Die Leis­tun­gen der Naturwissenschaft

(2. Teil)

Quelle: MSZ (Aus­gabe 2 1987) DIE LEIS­TUN­GEN DER NATUR­WIS­SEN­SCHAFT (2. Teil)

Tech­no­lo­gie

Von der Tech­nik ist zunächst ein­mal nichts geläu­fi­ger als ihre Zusam­men­ge­hö­rig­keit mit der Natur­wis­sen­schaft; unter der For­mel „Natur­wis­sen­schaft und Tech­nik“ wird ein Bereich ver­stan­den, der ers­tens allen ande­ren geis­ti­gen und prak­ti­schen Akti­vi­tä­ten der Mensch­heit ent­ge­gen­ge­setzt ist und zwei­tens als diese Ein­heit eine erstaun­li­che Macht dar­stellt, die heute auch alles übrige, man mag sich strei­ten, ob zu Fluch oder Segen, aber jeden­falls unwi­der­ruf­lich beherrscht. Über die Natur die­ser bemer­kens­wer­ten Ver­bin­dung herrscht noch weni­ger Einig­keit als über ihren Wert. Natur­wis­sen­schaft und Tech­nik ste­hen irgend­wie in Rela­tion; sie befruch­ten sich offen­bar wech­sel­sei­tig und las­sen sich wohl auch unter das Kate­go­ri­en­paar Theo­rie und Pra­xis sub­su­mie­ren, was aber schon des­halb nicht so ganz ein­fach ist, weil die Tech­nik nicht nur als Auto­mo­bil über Land fährt, son­dern auch als eine Wis­sen­schaft den Tech­ni­schen Hoch­schu­len ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung ver­schafft und als sol­che ein phi­lo­so­phi­sches Pro­blem dar­stellt; denn schließ­lich wird da, oder viel­leicht auch nicht, mit den­sel­ben Sachen jon­gliert wie an den Natur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten. Hören wir einen Fachmann:

„Wäh­rend bei den Natur­wis­sen­schaf­ten das pri­märe Inter­esse der theo­re­tisch aus­ge­rich­te­ten Erkenn­tis­ge­win­nung gilt, steht bei der Tech­nik also immer die prak­ti­sche Anwen­dung im Vor­der­grund. In einem sehr all­ge­mei­nen Sinne kann man des­halb sagen, Natur­wis­sen­schaf­ten und Tech­nik ver­hal­ten sich zuein­an­der wie Theo­rie und Pra­xis. Dabei han­delt es sich aber nur um eine bedingte und par­ti­elle Zuord­nung: Als Ein­sicht in gesetz­mä­ßige Zusam­men­hänge, aus denen ent­spre­chende Vor­her­sa­gen ableit­bar sind, k ö n n e n – prin­zi­pi­ell gese­hen – alle natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­er­geb­nisse tech­nisch genutzt wer­den. Damit es tat­säch­lich zur tech­ni­schen Anwen­dung kommt, müs­sen dar­über hin­aus aber auch noch Werk­stoffe und Ver­fah­ren bekannt sein, die es erlau­ben, ein Pro­jekt mit öko­no­misch ver­tret­ba­rem Auf­wand in der gefor­der­ten Grö­ßen­ord­nung zu rea­li­sie­ren.“ (Rapp in: Lenk/​Moser, Techne – Tech­nik – Tech­no­lo­gie, 1973, S. 123f)

Der Ver­fas­ser die­ses Zitats lehrt Phi­lo­so­phie an einer Tech­ni­schen Hoch­schule und tut des­halb nur seine Pflicht, wenn er es als Spe­zi­fi­kum der Tech­nik ansieht, dass sie manch­mal zu viel Geld kos­tet und des­halb gar keine Tech­nik wird. Er hat ganz recht, so wenig er damit auch zu einer Defi­ni­tion der Tech­nik bei­trägt. „Prin­zi­pi­ell gese­hen“ sind dem Pro­fes­sor eh alle Kat­zen grau und Unter­schiede Ansichts­sa­che. Die Natur­wis­sen­schaft lie­fert Pro­gno­sen, und:

„Von ent­schei­den­der Bedeu­tung für die sys­te­ma­ti­sche Bezie­hung zwi­schen Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten ist nun die Tat­sa­che, dass eben­die­sel­ben Vor­her­sa­gen – durch eine bloße Ände­rung der Inter­es­sen­rich­tung – in der Tech­nik dazu benutzt wer­den kön­nen, um prak­ti­sche Auf­ga­ben­stel­lun­gen zu lösen. …Metho­do­lo­gisch gese­hen sind also die Vor­aus­sa­gen, die sich aus einem erkann­ten Natur­ge­setz ablei­ten las­sen, indif­fe­rent gegen­über der Funk­tion, die sie erfül­len sol­len: Inner­halb der natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung die­nen sie zur all­ge­mei­nen Über­prü­fung des theo­re­ti­schen Ansat­zes, und inner­halb der Tech­nik ste­hen sie im Dienst einer kon­kre­ten Auf­ga­ben­stel­lung.“ (ebd., S. 122f)

Auch dem Autor dürfte es noch nicht gelun­gen sein, mit Hilfe der abend­li­chen Wet­ter­pro­gnose ganz kon­kret die Sonne schei­nen zu las­sen, so groß auch wochen­ends das Inter­esse daran sein mag. Um den erkennt­nis­theo­re­tisch mal­trä­tier­ten Ein­sich­ten der Natur­for­schung ihre Brauch­bar­keit für eine prak­ti­sche Ziel­set­zung zu attes­tie­ren, begrün­det er ihre Funk­tio­na­li­tät mit der Indif­fe­renz, also dem Gegen­teil des­sen, quod erat demonstran­dum. So wenig in der Tat Natur­ge­setze durch „eine bloße Ände­rung der Inter­es­sen­rich­tung“ Scha­den erlei­den kön­nen, so wenig kann auch ihre Bedeu­tung für die Tech­nik durch den from­men Wunsch des Anwen­ders zustandekommen.

Aller Rekurs des Tech­ni­kers auf die Natur­ge­setze wäre ein zum Schei­tern ver­ur­teil­ter Selbst­be­trug, wenn ihm diese nicht ihrem wah­ren Inhalt ent­spre­chend bekannt wären. Es wird nicht mit einer fal­schen oder wie auch immer bloß wahr­schein­li­chen Theo­rie erfun­den, son­dern allen­falls trotz und neben fal­schen Vor­stel­lun­gen eine rich­tige Kon­struk­tion ent­wi­ckelt, was auch das immer wie­der gern zitierte Bei­spiel eine rich­tige Kon­struk­tion ent­wi­ckelt, was auch das immer wie­der gern zitierte Bei­spiel von

der Erfin­dung der Dampf­ma­schine im Zeit­al­ter der fal­schen Lehre vom Wär­me­stoff nicht anders demons­trie­ren kann.

