Argu­mente gegen die Germanistik

Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung – wie man sie erwirbt und wozu sie befähigt

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des stud. Pres­se­we­sens, München

Argu­mente gegen die Germanistik

Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung – wie man sie erwirbt und wozu sie befähigt

An Aner­ken­nung man­gelt es den schö­nen Küns­ten und nament­lich der Lite­ra­tur in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft nicht. Dich­ter gel­ten als Men­schen mit beson­de­ren Geis­tes­ga­ben, wel­che die Leis­tun­gen der gewöhn­li­chen Intel­li­genz über­stei­gen, ihre Worte wer­den mit Vor­liebe als Zeu­gen zitiert, ihre Werke durch öffentlich-​rechtliche Anstal­ten der gan­zen Nation und beson­ders in den Schu­len der Jugend als Bil­dungs­gut ver­ab­reicht. Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft sieht ihre Auf­gabe darin, zu bewei­sen, dass die all­ge­meine Wert­schät­zung der Poe­sie berech­tigt und die­ser Sache ange­mes­sen ist. Sie ist stolz dar­auf, dass die­ser Beweis in einem Pro­zess des Inter­pre­tie­rens besteht, der — wie sie selbst beteu­ert — nie zu einem Abschluss gebracht wer­den kann. Ihre Dienst­leis­tung an der Kul­tur der Nation kommt als immer noch ein­mal erneu­erte Deu­tung der Dich­ter in ande­ren Blick­win­keln unter Ein­be­zie­hung der bis­herigen und Hin­zu­fü­gung stets neuer sub­jektiver „Aspekt“ daher.

Damit steht eines schon fest: Ger­manistik ist keine Sache des Wis­sens. Im Gegen­teil: Ihren ‚Gegen­stand‘ theo­re­tisch in ein begriff­li­ches Resul­tat, auf­zu­lö­sen‘, hal­ten Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler für ein Sakri­leg. Ger­ma­nis­tik ist eine Frage der rech­ten Hal­tung zur Lite­ra­tur. Diese Hal­tung macht sich nicht abhän­gig von den Argu­men­ten, die zu ihren Guns­ten ins Feld geführt wer­den kön­nen. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Den­ken ver­fährt eingestan­de­ner­ma­ßen umge­kehrt. Die rich­tige Hal­tung ein­zu­neh­men ist die Vor­aus­set­zung dafür, über­haupt einen zunft­ge­mä­ßen lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Befund zustande zu brin­gen. Des­halb ist das Erler­nen der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft weni­ger eine Sache begrün­de­ter Ein­sicht als viel­mehr eine Ange­le­gen­heit, bei der es auf gedan­ken­lose Anpas­sung an zünf­tige Rituale und gedank­li­chen Opportunis­mus gegen­über der qua Amt aus­ge­wiesenen „Lehr­mei­nung“ ankommt. Für die Her­stel­lung der rech­ten Hal­tung reicht das offen­bar. Und mit der ist man dann eben­so­gut zum Deutsch­leh­rer befä­higt wie dazu, arbeits­los und zum Pro­grammie­rer umge­schult zu werden.

I. Die „Vor­aus­set­zun­gen“ des Interpretierens

1. For­ma­lia, die keine sind

Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich fach­ge­rechte Abhand­lun­gen sind schon an Äußer­lichkei­ten von sons­ti­gen Aus­las­sun­gen zur Lite­ra­tur zu unter­schei­den. Sie pfle­gen eine for­melle Kor­rekt­heit, die im Vorkom­men gewis­ser Anga­ben an gewis­sen Stel­len besteht. Kaum wird ein Autor oder Titel ein­ge­führt, sind sogleich fäl­lig: Lebens­da­ten des Autors, Jahr der Ent­ste­hung, der Erst­ver­öf­fent­li­chung oder Urauf­füh­rung des behan­del­ten Werks. Es ist mög­lich, aber nicht nötig, im beispiels­wei­sen Fall von Tho­mas Mann in einer Bio­gra­phie nach­zu­se­hen und dar­aus abzu­schrei­ben, dass sel­bi­ger „an einem Sonn­tag um 12 Uhr Mit­tag zur Welt gekom­men“ ist. Zunächst ein­mal reicht es, rou­ti­ne­mä­ßig anzu­ge­ben: Gott­hold E. Les­sing (1729 – 1781).Emilia Galotti (1772). Tho­mas Mann (1875 –1955). „Die Bekennt­nisse des Hoch­stap­lers Felix Krull“, das ein Jahr vor dem Tod des Schrift­stel­lers ver­öf­fent­lichte Alterswerk…

Was leis­ten diese Anga­ben eigent­lich? Ers­tens nichts. Dem Inhalt nach geben sie Fak­ten bekannt, die für sich genom­men über­haupt nichts besa­gen. „1772″ ist kein Argu­ment zum Drama „Emi­lia Galotti“, und das soll es auch gar nicht sein. Mehr soll gar nicht aus­ge­drückt wer­den als: die­ses Drama wurde in jenem Jahr ver­fer­tigt, 1955 Able­ben von Th. Mann etc. Zwei­tens kann und soll sich der gebil­dete Leser aller­lei dazuden­ken. 1772 — aha, Auf­klä­rung und/​oder Emp­find­samkeit, ancien regime… 1955 — Nach­kriegszeit, ach so… Die Asso­zia­tio­nen sind belie­big, aber gerade die Will­kür ent­hält den Gedan­ken, den sich die Lite­ra­tur­wissen­schaft in der For­ma­lie zur selbst­ver­ständ­li­chen Gewohn­heit gemacht hat. Die Daten sind Auf­for­de­run­gen zur Ein­ord­nung eines Autors und Stücks Lite­ra­tur in andere — sei es lite­ra­ri­sche, poli­ti­sche oder wie auch immer beschaf­fene — Sach­ver­halte: Auf­for­de­run­gen zur Einord­nung, bei der es weder auf den Inhalt des lite­ra­ri­schen Doku­ments noch auf die Eigen­art der Bezugs­punkte ankommt, son­dern auf die Bekun­dung der metho­di­schen Gewiss­heit, dass auf jeden Fall tau­send Dinge aus allen mög­li­chen Sphä­ren als Vor­aus­set­zun­gen und Gründe des lite­ra­ri­schen Pro­dukts in Betracht kom­men. Inso­fern ist die belie­bige Abru­fung gleich-​gültiger Ein­ord­nungsgesichts­punkte über­haupt nichts Vor­läufiges. In die­ser gedan­ken­lo­sen Manier bekun­det sich der feste Glaube, jedes gedich­tete Etwas stelle eine höchst begrün­dete Sache dar, die in tau­send Ver­hält­nis­sen stehe und sich darin bewähre. Das steht schon mit der Nen­nung des Roman­ti­tels (1934) fest und gilt unbe­dingt, egal, was den Poe­ten im Roman inter­es­siert und wie er sich dar­auf bezieht. Und erst die Poe­ten selbst! Bei denen sind nicht nur * und t denk­wür­dig, son­dern Wohn­sitz, Ent– wie Ver­lo­bung, lite­rarische und poli­ti­sche Freund­schaf­ten und Über­haupt jeder Lebens­um­stand, den jemand denk­wür­dig fin­den mag. Unab­hän­gig von, ja buch­stäb­lich vor der Kenntnis­nahme des­sen, was der Bücher­schrei­ber denn zu ver­mel­den hat, wird beim Anfüh­ren von Daten der „vita“ bekräf­tigt, dass hier ein außer­ge­wöhn­li­cher Mensch am Werk war, der höchst­per­sönlich in über­grei­fen­den Zusam­men­hän­gen steht. In wel­chen auch immer: die Aufmerk­sam­keit, die ihm zu wid­men ohne­hin beschlos­sene Sache ist, ver­dient er auch.

