht auf, weil die Frage danach gemie­den wird. Statt­des­sen prä­sen­tiert die moderne VWL lau­ter Zeug­nisse dar­über, wie gerech­net wird bzw. wer­den muß, damit das „Wachs­tum“ zustan­de­kommt. Und hält ansons­ten die Erklä­rung des Mehr­werts für eine den „Sach­ge­set­zen der Wirt­schaft“ völ­lig unan­ge­mes­sene Ent­schei­dung dar­über, wem die Ehre gebührt… Das konnte jedoch Marx kaum im Sinn haben, als er die not­wen­di­gen Fol­gen des rela­ti­ven Mehr­werts für die Lohn­ar­beit bestimmte:

– Die Auf­gabe, der Kapi­ta­lis­ten die Maschi­ne­rie wid­men, ver­weist die durch­aus zutref­fende Behaup­tung, daß Maschi­nen geeig­net seien, die Arbeit zu erleich­tern, ins Reich der from­men Wün­sche. Mit der Zer­le­gung der Arbeit, die ein Pro­dukt erheischt, in lau­ter ein­fa­che Teil­ar­bei­ten ist nicht Bequem­lich­keit ange­sagt, son­dern Tempo. Die Inten­si­vie­rung der Arbeit, die die Bezah­lung der Arbeits­kräfte ren­ta­bler macht, wird die Schran­ken los, die mit Tätig­kei­ten gege­ben sind, die noch auf gekonn­tem Umgang mit Glied­ma­ßen und Werk­zeu­gen beru­hen. Also fin­det sie statt.

– Wäh­rend die Ein­sei­tig­keit, mit der die Lohn­ar­bei­ter als „Anhäng­sel der Maschi­ne­rie“ bean­sprucht wer­den, ihren Ner­ven und der sons­ti­gen kör­per­li­chen Ver­fas­sung gar nicht gut bekommt, kla­gen Sozio­lo­gen und andere Künst­ler über die „Sinn­ent­lee­rung“ der moder­nen Arbeit, was in Filme mit dem Titel „modern times“ mün­det. Kapi­ta­lis­ten sehen die Sache etwas anders. Nach­dem die andere Bestim­mung der wert­schaf­fen­den Arbeit, abs­trakte Arbeit, d.h. „Ver­aus­ga­bung von Hirn, Mus­kel, Nerv“ zu sein, prak­tisch wahr­ge­macht ist, besich­ti­gen sie die Leis­tung ihrer Arbeits­kräfte; und sie müs­sen fest­stel­len, daß die Bezah­lung der Arbeit als Maß­stab der Ent­loh­nung ernst genom­men wer­den muß. So fin­det eine Bewer­tung der Arbeits­plätze statt, die minu­tiös ermit­telt, wel­che Kräfte und Qua­li­fi­ka­tio­nen zum Ein­satz kom­men bzw. ent­behr­lich sind, wenn durch die Maschi­ne­rie die Pro­duk­ti­vi­tät bestimmt wird und nicht mehr durch indi­vi­du­el­les Geschick. Letz­te­res redu­ziert sich auf Leis­tun­gen, die als Bewe­gun­gen und ein­sei­tige Kraft­akte zu mes­sen gehen und eine hoch­mo­derne Dif­fe­ren­zie­rung der Löhne zur Folge haben. Mit die­ser Tech­nik der „sach­ge­rech­ten“ Lohn­sen­kung wer­den die Arbeits­kräfte per Bezah­lung dafür haft­bar gemacht, daß das Kapi­tal von ihnen nur beding­ten Ein­satz der Fähig­kei­ten ver­langt, über die sie ver­fü­gen. Daß sie dar­über – der Ver­schleiß nimmt zu mit der inten­si­ven ein­sei­ti­gen Belas­tung – Schwie­rig­kei­ten bekom­men, sich als Arbeits­kraft zu erhal­ten, zählt zu den Erschei­nun­gen der „modern times“.

