Kri­tik der Hirnforschung

“Der Mensch ist der Sklave sei­nes Gehirns!”, behaup­ten Hirnforscher.

Schon wie­der eine Auf­for­de­rung an sei­nem Ver­stand zu zwei­feln, statt ihn zu benutzen.

Quelle: Prof. Dr. Fre­erk Huis­ken (www​.fhuis​ken​.de)

Kri­tik der Hirnforschung

“Der Mensch ist der Sklave sei­nes Gehirns!”,

behaup­ten Hirnforscher. -

Schon wie­der eine Auf­for­de­rung an sei­nem Ver­stand zu zwei­feln, statt ihn zu benut­zen.[1]

1. Die Behauptung

In Phi­lo­so­phie, Ver­hal­tens­theo­rie und vor allem in der Psy­cho­lo­gie hat die Theo­rie Tra­di­tion, dass der Mensch ein Sklave sei­ner Natur sei. Instinkte und Triebe, gene­tisch deter­mi­nierte Bega­bung und Intel­li­genz wer­den für das Han­deln von Men­schen ver­ant­wort­lich gemacht. Auch die Beha­vio­ris­ten, die das Tun und Trei­ben als Reak­tion auf äußere Reize deu­ten, die über eine “black box”, sprich: über das den Beha­vio­ris­ten in sei­nem Funk­tio­nie­ren unbe­kannte Gehirn gesteu­ert wird, gehört in diese Abtei­lung (fal­scher) deter­mi­nis­ti­scher geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Theo­rien. Die neuere Hirn­for­schung, bzw. bes­ser: neue psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Aus­deu­tun­gen von Ergeb­nis­sen der neu­ro­bio­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Hirn­for­schung behaup­ten nun, das Innere der black box all­mäh­lich ent­schlüs­seln zu kön­nen.[2] Roth, Sin­ger, Prinz und einige andere sind sich dabei in ihrem Urteil sicher, dass es so etwas wie den freien Wil­len des Men­schen nicht gibt.[3] Ihre Behaup­tung lau­tet: ;Der Mensch ist nicht der Herr sei­ner Hand­lun­gen. Viel­mehr ist es das phy­sio­lo­gi­sche Gehirn, das sie ihm vor­schreibt. Alle geis­ti­gen Pro­zesse lösen sich in Natur­vor­gänge auf, wer­den durch Natur­ge­setze bestimmt. So etwas wie Geist mit eigen­stän­di­ger Qua­li­tät gibt es des­we­gen nicht. Kurz: in allem was Men­schen trei­ben, sind sie durch die Natur des Gehirns deter­mi­niert. Der Mensch ist Sklave sei­nes Gehirns.‘ [4]

Was Kri­ti­ker von Freuds Psy­cho­ana­lyse, von Bega­bungs­theo­rien oder beha­vio­ris­ti­schen Lern­theo­rien bis­her für einen ziem­lich schla­gen­den Ein­wand gehal­ten haben, dass in die­sen Theo­rien der doch zwei­fel­los vor­han­dene bewusste Wille des Men­schen impli­zit geleug­net wird, geben die genann­ten Hirn­phi­lo­so­phen nun ganz expli­zit als ihre neuste posi­tive Erkennt­nis aus. Und sie erre­gen damit auch noch ziem­li­che Auf­merk­sam­keit; und zwar nicht nur in eso­te­ri­schen (Wissenschafts-)Zirkeln. Ganze For­schungs­ein­rich­tun­gen wer­den um diese Theo­rie herum gegrün­det, die Öffent­lich­keit nimmt sie erstaunt zur Kennt­nis und debat­tiert sie in den Feuille­tons aller gro­ßer Zei­tun­gen.[5] Neu­er­dings hat diese Abtei­lung der Hirn­for­schung (=HF) die Päd­ago­gik ent­deckt – oder diese jene -, da von ihr neue bahn­bre­chende Erkennt­nisse über das Ler­nen ange­kün­digt wer­den. Straf­recht­ler klop­fen sie fast ernst­haft auf ihre Kon­se­quen­zen hin­sicht­lich einer ganz neu zu stel­len­den Frage nach der Schuld­fä­hig­keit des Men­schen ab, His­to­ri­ker ver­kün­den, dass die Geschichte even­tu­ell neu geschrie­ben bzw. gedacht wer­den müsse und auch Theo­lo­gen ste­hen dem “neu­ro­nal turn auf­ge­schlos­sen gegen­über”.[6]

Irgend­wie mag man es nicht recht glau­ben, was da in wis­sen­schaft­li­cher Debatte abläuft. Es scheint sich erneut zu bewahr­hei­ten, dass in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten kein Gedanke zu absurd ist, als dass man in der plu­ra­lis­ti­schen Kon­kur­renz eit­ler Geis­tes­rie­sen nicht mit ihm reüs­sie­ren könnte. Den­noch erregt nicht jede wis­sen­schaft­li­che Albern­heit gleich eine sol­che Auf­merk­sam­keit, wie sie in der nun schon einige Jahre anhal­ten­den Debatte über die Wil­lens­frei­heit doku­men­tiert ist. Dem ist nach­zu­ge­hen. Jedoch soll vor­her der Nach­weis erbracht wer­den, warum und worin diese Theo­rie mit­samt ihren Bewei­sen falsch ist. Die­sen Nach­weis halte ich ers­tens des­we­gen für not­wen­dig, weil die in dem Suhrkamp-​Buch zusam­men­ge­tra­ge­nen Auf­fas­sun­gen über­all dort, wo sie sich kri­tisch mit der HF aus­ein­an­der­set­zen, in ers­ter Linie Welt– und Menschenbild-​Fragen the­ma­ti­sie­ren; und weil zwei­tens das Urteil über die Absur­di­tät der Behaup­tung der HF natür­lich erst noch begrün­det sein will.

2. Kri­tik der Behauptung

2.1. Erfun­dene Erklärungsnotstände

Jeder Wis­sen­schaft­ler, der eine neue Theo­rie auf­stellt, will mit ihr Sach­ver­halte erklä­ren, die sei­ner Auf­fas­sung zufolge mit vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen zur Sache nicht hin­rei­chend oder gar nicht erfasst wer­den kön­nen. Die­ser ratio­nale Aus­gangs­punkt von Wis­sen­schaft scheint auch bei der HF vor­zu­lie­gen. Die Auto­ren lis­ten in ihren Publi­ka­tio­nen Sach­ver­halte auf, die sie für rät­sel­haft hal­ten und von denen sie behaup­ten, dass sie sich allein über ihre Behaup­tung von der Natur­ver­skla­vung des mensch­li­chen Gehirn erklä­ren las­sen. Alle diese Sach­ver­halte bezie­hen sich auf das Ver­hält­nis von Hand­lun­gen bzw. dem Unter­las­sen von Hand­lun­gen und den Grün­den, die Men­schen dafür haben. Sie mei­nen Fälle benen­nen zu kön­nen, in denen sich das all­täg­li­che Han­deln des Men­schen nicht durch bewusste, also geis­tig vor­be­rei­tete Wil­lens­akte erklä­ren lässt. [7] Auf vier die­ser Fälle will ich eingehen:

Fall 1: Men­schen erklä­ren sich zu bestimm­tem Han­deln bereit, trei­ben dann aber etwas ganz ande­res; geben viel­leicht auf Nach­frage sogar an, dass sie genau wie gewünscht han­deln wür­den.[8]

Fall 2: Kin­dern wird irgend­ein sim­pler Sach­ver­halt x-​mal erklärt, sie begrei­fen ihn aber ein­fach nicht, wie am Lern­re­sul­tat abzu­le­sen ist.[9]

Fall 3: Men­schen han­deln gegen jede Ver­nunft; sie set­zen sich z.B. betrun­ken ans Steuer ihres Autos.[10]

Fall 4: Da geben Men­schen Urteile über ihr Tun ab, die nach­weis­bar ihr Tun nicht tref­fen.[11]

Natür­lich gibt es sol­che Fälle. Doch was soll an ihnen rät­sel­haft sein? Man muss nicht ein­mal zu aus­ge­ar­bei­te­ten Theo­rien grei­fen, um in jedem die­ser Fälle die sie aus­ma­chen­den geis­ti­gen Ope­ra­tio­nen, sprich: die Gründe benen­nen zu kön­nen, die Men­schen für ihr jewei­li­ges Ver­hal­ten haben.

- Men­schen, denen nach einer Ver­ab­re­dung etwas dazwi­schen kommt, denen zwi­schen­zeit­lich etwas ande­res wich­ti­ger gewor­den ist, die etwas ver­ges­sen, die eine Ver­ab­re­dung nicht ernst gemeint oder geschwin­delt haben, han­deln – wie Fall 1 dar­stellt – ebenso gegen die ursprüng­li­che Ver­ab­re­dung wie alle jene, die sich Zeit und Ort nur falsch gemerkt haben. Dass Men­schen zur Lüge als dem Mit­tel ihres Inter­es­ses grei­fen, Schü­ler z.B. dem Leh­rer eine fal­sche Aus­kunft über ihre Ver­spä­tung geben oder Erwach­sene ihr Fehl­ver­hal­ten auf andere schie­ben, ver­weist dar­auf, dass sie um die schäd­li­chen Kon­se­quen­zen wis­sen, die ihnen hier­zu­lande Ehr­lich­keit ein­tra­gen würde. Das ist kein Beleg für Wil­lensunfrei­heit, son­dern für gesell­schaft­li­che Umstände, in denen Feh­ler nicht kor­ri­giert, Ver­säum­nisse nicht beho­ben, son­dern von Instan­zen bestraft wer­den, die dazu die Macht haben. Wo es an der Tages­ord­nung ist, dass Men­schen in ihrem All­tag für ihr Han­deln unzu­tref­fende Gründe ange­ben oder es gar leug­nen, da wird wohl der Ver­kehr der Men­schen unter­ein­an­der von ziem­lich viel Gegen­sätz­li­chem geprägt sein, das sich dem Wil­len in den Weg stellt.

- Dass viele Kin­der auch nach mehr­fa­chen Anstren­gun­gen der Damen und Her­ren Päd­ago­gen den Lern­stoff nicht begrei­fen – wie in Fall 2 ange­ge­ben -, ist ebenso wenig rät­sel­haft. Gerade in der staat­li­chen Pflicht­schule soll es vor­kom­men, dass Kin­der keine Lust zum Ler­nen haben, dass ihnen die Vor­kennt­nisse feh­len, dass ihre Auf­merk­sam­keit ohne­hin vor allem den Noten gilt und sie des­we­gen sich schwer auf die Sache kon­zen­trie­ren kön­nen, oder dass sie ein­fach zum Begrei­fen mehr Zeit brau­chen, als die Päd­ago­gen dafür vor­ge­se­hen haben. Es ist auch in die­sem Fall 2 nichts rät­sel­haft. Zudem liegt das Bei­spiel ohne­hin gänz­lich neben dem Beweis­zweck, für den es ste­hen soll. Denn von freiem Wil­len, von Lern­in­ter­esse kann in der Schule ohne­hin nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Die Schulpflicht nimmt auf den Wil­len zum Ler­nen kei­ner­lei Rück­sicht und die Orga­ni­sa­tion des Ler­nens errich­tet schnell dem vor­han­de­nen Lern­in­ter­esse Schran­ken, treibt Schü­lern den Wunsch, etwas begrei­fen zu wol­len, häu­fig genug aus.

- Der Zecher, der sich – siehe Fall 3 – trun­ken ans Steuer setzt, weiß, dass er das eigent­lich nicht tun sollte. Als mora­li­scher Mensch mit Gewis­sen ent­schei­det er sich – “Ich kann noch fah­ren!” – aus­nahms­weise gegen die Pflicht für die Bequem­lich­keit, für den Beweis sei­ner Cool­ness oder für was auch immer, wenigs­tens gegen das Taxi. Auch die­ses Bei­spiel steht dafür, dass allzu oft das eigene Wol­len mit dem gefor­der­ten Sol­len nicht über­ein­stimmt, son­dern sich an ihm reibt. Allein von der Wirk­mäch­tig­keit der Vor­schrift und der Inten­si­tät des Inter­es­ses hängt dann die jewei­lige Auf­lö­sung des Gewis­sens­kon­flikts ab. Ein Rät­sel bleibt allein, warum von der HF Ver­nunft mit der Unter­wer­fung unter gül­tige Vor­schrif­ten gleich­ge­setzt wird. (Das Rät­sel wird sich spä­ter lösen.)

- Und schließ­lich der Fall 4, für den G.Roth ein Expe­ri­ment eines us-​amerikanischen Kol­le­gen her­an­zieht, der Frauen auf­ge­for­dert hatte, aus einem Hau­fen völ­lig iden­ti­scher Strümpfe ein Paar aus­zu­wäh­len; und der anschlie­ßend, nach­dem er sie jeweils um eine Begrün­dung für ihre spe­zi­elle Wahl gefragt hatte, fest­stel­len musste, dass diese Frauen an glei­chen Strümp­fen jeweils beson­dere Vor­züge ent­deckt zu haben glaub­ten. Ob nun diese Frauen dem For­scher einen Gefal­len tun woll­ten, ob die spe­zi­fi­sche Fra­ge­stel­lung des Expe­ri­ments sie zu einer Son­der­be­grün­dung genö­tigt hat oder ob sie sich – gemäß der Schnäpp­chen­jä­ger­men­ta­li­tät – tat­säch­lich ein­ge­bil­det haben, das schönste, feh­ler­freiste Exem­plar mit dem geüb­ten Blick der Haus­frau aus dem gro­ßen Hau­fen her­aus­ge­fischt zu haben, in jedem Fall sind auch sie mit Wil­len und Bewusst­sein bei der Sache gewe­sen. So gese­hen ist von einem Rät­sel keine Spur zu sehen. Auf­zu­lö­sen wären allein die Ursa­chen die­ses geis­ti­gen Selbst­be­trugs. Auch das ist schnell zu haben, denn ein gro­ßes Geheim­nis ver­steckt sich hin­ter der Logik der Schnäpp­chen­jä­ger nicht. Sie sind genö­tigt, mit jener Sorte Unfrei­heit fer­tig zu wer­den, die in der Beschrän­kung ihres Ein­kom­mens liegt. Sie müs­sen zuse­hen, dass sie das Bil­ligste erwi­schen. Und haben sie dabei Erfolg, dann gilt ihnen das nicht sel­ten als Sieg, mit dem sie sich über gekürz­ten Lohn und erwor­be­nen Ramsch hin­weg­trös­ten. Das ist ihre – freie – geis­tige Leis­tung im Umgang mit der an ihnen her­ge­stell­ten Unfrei­heit in der Ver­fü­gung über das hier­zu­lande gül­tige erste Lebens­mit­tel, das Geld.[12]

