Warum reden Natur­wis­sen­schaft­ler sol­chen Unsinn?

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. München

Warum reden Natur­wis­sen­schaft­ler sol­chen Unsinn?

Die Natur­for­schung in der Geisteswelt1

Nekro­log auf Hei­sen­berg. 2

Die Not der Tugend. 6

Der Krieg vom Stand­punkt der Natur­for­schung …7

… oder die Natur­for­schung vom Stand­punkt der bür­ger­li­chen Gesellschaft8

Staats­ak­tion & Teu­fels­werk. 9

Stu­die­ren um zu pro­bie­ren ?. 12

Dirty Objects, …14

Graue Theo­rie, …15

… and how it works. 18

Wis­sen­schaft­ler vom Schlage Feynman’s. 20

Die Natur­for­schung in der Geisteswelt

Die trau­rige Tat­sa­che, die der Titel unse­res Infos beim Namen nennt, ist sicher nichts Unbe­kann­tes. Natur­wis­sen­schaft­ler, sobald sie nur die Nasen­spitze über den Zaun ihrer Spe­zi­al­dis­zi­plin hin­aus­ste­cken, ver­zap­fen einen Blöd­sinn, daß man sich der gan­zen Zunft schä­men muß. Und es sind nicht die Dümms­ten unter ihnen, die daran teil­ha­ben – die Pro­duk­tion von Unfug scheint eher mit der wis­sen­schaft­li­chen Bedeu­tung der Auto­ren anzu­wach­sen. Berüch­tigt gewor­den sind die viel­fäl­ti­gen phi­los­phi­schen Nutz­an­wen­dun­gen der Quan­ten­me­cha­nik. So sollte etwa die mensch­li­che Wil­lens­frei­heit im Quan­ten­sprung ihre Grund­lage fin­den. Womit zwar nicht der Wille erklärt ist – denn was hat die Herr­schaft des Zufalls in der Natur, die das Bei­spiel bele­gen soll, hier zu suchen? -, aber jeden­falls eine Erklä­rung abge­ge­ben ist, daß von sei­ten der Natur­wis­sen­schaft­ler kein Ein­wand bestehe gegen die bür­ger­li­che Miß­ach­tung der Indi­vi­duen: An ihrem Wil­len inter­es­siert ein­zig und allein, daß man ihm einige Anstren­gung abver­lan­gen kann und ganz ent­spre­chend mit Irra­tio­na­li­tät und Will­kür zu rech­nen hat.

Eine Perle die­ser Sorte von Über­le­gun­gen sei zitiert. Der Phy­si­ker Pas­cal Jor­dan, der die gesamte heu­tige Natur­for­schung nach Anknüp­fungs­punk­ten für höhere Dinge abge­klap­pert hat, ver­mag seine Wis­sen­schaft auch in die apar­tes­ten Fra­gen kirch­li­cher Ortho­do­xie ein­zu­brin­gen und so z. B. die Zustän­dig­keit des Lamm Got­tes für die Mars­men­schen zu entscheiden:

„Die erwähn­ten katho­li­schen Theo­lo­gen haben teil­weise ver­sucht, den Gedan­ken aus­zu­füh­ren, daß die gedach­ten Bewoh­ner ande­rer Him­mels­kör­per zu einem sün­den­freien Leben befä­higt und des­halb nicht erlö­sungs­be­dürf­tig seien. Da jedoch der zweite Haupt­an­satz der Ther­mo­dy­na­mik … auch auf den frag­li­chen ande­ren Him­mels­kör­pern gilt, so kann nicht bezwei­felt wer­den, daß auch dor­tige etwaige orga­ni­sche Wesen sowohl dem Schick­sal des Todes als auch dem bio­lo­gi­schen Gesetz des Fres­sens und Gefres­sen­wer­dens unter­lie­gen …“.

So daß es ihm nur logisch scheint,

„der reli­giö­sen Erfah­rungs­tat­sa­che der Erb­sünde eine kos­mi­sche, nicht auf einen ein­zel­nen Pla­ne­ten beschrankte Bedeu­tung zuzu­schrei­ben und … die Nei­gung der Mate­rie zur Entro­pie­ver­meh­rung, also Ord­nungs­zer­stö­rung, als phy­si­ka­li­sches Spie­gel­bild oder auch als phy­si­ka­li­schen Unter­bau der Erb­sünde zu betrach­ten.“ (Der Natur­wis­sen­schaft­ler vor der reli­giö­sen Frage, S. 340)

Für das komisch-​paradoxe Unter­fan­gen, dem Glau­ben mit der Wis­sen­schaft zu Hilfe zu kom­men, muß Jor­dan den Ergeb­nis­sen von Phy­sik und Bio­lo­gie ihren bestimm­ten Inhalt erst wie­der neh­men. Das zitierte Grund­ge­setz der Bio­lo­gie fin­det sich in kei­nem ihrer Lehr­bü­cher, und wenn sich die Ther­mo­dy­na­mik mit Bewe­gungs­zu­stän­den der Mate­rie befaßt, die durch For­meln aus der Sta­tis­tik cha­rak­te­ri­siert sind, dann han­delt sie gerade nicht von Ord­nung über­haupt, geschweige denn von Tod und Leben als deren Son­der­fäl­len. Ver­ständ­lich, daß die Müh­sal sol­cher A b s t r a k t i o n e n die katho­li­schen Theo­lo­gen nicht unbe­dingt befrie­di­gen kann: noch jeder dicke Mönch ist über­zeugt, daß er Ord­nung schafft statt zer­stört, wenn er, der Nei­gung sei­ner Mate­rie fol­gend, sei­nen Tel­ler leer frißt. Was frei­lich kei­nen armen Schlu­cker und Laien hin­dern wird, den Wor­ten des guten Pas­cal eini­gen Trost zu ent­neh­men. Hat der ihm doch klipp und klar bewie­sen, daß es hie­nie­den (Scheiß­ma­te­rie!) nir­gends bes­ser sein kann als so, wie er es auf sei­ner alten Erde kennt und wenig schätzt. Das Prin­zip, das in die­sem Zitat prak­ti­ziert wird, ist unschwer in zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen wie­der­zu­er­ken­nen, die von Quan­ten­theo­rie und Hei­deg­ger (v. Weiz­sä­cker) oder Abs­trak­tion in moder­ner Phy­sik und moder­ner Kunst (Hei­sen­berg) und der­glei­chen mehr han­deln. Was da als Fort­set­zung der Natur­wis­sen­schaft auf­tritt, ist sicher nicht ihre wis­sen­schaft­li­che Fort­set­zung. Die Will­kür der Bezie­hun­gen stellt von vor­ne­her­ein klar, daß es nicht um die Erklä­rung der behan­del­ten Sachen geht. Was aber nicht die Kon­se­quenz aus dem Wis­sen über die Natur ist, son­dern des­sen Zer­stö­rung beinhal­tet, scheint den Wis­sen­schaft­lern den­noch ihrer Mühe bedürf­tig. Sie hal­ten es für die not­wen­dige Ergän­zung der Natur­for­schung, ihre Resul­tate mit ande­ren geis­ti­gen Sphä­ren unter einen Hut zu brin­gen und für den Zweck einer mora­li­schen Auf­rüs­tung zuzurichten.