Ihre Auf­merk­sam­keit für die Daten von Leben(sumständen) & Werk wickelt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft als tech­ni­sches Ver­fah­ren ab. Die Daten müs­sen daste­hen und stim­men, fer­tig. Hier, und nur hier, kennt diese Dis­zi­plin die Kate­go­rien rich­tig und falsch. Mit der gedan­kenlosen Genau­ig­keit kor­rek­ter Fak­ten­wieder­gabe staf­fiert sie ihr Selbst­be­wusstsein als Wis­sen­schaft aus. Wo über­haupt keine Ein­sich­ten zu gewin­nen sind, da prä­sen­tiert sie stolze Resul­tate „philologi­scher For­schung“, die dann das Klam­mer– und Fuß­no­ten­we­sen berei­chern. In die­ser tech­ni­schen Manier lei­tet sie das Inter­pre­tie­ren ein, und zwar mit einem gar nicht mehr mit­ge­dach­ten, weil voll­kom­men selbst­ver­ständ­li­chen Credo: „Es geht um mehr als um flüch­tige Worte“ (deut­scher Schlager).

2. Der Ein­stieg ins Inter­pre­tie­ren – mecha­ni­sche Pro­duk­tion des Interpretandums

Wenn das ‚eigent­li­che‘ Inter­pre­tie­ren dann los­geht, ver­fü­gen Lehr­linge wie Meis­ter sogleich über ein Arse­nal fix und fer­ti­ger theo­re­ti­scher Instru­mente, deren Anwen­dung im Ein­zel­nen belie­big ist, deren belie­bi­ger Ein­satz aber unwei­ger­lich für die mora­lisch kor­rekte Hal­tung gegen­über dem Gegen­stand sorgt.

— Ist das vor­lie­gende Werk noch eine Novelle oder schon ein Roman? Kann die ‚Erzähl­per­spek­tive‘ in das Schema ‚auktorialer/​personaler/​Ich-​Roman‘ ein­ge­ord­net wer­den? Offene oder geschlos­sene Form des Dra­mas? Aris­to­te­li­sches oder epi­sches Thea­ter? Gereim­tes oder reim­lo­ses Gedicht, Sonett oder Stanze in wel­cher Tra­di­tion? Die Liste erhebt kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Bei all die­sen Fra­gen kommt es nicht auf die Ant­wort, son­dern auf die Frage an. Es macht näm­lich gar nichts, dass die meis­ten der gefrag­ten Ein­ord­nun­gen gar nicht ein­deu­tig vor­zu­neh­men sind. Es ist auch egal, dass bei der Defi­ni­tion der abs­trak­ten Form­ka­te­go­rien der größte Pluralis­mus herrscht — man bedient sich eben, wie es güns­tig erscheint. Die Leis­tung die­ser Fra­gen besteht darin, dass sie ein beson­de­res Stück Lite­ra­tur in ein Ver­hält­nis set­zen zu getrennt von ihm aus­ge­dach­ten, ihm durch die Tat des Interpre­ten vor­aus­ge­setz­ten Mög­lich­kei­ten von Dich­tung (Erzäh­lung, Drama, Gedicht) über­haupt. Diese abs­trak­ten Form­ka­te­go­rien figu­rie­ren damit als eine innere Gesetz­mä­ßig­keit des inter­pre­tierten Tex­tes, der die­ser mehr oder min­der gerecht wird. Die Mit­tei­lung ‚kein auktoria­ler Roman‘ gilt da genauso als sach­li­cher Befund wie die Aus­sage ‚Novelle nach dem Mus­ter der Fal­ken­theo­rie‘, obwohl beide Male nur die Über­ein­stimmung oder Nicht­über­ein­stim­mung mit eige­nen vor­aus­ge­setz­ten Maß­stä­ben vermel­det wird. Der Inter­pret sieht diese Sache so, dass er mit der­ar­ti­gen Ver­gleichen den Ein­stieg in die tie­fe­ren „Dimen­sio­nen“ des „Werks“ geschafft hat. Tat­säch­lich aber hat er mit den äußer­li­chen, sub­jek­ti­ven Ver­glei­chen sich ein ger­ma­nis­ti­sches Bedürf­nis nach einer sol­chen „Dimen­sion“, nach einer vom Wort­laut gar nicht mit­ge­teil­ten inne­ren Not­wen­dig­keit des­sel­ben erfüllt. Dass dich­te­ri­sche Ver­laut­ba­run­gen auf jeden Fall eine tie­fere Geord­net­heit aufwei­sen, die durch „bloße“ ver­stän­dige Kennt­nis­nahme nicht auf­zu­de­cken ist; dass sie eine innere Berech­ti­gung haben, die nicht mit dem mit­ge­teil­ten Inhalt zusam­men­fällt, son­dern über ihn hin­ausreicht, das ist das metho­di­sche Vor­ur­teil, das durch die Anwen­dung der abstrak­ten Form­ka­te­go­rien insze­niert wird. Zu die­sem Stand­punkt braucht sich nie­mand zu beken­nen. Schon gar nicht ist ver­langt, ihn zu begrün­den. Das wäre auch ziem­lich lächer­lich. Schließ­lich wal­ten in der Dich­tung keine Not­wen­dig­keiten, son­dern das ein­zige logi­sche Ver­hältnis in ihr besteht in der freien Absicht des Poe­ten, einen ihm gefäl­li­gen Inhalt ande­ren ein­neh­mend vor­stel­lig zu machen, und den die­sem Zweck gemäß frei gewähl­ten Dar­stel­lungsmitteln. In ger­ma­nis­ti­schen Krei­sen gilt das glatte Gegen­teil: das „Werk“ darf sich bloß nicht in sei­nen Zweck und des­sen Mit­tel auf­lö­sen! Der Dich­ter muss mehr gesagt haben als er gesagt hat! Wie gesagt: dazu braucht sich nie­mand empha­tisch zu beken­nen. Es reicht, dass man einige der dank 150jähriger ger­ma­nis­ti­scher „For­schung“ viel­fäl­tig vor­lie­gen­den Form­ka­te­go­rien reich­lich mecha­nisch und gedan­ken­los anwen­det und den Stand­punkt treu­doof praktiziert.

— Ana­log zu den Form­ka­te­go­rien kennt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft his­to­ri­sche Katego­rien — liter­ar­his­to­ri­sche wie andere -, deren kun­dige Anwen­dung sie von ihren Adep­ten erwar­tet. Stich­wort Epo­che: Bis zu wel­chem Werk steckt Goe­the in der Schub­lade ‚Stür­mer und Drän­ger‘ und ab wann muss ihn der Ger­ma­nist unter ‚Klas­sik‘ ein­ord­nen. Stich­wort Tradition: Tho­mas Mann ist ohne seine Rezep­tion von Nietz­sche, Freud und Ador­nos Musik­phi­lo­so­phie nicht zu ver­ste­hen. Stich­wort: Sozi­al­ge­schichte: Gott­sched hat in sei­nen Wer­ken mora­li­sche Werte pro­pa­giert, die der frisch ent­ste­hende bür­ger­li­che Markt zu sei­nem Funk­tio­nie­ren drin­gend nötig hatte; die deut­sche Klas­sik ist ohne die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion nicht denk­bar, vor allem inso­fern als diese Revo­lu­tion im Aus­land statt­fand und zu Hause unterblieb.