Wo herrscht hier ein Erklä­rungs­not­stand? Was ist an die­sen Fäl­len uner­klär­lich? Fin­den sich in die­sen genann­ten Fäl­len irgend­wel­che Hin­weise dar­auf, dass keine wil­lent­li­che Betä­ti­gung vor­liegt, dass die Men­schen „Skla­ven ihres Gehirns“ sind? Alle vier Fälle fal­len unter freie, bewusste wil­lent­li­che Betä­ti­gung: das Ändern einer Mei­nung ebenso wie die Lüge, das Miss­ver­ständ­nis genauso wie das (Nicht-)Begreifen, das gewusste Über­tre­ten von Gebo­ten ebenso wie die Ein­bil­dung, ein Schnäpp­chen gemacht zu haben. Natür­lich gibt es in die­sen Fäl­len – wie ange­deu­tet – Hin­weise auf Unfrei­heit. Doch ist diese Unfrei­heit ande­rer Natur. Mit der Natur des Gehirns hat sie nichts zu tun. Sie ist gesell­schaft­li­cher Art – so etwa, wenn die Schul­pflicht den Nach­wuchs zum Ler­nen für Noten zwingt, dabei auf den Wil­len zum Ler­nen, auf das Inter­esse am Lern­stoff und auf das für die Aneig­nung des Unter­richts­in­halts not­wen­dige Vor­wis­sen kein Rück­sicht nimmt. Auch der Zecher, der trun­ken Auto fährt, arbei­tet sich mit sei­nem Gewis­sen an der Vor­schrift der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung ab; und schließ­lich ist unschwer zu erken­nen, dass der geis­tige Selbst­be­trug der Haus­frauen bei der Strumpf­wahl eine Sorte geis­ti­gen Umgangs mit einem beschränk­ten Ein­kom­men dar­stellt, die aus der mate­ri­el­len öko­no­mi­schen Not einen ide­el­len Sieg ver­fer­ti­gen möchte. Vor­schrif­ten in Geset­zes­form, öko­no­mi­sche Beschrän­kun­gen und mora­li­sche Pflich­ten erwei­sen sich wirk­lich nicht sel­ten als Schran­ken des wil­lent­li­chen Han­delns. All das belegt nur eines: Der Inhalt des Wil­lens, den der Mensch frei für sich for­mu­liert hat und für den er seine Gründe hat[13], mit denen er Zwe­cke ver­folgt, für deren Rea­li­sie­rung er sich die dazu pas­sen­den Mit­tel, Instru­mente, Ver­fah­rens­wei­sen etc. sucht, stößt in sei­ner prak­ti­schen Betä­ti­gung in der Tat allzu oft auf Ein­sprü­che und Hin­der­nisse. Die Unfrei­heit der wil­lent­li­chen Betä­ti­gung liegt also nicht in die­ser, son­dern in den Beschrän­kun­gen, die ihr in die­ser Gesell­schaft wider­fah­ren. Wil­lens­frei­heit ist für sich nichts ande­res als die Abklä­rung von Inter­es­sen und Wün­schen, ihre Begrün­dung also und die Bestim­mung von zweck­mä­ßi­gen Mit­teln zu ihrer Rea­li­sie­rung. Dass hier­zu­lande sofort ganz andere Über­le­gun­gen auf­tau­chen, an denen der Mensch seine Inter­es­sen häu­fig genug selbst rela­ti­viert, dass er sich nicht nur die Frage stellt, ob sein Wunsch ver­nünf­tig ist, ob die dafür nöti­gen Anstren­gun­gen in einem sinn­vol­len Ver­hält­nis zum ange­streb­ten Ergeb­nis ste­hen, wel­che Kon­se­quen­zen das Han­deln hat usw., son­dern dass er sich zual­ler­erst die Frage stellt, ob er darf oder kann, was er will, ver­weist auf ziem­lich mäch­tige Instan­zen, die dem Wil­len – wie gut oder schlecht er auch immer begrün­det sein mag – recht bru­tal in die Quere kommen.

Wie kom­men die Hirn­phi­lo­so­phen auf die Idee, hier wür­den uner­klär­li­che Phä­no­mene vor­lie­gen, die auf die Natur des Gehirns als die den Wil­len bestim­mende Instanz ver­wei­sen? Wie kommt es, dass sie sich Erklä­rungs­not­stände erfin­den, wo diese weit und breit nicht zu sehen sind? Dies liegt zunächst ein­mal daran, dass sie erst gar keine andere – und doch wirk­lich recht bil­lig zu habende – Sicht auf die genann­ten Fälle zulas­sen als jene, durch die sie ver­rät­selt wer­den: Sie las­sen näm­lich die schlichte Frage nach den Grün­den für das bestimmte Han­deln, nach dem Warum des bestimm­ten Wil­lensinhalts gar nicht erst zu. Ihr Hin­weis dar­auf, dass – auf den ers­ten Blick – in die­sen Fäl­len Absicht bzw. Beschluss und Hand­lung, Hand­lung und ihre Beur­tei­lung, Anstren­gung und Resul­tat der Anstren­gung aus­ein­an­der fal­len, reicht ihnen bereits aus, um ihre Sicht­weise bestä­tigt zu sehen, dass die Hand­lun­gen nichts mit dem geäu­ßer­ten freien Wil­len zu tun haben kön­nen, son­dern­dass sie natur­ge­steu­ert sein müs­sen, also auf einen natur­be­stimm­ter Wil­len zurück­zu­füh­ren sind. Den zwei­ten, den aller­erst urtei­len­den Blick auf das Aus­ein­an­der­tre­ten von Beschluss und Hand­lung etc. brau­chen sie dann nicht mehr. Die sich in all den Fäl­len stel­lende Frage, warum Men­schen Ver­ab­re­dun­gen nicht ein­hal­ten, Ziele nicht rea­li­sie­ren, Beschlüsse nicht durch­füh­ren, sich etwas über ihr Tun vor­ma­chen etc., liegt jen­seits ihres geis­ti­gen Zugangs zur Wirk­lich­keit. Vor der theo­re­ti­schen Ergrün­dung der Sach­ver­halte haben sie sich bereits für ihre Deu­tung ent­schie­den. Da spielt der Umstand keine Rolle, dass ihre Deu­tung die jewei­lige Sache gar nicht trifft. Sie haben näm­lich die vier genann­ten, real­exis­tie­ren­den Sach­ver­halte vor ihrer Deu­tung bereits in etwas ande­res ver­wan­delt. Sie neh­men sie gar nicht als das, was sie sind. Weder die Frage nach dem bestimm­ten Wil­lens­in­halt, nach den bestimm­ten Grün­den für ein Tun oder Las­sen noch die Frage danach, was der Rea­li­sie­rung in die Quere gekom­men bzw. was für die eigen­wil­lige, das eigene Tun nicht tref­fende Beur­tei­lung ver­ant­wort­lich ist, kommt ihnen über­haupt in den Sinn – und schon gar nicht die Frage, warum hier­zu­lande die öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Lebens­be­din­gun­gen die Ver­wirk­li­chung so man­cher Inter­es­sen zunichte machen. Den bestimm­ten Wil­len und seine Gründe neh­men sie gar nicht erst zur Kennt­nis. Alle genann­ten Fälle die­nen ihnen allein als Mate­rial zur Ergrün­dung der Ursa­chen von Wil­lent­lich­keit über­haupt. Sie abstra­hie­ren damit von vorn­her­ein von der Sache, die sie zu erklä­ren vor­ge­ben, fra­gen nach der Quelle des Wil­lens, ohne sich um die­sen in sei­ner Bestimmt­heit zu sche­ren. Dazu muss man schon einen gro­ßen Bogen um das machen, was den Wil­len über­haupt aus­macht, näm­lich sei­nen Inhalt und die Gründe für ihn. So kon­stru­ie­ren sie sich einen theo­re­ti­schen Gegen­stand, den es gar nicht gibt, den lee­ren Wil­len und seine Quelle. Der ist gänz­lich fik­tiv:

Ein Mensch, der sei­ner Umge­bung mit­teilt: „Ich will!“, wird sich die Frage anhö­ren müs­sen, was er denn nun wolle. Denn wer das Wol­len will, will nichts Bestimm­tes, also nichts.[14] Fügt der Gesprächs­part­ner jedoch hinzu: „Ich will mir im Kino den Film XY anse­hen.“, gibt er also zu ver­ste­hen, dass er ein bestimm­tes Anlie­gen, Bedürf­nis oder Inter­esse ganz frei für sich for­mu­liert hat, dann weiß das Umfeld, was er will und kann ihn aller­erst nach sei­nen Grün­den dafür fra­gen, diese Gründe erör­tern, zur Kennt­nis neh­men, ihm zu– oder abra­ten oder sich ihm anschlie­ßen. Mit der Angabe des Grun­des für den Inhalt des bestimm­ten Wil­lens ist seine „Quelle“ auch schon erschlos­sen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Jede wei­ter­ge­hende Befas­sung mit dem geäu­ßer­ten Wil­len, die gänz­lich andere The­men auf­wirft, könnte dann auf den Inhalt und seine Gründe Bezug neh­men – sich etwa mit der Stich­hal­tig­keit der ange­ge­be­nen Gründe befas­sen – oder seine Rea­li­sie­rungs­be­din­gun­gen erör­tern – läuft der Film eigent­lich noch, kann ich mir den Kino­be­such leis­ten etc. Die Hirn­phi­lo­so­phen sind folg­lich weit ent­fernt davon, sich Klar­heit dar­über zu ver­schaf­fen, was Men­schen warum so alles trei­ben und warum ihnen nicht gerade sel­ten dabei durch Staats­ge­walt und Eigen­tums­ver­hält­nisse, nebst deren Abwick­lung in der Kon­kur­renz ein Strich durch die eigene Rech­nung gemacht wird.

Den Wil­len bzw. das Wol­len getrennt von dem, was ihn erst zum Wil­len macht, zu ermit­teln, ist nicht nur ein fal­sches Anlie­gen, es zeigt nicht nur das voll­stän­dige Des­in­ter­esse für den gewähl­ten Gegen­stand, son­dern führt dar­über hin­aus ziel­stre­big und dem psy­cho­lo­gi­schen Den­ken ver­haf­tet, das sich mit ähn­li­chen Fik­tio­nen her­um­schlägt[15], zur Suche nach einer Instanz, die dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den kann – der Typ, der für sein frei ermit­tel­tes wil­lent­li­ches Han­deln seine Gründe hat, kann es nun nach Roth&Co. ja schon nicht mehr sein. Die Wis­sen­schaft­ler beschäf­tigt also anläss­lich einer kund­ge­ge­be­nen Absicht – „Ich will ins Kino gehen!“ -, die absurde Frage: Wie kann der Mensch (das) wol­len?, um gleich wei­ter zu fra­gen: Was ist für das Wol­len ver­ant­wort­lich?, und für diese Frage nur zwei, glei­cher­ma­ßen fal­sche Ant­wor­talter­na­ti­ven zuzu­las­sen, von denen die eine dann gar nicht wei­ter in Betracht kommt: Es kann nur der freie Wille sein oder das Gehirn, das den Wil­len deter­mi­niert. Der freie Wille, der bei den Hirn­phi­lo­so­phen ja der gänz­li­che leere Wille ist[16], kommt nicht in Betracht, weil – siehe oben – Wille und Aus­füh­rung schon mal aus­ein­an­der tre­ten, der Mensch seine Ankün­di­gung, ins Kino zu gehen, nicht wahr­macht. Folg­lich ist es das natür­li­che Gehirn, das dem Men­schen sei­nen Wil­len dik­tiert. Und es irri­tiert diese Hirn­for­scher nicht im Min­des­ten, wenn ihnen etwa der Film­freund, der sei­nen Ent­schluss zum Kino­be­such nicht umge­setzt hat, dies lapi­dar damit begrün­det, er habe auf dem Weg zum Kino einen Freund getrof­fen, der ihm vom Film­be­such drin­gend abge­ra­ten hat, wes­we­gen er sich dann ent­schlos­sen habe, mit dem Freund eine Kneipe aufzusuchen……

Im Aus­gangs­punkt ihres wis­sen­schaft­li­chen Trei­bens fin­det sich kein offe­nes Pro­blem, über das neu und gründ­lich nach­ge­dacht wer­den müsste. Ihr Aus­gangs­punkt ist bereits ihr End­punkt. Ein­deu­tig steht bei ihnen das Ver­hält­nis von Erklä­rung und zu erklä­ren­dem Sach­ver­halt “auf dem Kopf”. Die genann­ten Fälle sol­len nicht erklärt wer­den, son­dern gleich die Plau­si­bi­li­tät ihres Urteils über die geis­tige Ver­skla­vung nach­wei­sen. Das, was als erklä­rungs­wür­dig vor­ge­stellt wird, taugt umge­kehrt – also zir­ku­lär – nur dazu, die Stim­mig­keit der längst fest­ste­hen­den, ein­zig zuläs­si­gen Erklä­rung zu bebil­dern. Mit kor­rek­ter Wis­sen­schaft hat diese HF, soviel lässt sich jetzt schon fest­hal­ten, nichts zu tun. Schon ihr Aus­gangs­punkt – der erfun­dene Erklä­rungs­not­stand – macht deut­lich, dass im Lichte eines für sie unum­stöß­li­chen Zusam­men­hangs alle mög­li­chen Sach­ver­halte gedeu­tet wer­den. Es steht zu erwar­ten, dass die Theo­rie des­we­gen auch wei­te­rer Prü­fung nicht stand­hält.[17]

2.2. Das Para­do­xon der Behauptung

2.2.1. Das Para­do­xon, das diese Theo­rie aus­zeich­net, bestä­tigt den ers­ten Befund. Es ver­hält sich in der Tat so, dass – wie der US-​Sprachphilosoph D.Davidson fest­ge­stellt hat [18] – die Auto­ren ihr Wis­sen gar nicht besit­zen könn­ten, wenn es denn rich­tig wäre. Man sollte sich ein­mal vor Augen füh­ren, in wel­chem Ver­hält­nis das theo­re­ti­sche – aber auch all­täg­li­che – Trei­ben der genann­ten HFer zu ihrer Theo­rie steht. Da hal­ten sie Vor­le­sun­gen, schrei­ben Bücher, kor­ri­gie­ren alte Ansich­ten, fah­ren auf Kon­gresse, strei­ten mit Kol­le­gen über ihre Theo­rien, brin­gen sie den Stu­den­ten bei, ver­kün­den deren prak­ti­sche Bedeut­sam­keit etc. Die Frage, woher sie eigent­lich Kennt­nis von den Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Gehirns haben, woher sie ihr – doch wohl von ihnen selbst für zutref­fend gehal­te­nes – Wis­sen über Neu­ro­nen­ak­ti­vi­tä­ten bezie­hen, wenn sie sich doch, folgt man ein­mal ihrer Theo­rie, als ein mit Ver­stand und Vor­wis­sen aus­ge­rüs­te­tes, streit­ba­res, um Wahr­heit rin­gen­des For­scher­sub­jekt theo­re­tisch aus dem Ver­kehr gezo­gen haben. Als Erkennt­nis könn­ten sie diese Urteile danach gar nicht gewon­nen haben, denn Erkennt­nis setzt nun ein­mal vor­aus, dass ein Wis­sen­schaft­lersub­jekt sich sei­nem Gegen­stand, dem Objekt sei­ner Erkennt­nis, wil­lent­lich wid­met. Er macht sich seine Gedan­ken über das Gehirn, stellt über es Hypo­the­sen auf, über­prüft diese, kor­ri­giert Annah­men und ersetzt sie durch andere, bis er zu der Auf­fas­sung gelangt ist, dass er alle Erschei­nun­gen des Objekts in einen trif­ti­gen Zusam­men­hang gebracht, mit­hin die Sache erkannt hat; kurz: er betreibt wis­sen­schaft­li­che Arbeit, eine Fülle geis­ti­ger Akti­vi­tä­ten, bei denen er mit Wil­len und Bewusst­sein dabei ist.