– Die Arbeit kommt ihrer Zustän­dig­keit für die Ren­ta­bi­li­tät der gewal­ti­gen Inves­ti­tio­nen frei­lich auch im tra­di­tio­nel­len Sinne nach: Die „Betriebs­not­wen­dig­kei­ten“, die der schnelle Umschlag des Kapi­tals erfor­dert, tre­ten mit noch grö­ße­rer Dring­lich­keit in Kraft. Also ist die Arbeits­zeit so lang, wie der Geschäfts­be­darf des Kapi­ta­lis­ten es erfor­dert. Schich­ten, Über­stun­den – über­haupt „Fle­xi­bi­li­tät“ – sind mit der „Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft der Arbeit“ eben­so­we­nig hin­fäl­lig, wie der Nor­mal­ar­beits­tag in irgend­ei­nem Ver­hält­nis zu die­ser Ent­wick­lung kür­zer wird.

Redu­ziert wird nicht die Müh­sal der durch die moderne Indus­trie ange­wand­ten Arbeits­kräfte, son­dern ers­tens der Lohn im Ver­hält­nis zu den Wert­sum­men, die die Arbeit bewegt und ver­mehrt; und zwei­tens die Anzahl der Arbeits­kräfte, die in den Genuß einer „Beschäf­ti­gung“ gelan­gen und sich ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen kön­nen. Das Kapi­tal pro­du­ziert unter denen, die von Lohn­ar­beit leben müs­sen, eine indus­tri­elle Reser­ve­ar­mee. Nicht, weil es ver­säumt oder unfä­hig ist, „Arbeits­plätze zu schaf­fen“, son­dern weil es Lohn­ar­beit so und nur so anwen­det, wie es sei­ner Ver­wer­tung zuträg­lich ist. Die Pro­duk­tiv­kräfte der Arbeit ent­wi­ckelt es, um den in Geld gemes­se­nen Reich­tum als Pri­vat­ei­gen­tum zu meh­ren. Als Neben­be­ruf hat Marx den Arbeits­lo­sen, die ihre Arbeits­kraft nicht ver­kau­fen und betä­ti­gen dür­fen, aber irgend­wie erhal­ten müs­sen, eine Funk­tion nach­ge­sagt: daß sie als auf jeden Pfen­nig ange­wie­sene Arbeits­kräfte die Kon­kur­renz unter ihres­glei­chen um „Arbeits­plätze“ bele­ben und die Frei­heit der Kapi­ta­lis­ten, den Preis der Arbeit unter den Wert der Arbeits­kraft zu drü­cken, erwei­tern. Mit die­ser Auf­fas­sung ist der Theo­re­ti­ker des Mehr­werts selbst noch im 20. Jahr­hun­dert akzep­ta­bel: Was er für eine Not­wen­dig­keit des Ein­sat­zes von varia­blem Kapi­tal hielt, gilt heute als ein Brauch, an dem fest­ge­hal­ten wer­den muß: Vor dem Los der Reser­ve­ar­mee gehört die Arbeits­kraft, die benützt und rui­niert wird, zu den Pri­vi­le­gier­ten – und wegen der Arbeits­lo­sen haben die „Beschäf­tig­ten“ ihre Beschwer­den und Ansprü­che zu unterlassen.

6. Auf­grund der Mehrwert-​Lehre konnte Marx auf eine Theo­rie der „Leis­tungs­ge­sell­schaft“ ver­zich­ten. Die unver­meid­li­chen Aus­wir­kun­gen auf das Leben, für das Lohn­ar­bei­ter arbei­ten, hat ihm eine Theo­rie der „Kon­sum– und Frei­zeit­ge­sell­schaft“ erspart.

Stren­ger Wert­theo­re­ti­ker, der er war, hat er schon früh­zei­tig von der damals nahe­lie­gen­den, aber ver­kehr­ten Lehre Abstand genom­men, der Arbeits­lohn sei nichts wei­ter als eben das Exis­tenz­mi­ni­mum. Es reichte ihm schon, bewei­sen zu müs­sen, daß eine ansehn­li­che Masse der für Lohn­ar­beit vor­ge­se­he­nen Klasse auf das Exis­tenz­mi­ni­mum redu­ziert wird und kaputt­geht. Ebenso war ihm klar, daß die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion – eben wegen des rela­ti­ven Mehr­werts – auch den Wert der Waren senkt, die in den Arbei­ter­haus­halt Ein­gang fin­den. So daß sich der Umkreis der Lebens­mit­tel, die sich ein Arbei­ter im Dienste des Kapi­tals leis­ten kann, erwei­tert. Inso­fern hat er der moder­nen Theo­rie vor­ge­ar­bei­tet, die dar­auf besteht, daß Arbei­ter vor hun­dert Jah­ren weder mit Fern­se­hern noch Klo­spü­lung geseg­net waren.

