Die Leis­tun­gen der Naturwissenschaft

(1. Teil)

Quelle: MSZ (Aus­gabe 1 1987) DIE LEIS­TUN­GEN DER NATUR­WIS­SEN­SCHAFT (1. Teil)

Die beste Auf­klä­rung über das Den­ken und seine Resul­tate in den Natur­wis­sen­schaf­ten bie­tet immer noch deren Stu­dium. Lei­der ist diese Bana­li­tät längst keine Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr. Von der Eigen­art die­ses Zwei­ges der theo­re­ti­schen Anstren­gung einer Min­der­heit von Spe­zia­lis­ten pfle­gen sich auf­klä­rungs­be­flis­sene Welt­bür­ger heute anders infor­mie­ren zu las­sen. Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker und andere Phi­lo­so­phen ste­hen hoch im Kurs, wenn Aus­künfte erbe­ten sind, die von der Größe wie den Gren­zen kün­den, die der Natur­kunde so schöne gemischte Gefühle ent­ge­gen­zu­brin­gen gestat­ten. Von Gnade und Gefahr, von „Welt­bil­dern“ und „Para­dig­men­wech­seln“ ist bei die­ser Bericht­er­stat­tung aus einem Gewerbe, zu dem nur wenige Zugang haben, dann aller­dings mehr die Rede als davon, was die Suche nach Natur­ge­set­zen so alles erbracht hat. Ganz zu schwei­gen von den frie­dens– und umwelt­be­wuss­ten Tor­hei­ten, die einer Sparte objek­ti­ver Erkennt­nis prin­zi­pi­ell die gewich­tige Tugend der Ver­ant­wor­tung zu– oder abspre­chen, die allein in die Kom­pe­tenz ihrer Nutz­nie­ßer fällt.

Ohne Rück­sicht dar­auf, wel­che Geschich­ten von Sei­ten phi­lo­so­phi­scher und popu­lä­rer Volks­auf­klä­rer über die „Bedeu­tung“ der natur­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien unter die Leute gebracht wer­den, geht es auch in den fol­gen­den Klar­stel­lun­gen nicht ab. Schon des­halb nicht, weil es die Natur­wirte selbst nicht unter der skeptisch-​weltanschaulichen Deu­tung ihres Hand­werks tun. Den­noch liegt das Haupt­ar­gu­ment die­ses Auf­sat­zes nicht auf der Wider­le­gung der ziem­lich unwis­sen­schaft­li­chen Tou­ren, in denen dem ge-​, natur­wis­sen­schaft­lich aber unge­bil­de­ten Publi­kum die Leis­tun­gen der Natur­er­kennt­nis vor­stel­lig gemacht wer­den. Eher schon geht es darum, die Objek­ti­vi­tät auf­zu­zei­gen, durch die sich diese Abtei­lung Den­ken ver­dient und brauch­bar zugleich gemacht hat. Dass damit ein ehr­fürch­ti­ges Kom­pli­ment aus­ge­spro­chen ist, braucht nie­mand zu befürch­ten. Eher schon for­dern die Kennt­nisse und ihr Gebrauch – der zweite Teil wid­met sich der Tech­no­lo­gie – dazu her­aus, ein­mal respekt­los zu prü­fen, wie die Unter­ord­nung der Natur­for­schung unter gar nicht rät­sel­hafte Ziel­set­zun­gen der poli­ti­schen Öko­no­mie gelingt.

Vor­be­mer­kun­gen bezüg­lich der Miss­ver­ständ­nisse, die die Zunft der Natur­wis­sen­schaft­ler selbst befördert

Auch in den nach all­ge­mei­nem Sprach­ge­brauch exak­ten Wis­sen­schaf­ten gilt es heut­zu­tage nicht mehr für ver­fehlt und lächer­lich, ein ein­füh­ren­des Lehr­buch mit kapi­tel­lan­gen Tira­den über „Theo­rie und Wirk­lich­keit“ ein­zu­lei­ten, die den wis­sen­schaft­li­chen Wert des dar­zu­stel­len­den Stoffs von vorn­her­ein rela­ti­vie­ren und damit alle Bemü­hun­gen des Lesers um das Wei­tere zu etwas im Ernst gänz­lich Über­flüs­si­gem erklären.

„Was die Erkennt­nis der Welt angeht, befin­det sich die Phy­sik also, mit den Begrif­fen rich­tig und falsch gefasst, in einer bemer­kens­wert unsym­me­tri­schen Lage: Jede gene­relle Aus­sage über die Welt und das, was in ihr geschieht, kann zwar defi­ni­tiv als falsch nach­ge­wie­sen wer­den, nie­mals aber als defi­ni­tiv rich­tig. Jedem, der für die Ästhe­tik der rei­nen Mathe­ma­tik emp­fäng­lich ist und für die Unbe­dingt­heit ihrer Aus­sa­gen, wird das als ein hoff­nungs­lo­ser Man­gel an mathe­ma­ti­scher Rein­heit erschei­nen. Die­ser Man­gel ist in der Tat hoff­nungs­los, denn es han­delt sich bei der Phy­sik kei­nes­falls um eine tem­po­räre Lage, die ledig­lich auf einem Man­gel an Infor­ma­tion beruhte, der sich bei genü­gend lan­gem War­ten behe­ben ließe, son­dern um eine Natur­not­wen­dig­keit. … Das ist ein Natur­ge­setz, das übri­gens nicht auf die Phy­sik beschränkt ist, son­dern für jede Aus­ein­an­der­set­zung des Men­schen mit der Wirk­lich­keit gilt, die Urteils­bil­dung ver­langt …“ (Falk-​Ruppel, Mecha­nik, Rela­ti­vi­tät, Gra­vi­ta­tion, S.20 – 21)

Etli­che hun­dert Jahre nach New­tons „hypo­the­ses non fingo“ sind seine Jün­ger zu der Über­zeu­gung gelangt, dass just die­ses Hypo­the­sen­aus­den­ken die Wahr­heit über ihr Geschäft sei. Die ziem­lich fal­sche Hypo­these, Natur­ge­setze seien Pro­gno­sen über „alle mög­li­chen“ Erfah­run­gen, wird durch den immer gleich mit­for­mu­lier­ten Ein­wand, dass ande­rer­seits ja nie­mand, wie sollte er auch, diese Erfah­run­gen gemacht haben kann, kei­nes­wegs erle­digt, son­dern zum gelun­ge­nen Argu­ment gegen die Soli­di­tät alles Gedach­ten. Die Mathe­ma­tik hat es angeb­lich bes­ser, weil sie ja nur am siche­ren Gän­gel­band der Tau­to­lo­gien und rein for­ma­len Bewei­sen gehal­ten, Hirn­ge­spinste unter­ein­an­der in Bezie­hung setze, wäh­rend über die wirk­li­che Welt par­tout kein rich­ti­ges Urteil gebil­det wer­den kann, eben weil diese so ver­teu­felt wirk­lich ist. Die behaup­tete Asym­me­trie von „rich­tig und falsch“ ist der reine Hum­bug – soll so ein Feind all­ge­mei­ner Aus­sa­gen doch mal nach­wei­sen, dass das, was er als nicht 20 Grad Cel­sius sei­end gefun­den hat, wirk­lich die Tem­pe­ra­tur war. Aber ganz gleich, von wel­cher Stufe und mit wel­chen Schnör­keln ein moder­ner Natur­wis­sen­schaft­ler seine Phi­lo­so­phie gelernt hat, allen kommt es auf das sich selbst wider­le­gende Geschäft an, für die Unsi­cher­heit jeg­li­cher Erkennt­nis Beweis zu füh­ren. Als ob sie die alte Sophis­te­rei vom lügen­den Kre­ter, der des­halb auch mit einem gewis­sen iro­ni­schem Recht alle wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Schmö­ker bevöl­kert, prak­ti­zie­ren woll­ten, behaup­ten sie aus­ge­rech­net ihr Ver­dikt über alles, was die For­schung zum Magne­tis­mus oder den Mai­kä­fern erar­bei­tet hat, als ein Natur­ge­setz und mer­ken noch nicht ein­mal, dass sie so für ihr Bekennt­nis zur Skep­sis mit einer Voka­bel wer­ben, die auf den unbe­streit­ba­ren Erfolg der Natur­wis­sen­schaft verweist.