Diese, auch für diese HFer zwangs­läu­fig gül­tige Bestim­mung, dass sich ein For­scher­sub­jekt um die ide­elle Iden­ti­tät des von ihm getrenn­ten For­schungs­ob­jekts, d.h. um die ide­elle Auf­he­bung des in der Unkennt­nis beste­hen­den Gegen­sat­zes von Sub­jekt und Objekt bemüht, bezwei­feln sie sehr prin­zi­pi­ell. Sie behaup­ten, dass die Gedan­ken über die Sache ganz mit der Sache selbst zusam­men­fal­len. Alles, was jeder­mann als Gedan­ken, Urteil, Schluss etc. kennt, erklä­ren sie zum Pro­dukt ihres Erkennt­nis­ge­gen­stan­des, des natür­li­chen Gehirns. Alle Behaup­tun­gen über Neu­ro­nen­ver­bin­dun­gen haben ihre Ursa­che, sagen sie, in den Neu­ro­nen­ver­bin­dun­gen selbst. Nicht der For­scher hat nach­ge­dacht, son­dern sein Gehirn hat ihn “den­ken” las­sen. Bei ihnen fal­len folg­lich Natur und Natur­er­kennt­nis zusam­men. Allen Erns­tes behaup­ten sie, dass sie eigent­lich keine wirk­li­che Ahnung von ihrer Ahnung haben.

Zwangs­läu­fig wider­le­gen sie mit ihrem eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Tun die theo­re­ti­schen Aus­sa­gen, in die die­ses Tun seit einem guten Jahr­zehnt mün­det. Sie benut­zen ihren Ver­stand, um sich über eine Theo­rie zu ver­stän­di­gen, die behaup­tet, dass eben dies gar nicht mög­lich sei, weil es eine ver­stän­dige Aus­ein­an­der­set­zung gar nicht geben kann. Sie müs­sen folg­lich sich selbst und ihre geis­ti­gen Akti­vi­tä­ten immer von ihrer Theo­rie über den Gehalt des Geis­ti­gen aus­neh­men, um sie behaup­ten zu kön­nen. Das Para­do­xon, in das sie sich ver­strickt haben, ist unauf­lös­lich. Sie behaup­ten die Gül­tig­keit ihrer Aus­sa­gen und bewei­sen damit zugleich deren Ungül­tig­keit. Wenn Roth, Sin­ger etc. also dar­auf beste­hen, dass ihre Theo­rie etwas für sich hat, dann muss sie – ihrem Gehalt zufolge – falsch sein, und jede wei­tere Befas­sung mit ihr wäre über­flüs­sig. Wür­den sie sich aber zu ihrer Theo­rie selbst gemäß ihrer Theo­rie stel­len, also ach­sel­zu­ckend kon­sta­tie­ren, dass sie selbst nicht wüss­ten, was da über sie gekom­men, in sie gefah­ren oder mit ihnen vor sich gegan­gen sei, sie für ihre Werke kei­nes­falls irgend­eine Ver­ant­wor­tung über­neh­men könn­ten, dann bräuchte es erst recht keine wei­ter­ge­hende Befas­sung mit ihren Elaboraten.

2.2.2.Nun wol­len und dies kön­nen HFer auch gar nicht leug­nen, dass es so etwas wie ein Bewusst­sein vom “freien Wil­len” gibt, dass sich Men­schen aus freien Stü­cken für die eine und gegen die andere Sache ent­schei­den, dass sie zwi­schen Mei­nun­gen das für sie “Pas­sende” aus­wäh­len, dass sie Urteile aus Ein­sicht kor­ri­gie­ren etc.. Roth hat sich – um seine Theo­rie wenigs­tens darin ernst zu neh­men – dazu ent­schie­den, den Wil­len zuzu­ge­ste­hen, des­sen Frei­heit aber, also das, was den Wil­len erst zum Wil­len macht, zu bezwei­feln und zu einer “Ein­bil­dung” zu erklä­ren. Unser Tun, behaup­tet er, sei durch natur­ge­setz­li­che Vor­gänge im Gehirn deter­mi­niert, und im Anschluss an den phy­sio­lo­gisch bestimm­ten Vor­gang stelle sich bei uns das “Gefühl”, die “Ein­bil­dung” ein, dass wir selbst unser Tun gewollt hät­ten.[19] Natür­lich bringt ihn das nicht wei­ter, löst schon gar nicht das Para­do­xon auf. Denn jede “Ein­bil­dung” und jedes “Gefühl” ist eine Sache des Ver­stan­des. Die Ein­bil­dung ist fal­sches Bewusst­sein, das Gefühl ist die “auto­ma­ti­sierte” Bewer­tung, die aus einem Urteil folgt.[20] Um seine Theo­rie zu “ret­ten”, muss er schon wie­der ihr Gegen­teil unter­stel­len, die Fähig­keit zum Urtei­len, Nach­den­ken etc. Wenn aber die­ses Bewusst­sein eben­falls rein Sache der Neu­ro­nen­stürme wäre, dann bräuchte es eine “Ein­bil­dung” zwei­ter Potenz, die das fal­sche Bewusst­sein der Ein­bil­dung eben­falls zur Ein­bil­dung erklärt usw. usf., was dann in jenen Regress bis ins Unend­li­che mün­det, der wie­der viel Gedan­ken­stoff für Phi­lo­so­phen enthält.

Sein Kol­lege Prinz hat sich da etwas ande­res aus­ge­dacht. Kon­fron­tiert mit dem Pro­blem, dass die HFer aus ihrer Theo­rie z.B. die Auf­he­bung des Rechts­sys­tems for­dern müss­ten, da sie das Vor­han­den­sein eines Bewusst­sein von Schuld, also von Recht und Unrecht bestrei­ten, ant­wor­tet er: „Wir müs­sen kei­nes­wegs, solange wir die Inkom­pa­ti­bi­li­tät der all­tags­psy­cho­lo­gi­schen Intui­tio­nen und der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis aus­hal­ten kön­nen(!)” [21] Im Klar­text heißt das: ‚Was schert es mich, dass mein wis­sen­schaft­li­ches Geschwätz ein­fach nicht zum nor­ma­len Den­ken und Tun (= “all­tags­psy­cho­lo­gi­sche Intui­tio­nen”) passt. Ich halte an ihm fest. Ebenso wie der Rest der Mensch­heit wei­ter vom freien Wil­len und der Schuld­fä­hig­keit eines urtei­len­den Ichs über­zeugt ist und die Staats­ge­walt ent­spre­chend ver­fährt. Diese Inkom­pa­ti­bi­li­tät hal­ten wir Wis­sen­schaft­ler läs­sig aus!‘

Der Ein­fall ist gran­dios. Der Wis­sen­schaft­ler gibt damit zu ver­ste­hen, dass er gar nicht davon aus­geht, seine Erkennt­nisse müss­ten in irgend­ei­ner Weise etwas mit jener Wirk­lich­keit zu schaf­fen haben, die sie erklä­ren sol­len. Zur “Lösung” des Para­do­xons trägt Prinz auf seine Weise damit schon etwas bei. Seine – impli­zite – Sor­tie­rung des All­tags nach unver­bind­li­cher freier Wis­sen­schaft und gül­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten nebst der Ein­stel­lung der Men­schen auf sie, macht klar, dass die Damen und Her­ren Hirn­phi­lo­so­phen davon aus­ge­hen, dass ihre Gedan­ken­ge­bäude ohne­hin nur “eine Sicht­weise” von Geist und Gehirn, von Wille und neu­ro­na­len Net­zen ist, die neben jener Sicht­weise ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung hat, die sie gerade zur puren Ein­bil­dung erklärt haben. Und da stört es sie wenig, dass die herr­schende „Sicht­weise“ die per Gewalt­mo­no­pol prak­ti­zierte Sicht­weise der Herr­schaft ist. [22]

2.3. Feh­ler und unhalt­bare Beweise

2.3.1. Feh­ler

Die Feh­ler der Theo­rie basie­ren alle auf der fal­schen Bestim­mung des Ver­hält­nis­ses von Ver­stand und Gehirn, von Geist und Natur. Das Credo der HFer und ihr wich­tigs­tes Argu­ment lau­tet, dass jede geis­tige Akti­vi­tät als(!) Neu­ro­nen­ak­ti­vi­tät mess­bar ist.[23] Nun han­delt es sich dabei nicht um ein Argu­ment, son­dern um eine empi­ri­sche Fest­stel­lung. So wird es wohl sein. Das haben Neu­ro­phy­sio­lo­gen wohl hin­rei­chend nach­ge­wie­sen.[24] Ver­drah­tet man das Gehirn, dann gibt’s immer irgend­wel­che Aus­schläge in den Mess­ge­rä­ten, wenn die Ver­suchs­per­so­nen zu bestimm­ten Akti­vi­tä­ten auf­ge­for­dert wer­den. Für die HFer stellt diese Fest­stel­lung jedoch ein Argu­ment und zwar ein fal­sches dar. Sie behaup­ten näm­lich, damit den Nach­weis erbracht zu haben, dass die Neu­ro­nen­ak­ti­vi­tät die Wirk­lich­keit und damit die Ursa­che jeder geis­ti­gen Akti­vi­tät ist.[25] Ihr Fehl­schluss lau­tet: Weil jedes geis­tige Ereig­nis als Neu­ro­nen­ak­ti­vi­tät in bestimm­ten Sek­to­ren des Gehirns mit phy­si­ka­li­schen Metho­den mess­bar ist, des­halb sind sie auch die Quelle jeder geis­ti­gen Tätig­keit, und – wei­ter­ge­hend – des­halb ist der “Geist ein phy­si­ka­li­scher Zustand”. [26]Aus dem Umstand, dass sich das eine, der geis­tige Vor­gang, als etwas ganz ande­res, als neu­ro­na­les Ereig­nis mes­sen lässt, schlie­ßen sie ers­tens auf die Iden­ti­tät von bei­dem und erklä­ren zwei­tens die gemes­se­nen Hirn­ströme zur Ursa­che für einen bloß “ein­ge­bil­de­ten” Geist. [27]

Dabei wer­den sie durch jedes ihrer dies­be­züg­li­chen Expe­ri­mente selbst wider­legt. Denn um zu wis­sen, wel­che neu­ro­nale Kurve wel­chem geis­ti­gen Pro­zess – rech­nen, musi­zie­ren, erin­nern, vor­stel­len… – zuzu­ord­nen ist, muss der geis­tige Vor­gang getrennt vom neu­ro­na­len Vor­gang iden­ti­fi­ziert sein. Kein HFer weiß, wel­che geis­tige Akti­vi­tät vom Mess­ge­rät auf­ge­zeich­net ist, wenn er sie nicht vor­her für sich als bestimmte geis­tige Akti­vi­tät zur Kennt­nis genom­men hat.[28] Der HFer, der wis­sen will, wel­che phy­si­ka­li­sche Spur die Vor­stel­lung einer grü­nen Wiese im Gehirn hin­ter­lässt, muss sei­nen Pro­ban­den auf­for­dern, an eine grüne Wiese zu den­ken. Wie selbst­ver­ständ­lich geht er dabei davon aus, dass beide die­sel­ben geis­ti­gen Abs­trak­tio­nen voll­zie­hen und mit den­sel­ben Bedeu­tun­gen ver­knüp­fen, wenn von grü­ner Wiese die Rede ist. Und nur auf die­ser Grund­lage kann der HFer über­haupt den Gedan­ken fas­sen, dass sich eine bestimmte Kurve von Hirn­strö­men viel­leicht dem bestimm­ten geis­ti­gen Vor­gang zuord­nen läßt.

Zugleich ist sol­chen Expe­ri­men­ten eini­ges über das tat­säch­li­che Ver­hält­nis von Geist und Gehirn zu ent­neh­men, von dem die HFer par­tout nichts wis­sen wol­len. Denn es fin­det in der Tat ohne funk­tio­nie­ren­des Gehirn keine Ver­stan­destä­tig­keit statt. Das Gehirn als Natur­zu­sam­men­hang ist die Bedin­gung für geis­tige Pro­zesse aller Art. Es muss eben das eine, das funk­tio­nie­rende Gehirn, vor­han­den sein, damit das andere, das Den­ken, Füh­len, Erin­nern, Ler­nen, Erklä­ren etc. statt­fin­den kann. Inso­fern ent­hält das Bedin­gungs­ver­hält­nis immer zugleich eine Abhän­gig­keit. Sie ist leicht zu erken­nen: Immer dann, wenn das eine, die phy­sio­lo­gi­sche Funk­ti­ons­weise des Gehirns beein­träch­tigt ist – durch Müdig­keit oder Schnup­fen, durch Dro­gen oder Schnaps -, dann tut der Mensch sich mit dem ande­ren, dem Nach­den­ken, schwe­rer. Wes­we­gen auch der umge­kehrte Zusam­men­hang nur die­selbe Abhän­gig­keit auf­zeigt: Wer sei­ner Müdig­keit mit Kaf­fee, Red Bull oder irgend­wel­chen Spee­d­ies zu Leibe rückt, der hilft der Phy­sio­lo­gie des Gehirns che­misch auf die Sprünge und schafft dadurch bes­sere Vor­aus­set­zun­gen für geis­tige Auf­merk­sam­keit. [29] Aber nicht nur Che­mie, son­dern auch geis­ti­ges Inter­esse kann diese Wir­kung haben. Da geht der Mensch müde und ver­ka­tert in die Vor­le­sung und ist auf ein­mal hell­wach, weil ihn in der Ver­an­stal­tung ein Gedanke – oder ein/​e Nachbar/​in – fas­zi­niert. Die Natur­ab­hän­gig­keit ist also keine abso­lute. Sie ist rela­tiv und bleibt es, was wie­derum jeder­mann weiß, weil sich Müdig­keit oder Krank­heit eben nur in begrenz­tem Aus­maß durch Inter­esse oder Auf­putsch­mit­tel ver­drän­gen las­sen. Irgend­wann for­dert der Kör­per sei­nen Tri­but – wie es zutref­fend heißt.[30]

HFer ver­wech­seln also Bedin­gun­gen mit Ursa­chen, machen aus rela­ti­ven Abhän­gig­kei­ten ein­deu­tige Deter­mi­nan­ten, erklä­ren den geis­ti­gen Pro­zess zur Wir­kung des Gehirns, machen damit im Prin­zip den Men­schen zum natur­ge­lei­te­ten Viech. [31]