„Denn“, um einen bes­se­ren Phi­lo­so­phen der Tech­nik zu zitie­ren, „der Natur bemäch­tigt man sich nur, indem man ihr nach­gibt, und was in der Betrach­tung als Ursa­che scheint, das dient in der Aus­übung zur Regel.“

Das Erar­bei­ten wirk­li­cher Kennt­nisse, wie sie Bacon vor Beginn der moder­nen Natur­for­schung for­derte, ist heute eine selbst­ver­ständ­li­che Vor­aus­set­zung der Tech­nik. Dazu ist neben der Gewiss­heit, dass nicht gegen die Natur ver­fah­ren wer­den kann, die nicht min­der große Ein­sicht vor­han­den, dass den ein­schlä­gi­gen Kenn­nis­sen ihr nütz­li­cher Cha­rak­ter imma­nent ist. Das all­ge­meine Resul­tat, zu dem die Erfor­schung der Natur­ge­gen­stände gelangt, ist ihre Bestimmt­heit von außen. Die Natur­wis­sen­schaft ist eine Anwei­sung auf die prak­ti­sche Beherr­schung der Natur, indem sie zeigt, wel­che Zusam­men­hänge exis­tie­ren, wel­che Pro­zesse ablau­fen – also auch, wie modi­fi­zie­rend, den beab­sich­tig­ten Wir­kun­gen ent­spre­chend, ein­ge­grif­fen wer­den kann. Weil also die theo­re­ti­sche Befas­sung mit der Natur Mög­lich­kei­ten der Nutz­bar­ma­chung for­mu­liert, steht sie in der Voll­en­dung ihrer Auf­gabe zugleich wie­der an ihrem Anfang. Um das, was in der sich selbst über­las­se­nen Natur nur zufäl­lig rea­li­siert ist, plan­mä­ßig her­bei­zu­füh­ren, oder absicht­lich sol­che Kon­stel­la­tio­nen zu erzwin­gen, die in der gewünsch­ten Form nicht vor­ge­fun­den wer­den, müs­sen die dis­pa­ra­ten Gegen­stände in eine Ver­bin­dung gebracht wer­den, die vom ange­streb­ten Ziel dik­tiert ist, und zugleich von ande­ren stö­ren­den Ein­flüs­sen geschie­den wer­den. Es ist also eine Wis­sen­schaft nötig, die von den bekann­ten Eigen­schaf­ten der Dinge aus­ge­hend dar­über nach­denkt, wie ihr mög­li­cher Nut­zen zu rea­li­sie­ren ist: die Wis­sen­schaft der Tech­no­lo­gie.

Die Fächer, in denen man sei­nen Inge­nieur machen kann, ver­wei­sen denn auch schon in ihrem Namen dar­auf, dass sie in der Befrie­di­gung irgend­wel­cher mensch­li­cher Bedürf­nisse ihren Grund haben – es gibt das Bau-​, Brau-​, Raum­fahrts– usw. –wesen. Aber nicht die Frage, was gemacht wird, son­dern wie und mit wel­chen Mit­teln das mög­lich ist, gibt den Anlass zu die­sen Wis­sen­schaf­ten, so dass die füh­ren­den tech­ni­schen Dis­zi­pli­nen in ihrem Titel davon kün­den, dass sie – wie der Maschi­nen­bau – die Uni­ver­sa­lien der moder­nen Indus­trie behan­deln und dass diese heut­zu­tage, man denke an die Elek­tro­tech­nik, schon hin­rei­chend defi­niert zu sein schei­nen durch den blo­ßen Hin­weis auf etwas, was ein­mal beson­de­rer Inhalt der Natur­for­schung war. Die Abgren­zung der ein­zel­nen Fach­rich­tun­gen, wie sie eine TU aus­ma­chen, ent­hält im Unter­schied zu den Natur­wis­sen­schaf­ten his­to­ri­sches Moment – sie ste­hen in Rela­tion zur Ent­wi­ckelt­heit der Pro­duk­tion und dem Stand der bereits ver­füg­ba­ren Erkennt­nisse. Ihnen allen gemein­sam ist auf jeden Fall der kon­krete Cha­rak­ter ihrer For­schun­gen, der frei­lich nichts mit „grö­ße­rer Rea­li­tät“ zu tun hat, wie ein Inge­nieur sich das als Unter­schied zu den rei­nen Natur­wis­sen­schaf­ten vor­stellt – als ob die Elek­tro­nen weni­ger wirk­lich wären als eine Schal­tung, die viel­leicht erst auf dem Papier existiert.

Viel­mehr ver­langt es die Auf­gabe der Tech­no­lo­gie, an und für sich dis­pa­rate Gegen­stände ins Ver­hält­nis zu set­zen und dabei die ver­schie­dens­ten Umstände zu beden­ken. Eine Maschine mag auf der Anwen­dung sim­pels­ter mecha­ni­scher Prin­zi­pien beru­hen; was ihre Kon­struk­tion zu einer eige­nen Auf­gabe macht, ist die viel­fa­che Wie­der­ho­lung des Ele­men­ta­ren und die geschickte Zusam­men­fas­sung der ein­zel­nen Wir­kun­gen. Hinzu tre­ten Fra­gen des Antriebs, der Rea­li­sie­rung des gan­zen Gebil­des in geeig­ne­ten Mate­ria­lien, der dau­er­haf­ten Erhal­tung der Funk­tion usw. Ein Maschi­nen­bauer muss so auch auf die Kennt­nisse der Ther­mo­dy­na­mik, Elek­tri­zi­täts­lehre oder Che­mie, wei­ter der abge­lei­te­ten Fächer wie der Werk­stoff­kunde zurückgreifen.

Die Bewäl­ti­gung die­ses Kon­kre­ten gibt Anlass zu den ver­schie­dens­ten For­men der Arbeits­tei­lung. Der Sache nach ten­diert die Lösung tech­no­lo­gi­scher Pro­bleme zur inter­dis­zi­pli­nä­ren For­schung, und wenn auch ein Kata­log von Kennt­nis­sen ver­schie­de­ner Gebiete, ob sie nun expli­zit als Hilfs­wis­sen­schaf­ten auf­tre­ten oder in tra­dier­ten Metho­den auf­ge­ho­ben sind, zum fes­ten Bestand­teil einer Inge­nieurs­dis­zi­plin gehört, so wird doch immer wie­der die Zusam­men­ar­beit von unter­schied­lich spe­zia­li­sier­ten Fach­leu­ten nötig. Umge­kehrt kön­nen an und für sich tech­ni­sche Pro­bleme, wie z.B. die Ent­wick­lung „maß­ge­schnei­der­ter“ syn­the­ti­scher Stoffe, im Rah­men der rei­nen Che­mie bear­bei­tet wer­den und schließ­lich dort eine Haupt­auf­gabe bil­den, wäh­rend sich dane­ben die Ver­fah­rens­tech­nik bei­spiels­weise um all­ge­meine Metho­den zur Behand­lung der gro­ßen Gas­men­gen küm­mert, wie sie die Rea­li­sie­rung der che­mi­schen Pro­zesse in indus­tri­el­lem Maß­stab fordert.