Umge­kehrt: Die phi­lo­so­phie­ren­den Natur­for­scher suchen sich vor pro­fes­sio­nel­len Wis­sen­schafts­fein­den ande­rer Fakul­tä­ten dadurch her­vor­zu­tun, dass sie die Fülle der in Phy­sik, Che­mie oder Bio­lo­gie vor­han­de­nen Kennt­nisse zu einem Beleg für ihre Welt­an­schau­ung ver­dre­hen. Da fin­den sich dann mit­ten im Phy­sik­buch Demons­tra­tio­nen wie die fol­gende dafür, dass jeder Gedanke nur eine schlechte Annä­he­rung an die Wirk­lich­keit sei:

„Jeder ein­fa­che Gedanke ist ange­nä­hert… Was ist ein Stuhl? Nun ein Stuhl ist ein bestimm­ter Gegen­stand… ein bestimm­ter? Wie bestimmt? Die Atome ver­damp­fen davon von Zeit zu Zeit – nicht viele Atome, aber einige -; Schmutz fällt dar­auf und wird in der Farbe gelöst; also ist die prä­zise Defi­ni­tion eines Stuhls, genau zu sagen, wel­che Atome Stuhl und wel­che Atome Luft oder wel­che Atome Schmutz sind, oder wel­che Atome Farbe sind, die zum Stuhl gehört, unmög­lich… Jedes Objekt ist eine Mischung von Din­gen. Darum kön­nen wir damit nur umge­hen als mit einer Reihe von Annä­he­run­gen und Idea­li­sie­run­gen.“ (Feyn­man, Lec­tures on Phy­sics, vol. I, ch. 12 – 13)

Hätte die­ser Nobel­preis­trä­ger sei­nes Fachs als Phy­si­ker über Stühle reden wol­len, dann hätte er Sta­tik trei­ben müs­sen und viel­leicht erklärt, warum so ein Ding seine vier Beine braucht. Hätte er sei­ner Liebe zur Atom­theo­rie an einem beson­ders lebens­na­hen, dafür umso weni­ger erhel­len­den Bei­spiel frö­nen wol­len, wäre er auf das Mate­rial zu spre­chen gekom­men und hätte viel­leicht ein ziem­lich abs­trak­tes Argu­ment dafür gebracht, dass die Möbel sel­ten 1000 Jahre im Leim blei­ben, eine kür­zere Zeit­spanne aber schon. Statt des­sen beruft er sich auf seine phy­si­ka­li­schen Kennt­nisse, um ein Ding, mit dem weder Pro­fes­so­ren noch Haus­frauen ein Pro­blem haben kön­nen, in ein unge­heu­res Geheim­nis zu ver­wan­deln und so dem mensch­li­chen Geist zu beschei­ni­gen, dass es sein Prin­zip sei, vor aller­hand tie­fen Abgrün­den die Augen zu schließen.

Bei die­ser Kon­fron­ta­tion von Ato­men und Stüh­len, als wäre es phy­si­ka­lisch wahr, dass wegen Bewe­gung der ers­ten sich die zwei­ten in Luft auf­lö­sen, han­delt es sich kei­nes­wegs um den beson­ders splee­ni­gen Ein­fall eines Ami-​Professors, son­dern um ein Bei­spiel für einen unter Natur­for­schern respek­tier­ten Usus, der es regel­mä­ßig zur Ehre ein­schlä­gi­ger Ver­öf­fent­li­chun­gen, Ver­an­stal­tun­gen, ja Lehr­stühle bringt. Ein Phy­si­ker hält es für eine sei­nem Fach imma­nente For­de­rung, Refle­xio­nen über das „Wirk­lich­keits­ver­ständ­nis“, den „Sub­stanz­be­griff“ oder das „Kau­sale Prin­zip“ anzu­stel­len, und macht der­glei­chen unwis­sen­schaft­li­che Abs­trak­tio­nen – „1 Wirk­lich­keit ist gleich 5 Sub­stanz im Qua­drat“ kommt zu Recht in kei­nem Phy­sik­buch vor – heute mit dem dop­pel­ten Argu­ment dring­lich, dass ers­tens die Ent­de­ckun­gen des 20. Jahr­hun­derts die „Grund­la­gen“ der „klas­si­schen“ Phy­sik über den Hau­fen gewor­fen hät­ten, und dass zwei­tens die „moderne“ Theo­rie ohne die ein­schlä­gi­gen Inter­pre­ta­ti­ons­be­mü­hun­gen ein lee­rer For­ma­lis­mus bliebe.

Zum ers­ten Argu­ment fällt auf, dass die Beschwö­rung des revo­lu­tio­nä­ren Fort­schritts der Wis­sen­schaft immer nur auf das eine Resul­tat füh­ren soll, dass nun­mehr recht viel Beschei­den­heit und Miss­trauen dem Wis­sen gegen­über gebo­ten sei. Wenn die phi­lo­so­phi­schen Flau­sen frü­he­rer For­scher – z.B. Helm­holtz: „Das letzte Ziel aller Natur­wis­sen­schaft ist, sich in Mecha­nik auf­zu­lö­sen.“ – nicht als Meta­phy­sik kri­ti­siert und bei­seite gelegt, son­dern ver­ständ­nis­voll als Aus­fluss einer the­ma­tisch beschränk­ten und daher anti­quier­ten Phy­sik ver­han­delt wer­den, kann Zufrie­den­heit mit den neuen Ergeb­nis­sen dann auch nicht gemeint sein. Die Welt­an­schau­ung ist tot – es lebe die Welt­an­schau­ung, heißt die gar nicht auf­klä­re­ri­sche Parole, die aus Ein­sich­ten in die Natur immer erst noch die „Bedeu­tung“ ablei­ten will.

Zum zwei­ten Argu­ment, also dem Bedürf­nis, sich „bei“ einem Resul­tat der Phy­sik immer noch etwas zu den­ken, ist zu bemer­ken, dass die Natur­wis­sen­schaft noch nie den All­tags­vor­stel­lun­gen ent­spro­chen hat, inso­fern sie die Natur erklärt und nicht daher­er­zählt, was sich in der Erfah­rung fin­det – schon Gali­lei ließ die Erde sich bewe­gen und for­mu­lierte das Fall­ge­setz für ein gar nicht vor­han­de­nes Vakuum. Für seine moder­nen Kol­le­gen ist diese Dif­fe­renz aber nicht mehr gleich­be­deu­tend mit der Not­wen­dig­keit von Wis­sen­schaft; sie drech­seln dar­aus viel­mehr Para­do­xien und räso­nie­ren dar­über, was sie eigent­lich wis­sen, wenn sie etwas wis­sen. So kommt es, dass bei­spiels­weise jeder Stu­dent der Quan­ten­theo­rie die Übungs­auf­gabe vor­ge­setzt kriegt, aus der Hei­sen­berg­schen Unbe­stimmt­heits­re­la­tion den Atom­ra­dius zu berech­nen, also damit genauso ver­fah­ren lernt wie mit dem Ohm’schen Gesetz oder sonst was, und zum ande­ren erfährt, er habe bei sol­chen Leis­tun­gen noch rein gar nichts ver­stan­den, wenn er nicht auch noch dar­über rät­sele, wieso sein Ergeb­nis über­haupt eine Wahr­heit sein könne, und ein­sähe, dass jene Rela­tion, in der von Impuls, Ener­gie usf. die Rede ist, das Ver­hält­nis von Sub­jekt und Objekt verändere.

Für einen Hei­sen­berg bestand näm­lich die Quint­es­senz sei­ner Ent­de­ckung in dem absur­den Urteil über „unsere“ Erkennt­nis und ihren Gegenstand,

„dass wir die Bau­steine der Mate­rie, die ursprüng­lich als die letzte objek­tive Rea­li­tät gedacht waren, über­haupt nicht mehr an sich betrach­ten kön­nen, dass sie sich irgend­ei­ner objek­ti­ven Fest­le­gung in Raum und Zeit ent­zie­hen und dass wir im Grunde immer nur unsere Kennt­nis die­ser Teil­chen zum Gegen­stand der Wis­sen­schaft machen kön­nen.“ (Hei­sen­berg, Das Natur­bild der heu­ti­gen Phy­sik, S. 18)

Anders als im „makro­phy­si­ka­li­schen“ Bereich, wo sich die phy­si­ka­li­schen Gesetze an ordent­lich indi­vi­du­el­len Gegen­stän­den rea­li­sie­ren, die dane­ben noch andere Bestim­mun­gen auf­wei­sen und der­ge­stalt der Anschau­ung zugäng­lich sind, han­delt es sich beim Atom­bau durch­aus nicht darum, ein grü­nes Elek­tron namens Peter und ein rotes namens Paul um den Kern sau­sen zu las­sen; die hier anzu­tref­fen­den Exis­ten­zen sind durch nichts ande­res mehr als gewisse Zah­len­ver­hält­nisse cha­rak­te­ri­siert. Die­sen Man­gel an Indi­vi­dua­li­tät, wenn man einen Ver­gleich mit ver­trau­ten Gegen­stän­den anstel­len will, haben die Phy­si­ker zum Anlass genom­men, die klei­nen „Bau­steine der Mate­rie“ mit der For­de­rung zu kon­fron­tie­ren, sie müss­ten sich wie wirk­li­che Dach­zie­gel vor­stel­lig und ding­fest machen las­sen. Man will sich also ein Pro­blem dar­aus machen, dass jene abs­trak­ten Un-​Dinge ihre Gesetz­mä­ßig­kei­ten nicht an einem ein­zel­nen Exem­plar dar­stel­len, son­dern nur, wenn sie in einer Viel­zahl vor­han­den sind; man hält wider bes­se­ren Wis­sens an der Frage nach dem indi­vi­du­el­len Wie und Wo der Nicht-​Individuen fest und macht so, weil es dar­auf keine ver­nünf­tige Ant­wort gibt, aus dem bereits ent­deck­ten Natur­ge­setz ein uner­gründ­li­ches Rät­sel. Wie die Rede von den „Bau­stei­nen“ impli­ziert, durch­zieht das so zurecht­ge­schus­terte Geheim­nis natür­lich nicht nur die Phy­sik der Atome, son­dern die aus ihnen „zusam­men­ge­setzte“ Objek­ti­vi­tät schlecht­hin, und es ist sehr zwei­fel­haft gewor­den, ob das Den­ken ihrer jemals mäch­tig sein kann.