Ande­rer­seits hat ihm nicht ein­ge­leuch­tet, daß damit der schiere Luxus in den Rei­hen derer aus­ge­bro­chen sein soll, deren Ein­kom­mens­quelle die Lohn­ar­beit ist. Für die­sen Glau­ben geben die Bestim­mun­gen der Ware Arbeits­kraft, des varia­blen Kapi­tals, ein­fach nichts her. Diese füh­ren nur auf die im Kapi­tal lie­gen­den Gründe für die unab­weis­bare Tat­sa­che, daß Lohn­ar­bei­ter ein­fach auf kei­nen grü­nen Zweig kommen.

a) Die Unter­wer­fung der Arbeit unter den Bedarf des Kapi­tals ist der rück­sichts­lose Ver­brauch der Arbeits­kraft. Das Indi­vi­duum, das als sol­che benützt wor­den ist, hat des­halb zuerst, bevor die große Frei­heit des Lebens anfängt, damit zu tun, sich wie­der­her­zu­stel­len. Seine freie Zeit und Kraft auf der einen Seite, das ver­diente Geld auf der ande­ren sind der Repro­duk­tion gewid­met. Diese merk­wür­dige Beschäf­ti­gung fällt zwar ganz ins Pri­vat­le­ben, betrifft aber all die Not­wen­dig­kei­ten, die sich aus den Anstren­gun­gen im Beruf so erge­ben. Diese Not­wen­dig­kei­ten zu ver­nach­läs­si­gen bedeu­tet, sich zu ver­nach­läs­si­gen und die Taug­lich­keit als Arbeits­kraft dazu.

b) Die Mit­tel, Zeit und Geld, sind begrenzt. Nicht, weil das immer so ist, son­dern durch die dem Kapi­tal abge­lie­ferte Leis­tung und den dafür zuge­stan­de­nen Lohn. Die Kunst des Ein­tei­lens ist schon auf dem Felde des Not­wen­di­gen gefor­dert, noch bevor sie im Bereich der eigent­lich freien Betä­ti­gung ihr Recht verlangt.

c) Außer­dem zei­tigt nicht nur die pro­duk­tive Betä­ti­gung beim „Arbeit­ge­ber“ ihre (Nach-)Wirkung auf die Gestal­tung der freien Zeit; der „Arbeit­neh­mer“ ist aus der Markt­wirt­schaft mit ihren Geset­zen noch lange nicht ent­las­sen, wenn er den Betrieb ver­läßt. Er ist kon­fron­tiert mit einem wohl­or­ga­ni­sier­ten Kom­merz, der seine Kauf­kraft in Anspruch nimmt. Er begeg­net einem Grund­ei­gen­tum, das diese Kauf­kraft zu einem guten Teil per Miet­zins beschlag­nahmt. Er wohnt nicht nur in einer Woh­nung, son­dern auch in einem Staat, der für den Schutz des gedeih­li­chen Zusam­men­wir­kens von Lohn­ar­beit und Kapi­tal, außer­dem für öffent­li­che Auf­ga­ben höhe­ren Kali­bers sei­nen gerech­ten Tri­but for­dert; selbst­ver­ständ­lich hat der Staat ein Recht dar­auf, die Dienste der Lohn­ar­beit auch für aus­wär­tige Unter­neh­mun­gen in Anspruch zu neh­men (modern: Ein­greif­trup­pen, Wie­der­ver­ei­ni­gung und andere Ver­ant­wor­tun­gen für die Welt). Und zwar ohne sich danach zu erkun­di­gen, ob der Arbeits­mann die Unter­neh­mun­gen, für die die öffent­li­che Hand Finanz­be­darf anmel­det, auch bestellt hat; und schon gleich gar nicht, ob er sie sich leis­ten kann. Der Staat bedient sich ein­fach am his­to­ri­schen und mora­li­schen Ele­ment des Loh­nes, das alle­mal in die natio­nale Zustän­dig­keit fällt.

