Geschichte als Argument

Quelle: MSZ (Aus­gabe 4 1985)

GESCHICHTE ALS ARGUMENT

Wenn Zeit­ge­nos­sen in die Geschichte zurück­grei­fen, ver­bin­den sie mit sol­cher Hirn­we­be­rei eine gegen Auf­klä­rung gerich­tete Absicht. Sie wol­len ihren Mit­men­schen weis­ma­chen, daß irgend­wel­che ver­gan­ge­nen Ereig­nisse für die Nach­welt schwer etwas „bedeu­ten“. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus, der Welt­krieg, der Wie­der­auf­bau usw. – all diese Dinge kom­men nicht rea­li­ter daher, als die wirk­li­chen Bedin­gun­gen, die sie für die deut­sche Nach­kriegs­po­li­tik und für den Zustand der heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik sind und als die sie zu erklä­ren wären. Viel­mehr tre­ten Drit­tes Reich, Krieg und Ade­nau­er­zeit sel­ber als ide­elle Gestal­ten auf, die angeb­lich für Nach­ge­bo­rene eine Menge „Bedeu­tun­gen“ auf Lager haben. „Die Geschichte“ soll „Leh­ren“ bereit­hal­ten, als wäre sie ein leib­haf­ti­ges Sub­jekt, aus­ge­stat­tet zugleich mit dem über­mensch­li­chen Recht, jeden Men­schen in den Bann ihres Sinns zu schlagen.

Die Kunst his­to­ri­schen Argu­men­tie­rens will kein Urteil über das, was die wirk­li­chen Sub­jekte des Welt­ge­sche­hens, die Ver­tre­ter von Geschäft und Gewalt, ange­rich­tet haben und heute und mor­gen vor­ha­ben. Sie setzt die Ideo­lo­gie in die Welt, alles, was pas­siert, sei letzt­lich nicht ohne Sinn und gehöre mit Andacht betrach­tet: die Nazi­herr­schaft? – ein Pro­blem ers­ter Güte, wie „die Macht“ in Deutsch­land bestellt ist; die Kriegs­jahre? – eine unge­heure Probe auf die Fähig­keit der Deut­schen zum Durch­hal­ten; die Zeit des Wirt­schafts­wun­ders? – eine blei­bende Her­aus­for­de­rung, die Kraft der Nation zu meh­ren. Die Bot­schaft, die alles Ler­nen aus der Geschichte beinhal­tet, ist eben sehr roh: Die Mensch­heit ringt zeit ihres Geden­kens um das Gelin­gen von Staat­lich­keit, und das ver­dient vom Stand­punkt his­to­ri­schen Bewußt­seins aus höchs­ten Respekt.

Besin­nung auf Geschichte als totale Beru­fungs­in­stanz dafür, daß das, was in der Staa­ten­welt läuft, seine über jeden Zwei­fel erha­bene Ord­nung hat, braucht nicht ein­mal die gro­ßen natio­na­len Ehren­ti­tel wie Arbeit, Frei­heit, deut­sche Ein­heit, die an den offi­zi­el­len Jah­res­da­ten beschwo­ren wer­den; sie kommt noch beim letz­ten Volks­ge­nos­sen dank ihrer ideo­lo­gi­schen Ent­schie­den­heit zum sel­ben Resul­tat. Ganz ohne das Vor­ex­er­zie­ren der Dumm­heit his­to­ri­schen Argu­men­tie­rens durch ihren spe­zi­ell dar­auf trai­nier­ten Dr. Kohl hat das Volk schon immer aus lau­ter geschlif­fe­nen His­to­ri­kern bestan­den. Die klei­nen, rela­tiv unbe­deu­ten­den geschicht­li­chen Erfah­run­gen sind es hier, die für die Ein­sicht ste­hen, sich mit den Lebens­um­stän­den auf jeden Fall gut stel­len zu müssen.