Die­ser sau­blöde Trick, die angeb­lich kri­ti­sierte mecha­nis­ti­sche Betrach­tungs­weise der Natur als Maß­stab an das eigene For­schungs­er­geb­nis anzu­le­gen und sie damit als einer­seits den­knot­wen­dig, ande­rer­seits hoff­nungs­los unan­ge­mes­sen zu cha­rak­te­ri­sie­ren, gilt als epo­che­ma­chen­der Befrei­ungs­akt des Den­kens, weil sich die Fach­leute in Sachen Natur des­we­gen auch noch zu ganz ande­ren Geis­testa­ten auf­ge­ru­fen und berech­tigt füh­len. Die „von der Rea­li­tät“ zur Skep­sis „gezwun­ge­nen“ Phy­si­ker kon­sta­tie­ren sofort voll Freude, dass wegen erwie­se­ner Insuf­fi­zi­enz der Wis­sen­schaft zu posi­ti­vem Irra­tio­na­lis­mus fort­ge­schrit­ten wer­den müsse, end­lich also die fried­li­che Koexis­tenz und frucht­bare Koope­ra­tion mit sämt­li­chen Sphä­ren des höhe­ren Blöd­sinns erkämpft sei. Die­ser Über­gang ist so sim­pel wie zwin­gend: Die Unmög­lich­keit, das Elek­tron genau zu loka­li­sie­ren schafft den Raum, wo der liebe Gott sei­nen unphy­si­ka­li­schen Fin­ger hin­ein­ste­cken kann, und wenn’s nicht gleich der alte Herr per­sön­lich sein soll, kön­nen in glei­cher Funk­tion der Geist, das Leben, das Unbe­wusste etc. aufmarschieren.

„Der Pro­zess, den die Natur­wis­sen­schaft­ler der Reli­gion gemacht haben, ist revi­si­ons­be­dürf­tig gewor­den.“ (P. Jor­dan, Der Natur­wis­sen­schaft­ler vor der reli­giö­sen Frage)

„Unsere Kno­ten wer­den immer gor­disch blei­ben; daher sollte Wis­sen­schaft eine Anbe­tung der Natur und nicht ein Kampf gegen sie sein.“ (Bio­che­mi­ker E. Char­gaff, Unbe­greif­li­ches Geheimnis)

„Prama ist räum­lich aus­ge­dehnte, bele­bende, also zunächst ein­mal bewe­gende Potenz. Die Quan­ten­theo­rie beschreibt etwas davon nicht völ­lig Ent­fern­tes.“ (C. F. v. Weiz­sä­cker, Die bio­lo­gi­sche Basis reli­giö­ser Erfahrung)

Wenn moderne Natur­for­scher von sich Auf­he­bens machen, dann eben weder wegen des Wis­sens, das sie haben oder pro­du­zie­ren, son­dern wegen eines beson­de­ren Durch­blicks, der sich aus ihren an sich über­haupt nicht mit­tei­lens­wer­ten Resul­ta­ten ablei­ten soll und zu tief­sin­ni­gen Welt­deu­tun­gen befä­higt. Ihre wahre Auf­gabe hat wenig mit Expe­ri­men­tie­ren und Rech­nen zu tun, umso mehr aber mit letz­ten Fra­gen und dem Blick hin­ter die Dinge; ihre eigent­li­chen Ergeb­nisse sind nicht die Gesetze beson­de­rer Natur­ge­gen­stände, son­dern fun­da­men­tale Sein­sprin­zi­pien. Sie legen Wert dar­auf, Dumm­hei­ten zu pro­du­zie­ren und stür­zen sich begeis­tert auf jeden geho­be­nen Schwach­sinn, der das geis­tige Leben so bewegt, um ihr eige­nes Zeugs damit in Bezie­hung zu set­zen. Ob sie sich dem „Pro­blem des Spre­chens über unei­gent­li­che Gegen­stände“ stel­len, der „Ver­än­de­rung der Apriori-​Strukturen“ nach­spü­ren und einen neuen „logisch-​ontologischen Ansatz“ umrei­ßen; ob sie einen deut­schen Auf­satz über „Abs­trak­tion in moder­ner Phy­sik und moder­ner Kunst“ schrei­ben und das gemein­same Dritte von „Quan­ten­theo­rie und Hei­deg­ger“ suchen (Auf­lö­sung: Beide leh­ren uns, dass wir vor dem Nichts ste­hen) – stets wer­den sie ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht, auch mit ihren Mit­teln zur Grund­pro­ble­ma­tik mensch­li­cher Exis­tenz und dem Sinn des Daseins beizutragen.

Im Unter­schied zu haupt­amt­li­chen Phi­lo­so­phen und all dem ande­ren Gelich­ter aus den geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten hät­ten die Natur­for­scher tat­säch­lich etwas zu sagen. Ihr faus­ti­scher Drang, nichts Bestimm­tes wis­sen zu wol­len, son­dern eben, was die Welt im Inners­ten zusam­men­hält, lebt immer­hin von dem Quid­pro­quo, reelle Erkennt­nisse über Atome oder lebende Zel­len für einen Befund über die Welt schlecht­hin aus­zu­ge­ben. Ihre Über­zeu­gung, dass die Natur­wis­sen­schaft ein äußerst abgrün­di­ges und mys­te­riö­ses Geschäft und des­halb zur Bela­be­rung von Mensch­heits­fra­gen geschaf­fen sei, blüht und gedeiht aus­ge­rech­net ange­sichts des­sen, dass jeder täg­lich sei­nen Fern­se­her anschal­tet, Ver­kehrs­mit­tel benutzt oder fürch­tet, sei­nen Arbeits­platz an eine Maschine zu ver­lie­ren: So ent­spricht dem phi­lo­so­phi­schen Gehabe moder­ner Natur­for­scher, die dafür sich auf Ihr Wis­sen beru­fen, der genauso wenig an Wis­sen inter­es­sierte Respekt des Publi­kums, dem der prak­ti­sche Erfolg impo­niert und das des­halb die Wis­sen­schaft für die soli­deste Form von Ideo­lo­gie­pro­duk­tion hält.

Diese völ­lige Umkeh­rung der Ver­hält­nisse wird schla­gend klar, wenn man die Durch­set­zung der Natur­wis­sen­schaft gegen ihre his­to­ri­schen Vor­läu­fer und Kon­kur­ren­ten betrach­tet. Die ver­lo­gene Atti­tude der Auf­klä­rung, mit der die atom­phy­si­ka­li­sche Weltbild-​Revolution und die ganze übrige Spin­ne­rei heute in Szene gesetzt wer­den, ist die Kari­ka­tur frü­he­ren For­schungs­geis­tes, der tat­säch­lich an Wis­sen als sol­chem inter­es­siert war und des­halb auch gegen Ideo­lo­gien kämpfte, anstatt sie selbst in die Welt set­zen zu wollen.

Phy­sik oder der gelun­gene Abschied vom Wunsch nach dem Per­pe­tuum mobile

„Ein Zie­gel­stein für sich erschlägt einen Men­schen nicht, son­dern bringt diese Wir­kung nur durch die erlangte Geschwin­dig­keit her­vor, d. i. der Mensch wird durch Raum und Zeit tot­ge­schla­gen.“ (Hegel, Enzy­klo­pä­die der phi­lo­so­phi­schen Wis­sen­schaf­ten II, Pra­graph 261)

Wenn die Natur­wis­sen­schaft ihre Leis­tung in einer mit der Tech­nik ver­wan­del­ten Welt wie­der­er­ken­nen kann, so bil­den diese Erfolge mit­nich­ten, wie es wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Lobes­hym­nen wol­len, einen Beleg dafür, dass die Natur­for­scher eben die Ori­en­tie­rung auf Bedürf­nisse der Pra­xis in ihr theo­re­ti­sches Trei­ben auf­ge­nom­men hät­ten und damit der ande­ren Abtei­lung bür­ger­li­cher Wis­sen­schaft ent­schei­dend vor­aus­ge­eilt wären. Der Ver­such, die Natur mit den eige­nen tech­ni­schen Zwe­cken zu kon­fron­tie­ren und damit gegen ihre Gesetze zu erfin­den, exis­tiert jahr­hun­der­te­lang vor und neben der Phy­sik als Wis­sen­schaft – aber ohne in sie Ein­gang zu finden.

Das berühm­teste Bei­spiel stellt das Per­pe­tuum mobile (PM) dar, ein Pro­jekt, das heute als Mus­ter gro­ber Unkennt­nis schon durch den Pfört­ner beim Patent­amt abge­wie­sen wird, das aber durch sein Schei­tern zugleich zu der frag­wür­di­gen Ehre gekom­men ist, als empi­ri­scher Beweis für das Gesetz von der Erhal­tung der Ener­gie ange­führt zu werden.