Keine der Aus­sa­gen, die nach die­sem Mus­ter Zustan­de­kom­men, beinhal­tet einen Fort­schritt des Wis­sens. Unter dem Stich­wort Epo­che wer­den von einer Reihe dich­te­ri­scher Pro­dukte gemein­same Ideale und dar­stel­le­ri­sche Ver­fah­rens­weisen abge­zo­gen und z. B. mit dem Namen „Sturm und Drang“ belegt; sodann wer­den die­sel­ben Pro­dukte dem „Sturm und Drang‘* wie­der zuge­ord­net, ohne dass man jetzt mehr wüsste als das, was mit „Sturm und Drang“ ohne­hin schon gemeint war. Fer­tig ist der Zir­kel und die Ein­lei­tung des Refe­rats über den „Götz von Ber­li­chin­gen“: er gehört auch dazu.

Ja dann! In der geis­tes­ge­schicht­li­chen Tra­di­ti­ons­de­stille wird auf­ge­zählt, wo eine Idee außer­dem auch noch vor­kommt. Was von ihr ver­nünf­ti­ger­weise zu hal­ten ist, dar­über braucht nichts ver­laut­bart zu wer­den. Das ist näm­lich schon ent­schie­den, und zwar durch das Ver­fah­ren und ganz ohne die Ein­mi­schung eines Urteils zur Sache. Wenn der­selbe Gedanke bei Nietz­sche (Freud, Adorno…) und bei Tho­mas Mann vor­kommt, mag er ein Quark sein — es muss sich aber zumin­dest um einen ehr­wür­di­gen Quark han­deln. Selbst­ver­ständ­lich ken­nen der Epo­chen­be­richt und die geis­tes­ge­schicht­li­chen Nach­rich­ten nicht nur das geist­lose, ganz äußer­lich gemein­schafts­stif­tende Ver­fah­ren der Ana­lo­gie („Wie bei Nietz­sche, so…“), son­dern auch des­sen ebenso begriffs­lo­ses und sub­jek­ti­ves Kom­ple­ment, den Kon­trast. „Im Unter­schied zu Nietz­sches Lehre von der ewi­gen Wie­der­kunft des Glei­chen sieht Th. Mann hier ein his­to­ri­sches Ele­ment …“ Das gibt es auch nur in der Ger­ma­nis­tik, dass Ähn­lich­keit eben­so­gut wie Unähn­lich­keit von Ideen immer für die Ehr­bar­keit die­ser Ideen und ihrer (angeb­li­chen) Aus­he­cker wie Abschrei­ber spricht. Das gedan­ken­lose Kata­lo­gi­sie­ren von Merk­ma­len geis­ti­ger Inhalte und lite­ra­ri­scher Ver­fah­rens­wei­sen wird ergänzt durch Ver­weise auf die „Real­ge­schichte“. Kriege vom Drei­ßig­jäh­ri­gen bis zum 2. Welt­krieg, Revo­lu­tio­nen, aber auch der „Markt“ tun da beste Dienste. Wie das ange­spro­chene Ver­hält­nis von Lite­ra­tur und poli­ti­schem oder öko­no­mi­schem Sach­ver­halt beschaf­fen sein soll, ist egal. Ein­mal — wie im zitier­ten Falle Gott­scheds — kann die Lite­ra­tur als dem Markt vor­aus­ge­setzte Bedin­gung gedacht wer­den, die mit ihrer Moral­pro­pa­ganda den ver­trag­li­chen Waren­ver­kehr erst ermög­licht. Das ent­ge­gen­ge­setzte Ver­hält­nis ist nicht min­der gebräuch­lich: Markt mit sei­nem mate­ria­lis­ti­schen Zweck­denken treibt Schrift­stel­ler in die gesellschaft­li­che Iso­lie­rung und bewirkt artisti­sche Eso­te­rik… Was stört es Ger­manisten, wenn in „Ablei­tun­gen“ wie der .letz­te­ren die Welt für die Betrach­tungs­weise der­sel­ben durch die Dich­ter ver­ant­wort­lich gemacht wird und der Poet als mecha­ni­sches Voll­zugs­or­gan „gesellschaft­li­cher Ent­wick­lun­gen“ figu­riert — es geschieht ja aus bes­ter Absicht! Wenn der bestimmte his­to­ri­sche Sach­ver­halt, zu dem die Lite­ra­tur in Bezie­hung gesetzt wird, wie der Inhalt die­ser Bezie­hung ohne­hin gleich­gül­tig ist, dann kann man sich auch gleich mit stu­pi­den Hinwei­sen auf zeit­gleich Vor­lie­gen­des begnü­gen und sich auf die Demons­tra­tion der puren Absicht beschrän­ken, da (irgend)eine Bezie­hung stif­ten zu wol­len: Wäh­rend 1835 die erste Eisen­bahn­stre­cke in Deutsch­land eröff­net wurde, ver­fasste Grillparzer…