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Es ist über­haupt kein Wun­der, daß den Lob­red­nern des kapi­ta­lis­ti­schen Wohl­stan­des eben­so­viele Beschwer­de­füh­rer gegen­über­ste­hen, die von finan­zi­el­len Belas­tun­gen und Streß kün­den. Die einen ver­mel­den unab­läs­sig ihr gar nicht wohl­mei­nen­des Stau­nen dar­über, wie­viel sich Leute – obwohl es sich doch bloß um Lohn­ab­hän­gige han­delt – leis­ten. Die ande­ren geben fein­sin­nig zu beden­ken, wie schwer es eben den­sel­ben Figu­ren fällt, sich ihren Wohl­stand zu geneh­mi­gen und zu erhal­ten. Marx würde auch heute an die­ser open-​end-​Diskussion nicht teil­neh­men. Denn die Aus­ge­stal­tung der Lohn­ar­bei­ter­frei­zeit beschränkt sich auf eine sehr frag­wür­dige Teil­habe an den Genüs­sen, die das Kapi­tal gegen gutes Geld anbie­tet. Einer­seits sind diese Genüsse zugäng­lich, auch für das Geld, das in sei­ner Funk­tion als Zir­ku­la­ti­ons­mit­tel den Geld­beu­tel des Lohn­ar­bei­ters pas­siert. Ande­rer­seits erlaubt die Kauf­kraft des Geld­beu­tels samt der zu ihr gehö­ri­gen Tech­ni­ken des Schul­den­ma­chens und Spa­rens nie mehr, als die Kon­junk­tu­ren von Kapi­tal und Staat zulas­sen. Drit­tens wer­den alle Bemü­hun­gen des Sich-​Einteilens daran zuschan­den, daß die maß­geb­li­chen Instan­zen der Markt­wirt­schaft sich an Lohn und Leis­tung bedie­nen. Wes­we­gen vier­tens der „Wohl­stand“ eben doch nur als Durch­schnitt exis­tiert, unter dem erstaun­lich viele auf Lohn­ar­beit fest­ge­legte Leute lie­gen. Fünf­tens schließ­lich zeugt noch nicht ein­mal der Besitz eines Autos plus Surf­brett davon, daß die Repro­duk­tion gelun­gen ist. Spä­tes­tens seit der erfri­schen­den Debatte über die ‚neue Armut‘, die mit der ande­ren über Gesund­heit und Umwelt kon­kur­riert, steht näm­lich fest: „Die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion ent­wi­ckelt daher nur die Tech­nik und Kom­bi­na­tion des gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses, indem sie zugleich die Spring­quel­len alles Reich­tums unter­gräbt: die Erde und den Arbeiter.“

7. Daß Lohn­ar­bei­ter nicht arbei­ten, um zu leben, son­dern umge­kehrt ihr gan­zes Leben dar­auf ein­stel­len, die Arbeit und ihre Fol­gen für die Repro­duk­tion aus­zu­hal­ten – dafür sorgt das Kapi­tal durch ihre Benüt­zung. Der Tat­sa­che, daß es je nach Kon­junk­tur Lohn­ar­bei­ter gibt, die es nicht aus­hal­ten, tra­gen aller­lei Ver­laut­ba­run­gen über rüh­rende „Ein­zel­schick­sale“ Rech­nung. Daß es not­wen­di­ger­weise immerzu und über­all zu Mas­sen­schick­sa­len die­ses Typs kommt, hat nicht nur Marx gewußt, son­dern auch der Staat bedacht.

Auch ohne in den Genuß gekom­men zu sein, die Bismarck’sche Sozi­al­ge­setz­ge­bung ken­nen­zu­ler­nen, war für Marx die soziale Ader der öffent­li­chen Gewalt kein Geheim­nis. Was er in Sachen Arbeits– und Fabrik­ge­setz­ge­bung, die Beschrän­kung des Arbeits­ta­ges und den Erlaß gewis­ser Sicher­heits– und Gesund­heits­vor­schrif­ten betref­fend, erle­ben durfte, bestach näm­lich durch die­selbe Logik wie der moderne Sozialstaat.