Die große Zahl sol­cher Erfah­run­gen, die gewiss die der Aus­füh­rung vie­ler ent­schei­den­der Expe­ri­mente der Phy­sik in den Schat­ten stellt, demons­triert tat­säch­lich nur die fal­sche Beharr­lich­keit des Wun­sches nach einer Maschine, die sich dau­er­haft von selbst bewegt und als Trieb­kraft für ande­res die­nen kann. Erfun­den wur­den in spär­li­chen Varia­tio­nen stets die­sel­ben feh­ler­haf­ten Mecha­nis­men; die häu­figste Erfin­dung und über­haupt der Inbe­griff aller ist ein Rad, an des­sen Peri­phe­rie Gewichte gehängt sind, die es in Bewe­gung set­zen soll­ten. Hatte das Rad so guten Grund, sich nach bei­den Rich­tun­gen und damit über­haupt nicht zu dre­hen, so bestand die Kunst sei­nes Erfin­ders darin, eine Asym­me­trie aus­zu­klü­geln, die aber nur in der Vor­stel­lung, nicht in der tat­säch­li­chen Hebel­wir­kung bestand und bei exak­ter Berech­nung immer auf Gleich­ge­wicht und Still­stand führte. Man musste schon hof­fen, dass sich auf der Rück­seite des famo­sen Rades oder sonst wo im Innern der Maschine die Gewichte doch von sel­ber in die Höhe höben. Das fer­tige Pro­jekt brachte den Erfin­der somit stets genau auf die Erfah­rung z u r ü c k, die über­haupt den Anlass zu sei­nen tech­no­lo­gi­schen Bemü­hun­gen gebo­ten hatte: Eine Last lässt sich ohne den ent­spre­chen­den Auf­wand nicht gegen die Schwer­kraft bewe­gen. Aber statt die­sen Aus­gangs­punkt zu erklä­ren, woll­ten ihn die Pro­jekt­ma­cher nicht wahr­ha­ben. Sie hat­ten ein Pro­blem mit ihm, d.h. sie waren am Gegen­teil inter­es­siert und taten des­halb ihr bes­tes, alle Mensch­heits­er­fah­rung in Sachen Arbeit nicht etwa zu ana­ly­sie­ren, son­dern durch die Ein­bet­tung des kri­ti­schen Punk­tes in absurde Kon­struk­tio­nen zu ver­dun­keln.

Der Ertrag sol­cher Ver­su­che, die mit wirk­li­chen Expe­ri­men­ten nichts gemein hat­ten, war daher für die Wis­sen­schaft und Tech­nik gleich Null; sie bil­de­ten eine Sphäre der Schar­la­ta­ne­rie, von der sich die Phy­sik abgrenzte, schon bevor sie ihren all­ge­mei­nen Ein­wand prä­zi­sie­ren konnte. Denn gegen die Freunde des Pro­blems war zum wenigs­ten daran fest­zu­hal­ten, dass es bei der Suche nach über­schüs­si­ger Trieb­kraft um eine Frage des Maßes ging:

„Die Kon­struk­tion eines PM ist abso­lut unmög­lich. Wenn auf die Dauer die Rei­bung und der Wider­stand des Mit­tels die bewe­gende Kraft nicht zer­stö­ren wür­den, so könnte diese Kraft nur einen Effekt pro­du­zie­ren, der deren Ursa­che gleichkäme.“

Erklä­run­gen wie diese der fran­zö­si­schen Aka­de­mie von 1775 haben noch den Man­gel, dass der phy­si­ka­li­sche Inhalt der behaup­te­ten Glei­chung von Ursa­che und Wir­kung nicht bestimmt ist. Wenn die PM-​Erfinder auch im Detail Schind­lu­der trie­ben mit den vor­han­de­nen mecha­ni­schen Kennt­nis­sen, also Hebel­wir­kun­gen falsch bilan­zier­ten usf., so hätte sich ein theo­re­ti­scher Kopf in ihren Rei­hen immer­hin zugu­te­hal­ten kön­nen, dass es ein Kraft braucht, um einen Kör­per in Bewe­gung zu set­zen, sich sol­che Kräfte aber in der Natur genü­gend fin­den las­sen. Die Schwere ist ebenso uner­schöpf­lich wie die Anzie­hung eines Magne­ten, der Auf­trieb des Was­sers usw., was viel­leicht eben der Grund dafür sei, dass sich die Natur selbst als per­pe­tu­ier­li­che Bewe­gung dar­bie­tet. Aber die Kraft ist der Mecha­nik zufolge Maß der Beschleu­ni­gung, nicht Maß der Bewe­gung. Noch Robert Mayer hielt es bei der Dar­stel­lung des all­ge­mei­nen Ener­gie­sat­zes für gebo­ten, zum genauen Ver­ständ­nis die­ses Natur­ge­set­zes aufzufordern:

„Die Schwere oder die Ursa­che der Beschleu­ni­gung wurde für die Ursa­che der Bewe­gung genom­men und damit die Ent­ste­hung von Bewe­gung ohne Auf­wand von Kraft sta­tu­iert, sofern beim Fal­len eines Gewichts von der Schwere nichts auf­ge­wen­det wird.“ (Mecha­nik der Wärme, S. 21)

Die Schwere eines Kör­pers ist und bleibt die­selbe, ob er nun eine Stre­cke von einem, zehn oder mehr Metern falle, der Bewe­gungs­ef­fekt aber ganz ver­schie­den, so dass er nur im Ver­hält­nis zum durch­lau­fe­nen Raum durch die Kraft zu bemes­sen ist. Aus der Grundgleichung

K=„m“ * dv/​dt der Mecha­nik wird so

K * ds=„m“ * dv/​dt * ds=„d“ (1÷2 m * v**2), oder,

in inte­grier­ter Form, Epot + Ekin=„const

(Vgl. Gerth­sen, Phy­sik, S. 28)

Die­ser Satz von der Erhal­tung der (mecha­ni­schen) Ener­gie bringt das Schei­tern der PM-​Projekte zugleich mit dem Erfolg aller wirk­li­chen Tech­no­lo­gie der Mecha­nik auf den Begriff. Die Bewe­gungs­en­er­gie der her­ab­sin­ken­den Gewichte bemisst sich an der Arbeit, mit der sie gegen ihre Schwere in die Höhe zu schaf­fen sind. Es han­delt sich um den Form­wech­sel einer iden­ti­schen Größe, die damit nicht über­haupt, aber durch das Ver­hält­nis der bei­den ver­schie­de­nen Sei­ten zur Dis­po­si­tion steht. Bewe­gungs­en­er­gie ent­steht nicht von selbst, aber sie l ä ß t sich zweck­mä­ßig ver­wan­deln, soweit sie vor­ge­fun­den wird, und umge­kehrt durch ein ent­spre­chen­des Quan­tum mecha­ni­scher Arbeit erzeu­gen, und mit dem Fort­schritt der Phy­sik – Wärme, Elek­tri­zi­tät – wurde jene erste Glei­chung auf eine ganze Kette, d.h. ebenso viele tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten ausgedehnt.

Die Ener­gie bleibt also erhal­ten im phy­si­ka­li­schen Pro­zess, aber ihr Gesetz schreibt ihr nicht ein­fach einen Zah­len­wert zu, wie wenn es gälte, über eine an und für sich exis­tie­rende Sache noch eine wei­tere Aus­kunft zu geben, son­dern bestimmt sie sel­ber als ein Quan­tum, das sel­ber die Bezie­hung ande­rer Grö­ßen auf­ein­an­der ist.

Die Ener­gie, kon­stant wie sie ist, schließt des­halb Ver­än­der­lich­keit ein. Irgend­ein Betrag, z.B. für die mecha­ni­sche Arbeit ange­nom­men, ste­hen Kraft und Weg in umge­kehr­ter Pro­por­tion; Kraft lässt sich also auf Kos­ten des Wegs erspa­ren, und in ande­ren Maßen gilt das­selbe für Masse und Geschwindigkeit.

Wo Pro­jekte vom Schlage des PM noch stets das Phä­no­men leug­ne­ten, an des­sen prak­ti­scher Bewäl­ti­gung sie inter­es­siert waren, lei­tete die wis­sen­schaft­li­che Phy­sik durch seine wirk­li­che Ana­lyse wahre Wun­der ein. Denn in den For­meln, in denen sie den Begriff ihrer Gegen­stände aus­führt, wird die Natur als Sache des Nut­zens erkannt. Wenn ihre Qua­li­tät in quan­ti­ta­ti­ven Ver­hält­nis­sen besteht, die Ener­gie also etwa gleich Kraft mal Weg etc. ist, dann zeich­net es die Gegen­stände der Phy­sik aus, dass sie äußer­lich bestimmt, für sich selbst unselbst­stän­dig, abs­trakt sind.[1] Ihr Spe­zi­fi­kum ist ihre Abhän­gig­keit von ihnen gegen­über­ste­hen­den Bedin­gun­gen; sie sind Mög­lich­kei­ten, deren Rea­li­sie­rung aus Umstän­den resul­tiert, in die dann auch modi­fi­zie­rend ein­ge­grif­fen wer­den kann.