Die Tech­no­lo­gie, die also Erfin­dun­gen macht, und das All­ge­meine daran zu einem Lehr­ge­bäude aus­ar­bei­tet, hält sich mit Recht etwas dar­auf zugute, nicht nur als Nutz­nie­ßer die Ergeb­nisse von Phy­sik und Che­mie zu reka­pi­tu­lie­ren, son­dern auf der gege­be­nen Grund­lage eine For­schung eige­ner Art zu betrei­ben. Cha­rak­te­ris­tisch für den Inge­nieur, der etwas Neues ent­wi­ckelt, ist es zunächst ein­mal, dass er seine Ela­bo­rate tes­tet. Das klas­si­sche Bei­spiel eines Mes­ser­schmidt, der auf den selbst­ge­bas­tel­ten Flug­zeu­gen her­um­sprang und –tram­pelte, um ihre Halt­bar­keit zu tes­ten, zeugt von einem ori­gi­nel­len Ver­hält­nis der Tech­no­lo­gie zum Expe­ri­ment, auch wenn die­ses im All­ge­mei­nen kano­ni­schere For­men annimmt als in der Anek­dote. Der Stolz des Inge­nieurs, ganz unwis­sen­schaft­lich und ad hoc die nöti­gen Maß­stäbe zu set­zen, hat in Wahr­heit pein­lich genaue Mess­rei­hen zur soli­den Grund­lage und beweist damit ein spe­zi­el­les Bedürf­nis der Technologie.

Der Grund ist hier­bei nicht allein, so auf­fäl­lig dies auch erscheint, dass die Tech­no­lo­gie mit der Feh­ler­an­fäl­lig­keit der eige­nen Über­le­gun­gen rech­net. Eine Feh­ler­an­fäl­lig­keit, die mehr als etwas zu tun hat mit dem gefei­er­ten Pra­xis­be­zug, d.h. dem Zwang, auf öko­no­mi­sche Weise zu einem selbst wie­der öko­no­misch beschränk­ten Resul­tat zu kom­men. Sol­che Tests kön­nen auch nie die Rich­tig­keit der Kon­struk­tion bewei­sen, son­dern nur, wenn man Glück hat, Feh­ler zei­gen, die so – mit womög­lich gerin­gem Auf­wand – zu fin­den aller­dings eine gän­gige Pra­xis der Zunft ist. Der sprin­gende Punkt ist aber hier viel­mehr wie­der der kon­krete Cha­rak­ter tech­no­lo­gi­scher Gegen­stände. Natur­wis­sen­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Expe­ri­men­ten ist gemein­sam, dass das Objekt der For­schung aus sei­ner stö­ren­den Ver­wick­lung in den all­ge­mei­nen Natur­zu­sam­men­hang befreit wer­den muss. Aber wo es dem ers­ten allein darum geht, die Sache für die Erkennt­nis auf­zu­schlie­ßen, ist das zweite an den Ver­wick­lun­gen selbst inter­es­siert, um sie prak­tisch zu bemeis­tern und den inten­dier­ten Pro­zess ins Werk zu set­zen. Der Phy­si­ker negiert die Rei­bung als eine Kraft unter ande­ren, wo es ihm nur um den mecha­ni­schen Effekt zu tun ist; sie liegt jen­seits der gerade unter­such­ten Gesetz­mä­ßig­keit, und sie als nicht dazu­ge­hö­rig abzu­tren­nen, ist die hier erst­mal fäl­lige Ein­sicht. Der Tech­ni­ker, inso­fern er mit Mecha­nik ein nütz­li­ches Ergeb­nis anstrebt, muss mit der Rei­bung kal­ku­lie­ren, sich also posi­tiv auf sie ein­las­sen, wo er sie, so gut es geht, aus­schal­ten möchte. Der Betriebs­zy­klus einer Ver­bren­nungs­ma­schine mag vom Stand­punkt der Ther­mo­dy­na­mik eine klare und gut ver­stan­dene Sache sein; seine Rea­li­sie­rung erfor­dert jeden­falls eine Viel­zahl von Ver­su­chen, die über Zusam­men­hänge von Geschwin­dig­keit des Ablaufs,

Mate­ri­al­be­las­tung, erfor­der­li­cher geo­me­tri­scher Prä­zi­sion der Teile usf. quan­ti­ta­ti­ven Auf­schluss geben und den Inge­nieur mit den Daten aus­stat­ten, die für eine brauch­bare Aus­le­gung des gan­zen Appa­rats ent­schei­den sind. Im Unter­schied zum Phy­si­ker und Che­mi­ker nimmt also der Tech­no­loge in sei­nen Expe­ri­men­ten die wirk­li­che Nutz­bar­ma­chung der Natur vor­weg. Indem er seine Pro­to­ty­pen tes­tet, Modell­ver­su­che macht usw., prüft er, durch wel­che Kon­stel­la­tion sich der erstrebte Zweck am güns­tigs­ten ergibt. Sol­che Unter­su­chun­gen mögen wie­derum ihre Fort­set­zung in der Natur­wis­sen­schaft fin­den; ihr nächs­tes Ergeb­nis ist jedoch der brauch­bare Appa­rat oder Vor­gang zusam­men mit dem Wis­sen um seine Beschaffenheit.

Hören wir noch­mal unse­ren Gewährs­mann in Sachen Phi­lo­so­phie der Technik:

„Im Gegen­satz zu den weit­ge­spann­ten, deduk­ti­ven Aus­sa­gen­sys­te­men der Natur­wis­sen­schaf­ten, die eine mög­lichst prä­zise mathe­ma­ti­sche Beschrei­bung lie­fern sol­len, gibt man sich in den tech­ni­schen Wis­sen­schaf­ten mit rela­tiv iso­lier­ten Fest­stel­lun­gen zufrie­den, die dafür aber von vorn­her­ein auf kon­krete Auf­ga­ben­stel­lun­gen bei der Rea­li­sie­rung oder Benut­zung tech­ni­scher Geräte zuge­schnit­ten sind. Des­halb zeich­nen sich die in den tech­ni­schen Wis­sen­schaf­ten auf­tre­ten­den Begriffe im all­ge­mei­nen durch eine grö­ßere rea­li­täts­nähe aus, denn das eigent­li­che Ziel besteht hier ja darin, für die prak­tisch rele­van­ten Para­me­ter, die z.B. die Dimen­sio­nie­rung eines tech­ni­schen Gebil­des oder die Aus­beute eines bestimm­ten Ver­fah­rens betref­fen, hin­rei­chend genaue Zah­len­werte zu erhal­ten.“ (Rapp, a.a.O., S. 129)