Ein Mus­ter vom Stamm­tisch his­to­ri­scher Weis­hei­ten: ‚Damals, weißt du noch, wie es uns da ging…‘ Erin­ne­rung an eine beschis­sene Situa­tion mag da zwar mit­klin­gen, ist aber nicht als Anlaß zur Abrech­nung mit Ver­ant­wort­li­chen gemeint, die einen in sol­che Lage gebracht haben. Als Wahr­heit soll viel­mehr die bescheu­erte Moral in Umlauf gebracht wer­den, daß „das Leben“ „den Men­schen“ all­zeit for­dert. Ein ziem­lich abge­brüh­ter Schick­sals­ge­danke, sich das Welt­ge­sche­hen als quasi natur­ge­setz­li­chen Lauf gegen­über­zu­stel­len, an dem man gleich­wohl schöns­ten Anteil hat. An was sich hier jemand erin­nert, ist herz­lich belang­los. Beim his­to­ri­schen Argu­men­tie­ren ist die Haupt­sa­che die Demons­tra­tion der Methode, sich eine geis­tige Hei­mat zu suchen. Man bin­det sich in eine Tra­di­tion ein, die man sich vor­zu­stel­len beliebt. Solch ein Bewußt­sein will sich unan­greif­bar machen. Von die­ser Grund­lage bezieht es sein unver­wüst­li­ches Selbst­ver­trauen, mit dem es sich in den Ereig­nis­sen der Ver­gan­gen­heit her­um­wirft: Der eine zerrt diese Bege­ben­heit her­vor, der andere jene – ein bes­ser­wis­se­ri­sches Wett­ei­fern um die grö­ßere Bedeut­sam­keit, dem man mit Anmer­kun­gen zur Sache lie­ber nicht kom­men sollte, denn die ver­letz­ten die Grund­re­gel, daß man sich zual­ler­erst und stän­dig „sei­ner“ Geschichte zuge­hö­rig zu füh­len hat.

In den höhe­ren Eta­gen der Öffent­lich­keit wird der natio­nale Geist his­to­ri­scher Ein­ge­bun­den­heit bewußt gepflegt. Schließ­lich muß die Tra­di­tion, in der ein Volk steht, immer wie­der beschwo­ren wer­den, wenn es sonst kein ver­nünf­ti­ges Argu­ment gibt, sich in einer „his­to­risch gewach­se­nen“ Schick­sals­ge­mein­schaft zu tummeln:

„Die­ses vier­zigste Jahr nach dem Zusam­men­bruch des Deut­schen Rei­ches wird uns noch auf viel­fäl­tige Weise vor Augen füh­ren, wie schwer – wenn nicht unmög­lich – es ist, mit dem im deut­schen Namen über Europa gebrach­ten Unheil ‚fer­tig zu wer­den‘. Da nützt es wenig, damals fünf­zehn gewe­sen zu sein. Auch die heu­ti­gen Fünf­zehn­jäh­ri­gen wer­den nicht darum her­um­kom­men, sich die­ser Geschichte zu stel­len. Der geschicht­li­chen Wahr­heit kann man nicht ent­rin­nen.“ (Robert Leicht, Süd­deut­sche Zeitung)

Wie kommt der Mann nur zu sei­nem Ver­dacht gegen den geschichts­lo­sen Rest­hau­fen der Deut­schen? Er muß Ori­gi­nal­ton Kohl gehört haben, daß der junge Mensch nichts dring­li­cher braucht, als

„in der kul­tu­rel­len, in der geis­ti­gen und sozia­len Tra­di­tion sei­nes Lan­des Bin­dung und Orientierung“

zu fin­den. – Basta!

His­to­ri­sche Daten wer­den von der obers­ten Geschichts­lei­tung in Bonn anbe­raumt. Der Tag der deut­schen Kapi­tu­la­tion – bis­lang kein gro­ßer Gedenk­tag – wird für die natio­nale Besin­nung bemüht: Die unge­bro­chene Ver­ant­wor­tung der Deut­schen vor der Welt­ge­schichte ist gebüh­rend her­aus­zu­strei­chen. Die gro­ßen Titel, unter denen sich diese Ver­ant­wor­tung heute macht­vol­ler als je zuvor anmel­det, wer­den gleich mit­ge­lie­fert, damit der Deut­sche beim fei­er­li­chen Geden­ken nicht die 1985 gül­tige Les­art his­to­ri­scher Lehre ver­paßt, nach der „vom deut­schen Boden nie wie­der Krieg aus­ge­hen darf“. Zu ver­ste­hen ist das als „Frie­den in Frei­heit“ für die, die ihn noch nicht haben.