Prin­zi­pi­ell, und das heißt zual­ler­erst, gel­ten die Grund­rech­nungs­ar­ten, also die Frei­hei­ten des Kapi­tals. Die Indienst­nahme der Lohn­ar­beit durch das gesetz­lich geschützte Pri­vat­ei­gen­tum ist zur öko­no­mi­schen Grund­lage der Nation erklärt. In zwei­ter Linie zei­tigt die Wahr­neh­mung des Rechts auf Mehr­ar­beit, die Behand­lung der eigen­tums­lo­sen Mehr­heit als varia­bles Kapi­tal Fol­gen. Sol­che, die die Benüt­zung der Arbeits­kraft in Frage stel­len, weil sie sie unbrauch­bar machen. Das sta­chelt den Klas­sen­staat zu sozia­len Beden­ken und Taten an. Als Sozi­al­staat dringt er auf die Erhal­tung sei­ner Geschäfts­grund­la­gen. Dabei hat er sich einen guten Ruf erwor­ben, weil man­che der ein­schlä­gi­gen Maß­nah­men schlicht Beschrän­kun­gen des rück­sichts­lo­sen Umgangs mit den Lohn­ab­hän­gi­gen dar­stell­ten. Auf der Grund­lage die­ses guten Rufs sind von Sozia­lis­ten zu sozial den­ken­den Staats­män­nern auf­ge­stie­ge­nen Ver­fech­tern der Markt­wirt­schaft noch ganz andere Sachen eingefallen.

Ihr Mit­leid mit der arbei­ten­den Klasse, die nicht ein­mal zu ihrer Repro­duk­tion in der Lage ist, ist tätig gewor­den, ohne dem Kapi­tal in die Quere zu kom­men. Für alle höchst abseh­ba­ren Fälle, in denen Lohn­ar­bei­ter ein­zeln und mas­sen­weise zur Unbrauch­bar­keit ver­ur­teilt sind, gibt es im moder­nen Staat eine zwangs­ver­ord­nete Soli­da­ri­tät. Krank­heit, Inva­li­di­tät, Alter, Reser­ve­ar­mee – eben alle Sor­ten der Ver­elen­dung, denen Arbeits­kräfte des Kapi­tals so unter­lie­gen – erfreuen sich der Für­sorge einer staat­li­chen Kasse. Die Ein­zah­lun­gen stam­men aus dem Lohn der arbei­ten­den Klasse, die „Leis­tun­gen“ unter­lie­gen den Rech­nun­gen, die der Staat im Umgang mit sei­nem Geld und sei­nen Schul­den so pflegt. Das geht in Ord­nung. So wie es das Kapi­tal ver­steht, mit der Form des Arbeits­lohns die Bezah­lung der Arbeits­kraft von deren Bedürf­nis­sen gründ­lich zu tren­nen, ver­fährt auch die oberste Auf­sichts­be­hörde mit den lädier­ten Lohn­ar­bei­tern. Erhal­ten wer­den sie wegen ihrer Fähig­keit, das Geld zu ver­meh­ren; wenn sie Geld kos­ten, ver­fehlt die Ver­an­stal­tung ihren Zweck. Und die Kri­ti­ker des „Sozi­al­ab­baus“ müs­sen sich den Hin­weis auf einen wei­te­ren Sach­zwang gefal­len lassen.

Allen, die von der „Über­win­dung“ des Klas­sen­staats durch den Sozi­al­staat begeis­tert sind, leuch­tet ein Argu­ment ein: Daß für man­ches Mit­glied der Soli­dar­ge­mein­schaft ohne die­selbe längst Fei­er­abend wäre. Was ihnen zu den Aus­ge­mus­ter­ten ein­fällt, die mit dem Sozi­al­staat anfal­len, bezieht sich wohl mehr auf die Nöte der Staats­kasse als auf die „der Menschen“.

8. Eine wei­tere Leis­tung des Sozi­al­staats besteht in der Zulas­sung von Gewerk­schaf­ten. Auch über die­sen orga­ni­sier­ten Ver­such, den Lohn­ar­bei­tern zu ihrem Recht zu ver­hel­fen, hat sich Marx den Kopf zer­bro­chen. Der Logik des „ohne wäre es noch schlim­mer“ hat er sich auch hier nicht ange­schlos­sen. Noch nicht ein­mal in der meist­zi­tier­ten Äuße­rung zur „Gewerkschaftsfrage“:

„Gewerk­schaf­ten tun gute Dienste als Sam­mel­punkte des Wider­stands gegen die Gewalt­ta­ten des Kapi­tals. Sie ver­feh­len ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsach­ge­mä­ßen Gebrauch machen. Sie ver­feh­len ihren Zweck gänz­lich, sobald sie sich dar­auf beschrän­ken, einen Klein­krieg gegen die Wir­kun­gen des beste­hen­den Sys­tems zu füh­ren, statt gleich­zei­tig zu ver­su­chen, es zu ändern, statt ihre orga­ni­sier­ten Kräfte zu gebrau­chen als einen Hebel zur schließ­li­chen Befrei­ung der Arbei­ter­klasse, d.h. zur end­gül­ti­gen Abschaf­fung des Lohnsystems.“