Des­halb lie­gen auch jene Hirn­for­scher dane­ben, die erst ein­mal nur die „unschul­dige“ Frage stel­len, wie denn aus Neuronen-​Blitzen und Hirn­che­mie so etwas wie Bewusst­sein wird.[32] Mit dem “dass” sind sie fer­tig, for­schen tun sie allein über das “wie”. Doch schon mit der Frage haben sie sich auf einen Zusam­men­hang fest­ge­legt, den es nicht gibt, auf den sie nur kom­men, wenn sie Den­ken, Bewusst­sein als eigen­stän­dige geis­tige Qua­li­tät leug­nen. Dass sie eben dies tun, belegt die Alter­na­tive, die sie sich vor­stel­len: Wenn jedes Gefühl, jede geis­tige Regung unab­hän­gig von Neu­ro­nen­ak­ti­vi­tä­ten ent­steht, dann, sagen sie, müs­sen man wohl davon aus­ge­hen, dass “Bewusst­sein … etwas Über­ge­ord­ne­tes, Geis­ti­ges, – letzt­lich Uner­klär­li­ches” sei. Und ent­spre­chend schlie­ßen sie: “Und wenn sich eines Tages nach unend­li­chen Mühen her­aus­stel­len sollte, dass der mate­ri­elle Ursprung(!) des Bewusst­seins letzt­lich doch nicht zu bewei­sen ist – kön­nen wir dann den Glau­ben an sei­nen gött­li­chen Ursprung von der Hand wei­sen?” [33] Die Gedan­ken­kette: Bewusst­sein = geis­tig = uner­klär­lich = gött­li­chen Ursprungs ver­dankt sich jenem grob­schläch­ti­gen “Mate­ria­lis­mus”, der alles für unerklär­lich hält, was er nicht mes­sen, also quan­ti­fi­zie­ren kann. Dabei hat die “Ent­schlüs­se­lung” des Geis­ti­gen, sprich: die Erklä­rung von Bewusst­sein, Gefühl und Ver­stand, von Anschau­ung, Vor­stel­lung, Erin­ne­rung, Ein­bil­dung, Gedächt­nis und Den­ken, die Unter­schei­dung zwi­schen Glaube, Mei­nung, Wis­sen und Kunst etc. längst die Stufe der Rät­sel hin­ter sich gelas­sen.[34] Doch kommt eine Befas­sung mit den Abtei­lun­gen des Geis­ti­gen, sei­nen For­men, sei­ner Logik, sei­nen Abs­trak­ti­ons­schrit­ten, der Logik sei­ner Feh­ler im Den­ken usw. für diese HFer nicht in die Tüte, weil sie “Geist” als Gegen­stand leug­nen. Eine Aus­kunft von Hegel, in der er z.B. etwas über Anschau­ung und Intel­li­genz sagt, “die Not­wen­dig­keit des Her­aus­tre­tens aus der blo­ßen Anschau­ung” begrün­det, ist für HFer wahr­schein­lich keine Wis­sen­schaft. Die sie­deln sie näm­lich vor dem “Her­aus­tre­ten aus der blo­ßen Anschau­ung” an. [35]

2.3.2. Unhalt­bare Beweise

Zum Beweis ihrer Theo­rie ver­wei­sen die HF immer wie­der auf Expe­ri­mente, die der Neu­ro­bio­loge – oder Psy­cho­loge? – B.Libet in den 80er Jah­ren durch­ge­führt hat.[36] Seine Unter­su­chun­gen über das “Ver­hält­nis von Bereit­schafts­po­ten­tial und Wil­lens­akt” sol­len – laut Roth – nach­ge­wie­sen haben, dass “das Gefühl des Wil­lens­ent­schlus­ses nicht die eigent­li­che Ursa­che für eine Hand­lung (ist), son­dern eine Begleit­emp­fin­dung, die auf­tritt, nach­dem cor­ti­cale Pro­zesse begon­nen haben.” Und Roth resü­miert diese For­schun­gen: “Die Auto­no­mie des mensch­li­chen Han­delns ist nicht im sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Wil­lens­akt begrün­det(!), son­dern in der Fähig­keit des Gehirns, aus inne­rem Antrieb (!) Hand­lun­gen durch­zu­füh­ren.”[37]

Auf das Expe­ri­ment soll kurz ein­ge­gan­gen wer­den, da es inzwi­schen fast ins Zen­trum der Beweis­füh­rung gerückt ist: B.Libet hat Ver­suchs­per­so­nen ange­hal­ten, in bestimm­ten Zeit­ab­stän­den ihre Fin­ger zu bewe­gen und sich zugleich zu mer­ken, wann sie den Ent­schluss dazu gefasst haben. Mit Hilfe einer mit einem roten Punkt ver­se­he­nen, rasch rotie­ren­den Scheibe soll­ten sie sich den Zeit­punkt ihres Ent­schluss merken.(Bei wel­cher Stel­lung des Punk­tes hatte ich mich ent­schlos­sen, den Fin­ger zu bewe­gen.) Mes­sun­gen von Hirn­strö­mun­gen erga­ben, dass ca. 500 ms vor dem gemerk­ten und spä­ter bekannt gege­be­nen Zeit­punkt des Ent­schlus­ses – z.B. als der rote Punkt auf 12h stand – im Gehirn schon deut­lich neu­ro­nale Akti­vi­tä­ten mess­bar waren.

Ja, wie denn auch nicht, wo doch – sieht man ein­mal ganz von den Wider­sprü­chen ab, dass die bewusste Teil­nahme an dem Expe­ri­ment die Vor­aus­set­zung für die Mes­sung von Akti­vi­tä­ten ist, die dann unbe­wusst von­stat­ten gehen, dass also bewuss­ter Wille unbe­wusste Hand­lungs­im­pulse ein­lei­ten soll; sieht man zudem davon ab, dass die HFer gar nicht wis­sen, für wel­che geis­tige Akti­vi­tät die gemes­se­nen­Hirn­strö­mun­gen ste­hen – die Anlage des Expe­ri­ments die Ver­suchs­per­so­nen gera­dezu auf­for­dert, die Auf­merk­sam­keit auf den Ver­such zu rich­ten, sich stän­dig die Frage vor­zu­le­gen, bei wel­cher Stel­lung des roten Punk­tes der Fin­ger bewegt wer­den soll, sich zu einem Ent­schluss durch­zu­rin­gen, sich auf den Weg des Punk­tes mit stei­gen­der Span­nung zu kon­zen­trie­ren, den Ent­schluss dann als Bewe­gung umzu­set­zen usw. Es fin­den ab der Bereit­schafts­er­klä­rung der Ver­suchs­per­son, am Expe­ri­ment teil­zu­neh­men, per­ma­nent geis­tige Akte statt, die wohl in irgend­ei­ner Weise ihren phy­si­ka­li­schen Nie­der­schlag im Gehirn haben wer­den.[38]

Doch liegt hier keine Fehldeu­tung von Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen vor. Das Fehl­ur­teil ist bereits im psy­cho­lo­gi­schen Begriffs­kon­strukt des “Bereit­schafts­po­ten­ti­als” ent­hal­ten, das von dem Ent­schluss zum Wil­lens­akt und sei­ner Aus­füh­rung nicht nur getrennt, son­dern von vorn­her­ein zu bei­dem in einen Gegen­satz gestellt wird. Das “Bereit­schafts­po­ten­tial” hat man sich näm­lich nicht etwa mit “Bereit­schaft” zu über­set­zen, also mit der geis­ti­gen Akti­vi­tät der gerich­te­ten Auf­merk­sam­keit, son­dern mit einer Art natür­li­chem, in der Phy­sio­lo­gie des Gehirns – “im prä­mo­to­ri­schen und supplementär-​motorischen Areal, aber auch im fron­ta­len und paieta­len Cor­tex”[39] – ange­leg­tem inne­ren Organ. Die mess­ba­ren Akti­vi­tä­ten die­ses “Poten­ti­als” wer­den dann als “‚Ent­schluss‘ des Gehirns, die Bewe­gung aus­zu­füh­ren gedeu­tet”[40].

Das ganze Expe­ri­ment hätte man sich spa­ren kön­nen, da seine Annah­men sein Ergeb­nis bereits von vorn­her­ein bestim­men. Wenn die Bereit­schaft zur wil­lent­li­chen Hand­lung, die ihr nun ein­mal – sie mag für sich län­gere und kür­zere Zeit in Anspruch neh­men – logi­scher­weise vor­ausgeht, gleich in einen natür­li­chen Vor­gang ver­wan­delt wird, der dem wil­lent­lich agie­ren­den Men­schen unbe­wusst ist und sei­nen Wil­lens­akt gleich­wohl bestim­men soll, dann kann dabei nur her­aus­kom­men, dass der Mensch Sklave sei­nes Gehirns ist. Der typi­sche Psy­cho­lo­gie­feh­ler – eine äußer­lich regis­trier­bare geis­tige Akti­vi­tät wird mit einer (erfun­de­nen) inne­ren Anlage begrün­det, die dann mit dem Ver­weis auf ihr Resul­tat, d.h. auf die wahr­nehm­bare geis­tige Hand­lung bewie­sen wird – hat hier Pate gestan­den. Die Fra­ge­stel­lung unter­stellt bereits, was bewie­sen wer­den soll, näm­lich den geis­ti­gen Vor­gang als Natur­pro­zess. Das ganze Expe­ri­ment stellt im Urteil eine Tau­to­lo­gie dar und ist in sei­nem Beweis­ver­fah­ren zirkulär.

In den Bereich des Absur­den reicht schließ­lich ein “Beweis”, den Roth fol­gen­der­ma­ßen vor­stellt: “Die For­scher haben sich halt gefragt, ob es im Gehirn(!) des Men­schen irgend­ei­nen Pro­zess gibt, der dar­auf hin­deu­tet, dass etwas nicht nach den Natur­ge­set­zen abläuft. Und die Ant­wort lau­tet: Nein.…Bisher haben wir nicht die kleinste Lücke, etwa für das Wol­len gefun­den.” [41]

Das ist nun wirk­lich erstaun­lich, stimmt äußerst bedenk­lich, reißt fest­ge­fügte Welt­bil­der ein und bringt gewohnte Denk­mus­ter zum Kip­pen, dass bei den mit phy­si­ka­li­schen Mess­me­tho­den ope­rie­ren­den neu­ro­bio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen des ver­schal­ten Schleim­klum­pens namens Gehirn weder Voka­beln noch Ent­schlüsse, weder mathe­ma­ti­sche For­meln noch Erin­ne­run­gen, weder Gedichte noch Vor­stel­lun­gen .… gefun­den wur­den. Anders gesagt: Wer imma­te­ri­elle flüch­tige, also ide­elle geis­tige Vor­gänge – Gedan­ken, Vor­stel­lun­gen, Erin­ne­run­gen, Schluss­fol­ge­run­gen, Berech­nun­gen etc. – mit phy­si­ka­li­schen Mess­me­tho­den auf­spü­ren will, wird wohl kaum fün­dig wer­den; der wird selbst bei kon­ser­vier­ten, also mate­ria­li­sier­ten und zur Ver­viel­fäl­ti­gung zube­rei­te­ten Geis­tes­pro­duk­ten kaum etwas ande­res “ent­de­cken” als akus­ti­sche und opti­sche Signale. Viel­leicht sollte man die For­scher ein­mal fra­gen, woher sie eigent­lich wis­sen, dass es etwas gibt, was sie mit ihren Metho­den nicht fin­den, näm­lich Geis­ti­ges? Und es wäre auch der kleine Hin­weis an ihre Adresse ange­bracht, dass ihre phy­si­ka­li­schen Mess­ge­räte und deren Bedie­nung eini­ges an Ver­stan­destä­tig­keit vor­aus­setzt­tund erfor­dern. Wie sonst soll­ten sie Daten ent­schlüs­seln und inter­pre­tie­ren. Schon wie­der alles Einbildung?

3. Wozu die Behaup­tung taugt

Was macht aus die­sem Unfug so ein hei­ßes Thema. Ernst­haft glaubt ihn nie­mand. Der All­tag des Men­schen, in dem er sich auf Resul­tate Natur­wis­sen­schaft ebenso ver­lässt, wie er sich auch als bür­ger­li­ches Sub­jekt von mor­gens bis abends vor Ent­schei­dungs­al­ter­na­ti­ven gestellt sieht und Zeit sei­nes Lebens mit Umden­ken befasst ist, spricht Bände. Nie kommt er im prak­ti­schen Leben auf die Idee, Ver­stan­des­leis­tun­gen, die etwa im Was­ser­ko­cher ste­cken, mit dem Hin­weis auf ihre ihnen unbe­wusste (Natur-)Herkunft zu bezwei­feln; noch fällt ihm ein, dass er selbst das nicht ver­möchte, weil auch der Zwei­fel als Form von Kri­tik viel­leicht nur als ein rei­ner Natur­vor­gang jen­seits sei­nes Wil­lens und Bewusst­seins abläuft.

Warum ist also die Auf­fas­sung vom Men­schen, der Sklave sei­nes Gehirns sei, so “attrak­tiv”?

3.1. Die Ver­hei­ßung prak­ti­scher Hilfe

Es erfreuen sich die The­sen der HFer nicht nur bei pro­fes­sio­nel­len Sinn­su­chern und Freun­den erfun­de­ner Mensch­heits­rät­sel, son­dern neu­er­dings auch bei Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lern und Leh­rern gro­ßer Beliebt­heit. Keine päd­ago­gi­sche Zeit­schrift hat die Frage, inwie­weit die HF Lern– und Lehr­pro­bleme lösen hel­fen kann, aus­ge­las­sen. DIE ZEIT hat eine ganze Arti­kel­folge auf­ge­legt mit Titeln wie: “Ler­nen unter der Dopa­m­in­du­sche” oder “Rezepte aus dem Hirn­la­bor”. G.Roth tourt durch die Leh­rer­fort­bil­dungs­se­mi­nare Nord­deutsch­lands. Seine The­men hei­ßen: “Wie funk­tio­niert Ler­nen?”, “Hirn­for­schung und Didak­tik”, “Warum sind Leh­ren und Ler­nen so schwie­rig?”[42]

Die Attrak­ti­vi­tät der theo­re­ti­schen Ange­bote besteht in der Behaup­tung der HFer, sie wüss­ten wie Ler­nen geht und könn­ten Leh­rern bei der Bewäl­ti­gung der Schwie­rig­kei­ten hel­fen, die sie beim Leh­ren und wel­che die Schü­ler beim Ler­nen haben. Und Schwie­rig­kei­ten haben die Leh­rer: Schü­ler haben keine Lust zu ler­nen, zei­gen wenig Inter­esse, sind “undis­zi­pli­niert”, schwän­zen die Schule und wer­den gele­gent­lich gegen Leh­rer und Ihres­glei­chen gewalt­tä­tig. Die Dia­gnose der HF lau­tet: Alles kein Wun­der, wenn das Leh­ren und Ler­nen nicht “hirn­ge­recht” statt­fin­det, wenn Leh­rer sich im Unter­richt wenig oder gar nicht an neue­ren neu­ro­bio­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen ori­en­tie­ren. Was aller­dings auch kein Wun­der sei, da diese den Leh­rern in ihrer Aus­bil­dung bis­her vor­ent­hal­ten wür­den.[43] Da wird man als gequäl­ter Leh­rer, der kurz vor dem burn-​out steht, sehr gespannt und war­tet auf Aufklärung.

