Kri­tik der bür­ger­li­chen Wissenschaft

Die Argu­mente der Geschichtswissenschaft

Lau­ter Hin­ter­gründe, warum es so kom­men musste

Quelle: www​.sozia​lis​ti​sche​gruppe​.de

Kri­tik der bür­ger­li­chen Wissenschaft

Die Argu­mente der Geschichtswissenschaft

Lau­ter Hin­ter­gründe, warum es so kom­men musste

1. Die Geschichte: angeb­lich bedeut­sam für das Heute

Die Geschichts­wis­sen­schaft beschäf­tigt sich mit den unter­schied­lichs­ten Din­gen, die inhalt­lich nichts ver­bin­det. Das ein­zige, was sie gemein­sam haben, ist, dass es sie nicht mehr gibt. Genau das macht die ver­schie­de­nen Dinge zum Gegen­stand der Geschichtswissenschaft.

Dass man es genau des­we­gen wohl mit einer Luxus­be­schäf­ti­gung zu tun hat, die wei­ter zu nichts taugt – immer­hin exis­tiert das Zeug ja schon mehr oder weni­ger lange nicht mehr – dem wider­spre­chen His­to­ri­ker vehement.

„Geschichts­lose Gene­ra­tio­nen“ gel­ten ihnen als Anfang vom Ende der Kul­tur und noch jeder kennt die Auf­for­de­rung, „aus der Geschichte zu ler­nen“ -, was nur geht, wenn das Ver­gan­gene für die Gegen­wart einen Erkennt­nis­wert hat. Dies schließt die Behaup­tung ein, dass das Heute nur rich­tig ver­ste­hen kann, wer einen Blick auf das Ges­tern wirft.:

„Wenn man die Gegen­wart begrei­fen will, muss man sie aus ihrer Her­kunft begreifen.“

Das kann gar nicht sein: Denn wenn das Gest­rige wirk­lich ein Teil der Erklä­rung des Heu­ti­gen wäre, dann würde man bei der Ana­lyse der Gegen­wart schon auch drauf sto­ßen. Soll man zuerst die Ver­gan­gen­heit stu­die­ren, so ver­weist das dar­auf, dass das Ver­gan­gene wohl herz­lich wenig Bedeu­tung für die Erklä­rung der Gegen­wart hat. Die Auf­for­de­rung, man solle sich gerade zum Ver­ständ­nis des Heute erst ein­mal dem Ges­tern wid­men, ist also eine Auf­for­de­rung zum Gegen­stands­wech­sel. Man soll sich erst ein­mal mit etwas ganz ande­rem beschäf­ti­gen, was heute noch nicht ein­mal mehr exis­tiert – das aber nicht wegen des Ver­gan­ge­nen, son­dern wegen des Heute!!! Titel wie „Die Aktua­li­tät des Archi­pel Gulag“, „… der Eini­gungs­be­mü­hun­gen Karls des Gro­ßen“, „…des Mit­tel­al­ters“ etc. spre­chen aus, was die Unter­stel­lung aller heu­ti­gen Geschichts­wis­sen­schaft ist: Die wider­sprüch­li­che Behaup­tung, dass die Befas­sung mit etwas, was es nicht mehr gibt, Wesent­li­ches über das Spä­tere zu Tage för­dern soll. Damit ist dann aber auch klar­ge­stellt, dass sich Geschichts­wis­sen­schaft weder mit dem Heute, noch mit dem Ver­gan­ge­nen oder dem Vor­ver­gan­ge­nen für sich befas­sen will, son­dern mit jedem Vor­zu­stand als etwas für die Nach­welt Bedeut­sa­mem, und mit jedem Nach­her als Gewor­de­nem!