Bei den geis­tes– und „real„geschichtlichen Ver­wei­sen herr­schen in der Literatur­wis­sen­schaft die­selbe Belie­big­keit und der­selbe gedan­ken­lose Sche­ma­tis­mus wie bei der Anwen­dung der Form­ka­te­go­rien. Das ist kein Zufall. Wenn etwa im Falle von Schil­lers „Räu­bern“ a) die bür­ger­li­che Revo­lu­tion in der Form ihrer Nicht­exis­tenz in Deutsch­land, b) die Epo­che des ‚Sturm und Drang‘, c) Tra­di­tio­nen der Auf­klä­rung, d) die Form der Tra­gö­die als die­je­ni­gen Bedin­gun­gen in Anschlag gebracht wer­den, denen die­ses Drama sich ver­danke, dann sind mit a‑d genau­ge­nom­men vier all­ge­meine, über­persön­li­che Kräfte behaup­tet, die sich aus­drü­cken woll­ten und dazu dem Jüng­ling Schil­ler die Feder führ­ten. Die­ser ekla­tante idea­lis­ti­sche Unsinn geht durch, weil nie­mand auch nur eines der als ursäch­lich sug­ge­rier­ten Ver­hält­nisse genau und ernst nimmt. Es sol­len ja gar nicht wirk­li­che Vor­aus­set­zun­gen des Dra­mas ermit­telt, son­dern (denk)mögliche Vor­aus­set­zun­gen hypo­the­tisch gesetzt wer­den. Da ist dann jede nur denk­bare „Bezie­hung“, also jede erlaubt. Die Gewiss­heit, dass man mit kei­ner Ver­knüp­fung ganz schief Hegen kann, ist über­haupt nicht vom Inhalt der ange­ge­be­nen Kräfte, Ursa­chen und Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig. Umge­kehrt wird ein ger­ma­nis­ti­scher Schuh dar­aus. Jeder Kennt­nis­nahme etwa eines Dra­mas setzt die Ger­ma­nis­tik die leere Idee sei­ner Berech­ti­gung vor­aus. Die­ses metho­di­sche Vor­ur­teil, die Iden­ti­tät der Lite­ra­tur bestehe in deren nur posi­tiv nach­zu­voll­zie­hen­der Notwen­dig­keit, bebil­dert sie, indem sie andere aner­kannte Geis­tes­pro­dukte, poe­ti­sche Maschen und genauso gut „real­his­to­ri­sche“ Gege­ben­hei­ten zu Vor­aus­set­zun­gen, Ursa­chen oder Wir­kun­gen des behan­del­ten Dra­mas ernennt. Stets hat so ein phan­tas­ti­sches Gebilde die adäquate Reak­tion auf eine rele­vante Gegeben­heit, die Ant­wort auf vor­aus­lie­gende ideen– und „real „his­to­ri­sche Fra­gen zu sein, die seine Exis­tenz in den Sta­tus der Not­wen­dig­keit erhe­ben. Erst wenn jedes dich­te­ri­sche Mach­werk mit so einem „Hin­ter­grund“ ver­se­hen ist, dann gibt es den Gegen­stand ger­ma­nis­ti­scher Geis­tes­tä­tig­keit ab. Mit der Erfin­dung sol­cher „Hin­ter­gründe“ kre­iert diese Dis­zi­plin ihren Gegen­stand. Und inso­fern es nur dar­auf ankommt, dass jedem Poe­ten­schnör­kel Hin­ter­grün­dig­keit beschei­nigt und damit dem Inter­pre­tie­ren das Her­um­trei­ben zwi­schen „Text“ und „Hin­ter­grund“ zum Auf­trag gemacht wird, ist der gedan­ken­lose Sche­ma­tis­mus der Hin­ter­grund­bil­dung schon vor­pro­grammiert. Der Lehr­ling der Zunft braucht ja nichts im Kopf zu haben außer der metho­di­schen Leit­li­nie, irgendwo irgend­wel­che Vor­aus­set­zun­gen etc. her­zubekom­men. Mit die­ser gedan­ken­lo­sen Übung trägt er unfehl­bar dem lite­ra­turwis­sen­schaft­li­chen Bedürf­nis Rech­nung, dass jedes Stück Lite­ra­tur in den logi­schen Kate­go­rien von Bedin­gung & Voraus­set­zung, Ursa­che & Wir­kung vorzukom­men hat. Die­ses Ein­set­zen in logi­sche Bezie­hun­gen sug­ge­riert dem Den­ken die Not­wen­dig­keit, von der die Dis­zi­plin vor­weg schon unbe­dingt über­zeugt ist. Der Inhalt der jeweils ange­nom­me­nen Bezie­hung ist da ent­schie­den zweitran­gig. Warum soll­ten die Azu­bis da sorgfäl­ti­ger und red­li­cher sein als ihre Meis­ter, die frei­hän­dig die ver­schie­dens­ten Bezie­hun­gen stif­ten und über ihre unter­schied­li­chen Not­wen­dig­keits­be­hauptun­gen nicht ein­mal in wis­sen­schaft­li­chen Streit gera­ten? Da ist die kri­te­ri­en­lose Ori­en­tie­rung an den gerade modi­schen Auto­ri­tä­ten — frü­her mal Lukacs, dann Jauss, Adorno aber immer — wie das belie­bige Abschrei­ben aus diver­sen Lite­ra­tur­ge­schich­ten, immer unter oppor­tu­nis­ti­schem Schie­len auf die beurtei­lende Lehr­per­son, wirk­lich das gerechte Verfahren.

II. Das Geschäft des Interpretierens

oder:

Die Pro­duk­ti­vi­tät der intel­lek­tu­el­len Liederlichkeit

Gesetzt den Fall, die „Daten deut­scher Dich­tung“, ein Hand­buch sowie eine Litera­tur­ge­schichte sind kon­sul­tiert, ein Satz mög­li­cher Vor­aus­set­zun­gen ist erstellt, dem „Werk“ ist eine Hin­ter­grün­dig­keit ver­schafft. Dann kann das „eigent­li­che“ Inter­pre­tie­ren loslegen.

Vom mora­li­schen Steckenpferd…

Gert Mat­ten­klott, o. Prof. zu Mar­burg, inter­pre­tiert den sati­ri­schen (!) Schelmen­ro­man (!) „Schel­muffsky“ (1696!) von Chris­tian Reu­ter (1665 –1712!), indem er auf die prä­na­tale Geschichte des Prot­ago­nis­ten abhebt, die durch einen obsku­ren Vor­fall zwi­schen des­sen Mut­ter, sei­ner Schwes­ter und einer Ratte gekenn­zeich­net ist.

„Was also der Form nach tat­säch­lich, fein ordent­lich, mit dem Anfang, also der Geburt des Hel­den, beginnt, ist alles andere als in Ord­nung. Wir müs­sen viel­mehr in der Ratte irgend­eine bei­ze­b­ü­bi­sche Schwei­ne­rei sehen, ver­mut­lich von nicht gewöhn­li­cher Obs­zö­ni­tät, schleicht die Ratte doch durch die Beine der Schwes­ter in ein Loch, wovon die bereits schwan­gere Mut­ter in Ohn­macht fällt. 24 Tage liegt sie da nun, das ist, wie die Ger­ma­nis­tik ermit­telt hat, die Tra­ge­zeit der Ratte… Den Ein­druck, dass es tie­risch, sata­nisch und auch sonst nicht ganz anstän­dig bei der Geburt zuging, schei­nen auch die ande­ren Per­so­nen des Romans zu tei­len. Denn wo immer der Held denn spä­ter die Geschichte von der Ratte erzählt, da zei­gen die anwesen­den Damen ein augen­fäl­li­ges Inter­esse an Schel­muffsky, der Ratte und dem Blas­rohr. So ver­spot­tet der Erzäh­ler die chro­ni­ka­li­sche Ord­nung des Erzäh­lens, von Anfang und Folge, Ursachen­lo­gik und nach­fol­gen­den Ver­hält­nis­sen, indem er die Ursa­che des Vor­ge­hens durch ein por­no­gra­phi­sches Sym­bol ersetzt, das nun nicht nur wie ein Leit­mo­tiv des Romans stän­dig wie­der­kehrt, son­dern zugleich auch in der Roman­hand­lung immer wie­der als ein def­ti­ger, rät­selhaf­ter Impuls vor­kommt. Alles ent­wi­ckelt sich zwar vom Anfang her, aber die­ser Anfang ist ein abstru­ser Zufall. Zwar gibt es eine Kon­ti­nuität und Fol­ge­rich­tig­keit der nach­fol­gen­den Ordnung der Ereig­nisse, die folgt aber ers­tens aus der Erin­ne­rung sei­nes ers­ten Unfalls, oder aber, indem neue Abstru­si­tä­ten der erst­ge­nann­ten Art ihn erei­len. Der Spott betrifft frei­lich nicht bloß die chro­ni­ka­li­sche Ord­nung und die Logik von Ursa­che und Folge, die Rat­ten­ge­schichte par­odiert auch den Topos von der hohen Geburt der– Roman­hel­den. So geht es hier zwar außer­or­dent­lich zu, aber doch nur außer­or­dentlich unanständig.“

