Inter­view mit Karl Held

„Uto­pie“, „Rea­lis­mus“, „die Mensch­heit“, „his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit“, „Kom­mu­nis­ten und Gewalt“

Quelle: Carna Zacha­rias – „Wo liegt Uto­pia?“ – 1985

Dem uto­pi­schen Sozia­lis­mus setz­ten Marx und Engels den wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus ent­ge­gen. »Die Geschichte aller bis­he­ri­gen Gesell­schaft ist die Geschichte von Klas­sen­kämp­fen«, heißt es im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest. Marx und Engels unter­such­ten die Bedin­gun­gen, unter denen Unter­drü­cker und Unter­drückte ent­ste­hen, und for­der­ten die Unter­drück­ten dazu auf, ihre Lage zu ändern. Den uto­pi­schen Sozia­lis­ten war­fen sie vor, daß sie sich über den Klas­sen­ge­gen­satz erha­ben glaub­ten. Die Uto­pis­ten »appel­lie­ren daher fort­wäh­rend an die ganze Gesell­schaft ohne Unter­schied, ja vor­zugs­weise an die herr­schende Klasse«. Wei­tere Kri­tik­punkte: Die Uto­pis­ten wür­den auf die »Phil­an­thro­pie der bür­ger­li­chen Her­zen« und deren »Geld­sä­cke« set­zen, sie wür­den zwi­schen Gegen­sät­zen — ent­stan­den auf­grund einer bestimm­ten bür­ger­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­form — idea­lis­tisch ver­mit­teln und dadurch den Klas­sen­kampf, der sich durch die ganze Mensch­heits­ge­schichte zieht, hin­ter­trei­ben. Die gesell­schaft­li­che Fort­ent­wick­lung könne sich aber nur durch die Abschaf­fung der wirt­schaft­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­form durch jene erge­ben, die in ihr »nichts als ihre Ket­ten« zu ver­lie­ren haben.

Über das Thema »Sozia­lis­mus und Uto­pie« spra­chen wir mit dem Mar­xis­ten Karl Held; in Mün­chen leben­der Autor (Der bür­ger­li­che Staat, Das bür­ger­li­che Individuum).

Inter­view mit Karl Held

Im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest wird den uto­pi­schen Sozia­lis­ten vor­ge­wor­fen, sie wür­den den Klas­sen­ge­gen­satz igno­rie­ren und sich für die Befrei­ung aller stark machen, statt den Kampf des Pro­le­ta­ri­ats gegen die Bour­geoi­sie zu unter­stüt­zen. Was ist so schlimm daran, daß man sich für die ganze Mensch­heit einsetzt?

Einer der erfolg­reichs­ten Ehren­ti­tel, in des­sen Namen so gut wie alles ver­bro­chen und ver­hin­dert wer­den darf, ist >die Mensch­heit<. Nein, Mar­xis­ten haben mit die­sem Sub­jekt, das durch die Geschichte von Druck und Papier geis­tert, nichts im Sinn. Es exis­tiert näm­lich nur in der Ein­bil­dung, die­ses kol­lek­tive Sub­jekt mit lau­ter gemein­sa­men heh­ren Anlie­gen, und zwar des­we­gen, weil es lange vor sei­ner phi­lo­so­phi­schen Auf­be­rei­tung zur Beru­fungs­in­stanz taugt, die mora­lisch gebil­dete Zeit­ge­nos­sen des Kapi­tals immer brauchen.

Im Namen der Mensch­heit stel­len die einen Atom­waf­fen auf — und in dem­sel­ben Namen war­nen andere vor dem Käl­te­tod. Letz­tere schät­zen ihre Glaub­wür­dig­keit als Kri­ti­ker höher als die Anstren­gung, einen effek­ti­ven Wider­stand auf die Beine zu stel­len. Die Glaub­wür­dig­keit bewei­sen sie durch eine Abs­trak­tion, die es in sich hat: Die poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Gegen­sätze, die ihre schöne Welt bevöl­kern, sind ver­ges­sen. Der Glaube, die Ein­be­zie­hung aller in die eige­nen Sor­gen würde einem Ein­wand die Wir­kung ver­lei­hen, die ihm sonst abgeht, ist offensichtlich.