Die Sache mit den guten Diens­ten würde er sich heute wohl ver­bit­ten. Es bliebe nur noch ein ziem­lich unsach­ge­mä­ßer Gebrauch der Gewerk­schafts­macht. Der besteht darin, daß Gewerk­schaf­ten immerzu so tun, als wären die frist­ge­mäß ein­be­ru­fe­nen Ver­hand­lun­gen über die Fest­le­gung des Prei­ses der Arbeit etwas ganz ande­res. Näm­lich die perio­di­sche Kor­rek­tur der Sün­den, die Kapi­tal, Markt und Staat (modern: Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät und Infla­tion) am Wert der Arbeits­kraft began­gen haben. Dies zeugt nicht nur davon, daß moderne Gewerk­schaf­ten auf einen „gerech­ten Lohn“ nichts kom­men las­sen; diese Orga­ni­sa­tion der Werk­tä­ti­gen im Kapi­ta­lis­mus gibt auch noch vor, daß in Tarif­run­den über die Ver­tei­lung des Reich­tums ent­schie­den würde. Als wäre unter dem Regime des Pri­vat­ei­gen­tums, das die Ware Arbeits­kraft benützt, ver­nützt und aus­mus­tert, zu klä­ren, wel­che Anteile wel­chem Stand an einem – gar nicht vor­han­de­nen – Konto oder Topf gebühren!

Dabei rech­net die Gewerk­schaft das Recht auf einen gerech­ten Lohn strikt aus der Erfolgs­bi­lanz des Kapi­tals zusam­men. Die Pro­duk­ti­vi­tät der Arbeit, die sie als guten Grund für einen bes­se­ren Tarif wuch­tig in Anschlag bringt, ist schon die Pro­fi­trate des Kapi­tals. So daß die Geschäfts­grund­lage eines Lohns, der sein Recht nur im Über­schuß der ande­ren Tarif­par­tei weiß, besie­gelt ist. Also auch die „Ohn­macht“ aner­kannt ist, Arbeits­plätze und Ver­pfle­gung für Lohn­ab­hän­gige zu spen­die­ren, solange es sich nicht rentiert.

Inso­fern ist es auch nicht ver­wun­der­lich, daß die moder­nen Gewerk­schaf­ten in ihrem Ansin­nen, die Ver­tei­lung ins Lot zu brin­gen, zu Höhe­rem fähig sind. Sie küm­mern sich allen Erns­tes um die Fähig­keit der Kapi­ta­lis­ten, den Lohn­ar­bei­tern etwas zukom­men zu las­sen. Und wir­ken mit an der kor­rek­ten Füh­rung der Geschäfte – Mit­be­stim­mung und Kri­tik sind das­selbe –, und das alles im Namen der Lohn­ar­beit, an deren Mis­sion, „das Wachs­tum“ zu för­dern, kein Zwei­fel besteht. Was die anfal­len­den häß­li­chen Sozi­al­fälle der gewerk­schaft­lich schwer zu ver­tre­ten­den Art angeht – der lan­des­üb­li­che Pau­peris­mus! –, haben diese Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­klasse im Sozi­al­staat ihren kon­ge­nia­len Part­ner. Den kön­nen sie höchs­tens noch davor war­nen, daß zu viele Arbeits­lose wie schon ein­mal die Sicher­heit der poli­ti­schen Auf­sicht gefährden.

Dar­über sind Gewerk­schaf­ten aller­dings schon zu „Sam­mel­punk­ten“ gewor­den – für Natio­na­lis­ten. Denen ist der Arbeits­lohn egal, und der Nation opfern sie auch ein biß­chen mehr als bloß das his­to­ri­sche und mora­li­sche Ele­ment des Lohnes.

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Ärger­lich an solch ortho­do­xem Mar­xis­mus ist nur, daß er sich zwar in Deutsch­land bla­miert, aber über­haupt nicht daran, wie in die­ser Nation die nütz­li­che Armut von Lohn­ar­bei­tern orga­ni­siert wird.