Weil der Autor die Mei­nung ver­fech­ten will, dass sich „über ein und den­sel­ben Gegen­stand – näm­lich die Gesetz­mä­ßig­kei­ten der mate­ri­el­len Welt -“ ver­schie­dene Wis­sen­schaft betrei­ben lässt, ver­wan­delt er den Unter­schied tech­ni­scher und natur­wis­sen­schaft­li­cher For­schun­gen in einen Gegen­satz, dem zuliebe die einen idea­li­sie­ren, wäh­rend die ande­ren „dafür aber“ den Trost prak­ti­scher Erfolge haben. Was er leug­nen will, spricht er jedoch aus, indem er seine bei­den Bei­spiele anführt: Zah­len­be­stim­mun­gen des Kon­kre­ten zu gewin­nen, ist eine wesent­li­che Auf­gabe für die Tech­no­lo­gie. Dass dies ein eige­nes Geschäft ist, kann nur den­je­ni­gen stö­ren, der darin, dass die Tech­nik in ihren Erfin­dun­gen von vor­han­de­nem Wis­sen ihren Aus­gang nimmt, nun gleich einen Anlass fin­det für den Arg­wohn, alles wei­tere müsse, inso­fern es über­haupt statt­fin­det, nicht in der Adäquat­heit der Aus­gangs­vor­stel­lun­gen, son­dern in der Not­wen­dig­keit ihrer Kor­rek­tur seine Ratio­na­li­tät haben.

Tren­nung und Unter­ord­nung von Natur­wis­sen­schaft und Technologie

Die Tech­ni­ker, die ihre eige­nen geis­ti­gen Taten als Mus­ter­bei­spiel von Pra­xis­nähe zu apo­stro­phie­ren sich bemü­ßigt füh­len, drü­cken gerade in die­sem ihr Eigen­lob aus, dass sie mit­nich­ten die Pra­xis der Natur­wis­sen­schaf­ten dar­stel­len. Auch ihre Leis­tun­gen sind theo­re­ti­scher Natur, und dass sie die mate­ri­elle Pro­duk­tion betref­fen, heißt ganz im Gegen­satz zu ihrem Selbst Ver­ständ­nis, dass sie sich in einem ziem­lich ver­rück­ten Ver­hält­nis zu ihr bewe­gen. Denn die Tech­no­lo­gie ist eine Wis­sen­schaft der Maschi­nen und pro­duk­ti­ven Ver­fah­ren nicht in der Weise, dass die exis­tente Pro­duk­tion Gegen­stand ihrer Betrach­tung wäre: Sie beschäf­tigt sich viel­mehr mit deren Mög­lich­kei­ten – wie kann man etwas machen, was kommt dabei her­aus, wenn man…

Kurz, die Tech­no­lo­gie ist die bloß ide­elle, vor­ge­stellte und im Kopf aus­ge­führte Aus­ein­an­der­set­zung mit der Natur, und ihre pra­xis­gei­len Ver­tre­ter müss­ten sich von daher für die größ­ten Phan­tas­ten, Spe­ku­lan­ten und Pro­jekt­ma­cher halten.

Die Zeit der armen und ver­kann­ten Erfin­der, der Che­mie in der Wasch­kü­che ist aller­dings ganz ebenso vor­bei wie die der rei­chen Dilet­tan­ten und König­li­chen Gesell­schaf­ten, und wenn sich die Natur– und Tech­nik­wis­sen­schaft­ler vom kleins­ten Werk­stu­den­ten bis zum Sach– und Per­so­nal­mit­tel ver­brau­chen­den Ordi­na­rius so intim mit Sie­mens und Co. füh­len, so haben sie ihre Gründe, als wel­che ihnen aller­hand lukra­tive ein­fal­len wer­den, aber nie die Tat­sa­che, dass sie durch ihre Selbst­stän­dig­keit aufs schönste der Indus­trie in die Hand arbeiten.

Tech­no­lo­gie und Natur­wis­sen­schaft neh­men in ihrer Arbeit die wirk­li­che Pro­duk­tion vor­weg bzw. schaf­fen die theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen dafür, ohne sich anders darin ein­zu­mi­schen, als dass sie ihre Resul­tate anbie­ten. Undenk­bar ohne ihr gänz­lich unaka­de­mi­sches Kom­ple­ment, bil­den sie eine eigen­stän­dige Sphäre gesell­schaft­li­cher Arbeit, die schon durch die Exklu­si­vi­tät der ein­schlä­gi­gen Kar­rie­ren anzeigt, dass es bei ihrer Abtren­nung um mehr geht als eine Kon­se­quenz aus der schlich­ten Tat­sa­che, dass Gedan­ken zu fabri­zie­ren etwas ande­res ist als in der Fabrik bei­spiels­weise Blech zu stan­zen. Natur­wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie bewei­sen durch ihre sepa­rate Exis­tenz, dass ihre Leis­tun­gen in die­ser Pro­duk­tion als not­wen­di­ges Mit­tel für den Reich­tum aner­kannt und gebraucht wer­den, dass die Erar­bei­tung des Wis­sens dort aber als das glatte Gegen­teil von wirt­schaft­li­chem han­deln gilt und tun­lichst ver­mie­den wird. „Ein­mal ent­deckt, kos­tet das Gesetz über die Abwei­chung der Magnet­na­del im Wir­kungs­kreis eines elek­tri­schen Stroms oder über die Erzeu­gung von Magne­tis­mus im Eisen, um das ein elek­tri­scher Strom kreist, kei­nen Deut.“ (Karl Marx, Das Kapi­tal, Bd. I, S. 407) So dass sich mit der­glei­chen Ent­de­ckun­gen auch schlecht ein Geschäft machen lässt und alle eige­nen Bemü­hun­gen um sie rei­ner Ver­lust sind. Der Betrieb von For­schung und Lehre an Nat­Faks und TUs, wie sie der Staat orga­ni­siert, ist eine For­de­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­du­zen­ten, gerade weil sie deren Ergeb­nisse pri­va­tis­sime et gra­tis nut­zen wol­len, und das immer wie­der auf­le­bende Geze­ter um die man­gelnde Funk­tio­na­li­tät aka­de­mi­scher Ein­rich­tun­gen beweist, eben weil der Nut­zen gestei­gert wer­den soll, dass sie als Mit­tel des Kapi­tals existieren.

Der schein­bar tri­vi­alste Aspekt aller ent­wi­ckel­ten Tech­nik, dass es näm­lich zu ihren Seg­nun­gen gehört, vom Anwen­der nicht zu ver­lan­gen, dass er über ihr Funk­tio­nie­ren Bescheid weiß, bekommt hier eine spe­zi­fi­sche Bedeu­tung. Mit ihrer Ana­lyse der Pro­duk­tion nach ihrem sach­li­chen Inhalt erlau­ben es Natur­wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie, die Schran­ken von Kraft und Geschick­lich­keit des arbei­ten­den Sub­jekts zu über­win­den; an die Stelle des Werk­zeugs, mit dem der Arbei­ter den Gegen­stand sei­nen Zwe­cken und Absich­ten gemäß zurich­tet, tre­ten Maschi­ne­rie und indus­tri­elle Ver­fah­rens­weise, also ein zweck­mä­ßig orga­ni­sier­ter Natur­pro­zeß, der als sol­cher Leis­tun­gen der Hand­ar­bei­ter in sich auf­ge­nom­men hat und ersetzt. Die geis­ti­gen Poten­zen der Arbeit exis­tie­ren so objek­tiv als Mecha­nis­mus, den sein Eigen­tü­mer als Mit­tel zur Rea­li­sie­rung sei­nes Zwecks ein­setzt. Wo die­ses Sys­tem eigent­li­che Arbei­ter benö­tigt, sind sie vom Anwen­der durch­aus ver­schie­den, näm­lich als Natur­kraft sui gene­ris unter die selbst­stän­dige Bewe­gung der Maschi­ne­rie sub­su­miert, und sie fun­gie­ren in dem Maße als ihre Hand­lan­ger, als ihre Mit­hilfe dem öko­no­mi­schen Zweck dient.