So rich­tig glaub­wür­dig wird die Beru­fung auf die Mensch­heit immer nur bei Leu­ten, die durch ihr Amt befugt sind, Moral zu ver­ab­rei­chen und auf die Erfül­lung ihrer Rechte zu drin­gen. Wenn sie den sozia­len Frie­den und den Frie­den über­haupt für unab­ding­bar und den Klas­sen­kampf für über­holt erklä­ren, wis­sen sie sehr wohl, daß das Ver­bot, Gegen­sätze aus­zu­tra­gen, ihre Manier der Durch­set­zung ist! Und ihnen steht es auch gut zu Gesicht, ihre Geg­ner zu Fein­den der Mensch­heit zu stem­peln. So etwas haben Mar­xis­ten nicht nötig. Ihnen genügt das biß­chen Wis­sen dar­über, wer was wie auf wes­sen Kos­ten anrich­tet, vollauf.

Die prak­ti­schen Kon­se­quen­zen betref­fen dann auch ein­mal jene Sorte >Mensch­heit<, die beim freien Wirt­schaf­ten so merk­wür­dig kon­se­quent zu kurz kommt, weil sie frem­dem Reich­tum dient.

Uns geht es darum, daß sich ein gewis­ser Teil der >Mensch­heit< nicht mehr gefal­len läßt, sich für ein illu­sio­nä­res gemein­sa­mes Inter­esse ver­hei­zen zu lassen.

Dem uto­pi­schen Sozia­lis­mus haben Marx und Engels den wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus gegen­über­ge­stellt. Warum kann eine wis­sen­schaft­lich begrün­dete Lehre in ihren Zie­len nicht trotz­dem uto­pisch sein?

Davon, daß sich Uto­pie mit Wis­sen nicht so recht ver­trägt, hat sogar der Men­schen­ver­stand etwas mit­be­kom­men, der sich so stolz >gesund< nennt. Er liebt es, Kri­tik daran zu mes­sen, ob sie >mach­bare< Alter­na­ti­ven bie­tet, und er hält es für eine gekonnte und unwi­der­sprech­li­che Pole­mik, wenn er im Streit der Mei­nun­gen eine Posi­tion der Uto­pie über­führt. Mit dem Stich­wort »Uto­pie« wird ja nichts Gerin­ge­res cha­rak­te­ri­siert als der Feh­ler, Sachen anstel­len zu wol­len, die gar nicht gehen. Beru­fen wird sich auf Not­wen­dig­kei­ten, die sich nicht ändern las­sen, so daß man umge­kehrt auf sie Rück­sicht zu neh­men hat.

Wo die Anklage auf »Uto­pie« lau­tet, stützt sich die Beweis­füh­rung noch stets auf unab­än­der­li­che Zwänge, die sich wie Natur­ge­setze nicht außer Kraft set­zen lassen.

Das klingt ja so, als wür­den Sie doch eine Lanze für die Uto­pie brechen!

Nein, unsere Kri­tik an die­sem Begriff ist nur eine andere. Gegen die from­men Wün­sche und Träume von einer bes­se­ren Welt wird die Wis­sen­schaft gesetzt, die mit Kennt­nis­sen antritt. Die Kennt­nisse betref­fen eherne Not­wen­dig­kei­ten, an denen sich bloße Absich­ten bla­mie­ren. Des­halb lohnt es sich alle­mal, die behaup­te­ten Kennt­nisse auf ihre Stich­hal­tig­keit hin zu begut­ach­ten. Und des­halb ist es grund­ver­kehrt, sich auf seine >Phan­ta­sie< zurück­zu­zie­hen und mehr oder min­der stolz seine Fähig­keit zu uto­pi­schem Den­ken zur Schau zu stel­len. Mit die­ser Kunst, sich man­ches oder gar alles ganz anders vor­zu­stel­len, ist es näm­lich so weit gar nicht her.