Nekro­log auf Heisenberg

Natur­wis­sen­schaft­ler selbst ver­wei­sen gewöhn­lich dar­auf, daß es die Krise des mecha­nis­ti­schen Welt­bil­des war, die ihnen phi­lo­so­phi­sche Refle­xio­nen, so frag­wür­dig weil dilet­tan­tisch die auch im ein­zel­nen aus­ge­fal­len sein mögen, abver­langt habe. Der Ver­dacht, daß es sich bei die­sem Argu­ment um ein wei­te­res Bei­spiel des oben geschil­der­ten Sach­ver­halts han­delt, bestä­tigt sich aber sofort. Die neue Offen­heit des Den­ken, die Auf­lö­sung des star­ren Rah­mens der klas­si­schen Phy­sik ver­dankt sich näm­lich einer merk­wür­di­gen Ent­ge­gen­set­zung. Nicht etwa die fal­schen Vor­stel­lun­gen, die auch bei den Vor­gän­gern der heu­ti­gen For­scher anzu­tref­fen sind, wer­den hier einer Ana­lyse unter­zo­gen, um sie von ihrem Wis­sen über die Natur zu schei­den. Indem man viel­mehr dar­auf pocht, daß die Phy­sik heute wei­ter ist als damals, ver­legt man den Grund des

Schreck­bil­des von Mate­ria­lis­mus und Deter­min­si­mus, als das man die Auf­fas­sung des 19. Jahr­hun­derts zu prä­sen­tie­ren liebt, in den Ent­wick­lungs­stand der Phy­sik. Es ist, wie wenn die Kennt­nis eines blo­ßen Teils der Natur, z.B. der Mecha­nik, zu irgen­wel­chem Hum­bug ver­pflichte oder wenigs­tens geneigt mache. So wenig sich diese Argu­men­ta­tion also um die Phy­sik ver­dient macht, so viel ist ihren Ver­tre­tern dabei an der Legi­ti­ma­tion einer Ein­stel­lung zur Wis­sen­schaft gele­gen, einer Ein­stel­lung aller­dings, die sich von der der Alt­vor­de­ren unter­schei­det.[1] *)

W. Hei­sen­berg hat sich um diese Dis­kus­sion beson­ders ver­dient gemacht, und es ist des­halb hier der Ort, sei­ner zu geden­ken. Die zahl­rei­chen Nach­rufe, die in der Presse auf den Tod die­ses Phy­si­kers folg­ten, nah­men in gewohn­ter Manier die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung des Ver­stor­be­nen zum Anlaß, um ihn für andere Qua­li­tä­ten zu loben – als beschei­de­nen Men­schen, abend­län­di­schen Den­ker etc. Zeig­ten die Schrei­ber so, welch unwis­sen­schaft­li­chen Geis­tes Kind sie sel­ber sind und wel­che Tugen­den sie dem Volk wün­schen, so beweist das Oeu­vre des Ver­bli­che­nen, daß er mit ihnen einig ist. Er hat ihrer Dar­stel­lung sei­ner Leis­tung schon aufs Erfreu­lichste vor­ge­ar­bei­tet, indem er in popu­lä­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen den Lesern anstelle der Ergeb­nisse der moder­nen Phy­sik deren Bedeu­tung erklärt hat. „Die ein­zel­nen Schritte der For­schung sind oft so kom­pli­ziert, ihre Begrün­dung ist so schwie­rig, daß sie

nur von der klei­nen Gruppe der Fach­leute ver­folgt wer­den kön­nen. Die ent­schei­den­den Wen­dun­gen aber gehen einen gro­ßen Kreis von Men­schen an und müs­sen in die­sem gro­ßen Kreis ver­stan­den wer­den. Ein sol­ches Ver­ständ­nis kann, da die ins Ein­zelne gehende Begrün­dung feh­len muß, nur dadurch zustande kom­men, daß die neuen Gedan­ken in ihrer Bezie­hung zu den ver­schie­dens­ten Fra­gen all­ge­mei­ner, ins­be­son­dere phi­lo­so­phi­scher Art immer von neuem erör­tert wer­den.“ (Wand­lun­gen in den Grund­la­gen der Natur­wis­sen­schaft, S. 6)

Das Argu­ment ist ebenso falsch wie säu­isch: weil die Leute nichts von der Wis­sen­schaft ver­ste­hen, muß man ihnen was ande­res bei­brin­gen. Und zwar will Hei­sen­berg sie Mores leh­ren. Denn wenn die all­ge­mei­nen Fra­gen ohne Ein­zel­hei­ten und Begrün­dung aus­kom­men, und man sie immer von neuem auf­zu­wär­men hat, dann besteht ihre All­ge­mein­heit in der Auf­for­de­rung, man solle auf eine Erklä­rung nicht drin­gen, und das bezweckte Ver­ständ­nis hat nur durch Miß­brauch etwas mit dem Ver­stand zu tun.