Roths erste Erkennt­nis über hirn­ge­rech­tes Ler­nen und seine “wich­tigste Bot­schaft an Päd­ago­gen (lau­tet): Leh­ren und Ler­nen sind schwie­rig.”[44] Eine ermu­ti­gende Auf­klä­rung, wel­che die Schwie­rig­kei­ten, die Leh­rer in ihrem Job haben, weil sie den Schü­lern wel­che berei­ten, zur objek­ti­ven Eigen­schaft der Sache, eben eines jeden schu­li­schen Unter­richts erklä­ren. Das adelt dann Leh­rer unge­mein. Gebauch­pin­selt neh­men sie zur Kennt­nis, dass da end­lich mal ein Wis­sen­schaft­ler Ver­ständ­nis für die Pra­xis hat und wür­digt, dass sie sich Tag für Tag furcht­los die­ser Sys­i­phus­auf­gabe stel­len, statt sie immer nur vom “hohen Ross” her­un­ter pra­xis­fern zu kritisieren.

In sei­ner zwei­ten Erkennt­nis klärt er über diese Schwie­rig­kei­ten selbst auf: “Wis­sens­er­werb ist von zahl­rei­chen kogni­ti­ven und ins­be­son­dere emo­tio­na­len Fak­to­ren abhän­gig, die über­wie­gend unbe­wusst (!) wirk­sam sind und des­halb aktu­ell oder gene­rell schwer zu beein­flus­sen sind.”[45] Die Schwie­rig­keit des Ler­nens liegt also darin, dass man es als Leh­rer eigent­lich gar nicht recht initi­ie­ren kann. Da stellt sich sofort eine Frage: Was bleibt zu tun, wenn das Leh­ren wegen der “unbe­wusst wirk­sa­men Fak­to­ren” eigent­lich gar nicht geht, dem Leh­rer da die Hände gebun­den sind? Soll er es las­sen, soll er sich auf die unbe­wusst wirk­sa­men Fak­to­ren und deren Werk ver­las­sen?[46] Natür­lich nicht.

Roth, der immer wie­der beschei­den ver­kün­det, dass die Hirn­for­schung noch ganz am Anfang steht[47], lässt jene Leh­rer, die doch etwas mehr an prak­ti­scher Hilfe erwar­ten, etwa kon­krete Tips für “hirn­ge­rech­tes Ler­nen”, auch nicht im Regen ste­hen. Er ope­riert dabei neu­er­dings mit Erkennt­nis­sen über das Ler­nen, die schon ver­blüf­fen. Sie las­sen sich in drei Aus­sa­gen zusam­men­fas­sen: Zum einen hat er – natür­lich neu­ro­bio­lo­gisch – her­aus­ge­fun­den, dass das Inter­esse am Lern­stoff, das Ler­nen erleich­tert; zwei­tens weiß er, dass für jeden Lern­akt ent­spre­chen­des Vor­wis­sen erfor­der­lich ist, und drit­tens wird er nicht müde zu beto­nen, dass jeder nur sel­ber Ler­nen kann. [48] Nun gehö­ren, sollte man doch mei­nen, seine drei Hin­weise auf Bedin­gun­gen für gelin­gen­des Ler­nen zu den banals­ten Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Um Wis­sen, gar neues han­delt es sich nicht. Natür­lich geht das Ler­nen bes­ser, wenn man mit Inter­esse bei der Sache ist; und selbst­ver­ständ­lich setzt das Erler­nen der Bruch­rech­nung Kennt­nisse in den Grund­re­chen­ar­ten vor­aus; und dass es den Nürn­ber­ger Trich­ter – die­ses uralte Ideal von Päd­ago­gen, die ein­fach nicht wahr­ha­ben wol­len, dass ein Bei­brin­gen ohne das eigen­stän­dige Begrei­fen durch den Schü­ler nicht geht – nicht gibt, beweist noch jeder Unter­richt, der mit einer Klas­sen­ar­beit abge­schlos­sen wird, die auch dann mehr Unbe­grif­fe­nes als Begrif­fe­nes zutage för­dert, wenn der Leh­rer rich­tig erklärt hat. Wer wüsste das nicht.

Doch liegt hier noch etwas ande­res vor: Denn diese drei Bestim­mun­gen gehö­ren in der hie­si­gen Schule gerade nicht zu den bana­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, auf die man nur gele­gent­lich ver­wei­sen müsste, damit sie jene prak­ti­sche Gül­tig­keit erhal­ten, und ohne die – sollte man mei­nen – Ler­nen ein­fach nicht klappt. Wäre dies der Fall, dann würde das Leh­rer­pu­bli­kum den Wis­sen­schaft­ler in die Wüste schi­cken. Aber dann hät­ten sie ja auch jene „Pro­bleme“ nicht, die sie in Scha­ren zu die­sen Vor­trä­gen führt. Es ver­hält sich denn auch so, dass diese drei Bana­li­tä­ten in der Schule nicht nur keine prak­ti­sche Gül­tig­keit besit­zen, sie wer­den sogar in ihr mit Sys­tem blo­ckiert. Sie ste­hen für die „Schwie­rig­kei­ten“, die Leh­rer im Unter­richt haben. Und das ist der eigent­li­che Witz der Roth’schen Lern­theo­rie: Er ver­weist auf einen zen­tra­len Skan­dal der Staats­schule, ohne einen Begriff davon zu besit­zen. [49] Weder Roth noch die Leh­rer, die auf sei­nen Rat scharf sind, wol­len etwas davon wis­sen, dass das Ler­nen unter das Dik­tat der Zeit gesetzt ist; dass dar­über Noten als Lern­zweck insti­tu­tio­na­li­siert wer­den, wor­über Kin­dern das Lern­in­ter­esse ziem­lich aus­ge­trie­ben wird – was diese mit Des­in­ter­esse am Unter­richt kund­tun; dass des­halb auf das für jede neue Lek­tion not­wen­dige Vor­wis­sen auch keine Rück­sicht genom­men wer­den kann, weil sonst jeder­mann im Unter­richt erfolg­reich würde, was sich aber mit der hie­si­gen Schule nicht ver­trägt, die in Ver­fol­gung ihres Sor­tie­rungs­auf­trags rigo­ros den Gleich­heits­grund­satz zur Anwen­dung bringt – was eben Schü­ler pro­du­ziert, die in der Schule früh mit der Schule abge­schlos­sen haben; und dass jedem Schü­ler zwar die glei­che, aber des­we­gen eben nicht seine Zeit fürs Ler­nen ein­ge­räumt wird – was das Ler­nen erschwert und die Lern­be­geis­te­rung der Schü­ler nicht eben stei­gert, die auf diese Weise dem Gang der Unter­wei­sung nicht fol­gen können..

Die­ses Schulsys­tem ist der Grund dafür, dass Leh­rer über Schwie­rig­kei­ten beim Unter­rich­ten kla­gen – in Ver­ken­nung der tat­säch­li­chen Pro­blem­lage: Da erfül­len Leh­rer pflicht­schul­digst ihre Auf­ga­ben und wun­dern sich dann dar­über, dass Schü­ler ihnen nicht sel­ten ihre eigene Rück­sichts­lo­sig­keit umge­kehrt als Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Lern­stoff und als Roh­hei­ten gegen­über “Sachen” und “Per­so­nen” zurück­ge­ben. Und gerade diese Ver­dre­hung von „Täter“ und „Opfer“ in den Kla­gen von Päd­ago­gen ist es, die sie so anfäl­lig macht für „Rezepte“, die ihnen unter Auf­ge­bot exak­ter natur­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nisse Pro­blem­lö­sung ver­hei­ßen. Sie wol­len nichts davon wis­sen, dass sie sich selbst – und, wie gesagt, wirk­lich nicht nur sich – als ver­be­am­tete Agen­ten recht unge­müt­li­cher Schul­zwe­cke das Päd­ago­gen­le­ben schwer machen. Des­we­gen kommt ihnen das Ange­bot auch so gele­gen, alle ihre Schwie­rig­kei­ten hin­gen irgend­wie am Gehirn der Schü­ler, also an deren Bio­lo­gie, die noch gar nicht recht erforscht wor­den sei.

Und gebannt hän­gen sie an den Lip­pen der Hirn­for­scher, die ihnen die genann­ten Bana­li­tä­ten “hirn­ge­recht” zurecht­le­gen. Dann sind die auf ein­mal gar nicht mehr sim­pel, son­dern ver­wei­sen auf höchste “kom­plexe” Sach­ver­halte. Die Sache mit dem Lern­in­ter­esse erle­digt ein Organ namens lim­bi­sches Sys­tem, das kräf­tig emo­tio­nal erregt wer­den muss, damit es funk­tio­niert.[50] Da muss nur ordent­lich Dopa­min frei­ge­setzt wer­den, dann klappt es mit dem Ler­nen. [51]Auf jeden Fall, hat Roth gefol­gert, soll man sich beim Ler­nen nicht aufs Erklä­ren ver­le­gen, nicht auf den Ver­stand set­zen. Denn “abs­trak­tes Wis­sen kann nur schwer pri­mär(!) ange­eig­net wer­den”.[52] All das führt nur zu “ver­kopf­tem Unter­richt”, der drin­gend zu ver­mei­den ist. Vor­wis­sen ist auch nicht ein­fach Vorwis­sen. Der HFer ver­steht dar­un­ter all das, was bereits im Gehirn “abge­la­gert” ist. Er dreht die Fra­ge­stel­lung damit um: Ihn inter­es­siert nicht, wel­che Kennt­nisse und Fer­tig­kei­ten dem Erler­nen der Bruch­rech­nung oder des Gei­gen­spiels vor­aus­ge­setzt und folg­lich zu ver­mit­teln sind, son­dern er möchte umge­kehrt aus den indi­vi­du­el­len Hirn­ab­la­ge­run­gen erschlie­ßen, was wer über­haupt ler­nen kann. Wes­we­gen auch der Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit des Sel­ber­ler­nens nicht auf den Unter­schied zwi­schen Bier­ho­len – das kön­nen andere für mich erle­di­gen – und Begrei­fen auf­merk­sam machen will. Jedes “Gehirn ist ein Uni­kat” unter­strei­chen Becker/​Roth, wes­we­gen das Leh­ren auch so schwie­rig ist. Roths nächste Bot­schaft lau­tet näm­lich: “Der Leh­rer kann nur Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen, inner­halb derer sich die Pro­zesse der Wis­sens­er­zeu­gung mög­lichst dem Gehirn – die­sem Uni­kat – des Schü­lers annä­hern.” Dumm nur, dass eine sol­che Annä­he­rung das Wis­sen um die Beschaf­fen­heit des Gehirns des Schü­lers vor­aus­set­zen würde – woran sollte man sich auch annä­hern -, des­sen Erkennt­nis zuvor gerade zum Pro­blem erklärt wurde.

Ver­za­gen soll der Leh­rer den­noch nicht, denn eines ist gewiss: Ob die Schaf­fung der Rah­men­be­din­gun­gen etwas bringt oder nicht, hängt letzt­lich ganz an der Natur des Schü­lers, an sei­ner ange­bo­re­nen Ver­an­la­gung zum Ler­nen, denn “Intel­li­genz ist hoch­gra­dig ange­bo­ren”.[53] Läuft es beim Schü­ler nicht rich­tig, liegt das an ange­bo­re­nen Lern­de­fi­zi­ten: Da war ein­fach im Gehirn nicht mehr drin! Und zeigt der Schü­ler über­dies wenig Inter­esse am Ler­nen, stört er Leh­rer und Schü­ler, liegt der Ver­dacht nahe, dass ein Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit vor­liegt (ADHS), die feh­lende Auf­merk­sam­keit im Unter­richt [54] also auf einer ange­bo­re­nen Hirn­schä­di­gung basiert, der man am bes­ten mit Rita­lin oder ande­ren Phar­maka begeg­net. [55]

Der geistig-​moralische Bei­stand, den die Leh­rer hier aus wis­sen­schaft­li­chem Munde erfah­ren – und das ist die ganze Hilfe – , ist bemer­kens­wert: Die Schwie­rig­kei­ten, die die Leh­rer in der staat­li­chen Pflicht­schule den Schü­lern berei­ten und die als Schwie­rig­kei­ten, die sie mit den Schü­lern haben, post­wen­dend wie­der bei ihnen lan­den, haben der Bot­schaft zufolge nichts damit zu tun, dass sie für Noten ler­nen las­sen; nichts damit, dass sie dar­über Kin­dern das Inter­esse am Begrei­fen der Welt ziem­lich aus­trei­ben, sie mehr­heit­lich von der wei­ter­füh­ren­den Schul­kar­riere aus­schlie­ßen; nichts damit, dass sie Schul­ver­sa­ger pro­du­zie­ren, die sich die an ihnen her­ge­stell­ten Lern­de­fi­zite als per­sön­li­ches Manko zurecht­le­gen sol­len und die nicht sel­ten mit “Jugend­ge­walt” rea­gie­ren. Keine die­ser Tat­sa­chen, die viel vom Schul­zweck und Leh­rer­auf­trag ver­ra­ten, spielt eine Rolle. Immer dür­fen die Leh­rer nun alles auf das Gehirn des Schü­lers schie­ben. Schlicht wer­den auf diese Weise alle unschö­nen Abtei­lun­gen der schu­li­schen Sor­tier­ver­an­stal­tung, also gesell­schaft­li­che Ange­le­gen­hei­ten zu bio­lo­gi­schen Sach­ver­hal­ten erklärt. Alles beglau­bigt durch aner­kannte Hirn­for­scher – die es ja wis­sen müssen.

Da die Refor­men nach PISA mit neuen Ver­schär­fun­gen in der Leis­tungs­kon­kur­renz auf­war­ten, in die neu­er­dings auch die Leh­rer ein­ge­bun­den wer­den, die Leh­rer also ein­fach mit dem Jam­mern nicht auf­hö­ren wer­den, taugt diese Renais­sance der Bio­lo­gi­sie­rung gesell­schaft­li­cher Sor­tie­rungs­re­sul­tate zusätz­lich dazu, die anste­hende radi­ka­lere Selek­ti­ons­kon­kur­renz in der Schule umstands­lo­ser zu “begrün­den”. Da wird sich dann – wie schon vor der 1.Bildungskatastrophe in den 60ern, im Zuge deren Bewäl­ti­gung die nati­vis­ti­schen Bega­bungs­theo­rien etwas ein­ge­mot­tet wur­den – schnell her­aus­stel­len, dass eine Schule bzw. Uni­ver­si­tät, die sich zur Mas­sen­ver­an­stal­tung ent­wi­ckelt, ein­fach an der wirk­li­chen Ver­tei­lung von Gehirn­ka­pa­zi­tät vorbeigeht.