Die Übung, theo­re­tisch alles unge­sche­hen zu machen oder wenigs­tens halb so schlimm, ist in Kunst und Reli­gion seit Jahr­hun­der­ten schwer in Mode – und als erbau­li­che Begleit­mu­sik wird sie von jeher von den Machern der Wirk­lich­keit geschätzt und genos­sen. Das aller Uto­pie inne­woh­nende Bekennt­nis, mit der Ein­bil­dungs­kraft die Las­ten des jeweils prak­ti­zier­ten Geschäfts zu über­win­den, also in der Mög­lich­keits­form da zu sein, wo noch nie­mand war, macht ihren Genuß so bequem. Da, wo sol­ches Bekennt­nis Pro­gramme set­zen will, wird es nicht min­der bequem für untaug­lich erklärt, eben mit dem >Rea­lis­mus<, der weiß, daß für wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Belange noch lange nicht zählt, was das Gemüt beflügelt.

»Rea­lis­mus« ist ein Wort, das wohl eiser­ner Bestand­teil der sozia­lis­ti­schen Lehre ist. Doch auch ihre erbit­ter­ten Geg­ner, die kapi­ta­lis­ti­schen Macht­ha­ber, neh­men die­sen Begriff gern für sich in Anspruch.

Mit deren Rea­lis­mus hat es seine eigene Bewandt­nis. Aus der Geschichte der Bun­des­re­pu­blik sind mir nur sehr wenige Fälle bekannt, daß in öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen Uto­pien ver­tre­ten und zum poli­ti­schen Pro­gramm erho­ben wur­den. Und sofern es geschah und geschieht, erfolgte kei­nes­wegs die Abqua­li­fi­zie­rung der >Idea­lis­ten< die sich da an der Rea­li­sie­rung von Pro­jek­ten ver­su­chen, die zum Schei­tern ver­ur­teilt sind, weil >wirklichkeitsfremd<.

Bis auf den heu­ti­gen Tag bil­li­gen die Ver­tre­ter des Reich­tums und der poli­ti­schen Macht in schö­ner Regel­mä­ßig­keit und im Fern­se­hen jedes Ideal: ob es nun »Frau« oder »Sym­biose von Men­schen und Baum« heißt, ob nun ein »Frie­dens­ge­danke« oder eine »Voll­be­schäf­ti­gungs­in­itia­tive« pro­pa­giert wer­den, stets schla­gen sich die Zustän­di­gen, unge­rührt von der ihnen zuge­dach­ten Rolle des Ange­klag­ten, auf die Seite der Idee eines bes­se­ren Zustands — aller­dings mit dem klei­nen Zusatz, daß das jewei­lige Pro­gramm, der beschwo­rene Wert bei ihnen in den bes­ten Hän­den sei.

Ent­schie­den zurück­ge­wie­sen wird da keine Illu­sion, son­dern jeg­li­cher Anspruch.

Mit dem Wort »Sach­zwang« wurde die­sem Ver­fah­ren ein wahr­haf­tes Sprach-​Denkmal errich­tet. Leute, denen sonst nichts leich­ter fällt, als die phi­lo­so­phi­sche Dok­trin nach­zu­plau­dern, ein siche­res Wis­sen gäbe es wohl nicht, wer­den im poli­ti­schen Grund­satz und in Tages­fra­gen plötz­lich sehr dog­ma­tisch. Sie >wis­sen< dann sehr genau, daß >die Wirt­schaft< eine ver­nünf­tige Lohn­er­hö­hung nicht ver­trägt. Noch viel genauer wis­sen sie, daß Frei­heit ohne das größte Waf­fen­ar­se­nal der Geschichte nicht zu haben ist und die Dro­hung mit sei­nem Ein­satz ebenso wie seine Anwen­dung den Frie­den sichern. Gegen­tei­lige Anträge und Bemü­hun­gen schmet­tern sie locker als >uto­pisch< und >Traum­tän­zer­tum< ab. Weder wol­len sie ihre Behaup­tun­gen über die von ihnen favo­ri­sierte >Ord­nung< als deren Armuts­zeug­nis aner­ken­nen, noch küm­mert sie dabei der offen­kun­dige Tat­be­stand, daß sie sich sehr par­tei­lich auf die Seite gewalt­sam insze­nier­ter >Sach­zwänge< schla­gen, die mit ihrer Ord­nung ste­hen und fallen.