Für ihren impe­ria­lis­ti­schen Anspruch auf eine glo­bale frei­heit­li­che Ord­nung schafft sich diese Repu­blik ihre Tra­di­tion. Die Geschichte ist für die­sen Zweck das geeig­nete weite Feld, auf dem sich immer etwas Denk­wür­di­ges fin­den und zitie­ren läßt. 40 Jahre nach der Zer­stö­rung Dres­dens zum Bei­spiel soll der Mensch über die Größe der Opfer in blö­des Stau­nen ausbrechen:

„Die Angriffe stel­len in Hin­blick auf die Ver­luste an Men­schen (ca. 35.000) und kunst­his­to­ri­schen Wer­ten (Städ­te­bild) einen Höhe­punkt dar“.

Inter­es­sant, was im Krieg so alles kaputt gehen kann; da muß der Staat ja höl­lisch auf­pas­sen! Nur gut, daß die in der Ost­zone sich nicht aus der Ver­ant­wor­tung steh­len und die Dres­de­ner Oper glatt wie­der auf­ge­baut haben. Respekt vor soviel Deutsch­tum! „Wir“ haben aber auch nicht geschla­fen und seit genau 150 Jah­ren die frei­heit­lichste Eisen­bahn. Und wenn die drü­ben glau­ben, sie hät­ten Bach und Hän­del für sich gepach­tet, bewei­sen die 300-​Jahr-​Feiern (West) genau das Gegen­teil: Es gibt für die deut­sche Kul­tur keine Gren­zen. Dafür war sie schon immer viel zu freiheitlich.

Ohne bestän­dige kleine Retu­schen am Geschichts­bild der Deut­schen ist die gerade gewünschte Tra­di­tion nicht zu haben. Rich­tig­keit in dem beschei­de­nen Sinn von genauem Bericht der äußer­li­chen Vor­komm­nisse ist ein fer­nes Ideal. Für die Zeit des Faschis­mus zum Bei­spiel soll man jen­seits aller „Irri­ta­tio­nen“ durch die „große Poli­tik“ bedin­gungs­los Ver­ständ­nis für „die Men­schen“ auf­brin­gen: Das Volk war ja auch unter Hit­ler, ja trotz Hit­ler, unver­schämt gut und gibt, anders als noch vor 20 Jah­ren, als noch von viel „Schuld“ die Rede war, zu offe­nem Natio­nal­stolz Anlaß – zumin­dest hin­sicht­lich sei­ner Lei­dens­fä­hig­keit. So zurecht­ge­macht ist „unsere Geschichte“ ein Tum­mel­platz deut­scher Gutig­keit. Von den freien Ger­ma­nen bis heute. Brav wurde und wird um „die deut­sche Frage“ gerun­gen. „Die Geschichte ist Zeuge“, daß „wir“ ein rei­nes Gewis­sen haben können.

Die „Ein­heit der Nation“, für die „wir“ jetzt eine „Durst­stre­cke der Geschichte durch­ste­hen müs­sen“, soll die­selbe Geschichte ins­ge­heim beför­dern, bis sie der­einst „auf die Tages­ord­nung der Welt­po­li­tik kom­men wird“ (Kohl). Wenn nur der Feind sol­che Ein­sicht ins his­to­risch Unver­meid­li­che hätte, wie die Bon­ner Regie­rung sie hat. So aber kommt die Auf­be­rei­tung deut­scher Tra­di­tio­nen „lei­der“ nicht ohne hand­fes­tes Feind­bild aus: Für his­to­risch begrün­det gilt in der Bun­des­re­pu­blik die Ein­schät­zung der Sowjet­union als „ver­krus­te­tes Gebilde“, das sich dem Gang der Welt­ge­schichte wider­setzt. Und der ist so not­wen­dig, wie er im west­li­chen Inter­esse ist. Deut­li­cher kann man „his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit“ als Sich-​ins-​Recht-​Setzen der eige­nen Staats­ge­walt nicht for­mu­lie­ren. Für den Kom­mu­nis­mus ist ent­spre­chend „das letzte Kapi­tel sei­ner Geschichte auf­ge­schla­gen“, er soll „auf dem Abfall­hau­fen der Geschichte lan­den“. An Marx als greif­ba­rem Objekt hat sich diese Logik hier­zu­lande bereits voll­zo­gen: Sein Den­ken gilt als hoff­nungs­los archa­isch, kei­nes­falls deut­scher Kul­tur ver­bun­den. Allen­falls taugt es dazu, den Epi­go­nen im Osten hin­zu­rei­ben, daß die Gedan­ken ihres Lokal­ma­ta­dors im Wes­ten gedacht wor­den sind – ätsch.