Es ist schon merk­wür­dig, wor­über Ger­ma­nis­ten sich wun­dern. Mat­ten­klott wun­dert sich dar­über, dass im „Schel­muffsky“ eine unan­stän­dige Geschichte ‚anstän­dig‘, d. h. von Anfang bis Ende in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­folge erzählt wird. Wenn ein „por­no­gra­phi­sches Sym­bol“ vom Autor als „Ursa­che des Vor­ge­hens“ ein­ge­setzt wird, dann kann Mat­ten­klott darin gar kei­nen „fein ordent­lich“ gemach­ten Anfang mehr erbli­cken. Der Inter­pret gebär­det sich hier wie eine Bet­sch­wes­ter, für die ein Roman erst dann eine „fol­ge­rich­tige Ord­nung der Ereig­nisse“ hat, wenn Figu­ren und Ereig­nisse die mora­li­sche Ord­nung respek­tie­ren. Dabei kommt es Mat­ten­klott frei­lich nicht auf den bor­nier­ten Mora­lis­mus sel­ber an, son­dern auf des­sen alberne Umkeh­rung. Er liest die Glei­chung: ‚geord­nete Dar­bie­tung einer Hand­lung = mora­lisch ein­wand­freie Hand­lung* anders­herum und fol­gert, der Bet­sch­wes­ter kon­ge­nial: Wenn die Hand­lung Obs­zö­nes ent­hält, dann kann es sich nicht zugleich um die geord­nete Dar­bietung einer Hand­lung han­deln; und wenn es sich doch darum han­delt, dann ist diese lite­ra­ri­sche Ord­nung ein Schein, hin­ter dem sich das Gegen­teil verbirgt.

So ent­kommt kein sim­pler Schel­menroman dem ger­ma­nis­ti­schen Bedürf­nis nach Hin­ter­grün­dig­keit aller Lite­ra­tur. Die ‚eigent­li­che‘, tie­fere Bedeu­tung, die Mat­ten­klott dem „Schel­muffsky“ ver­passt, besteht darin, dass durch seine nega­tive Bet­sch­wes­ter­lo­gik der Held etwas untergrün­dig Sub­ver­si­ves bekommt: eine jede Ord­nung auf­lö­sende Kraft, die a) mit der „chro­ni­ka­li­schen Ord­nung des Erzäh­lens“ und dem „Topos von der hohen Geburt der Roman­hel­den“ zwei roman­üb­li­che Gepflo­gen­hei­ten zer­setze, womit aber b) durch­aus auf reale (Unter-)Ordnungsprin­zi­pien und Macht­ver­hält­nisse ange­spielt sein soll. Dass der Roman­held es mit dem sexu­el­len Anstand nicht so genau nimmt, deu­tet der Inter­pret so, dass sein Erfin­der damit ins­ge­heim auch den erzäh­le­ri­schen Anstand von wegen „Anfang und Folge“ und damit auch gleich noch jeden Anstand und jede „Ord­nung“ unter­lau­fen wollte. Diese Sicht­weise des Romans rech­net damit, dass Ger­ma­nis­ten Erzähl­re­geln, mora­li­sche Gebote und Macht beden­ken­los in einen Topf wer­fen, wenn damit einem Roman eine halb­wegs welt­be­we­gende Leis­tung beschei­nigt wer­den kann. Letz­tere soll darin beste­hen, dass der „Schel­muffsky“ Mat­tenklotts Ideal von der unver­wüst­li­chen Sub­jek­ti­vi­tät schon 1696 ein lite­rarisches Denk­mal gesetzt haben soll (das­selbe sagt Mat­ten­klott dann im Ver­lauf sei­ner Vor­le­sung so ziem­lich allen anerkann­ten Roma­nen bis auf den heu­ti­gen Tag nach). Die­sem Ideal zufolge besteht die Welt einer­seits aus lau­ter Angrif­fen auf die Sub­jek­ti­vi­tät, nament­lich durch. Herr­schaft, Moral, Ver­nunft und poe­ti­sche Regeln (was alles als das­selbe zählt), ande­rer­seits einem Sub­jekt, das sich das Lachen, Sin­gen, Fau­len­zen, Vögeln und Her­um­phan­ta­sie­ren (auch wie­der alles das­selbe) nicht ver­bie­ten lässt und der­ge­stalt noch in der prak­ti­zier­ten Unter­ordnung ein Stück urei­ge­ner Selbst­be­stimmung erhält. Vor allem in der phan­tastischen Welt der Lite­ra­tur. Selbst­re­dend tei­len die Damen & Her­ren Kol­le­gen wie die Stu­den­ten Mat­ten­klotts schön­geistigen Edel­spon­ta­n­eis­mus nur aus­nahmsweise. Trotz­dem ist seine Inter­pre­ta­tion in der Fach­welt aner­kannt. Er erfüllt näm­lich die Maß­stäbe, auf die es beim Inter­pre­tie­ren ankommt:

… zum Hort aller Moralität…

— Sein Ideal einer ganz im Selbst­be­wusstsein lie­gen­den indi­vi­du­el­len Selbstbestim­mung, die die prak­ti­sche Unter­werfung um die Selbst­in­ter­pre­ta­tion als freier Mensch treff­lich ergänzt, ist als ideale Tugend des moder­nen Unter­ta­nen kennt­lich. Ergo darf die­ses Ideal als ein Wert, als immer­hin eine par­ti­elle Ver­kör­pe­rung des Huma­n­ums gel­ten, das „wir alle“ ganz frag­los zum Anlie­gen haben.

— Zum zwei­ten , ‚fin­det“ Mat­ten­klott die­sen sei­nen Wert immerzu in der Lite­ra­tur. Das ehrt Mat­ten­klott, inso­fern Mat­ten­klott damit die Lite­ra­tur ehrt. Wenn er sein per­sön­li­ches mora­li­sches Prin­zip­chen dort wie­der­ent­deckt, dann besorgt er sich nicht bloß eine bil­lige pri­vate Befrie­di­gung, son­dern er leis­tet damit einen Bei­trag zur Lite­ra­tur­wis­senschaft. Die­ser besteht darin, dass er im Wer­te­him­mel der Dich­tung noch ein morali­sches Sinn­prin­zip ver­hei­ma­tet hat.