Sol­che Wahr­hei­ten aus­zu­spre­chen, steht radi­ka­len Kri­ti­kern bes­ser an als die ins Reich der Schön­geis­te­rei gehö­rige Pflege von Uto­pien, die es sich noch als >Wag­nis< anrech­net, >das ganz Andere< zu denken.

Ideale und deren Pflege gehö­ren mög­li­cher­weise ins Reich der Schön­geis­te­rei, aber das Wesen der Uto­pie besteht doch gerade darin, auf­grund der Kri­tik an den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen diese Ver­hält­nisse zu ver­än­dern, die Träume zu verwirklichen.

Daß uto­pi­schen Vor­stel­lun­gen eine kri­ti­sche Bedeu­tung zukommt, ist eine Täu­schung, die ihre Lieb­ha­ber gerne hegen, denn der Nach­weis, daß sie mit ihren Ideen alle­mal ihre Unzu­frie­den­heit mit dem Beste­hen­den zum Aus­druck brin­gen, hat es ihnen ange­tan. Nur ist mit die­sem Nach­weis herz­lich wenig geleis­tet, was sich leicht an der Gesin­nung von maß­geb­li­chen Geg­nern von >Welt­ver­bes­se­rern< erse­hen läßt. Auf ihre Weise sind die Herr­schaf­ten des Pen­ta­gon und des Welt­wäh­rungs­fonds eben­falls kri­tisch: Ihre Unzu­frie­den­heit bezieht sich eben auf den ihrer Mei­nung nach zu begrenz­ten Erfolg ihrer Geschäfte. Und ihre Vor­stel­lun­gen von einer bes­se­ren Welt – ohne stö­rende Rus­sen oder Kri­sen in ihren Bilan­zen – ste­hen täg­lich in der Zeitung.

Umge­kehrt ist am Uto­pis­mus >von links< jene trau­rige Seite nicht zu über­se­hen, die bereits Marx zu sei­ner Absage an den uto­pi­schen Sozia­lis­mus geführt hat. Ohne Wis­sen über die Not­wen­dig­kei­ten, die per Gewalt ver­fügt wer­den, gerät so man­cher alter­na­tive Ent­wurf zur eif­ri­gen Bemü­hung, aus­ge­rech­net die­je­ni­gen Ideale aus­zu­ma­len, die den Taten der herr­schen­den Instan­zen ent­sprin­gen und ihnen sogar zur Zierde gerei­chen – Ideale, die also, getrennt von den ver­wor­fe­nen Zustän­den, jede Daseins­berechtigung ver­lie­ren und als schiere Dumm­hei­ten dastehen.

Gerech­tig­keit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit, Ver­söh­nung mit der Umwelt und so wei­ter sind Ideen, die zu uto­pi­schen Bil­dern einer bes­se­ren Gesell­schaft nicht mehr auf­sta­cheln, sobald sie logisch und his­to­risch auf ihren bana­len Kern und ihre Her­kunft zurück­ge­führt sind. Es steht nicht ihre >pro­duk­tive< Über­nahme an, son­dern Kri­tik an ihnen und das prak­ti­sche Bemü­hen, den­je­ni­gen das Hand­werk zu legen, die nicht nur das Sagen haben, son­dern auch Geld und Gewalt.