2. Das Aus­gangs­dogma der Geschichts­wis­sen­schaft: Alles his­to­risch bedingt!

Das Grund-​, Haupt– und Ober­dogma aller Geschichts­wis­sen­schaft steht damit fest:

„Die Dinge sind geschicht­lich bedingt. Sie sind an ihre Zeit gebun­den. Wenn man darum eine Epo­che begrei­fen will, muss man sie aus ihrer Her­kunft begreifen.“

Statt sich zu fra­gen, was eine Sache ist, wid­men sich His­to­ri­ker der Frage, woher sie kommt. Den Begriff des Ent­stan­de­nen setzt der His­to­ri­ker kur­zer­hand in eins mit des­sen Ent­ste­hen. Die Frage, was war, beant­wor­ten His­to­ri­ker dann schon – aber wie:

„Der Erste Welt­krieg ist tief in den Tra­di­tio­nen des 19. und des begin­nen­den 20.Jhds. verwurzelt.“

Oder

„In die­sem Sinne ist Ausch­witz eine Reak­tion auf den Archi­pel Gulag. Hier ist die tiefste Wur­zel von Hit­lers extrems­ten Hand­lungs­im­pul­sen zu suchen.“

Was weiß man über den Ers­ten Welt­krieg, wenn man weiß, dass er angeb­lich lange Wur­zeln hatte; was weiß man über Hit­lers Aus­mer­zungs­ak­tion gegen die Juden, wenn man diese als angeb­li­che Kopie einer anderswo vor­aus­ge­gan­ge­nen „asia­ti­schen Tat“ betrach­tet? Ers­tens: Nichts – weil man nie etwas über eine Sache erfährt, wenn man weiß, wor­aus sie her­vor­ge­gan­gen ist. Die Latte ließe sich im übri­gen belie­big fort­set­zen, ohne dass auch nur irgend­eine Bestim­mung einer his­to­ri­schen Epo­che her­aus­kommt: Das III. Reich ist aus dem II. her­vor­ge­gan­gen, die­ses aus dem alten Zen­tral­staat; der war sei­ner­seits ein Pro­dukt des Feu­da­lis­mus und der ist aus dem Nie­der­gang des Römi­schen Rei­ches entstanden …

Zwei­tens erfährt man, dass diese Ereig­nisse angeb­lich Fol­gen von ande­ren his­to­ri­schen Gege­ben­hei­ten dar­stel­len, von denen man eben­falls nichts erfährt außer, dass aus ihnen der Erste Welt­krieg bzw. Ausch­witz her­vor­ge­gan­gen sein soll. Was z.B. die Juden­ver­fol­gung im Faschis­mus zur Kopie einer anderswo statt­ge­fun­de­nen Mas­sen­ver­nich­tung macht, bleibt ebenso unge­klärt wie die Frage, worin der „Reiz“ des Archi­pel Gulag für den „rea­gie­ren­den“ Hit­ler bestan­den haben soll. Genau bese­hen liegt nur eine Ana­lo­gie, ein Ent­spre­chungs­ver­hält­nis vor: Mas­sen­ver­nich­tung hier wie dort, von der der His­to­ri­ker ein­fach frech behaup­tet, dass sie in einem Ver­hält­nis von Grund und Folge, Ursa­che und Wir­kung stün­den. Eine Behaup­tung, die ratio­nell betrach­tet über­haupt erst des Bewei­ses bedürfte, warum und inwie­fern die rus­si­schen Prak­ti­ken die Nazis zur Nach­ah­mung bewo­gen haben. Die Frage so gestellt, wird aber auch sofort die kleine Lüge vom „Reiz“ Archi­pel Gulag offen­kun­dig: Dass Hit­ler ein­fach nach­ge­macht hat, was ihm die Rus­sen vor­ex­er­ziert haben, näm­lich miss­lie­bige Bür­ger zu mas­sa­krie­ren, will schließ­lich auch kei­ner behaupten.

Dann geht es aber darum, was den Nazis am Archi­pel Gulag so nach­ah­mens­wert erschie­nen ist, und der Archi­pel Gulag als wie auch immer gear­tete Ursa­che würde sich aus der Ana­lyse her­aus­kür­zen, weil alles daran hängt, wel­che Zwe­cke die Faschis­ten an den Juden exe­ku­tiert haben.