Che­mie – vom Phlo­gis­ton zum Begriff des Ele­ments, der Valenz und Bindung

Wie die Phy­sik ist die Che­mie eine Wis­sen­schaft, die in ihren Ergeb­nis­sen die tech­ni­sche Beherr­schung der Natur vor­be­rei­tet. Wenn Che­mi­ker ihr Fach durch eine spe­zi­fi­sche Betrach­tungs­weise defi­nie­ren wollen -

„Die che­mi­schen Eigen­schaf­ten einer Sub­stanz bezie­hen sich auf die Teil­nahme der Sub­stanz an che­mi­schen Reak­tio­nen. Che­mi­sche Reak­tio­nen sind Vor­gänge, die Sub­stan­zen in andere Sub­stan­zen ver­wan­deln.“ (Pau­ling, Che­mie, S. 11)

- dann deu­ten sie auf ihre Weise den Grund für den prak­ti­schen Erfolg der Che­mie an. Diese Wis­sen­schaft beschäf­tigt sich mit Reak­tio­nen, nicht weil diese auch einen inter­es­san­ten Aspekt von Natur­kör­pern dar­stel­len, son­dern weil in sol­chen Pro­zes­sen die Iden­ti­tät des jewei­li­gen Stof­fes besteht. Pro­ze­du­ren wie der Ana­ly­sen­gang, in denen ein Stoff an sei­nen Reak­tio­nen erkannt wird, zeu­gen von der Ein­sicht der Che­mie, dass die Beson­der­heit einer Sub­stanz in einer Reihe von Bezie­hun­gen auf andere Sub­stan­zen besteht. Sie ist durch die Mög­lich­keit aus­ge­zeich­net, Ver­bin­dun­gen ein­zu­ge­hen, und dann ihre Eigen­art in spe­zi­fi­scher Weise auf­zu­ge­ben. In die­sen Pro­zes­sen erge­ben sich cha­rak­te­ris­ti­sche Unter­schiede nach Men­gen, die ein­ge­setzt wer­den; che­mi­sche Gesetz­mä­ßig­kei­ten sind Pro­por­tio­nen, wes­halb auch die Che­mie eine Wis­sen­schaft der Maße ist. Die Eigen­schaf­ten der Mate­rie beru­hen auf ihrer Zusam­men­set­zung – che­mi­sche For­meln und Reak­ti­ons­glei­chun­gen; ele­men­tare Stoffe sind durch Wer­tig­kei­ten, Affi­ni­täts­grade usf. als Ein­hei­ten des che­mi­schen Pro­zes­ses qua­li­fi­ziert – Atom­bau und Perio­di­sches System.

Im Unter­schied zur Phy­sik besitzt die Che­mie eine eigene Vor­ge­schichte als fal­sche Wis­sen­schaft. Die Erklä­rung des Auf­baus der Mate­rie und damit ihre zweck­mä­ßige Umwand­lung gelang den Che­mi­kern erst dann, als sie von dem Feh­ler Abstand nah­men, die inter­es­sie­ren­den Qua­li­tä­ten der Stoffe in P r i n z i p i e n zu über­set­zen, die als deren Grund­be­stand­teil das jewei­lige Erschei­nungs­bild bedin­gen soll­ten. Ein Metall galt als schmelz­bar, glän­zend, schwer usf., weil es das queck­silb­rige Prin­zip als Trä­ger die­ser Eigen­schaft ent­hält; ein Stoff sollte des­halb die Ver­bren­nung unter­hal­ten kön­nen, weil er das schwef­lige oder, wie man sich strei­ten musste, ölige, fet­tige Prin­zip in sich schloss. Diese tau­to­lo­gi­sche Manier, die erkannte Iden­ti­tät von Erschei­nun­gen für eine Erklä­rung zu neh­men und folg­lich falsch zu bestim­men, erhält ihre kon­se­quen­teste Aus­prä­gung in der Phlo­gis­ton Theo­rie, die das Prin­zip der Ver­bren­nung als einen eige­nen Feu­er­stoff aus dem Kreis der gewöhn­li­chen Sub­stan­zen wie Schwe­fel, Kohle, usf. aus­schloss und damit end­gül­tig zur der Schi­märe machte, die es war.

„Fragt man aber die Anhän­ger die­ser Theo­rie, wie sie das Vor­han­den­sein des Feu­er­stoffs in brenn­ba­ren Sub­stan­zen bewei­sen, so ver­fal­len sie in einen Zir­kel­schluss, Die Kör­per bren­nen, weil sie Feu­er­stoff ent­hal­ten, und sie ent­hal­ten eben Feu­er­stoff, weil sie brenn­bar sind. So wird die Ver­bren­nung durch die Ver­bren­nung erklärt.“ (Lavoi­sier, All­ge­meine Betrach­tun­gen über die Verbrennung)

Wenn dem­ge­gen­über moderne Lehr­bü­cher der Che­mie aner­ken­nende Worte für die „ein­leuch­tende“ Hypo­these vom Phlo­gis­ton fin­den (z.B. Pau­ling, S. 101), bezeu­gen sie ihren Respekt vor einem emi­nent prak­ti­schen Cha­rak­ter die­ser Art fal­schen Theo­re­ti­sie­rens. Indem ein Kör­per brennt, ver­liert er seine Fähig­keit, die­sem Pro­zess als Mate­rial zu die­nen – sein Phlo­gis­ton ent­weicht. Ganz wie umge­kehrt eine Zufuhr – etwa von phlo­gis­ton­rei­cher Kohle – ange­wen­det und ver­braucht wird, um ein Erz zum Metall zu ver­voll­komm­nen. Die Eigen­schaft der Brenn­bar­keit lässt sich so von einem Kör­per auf den ande­ren über­tra­gen, lau­tete das stärkste Argu­ment der Phlo­gis­ton Theo­rie. Doch dass die Brenn­bar­keit als ein Stoff über­tra­gen wird, folgt nicht aus sol­chen Beobachtungen.

Lavoi­siers Revo­lu­tion der Che­mie, in deren Zen­trum die Erklä­rung der Ver­bren­nung als Oxi­da­tion stand, basierte auf einer Revi­sion der ein­schlä­gi­gen Erfah­run­gen; seine Leis­tung betraf weni­ger die Ent­de­ckung neuer Sub­stan­zen und Reak­ti­ons­wei­sen als ihre adäquate Dar­stel­lung im Expe­ri­ment. Ver­bren­nung scheint Sub­stanz­ver­lust zu sein – der kor­rekt aus­ge­führte Ver­such zeigt das Gegen­teil. Denn statt es dem Zufall zu über­las­sen, ob der ver­brannte Stoff teil­weise oder ganz einen fes­ten Rück­stand bil­det oder aber als flüch­ti­ges Gas ent­weicht, iso­liert das wis­sen­schaft­li­che Expe­ri­ment den Pro­zess, fixiert so des­sen Pro­dukte und macht zugleich die Teil­nahme der Atmo­sphäre an der Reak­tion sinn­fäl­lig. Weil es sich dabei um eine Umset­zung von Stof­fen, Ver­bin­dung oder Zer­le­gung, han­delt, wird der Gebrauch der Waage ent­schei­dend für die rich­tige Auf­fas­sung des Phä­no­mens; die Ver­bren­nung hat eine Gewichts­zu­nahme zum Ergeb­nis, die ihr exak­tes Kom­ple­ment in der Ver­min­de­rung der betei­lig­ten Luft­menge fin­det. Das umge­kehrte Ver­hält­nis cha­rak­te­ri­siert die Reduk­tion; Lavoi­siers wohl berühm­tes­ter Ver­such zeigte die Natur die­ses Vor­gangs am Queck­sil­beroxid auf, wo er sich ohne Ver­mitt­lung von Rea­gen­zien wie Kohle rein als Zer­set­zung darbietet.

Das Expe­ri­ment, wie es Lavoi­sier nach dem Vor­bild der Phy­si­ker end­gül­tig auch in der Che­mie durch­setzte, ist also ein Mit­tel der For­schung, die durch ihren Ein­griff in das Natur­ge­sche­hen seine Erkennt­nis vor­be­rei­tet.[2] Der Sprach­ge­brauch der Che­mi­ker, die unter einer Dar­stel­lung oder einer Ana­lyse expe­ri­men­telle Tätig­keit ver­ste­hen, reflek­tiert die heute ver­brei­tete Selbst­ver­ständ­lich­keit einer sol­chen prak­ti­schen Ver­mitt­lung ihrer theo­re­ti­schen Arbeit. Die Beob­ach­tung der Natur, wie sie vor­ge­fun­den wird, gilt aller expe­ri­men­tie­ren­den Natur­wis­sen­schaft als unge­nü­gende Grund­lage für ihr Geschäft:

„Die Auf­gabe, das einem in der Natur sich abspie­len­den Vor­gang zugrunde lie­gende phy­si­ka­li­sche Prin­zip auf­zu­fin­den, kann in ein­zel­nen Fäl­len durch Beob­ach­ten selbst gelöst wer­den. … Im All­ge­mei­nen ist aber eine Natur­er­schei­nung zu ver­wi­ckelt, unter­liegt zu vie­len und im Ein­zel­nen nicht kon­trol­lier­ba­ren Ein­flüs­sen, als dass die­ser Weg zum Erfolg füh­ren könnte. An Stelle der unmit­tel­ba­ren Beob­ach­tung der vom Beob­ach­ter unbe­ein­fluss­ten Natur­er­schei­nung tritt das phy­si­ka­li­sche Expe­ri­ment. Das Wesen des Expe­ri­ments besteht darin, dass der Expe­ri­men­ta­tor die Bedin­gun­gen schafft, unter denen der Vor­gang ablau­fen soll. “ (Gerth­sen, Phy­sik, S. 2)

Wenn die­ser Phy­si­ker als Wesen des Expe­ri­ments angibt, was es von der Beob­ach­tung unter­schei­det, dann schickt er die exak­ten Wis­sen­schaf­ten aller­dings auf den gefähr­li­chen Abweg, Kom­pli­ka­tio­nen lie­ber zu ver­mei­den und sich beim Geset­ze­ma­chen lie­ber auf das Ein­fa­che und Kon­trol­lier­bare zu hal­ten. Doch darum han­delt es sich nicht beim Expe­ri­ment, so wenig umge­kehrt der Man­gel blo­ßer Betrach­tung einer der Kon­trolle ist. In sei­nen Ver­su­chen führt der For­scher viel­mehr zu dem Zweck Kon­stel­la­tio­nen vor­sätz­lich her­bei – sie mögen dann ver­wi­ckelt sein oder nicht -, dass sich ihm der Gegen­stand der Unter­su­chung sei­ner wirk­li­chen Beschaf­fen­heit gemäß präsentiert.