„Der Mensch steht nur noch sich selbst gegen­über.“ (Natur­bild, S. 17),

lau­tet Hei­sen­bergs Dia­gnose für die „all­ge­meine Situa­tion unse­rer Zeit“, und für die Not­wen­dig­keit der mora­li­schen Ver­an­stal­tung, die er damit eröff­net, gibt ihm die Quan­ten­theo­rie den Kron­zeu­gen ab. Diese habe näm­lich herausgekriegt,

„daß wir die Bau­steine der Mate­rie, die ursprüng­lich als die letzte objek­tive Rea­li­tät gedacht waren, über­haupt nicht mehr an sich betrach­ten kön­nen, daß sie sich irgend­ei­ner objek­ti­ven Fest­le­gung in Raum und Zeit ent­zie­hen und daß wir im Grunde immer nur unsere Kennt­nis die­ser Teil­chen zum Gegen­stand der Wis­sen­schaft machen kön­nen.“ (S. 18) Der Gegen­stand der Natur­wis­sen­schaft soll nur mehr unsere Kennt­nis sein, die ja auch wie­derum Kennt­nis eines Gegen­stands ist usw. usf. ad absur­dum. So rich­tig es nun ist, daß jene Bau­steine der Mate­rie keine Dach­zie­gel dar­stel­len, die von den Geset­zen der Mecha­nik regu­liert wer­den und sich des­halb in Raum und Zeit fest­le­gen ebenso wie aufs Haus schich­ten las­sen – so rich­tig dies und Posi­ti­ve­res sein mag, was die moderne Physik

her­aus­ge­bracht hat: daß man die Bau­steine nicht an sich betrach­ten könne, folgt dar­aus nicht. Hei­sen­berg selbst beruft sich ja dar­auf, daß er ihre objek­tive Beschaf­fen­heit kennt und dar­aus einen Schluß gezo­gen hat. Doch läßt er die klei­nen Din­ger­chen nur zur Ent­schei­dung einer Frage antre­ten, die ihre eigene Natur nicht betrifft. Er hält an ihnen fest als Bau­stei­nen und läßt sie sich zugleich als die „letzte“ objek­tive Rea­li­tät bla­mie­ren. Weil sich die Welt aus ihnen nicht zusam­men­set­zen läßt, wie man aber den­ken soll, büßen sie ihre Kre­dit­wür­dig­keit ein, und der Grund und Boden, auf dem sich die Wis­sen­schaft bewegt, ist sehr schwan­kend gewor­den. Hei­sen­bergs Argu­ment lebt von einem Ver­gleich mit mecha­ni­schen Ver­hält­nis­sen, des­sen Zweck er ver­rät, wenn er als sei­nen Wider­part die Vor­stel­lun­gen des 19. Jahr­hun­derts wie folgt zusammenfaßt:

„Der Fort­schritt der Wis­sen­schaft erschien als Erobe­rungs­zug in die mate­ri­elle Welt. Nütz­lich­keit war das Losungs­wort der Zeit.“ (Phy­sik und Phi­lo­so­phie, S. 166)

Wer also meint, daß alles in der Welt mecha­nisch zugeht, pro­kla­miert es, laut Hei­sen­berg, als eine Sache, die man der eige­nen Bestim­mung unter­wer­fen und sich zunutze machen kann. Daß die­ses Prin­zip uni­ver­sel­ler Nütz­lich­keit aber nicht der Weis­heit letz­ter Schluß sein darf, son­dern ein­ge­schränkt gehört, ist Hei­sen­bergs Anlie­gen. Es gäbe sonst kei­nen Platz für „die Begriffe Geist, mensch­li­che Seele und Leben“ (ebd.), jam­mert er und meint, die ange­kratzte Krone der Schöp­fung aus­ge­rech­net in der Phy­sik auf­po­lie­ren zu müs­sen. Und wie immer, wenn es auf den Men­schen eigens ankom­men soll, erhält er eine jäm­mer­li­che Rolle zuge­wie­sen: er soll darin tri­um­phie­ren, daß er in der Phy­sik end­los nur sich selbst bespiegelt.

Die Anstren­gung, aus der moder­nen Phy­sik das Gegen­teil einer Wis­sen­schaft von der Natur zu machen, wird nicht nur in Phy­si­ker­krei­sen geübt. Moral­pre­di­ger von Pro­fes­sion und ihre zeit­ge­nös­si­schen Brü­der, die Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker, betrach­ten die Phy­sik als ein Schatz käst­lein von Para­do­xien und Rät­seln, die sie nicht etwa zu Ende den­ken und auf­lö­sen wol­len, son­dern ihren Lesern als Demons­tra­tion dafür ans Herz legen, wie uner­gründ­lich schon die natür­li­che Welt sei.[2] Aber wenn es schon unmit­tel­bar einleuchtet,