Aber genau diese Frage ist pro­gram­ma­tisch getilgt, wenn an die Stelle der Erklä­rung der Eigen­art eines ver­gan­ge­nen Ereig­nis­ses, aus der sich his­to­ri­sche Ver­weise aller­erst erge­ben könn­ten, die Behaup­tung tritt, jedes Ereig­nis könne nur aus sei­nem „his­to­ri­schen Kon­text“ erklärt wer­den. Das metho­di­sche Pro­gramm, alles aus sei­ner Her­kunft zu dedu­zie­ren, setzt an die Stelle einer Befas­sung mit den Bege­ben­hei­ten ein end­lo­ses Knüp­fen von Bezie­hun­gen zwi­schen der uner­klär­ten Sache und lau­ter – genau so uner­klär­ten – angeb­li­chen „Vor­aus­set­zun­gen“, deren „Wir­kung“ das his­to­ri­sche Ereig­nis sein soll.

3. Die Suche nach „Bedin­gun­gen“, „Trieb­fe­dern“ und deren „Auslösern“

Geschichts­wis­sen­schaft ist daher das metho­di­sche Gebot, der völ­lig bezie­hungslosen Abfolge in der Zeit – erst ist dies pas­siert, dann jenes, und dann jenes, und dann … – einen höhe­ren Stel­len­wert als den eines schie­ren Nach­ein­an­ders bei­zu­mes­sen. Es ist das Gebot, einen inne­ren Zusam­men­hang zwi­schen Vor­her und Nach­her zu kon­stru­ie­ren.

a) Das Pos­tu­lat eines inhalt­li­chen Zusam­men­hangs von Vor­her und Nach­her: Bedingung

Dass der zu erklä­rende Gegen­stand mit ande­ren Gege­ben­hei­ten, die vor­her exis­tiert haben, logisch über­haupt etwas zu tun hat, wol­len His­to­ri­ker mit einer For­mel bewie­sen haben, die so plau­si­bel klingt, wie sie trü­ge­risch ist: ohne Vor­her kein Nachher!

Zwei­fel­los hat es viel Vor­her vor den Nach­hers gege­ben. Nur, was bewei­sen die zent­ner­weise von den His­to­ri­kern ange­schlepp­ten Voraussetzungen?

Selbst wenn ohne das eine oder andere Vor­her ein Ereig­nis nicht – oder nicht so – hätte statt­fin­den kön­nen. Was weiß man, wenn man z.B. weiß, dass Hit­ler ohne das aus­ge­baute Netz der Reichs­bahn nicht so viele Wahl­kreise hätte abklap­pern, „also“ nicht so viele Leute in so kur­zer Zeit hätte behar­ken kön­nen? Erklärt das etwa, warum er sie „ver­füh­ren“ und die Wahl gewin­nen konnte? Was weiß man, wenn man weiß, dass z.B. ohne Erfin­dung des Schieß­pul­vers und ohne Erfin­dung des Gewehrs Erz­her­zog Franz Fer­di­nand nicht hätte erschos­sen wer­den kön­nen? Sagt das irgend etwas über das Atten­tat von Sara­jewo aus?

Oder umge­kehrt: Was ist nicht alles „ohne Gewehr“ „nicht denk­bar“: die neu­zeit­li­che Jagd, stand­recht­li­che Erschie­ßun­gen, jede Menge Krieg und Mili­tär­tak­tik, Schüt­zen­ver­eine und Amok­schüt­zen, Biath­lon, der Wilde Wes­ten, und, und, und … Und nichts von all dem ist damit bestimmt, dass es ohne Gewehr nicht geht. Da müsste man schon sagen, was da mit Gewehr jeweils geht.

b) Die kon­stru­ierte Not­wen­dig­keit in der Geschichte: Iden­ti­fi­ka­tion von Bedin­gung und Grund