3.2. Die Attrak­ti­vi­tät des “Durchgeknallten”

Manch­mal wei­sen gerade die größ­ten Absur­di­tä­ten für phi­lo­so­phi­sche Geis­ter eine unge­ahnte Anzie­hungs­kraft auf. Je absei­ti­ger der Gedanke, desto eher eröff­net er hier­zu­lande einen neuen “Dis­kurs” und lädt zur Frage ein, ob nicht viel­leicht doch etwas an ihm dran sein könnte. Die damit ein­her­ge­hende geis­tige Ver­wahr­lo­sung ist in der FAZ doku­men­tiert. Der FAZ-​Redakteur, der die Hirn­for­schung zu sei­nem Lieb­lings­thema erko­ren hat [56] , über­schrieb im Okto­ber 2004 sei­nen Leit­ar­ti­kel zur gerade eröff­ne­ten Frank­fur­ter Buch­messe ziem­lich knal­lig: “Durch­ge­knallte Bücher[57] Gemeint waren damit die Neu­er­schei­nun­gen von Roth und Sin­ger. [58] Meine Freude über den hüb­schen Titel war nur von kur­zer Dauer, denn der Ch.Geyer befand: “Durch­ge­knallte Bücher sind nicht mit schlech­ten Büchern zu ver­wech­seln. Sol­che gibt es – … – natür­lich genug. Nein, das durch­ge­knallte Buch ist der Schrift gewor­dene Irr­tum auf hohem Niveau, die mit gewal­ti­gem Begrün­dungs­auf­wand vor­ge­tra­gene Wahn­sinns­these.” Und er schloss sei­nen Arti­kel durch­aus nicht iro­nisch mit den Wor­ten: “Es lebe das durch­ge­knallte Buch.”

Warum soll es leben? Wo es doch nur “Irr­tü­mer” und “Wahn­sinn­s­ideen” beinhal­tet, also Ideen, deren Gehalt am Rande des Wahn­sinns ange­sie­delt sind? Keine Frage: Immer­hin han­delt es sich um Wahn­sinn­s­ideen, die “die Rät­sel der Mensch­heit ent­schlüs­seln” wol­len. Da steht doch der Phi­lo­soph sofort in den Start­lö­chern. Und zudem han­delt es sich um Irr­tü­mer “auf hohem Niveau”, sagt der Feuille­to­nist! [59] Damit wird aus dem kri­tisch daher­kom­men­den Leit­ar­ti­kel Wer­bung für die Befas­sung mit Irr­tü­mern. Natür­lich nur für Leute, die auf dem hohen Irr­tums­ni­veau mit­hal­ten kön­nen. (“Hin­ter jeder FAZ steckt ein klu­ger Kopf.”) Und die Geis­ter auf hohem Niveau lie­ßen sich nicht lange bit­ten und began­nen sich mit den bei­den durch­ge­knall­ten Büchern zu befas­sen – kon­ge­nial. Sie nah­men sich die geis­tige Frei­heit, über die The­sen von Roth und Sin­ger zu spe­ku­lie­ren und zu phi­lo­so­phie­ren, fan­den hier und da Beden­kens­wer­tes, moch­ten ihnen jedoch nicht in allem fol­gen, waren fas­zi­niert von den neuen Gedan­ken, stell­ten mal pro­be­hal­ber die Frage, wie ihre Wis­sen­schaft unter dem “neu­ro­nal turn” wohl aus­se­hen würde, warn­ten vor vor­schnel­len prak­ti­schen Schlüs­sen usw. Sie leg­ten – und legen jetzt zusam­men­ge­fasst in dem suhrkamp-​Büchlein – Zeug­nis davon ab, dass es eine Form des geis­ti­gen Genus­ses gibt, der sich von jeder dazu­ge­hö­ri­gen geis­ti­gen Dis­zi­plin ver­ab­schie­det hat, der also ohne die Beant­wor­tung der Frage aus­kommt, ob die vor­ge­leg­ten Befunde eigent­lich stim­men, ob mit ihnen ein wei­te­res Stück Natur oder Gesell­schaft erklärt ist. Alles andere als das ist ihr Aus­gangs­punkt. Es wird viel­mehr die Unge­heu­er­lich­keit der Behaup­tung, eben der Wahn­sinn der These zum Aus­weis von Ori­gi­na­li­tät und Mut der Auto­ren, die sich getraut haben “alles auf den Kopf zu stel­len”, ein­mal “aus dem Rah­men zu fal­len”, sodass es einen fast ein biss­chen gru­seln kann ange­sichts der Wahn­sinn­s­ideen. Aller­dings nur ein biss­chen, denn immer­hin – und das weiß jeder Phi­lo­soph – han­delt es sich um vor­ge­stellte Sicht­wei­sen, um Pro­be­den­ken, um Belege für völ­lig los­ge­löste Gedan­ken­frei­heit, wie sie hier­zu­lande, in der Demo­kra­tie – Gott sei dank – gesi­chert ist.[60] Für die ste­hen die Phi­lo­so­phen und das ist doch auch schon was.

(Lese­früchte.…)

3.3. Mate­rial für Zwei­fel, Ent­schul­di­gun­gen und ras­sis­ti­sche Ausgrenzungen ……

Damit sind wir bei der psy­cho­lo­gisch-mora­li­schen Attrak­ti­vi­tät der Ergeb­nisse die­ser Sorte HF. Wenn es – wie Roth, Sin­ger, Prinz… behaup­ten – das bewusst agie­rende Ich nicht gibt, wenn es folg­lich das freie, sich sei­ner Gründe bewusste wil­lent­li­che Han­deln nicht gibt, dann könn­ten sich dem zum Grü­beln, Zwei­feln oder Psy­cho­lo­gi­sie­ren auf­ge­leg­ten Zeit­ge­nos­sen unter Anlei­tung der öffent­li­chen Debatte über das Mensch­heits­rät­sel “Gehirn und Geist” bri­sante Fra­gen stellen:

- Will der Mensch eigent­lich, was er will? Ist unser Wille viel­leicht ein ganz ande­rer, uns gar nicht bewuss­ter? Aber was wol­len wir dann? Wie kön­nen wir uns unse­rer Absich­ten sicher sein, wenn sie gar nicht von uns kom­men, son­dern allein vom Gehirn?

- Wer bin ich eigent­lich?[61]

- Kann der Mensch etwas für sein – gutes oder böses – Han­deln? Kann er für sein Tun Ver­ant­wor­tung über­neh­men bzw. zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den? Wo er doch Sklave sei­nes Gehirns ist?

- Wie steht es dann mit der Schuld­fä­hig­keit des Men­schen? Kann man Ver­bre­cher bestra­fen, wo sie doch gar keine bewuss­ten Rechts­bre­cher sind?[62]

Fra­gen über Fra­gen, die es sich alle in der genann­ten Falle, der fal­schen Alter­na­tive zwi­schen Frei­heit und Deter­mi­niert­heit gut gehen las­sen. Den Wil­len gibt es über­haupt nur noch als grund­lo­ses, damit inhalts­lo­ses Wol­len des Natur­dings ‚Gehirn‘, der sich zudem regel­mä­ßig ver­dop­peln muss, um zu ergie­bi­gem Hin­ter­fra­gen zu gelan­gen. So wird der bestimmte Wille mit dem Zwei­fel an der Mög­lich­keit des freien Wol­lens ebenso ange­nom­men wie zugleich um die Ecke gebracht. Denn mit der erfun­de­nen lee­ren All­ge­mein­heit des natür­li­chen Wol­lens wird der bestimmte Wille negiert. Es ist schon eine merk­wür­dige Kon­struk­tion, die ihr Gegen­teil vor­aus­set­zen muss, um es wider­le­gen zu können.

Dabei ver­steht nie­mand die Bot­schaft sol­cher Fra­gein­ten­tio­nen und –rich­tun­gen falsch. Nie werden/​sollen sich die Füh­rungs­fi­gu­ren ernst­haft fra­gen, ob sie wirk­lich die Mehr­wert­steu­er­er­hö­hung oder Hartz-​IV-​Gesetze wol­len. Die haben ihre Gründe und die hat man ihnen auch abzu­neh­men; wes­we­gen sie auch schwer dafür sind, dass nur die von Poli­tik und Öko­no­mie Betrof­fe­nen von sol­chem Skeptizismus-“Bazillus” befal­len wer­den. Denn denen wird zur Zeit mas­siv nahe­ge­legt, sich kritisch-​relativierend zu ihrem Inter­esse zu stel­len. So etwas gehört sich heute und passt haar­ge­nau zu jener Form flä­chen­de­cken­der Mas­sen­ver­ar­mung., die mit dem Hartz-​I-​IV-​Programm in die Wege gelei­tet wor­den ist. Da sol­len sich die ALG II-​Empfänger schon mal fra­gen, ob sie wirk­lich ihren Lebens­stan­dard erhal­ten, den neuen Pull­over kau­fen und immer noch mit eige­nem Auto fah­ren wol­len oder ob dies ihrem wah­rem Wil­len viel­leicht gar nicht ent­spricht. Aller­dings sind die ideo­lo­gi­schen Vor­la­gen der HF, so ein­deu­tig ihre Bot­schaft auch ist und so sehr ihre Logik dazu passt, ziem­lich kom­pli­ziert und eher etwas für die “geis­ti­gen Stände”. Sich einen sin­ni­gen Reim auf den Ver­zicht zu machen, den einem Sozi­al­po­li­tik und Betrieb auf­nö­ti­gen, das kann man ein­fa­cher haben, wo jeder Lohn­ver­zicht bekannt­lich Arbeits­plätze schafft und des­we­gen sozial ist, wir über unsere Ver­hält­nisse gelebt haben, der Sach­zwang Glo­ba­li­sie­rung zuge­schla­gen hat und wir über­haupt froh sein kön­nen, dass es uns immer noch ver­gleichs­weise bes­ser geht als .…

Alles auf die Bio­lo­gie der Men­schen zu schie­ben, was die Gesell­schaft an ihnen her­stellt, dazu passt die Ver­skla­vungs­theo­rie schon eher. Immer dann, wenn Zeit­ge­nos­sen wie­der ein­mal einen Schuss vor den Bug erhal­ten haben, sie das Klas­sen­ziel nicht erreicht oder die Abschluss­prü­fung ver­sem­melt haben, wenn ein Ver­hält­nis in die Brü­che gegan­gen ist oder ein Arbeits­platz nach dem ande­ren ver­lo­ren geht, leis­tet der Ver­weis auf die Men­schen­na­tur, die ein­fach so oder so beschaf­fen ist, schon mal seine guten/​schlechten Dienste: Es fehlt dem Gehirn an ent­spre­chen­der Aus­stat­tung, um den ange­streb­ten Erfolg zu erzie­len. Und an der Natur ist eben nicht zu rüt­teln, damit muss man sich ebenso abfin­den wie mit Klein­wüch­sig­keit oder Som­mer­spros­sen. Der Rück­griff auf die Bio­lo­gie des Men­schen ist vor allem dann ange­bracht, wenn die Lüge von der Leis­tung, mit der man sein Glück schon selbst schmie­den könne, nach unge­zähl­ten Selbst­ver­su­chen par­tout nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten ist.

Zur Hoch­form lau­fen Ver­tre­ter die­ser Ideo­lo­gie auf, wenn es darum geht, Gründe für “abwei­chen­des Ver­hal­ten” zu fin­den: Kri­mi­nelle, Ter­ro­ris­ten, Kin­der­schän­der oder andere Sozi­al­schäd­linge las­sen sich umstands­los mit dem Ver­weis auf gene­ti­sche Defi­zite, Ano­ma­lien oder geschä­dig­tes Erb­ma­te­rial ide­ell aus der Gemein­schaft der anstän­di­gen Bür­ger aus­son­dern, denen dann umge­kehrt attes­tiert wird, das ihr nor­ma­les, erwünsch­tes, also ordent­li­ches (sys­tem­kon­for­mes) Ver­hal­ten eine Sache ihrer gesun­den Natur ist. Von Natur aus, so lau­tet dann die Bot­schaft der HFer, kann der Mensch eigent­lich gar nicht anders, als dem herr­schen­den Wer­te­sys­tem seine prak­ti­sche Reve­renz zu erweisen.

3.4 … , aber keine Beschluss­vor­lage für prak­ti­sche Politik

Viel mehr ist auch nicht dran. Aber die geis­tige Ver­ro­hung, die sich in sol­chen Gedan­ken äußert und die in den Debat­ten dar­über ein­reißt, reicht ja auch schon. Hüten sollte man sich vor der Ver­harm­lo­sung die­ser Sorte geis­ti­ger Ver­wahr­lo­sung, indem man sie umstands­los zur Beschluss­vor­lage für prak­ti­sche Poli­tik erklärt, d.h. die Ideo­lo­gien und Men­schen­bil­dern erst dadurch so rich­tig kri­ti­ka­bel machen will, dass man sie sich in dro­hen­des poli­ti­sches Han­deln über­setzt. Nach dem Mus­ter, man stelle sich ein­mal vor, alle Stö­ren­friede der Gesell­schaft wür­den von Hirn­dok­to­ren unschäd­lich gemacht. Zwar stellt sich einem Roth selbst die Frage, wie man ein Gehirn bestraft: “Es müsste sehr sorg­fäl­tig dis­ku­tiert wer­den…, ob man das Ich als Kon­strukt bestraft (wenn dies über­haupt mög­lich ist;)(i.O.) oder das Gehirn und sei­nen Orga­nis­mus als auto­no­mes Sys­tem.[63] Eine Kol­le­gin von ihm for­mu­liert das gleich pro­blem­adäquat und fragt sich, wie “das Gehirn wie­der auf nor­mal gedreht wird”.[64] Aber es zeigt die über die Schuld­fä­hig­keit des Gehirns geführte Nonsens-​Debatte sehr deut­lich, dass die Macher und Hüter des Rechts­staats schwer Wert dar­auf legen, dass ihr Staats­volk mit Wille und Bewusst­sein, mög­lichst zustim­mend und der Ein­bil­dung auf­ge­ses­sen, dass die poli­tisch ein­ge­rich­te­ten und in Geset­zes­werk gegos­se­nen Ver­hält­nisse ganz viele Mit­tel zur Ver­fol­gung ihrer Inter­es­sen ent­hal­ten, ihren kapi­ta­lis­ti­schen Laden tragen.