Denn weil in der Che­mie genauso wie in der Phy­sik die Bestimmt­heit der Gegen­stände eine des Ver­hält­nis­ses zu ande­ren ist, ist die Ver­wirk­li­chung des Gesetz­mä­ßi­gen das Werk des Zufalls, solange die Natur sich selbst über­las­sen bleibt. Im Expe­ri­ment wird diese Schranke für die For­schung über­wun­den. Indem der Wis­sen­schaft­ler selbst die adäqua­ten Bedin­gun­gen erzeugt, macht er sich frei von der Anschau­ung des bloß zufäl­lig Rea­li­sier­ten und bringt das Gesetz zur Erscheinung.

Bio­lo­gie

Anders als bei den übri­gen Natur­wis­sen­schaf­ten war die Iden­ti­tät der Bio­lo­gie Gegen­stand eines Streits, der wie alle uner­freu­li­chen Kapi­tel der Wis­sen­schafts­ge­schichte heute seine metho­do­lo­gi­sche Fort­set­zung gefun­den hat. Nach dem Urteil moder­ner Bio­lo­gen ist ihr Fach eine Unter­ab­tei­lung der Phy­sik oder, näher­lie­gend, der Che­mie; Bio­lo­gie werde heute nur noch der Zweck­mä­ßig­keit wegen sepa­rat betrieben.

„Die hoch­gra­dige Kom­pli­ziert­heit leben­der Sys­teme lässt einige Metho­den als ange­mes­sen erschei­nen … Die bio­lo­gi­sche Aus­sage ‚Das Pferd trabt‘ lässt sich viel­leicht, aber sehr umständ­lich als raum-​zeitlich koor­di­nierte Reak­tion zahl­rei­cher Mole­küle che­misch beschrei­ben; eine umfas­sende Dar­stel­lung auf der Ebene der Phy­sik wäre hoff­nungs­los ver­wir­rend. Dar­auf, und nicht auf irgend­wel­chen meta­phy­si­schen Ele­men­ten leben­der Orga­nis­men fußt die Eigen­stän­dig­keit der Bio­lo­gie als Wis­sen­schaft.“ (Vogel/​Angermann, dtv-​Biologie)

Die­sen Aus­sa­gen zweier Freunde der Wis­sen­schafts­theo­rie ist drei­er­lei zu ent­neh­men. Ers­tens ist die Bio­lo­gie, eben weil es ihr auf nichts weni­ger ankommt als die mög­lichst genaue Beschrei­bung tra­ben­der Pferde, zu Ergeb­nis­sen gelangt, die mit den Mole­kü­len der Phy­sik und Che­mie eini­ges zu tun haben. Was aber zwei­tens als Bei­spiel für den Blöd­sinn aus­ge­ge­ben wird, durch die Ana­lyse eines Gegen­stan­des sei die­ser selbst abge­schafft und exis­tiere über­haupt nur noch sub­jek­tiv als die Schwie­rig­keit, dass die Sätze über das Vieh­zeug – was also? – nicht zu lang wer­den dür­fen. Wel­che Begrün­dung der Bio­lo­gie aus Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men dann drit­tens als ihren adäqua­ten Geg­ner die Meta­phy­sik aus der Tasche zieht. So wenig auch die Hei­lig­keit des Lebens in und außer­halb der Wis­sen­schaft heute ein Pro­blem bie­tet: Die Erfolge der Bio­lo­gie als Mate­rial indus­tri­el­ler Tech­nik neh­men sich doch beschei­den aus im Ver­gleich zu denen von Phy­sik und Che­mie, und moderne Bio­lo­gen pro­pa­gie­ren die Kon­ver­genz mit die­sen Fächern, um sich an deren Kar­riere als nütz­li­che Wis­sen­schaft anzuhängen.

Die Bio­lo­gie ist die Wis­sen­schaft vom Leben. Im Unter­schied zu den Abs­trak­tio­nen der Phy­sik, die für sich kei­nen Bestand haben, und den Stof­fen der Che­mie, die sich in ihren Reak­tio­nen ver­än­dern, zeich­net sich das Leben­dige durch die Selbst­er­hal­tung in und mit sei­nen viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen aus. Es benimmt sich als Zweck gegen seine Umwelt – aber so, dass die­ses Zweck­ver­hält­nis selbst Natur­not­wen­dig­kei­ten ent­spricht, anstatt als Werk einer bewuss­ten Absicht über sie hinauszuweisen.

Die Dar­stel­lung von Funk­tio­nen ist das Thema der wis­sen­schaft­li­chen Bio­lo­gie gewe­sen und geblie­ben – von der ers­ten mecha­ni­schen Ana­lyse des Blut­kreis­laufs bis hin zu den bio­che­mi­schen Zyklen in der Zelle -, wäh­rend der Ver­such, all die­ses Zweck­mä­ßige aus sei­nem Zweck zu erklä­ren, aus ebenso viele Tau­to­lo­gien hin­aus­läuft und heute nur noch als Para­sit an der Natur­for­schung fortexistiert.

Einem auf­ge­klär­ten Schöp­fungs­glau­ben lie­ferte die leben­dige Natur das über­zeu­gendste Mate­rial, und ob man sich nun mit den sie­ben Tagen der Bibel zufrie­den gab oder län­gere Zeit­räume kal­ku­lierte, ob man eine oder meh­rere Sint­flu­ten zur Pro­duk­tion der zahl­rei­chen Fos­si­lien in Anspruch nahm – stets lief die Erklä­rung des Natür­li­chen auf ihr Gegen­teil hin­aus; den Beweis einer über­na­tür­li­chen Absicht, der zuliebe dann auch umge­kehrt dort ein tie­fe­rer Sinn kon­stru­iert wer­den musste, wo die Aus­stat­tung der Orga­nis­men weni­ger inge­niös und durch­dacht erschien. An die Seite from­mer Bewun­de­rung bio­lo­gi­scher Appa­rate wie der des Auges, das, mensch­li­cher Tech­nik ver­gleich­bar, unmög­lich aus dem absichts­lo­sen Wir­ken von Natur­kräf­ten ent­stan­den sein konnte, gehörte not­wen­dig das Lob selbst der Klap­per­schlange, die ihre Opfer war­nen musste, indem sie eben klapperte.

Sol­che Nütz­lich­keits­be­trach­tun­gen zu Ehren des Herr­gotts ver­lo­ren in der Bio­lo­gie ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung durch die Lehre von der Evo­lu­tion, eine Theo­rie, die aller­dings sel­ber zunächst im Gewande einer Ideo­lo­gie auf­trat, näm­lich der des his­to­ri­schen Fort­schritts. Lamarck, dem heute noch jedes Gene­tik­prak­ti­kum eine Wider­le­gung durch bak­te­rio­lo­gi­sche Expe­ri­mente nicht zuletzt des­halb ange­dei­hen lässt, weil ihn die sowje­ti­sche Phi­lo­so­phie wie­der in die Wis­sen­schaft ein­zu­brin­gen suchte, erklärte den zweck­mä­ßi­gen Bau der Orga­nis­men als eine Folge davon, dass sich die Indi­vi­duen an die jewei­li­gen Umstände eben geschickt ange­passt hätten:

„Nach­dem die Natur­for­scher bemerkt hat­ten, dass die Kör­per­teile der Tiere immer her­vor­ra­gend zu deren Gebrauch pas­sen, haben sie gedacht, dass die For­men und der Zustand der Kör­per­teile zu deren Ver­wen­dung geführt haben: Das ist aber gerade der Feh­ler; denn mit­tels Beob­ach­tung lässt sich zei­gen, dass es im Gegen­teil die Bedürf­nisse und Gebrauchs­wei­sen der Kör­per­teile sind, die letz­tere ent­wi­ckelt, ja sogar her­vor­ge­bracht haben, sofern sie nicht exis­tier­ten, und die infol­ge­des­sen den Zustand ver­an­lasst haben, in dem wir sie bei jedem Tier vor­fin­den.“ (Lamarck, Phi­lo­so­phie zoo­lo­gi­que, 1809, S. 235)