His­to­ri­ker wol­len mit ihrem Bedin­gungs­ge­hu­bere auf etwas hin­aus: Ihre Ohne-​Nicht-​Logik, die tod­ernst gemein­ten Sophis­te­reien nach dem Kinder-​Motto: „Was wäre nur aus mir gewor­den, wenn der Groß­va­ter die Groß­mut­ter nicht gehei­ra­tet hätte?“, Argu­mente des Kali­bers: „Jedes Vor­her hat sei­ner­seits selbst viele Vor­hers, ist also Vor­her und Nach­her, Bedin­gung und Beding­tes zugleich (Wahn­sinn!). Wäre die Neu­zeit ohne Mit­tel­al­ter über­haupt mög­lich gewe­sen?“ (man stelle sich nur vor: ohne Ver­gan­gen­heit stün­den wir echt im Hemd da) – all dies sug­ge­riert eine Not­wen­dig­keit, die die ange­führ­ten puren Vor­aus­set­zun­gen ein­fach nicht her­ge­ben: Dass der habs­bur­gi­sche Thron­fol­ger ohne die Erfin­dung des Schieß­ge­wehrs nicht hätte erschos­sen wer­den kön­nen, heißt noch lange nicht, dass er mit dem­sel­ben erschos­sen wer­den musste. Das Vor­han­den­sein eines Mit­tels ruft halt noch lange kei­nen Zweck ins Leben, die Mög­lich­keit eines Atten­tats ist noch lange nicht die Wirk­lich­keit desselben.

Das macht einem His­to­ri­ker aber gar nichts. Etwas kom­pli­zier­ter aus­ge­drückt, so dass die Bestimmt­heit und damit auch die logi­sche Dif­fe­renz der Ver­hält­nis­be­stim­mun­gen Bedin­gung und Beding­tes, Ursa­che und Wir­kung, Grund und Folge hin­ter vagen Andeu­tun­gen zum anvi­sier­ten Zusam­men­hang zurück­tritt – und fer­tig sind veri­ta­ble his­to­ri­sche Fra­ge­stel­lun­gen: „Zum Ver­hält­nis von Waf­fen­tech­nik und krie­ge­ri­schen Ver­wick­lun­gen 1903 – 1918“, „Der Fort­schritt des moder­nen Ver­kehrs­we­sens unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Ent­wick­lung des zen­tra­lis­ti­schen Ver­wal­tungs­staa­tes zum Tota­li­ta­ris­mus“ u.ä.

Es han­delt sich um die pure Prä­ten­tion einer Bezie­hungshaf­tig­keit his­to­ri­scher Ereig­nisse, die durch das will­kür­li­che In-​Beziehung–Set­zen mit­tels reich­li­chen Gebrauchs von Prä­po­si­tio­nen und Kon­junk­tio­nen (wie „und“, „von“, „zu“) belegt wird.

c) Die Bekräf­ti­gung des Feh­lers: das Ganze ist mehr als die Summe sei­ner Teile

Zwar will kein His­to­ri­ker ver­tre­ten, der I. Welt­krieg habe wegen der Erfin­dung des Schieß­pul­vers statt­ge­fun­den, der Faschis­mus sei wegen des bereits ein­ge­rich­te­ten Zen­tral­staats ent­stan­den, oder Hit­ler sei wegen des erwei­ter­ten Schie­nen­net­zes der Reichs­bahn ans Ruder gekom­men; aber von der Idee einer Not­wen­dig­keit des Geschichts­ab­laufs will trotz­dem kei­ner las­sen. Dass man aus Schieß­ge­wehr, Zen­tral­staat und Reichs­bahn den I. Welt­krieg und den Faschis­mus nicht ablei­ten kann, gibt einem His­to­ri­ker des­we­gen auch nur in einer Hin­sicht zu den­ken: als Schwie­rig­keit näm­lich, seine fixe Idee zu beweisen.