Juris­ten haben sofort den klei­nen Haken an der Sache mit der natur­ge­ge­be­nen Moral ent­deckt. Denn wenn jeder Kri­mi­nelle von Natur aus zum Ver­bre­chen neigt, dann – so müsste man fol­gern – kann er nichts für seine bösen Taten. Die Frage nach der Schuld­fä­hig­keit des Men­schen, die die Hirn­phi­lo­so­phen ver­nei­nen[65], gehört denn auch zu den bevor­zug­ten The­men in der lau­fen­den, ziem­lich unerns­ten Debatte. Die Juris­ten mögen sich dem Befund jedoch allein wegen sei­ner Kon­se­quenz nicht anschlie­ßen: Sie sehen eine “Gefahr” darin, wenn diese Hirn­psy­cho­lo­gen anmah­nen, “dass unser Umgang mit Men­schen, die wir heute als ‚Kri­mi­nelle‘ bezeich­nen, ver­ständ­nis­vol­ler wer­den könnte”(Sin­ger).[66] Sie könn­ten dann in der Tat ihre auf Schuld und Schuld­fä­hig­keit gegrün­dete Rechts­au­fas­sung weg­wer­fen. Wenn der Dieb, Mör­der oder Ver­ge­wal­ti­ger nichts für seine Tat kann, dann kann man ihn auch nicht weg­sper­ren. Das weiß der Jurist ohne­hin längst, hat es in sein Rechts­we­sen, das mit sei­nen Stra­fen das Recht zur Gül­tig­keit und den Straf­tä­ter zur “Ein­sicht” brin­gen will, längst ein­ge­baut, indem er “mil­dernde Umstände” oder “Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit” aller­dings nur bei der Höhe der Straf­zu­mes­sung in Anschlag bringt, wenn der Täter wäh­rend der Tat „weg­ge­tre­ten“ war. Nun wol­len ihm doch die Hirn­phi­lo­so­phen, die mit ihren Hirn-​Gespinsten die Vor­aus­set­zung von Moral über­haupt bestrei­ten, weis­ma­chen, dass jeder Ver­bre­cher eigent­lich unzu­rech­nungs­fä­hig ist. Das geht natür­lich zu weit. Allen­falls darf die­ses Pro­blem in den “ethi­schen Dis­kurs” ein­flie­ßen, in wel­chem es seit lan­gem um “die Lösung des quä­len­den Pro­blems der Schuld[67] geht; ein Pro­blem, von dem die Staats­ge­walt, beson­ders die judi­ka­tive Abtei­lung gott­lob bis­her ver­schont geblie­ben ist. Wie sähe es wohl ohne funk­tio­nie­ren­den Rechts­staat bei uns aus?

Doch haben sich die genann­ten Hirn­for­scher in die­ser Debatte schließ­lich selbst sehr ein­sich­tig gezeigt: Nein, soweit wol­len auch sie nicht gehen, dass sie aus der Unfrei­heit des mensch­li­chen Han­delns für jeden Kri­mi­nel­len die Straffrei­heit ablei­ten: “Straf­tä­ter kön­nen im mora­li­schen Sinne nichts für das, was sie tun. Das heißt aber nicht, dass sie nicht bestraft wer­den dür­fen. Sie dür­fen nur nicht bestraft wer­den auf Grund der Annahme, dass sie auch anders hät­ten han­deln kön­nen, son­dern weil die Gesell­schaft ihr Ver­hal­ten nicht dul­det – und damit sie sich even­tu­ell (!) bes­sern (!).” [68] Da ist der Rechts­staat denn doch wie­der geret­tet. Ist es doch ohne­hin seine Maxime, dass bestraft gehört, was die Gesell­schaft nicht dul­den kann! Doch sol­ches von eini­gen der Hirnis zu hören – Sin­ger möchte dage­gen “ver­ständ­nis­vol­ler im Umgang mit ‚Kri­mi­nel­len‘ wer­den” – , ver­wun­dert schon. Roth flüch­tet sich dabei wie­der in seine schon kri­ti­sierte Aus­flucht, der­zu­folge der freie Wille nur Ein­bil­dung sei. Er sie­delt die Ursa­chen für abwei­chen­des Ver­hal­ten im Gehirn an und kon­ze­diert dem Abweich­ler aber seine Ein­bil­dun­gen über die Tat. Sein Schluss: “(Man) müsste eine Art Trug­sys­tem (!) haben, in wel­chem die Leute sich schul­dig füh­len (!), denn nur so sind Ver­hal­tens­än­de­run­gen zu erwar­ten.”[69] Nur gut, dass es die­ses “Trug­sys­tem” bereits gibt, in wel­chem sich Ver­bre­cher schul­dig “füh­len” und des­halb ver­knackt wer­den kön­nen. So kriegt er kurz vor dem Plä­do­yer für Eutha­na­sie noch ziem­lich verzwir­belt die Kurve zum herr­schen­den Rechts­staat mit sei­ner gewalt­träch­ti­gen Sühne– und Reso­zia­li­sie­rungs­pra­xis. Out­law ist er wirk­lich nicht, der Herr For­scher, und will es nicht sein, das lässt sein Gehirn schon von Natur aus nicht zu.

4. Nichts als geis­tige Verwahrlosung

Die­selbe geis­tige Ver­wahr­lo­sung ist längst an Stamm­ti­schen ver­brei­tet. Wo diese Wis­sen­schaft­ler – gerade wegen „unse­rer deut­schen Ver­gan­gen­heit“ – Skru­pel bekomm­nen, da macht der „kleine Mann“, dem „die da oben“ viel zu lasch sind, aus sei­nem Her­zen keine Mör­der­grube: “Lebens­lang weg­sper­ren!”, “Rübe ab!”, “Pim­mel ab!” etc., wis­sen jene hoch­an­stän­di­gen Zeit­ge­nos­sen, die ganz ohne Stu­dium der Hirn­for­schung zu der Auf­fas­sung gelangt sind, dass die „Stö­rer“ alle krank sind, hier­zu­lande viel zu wenig durch­ge­grif­fen wird, Straf­tä­ter viel zu früh oder lei­der über­haupt wie­der frei gelas­sen wer­den, wo doch jeder­mann die Lebens­weis­heit kennt: „Ein­mal Ver­bre­cher immer Ver­bre­cher!” Und unter Adolf hätte es das auch nicht gege­ben.[70] Aber dafür ist ja nun ein­mal hier­zu­lande Mei­nungs­frei­heit und die Frei­heit von For­schung und Lehre ein­ge­rich­tet. Jeder­mann darf hier­zu­lande frei sei­nen Ver­stand betä­ti­gen und sei es auch nur, um – wie diese Hirn­for­scher – mit gro­ßem wis­sen­schaft­li­chen Auf­wand ein­dring­lich vor dem Gebrauch des Ver­stan­des zu warnen.

[1] Über­ar­bei­tete Vor­trags­ab­schrift von 9/​05

[2] Nur des­we­gen ist es Nicht­na­tur­wis­sen­schaft­lern über­haupt mög­lich, sich begrün­det auf diese Theo­rien ein­zu­las­sen. Von der Bio­lo­gie des Gehirns muss man nichts wis­sen, um die Hirn­phi­lo­so­phen zu widerlegen.

[3] Um einem über­flüs­si­gen Streit aus dem Wege zu gehen, sei dar­auf ver­wei­sen, dass kei­nes­wegs alle Neu­ro­bio­lo­gen, die sich mit dem Funk­tio­nie­ren des Gehirns befas­sen, die The­sen ihrer Kol­le­gen teilen.

[4] Vgl. G.Roth, Das Gehirn und seine Wirk­lich­keit, FaM 97; ders., Aus Sicht des Gehirns, FaM 2003; W.Singer, Der Beob­ach­ter im Gehirn, FaM 2002 . Z.B.: Das “ Gefühl des Wil­lens­ent­schlus­ses (ist) nicht die eigent­li­che Ursa­che für eine Hand­lung, son­dern eine Begleit­emp­fin­dung, die auf­tritt, nach­dem cor­ti­cale Pro­zesse begon­nen haben.… Die Auto­no­mie des mensch­li­chen Han­delns ist nicht im sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Wil­lens­akt begrün­det(!), son­dern in der Fähig­keit des Gehirns, aus inne­rem Antrieb (!) Hand­lun­gen durch­zu­füh­ren.” (Roth, Das Gehirn…, S.309ff) (vgl. auch Teil 2.3.2.)

[5] Vgl. dazu Ch.Geyer (Hrsg.), Hirn­for­schung und Wil­lens­frei­heit, edi­tion suhr­kamp FaM 2004, der die FAZ-​Debatte zusam­men­fasst und dokumentiert.(zit.Geyer)

[6] Geyer, S.98ff, 111ff, S.143ff

[7] Dabei schlie­ßen sie Sach­ver­halte expli­zit aus, die all­ge­mein als Krank­heits­sym­ptome gedeu­tet werden.

[8] Roth, in: Impulse, 2/​2000, S.8 : “Wir ver­su­chen täg­lich, andere von unse­ren Ein­sich­ten zu über­zeu­gen und ihr Ver­hal­ten ent­spre­chend zu ändern. Dies gelingt oft nicht, obwohl unsere Argu­mente schein­bar glas­klar und unwi­der­leg­bar sind. Es kann pas­sie­ren, dass man uns zustimmt, die Ver­hal­tens­än­de­rung ver­spricht, aber nicht so han­delt. (Auf Nach­frage wird oft behaup­tet, man tue doch genau das, was ver­langt wor­den sei.)”

[9] .….….….

[10] Vgl. Roth-​Interview, in: P.M. direkt, 4/​2004, S.94

[11] A.a.O., S.93

[12] So gese­hen ist die prak­ti­sche Frei­heit im Kapi­ta­lis­mus eben auch nur abs­trakt frei.

[13] So gese­hen ist der Begriff „freier Wille“ ein Pleonasmus.

[14] Dazu Hegel in der Rechts­phi­lo­so­phie: „Ich will nicht bloß, son­dern ich will etwas. Ein Wille, der … nur das abs­trakt All­ge­meine will, will nichts und ist des­we­gen kein Wille.“ (Werke Band 7, §6, Zusatz S 54)

[15] Etwa wenn sie die Ursa­chen von „Aggres­si­vi­tät“ ermit­teln will, ohne nach den Zwe­cken und Anlie­gen zu fra­gen, für die „aggres­sive Ver­hal­tens­wei­sen“ als Mit­tel ein­ge­setzt wer­den, und dann prompt bei einer Anlage zur Aggres­si­vi­tät oder einem Aggres­si­ons­trieb landet.

[16] Was aller­dings zeigt, dass bei ihnen die Frei­heit des Wil­lens gar nicht die selbst­be­stimmte Ent­schei­dung für kon­krete Ziele ist, son­dern eine geis­tige Akti­vi­tät, in der Wol­len und Wil­lens­in­halt ein getrenn­tes Dasein führen.

[17] Nach die­ser vor­ge­führ­ten schlich­ten Auf­lö­sung der vier Fälle könn­ten sich schon einige wei­ter­ge­hende Fra­gen stel­len, die jedoch gänz­lich jen­seits des Fra­ge­ho­ri­zonts der HF lie­gen. Sie hät­ten es mit der Frage zu tun, wie es zu erklä­ren ist, dass Men­schen unter ein­deu­ti­gen gesell­schaft­li­chen Umstän­den mit Wil­len und Bewusst­sein in der dar­ge­stell­ten Weise mit­ein­an­der bzw. mit sich selbst umge­hen. Es wäre zu klä­ren, was es bei­spiels­weise mit Kon­kur­renz auf sich hat, zu deren Tech­ni­ken Lügen und Heu­che­lei gehö­ren (z.B. Fall 1); wie es die hie­sige Staats­schule fer­tig bringt, den lang­jäh­ri­gen Lern­pro­zess wie eine Lern­be­hin­de­rung zu orga­ni­sie­ren (Fall 2); warum mit unschö­ner Regel­mä­ßig­keit Pflicht mit Ver­nunft gleich­ge­setzt wird bzw. wel­che Dienste die mora­li­sche Leis­tung erbringt, die eige­nen Anlie­gen im Namen von Vor­schrif­ten, die in Anstand ver­wan­delt wor­den sind, in Frage zu stel­len (Fall 3); und warum so viele Men­schen so scharf dar­auf sind, ihr Selbst­be­wusst­sein auf­zu­päp­peln und zwar in der Form der selbst­be­trü­ge­ri­schen Kom­pen­sa­tion von (Geld-)Notlagen (Fall 4)? Da wäre in der Tat noch eini­ges zu klä­ren, was zu gro­ßen Tei­len in die “Psy­cho­lo­gie des bür­ger­li­chen Indi­vi­duum” fällt.

[18] Geyer, S.89

[19] Bele­gen will dies Roth mit einem Ver­weis auf Expe­ri­mente des US-​Amerikaners B.Libet, auf die ich im nächs­ten Abschnitt eingehe.

[20] Da dies immer wie­der strit­tig ist, sei ein Selbst­ver­such emp­foh­len: Wel­ches Gefühl stellt sich ein, wenn beim Zap­pen plötz­lich G.W.Bush groß auf dem Bild­schirm erscheint? Beim Ira­ker, beim GI, beim Irak­kriegs­geg­ner etc.? Als ob nicht jeder die Gründe für sein sofort para­tes posi­ti­ves oder nega­ti­ves Gefühl benen­nen könnte.

[21] Geyer, S.25f

[22] Noch etwas ist die­ser Sicht der Rolle von Erkennt­nis zu ent­neh­men. Unfrei­wil­lig hat Prinz ein Stück Wahr­heit über das Ver­hält­nis von (Geistes-)Wissenschaft und Gesell­schaft im Kapi­ta­lis­mus preis­ge­ge­ben: Aus Erkennt­nis folgt prak­tisch nichts von dem, was die neue Ein­sicht gebie­ten würde. Wis­sen­schaft, zumal Geis­tes­wis­sen­schaf­ten die­ser Art, gibt eben Poli­tik und Öko­no­mie nicht Maß­stäbe vor, son­dern exis­tiert getrennt davon, hält sich oben­drein etwas dar­auf zugute, dass sie nur legi­ti­ma­to­ri­sche Knechts­dienste ver­rich­tet, wenn sie gerade mal gefragt ist und wird. Wert­frei­heit der Wis­sen­schaft, heißt das dann. Dabei vom “Aus­hal­ten von Inkom­pa­ti­bi­li­tät” zu reden, ist denn doch leicht über­trie­ben. Als ob die eta­blierte Wis­sen­schaft ein Pro­blem damit hätte, dass die Zwe­cke von Politik/​Recht und Öko­no­mie und nicht etwa Ideen von For­schern die gül­ti­gen Maß­stäbe fürs Regie­ren und fürs all­täg­li­che Trei­ben der Bür­ger vor­ge­ben. Das hal­ten sie nicht nur läs­sig aus, das for­dern sie immer dann, wenn sie sich für die Frei­heit von For­schung und Lehre einsetzen.

[23] Z.B. Roth, Das Gehirn …, S,.272ff. Neu­er­dings weiß man, dass nicht nur Neu­ro­nen­netz­werke, son­dern auch die soge­nann­ten Glia­zel­len dabei eine Rolle spielen.

[24] Fra­gen der Art, ob die gemes­sene beson­dere neu­ro­nale Akti­vi­tät tat­säch­lich der bestimm­ten geis­ti­gen Akti­vi­tät zuge­ord­net wer­den kann oder ob sie für etwas ande­res “steht”, ob tat­säch­lich immer auf­fäl­lige Mess­er­geb­nisse zu unter­su­chen sind, ob und wenn ja wie sie mit ande­ren, weni­ger auf­fäl­li­gen, in ande­ren Hirn­sek­tio­nen sich abspie­len­den neu­ro­na­len Ereig­nis­sen “ver­netzt” sind; ob bestimmte geis­tige Akti­vi­tä­ten bestimm­ten Hirn­zen­tren zuge­ord­net wer­den kön­nen, und ob sie auch durch andere Regio­nen sub­sti­tu­iert wer­den kön­nen etc., das sind Fra­gen, die Neu­ro­bio­lo­gen klä­ren. Zur Kri­tik von Roth, Sin­ger braucht es ihre Beant­wor­tung nicht.