Davon, dass also die große Indus­trie „die Wis­sen­schaft als selbst­stän­dige Pro­duk­ti­ons­po­tenz von Arbeit und Kapi­tal trennt und in den Dienst des Kapi­tals presst“ (Karl Marx, Das Kapi­tal, Bd. I, S. 382), legen die Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft auf ihre Weise Zeug­nis ab, wenn sie das Bedürf­nis ver­spü­ren, den mehr oder meist weni­ger gebil­de­ten Laien an ihren Erkennt­nis­sen teil­ha­ben zu lassen.

Der Ver­such, natur­wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nisse zu popu­la­ri­sie­ren, gereicht noch jedem gro­ßen alten Mann der Zunft zur Zierde und ist, um die Sache von sei­nem per­sön­li­chen Geschick unab­hän­gig zu machen, als Ver­an­stal­tung der öffent­li­chen Medien insti­tu­tio­na­li­siert. Der Grund­satz, dass höhere Mathe­ma­tik und ähn­lich schwie­rige Geschich­ten Bega­bungs­sa­che und damit nur für wenige sind, wird dabei frei­lich nicht umge­sto­ßen. Man wen­det ihn viel­mehr an und klärt das Volk, das doof ist, weil es nichts gelernt hat, und sich über die Kon­se­quenz ärgern muss, auf andere Weise auf. Popu­lär­wis­sen­schaft­li­che Bemü­hun­gen beinhal­ten des­halb drei­er­lei: Zunächst wird den Betrof­fe­nen erklärt, dass die Tech­nik und all das wis­sen­schaft­li­che Zeugs nicht nur der Fort­schritt über­haupt ist, son­dern auch ganz spe­zi­ell ihnen zugu­te­kommt, sprich z.B. als „Fall­out“ der Raum­for­schung in Gestalt von Teflon-​Pfannen und Taschen­rech­nern in ihre Küche segelt. Zum zwei­ten ist zu ler­nen, dass es mit der nütz­li­chen Wis­sen­schaft so ein­fach nicht ist; wenn wir schon vom viel gekrümm­ten Raum nebst schwar­zen Löchern umge­ben sind, ist es kein Wun­der, dass sich auch trotz der Sta­tis­tik nicht alle Unan­nehm­lich­kei­ten die­ser Welt besei­ti­gen las­sen. So dass man drit­tens aus der Natur Bei­spiele ent­neh­men kann für eine gute und mensch­li­che Ord­nung, wie wir sie haben – doch mehr dar­über im nächs­ten Kapitel…

Kor­rup­tion

Allen pseu­do­ma­te­ria­lis­ti­schen Theo­rien zum Trotz, die die Tech­nik zum Motor der Geschichte machen – ob im Osten die Elek­tri­fi­zie­rung den Kom­mu­nis­mus her­stel­len sollte oder bei uns eine alle 50 Jahre statt­fin­dende Inno­va­tion einen Mords­boom im Schlepp­tau hat -, sind Natur­for­scher und Inge­nieure noch nicht ein­mal die Sub­jekte des tech­ni­schen Fort­schritts. Was sie nicht hin­dert, sich als sol­che nicht nur zu wäh­nen, son­dern auch auf­zu­spie­len. Aber gerade damit zei­gen sie, wor­auf es wirk­lich ankommt in der Welt.

Die Tat­sa­che, dass natur­wis­sen­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Ergeb­nisse Anwei­sun­gen auf einen öko­no­mi­schen Nut­zen sind, über des­sen Rea­li­tät anderswo nach kei­nes­wegs tech­ni­schen Maß­stä­ben ent­schie­den wird, ist für einen moder­nen Natur­wis­sen­schaft­ler Grund genug, sich ent­spre­chende Kri­te­rien zur Beur­tei­lung des eige­nen Schaf­fens zuzulegen.

Stu­den­ten sind beflis­sen, eine nicht zu theo­re­tisch anmu­tende Diplom­ar­beit – mög­lichst inter­ak­tiv am Com­pu­ter! – zu erwi­schen; Die che­mi­sche Dis­ser­ta­tion bei Pro­fes­sor C.C. Bin­dung gilt nach Form und Inhalt als iden­tisch mit einer lei­ten­den Posi­tion bei der BASF, und in Ober­se­mi­na­ren und bei Gast­vor­trä­gen hat die plu­ra­lis­ti­sche Kri­tik Ein­zug gehal­ten mit den bei­den Argu­men­ten: Das bringt doch nichts, resp. das hat man doch vor fünf Jah­ren auch schon gekonnt.

Sol­che klei­nen Pein­lich­kei­ten der Kon­kur­renz um Pos­ten und Geld, mit denen der ganze Stand sein Dienst­ver­hält­nis fürs Kapi­tal, auf dem er beruht, auch noch zur Schau stellt, ver­blas­sen frei­lich vor der grö­ße­ren Auf­gabe, die neuen Ein­sich­ten und Ein­fälle, die man sich schwer erar­bei­tet, ins rechte Licht zu set­zen. Schließ­lich kann man nicht erwar­ten, dass das Inter­esse an einer neuen Sache schon v o r die­ser das Licht der Welt erblickt, und so muss man den maß­geb­li­chen Leu­ten in den Ohren sit­zen, damit man seine Pro­jekte geför­dert kriegt. Die Über­set­zung ihrer For­schungs­ge­gen­stände und –resul­tate in ein Bedürf­nis des Staats– und Wirt­schafts­le­bens ist den Wis­sen­schaft­lern ein selbst­ver­ständ­li­ches Erfor­der­nis, und jeder Blick in die Natur lässt sie eitel Nut­zen sehen.

Kaum war z.B. die Spal­tung des Atom­kerns ent­deckt, als sich schon die Phy­si­ker­ge­meinde an die Pro­pa­gie­rung ihrer unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten machte:

„Damit ist das erreicht, was bis­her noch nie gelun­gen war: Mit einem ein­zi­gen Neu­tron, das zün­det, wird eine wäg­bare, ja belie­big große Menge von Uran umge­setzt und dabei Kern­en­er­gie frei­ge­macht. …Das Land, das als ers­tes Gebrauch davon macht, besitzt gegen­über den ande­ren eine nicht mehr ein­zu­ho­lende Über­le­gen­heit.“ (Win­na­cker, Das unver­stan­dene Wun­der, S. 29)

Bevor man über­haupt wusste, was da eigent­lich pas­sierte, war man sich schon klar, was für ein gewal­ti­ges Mit­tel der wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Über­le­gen­heit man sei­nem Staat in die Hände geben will, und begann die Schwär­me­rei über das, was Wun­der, „bis­her nie Gelun­gene“: „Mit einem ein­zi­gen Neu­tron, belie­big große Men­gen…“ usf.