Und die­ses, sein Beweis­pro­blem deu­tet er kur­zer­hand in eine Eigen­schaft des Geschichts­ver­laufs um: Da hat man es angeb­lich mit lau­ter his­to­ri­schen „Fak­to­ren“ zu tun, die alle „irgend­wie“ ihren Bei­trag zur Ent­ste­hung der Sache leis­ten -, ohne dass man genau sagen könnte wie. Woher man dann über­haupt wis­sen kann, dass Schieß­pul­ver und Gewehr, Zen­tral­macht und Reichs­bahn an der Ent­wick­lung des I. Welt­kriegs oder an Hit­lers Macht­er­grei­fung mit­ge­wirkt haben, wenn man den bestimm­ten, posi­ti­ven Bei­trag des ein­zel­nen Fak­tors gar nicht ange­ben kann, wird das ewige Geheim­nis der Zunft bleiben.

Aber so – und nur so – lässt sich das Ideal aller his­to­ri­schen Erklä­rung umset­zen: für sich genom­men soll zwar kei­ner der Fak­to­ren erklä­rungs­fä­hig sein, zusam­men­ge­nom­men sol­len diese Ein­zel­teile dann aber schon so etwas wie ein geschlos­se­nes Bild erge­ben, das Ein­blick in den Gang der Geschichte gewähre. Die Addi­tion von puren Vor­aus­set­zun­gen deu­tet noch jeder His­to­ri­ker klamm­heim­lich in eine neue Qua­li­tät der Geschichte um – in eine „Lage“, ange­sichts der es der Chro­nist (und sein Publi­kum) schon viel ver­ständ­li­cher fin­den, dass es kam, wie es gekom­men ist.

d) Der tau­to­lo­gi­sche Rück­schluss vom Ereig­nis auf seine Mög­lich­keit: die Lage

Aus den rei­hen­weise ange­karr­ten Vor­aus­set­zun­gen kann sich die Eigen­art der behaup­te­ten „Lage“ nicht erge­ben; die angeb­li­chen „Fak­to­ren“ geben den Über­gang ja gar nicht her.

Die „neue Qua­li­tät“ „erschließt“ sich dem His­to­ri­ker viel­mehr aus dem, wor­auf er schlie­ßen will: Da erfährt man dann bei­spiels­weise über die „Lage“ vor dem I. Welt­krieg, dass die inter­na­tio­nale Situa­tion der­ma­ßen „ver­wor­ren“ war, dass „die Span­nun­gen zwi­schen den Groß­mäch­ten“ sich letzt­end­lich auf dem Schlacht­feld „ent­la­den“ muss­ten; oder sie war der­art von „Groß­macht­stre­ben“ domi­niert, dass man „die Lage“ ein­fach als rundum „kriegs­träch­tig“ beschrei­ben muss. Oh Tauto! Warum kam es zum Krieg? – Weil „Span­nun­gen“ sich „ent­la­den“ muss­ten; selbst­ver­ständ­lich da, wo sie sich dann auch ent­la­den haben, auf dem Schlacht­feld; die Situa­tion war eben kriegsträchtig.

Dem geschicht­li­chen Ereig­nis wird eine vor­her­ge­hende „Lage“ glei­chen Inhalts zuge­ord­net, die sich vom zu begrün­den­den Fak­tum nur dadurch unter­schei­det, dass sie als Ten­denz dazu aus­ge­drückt wird!

e) his­to­ri­sche Sinn­stif­tung: unausweichlich

Dass die Erklä­rung eines Ereig­nis­ses aus einem Schwan­ger­ge­hen mit sich selbst über­haupt als die respek­ta­ble Angabe eines Grun­des durch­geht, erklärt sich sei­ner­seits nur aus dem ver­kehr­ten Bedürf­nis, das die His­to­ri­ker­zunft umtreibt: In der fes­ten Absicht, statt der Not­wen­dig­keit eines Ereig­nis­ses, sei­nen Grün­den eben, die Not­wen­dig­keit des Ein­tre­tens eines Gesche­hens – und zwar ganz getrennt von einem Zweck, der sel­bi­ges bewerk­stel­ligte! -, also des­sen Zwangs­läu­fig­keit bewei­sen zu wol­len, ver­mit­telt sie mit der Dia­gnose „Kriegs­träch­tig­keit“ das höchst begriffs­lose Ver­ständ­nis, dass ein Krieg wohl auf der Tages­ord­nung stand – na dann!