[25] Die theo­re­ti­sche Schlud­rig­keit mit der Roth diese Behaup­tung dar­stellt – mal von engem Zusam­men­hang, mal von Par­al­lel­er­eig­nis­sen und dann zugleich von einem Ursache-​Wirkungsverhältnis spricht – , ist in mei­nem Heft (Hirn deter­mi­niert Geist, S,24ff) nachzulesen.

[26] Roth, Das Gehirn…, S,300f

[27] Nimmt man es sehr genau, dann muss man fest­hal­ten, dass auch die Aus­sage, der Geist sei physikalischer/​chemischer Zustand, gar nicht zu dem dar­aus abge­lei­te­ten Ursache-​Wirkungszusammenhang passt. Die erste behaup­tet die Iden­ti­tät von bei­dem, die zweite unter­stellt die Nich­ti­den­ti­tät und kon­stru­iert einen fal­schen Zusammenhang.

[28] Und selbst dann gilt die Zuord­nung noch frag­lich – was aber die Hirn­for­scher unter sich aus­ma­chen sollen.

[29] Dass sich auch so etwas über­trei­ben lässt, dass dabei eine Dys­funk­tion her­aus­kommt, der Mensch “weiße Mäuse” sieht, sich in irgend­ei­nem Para­dies wähnt oder glaubt flie­gen zu kön­nen, d.h. “geis­tige Vor­gänge” sich gegen­über dem “freien Den­ken” ver­selb­stän­di­gen, gehört bekannt­lich zur Erfah­rungs­welt der Dro­gis und Tablettenabhängigen.

[30] Dazu gehört auch die Fest­stel­lung, dass der Mensch – im Unter­schied zum Viech – bestimmte ele­men­tare Bedürf­nisse auf­schie­ben, sich ver­knei­fen, “ver­drän­gen” oder sich ihrer mit ent­spre­chend sorg­fäl­ti­ger Aus­wahl der Mit­tel auch als beson­de­ren Genuss (“Geschmack”) bedie­nen kann. Ebenso fällt hier­ein die Fest­stel­lung, dass selbst bestimm­ten phy­sio­lo­gi­schen Not­wen­dig­kei­ten wie dem Schla­fen oder dem Aus­ku­rie­ren einer Krank­heit in der Regel Beschlüsse vor­aus­ge­hen: Ich lege mich jetzt aufs Ohr, heißt es da; oder umge­kehrt über­win­det sich der Mensch, krank zur Arbeit zu gehen, um sei­nen Arbeits­platz nicht zu gefährden.

[31] Beim Viech ist das “Abhän­gig­keits­ver­hält­nis” von Natur/​Trieb/​Instinkt und Ver­hal­ten abso­lut, d.h. deter­mi­niert. Bedin­gung und Grund fal­len zusammen.

[32] Vgl. dazu z.B. Manon Bauk­hage, Die 7 Rät­sel des Bewusst­seins, in: P.M.Magazin, 11/​05

[33] A.a.O.

Dass einige der HFer einen beson­de­ren Draht zum “Jen­seits” haben, belegt W.Singer, der eines der 80 Mit­glie­der der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Wis­sen­schaft ist und in die­ser Funk­tion den Papst berät. Es scheint aller­dings, dass die umge­kehrt ver­lau­fende Bera­tung auch gute Ergeb­nisse zei­tigt. Der ZEIT ver­traute er näm­lich an: “Wir haben zwei Wis­sens­quel­len – zum einen die mensch­li­che Ver­nunft, zum ande­ren die Offen­ba­rung. Und da die Wis­sen­schaft stets nur begrenzte Ein­sicht lie­fert, hat die Offen­ba­rung das Pri­mat. .… (Auch die Hirn­for­schung belegt, dass) alles Wiss­bare Gren­zen hat.”(Inter­view in: DIE ZEIT, 20/​2005)

[34] .Z.B. in Hegels “Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes”, in: Enzy­klo­pä­die der phi­lo­so­phi­schen Wis­sen­schaft III, Werke 10, FaM 1970

[35]Dass aber aus der blo­ßen Anschau­ung her­aus­ge­tre­ten wer­den muss, davon liegt die Not­wen­dig­keit darin, dass die Intel­li­genz ihrem Begriffe nach Erken­nen, die Anschau­ung dage­gen noch nicht erken­nen­des Wis­sen ist, weil sie als sol­che nicht zur imma­nen­ten Ent­wick­lung der Sub­stanz des Gegen­stands gelangt, son­dern sich viel­mehr auf das Erfas­sen der noch mit dem Bei­we­sen des Äußer­li­chen und Zufäl­li­gen umge­be­nen, unent­fal­te­ten Sub­stanz beschränkt. …”(Hegel, Enzy­klo­pä­die III, S.255)

[36] Vgl. in: Geyer, S.268ff

[37] Roth, Das Gehirn …, S.309f. Übri­gens ist Libet in Aus­deu­tung sei­ner Unter­su­chun­gen “vor­sich­ti­ger”: “Die Annahme, dass die deter­mi­nis­ti­sche Natur der phy­si­ka­lisch beob­acht­ba­ren Welt … sub­jek­tiv bewusste Funk­tio­nen und Ereig­nisse erklä­ren kann, ist ein spe­ku­la­ti­ver Glaube und keine wis­sen­schaft­lich bewie­sene Tat­sa­che.” (Libet, in: Geyer, S.285) Wes­we­gen er zu eif­ri­ger For­schung auf­ruft, damit end­lich stich­hal­tige Beweise gelie­fert wer­den. Dass da nichts zu bewei­sen ist, will auch ihm nicht einleuchten.

[38] Vgl. dazu auch Helm­rich, in: Geyer, S.92ff

[39] Roth, Das Gehirn…, S.307

[40] a.a.O.

[41] Roth, in: P.M. Maga­zin, 4/​2004, S.93

[42] Die prak­ti­sche Bedeu­tung ihrer For­schung wer­den diese HFer nicht müde zu beto­nen. In ihrem “Mani­fest” stel­len sie Krank­hei­ten wie Alz­hei­mer, Schi­zo­phre­nie und Depres­sio­nen vor, die sie der­einst glau­ben hei­len kön­nen. Es soll gar nicht bestrit­ten wer­den, dass die Natur­wis­sen­schaft­ler unter den Hirn­for­schern daran arbei­ten. Es ver­stimmt jedoch leicht, wenn von den­sel­ben Mani­fest­an­ten Fort­schritte der fol­gen­den Art vor­ge­stellt wer­den: “..Fort­schritte in der Hirn­for­schung (wer­den uns) ver­mehrt in die Lage ver­set­zen, psy­chi­sche Auf­fäl­lig­kei­ten und Fehl­ent­wick­lun­gen, aber auch Ver­hal­tens­dis­po­si­tio­nen zumin­dest in der Ten­denz vor­aus­zu­se­hen – und ‚Gegen­maß­nah­men‘ zu ergrei­fen.” Aller­dings, so mer­ken die ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten HFer an, sind “sol­che Ein­griffe in das Innen­le­ben, in die Per­sön­lich­keit des Men­schen mit vie­len ethi­schen Fra­gen ver­bun­den...”(in: Das Mani­fest”, in: Gehirn und Geist, 6/​2004, S.36) Ohne ethi­sche Pro­ble­ma­ti­sie­re­rei geht die Behand­lung von Men­schen, die anders als nor­mal “ticken”, als Krank­heits­fälle nicht. Wozu hat der Wis­sen­schaft­ler schließ­lich sein Gewissen.

[43] In Bre­men und nicht nur dort ändert sich das zur Zeit grundlegend!

[44] Becker/​Roth, Hirn­for­schung und Didak­tik, in: Erwach­se­nen­bil­dung 50/​2004, Heft 3, S.110

[45] Roth, Wie funk­tio­niert Ler­nen? (Papier zur Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung), 2004, S.1

[46] Das­selbe Dilemma haben sich auch die Bega­bungs– und Anla­ge­theo­re­ti­ker geschaffen.(Vgl. FH, Erzie­hung im kapi­ta­lis­mus, S. )

[47] Vgl. dazu auch “Das Mani­fest elf füh­ren­der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler” (Gehirn und Geist, 6/​2004), das jene Mischung aus demons­tra­ti­ver wis­sen­schaft­li­cher Beschei­den­heit und Ange­ber­tum per­fekt vorführt.

[48] Vgl. vor allem Becker/​Roth, a.a.O.

[49] Roth räumt zunächst immer ein,dass “nichts von dem, was ich vor­trage, … einem guten (!) Päd­ago­gen inhalt­lich neu (ist).” Um dann aller­dings dar­auf zu insis­tie­ren, dass den­noch ohne ihn, den HFer, die Schul­schwie­rig­kei­ten der Leh­rer kaum zu behe­ben sind: “Der Fort­schritt besteht viel­mehr darin zu zei­gen, warum das funk­tio­niert, was ein guter Päd­agoge tut, und das nicht, was ein schlech­ter tut.” (Roth, Warum sind Leh­ren und Ler­nen so schwie­rig, Vor­trags­ma­nu­skript 2005, S.1) Den tat­säch­li­chen Fort­schritt ver­passt er: Die Klar­stel­lung, dass die päd­ago­gi­schen Laden­hü­ter und das Lern­sys­tem der Staats­schule nicht zusam­men passen.

[50] “Das lim­bi­sche Sys­tem bewer­tet ein­ge­hende Reize und steu­ert die emo­tio­nale Tönung unse­rer Wahr­neh­mung. Bevor das Gehirn etwas lernt, bewer­tet es (!) bei­spiels­weise die ein­ge­hende Infor­ma­tion in Bezug auf per­sön­li­che Rele­vanz und den Neu­ig­keits­wert. Diese Bewer­tung erfolgt in wei­ten Tei­len unbe­wusst (!). Inter­es­san­tes oder per­sön­lich Rele­van­tes wird bes­ser und schnel­ler gelernt als Inhalte mit denen wir nicht ver­bin­den, sei es weil sie zu abs­trakt (!) sind .…” (Becker/​Roth, 108)

[51] Vgl. Ler­nen unter der Dopa­m­in­du­sche, in: DIE ZEIT, 39/​03

[52] Roth, Wie funk­tio­niert Ler­nen, S.2

[53] a.a.O., S.2

[54] Psy­cho­lo­gen, die sich mit ADHS befas­sen, haben bei ihren “Pati­en­ten” merk­wür­dige Abwei­chun­gen fest­ge­stellt: “Für Außen­ste­hende ist es oft ver­wir­rend, dass ADS chro­nisch, jedoch nicht all­ge­gen­wär­tig ist. ADS-​Patienten haben bei bestimm­ten Tätig­kei­ten kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten, auf­merk­sam, zu blei­ben und kon­zen­triert zu arbei­ten. Man­che Kin­der sind chro­nisch unfä­hig, dem Schul­un­ter­richt dau­er­haft Auf­merk­sam­keit zu wid­men, trei­ben stun­den­lang Sport oder beschäf­ti­gen sich mit Video­spie­len.” (T.E.Brown, Chro­nisch aber nicht all­ge­gen­wär­tig – Neue Erkennt­nisse zu ADS bei Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen: Erken­nung und Behand­lung, in: Fitzner/​Stark, ADS– ver­ste­hen, akzep­tie­ren, hel­fen, Wein­heim 2000, S.133) Ver­wir­rend in der Tat.

[55] Vgl. dazu Roth, Füh­len, Den­ken, Han­deln, FaM 2003, S.347ff . Dass ADHS-​kranke Kin­der in einem erheb­li­chen, wenn nicht sogar größ­ten Teil spä­ter Gewalt­tä­ter wer­den, darf ange­sichts des um ca.4% ver­klei­ner­ten Hirn­vo­lu­mens – rechts­sei­tig feh­len sogar 8%!!! – wirk­lich nicht verwundern!

[56] Vgl. Ch. Geyer, Hirn­for­schung und Willensfreiheit…

[57] FAZ, 8 – 10.04, S.1

[58] Vgl. Anm.2

[59] Nicht ein­mal das stimmt – wie gezeigt.

[60] Es ist inter­es­sant, dass sich unter den 25 Dis­ku­tan­ten 6 Phi­lo­so­phen, 4 Psy­cho­lo­gen, einige Theo­lo­gen, meh­rere Juris­ten, His­to­ri­ker und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, aber nur drei Natur­wis­sen­schaft­ler – ein Neu­ro­loge, ein Bio­loge und ein Mole­ku­lar­med­zi­ner befin­den, die über­dies sorg­sam bemüht sind, ihre natur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nisse dem Leser weit­ge­hend vorzuenthalten.

[61] Ach­tung, so etwas nicht zu weit trei­ben, denn: “Tröst­lich ist, dass die Sta­bi­li­tät mei­ner Wirk­lich­keit durch der­ar­tige Ein­sich­ten nicht bedroht wird. Ich fall nicht wirk­lich ins Boden­lose, wenn ich erkenne, dass ich sas Kon­strukt eines mir unzu­gäng­li­chen rea­len Gehirns bin.”(Roth, Das Gehirn…, S.331) Tröst­lich! Doch woher rührt eigent­lich die Sta­bi­li­tät der rea­len Welt?

[62] Inter­es­san­ter­weise wer­den diese Fra­gen nie bei guten Taten gestellt: Muss man dank­bar sein bei groß­zü­gi­ger Hilfe, wo der Hel­fende doch gar kein Bewusst­sein von Anstand, Sitte und Moral hat. Warum wohl nicht?

[63] Roth, Das Gehirn.…, S.330f

[64] Braun, nach: DIE ZEIT, 45/​02)

[65] “Es gibt einen gene­ti­schen Sockel bei Straf­tä­tern, der liegt bei 20%. Aber der größte Teil liegt wohl in früh­kind­li­chen (!) Erfah­run­gen. … Ein(solcher) Deter­mi­nis­mus ist nur rück­wir­kend (!)erkenn­bar, aber nicht vorab.” (Becker/​Roth, S.95)

[66] Lüders­sen, in: Geyer, S.102

[67] a.a.O., S.100

[68] Becker/​Roth, S.95

[69] Roth, in: Weser Kurier, 1.12.03

[70] Dass nicht nur faschis­ti­sche, son­dern auch demo­kra­ti­sche Staa­ten mit dem Bestra­fen der Natur ernst gemacht haben, weiß man aus Schwe­den, wo in den fünf­zi­ger Jah­ren an Kom­mu­nis­ten lobo­to­mi­sche Ein­griffe voll­zo­gen sind, deren Erfolge durch­schla­gend gewe­sen sein sollen.(SZ, 8.4.98)