Gegen­Stand­punkt 3 – 05

Neues aus der Wis­sen­schaft: Rät­sel unse­res Gehirns

Quelle: Gegen­Stand­punkt 3 – 05

Neues aus der Wis­sen­schaft: Rät­sel unse­res Gehirns

Wenn man Phi­lo­so­phen, Psy­cho­lo­gen, Juris­ten, Neuro– und andere Bio­lo­gen auf einem Kon­gress zum Thema ‚moderne Hirn­for­schung’ dis­ku­tie­ren lässt, erfährt man hin­ter­her Fol­gen­des aus der Zei­tung: “Das ‚neue Men­schen­bild’, an dem die Hirn­for­schung mit gro­ßem Aplomb arbei­tet, sorgt seit gerau­mer Zeit für Unruhe. Denn auf den Moni­to­ren der Labore erscheint das Selbst­be­wußt­sein nur als Pro­dukt der neu­ro­na­len Bio­che­mie, hoch­kom­plex zwar, aber nichts­des­to­we­ni­ger ein­ge­bun­den in die lücken­lo­sen Kau­sal­ket­ten der Mate­rie. Daß der gegen­wär­tige For­schungs­stand mit sei­nen vie­len offe­nen Fra­gen keine Grund­lage dafür bie­tet, einen Umbau des Rechts­sys­tems ins Auge zu fas­sen, dar­über waren sich die anwe­sen­den Juris­ten einig. Unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen herrsch­ten aller­dings bei der Frage, was zu gesche­hen hätte, falls ein­mal die empi­ri­schen Lücken geschlos­sen, die logi­schen Unstim­mig­kei­ten besei­tigt wären und ein deter­mi­nis­ti­sches Men­schen­bild sich durch­set­zen würde.” (FAZ, 22.6.05)

Tja, was sol­len wir tun, wenn sich her­aus­stellt, dass wir deter­mi­niert sind? Unser Vor­schlag an alle juris­tisch geschul­ten Neu­ro­bio­lo­gen: Wir war­ten ein­fach die nächste hoch­kom­plexe, aber lücken­lose Kau­sal­kette der Mate­rie ab.

Wäh­rend in der inter­dis­zi­pli­nä­ren For­scher­ge­meinde die Ent­schei­dung in der Frage noch offen ist, ob Wille und Bewusst­sein deter­mi­niert sind, weiß ein For­scher immer­hin über den Weg der Ent­schei­dungs­fin­dung schon genau Bescheid: “Denn wel­che Argu­mente ins Bewusst­sein kom­men, hängt ab von unbe­wuss­ten Pro­zes­sen… Und wie jemand ratio­nal abwägt, ist sei­ner­seits wie­der neu­ro­nal deter­mi­niert… Daher kommt die Neu­ro­bio­lo­gie am Ende zu der Aus­sage: Jemand hat so ent­schie­den, weil er mit einem Gehirn aus­ge­stat­tet ist, das in die­sem Moment so ent­schei­den konnte und nicht anders.” (Hirn­for­scher Roth, in: Die Zeit, 14.7.)

Fragt sich nur: Wel­ches Hirn hat da mal wie­der nicht anders gekonnt und der Neu­ro­bio­lo­gie diese Aus­sage ein­ge­ge­ben? Und was ist, wenn ein Nachbar-​Hirn nicht anders kann als zu ent­schei­den, dass der Begriff der Deter­mi­na­tion unmög­lich deter­mi­niert sein kann? Zwei­fel­los ein wei­tes For­schungs­feld für Hirne, die ohne­hin nicht anders kön­nen, als fal­sche Fra­gen zu stellen…

Denn, zwei Wochen spä­ter, in der ARD kommt auch noch ein Film zum Thema! Auf die Frage: “Sind Ver­bre­chen bio­lo­gisch pro­gram­miert, und ist die ver­bre­che­ri­sche Ver­an­la­gung neu­ro­lo­gisch nach­weis­bar?” (SZ, 27.7.) dür­fen die Hirn­ströme eines Ver­bre­chers vor lau­fen­der Kamera die Ant­wort geben: “Wie bei vie­len ande­ren Ver­bre­chern arbei­tet bei ihm der Teil des Gehirns nur schwach, in dem das Mit­ge­fühl ver­wal­tet wird.” (ebd.)

So müs­sen wir im fort­ge­schrit­te­nen Alter ein ums andere Mal erfah­ren, dass wir deter­mi­niert sind und gar nichts dafür kön­nen. Warum hat man uns das nicht frü­her gesagt?!