… der Lite­ra­tur schlechthin

Gert Mat­ten­klott ist nicht der ein­zige Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, der ein mora­li­sches Ste­cken­pferd rei­tet. Ingrid Mit­ten­zwei von der Goethe-​Universität zu Frank­furt am Main liebt die Tugend der Demut, ihr Kol­lege Lep­per hat es mit den Idea­len der Demo­kra­tie usw. usf. Gemein­sam ist ihnen, dass sie kei­nes­wegs ihre per­sön­li­che Gesin­nung in ihrem Privat­le­ben pfle­gen und ansons­ten Literatur­wis­sen­schaft trei­ben, son­dern alle veranstal­ten ihre Lite­ra­tur­wis­sen­schaft so, dass sie ihre mora­li­schen Vor­lie­ben in der Lite­ra­tur unter­brin­gen. Für Frau Mit­ten­zwei besteht der rote Faden der gan­zen Lite­ra­tur­ge­schichte darin, dass das mora­li­sche Frosch­prin­zip der Demut abwech­selnd gefähr­det und gewahrt wird. „Linke“ Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler bespre­chen — nicht nur, aber sehr gern — den Vor­märz, Hein­rich Heine, H. Manns „Unter­tan“ oder Brecht. Dass diese Auto­ren so ähn­lich den­ken wie der Inter­pret, ver­schafft die­sem nicht nur eine bil­lige Befrie­di­gung, son­dern die­selbe wert und teure Auf­gabe, die die eher kon­ser­va­tiv gestimm­ten Kol­le­gen auch beflü­gelt: Jeder macht sich mit sei­nem mora­li­schen Anlie­gen an den „Nach­weis“, dass die dich­te­ri­sche Bot­schaft unter den gege­be­nen Uterar– und „real„geschichtlichen Vor­aus­set­zun­gen eine berech­tigte und not­wen­dige war. Ob Frau Mit­ten­zwei den Ver­nunf­ti­dea­lis­mus der Auf­klä­rung bemüht, um den roman­ti­schen Irra­tionalis­mus — immer­hin ein unver­söhnlicher Wider­spruch zum Ratio­na­lis­mus — als plau­si­ble Fort­ent­wick­lung in Rich­tung ‚mehr Beschei­den­heit beim Den­ken‘ hin­zu­stel­len; ob der Lek­türe des „Unter­tan“ eine Beschäf­ti­gung mit dem wil­hel­mi­ni­schen Staat vor­ge­schal­tet wird, die mit dem alber­nen Befund ‚keine Demokra­tie‘ den Wil­hel­mi­nis­mus in einen ein­zi­gen Ruf nach H. Manns Roman umdeu­tet — stets stellt sich bei den Inter­pre­ten Zufrie­den­heit ein. In bei­den Fäl­len ist das eigene mora­li­sche Ideal einem Stück Literatur(geschichte) als des­sen sach­li­che Berech­ti­gung, unter­ge­scho­ben. Und sel­bi­ges Stück Lite­ra­tur steht dann da als die leib­haf­tige Rea­li­sie­rung einer mora­li­schen Not­wen­dig­keit. Am Plu­ra­lis­mus des Inter­pre­ta­ti­onswesens kann man able­sen, dass es für die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gleich­gül­tig ist, ob sich ihre Macher der Lite­ra­tur mit reak­tio­nä­ren oder fort­schritt­li­chen Wert­hal­tun­gen „nähern“. Ob die Lite­ra­tur als rea­li­sier­tes Ideal der nack­ten Untertanen­tu­gend Demut & Beschei­den­heit, als rea­li­sier­tes Ideal des mün­di­gen demo­kratischen Bür­gers oder, wie bei Mat­tenklott, als rea­li­sier­tes Ideal letzt­lich unver­wüst­li­cher Sub­jek­ti­vi­tät gedeu­tet wird — das bleibt sich in gewis­ser Hin­sicht gleich. Diese gleich­blei­bende Hin­sicht lau­tet: auf jeden Fall ist die Lite­ra­tur das rea­li­sierte Ideal, egal, wel­chen Inhalt es haben mag. Die­ses Credo einigt die „Reaktio­nä­ren“, die „Fort­schritt­li­chen“ und die breite „Mitte“ wirk­lich. Diese metho­disch abs­trakte und darin bedin­gungslose Wert­schät­zung der lite­ra­ri­schen Künste ist vor­aus­ge­setzt, damit das Unterbrin­gen eige­ner mora­li­scher Ste­cken­p­ferde in der Lite­ra­tur respek­tive das Suchen nach dich­ten­den Gesin­nungs­ge­nos­sen, auch wenn die längst ver­bli­chen sind, über­haupt als loh­nend erscheint. So leis­tet dann jeder Inter­pret mit sei­nem speziel­len mora­li­schen Spleen ganz selbst­be­wusst einen Bei­trag dazu, die Lite­ra­tur schlecht­hin als den wirk­li­chen Ort aller Werte, als die exis­tente Sphäre des Huma­n­ums hoch­le­ben zu las­sen. Dass es die Lite­ra­tur gibt, erscheint so wie der wahr­ge­wor­dene Seuf­zer der Zufrie­denheit: Was will der Mensch mehr!

Lite­ra­tur – schöne Abrun­dung einer weni­ger schö­nen Welt !

Wenn es nur um die kul­tur­pfle­ge­ri­sche Wür­di­gung der Sphäre geht, die durch das dich­te­risch gesetzte Wort abge­steckt ist, und wenn die prin­zi­pi­elle Wert­schätzung die­ser Sphäre als des wirk­li­chen Orts aller mora­li­schen Desi­de­rate ohne­hin außer Frage steht, dann ist die­ser selbst­zu­frie­dene Zir­kel auch ohne Bemü­hung bestimm­ter mora­li­scher Ideale zu haben. In einer fort­ge­schrit­te­nen Literatur­wis­sen­schaft wird die­ses Lob­lied ohne den Anschein eines damit ver­bun­de­nen Anlie­gens gesun­gen, wes­halb sich neben der Dumm­heit und Eitel­keit die ödeste Lan­ge­weile breit­macht. Zwei Bei­spiele, mit deren Methode sich jede belie­bige ger­ma­nis­ti­sche „Arbeit“ stri­cken lässt.

„Die Pro­jek­tio­nen des Romans sind Aus­druck einer Man­gel­er­fah­rung, Reßex auf eine unpoe­tisch gewor­dene Gegen­wart, in der es die so dar­ge­stellte Natur nicht mehr gibt.“ (Prof. Pickerodt, Mar­burg, über einen roman­ti­schen Roman)

Die Fer­ti­gungs­schritte die­ses Gedan­kengebäu­des im Einzelnen:

1. Dementi, dass die Gedan­ken des Romans das sub­jek­tive Pro­dukt sei­nes Autors sind. Zwar sind Gedan­ken immer sub­jek­tive Pro­dukte ihres Urhe­bers, und das macht nor­ma­ler­weise auch nichts: man kann ja ihren Inhalt auf seine Allgemein­heit über­prü­fen und sie je nach­dem akzep­tie­ren oder ver­wer­fen. Nicht so bei Dich­tern. Deren Auf­fas­sun­gen muss getrennt von jeder Über­prü­fung Allgemein­heit zukom­men. Das ist ein metho­di­sches Prin­zip, d. h. der Inter­pret will die Auf­fas­sun­gen des Romans weder mit Grün­den ableh­nen noch sie für sich akzep­tie­ren, son­dern er sucht nach Umstän­den, unter denen sie rela­tiv — oder „his­to­risch“ — gül­tig sind, will also vor allem sel­ber der Meis­ter aller Gül­tig­keitsbeschei­ni­gun­gen bleiben.