warum die Pas­sa­gen von Hei­sen­berg, Jor­dan und Co. ganz ebenso in Schulle­se­bü­chern, die bekannt­lich keine Ein­füh­rung in die Atom­phy­sik bezwe­cken, zu fin­den sind wie in den from­men Flug­schrif­ten, mit denen Sek­ten­pre­di­ger arg­lose Pas­san­ten bedrän­gen, so muß es doch erstau­nen, daß es die pas­sen­den Zitate über­haupt gibt, nach­dem die Natur­wis­sen­schaft einen jahr­hun­der­te­lan­gen Kampf gegen Glau­ben und Welt­an­schau­ung geführt hat. Oder, nicht weni­ger ein wis­sen­schafts­ge­schicht­li­ches Para­do­xon, daß zeit­ge­nös­si­sche Natur­wis­sen­schaft­ler ihre Befrei­ung aus den Schran­ken der klas­si­schen Phy­sik, d. h. einen Fort­schritt ihrer Dis­zi­plin, nur fei­ern, um vor der Über­schät­zung ihrer Wis­sen­schaft zu war­nen. Warum also, lau­tet unsere Frage, neh­men Leute, die z. B. über Raum, Zeit und Mate­rie nach­den­ken, das Resul­tat ihrer For­schun­gen zum Anlaß, sich in einen der­art schrei­en­den Gegen­satz zu ihrer Leis­tung zu bege­ben? In den fol­gen­den Arti­keln soll diese Frage beant­wor­tet wer­den für die cha­rak­te­ris­ti­schen Feh­ler, die Natur­wis­sen­schaft­ler in der Refle­xion auf ihre Wis­sen­schaft machen. So viel wird frei­lich schon aus dem Mate­rial die­ser Ein­lei­tung deut­lich: Ihr Blöd­sinn hat einen Sinn, und wer es ein­fach lächer­lich fin­det, wenn Atom­phy­si­ker sich auf die Suche nach dem Men­schen und sei­nem Him­mel­reich machen, bekun­det nur seine Freude dar­über, daß es auch noch effek­ti­vere Wei­sen gibt, die Bür­ger Mores zu leh­ren. – Hei­sen­berg will i n der Wis­sen­schaft eine Grenze für ihren Fort­schritt bezeich­nen kön­nen, der frü­he­ren Zei­ten als „Sie­ges­zug in die mate­ri­elle Welt“ erschien, des­sen tech­ni­sche Voll­en­dung heute aber zu Beden­ken Anlaß gibt:

„In die­ser Zeit braucht die Erwei­te­rung der Tech­nik aber kein Fort­schritt mehr zu sein. “ (Natur­bild, S. 17)

Ob er also schließ­lich die Objek­ti­vi­tät der Phy­sik leug­net, weil er sie sei­ner skep­ti­schen Betrach­tung der Zeit­läufe unter­wirft, oder ob seine Kol­le­gen auf ihre plum­pere Tour die Ver­ein­bar­keit von Natur­ge­setz und freiem Wil­len oder die Kon­gru­enz von Wis­sen­schaft und Reli­gion demons­trie­ren wol­len – stets mühen sich diese Revi­sio­nen der Ergeb­nisse der Natur­wis­sen­schaft ab, eine Dif­fe­renz zu til­gen, die die Wis­sen­schafts Sub­jekte quält. Die Natur­wis­sen­schaft kann sich mit ihrer Leis­tung nicht als so staats­fromm qua­li­fi­zie­ren, wie es diese Men­schen gerne hät­ten. Daß aus der Erkennt­nis von Natur­zu­sam­men­hän­gen sich nie und nim­mer irgend­wel­che sittlich-​moralischen Lebens­re­geln erge­ben oder ablei­ten las­sen, krei­den diese moder­nen Moral­apos­tel ihrer Wis­sen­schaft als deren Man­gel an. Und mit die­ser ver­rück­ten Kri­tik begrün­den sie ihre gesam­ten ideo­lo­gi­schen Vor-​, Nach– und Zusätze ihrer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit, in denen sie sich bemü­hen, fromme Weis­hei­ten als urei­genste Ver­län­ge­rung der natur­wis­sen­schaft­li­chen Resul­tate erschei­nen zu las­sen. Den Grund für ihre zusätz­li­chen Bemü­hun­gen machen die Natur­wis­sen­schaft­ler expli­zit, wenn sie die Anwen­dung ihrer Ergeb­nisse m o r a lisch beur­tei­len. Dem Natur­wis­sen­schaft­ler als Mora­lis­ten gilt der nun fol­gende Artikel.

Die Not der Tugend

Der Natur­wis­sen­schaft­ler, der sich in Namen der Moral an die Öffent­lich­keit wen­det, hat gute Aus­sich­ten, eine Insti­tu­tion auf die­sem Gebiet zu wer­den. Selbst Zyni­ker, die die Moral auf eigen­nüt­zige Motive zurück­füh­ren und sich nicht scheuen, der Wohl­tä­tig­keit der Prä­si­den­ten­gat­tin poli­ti­sche Berech­nung und dem Herrn Pfar­rer über­haupt ero­ti­sche Sehn­süchte zu unter­stel­len, müs­sen zuschan­den wer­den vor der Inte­gri­tät weiß­haa­ri­ger Nobel­preis­trä­ger, deren Lebens­in­halt die Objek­ti­vi­tät ist, und die sich die Pro­bleme der Mensch­heit zu eigen machen, ohne in deren Getriebe ver­strickt zu sein. Für den Natur­wis­sen­schaft­ler ist dies die außer­fach­li­che Leis­tung par excel­lence, die immer wie­der von ihm erwar­tet wird und sich ent­spre­chen­der Wert­schät­zung erfreut. Was ihm sonst als Grenz­über­schrei­tung ange­krei­det oder auch ver­zie­hen wird, ist hier erst ein­mal der Beweis für die Soli­di­tät sei­ner Bemü­hun­gen, und jede neue Frankenstein-​Verfilmung ver­ur­teilt eine Natur­for­schung, die, anstatt dadurch Mensch­lich­keit zu üben, daß sie sich selbst mora­lisch rela­ti­viert, ihrem eige­nen dunk­len Drang zu weit folgt. Doku­men­tie­ren die Bür­ger so ein ange­stamm­tes Recht auf ihre Wis­sen­schaft, so will der Natur­wis­sen­schaft­ler gerade dem Lauf ihrer Welt Ein­halt gebie­ten. Ihn haben Miß­stände auf den Plan geru­fen, und seine mora­li­schen Appelle kri­ti­sie­ren das Publi­kum – so daß ihm sein viel­ge­lob­tes Enga­ge­ment doch wie­derum die Vor­würfe zuzieht, die für Welt­ver­bes­se­rer die Regel sind.