Ent­spre­chend fabel­haft geht es immer zu bei den Inno­va­ti­ons­schü­ben, und „red­li­che“ Vor­be­halte unter­strei­chen nur, dass wirk­lich wis­sen­schaft­li­che Wun­der auf die Mensch­heit zukommen:

„Obwohl in der Pra­xis nutz­los, ist es mitt­ler­weile mög­lich gewor­den, Gene von Mensch und Pilz, Ameise und Ele­phant, Eiche und Kohl mit­ein­an­der zu ver­mi­schen. Somit steht der gesamte Gen­pool der Erde, das Pro­dukt der Evo­lu­tion von 3 Mil­li­ar­den Jah­ren, zu unse­rer Ver­fü­gung: Jetzt ist der Schlüs­sel zum König­reich in unse­rer Hand.“ (Wade, Gefah­ren der Gen­ma­ni­pu­la­tion, S. 8)

Die den Tat­sa­chen spot­tende Ange­be­rei, mit der hier die Mole­ku­lar­bio­lo­gie staat­li­che Auf­merk­sam­keit und Gel­der auf die Ver­fol­gung des „Traums vom neu pro­gram­mier­ten Leben“ len­ken will, ist natür­lich nicht mehr als eine Absichts­er­klä­rung der betei­lig­ten For­scher, aus ihren Ergeb­nis­sen etwas zu machen – in wel­chem Umfang man sie ihre Sache betrei­ben lässt und mit Geld und Ehren aus­stat­tet, unter­liegt noch der durch kri­ti­sche Kol­le­gen­stim­men und Indus­tri­ein­ter­es­sen gewitz­ten Ent­schei­dung des Staats. Aber der erklärte Wille der Wis­sen­schaft­ler hat es in sich.

Kommt näm­lich der Ent­schluss, dass die neu gefun­de­nen Mög­lich­kei­ten in die Pra­xis umge­setzt gehö­ren, ohne nähere Kennt­nis der Bedin­gun­gen und Fol­gen des ange­streb­ten tech­ni­schen Pro­zes­ses aus, so beinhal­tet das Pro­gramm zu sei­ner Rea­li­sie­rung, die nötige Gegen­liebe vor­aus­setzt, ent­spre­chende Rück­sichts­lo­sig­kei­ten. An der Durch­set­zung nicht nur der Kern­kraft­werke springt ins Auge, dass es den betei­lig­ten Wis­sen­schaft­lern völ­lig aus­reicht, die pro­jek­tierte Wir­kung mach­bar zu machen. Es wird solange geforscht, bis man der Indus­trie einen kon­ti­nu­ier­lich ablau­fen­den Kern­spal­tungs­pro­zeß oder bio­che­misch modi­fi­zierte Bak­te­rien lie­fern kann, und von den mit dem erreich­ten Effekt iden­ti­schen uner­wünsch­ten Wir­kun­gen wie der Frei­set­zung von radio­ak­ti­ven Strah­len oder Krank­heits­er­re­gern abstra­hiert man als bloße Begleit­er­schei­nun­gen. Die neue Tech­nik teilt sich so auf in einen Fort­schritt, der sie sel­ber ist, und eine Sicher­heits­pro­ble­ma­tik, um die man sich lei­der auch noch küm­mern muss, soweit man von Staat und Öffent­lich­keit dazu gezwun­gen wird. Der Stand­punkt, von dem aus diese völ­lig untech­ni­sche Zer­le­gung der Sache über­haupt ratio­nell wird, ist der Pro­fit des Anwenders.

„Der Brenn­stab­ra­dius ergibt sich als Kom­pro­miss zwi­schen ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten. Bei gege­be­ner Sta­bleis­tung bedeu­ten dicke Stäbe einen gro­ßen Brenn­stof­f­e­in­satz je Leis­tungs­ein­heit und damit hohe Zins­kos­ten, wäh­rend bei dün­nen Stä­ben die antei­li­gen Fer­ti­gungs­kos­ten zu hoch wer­den. Außer­dem ist bei der Fest­le­gung des Stab­durch­mes­sers zu beach­ten, dass die maxi­male Wär­me­strom­dichte unter der kri­ti­schen Wär­me­strom­dichte bleibt. Man arbei­tet hier im All­ge­mei­nen mit einem Sicher­heits­fak­tor 2.“ (Smidt, Reak­tor­tech­nik II, S. 90)

Das Hand­werk von Natur­for­schern und Inge­nieu­ren besteht eben nicht ein­fach darin, die man­nig­fa­chen Gebrauchs­wei­sen der Dinge zu ent­de­cken und zu rea­li­sie­ren. Sie schlie­ßen näm­lich Kom­pro­misse zwi­schen Zins– und Fer­ti­gungs­kos­ten und erin­nern sich dann „außer­dem“ noch daran, dass ihr Kom­pro­miß­re­ak­tor nicht ein­fach explo­die­ren darf. wer sich nun wun­dert, dass solch ein Natur­wirt nicht nur Zen­ti­me­ter gegen DM auf­rech­net und umge­kehrt, was in der Welt des Kapi­tals schließ­lich jeder irgend­wie beherrscht, son­dern dass hier auch noch eine so merk­wür­dige Größe wie ein Sicher­heits­fak­tor in der Rech­nung auf­taucht, sei beru­higt: Die­ser Fak­tor ist auch nur aus der einen Grund­größe der Öko­no­mie abge­lei­tet, was sich z.B. der fol­gen­den Begrün­dung dafür ent­neh­men lässt, dass ein Reak­tor ein­fach radio­ak­tive Sub­stan­zen frei­set­zen muss:

„Das hat im all­ge­mei­nen zwei Ursa­chen: Ent­we­der haben die Radio­nu­klide beson­dere che­mi­sche Eigen­schaf­ten, wie z.B. Tri­tium, oder aber der tech­ni­sche oder wirt­schaft­li­che Auf­wand, die gerin­gen Rest­men­gen zu ent­fer­nen, ist so groß, dass er nicht gefor­dert wer­den kann.“