Im real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus sind sie indes mit his­to­ri­schen Argu­men­ten auch fix bei der Hand: „Das Rad der Geschichte“ soll sich gegen den Kapi­ta­lis­mus dre­hen. Die öst­li­che Poli­tik sucht nach ent­spre­chen­der Über­ein­stim­mung mit der „his­to­ri­schen Ten­denz“, die als fik­ti­ves Sub­jekt in die Welt gesetzt wor­den ist. Das his­to­ri­sche Argu­ment ist hier nicht, wie in bun­des­deut­schen Lan­den, unver­hoh­lene ideo­lo­gi­sche Frech­heit beim Gel­tend­ma­chen impe­ria­lis­ti­scher Rechte auf die Welt, son­dern mora­lisch ernst gemeint: Die Ober­ma­cher drü­ben prü­fen staat­li­che Poli­tik metho­disch dar­auf­hin, ob sie in der Tra­di­tion des „his­to­ri­schen Fort­schritts“ steht, der in der Über­win­dung des Klas­sen­staats, in der ech­ten Ein­heit von Volk und Staat lie­gen soll. Solch eine Tra­di­tion gibt es bloß für einen, der den Klas­sen­staat nicht als wirk­li­ches Sub­jekt begreift, das kri­ti­siert und abge­schafft gehört, son­dern ihn faßt als einen, der – his­to­risch bewußt – immer schon „ten­den­zi­ell“ mit dem Pro­blem sei­ner eige­nen Abschaf­fung im Clinch lag. Diese Kon­struk­tion macht Kri­tik an ihm über­flüs­sig. Sie beschwört ihre eigene Erfin­dung, den selbst­kri­ti­schen, guten Geist des Staats, will dem auf die Sprünge hel­fen – eine reich­lich eso­te­ri­sche Mah­nung an die Adresse des Impe­ria­lis­mus, er müßte sich doch „vor der Geschichte“ nicht so aufspielen.

Der­weil geht frei­lich nicht „die Geschichte“ ihren Gang – weder bei den Bezie­hun­gen zwi­schen Bay­ern und Togo noch bei den Rus­sen -, son­dern ganz ande­res Zeug. Wenn sich die Macher von heute gerne auf Tra­di­tio­nen beru­fen, so ist das allein schon wegen all dem, was anstän­dige Men­schen im Lauf der Jahr­hun­derte ver­bro­chen haben, eher einen Ver­dacht wert. Die Ver­herr­li­chung der sich geschicht­streu geben­den Pro­gramme – das ein­zig Gemeinte bei der stets erfolg­rei­chen Suche nach ver­flos­se­nen Beru­fungs­in­stan­zen – darf man, wie die Geschichte selbst, getrost kri­ti­sie­ren. Die Geschichte prak­ti­scher Kri­tik ist näm­lich eine von deren Mißerfolg.

„Der Kom­mu­nis­mus gehört auf den Abfall­hau­fen der Geschichte.“ (Reagan)

Am Pro­blem der Ein­äsche­rung und sau­be­ren Über­füh­rung arbei­ten die Regie­run­gen der NATO gerade.

„Wir Deut­sche dür­fen uns nicht aus der Geschichte steh­len.“ (Hel­mut Kohl)

Wenn die Sache so ist, machen wir genauso weiter.

„Das Rad der Geschichte läßt sich nicht zurück­dre­hen.“ (Marx)

Es war schon immer recht teuer, an den Fort­schritt zu glauben.

„Die Geschichte ist eine Geschichte von Klas­sen­kämp­fen.“ (Marx)

Die einen sind sehr für so eine Geschichte, die ande­ren auch und ver­bie­ten sie. Who is who?

„Das letzte Kapi­tel der Geschichte des Kom­mu­nis­mus ist auf­ge­schla­gen.“ (Reagan)

Für diese Mit­tei­lung hat Rea­gan sicher kein Buch benützt.

„Laß doch die alten Geschich­ten!“ (Wencke Myrhe)

Wem sagst du das!

„Völ­ker kön­nen sich nicht aus ihrer Geschichte ver­ab­schie­den.“ (Brandt)

Mit­ge­fan­gen – mitgehangen.

„Unsere Poli­tik ist ein Ja zur Geschichte.“ (Strauß)

Wie wär’s mit einem Nein?