Wenn Natur­wis­sen­schaft­ler mora­lisch wer­den, dann sind sie mit der Anwen­dung ihrer Ent­de­ckun­gen nicht zufrie­den. Sei es, daß ihnen eine Welt voll Tech­nik über­haupt zu unge­müt­lich vor­kommt, sei es, daß sie die Raum­fahrt für ein Geld ver­schlin­gen­des Aben­teuer hal­ten, oder daß sie auf bedroh­li­che Phä­no­mene wie die Atom­bombe oder man­cher­lei Umwelt­ver­schmut­zung sto­ßen – stets sehen sie einen Anlaß darin, die Mensch­heit zur Besin­nung auf sich selbst aufzurufen.

Albert Ein­stein hat diese Posi­tion klas­sisch formuliert:

„Die Natur­wis­sen­schaft hat zwar die gegen­wär­tige Gefahr her­bei­ge­führt, aber das wirk­li­che Pro­blem liegt im Den­ken und im Her­zen der Men­schen.“ (Erklä­rung des Emer­gency Comit­tee of Ato­mic Sci­en­tists, 1946).

Diese Ent­ge­gen­set­zung ist falsch, so geläu­fig sie ist. Kon­sta­tiert Ein­stein, daß das wirk­li­che Pro­blem, das ihm Sorge berei­tet, kei­nes der Natur­wis­sen­schaft ist, so könnte er sie getrost ver­ges­sen; sie käme hier erst ein­mal gar nicht in Betracht. Doch meint er sie ent­schul­di­gen zu müs­sen, gibt im Aus­gangs­punkt also ihr die Ver­ant­wor­tung für die beschwo­rene Gefahr und will mit sei­nem „zwar aber“ sagen, daß s i e der Urhe­ber der Bedro­hung und zugleich unfä­hig sei, die­ser ent­ge­gen­zu­wir­ken, daß der Aus­weg also ande­ren Mäch­ten anheim­zu­stel­len sei. Die mise­ra­ble Situa­tion gilt ihm als selbst­ver­ständ­li­che Folge des Wis­sens über die Natur. Nun hat man die­ses Wis­sen, Ver­ges­sen ist nicht drin – was soll man da noch ändern kön­nen außer der eige­nen Ein­stel­lung? Und daß er mit die­ser Wen­dung zum wirk­li­chen Pro­blem nicht das Den­ken emp­feh­len, son­dern Mäßi­gung prak­ti­ziert sehen will, erhär­tet Ein­stein durch einen bio­lo­gi­schen Ver­gleich: „Bei evo­lu­tio­nä­ren Vor­gän­gen kommt es oft vor, daß eine Gat­tung sich neuen Lebens­um­stän­den anpas­sen muß, um wei­ter zu bestehen.“

Die bit­tere Not­wen­dig­keit, sich zu fügen, erhält so den schö­nen Trost der Soli­da­ri­tät mit jedem Vieh, das seine his­to­ri­schen Umstände frei­lich nicht – schon gar nicht durch eine Wis­sen­schaft! – sel­ber gemacht hat. Ein­steins Prä­misse ist denn auch falsch. Mit sei­nem schlich­ten „her­bei­ge­führt“ behaup­tet er die Unver­meid­lich­keit jed­we­der Anwen­dung eines Natur­ge­set­zes, die er also im sel­ben Atem­zug bil­ligt, wo er mora­lisch dage­gen ein­tritt. Denn wer die Kennt­nis davon, was alles mit einem Natur­ge­gen­stand gemacht wer­den kann, und ihren tat­säch­li­chen Gebrauch nicht aus­ein­an­der­hal­ten will, beschei­nigt den Zwek­ken, die sich in der Anwen­dung zur Gel­tung brin­gen, ihre Not­wen­dig­keit und seine Anerkennung.

Der Krieg vom Stand­punkt der Naturforschung …

Han­delt es sich bei der gegen­wär­ti­gen Gefahr um die Atom­bombe – und dies Bei­spiel soll hier das Mate­rial lie­fern -, so ist klar, wel­che neue Ein­stel­lung her muß. Natur­wis­sen­schaft­ler wer­den zu Apos­teln des Frie­dens, appel­lie­ren in die­sem Sinn an das Welt­ge­wis­sen, orga­ni­sie­ren Unter­schrifts­lis­ten etc. – und ihr Argu­ment ist stets das eine: wegen der neuen Waf­fen sol­len die Men­schen Frie­den hal­ten. Sie tei­len mit die­ser Kon­se­quenz den Zynis­mus aller Moral­pre­di­ger, die sich für Abs­trak­tio­nen wie die Men­scheit und den Frie­den stark machen, d.h. dafür, daß sich das Recht des S t ä r k e r e n , der ja die Bombe ein­set­zen kann, ohne Kom­pli­ka­tio­nen durch­setzt, also daß er sie erst­mal nicht abwirft. Wer vor der Bombe warnt, ist sich gewiß, daß es in der Welt nicht fried­lich zugeht – er kon­sta­tiert Gewalt allent­hal­ben oder hat aus der Exis­tenz der Bombe sei­nen Schluß auf die wenig erbau­li­chen Ziele der Staa­ten gezo­gen. Wer aber zum

Frie­den auf­ruft, ist so wenig gewillt, gegen die Ursa­chen der Gewalt zu kämp­fen, daß er noch nicht ein­mal den Grün­den sei­ner dies­be­züg­li­chen Sicher­heit nach­zu­ge­hen sich ent­schließt. Den exis­tie­ren­den Gegen­sät­zen hält er ihr Ideal der Gemein­sam­keit vor und beant­wor­tet sich die Frage nach dem Grund des Krie­ges tau­to­lo­gisch damit, daß eben der Friede fehle.[3]