Alles, was pas­sierte, gilt somit als Eigen­schaft der Zeit, in der es pas­sierte. Sub­jekt des Krie­ges sind damit auch nicht die agie­ren­den Staa­ten und deren kriegs­träch­tige Zwe­cke, son­dern ein omi­nö­ses Wesen des begin­nen­den 20.Jahrhunderts, das einen star­ken „Hang“ zum Mili­ta­ris­mus auf­wies und so der dama­li­gen „Staa­ten­kon­stel­la­tion“ sei­nen Stem­pel aufdrückte…

f) Die „his­to­ri­sche Situa­tion“: Ein Schwan­ger­ge­hen mit sich selbst, das eines Aus­lö­sers bedarf

Wenn die „his­to­ri­sche Situa­tion“ durch die Ten­denz dazu bestimmt ist, dann stellt sich für His­to­ri­ker nur noch eine Frage: Wie konnte z.B. aus der Mög­lich­keit des I. Welt­krie­ges seine Wirk­lich­keit wer­den, wel­che Umstände brach­ten die schlum­mern­den Kräfte zum Wir­ken. Des­we­gen wen­det sich das His­to­ri­ker­in­ter­esse stets und kon­se­quent der fal­schen Frage zu, wel­cher Anlass die fix und fer­tige Kon­stel­la­tion zum Aus­bruch brachte, was denn nur den zwangs­läu­fi­gen Gang des Ereig­nis­ses aus­ge­löst habe.

Und da ken­nen sie sich aus: Das Atten­tat auf Franz Fer­di­nand in Sara­jewo am 28.6.1914, das sei­ner­seits nur zur „Bedin­gung“ wer­den konnte, weil das dama­lige „inter­na­tio­nale Klima“ ein bro­deln­des Fass war, das nur den berühm­ten Trop­fen brauchte, um es zum Über­lau­fen zu brin­gen, was wie­derum daher rührte, dass die Staa­ten sich schon län­gere Zeit (seit 1823? 1871? 1907?) nicht mehr vertrugen…

So kommt es, dass das Erfin­den von Meta­phern in der Geschichts­wis­sen­schaft als Argu­ment gilt. Die Legen­den vom „Aus­bruch“, aber auch von der „mut­wil­li­gen Ent­fes­se­lung“ des I. Welt­kriegs ver­dan­ken sich exakt die­ser Logik: Das Bild, dass ein Krieg aus­bricht wie ein Gewit­ter, oder wie ein Pul­ver­fass explo­diert, aber auch die Umkeh­rung, dass die Staa­ten­len­ker statt Frie­den zu hal­ten mit dem Feuer (gefähr­lich!) gespielt haben, bebil­dert das Vor­ur­teil von den selb­stän­di­gen Kräf­ten, die in der His­to­rie am Wir­ken wären – und von den Aus­lö­sern, die die schlum­mern­den Kräfte geweckt hätten.

g) Von den Stil­mit­teln einer kon­stru­ier­ten Notwendigkeit

Logisch ist das alles über­haupt nicht. Damit hier über­haupt ein Schein von Not­wen­dig­keit auf­kommt, ist die Form der Dar­stel­lung nicht zu ver­nach­läs­si­gen. In die mehr oder weni­ger locker erzählte Chro­nik der Ereig­nisse wer­den die will­kür­lich kon­stru­ier­te­nen Zusam­men­hänge von Grund und Folge, die erfun­de­nen Trieb­fe­dern, Ten­den­zen und Geis­ter­sub­jekte, wie „das Wesen einer Epo­che“ oder die „Tra­di­tio­nen des Abend­lan­des“, so ein­ge­floch­ten, dass schon über die Art der Prä­sen­ta­tion ein Hauch von Fol­ge­rich­tig­keit entsteht.