2. Behaup­tung, dass „die Pro­jek­tio­nen des Romans“ Wir­kun­gen der Rea­li­tät sind. Zwar kann die Rea­li­tät keine literari­schen Ein­bil­dun­gen kre­ie­ren. Aber der Inter­pret setzt nur des­halb die Rea­li­tät der Lite­ra­tur vor­aus, um die­ser pau­schal einen reel­len Gehalt zu beschei­ni­gen und das Ver­hält­nis sofort umzudrehen:

3. Defi­ni­tion der Rea­li­tät als „unpoe­tisch“. Die Rea­li­tät immer­hin des beginnen­den Kapi­ta­lis­mus soll darin ihren Kern haben, dass es in ihr nicht zugeht wie in roman­ti­schen Roma­nen. Logisch gese­hen kann eine nicht vor­han­dene Qua­li­tät der „Gegen­wart“ auch nichts bewir­ken. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ist das Welt­bild aber wie­der in Ord­nung: Die ent­schei­dende Eigen­schaft der Rea­li­tät besteht in ihrem Ver­hält­nis zur Poe­sie. In ange­führ­ter „Gegen­wart“ man­gelt es an Poe­sie, also muss­ten die Roman­ti­ker so poe­tisch dich­ten wie sie es taten. Und: mit der roman­ti­schen Poe­sie ist die Rea­li­tät eine runde Sache. Einen Moment lang lässt der Inter­pret die Lite­ra­tur sich radi­kal um die Welt dre­hen, damit sogleich die Welt sich um die Lite­ra­tur dreht und in die­ser ihren Nabel hat. Es ist im Prin­zip das­selbe, wie wenn ein ande­rer H. Mann als Kri­ti­ker des Wil­hel­mi­nis­mus lobt, den ers­ten deut­schen Impe­ria­lis­mus in die­sem Sinne der auto­ri­tä­ren Herr­schaft, der Aus­beu­tung und seine Bür­ger des Unter­ta­nen­tums bezich­tigt, damit die schlechte Gesell­schaft ihrem Kri­ti­ker recht gibt und wie­der ein­mal gesagt ist, dass in der Lite­ra­tur je schon der Aus­gleich jedes Man­gels der Wirk­lich­keit vor­liegt. Nur ist in der Manier Pickerodts die Heu­che­lei, mit H. Manns demo­kra­ti­schen Idea­len einer Rea­li­tät kri­tisch zu Leibe rücken zu wol­len, als über­flüs­si­ger Umweg aus­ge­las­sen. Auch nicht zum Schein braucht sich der Inter­pret für ein Ideal und gegen eine davon abwei­chende Rea­li­tät aus­zu­sprechen. Es reicht, wenn er ziel­stre­big auf den Kern sei­nes Anlie­gens zusteu­ert und sich ver­si­chert, dass wie immer, so auch die­ser Zustand von Aus­beu­tung und Herr­schaft in die­ser lite­ra­ri­schen Rich­tung seine adäquate mora­li­sche Ant­wort gefun­den hat. Und in Gestalt von „Refle­xen“ auf Aus­beu­tung und Gewalt, die durch sein Zutun Zustan­de­kom­men und so zufrie­den­stel­lend aus­fal­len wie es ihm gefällt, sind dem Inter­pre­ten alle Gewalt­zu­stände Anlässe fein­sin­ni­gen Goutierens.

Von einer Sinn­haf­tig­keit in die andere

Über den Roman der Auf­klä­rung teilt Die­ter Kim­pel, Frank­furt, fol­gen­des mit:

„Für die aus der frag­lo­sen Sinn­haf­tig­keit des alten Mythos (Epos) eman­zi­pierte Roma­ne­pik wird die damit auf­bre­chende Dif­fe­renz von Ding­li­chem und Per­so­na­lem, Natur und Geschichte, Imma­nenz und Tran­szen­denz inso­weit zum Pro­blem, als die sich zugleich ein­stel­lende For­de­rung, den Erzähl­ge­gen­stand und sei­nen Sinn unter dem nun kon­sti­tu­ti­ven Prin­zip des Zeit­li­chen neu zu bestim­men, der Roman­form die Schick­sals­frage stellt… Im Bewusst­sein ihrer Frag­wür­dig­keit fin­den die Gedan­ken dar­über, wie der Schrift­stel­ler den anste­hen­den Apo­rien ent­kom­men könnte, stärks­ten Aus­druck in der früh­ro­man­ti­schen Spe­ku­la­tion auf die Mög­lichkeit der ‚neuen Mytho­lo­gie‘.“ (D. K.: Roman der Aufklarung)

Es kann nicht bestrit­ten wer­den, dass die Dich­ter pri­vate Ereig­nisse vom Abend­spa­zier­gang im Mond­schein oder Glück und Pech in der Liebe über all­täg­li­che Abhän­gig­kei­ten und Pflich­ten sowie jede Form von Aus­beu­tung bis hin zu welt­his­to­ri­schen Ereig­nis­sen als bloße Zei­chen behan­deln, die auf dar­un­ter­lie­gende ide­elle Prin­zi­pien und Sinn­ge­halte ver­wei­sen, wodurch dann im Hin­blick auf diese Prin­zi­pien alles und vor allem das Wid­rige seine Ord­nung und sei­nen guten Grund hat. Die­ser bil­lige Zufrie­den­heit stif­tende Sinn-​Wahn ist aber noch lange kein ver­nünf­ti­ger Grund, auf die­sen Wahn­sinn noch eins drauf­zu­sat­teln, den bedich­te­ten Wer­te­him­mel auch noch wissen­schaft­lich zur eigent­li­chen Rea­li­tät und die schnöde Wirk­lich­keit von Öko­no­mie und poli­ti­scher Gewalt zum Pro­blem­lie­fe­ran­ten und Stich­wort­ge­ber für die Fort­ent­wick­lung der letz­ten Menschheits­prin­zi­pien zu erklä­ren, Letz­te­ren Unsinn sieht die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft aber als ihre Auf­gabe an. Wie die ange­führte Pas­sage beweist, hat es Die­ter Kim­pel darin weit gebracht. In sei­nen Augen beschreibt der Auf­klä­rungs­ro­man einen Kreis vom Mythos (alt, mit frag­lo­ser Sinn­haf­tig­keit, aber nicht mehr glaub­wür­dig) zum Mythos (früh­ro­man­tisch, Spe­ku­la­tion auf seine Mög­lich­keit, also noch nicht ganz glaub­wür­dig). Im Ver­lauf die­ses Zir­kels tre­ten Mythos/​Epos /​Epik = Roman in „Apo­rien“ aus­ein­an­der, die sich wie­der zum „Prin­zip des Zeit­li­chen“ zusam­men­fas­sen und der „Roman­form“ = dem Geschich­ten­er­zählen als sol­chem ‚die Schick­sals­frage“ stel­len. Der Vor­teil die­ses Prin­zi­pi­enkarus­sells besteht darin, dass die Prin­zi­pien kei­nen Inhalt haben, son­dern leere Gegen­satz­paare dar­stel­len, die nur durch ihr Gegen­stück den Anschein einer Bedeu­tung bekom­men. Das „Ding­li­che“ gibt es,nicht, es sei denn, man denkt das „Per­so­nale“ hinzu, wel­ches dann alles das ist, was nicht „ding­lich“, und umge­kehrt. Mit „Imma­nenz und Tran­szen­denz“ ver­hält es sich genauso, und auch „Geschichte“ heißt nicht mehr als „nicht Natur“. Kim­pels Gegen­satz­paare haben nur inner­halb sei­nes Sat­zes einen Gehalt. Das ist ein rhe­to­ri­scher Trick. Gerade die Inhalts­leere der abs­trak­ten Gegen­satz­paare trans­por­tiert den Anspruch, dass in ihnen wirk­lich alles Rele­vante mit­ge­dacht ist, z. B. Auf­klä­rung, Säku­la­ri­sie­rung durch Ver­nunfts­tre­ben, Auf­lö­sung der Stan­desschran­ken. Das ist es auch, und zwar inso­fern, als alte und neue Welt­an­schauungen, Ver­än­de­run­gen der Herr­schaft und Öko­no­mie, eben unter­schieds­los alles in den gro­ßen Topf geschmis­sen ist, der nach Über­ein­kunft der Zunft die Vor­aus­set­zun­gen und Wir­kun­gen ent­hält, durch die die Sphäre der „Sinn­haf­tigkeit“ sich sel­ber fort­wälzt. Der ent­sch­lossene Unwille, Rea­li­tät, Moral und lite­ra­ri­sche Fik­tion aus­ein­an­der­zu­hal­ten, ist da eine glück­li­che Ver­bin­dung mit der Anma­ßung ein­ge­gan­gen, die Sub­stanz der Rea­li­tät selbst­ver­ständ­lich in den lite­ra­ri­schen Fik­tio­nen zu erbli­cken. Von deren stets erneu­er­ter Selbst­fort­pflanzung prä­sen­tie­ren Kim­pels bescheu­erte Gegen­satz­paare ein Bild, des­sen Bot­schaft schon rüber­kommt. Lau­ter inhalts­lose Vor­stel­lun­gen, deren wech­selsei­ti­ger Ver­weis Cha­rak­ter das Drän­gen auf har­mo­ni­schen Aus­gleich vor­stel­lig macht, sol­len sich ent­zweit und damit den Schrift­s­tei­lem den Auf­trag erteilt haben, durch Fort­set­zung der „Roman­form“ diese Har­mo­nie wie­der­her­zu­stel­len. Selbst wenn Kim­pel einen ein­zi­gen Schrift­stel­ler nam­haft machen könnte, der wirk­lich das Anlie­gen gehabt hätte, unter dem „nun kon­sti­tu­ti­ven Prin­zip der Zeit­lich­keit“ erst recht die „frag­lose Sinn­haf­tig­keit des alten Mythos (Epos)“ hoch­le­ben zu las­sen, dann wäre seine Sicht­weise immer noch ein star­kes Stück. Er stellt näm­lich die­sen Zweck, den es nur als idea­lis­ti­sches Anlie­gen geben kann, als eine Tat­sa­che hin, die allen Absich­ten von Lite­ra­ten vor­ausgesetzt ist und diese bedingt. In Kim­pels Sicht der Dinge bedingt das „Prin­zip der Zeit­lich­keit“ den Auf­klä­rungs­ro­man, indem die Schrift­stel­ler sich ihm stel­len und ihm gerecht wer­den. Einer­seits kön­nen sie gar nicht anders, da Kim­pel sie ja unter die­ses Gesetz des Schrift­stel­lerns nach 1700 gestellt hat. Ande­rer­seits braucht der Lite­ra­tur­his­to­ri­ker kei­nen ein­zi­gen Roman­in­halt anzu­füh­ren, um jeden Dich­ter mit der Aus­zeich­nung zu ver­se­hen, er sei jeden­falls ein ver­antwortungs­vol­ler Zulie­fe­rer für das Zeug­haus, in dem alle pas­sen­den ‚Weiß-​Warums‘ und ‚Was-​willst-​du-​mehrs‘ aller Zei­ten auf­be­wahrt wer­den und „der Mensch“ resp. das Huma­num seine Hei­mat hat.