Die Pazi­fis­ten unter den Natur­wis­sen­schaft­lern sind denn auch nicht ange­tre­ten, um sich die Natur des Krie­ges zu erklä­ren, den sie ver­hin­dern wol­len. Sie iden­ti­fi­zie­ren ihn mit dem Scha­den, den er anzu­rich­ten imstande ist, und haben nichts ande­res im Sinn als die W i r k u n g e n , die dort aus den Anwen­dun­gen ihrer Ent­de­ckun­gen her­vor­ge­hen.[4] Dies ist der Aus­gangs­punkt ihrer mora­li­schen Akti­vi­tä­ten und der blei­bende Inhalt ihrer Mah­nun­gen, die des­halb von Kon­di­tio­nal­sät­zen nur so wim­meln. In der Main­auer Erklä­rung der Nobel­preis­trä­ger 1955 heißt es z. B.:

„Mit Freu­den haben wir unser Leben in den Dienst der Wis­sen­schaft gestellt. Sie ist, so glau­ben wir, ein Weg zu einem glück­li­che­ren Leben der Men­schen. Wir sehen mit Ent­set­zen, daß eben diese Wis­sen­schaft der Mensch­heit Mit­tel in die Hand gibt, sich selbst zu zer­stö­ren. Vol­ler krie­ge­ri­scher Ein­satz der heute mög­li­chen Waf­fen kann die Erde s o sehr radio­ak­tiv ver­seu­chen, daß… Wenn ein Krieg zwi­schen den Groß­mäch­ten ent­stünde… usw. „

Über­zeugt und wil­lens, mit ihrer For­schung dem Wohl der Mensch­heit zu die­nen, sind diese Leute mit einer Nutz­bar­ma­chung ihres Wis­sens kon­fron­tiert, in der sie alles andere als einen Nut­zen zu sehen ver­mö­gen. Krieg darf nicht sein, damit kein sol­cher Scha­den ent­stehe, lau­tet ihr Schluß, den sie in aller Regel noch mit einem freund­li­che­ren Zusatz ver­se­hen. Nicht weni­ger dras­tisch, wie sie die mög­li­chen Zer­stö­run­gen durch die Bombe schil­dern, füh­ren sie die mög­li­chen Seg­nun­gen einer fried­li­chen Ver­wen­dung der Kern­en­er­gie vor Augen. Mit ihren mora­li­schen Anstren­gun­gen wol­len sie den Nut­zen ver­grö­ßern, den die Gesell­schaft von ihrer Natur­wis­sen­schaft hat.

Seit den ältes­ten Zei­ten hat die Mensch­heit über Mit­tel ver­fügt, sich selbst zu ver­nich­ten – Mes­ser, Schere, Gabel, Licht … -, wenn die Indi­vi­duen es nur gewollt hät­ten. So daß nur der­je­nige ange­sichts gewan­del­ter Metho­den ein Pro­blem krie­gen kann, der For­men kennt und respek­tiert, in denen sich die Leute tag­täg­lich ihre Exis­tenz strei­tig machen. Daß dies die Regel und ein Zwang ist, freie Kon­kur­renz gehei­ßen, stört die mora­li­sie­ren­den Natur­wis­sen­schaft­ler nicht im gerings­ten: sie wol­len, daß es dabei bleibt, und war­nen des­halb vor dem Über­maß– der allzu wirk­sa­men Bombe, die fähig ist, in der Kon­kur­renz der Staa­ten beide Sei­ten ins Unglück zu stür­zen. Und sie möch­ten der­glei­chen Zustän­den zu noch schö­ne­rer Blüte ver­hel­fen, wenn sie mit Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­gen wie der fried­li­chen Nut­zung der Kern­en­er­gie anrücken.

… oder die Natur­for­schung vom Stand­punkt der bür­ger­li­chen Gesellschaft

Die Sor­gen, die sich diese For­scher machen, gel­ten also dem Fort­be­stand ihres Gemein­we­sens und sei­ner kri­ti­ka­blen Grund­lage. Mit ihrem Ent­set­zen dar­über, der Mensch­heit durch die theo­re­ti­schen Leis­tun­gen der Kern­phy­sik ein Instru­ment der Selbst­zer­stö­rung ver­schafft zu haben, geben diese Leute nun zwei­er­lei zu ver­ste­hen. Ers­tens, daß ihre Wis­sen­schaft der Pra­xis von Staat und Gesell­schaft als ein Mit­tel sub­su­miert ist, denn die Natur­for­schung pro­du­ziert Wis­sen und weder Bom­ben noch andere nütz­li­che Dinge, so brauch­bar es auch dafür ist. Und zwei­tens, daß sie nicht diese Funk­tion, son­dern nur jene mög­li­che Kon­se­quenz der Selbst­zer­stö­rung befrem­det. Ihr Ent­set­zen kommt erst durch den Kon­trast zustande, den aus­zu­ma­len sie sich ja auch beflei­ßi­gen. Sie wen­den sich gegen die dro­hende Gefahr, weil ihre Wis­sen­schaft für den Nut­zen von Staat und Gesell­schaft bestimmt ist, und machen gel­tend, daß ihre Arbeit nur so ihre Erfül­lung fin­det. Es ist die Treue zu ihrer Pro­fes­sion, die die Natur­for­scher auf staats­bür­ger­li­che Gedan­ken bringt. Wenn sie dabei ihre Arbeit als „W e g zu einem glück­li­che­ren Leben der Men­schen“ cha­rak­te­ri­sie­ren, so haben sie nicht die Absicht, sich wei­ter mit die­sem Leben und den ihm unter­stell­ten Nöten zu befas­sen. Sie sind es zufrie­den, Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, die ihrer Natur nach sol­che der mate­ri­el­len Pro­duk­tion sind und sich hier ganz offen­kun­dig Tag für Tag bewäh­ren. Ihre Wis­sen­schaft ent­spricht also den prak­ti­schen Not­wen­dig­kei­ten der Leute, indem sie Mit­tel für den Reich­tum ist.