Und ein­zig und allein die­ses Ver­fah­ren ist es, das in die Erzäh­lun­gen, Berichte und Anek­do­ten der Geschichts­wis­sen­schaft über­haupt erst das Beur­tei­lende, den Schein von Durch­blick hin­ein­bringt. Anders gesagt: Geis­tige Span­nung in ihr Fach bringt die Geschichts­wis­sen­schaft durch die hem­mungs­lose Ver­wen­dung von Meta­phern und der Modal­ver­ben „kön­nen“ und „müssen“.

4. Die Leis­tung: Ver­herr­li­chung erfolg­rei­cher Gewalt

Par­tei­lich­keit I: So musste es kom­men und so ist es recht

Das Resul­tat der Geschichts­wis­sen­schaft besteht in der ganz prin­zi­pi­el­len Recht­fer­ti­gung all des­sen, was es gab und gibt: Was pas­sierte, musste auch so kom­men – das ist die erste Lehre der Geschichts­wis­sen­schaft. Was sich durch­setzte, des­sen Sieg war unaus­weich­lich, weil es seine his­to­ri­schen Bedin­gun­gen vor­fand; und was unter­ging, musste von der his­to­ri­schen Bühne ver­schwin­den, weil es über­holt war.

Damit sind alle his­to­ri­schen Ereig­nisse für unaus­weich­lich, also unwi­der­sprech­lich und unkri­ti­sier­bar erklärt.

Und jeder kennt es, wie sich damit die Welt­ge­schichte bis in die Attri­bute hin­ein fast schon wie von selbst schreibt. Z.B. das alte Rom: Erst war es blü­hend, hatte eine hoch­ste­hende Kul­tur, moderne cives, eine impo­sante Flotte und über­zeu­gende Rhe­to­ri­ker („ceterum cen­seo…“), mit denen sich jeder Krieg gewin­nen ließ; dann begann der Ver­fall, die Bür­ger wur­den deka­dent, der Kai­ser war wahn­sin­nig, die Schlach­ten gin­gen rei­hen­weise ver­lo­ren, bis das dem Unter­gang geweihte Rie­sen­reich zu Staub zer­fiel – die kur­siv gesetz­ten Worte sind das ganze Argu­ment und erge­ben zusam­men­ge­nom­men das gedank­li­che Kri­te­rium der Geschichts­wis­sen­schaft: Die Erfolg­rei­chen ver­die­nen Erfolg, Ver­sa­ger die Nie­der­lage. In den Genuss des Prä­di­kats „his­to­risch not­wen­dig“ gelan­gen also all die Zwe­cke, die sich durch­setz­ten. His­to­ri­ker sind damit grund­sätz­lich Par­tei­gän­ger der erfolg­rei­chen Gewalt.

Noch jeder His­to­ri­ker meint, es sei „von Vor­teil, das Ende zu ken­nen“, gibt also zu, im his­to­ri­schen Resul­tat den Anhalts­punkt sei­ner Kon­struk­tio­nen zu haben. Der Erfolg in der Zeit ist der ein­zige Maß­stab des his­to­ri­schen Dog­mas: Ohne zu wis­sen, wer gewon­nen hat, lässt sich schließ­lich nicht schlau dedu­zie­ren, was his­to­risch not­wen­dig war und was nicht!

Mehr als die nach­träg­li­che Recht­fer­ti­gung von all dem, wovon sie wis­sen, dass es sich durch­ge­setzt hat, ist also von His­to­ri­kern nicht zu erwarten.