III. Fazit

Die kon­sti­tu­ie­rende Idee des Uni­ver­si­täts­fa­ches Lite­ra­tur­wis­sen­schaft besteht in einer mora­li­schen Idio­tie des selbstbewuss­ten Unter­tan, die am Gegen­stand der Lite­ra­tur pro­fes­sio­nell zur uni­ver­sel­len Welt­an­schau­ung wie zum indi­vi­du­el­len Sinn­pro­gramm aus­ge­stal­tet wird. Wel­ches mora­li­sche Indi­vi­duum beherrscht nicht die Übung, seine Benut­zung durch die maß­geb­li­chen Instan­zen als Gerechtig­keit oder Unge­rech­tig­keit, als wahrgenom­mene Frei­heit, auf­er­leg­tes Schick­sal, Dienst an einem über­ge­ord­ne­ten Höhe­ren — kurz: als not­wen­dige Kon­se­quenz ide­el­ler Prin­zi­pien zu inter­pre­tie­ren! Dem Bedürf­nis von Mit­ma­chern, sich den Gang von Geschäft und Gewalt und wie man sel­ber darin ver­plant ist als irgend­wie ver­nunft­ge­mäße, der freien Ein­sicht zugäng­li­che Not­wen­dig­keit zurecht­zu­le­gen, die­sem Bedürf­nis haben die Dich­ter jeder­zeit Mate­rial zur Selbst­be­schäf­ti­gung ver­schafft, indem sie sich für die­ses oder jenes Ideal begeis­ter­ten oder ihre Ergrif­fen­heit von der Erha­ben­heit oder Abgrün­dig­keit jener letz­ten Prin­zi­pien ver­si­fi­zier­ten. So passt dann Eichen­dorff in den Schüt­zen­gra­ben, wäh­rend man­cher oppo­si­tio­nell gestimmte Jugend­li­che vor Freude über das Vor­lie­gen oppositio­nel­ler Wort­spiele von Brecht oder Heine furcht­bar zufrie­den wird, zuerst mit den Dich­tern, dann mit sich und darin auch schon mit der Welt. Diese Brauchbar­keit der Lite­ra­tur für das mora­li­sche Bedürf­nis, trotz allem und mit allem zufrie­den zu sein, macht den Inhalt des germanis­ti­schen Sor­ge­rechts für die Lite­ra­tur aus. Dass alles, was ein Mensch vernünf­ti­ger­weise erstre­ben kann, in der Litera­tur bereits vor­liege, das ist die Unter­stel­lung die Ger­ma­nis­ten machen, wenn sie sich den Dicht­wer­ken mit einem der­ar­ti­gen theo­re­ti­schen Auf­wand wid­men, und das ist zugleich der ganze Beweis­zweck der Ver­an­stal­tung. Die­sem — und nur die­sem — Stand­punkt ist es adäquat, jeden bedich­te­ten (Un-)Sinn mit allen sozial-​, ide­en­ge­schicht­li­chen und poe­to­lo­gi­schen Regis­tern einen Berech­ti­gungs­nach­weis nach dem ande­ren zu ver­pas­sen und hem­mungs­los mit der schlech­ten Welt für die Güte der ide­el­len Kom­pen­sa­tio­nen zu wer­ben. Anders als ein Nor­mal­mensch, der ja auch seine Faust­zi­tate kennt, hebt ein pro­fes­sio­neller Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­cher nicht bloß bei Gele­gen­heit aus der Welt der rea­len Anfor­de­run­gen und Unter­ord­nun­gen in die Sphäre der höhe­ren Ord­nun­gen ab. Diese Sphäre macht gleich den gan­zen Umkreis sei­nes Inter­es­ses aus. Prak­tisch hält er das Geis­ter­reich, wo der Unter­tan sich mal zufrie­den stimmt, wo unbe­fan­ge­nes Den­ken als kalte Inhu­ma­ni­tät und Dumm­heit als Geist gilt, für den Nabel der Welt. Dass sein Trei­ben an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten zur staat­li­chen Insti­tu­tion gewor­den ist, gibt ihm in sei­ner Ein­bil­dung Recht.

So erfüllt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft als Ver­an­stal­tung ins­ge­samt den Tat­be­stand der sys­te­ma­ti­schen Ver­keh­rung von Wich­tig und Unwich­tig. Sie macht nicht nur Feh­ler. Sie ist einer.