Aber wenn auf die­ser Basis nun die Unwahr­heit einen schö­nen Schluß abgäbe, der Wohl­stand der Indi­vi­duen sei auch die Folge und über­haupt der Zweck des Gan­zen, so zögern unsere klu­gen Män­ner doch, sich unum­wun­den dazu zu beken­nen. Sie las­sen sich hier das Glück ein­fal­len, und sei­nes Glü­ckes Schmied muß schließ­lich jeder sel­ber sein. Was ihnen frei­lich nicht als Hin­der­nis, son­dern umge­kehrt als der gute Grund dafür vor­kom­men mag, daß ihre Wis­sen­schaft ganz unge­ach­tet aller beson­de­ren Zwe­cke, Mit­tel und Tätig­kei­ten, die einer hat, zu eben sei­nem Glück auch hin­führt. Mit die­ser Wert­schät­zung ihres Tuns for­mu­lie­ren die Natur­for­scher das Ideal einer Wis­sen­schaft, die als Gegen­stand pri­va­ten Nut­zens fun­giert und dabei von den Zwe­cken nichts weiß und wis­sen will. Wenn sich die Wis­sen­schaft aber so jeg­li­chen Gedan­ken an die Pra­xis, auf die sie es abge­se­hen hat, aus dem Kopf schlägt, und ihr eige­nes prak­ti­sches Ziel als Abs­trak­tion von jedem vor­find­li­chen Inter­esse an ihrer Leis­tung fixiert, dann kann es in die­ser Pra­xis nicht zum Bes­ten ste­hen, und das Ideal der Mensch­heits­be­glü­ckung gehört einer Pro­duk­ti­ons­weise an, in der jede Anwen­dung der Natur­er­kennt­nis einen G e g e n s a t z gegen diverse Teile der Mensch­heit resü­miert. Der Fort­schritt, wie ein andere Name für die­ses Ideal lau­tet, besteht in den tech­ni­schen Anstren­gun­gen der­je­ni­gen Leute, die als Eigen­tü­mer über Pro­duk­tiv ver­mö­gen ver­fü­gen und sich für des­sen Wei­ter­kom­men ein­set­zen. Diese Kapi­ta­lis­ten wol­len durch den Ein­satz tech­no­lo­gi­schen Wis­sens ihre Kon­kur­ren­ten aus dem Felde schla­gen, wes­halb sie mit den Maschi­nen auch nie ihren Arbei­tern die Pla­cke­rei erleich­tern oder irgend­wel­che Reich­tü­mer besche­ren, son­dern die­sem Kos­ten­fak­tor feind­se­lig auf den Leib rücken.

Natur­wis­sen­schaft­ler machen sich für die Gesell­schaft durch eine Leis­tung nütz­lich, die sel­ber mit der Gesell­schaft und ihren Zie­len nichts zu schaf­fen hat. Wenn sie die ideo­lo­gi­sche Bewäl­ti­gung die­ses Wider­spruchs zu ihrem Lebens­in­halt machen, so stel­len sie stets die Welt auf den Kopf: Sie unter­stel­len der Natur Wis­sen­schaft einen eige­nen Zweck – dem Fort­schritt zu die­nen – und machen die Welt des Kapi­tals, die die Natur­wis­sen­schaft als ihr Mit­tel benutzt, zum Men­tor, nicht des Pro­fits, son­dern der Tech­nik. Dazu müs­sen sie frei­lich die Wis­sen­schaft mit ihren gesell­schaft­li­chen Wir­kun­gen gleich­set­zen, und die Hin­gabe an die Natur­for­schung fällt ihnen umso leich­ter, als sie sich dabei als die Hel­den der Nation, wenn nicht der Mensch­heit vor­kom­men. Sie hal­ten, alle kleine Ein­steins, jeden Gebrauch, der von ihren Resul­ta­ten gemacht wird, für deren urei­gene Kon­se­quenz und leis­ten sich so den Fehl­schluß, der sie in die Pflicht der freien For­schung nimmt. Weil die Zwe­cke aber, für die sie damit Par­tei ergrei­fen, Kol­li­sio­nen ein­schlie­ßen, denen mit natur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­sen nicht bei­zu­kom­men ist, wer­den die Freu­den ihres Diens­tes durch man­che Sorge um sei­nen Nut­zen getrübt, und neben den Berufs­stolz tritt der Abscheu vor den eige­nen Pro­duk­ten. Indem sie ihre theo­re­ti­schen Leis­tun­gen in man­nig­fa­chen zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten wie­der­fin­den kön­nen, gera­ten sie auf die Illu­sion, die posi­tive Wir­kung des Gebrauchs ihres Wis­sens sei iden­tisch mit dem Zweck, für den es zur Anwen­dung gelangt. Wenn dann die Aus­wir­kun­gen, wie sie müs­sen, ein­mal weni­ger erfreu­lich aus­fal­len, wer­den sie mora­lisch und ver­wei­sen auf das Wohl der Mensch­heit, als wäre die­ser Zweck objek­tiv. Und schon durch die Ohn­macht, die sie als Mora­lis­ten zur Form ihrer Akti­vi­tä­ten wäh­len, geben sie zu erken­nen, daß sie ihr Ein­ver­ständ­nis mit der Unter­wer­fung ihrer Wis­sen­schaft unter die beste­hende gesell­schaft­li­che Pra­xis nicht auf­kün­di­gen wer­den. Wes­halb sie ihre Mani­feste auch auf der schö­nen Insel Mainau abfas­sen dürfen.

Staats­ak­tion & Teufelswerk

Daß es ihnen um die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft zu tun ist, wenn sie den Nut­zen ihrer Wis­sen­schaft ver­grö­ßern wol­len, bewährt sich auch in den Kon­se­quen­zen, die zu zie­hen sich manch einer zugute hält. Wer nicht ein­fach zwecks Ver­meh­rung des ver­füg­ba­ren Wis­sens zum For­scher­all­tag zurück­kehrt und seine mora­li­schen Anstren­gun­gen ableis­tet wie den Kirch­gang am Sonn­tag, kann sich ent­we­der der staats­freund­li­chen Tätig­keit eines poli­ti­schen Natur­wis­sen­schaft­lers wid­men oder aus Liebe zu sei­nen Idea­len ver­zwei­feln und sich selbst zur tra­gi­schen Figur erklären.