Lamarcks Ein­wand kehrt das zir­ku­läre Argu­ment sei­ner Zeit­ge­nos­sen ein­fach um. An die Stelle der Krea­tur, die in den fes­ten Bah­nen der ihr mit­ge­ge­be­nen funk­tio­na­len Aus­stat­tung auch ent­spre­chend funk­tio­niert, lässt er ein tie­ri­sches Indi­vi­duum tre­ten, das sich ange­sichts äuße­rer Schwie­rig­kei­ten sel­ber umbil­det und ver­voll­komm­net, ja inso­fern sein eige­ner Schöp­fer ist, als es sich „de nou­vel­les par­ties“ ein­fach zulegt, „que les besoins font naitre insen­si­ble­ment inte­ri­eur“. Die Giraf­fen, wie das Stan­dard­bei­spiel lau­tete, haben ihren lan­gen Hals durch die gewohn­heits­mä­ßige Anstren­gung bekom­men, in kar­gen Step­pen das Laub von den Bäu­men zu fres­sen; sie sind Giraf­fen, weil sie dies als Lösung ihrer Pro­bleme für sich erfun­den und dann ins Werk gesetzt haben. Ein Wun­der bloß, dass sie sich nicht durch andere Anstren­gung auf den Beruf z.B. eines Löwen oder Kak­tus vor­be­rei­tet, oder bes­ser gleich noch eine Lei­ter gebas­telt haben: Die tau­to­lo­gi­sche Erklä­rung, die das als Werk­zeug brauch­bare Organ aus sei­nem Zweck ablei­tet, kann ohne die ent­spre­chende Absicht­lich­keit, und sei es nur als fort­schritts­be­flis­se­ner „sen­ti­ment inte­ri­eur“ des Vieh­zeugs, schlecht bestehen.

Dar­wins Leis­tung dage­gen bestand in der Über­win­dung einer sol­chen ebenso popu­lä­ren wie unwis­sen­schaft­li­chen Betrach­tung der Tier– und Pflan­zen­welt, wovon er in einem frü­hen Brief Zeug­nis ablegt:

„…ich bin bei­nahe über­zeugt (ganz im Gegen­satz zu der Auf­fas­sung, die ich anfäng­lich ver­trat), dass Arten nicht (es ist das Ein­ge­ständ­nis eines Mor­des) unver­än­der­lich sind. Der Him­mel bewahre mich vor dem Lamarck­schen Unsinn einer ‚Ten­denz zum Fort­schritt‘, der ‚Anpas­sung kraft des lang­sam wir­ken­den Wil­lens der Tiere‘ etc.! Doch die Schluss­fol­ge­run­gen, zu denen ich gelangt bin, unter­schei­den sich nicht sehr von sei­nen, wohl aber die Mit­tel, wel­che der Ver­än­de­rung zugrunde lie­gen.“ (Brief an J.-D. Hooker, 11.1.1844)

Die Ideo­lo­gen, denen die Bio­lo­gie in ihren Anfän­gen zu die­nen suchte, waren längst wider­legt durch das prak­ti­sche Ver­hal­ten der Men­schen zur leben­di­gen Natur. Im Haus­tier und der Kul­tur­pflanze besteht die bewun­derte Funk­tio­na­li­tät in der Anpas­sung an den Wil­len des Züchters:

„Eine der merk­wür­digs­ten Eigen­tüm­lich­kei­ten bei unse­ren domes­ti­zier­ten Ras­sen ist ihre Anpas­sung, nicht zuguns­ten ihres eige­nen Vor­teils, son­dern zuguns­ten des Men­schen und der Lieb­ha­be­rei.“ (Die Ent­ste­hung der Arten, Reclam, S. 58)

Der Kohl wird in der Reihe der Modi­fi­ka­tio­nen ange­baut, in denen jeweils ein beson­de­rer Teil des pflanz­li­chen Orga­nis­mus unge­wöhn­lich ent­wi­ckelt und so zum Nah­rungs­mit­tel aus­ge­bil­det ist – auf den Tisch kom­men Grün­kohl, Rosen­kohl, Kohl­rabi, Blu­men­kohl etc. -, und eben­so­we­nig wie hier kann beim Hund, des Men­schen bes­tem Freund, in sei­nen eige­nen Bedürf­nis­sen und Gewohn­hei­ten die Ursa­che dafür lie­gen, dass er schapp­oh­rig, platt­na­sig, fast ohne Beine her­um­läuft, kurz, in einer Gestalt, die zu einem irgend natur­ge­woll­ten Beruf denk­bar schlecht befä­higt ist. Die offen­bare Abhän­gig­keit der Nutz­tiere und –pflan­zen von ihrer Kul­tur durch den Men­schen beweist, dass ihre Eigen­tüm­lich­kei­ten auch erst aus die­ser Kul­tur resul­tie­ren. Züch­te­ri­sche Umge­stal­tung von Lebe­we­sen wurde schon in Dar­wins Zeit plan­mä­ßig betrieben -

„Die Züch­ter spre­chen gewöhn­lich von der Orga­ni­sa­tion eines Tie­res als von etwas Bild­sa­mem, das sie fast nach Belie­ben umfor­men kön­nen.“ (a.a.O.)

- und muss schon vor­ge­schicht­lich statt­ge­fun­den haben.

„Der Schlüs­sel zu allem die­sen ist das Ver­mö­gen der Men­schen, immer wie­der Indi­vi­duen zur Zucht­aus­wahl aus­zu­wäh­len, kurz: sein akku­mu­ka­ti­ves Wahl­ver­mö­gen. Die Natur schafft all­mäh­li­che Ver­än­de­run­gen, und der Mensch gibt ihnen die für ihn nütz­li­che Rich­tung. In die­sem Sinne kann er von sich sagen, er schaffe selbst seine nütz­li­chen Rassen.“

Aus der Art und Weise, wie der Mensch Tiere und Pflan­zen zu sei­nem Nut­zen abwan­delt, lässt sich erschlie­ßen, wie die Natur sel­ber ver­fährt bei der Ent­wick­lung der For­men des Leben­di­gen mit ihren zweck­mä­ßi­gen Orga­nen und Wech­sel­be­zie­hun­gen. Die Arten vari­ie­ren: ihre Indi­vi­duen glei­chen ein­an­der nie voll­stän­dig, son­dern zei­gen in mehr oder weni­ger gro­ßer Fülle und Deut­lich­keit der Aus­prä­gung zufäl­lige Unter­schiede, die ver­erbt wer­den kön­nen und als sol­che eine cha­rak­te­ris­ti­sche Schwie­rig­keit für die tra­di­tio­nelle klas­si­fi­zie­rende Bio­lo­gie aus­mach­ten. Diese Vari­an­ten wer­den in ent­spre­chend unter­schied­li­cher Weise durch die äußere Natur in ihrem Lebens­pro­zess begüns­tigt oder behin­dert, so dass sie wie­der ver­schwin­den, in unter­ge­ord­ne­ter Zahl fort­exis­tie­ren oder sich durch­set­zen. Das Ergeb­nis zweck­mä­ßig aus­ge­stat­te­ter Arten kommt also dadurch zustande, dass auf der Basis gering­fü­gi­ger, keine bestimmte Rich­tung aus­zeich­nen­der Ver­än­de­run­gen an den Indi­vi­duen ebenso plan­los hin­zu­tre­tende äußere Fak­to­ren wie eine züch­te­ri­sche Macht als Aus­lese wir­ken, die auf die Dauer das gesamte Erschei­nungs­bild der eben nur rela­tiv kon­stan­ten Art ver­än­dert oder eine neue Spe­zies etabliert.

„In die­sem Wett­kampfe (dem Kampf ums Dasein) wird jede Ver­än­de­rung, wie gering sie auch sei und aus wel­chen Ursa­chen sie auch ent­stan­den sein mag, wenn sie nur irgend­wie dem Indi­vi­duum vor­teil­haft ist, auch zur Erhal­tung die­ses Indi­vi­du­ums bei­tra­gen und sich gewöhn­lich auch auf die Nach­kom­men ver­er­ben. Diese wer­den daher mehr Aus­sicht haben, am Leben zu blei­ben; denn von den vie­len Indi­vi­duen einer Art, die gebo­ren wer­den, lebt nur eine geringe Anzahl fort. Ich habe die­ses Prin­zip, das jede gering­fü­gige, wenn nur nütz­li­che Ver­än­de­rung kon­ser­viert, ‚natür­li­che Zucht­wahl‘ genannt, um seine Bezie­hung zu der vom Men­schen ver­an­lass­ten, künst­li­chen Zucht­wahl zu kenn­zeich­nen.“ (a.a.O., S. 115)

Dar­wins Erklä­rung der so tech­no­lo­gisch anmu­ten­den Bil­dung des Lebens als ein Werk blin­der Natur­not­wen­dig­keit und damit des Zufalls ist ein Bei­spiel für die heute als Natur­wis­sen­schaft eta­blierte Bio­lo­gie, die nicht län­ger mit Tau­to­lo­gien wie einer „Lebens­kraft“ ihrem Gegen­stand über­na­tür­li­che Qua­li­tä­ten andich­tet, son­dern mit Hilfe der Ergeb­nisse von Phy­sik und Che­mie seine spe­zi­fi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten tat­säch­lich erkennt. Diese Leis­tung hat frei­lich weder Dar­win noch seine Nach­fol­ger davon abge­hal­ten, gerade in der Bio­lo­gie den Ideo­lo­gien des Staats­le­bens eine öko­lo­gi­sche Nische zu erhalten.