Jeder beson­dere Stoff hat beson­dere Eigen­schaf­ten, und die sind kein Hin­der­nis, son­dern just das Mit­tel, ihn nicht nur theo­re­tisch vom Rest der Welt zu schei­den. Das mag schwie­rig sein, aber dem Inge­nieur ist nichts zu schwör, und so wird eben die hier als unlös­bar behaup­tete Auf­gabe, z.B. bei der Auf­be­rei­tung des Reak­tor­kerns läs­sig erle­digt. Bloß ist das, was im einen Fall als Vor­aus­set­zung fürs Geschäft gemacht wird, im ande­ren Fall reine Geld­ver­schwen­dung: Die im Zitat auf­ge­stellte Alter­na­tive ist also keine, son­dern redu­ziert sich völ­lig auf das „Oder“. Trotz­dem oder gerade des­halb ist die hier aus­ge­spro­chene Ent­ge­gen­set­zung zweier Gründe, die ergo auch gänz­lich gleich­be­rech­tigt sind, jedem Inge­nieur aus der Seele gespro­chen. Ihn beherrscht die Vor­stel­lung vom Sach­zwang, und so defi­niert er es sich als sei­nen Beruf, alle mög­li­chen Schwie­rig­kei­ten der Pro­fit­ma­che­rei zu über­win­den, die unter­schieds­los aus den Daten des Phy­sik­buchs und des Bör­sen­blatts erwach­sen. Den Natur­wirt unter­schei­det vom Betriebs­wirt nur, dass ihm beim Stich­wort 2,50DM gleich Schmieröl oder Kugel­la­ger ein­fal­len, wel­che Sorge ihm das Manage­ment auch getrost über­las­sen kann. Man betrachte die Pro­pa­ganda für die Kern­kraft­werke ein­mal von die­sem Gesichts­punkt! Ers­tens erfährt hier jeder, dass er sich vor der radio­ak­ti­ven Ver­seu­chung nicht zu ängs­ti­gen braucht, denn von sowas weiß die Wis­sen­schaft über­haupt nichts, weil die diver­sen Strah­len doch bei jedem Men­schen anders wir­ken. Zwei­tens also wird vor­ge­führt, dass die Ener­gie knapp ist in der Natur und des­halb bald nicht mehr vor­han­den – als ob es nicht am Ölpreis und dem Geschäft mit dem Atom­strom läge, dass man sich freu­dig auf die, noch ein Wider­spruch, uner­schöpf­li­che Kern­en­er­gie stür­zen soll. Mit einem Wort:

„Ein gut aus­se­hen­der Mann zu sein ist eine Gabe der Umstände, aber lesen und schrei­ben zu kön­nen kommt von der Natur.“

Und damit sind wir schon beim nächs­ten Punkt. Dass so ein Natur­wirt seine wis­sen­schaft­li­chen Anstren­gun­gen dem Kapi­tal sub­su­miert, ändert nichts daran, dass, wie für jeden Zweck, eine ordent­li­che theo­re­ti­sche Befas­sung mit den betei­lig­ten Natur­ge­gen­stän­den von­nö­ten ist, und die fin­det auch statt. Dass das Ergeb­nis sol­chen Trei­bens hier und heute nichts mit ratio­nel­ler Nut­zung der Quel­len des Reich­tums zu tun hat, son­dern die Zer­stö­rung von Mensch und Natur ein­schließt, gibt aller­dings schon der vor­be­rei­ten­den Arbeit des Natur­wirts spe­zi­fi­sche Züge: Er über­legt sich eben, um wel­che wohl­be­kann­ten Neben­as­pekte sei­ner Erfin­dung er sich sinn­vol­ler­weise nicht wei­ter küm­mert, wel­che ursprüng­lich vor­ge­se­he­nen Sicher­heits­ein­rich­tun­gen einer Anlage nach Recht und Bil­lig­keit wie­der abmon­tiert gehö­ren, oder wie viel von der Last des tech­no­lo­gi­schen Expe­ri­ments man als Kin­der­krank­hei­ten eines neuen Geräts dem Publi­kum zuteil wer­den las­sen kann. Selbst Flug­zeug­ab­stürze beru­hen auf Naturbeherrschung.

Wis­sen­schaft­lich kor­rupt wird so ein Natur­wirt dann, wenn er, einem Kanz­ler­wort fol­gend, seine „Bring­schuld“ gegen­über der Gesell­schaft ein­löst und die Mensch­heit mit fal­schen Argu­men­ten von der Not­wen­dig­keit der Schat­ten­sei­ten des Fort­schritts zu über­zeu­gen sucht, den Staat und Kapi­tal ver­an­stal­ten. Die erste und am wei­tes­ten ver­brei­tete Form die­ser Abs­trak­tion von der Wahr­heit besteht ein­fach darin, dass die Natur­wis­sen­schaft­ler mit ihrer Auto­ri­tät als erfolg­rei­che Gestal­ter der Welt wohl­be­kannte Ideo­lo­gien unter­stüt­zen nach dem Motto: Auch der VDI befin­det, weil er es wis­sen muss, dass die neuen Maschi­nen­sys­teme nicht des Nachts unge­nutzt in der Fabrik her­um­ste­hen kön­nen. Bei dem eben­falls ziem­lich tech­ni­schen Farb­fern­se­her des Arbei­ters ist die­sen Her­ren so ein Argu­ment noch nie eingefallen.

Sub­stan­ti­el­lere For­men nimmt die Sache an, wenn die Män­ner der Exakt­heit und Objek­ti­vi­tät kur­zer­hand neu Pseu­do­wis­sen­schaf­ten auf­ma­chen, die, schein­bar nach dem Vor­bild der Natur­wis­sen­schaft ver­fah­rend, nichts ande­res sind als die Apo­lo­gie der prak­ti­zier­ten Zer­stö­rung von Mensch und Natur. Pro­mi­nente Bei­spiele lie­fert wie­der die KKW-​Technologie, wo sie an die Ver­harm­lo­sung der ihr eigen­tüm­li­chen „Gefah­ren“ geht:

„Die in der Ein­heit rem gemes­sene Äqui­va­lent­do­sis ist die Ener­gie­do­sis unter Berück­sich­ti­gung des Qua­li­täts­fak­tors, also 1 rem=„1“ rad x QF. Für reine Alpha­strah­lung ist der Qua­li­täts­fak­tor gleich 10, d.h. eine Ener­gie­do­sis in Form von Alpha­strah­len kommt an Wir­kung dem Zehn­fa­chen einer gleich gro­ßen Ener­gie­do­sis in Form von Gam­ma­strah­len gleich.“ (Michae­lis, Kern­en­er­gie, S. 392)

Im Gegen­satz zu wirk­li­chen Natur­kon­stan­ten wird die­ser Qua­li­täts­fak­tor „nach Maß­gabe expe­ri­men­tel­ler Ergeb­nisse durch Über­ein­kunft fest­ge­legt“. Die Ein­heit rem dient zur Eta­blie­rung von Faust­re­geln, die nicht nur auf Wahr­heit kei­nen Anspruch erhe­ben kön­nen, son­dern umge­kehrt die kal­ku­lierte Abs­trak­tion von den Tat­sa­chen zu prak­ti­zie­ren gestat­ten, um die man sich nicht ernst­haft küm­mern möchte. Wo in allen Lehr­bü­chern steht, dass jede Art radio­ak­ti­ver Strah­lung schon für sich allein eine Fülle ganz ver­schie­de­ner Schä­di­gun­gen leben­der Orga­nis­men bewirkt, beinhal­tet die fik­tive Kom­men­sura­bi­li­tät aller Strah­len im QF nichts ande­res als den Ent­schluss der Phy­si­ker, ein bestimm­tes Quan­tum an toten oder sonst­wie unbrauch­ba­ren Indi­vi­duen als Durch­schnitts­scha­den dem Gesetz­ge­ber zur geflis­sent­li­chen Ent­schei­dung zu offe­rie­ren. Klar, dass die Bezif­fe­rung die­ses Durch­schnitts­er­geb­nis­ses dem Streit der ver­schie­de­nen inter­es­sier­ten For­scher­per­sön­lich­kei­ten unter­liegt – die einen den­ken mehr an den bil­li­gen Atom­strom, die ande­ren auch noch an die Kos­ten staat­li­cher Für­sorge -, aber alle sind sich einig, dass Opfer in Kauf genom­men wer­den müssen.