Par­tei­lich­keit II: Und was (uns) nicht recht ist, hätte nicht so kom­men müs­sen, wenn …

Als Par­tei­gän­ger der erfolg­rei­chen Gewalt hal­ten His­to­ri­ker erst ein­mal alles, was ein­ge­tre­ten ist, des­we­gen für berech­tigt; sich durch­ge­setzt zu haben ver­leiht in ihren Augen jedem Anlie­gen die höhere Weihe einer his­to­ri­schen Not­wen­dig­keit. Neu­tral, aber nicht wert­frei erklä­ren sie die Über­le­gen­heit der erfolg­rei­chen Gewalt zu deren gutem Recht: Jeder Erfolg ist „ver­dient“, weil er ein­ge­tre­ten ist. Selbst so häss­li­che Ereig­nisse, wie die Okto­ber­re­vo­lu­tion und der Faschis­mus, die sich der inti­men Feind­schaft frei­heit­li­cher His­to­ri­ker erfreuen, kom­men in den Genuss des Prä­di­kats „his­to­risch not­wen­dig“, denn auch sie sind nun ein­mal passiert …

Umge­kehrt trifft es sich da ganz gut, dass die His­to­ri­ker­tour der Beweih­räu­che­rung für ihre Umkeh­rung wie geschaf­fen ist: Wenn alles, was ein­ge­tre­ten ist, seine Not­wen­dig­keit nur dadurch erhält, dass seine his­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen vor­la­gen, braucht man das Argu­ment nur umdre­hen und die bloß rela­tive Not­wen­dig­keit eines unlieb­sa­men Events zu beto­nen, um sei­ner mora­li­schen und poli­ti­schen Miss­bil­li­gung Aus­druck zu ver­lei­hen: Das miss­lie­bige Ereig­nis war ers­tens doch bloß des­we­gen unaus­weich­lich, weil seine Bedin­gun­gen vor­han­den waren; und zwei­tens waren es bloß Bedin­gun­gen, die nichts begrün­den, son­dern nur wegen Feh­lern, Ver­sa­gern und bösem Wil­len der ver­ant­wort­li­chen Sub­jekte wirk­sam wur­den. Statt zu beto­nen, wie unaus­weich­lich eine Macht­er­grei­fung, eine Epo­che oder ein Krieg gewe­sen sind, muss man nur fra­gen, ob daaaaaas denn wirk­lich nötig gewe­sen wäre, und siehe da: Wäre eine der sieb­zehn „Bedin­gun­gen“ zufäl­lig aus­ge­blie­ben und hät­ten die Zustän­di­gen bes­ser getickt, wäre alles ganz anders gekom­men, oder zumin­dest ein biss­chen: Hätte Lenin nicht im plom­bier­ten Wag­gon durch Deutsch­land nach Hause fah­ren dür­fen, und wären die libe­ra­len Kräfte in Russ­land nicht so zer­strit­ten gewe­sen …; hät­ten sich die Mas­sen vom ‚Anstrei­cher’ aus Öster­reich nicht so blen­den las­sen, wäre Wei­mar keine ‚Repu­blik ohne Repu­bli­ka­ner’ gewe­sen, hät­ten die demo­kra­ti­schen Par­teien Wei­mars mehr Härte gezeigt und hätte Hit­ler kei­nen Zwei­fron­ten­krieg geführt … -, dann, ja dann hätte alles ganz anders sein können!

Das Ver­fah­ren ist stets das selbe. Was bei die­sem rück­wär­ti­gen Ver­dol­met­schen der Geschichte als Resul­tat und was als Bedin­gung genom­men, was als not­wen­dig und was als Unglück qua­li­fi­ziert, was als zeit­ge­mäß oder nicht, und was als Erfolg oder Miss­er­folg gewer­tet wird, kann sich gar nicht am his­to­ri­schen Argu­ment ent­schei­den: Denn mit die­sem Ver­fah­ren kann man alles und jedes als not­wen­dig oder bloß bedingt, als Anfang vom Ende oder Anfang eines Neu­be­ginns behaupten.

Für wel­che Seite oder wel­ches Vor­ha­ben man sich jeweils ent­schlie­ßen mag, ent­schei­det sich des­we­gen getrennt vom his­to­ri­schen Argu­ment nach der vor­gän­gi­gen poli­ti­schen Ein­stel­lung des His­to­ri­kers. Und wie man in die Quelle hin­ein­ruft, so schallt es dann auch wie­der heraus!