Die modernste Vari­ante davon bil­det die Ver­hal­tens­for­schung eines Kon­rad Lorenz, auf die hier abschlie­ßend noch ein­ge­gan­gen wer­den soll.

Die­ser pro­mi­nente Bio­loge macht aus Dar­wins Theo­rie eine Metho­do­lo­gie, die dazu berech­ti­gen soll, die Ana­lyse der Funk­tio­nen des Leben­di­gen, wie sie sonst in der Bio­lo­gie geleis­tet wird, wie­der für die Feier des­sen aus­zu­schlach­ten, dass es in der Natur sinn­voll zugeht.

„Die Tat­sa­che des Ange­paßt­seins hat eine für die Bio­lo­gie cha­rak­te­ris­ti­sche Frage zur Folge, die in Che­mie und Phy­sik unbe­kannt ist, die Frage ‚wozu?‘ Wenn wir fra­gen ‚Wozu hat die Katze gebo­gene, ein­zieh­bare Kral­len?‘ und ant­wor­ten, ‚um damit Mäuse zu fan­gen‘, suchen wir nicht nach der end­gül­ti­gen teleo­lo­gi­schen Bedeu­tung von Kat­zen­kral­len. Wir ver­wen­den nur eine Kurz­form, um eine wis­sen­schaft­li­che Kau­sal­frage zu stel­len, die unge­kürzt lau­ten sollte: ‚Was ist die Funk­tion, deren Über­le­bens­wert den Selek­ti­ons­druck aus­löste, durch wel­chen die Kat­zen ver­an­lasst (!) wur­den, diese beson­dere Kral­len­form zu entwickeln?‘“

Die Mühe des Autors, seine Absicht in ein Argu­ment zu klei­den, ver­dient hier ein­mal beson­dere Aner­ken­nung. Zwar folgt ers­tens aus kei­ner Tat­sa­che jemals eine Frage. Zwei­tens hat einer, der von Anpas­sung spricht, die Suche nach Zwe­cken schon nicht mehr nötig. Drit­tens berech­tigt selbst der Unter­schied von lan­gen und kur­zen Sät­zen nicht dazu, mit „wozu“ den Kat­zen eine Stra­te­gie anzu­dich­ten und den „Selek­ti­ons­druck“ zum his­to­ri­schen Werk der Gat­tung hoch­zu­ju­beln. Vier­tens schließ­lich ist diese für einen Ver­hal­tens­for­scher typi­sche Fra­ge­rei in Phy­sik und Che­mie des­halb unbe­kannt, weil man in die­sen Wis­sen­schaf­ten zufrie­den damit ist, die Gesetze der Natur her­aus­zu­fin­den. Wer weiß, warum sich H mit O ver­bin­det erfin­det kei­nen Anlass dazu für den Was­ser­stoff mehr – es sei denn, er will eben moralisch-​religiös die ‚sinn­volle‘ Gestal­tung der Natur demons­trie­ren! Dem gelehr­ten Tier­freund ist es in die­sen weni­gen Zei­len jedoch gelun­gen, das Prin­zip all sei­ner fal­schen Über­le­gun­gen aufs Genau­este zu umrei­ßen: Neben der Bio­lo­gie, die seit Dar­win daran arbei­tet, die Funk­ti­ons­weise der offen­sicht­lich zweck­mä­ßig gebau­ten Orga­nis­men zu begrei­fen, eta­bliert die Ver­hal­tens­for­schung sich als ein Fach, das von den Ergeb­nis­sen der Bio­lo­gie nur die Abs­trak­tion fest­hält, dass lebende Orga­nis­men in der Regel über­aus zweck­mä­ßig funk­tio­nie­ren; dazu denkt sie sich dann aller­lei Schwie­rig­kei­ten aus, in die ein Lebe­we­sen gera­ten würde, wenn es weni­ger zweck­mä­ßig ein­ge­rich­tet wäre, und ernennt die Tat­sa­che, dass das Lebe­we­sen auf­grund der Ein­rich­tung, die es hat, diese Schwie­rig­kei­ten nicht hat, zur Erklä­rung sei­ner Beschaf­fen­heit. Die Ver­hal­tens­for­schung grün­det sich so einer­seits para­si­tär auf die Erfolge der Zoo­lo­gie, ande­rer­seits auf den Zir­kel­schluss, der das Prin­zip der Sozio­lo­gie aus­macht: Zu dem, was es gibt und zu erklä­ren wäre, ein dadurch angeb­lich gelös­tes Pro­blem zu erfin­den, um aus der Leis­tung, die­ses Pro­blem zu lösen, den Grund der zu erklä­ren­den Sache zu machen:

„Wir wis­sen näm­lich, dass es die Leis­tung des Organs ist, die seine Form verändert.“

Die Darwin’sche Ent­de­ckung der natür­li­chen Zucht­wahl ver­wan­delt diese moderne After­wis­sen­schaft also in die sozio­lo­gi­sche Begut­ach­tung der Tier­welt, kürzt so erfolg­reich die Bio­lo­gie aus der Bio­lo­gie her­aus, ergeht sich statt des­sen in bestän­di­gen Beglück­wün­schun­gen der Natur zu den sinn­rei­chen Ein­rich­tun­gen, die sie fürs Über­le­ben ihrer Lebe­we­sen getrof­fen habe, und berei­tet mit sol­chen Tau­to­lo­gien die Natur auf zum Mate­rial für Wün­schel­ru­ten­gänge mit der Sinnfrage.

[1] Weil die Phy­sik von Abs­trak­tio­nen han­delt, die als sol­che nicht in der Gegend her­um­spa­zie­ren kön­nen, wer­den ihre Ein­sich­ten gerne für das Werk theo­re­ti­sie­ren­der Will­kür aus­ge­ge­ben. Die kine­ti­sche Ener­gie z.B. sei nichts Wirk­li­ches, son­dern als 1/2*mv**2 nur „fest­ge­setzt“, und wenn in die­ser Defi­ni­tion mit der Masse mul­ti­pli­ziert wird, anstatt dass der Loga­rith­mus von sonst­was vor­kommt, so nicht, weil es rich­tig ist, son­dern weil es zweck­mä­ßig sei – als ob die Phy­sik ihre Erhal­tungs­sätze und vie­les mehr nicht am zweck­mä­ßigs­ten dadurch her­aus­be­käme, dass sie gleich alles als Null oder Eins ansetzte. Ist so der Gegen­stand eines Geset­zes beim Teu­fel, lässt sich der quan­ti­ta­ti­ven Form noch ein eige­ner Sinn abgewinnen:

„Um eine sol­che (eine Gesetz­mä­ßig­keit) genau zu for­mu­lie­ren, müs­sen die phy­si­ka­li­schen Begriffe quan­ti­ta­tiv erfasst, d.h. gemes­sen, also durch Ein­hei­ten und Anzahl aus­ge­drückt wer­den kön­nen. Daher ist für die For­mu­lie­rung von Natur­ge­set­zen nur eine bestimmte Anzahl von Begrif­fen geeig­net.“ (Gerth­sen, Phy­sik, S. 1)

Die­ser Phy­si­ker stellt die Ver­hält­nisse auf den Kopf. Nicht die bestimmte Form des Qua­li­ta­ti­ven in der Natur – mathe­ma­ti­sche Rela­tio­nen, also Maß­ver­hält­nisse – macht die genaue Beob­ach­tung nach Anzahl und Ein­heit nötig; son­dern weil nur das Mess­bare gel­ten soll, sind die Begriffe danach ein­zu­rich­ten. Wes­halb das aller­neu­este Natur­ge­setz besagt, dass mit der Ener­gie viel Staat zu machen ist.

[2] Weil das Expe­ri­ment prak­ti­sche Tätig­keit zum Zweck der Erkennt­nis ist, bie­tet es gleich zwei­mal Gele­gen­heit zu wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Ver­dre­hun­gen. Man kann ers­tens der Mei­nung sein, das Expe­ri­ment sei das­selbe, wie sonst die nütz­li­che Ver­wen­dung von Natur­ge­gen­stän­den in der Pro­duk­tion, wes­halb socl­che For­schung zu ihrem Vor– oder Nach­teil unter einem tech­ni­schen Apriori stehe. Und man kann zwei­tens der Mei­nung sein, das Expe­ri­ment sei das­selbe wie sonst das Urtei­len, Schlie­ßen usf., wes­halb sol­che For­schung „empi­ri­sche Beweise“ führe und mit oder ohne Erfolg Hypo­the­sen über­prüfe. Die Syn­these bei­der Fehler­ge­lingt Haber­mas, indem er die Indus­trie in Anfüh­rungs­zei­chen setzt, wo sie statt Autos und Per­sil nur­mehr Annah­men und Pro­ben fabri­ziert: “ Im Expe­ri­ment wer­den Annah­men über die gesetz­mä­ßige Ver­knüp­fung von Ereig­nis­sen (?) grund­sätz­lich in der glei­chen Weise auf die Probe gestellt, wie in der ‚Indus­trie‘.“ (Erkennt­nis und Inter­esse, S. 61)