Bevor­zug­tes Medium sol­cher Strei­te­reien ist die Wahr­schein­lich­keits­rech­nung, deren Anwen­dung hier z.B. so aussieht:

„Die bis­her getrof­fene Annahme – dass die Ursa­chen für ungüns­tige Tem­pe­ra­tur­ab­wei­chun­gen alle an der glei­chen Stelle auf­tre­ten – liegt zwar auf der siche­ren Seite, ist aber sehr unwahr­schein­lich. Des­halb ist eine genauere sta­tis­ti­sche Ana­lyse erfor­der­lich.“ (Smidt, Reak­tor­tech­nik II, S. 13)

Man setzt also Annah­men dar­über in die Welt, was alles im Reak­tor pas­sie­ren könnte, und dann schimpft man der­glei­chen „unwahr­schein­lich“ und macht sich lie­ber neue Annah­men, weil einen die alten in der Pra­xis doch zu sehr ein­schrän­ken wür­den. Das ein­zig Gewisse an die­sen immer „genaue­ren Ana­ly­sen“ ist, dass die Unfälle, die man ein­schät­zen will, sehr wohl in der Natur der Sache lie­gen und kein Zufall sind – sonst hielte nicht jeder Spe­ku­la­tio­nen dazu für ange­bracht. Im Unter­schied zu den Urtei­len höchst frag­wür­di­ger Brauch­bar­keit, die die Wahr­schein­lich­keits­rech­nung sonst pro­du­ziert – was hat einer schon von einer genau bezif­fer­ten Chance für den Lot­to­ge­winn -, liegt der Nut­zen hier in der irra­tio­nel­len Anwen­dung die­ser mathe­ma­ti­schen Theo­rie. Die natur­ge­setz­li­chen Vor­gänge im Reak­tor wer­den zu einer Domäne des Zufalls erklärt, weil man sich nur bedingt damit beschäf­ti­gen will, und dann kön­nen die diver­sen Risi­ko­stu­dien mit dem Ges­tus der Wis­sen­schaft­lich­keit – alle Zah­len bis auf die x-​te Kom­ma­stelle genau, wenn auch nur Pro­dukt eines Ansat­zes – dar­tun, dass das Men­schen­mög­li­che unter­nom­men wird, die „hypo­the­ti­schen“ Gefah­ren zu ban­nen. Für den Staat kommt aus dem gelehr­ten Mei­nungs­aus­tausch immer noch her­aus, dass e r wohl mit den KKWs leben kann, und das Volk kann den Trost gewin­nen, dass ihm die Din­ger auch nicht mehr scha­den als andert­halb Ziga­ret­ten im Jahr.

Das prak­ti­sche Ergeb­nis der Risi­ko­ana­ly­sen, wie es dann glei­cher­ma­ßen in Beton und Stahl wie in Geset­zespa­ra­gra­phen exis­tiert, heißt so vor­nehm wie pas­send Sicher­heits­phi­lo­so­phie. Wenn der­ge­stalt bei der Tech­nik die „Gefah­ren“ ein aner­kann­tes und selbst­ver­ständ­li­ches Pro­blem bil­den, dann erfor­dert diese Tech­nik bei ihren inge­nieurs­mä­ßi­gen Schöp­fern auch eine Ein­stel­lung, die mit Wis­sen­schaft nichts gemein hat. Den Über­gang aus der ewig unvoll­kom­me­nen Welt sei­ner Mach­werke zu einem hohen Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl beherrscht noch jeder Natur­wirt. Er mag sich dabei so unphilosophisch-​einfältig geben, wie er will, auch ihm drängt sich sofort die logi­sche Ein­tei­lung des Fort­schritts in Segen und Fluch auf, und in bei­den Abtei­lun­gen meint er der größte Rea­list zu sein, weil er die natür­li­chen Zusam­men­hänge aus dem Ärmel schüt­teln kann. Der Trick ist ein­fach der, dass so ein Inge­nieurs­hirn, das Uran­stäbe nach den Zins­kos­ten zu dimen­sio­nie­ren gewohnt ist, sich auf den Stand­punkt stellt, dass seine Tech­nik ein Mit­tel über­haupt ist. Er schreibt des­halb den­sel­ben staats­bür­ger­li­chen Besin­nungs­auf­satz wie alle ande­ren Leute:

Ers­tens – der Segen – was kann man nicht alles z.B. mit dem Atom anstel­len? Die Ener­gie­lü­cke unse­rer Wirt­schaft wird gestopft, die Neger kön­nen end­lich das Erdöl für eigene Zwe­cke kon­su­mie­ren, aus den gespar­ten Koh­len wird Aspi­rin gemacht usw. usf. Und selbst von den Neu­tro­nen­bom­ben kann es nicht genug geben, weil damit ein Krieg ers­tens nichts mehr kaputt macht und zwei­tens auch noch ver­hin­dert wird.

Umge­kehrt, umge­kehrt, oder zwei­tens der Fluch: Die Mensch­heit bringt sich sel­ber um. Die Pol­kap­pen schmel­zen ab, alle Leute wer­den arbeits­los, wer noch arbei­tet, fin­det kei­nen Sinn mehr, weil den der Com­pu­ter an sich reißt, und das Vogel­zwit­schern geht im Lärm der Unter­hal­tungs­elek­tro­nik unter.

Fazit: DER MENSCH. Ewig irra­tio­nal und hoff­nungs­los zurück­ge­blie­ben hin­ter sei­nem Mit­tel. Viel­leicht könnte man ihm mit einer neuen Tech­nik auf die Sprünge helfen?

Wir mei­nen: Soll doch ein Inge­nieurs­mensch doch mal von der Abs­trak­tion Mensch und Tech­nik Abstand neh­men, also sich die Dumm­heit aus dem Kopf schla­gen, dass jedes lum­pige Indi­vi­duum auf den roten Knopf im Wei­ßen Haus drü­cken darf, sich per­sön­li­che Atom­kraft­werke zulegt und über­haupt die ganze Maschi­ne­rie zu eige­nem Nutz und From­men erfun­den hat.