Ernst Block been­det sein Prin­zip Hoff­nung mit der Fest­stel­lung, daß das letzte Anlie­gen von Marx »die Ent­wick­lung des Reich­tums der mensch­li­chen Natur« gewe­sen sei. Kann man ihn damit nicht des uto­pi­schen Den­kens überführen?

Nein, nicht ein­mal in so gern zitier­ten Phra­sen wie der von der »Ent­wick­lung des Reich­tums der mensch­li­chen Natur« hul­digt Marx einem uto­pi­schen Motiv. Die Sache ist — trotz der Meta­pher von der mensch­li­chen Natur — recht ein­fach und schon in den Früh­schrif­ten recht öko­no­misch zu begreifen.

Reich­tum – objek­tiv vor­han­den und in wach­sen­dem Maß mit den Fort­schrit­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise erzeugt – war schon zu Marx‘ Zei­ten kaum zu über­se­hen. Vom fei­nen Tuch bis zum guten Buch, vom por­tu­gie­si­schen Port­wein bis zur Dampf­ma­schine gab es man­ches, das sich sehen las­sen konnte.

Reich­tum — sub­jek­tiv als »Man­nig­fal­tig­keit der Bedürf­nisse« — ließ damals und laßt auch heute eini­ges zu wün­schen übrig. Daß die Mit­tel für immer mehr und immer viel­fäl­ti­gere Bedürf­nisse auf den Markt kom­men, konnte nicht ein­mal Marx ver­bor­gen blei­ben. Daß diese Mit­tel als Geschäfts­ar­ti­kel – ren­ta­bel, gewinn­brin­gend – und sonst aus kei­nem ande­ren Grund in die Welt kamen, kon­tras­tierte für den guten Mann sehr uner­freu­lich mit ihrer Brauchbarkeit.

Der Zugang zu ihnen war und ist eine Frage des Gel­des – und dabei sahen die Pro­du­zen­ten des gan­zen Krams, also die Arbei­ter, schlecht aus. Aus­ge­rech­net wegen des Wachs­tums waren schon frü­her die Lohn­kos­ten immer zu hoch und die Kauf­kraft immer zu nied­rig, ganz abge­se­hen von der Leis­tung in den ren­ta­blen Fabri­ken, die weder auf Gesund­heit noch auf Genuß­fä­hig­keit abzielt.

Kurz: Auch Marx war bereits Zeuge einer zer­stö­re­ri­schen Abs­trak­tion — der Tren­nung zwi­schen dem Reich­tum und den­je­ni­gen, die ihn pro­du­zier­ten. Daß beide gut zusam­men­pas­sen, war inso­fern kein über­mä­ßig uto­pi­scher Einfall.

Der Sieg des Sozia­lis­mus soll einer­seits eine his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit sein, ande­rer­seits ist mit dem real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus der Ost­block­staa­ten außer den Par­tei­funk­tio­nä­ren bis­lang noch nie­mand zufrie­den. Wie ver­trägt sich das, wenn man uto­pi­sches Den­ken aus­klam­mern will?

Eine »his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit«, an die man glau­ben kann und auf die Ver­laß ist, stellt die­ses Pro­gramm kei­nes­wegs dar. Die alberne Tour, Marx die Pro­phe­zei­ung der pro­le­ta­ri­schen oder der Welt-​Revolution nach­zu­sa­gen und ihn dann sogleich des Irr­tums zu über­füh­ren, ver­wech­selt ziel­stre­big zwei Dinge. Etwas für not­wen­dig zu erach­ten, weil der Befund über gesell­schaft­li­che Ver­hält­nisse ergibt, daß man sich für sie nicht her­ge­ben will, ist die eine Sache. Eine ganz andere ist es, wenn jemand daran glaubt, daß die Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse dem­nächst oder der­einst rea­li­siert wird. Im ers­ten Fall wird argu­men­tiert, über­zeugt und gekämpft — im zwei­ten Fall wird geschichts­phi­lo­so­phisch spekuliert.

Lei­der ist die­ser ent­schei­dende Unter­schied auch man­chen Leu­ten, die Mar­xist sein für eine Ehre oder sonst etwas hal­ten und unbe­dingt die­sen Titel am Revers haben wol­len, nicht geläu­fig. Sie den­ken dann nicht sel­ten recht bewußt uto­pisch über den >Gang der Geschichte< nach. Dabei bemü­hen sie sich um die Zustim­mung eines wei­te­ren Geis­ter­sub­jekts, das gar nicht anders kann, als sei­nen Inter­pre­ten zuzu­stim­men: Es heißt >Geschichte< und lehrt jeder­mann haar­ge­nau das, was er in sie hineinliest.

Sich im Ein­klang mit einer selb­stän­dig wal­ten­den his­to­ri­schen Ten­denz zu bewäh­ren, erin­nert mehr an die Welt­an­schau­ung von Anpassungs­künstlern denn an Revolutionäre.

Die maß­geb­li­chen Staats­so­zia­lis­ten drü­ben haben samt ihrem Volk, bei allen pro­gram­ma­ti­schen Dumm– und Gemein­hei­ten ihrer Sorte Herr­schaft, kaum Gele­gen­heit, mehr als ein Mini­mal­pro­gramm ihrer alter­na­ti­ven poli­ti­schen Öko­no­mie abzu­wi­ckeln. Sie wer­den näm­lich stän­dig an den Inter­es­sen der >freien Welt< gemes­sen und mit der his­to­ri­schen Per­spek­tive kon­fron­tiert, daß bald deren nächs­tes und letz­tes Kapi­tel (Rea­gan) geschrie­ben wird. In der Geschichte, ver­steht sich.

Selbst wenn man Ihre mar­xis­ti­sche Ana­lyse der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse für rich­tig hält, kommt man als »bür­ger­li­ches Indi­vi­du­ums immer an einen Punkt, der ver­stört. Sie wol­len Ihre Ziele durch Revo­lu­tion, also mit Gewalt durch­set­zen. Kann man denn Men­schen zu ihrem Glück zwingen?

Bei der Gret­chen­frage nach der Gewalt ist man aus­nahms­weise ver­sucht, Marx zu zitie­ren: »Wenn die Sache an uns ist, so wer­den wir nichts beschö­ni­gen …« Nun hält das jeder gebil­dete Demo­krat für ein Ein­ge­ständ­nis – und für ein ent­lar­ven­des dazu. Des­halb sei der kleine Hin­weis ange­fügt, daß nichts, aber auch gar nichts im Reich der >Frei­heit< – von der Fami­lie bis zum Wirt­schafts­gip­fel, von der Lohn­steuer bis zur Bun­des­liga – ohne Gewalt zustan­de­käme und abläuft. Daß sich des­halb Kri­ti­ker die­ser vor Gewalt strot­zen­den Art von Herr­schaft mit einem Bekennt­nis zur Gewalt­frei­heit legi­ti­mie­ren müs­sen, ist über­haupt nicht einzusehen.

Daß den­noch die pein­li­che Ver­an­stal­tung unter­bleibt, die mit »Andere zu ihrem Glück zwin­gen« umschrie­ben wird, kann zuge­si­chert wer­den. Von Glück – der psy­cho­lo­gi­schen Uto­pie des schie­ren Wohl­be­fin­dens – war ja im Mar­xis­mus nie die Rede. Und wenn sich genug von denen zusam­men­tun, die Gründe dafür haben, wird sich auch der Zwang in Gren­zen hal­ten. Zu befürch­ten ist nur, daß es bereits ein ansehn­li­ches Arse­nal von Gewalt gibt, das sich für die Geschichte, die Mensch­heit, die Nation und andere Werte zustän­dig hält…