Zunächst also, wes­sen Spe­zia­li­tät es ist, mit vor­ge­stell­ten Lei­chen den Krieg abschaf­fen zu wol­len, kann seine Kar­riere machen als Experte des Staa­tes. Nicht beim Bau von Bom­ben macht er sich nütz­lich, son­dern mit der Abschät­zung ihrer Wir­kung und stellt so sei­ner Regie­rung das Mate­rial zur Ver­fü­gung, das sie bei der Ver­fol­gung ihrer Zwe­cke abzu­wä­gen hat, damit die Kos­ten nicht den Nut­zen über­stei­gen. So ent­ste­hen Bücher wie das von C. F. v. Weiz­sä­cker her­aus­ge­ge­bene „Kriegs­fol­gen (!) und Kriegs­ver­hü­tung“, in denen auf Zent­nern von Papier aus­ge­rech­net wird, was alles pas­siert, wenn eine dicke Bombe auf Wanne-​Eickel fällt oder eine klei­nere woan­ders hin oder beide gleich­zei­tig usf. Mit die­sen Anstren­gun­gen, den Krieg als die weni­ger güns­tige Alter­na­tive nach­zu­wei­sen, lie­fern die Mora­lis­ten den schla­gen­den Beweis, daß ihr Friede seine Iden­ti­tät mit dem Kriegs­zu­stand hat und es sich um zwei Vari­an­ten der­sel­ben Poli­tik han­delt, die auch die ihre ist.

Die Fort­exis­tenz der bür­ger­li­chen Ver­hält­nisse wird hier also unmit­tel­bar und aus­drück­lich zum Geschäft von Natur­wis­sen­schaft­lern, des­sen Cha­rak­ter ihnen von Haus aus unge­wohnte Leis­tun­gen abver­langt. Weil sich der Staat mit kon­trä­ren Inter­es­sen einige Mühe geben muß, ist es schon zum Gemein­platz gewor­den, daß Exper­ten sich strei­ten. Welch her­vor­ra­gende Dumm­hei­ten dabei nötig wer­den, stelle dies­mal ein Freund und För­de­rer der ato­ma­ren Rüs­tung unter Beweis. Der als Vater der Was­ser­stoff­bombe bekannte Edward Tel­ler hat berech­net, daß die Gefähr­dung durch den Fall-​out der Atom­bom­ben­de­mons­tra­tio­nen, wie sie sei­ner­zeit von den Groß­mäch­ten gepflo­gen wur­den, dem Über­ge­wicht eines Men­schen um 30 g gleich­zu­set­zen sei. – Es ist nun kei­nes­wegs ein Man­gel an natur­wis­sen­schaft­li­chen Ein­sich­ten, der Tel­ler ganz ebenso wie seine fried­lie­ben­den Wider­sa­cher sta­tis­ti­sche Betrach­tun­gen anstel­len läßt; schließ­lich hat man sich stets bemüht, die hier in Frage ste­hende Radio­ak­ti­vi­tät auf exo­ti­sche Völ­ker­schaf­ten und unin­ter­es­sante Welt­ge­gen­den zu beschrän­ken. Son­dern weil die Phy­sik kei­nen gemein­sa­men Nen­ner von mili­tä­ri­scher Potenz und Volks­ge­sund­heit (von ande­ren Kos­ten ganz zu schwei­gen) fin­den kann, aber die Ent­schei­dung legi­ti­miert wer­den soll, wird hier mit Ein­schät­zun­gen des phy­si­ka­li­schen Sach­ver­halts ope­riert, die man je nach Stand­punkt so oder anders tref­fen kann. Die Pointe liegt dabei in dem Maß­stab, den Tel­ler wählt. Nicht um die Maß­nah­men sei­ner Regie­rung, son­dern um die eigene Lei­bes­fülle soll der Bür­ger Sorge tra­gen und anhand der Tel­ler­schen For­mel aus­rech­nen, wie­viele Explo­sio­nen er sich mit einem üppi­gen Lebens­wan­del ein­han­delt. Das Prin­zip die­ses poli­ti­schen Natur­kun­de­un­ter­richts wird in den gegen­wär­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Kern­kraft­werke von den Poli­ti­kern offen aus­ge­spro­chen. Weil sich im Volk die Geg­ner­schaft spek­ta­ku­lär zu Wort mel­det, ver­spre­chen sie, die ver­haß­ten Din­ger künf­tig im Ein­ver­neh­men mit den Bür­gern zu bauen, oder, in den Wor­ten des Bun­des­kanz­lers, die Leute mit ihren Sor­gen und Ängs­ten nicht allein zu las­sen. Sol­len von die­ser Seite also die prak­ti­schen Zumu­tun­gen nicht ver­min­dert, son­dern durch beschwich­ti­gende Gründe ergänzt wer­den, so haben die

Betrof­fe­nen einen kom­ple­men­tä­ren Schluß gezo­gen. Sie demons­trie­ren Bür­ger­sinn, indem sie das Inter­esse, ihre bis­he­rige triste Land­wirt­schaft ohne zusätz­li­che Ein­bu­ßen fort­zu­set­zen, zum Anlie­gen des Schut­zes von Natur und Leben hoch­ju­beln. Wo der Staat sich die bil­lige Ener­gie­ver­sor­gung des Kapi­tals ange­le­gen sein läßt und den Beweis führt, daß des­sen Nut­zen nun­mal Opfer braucht, erklä­ren die Betrof­fe­nen nicht das Kapi­tal, son­dern die Tech­nik zu ihrem Feind. Sie rei­men Atom­kraft­werk auf Teu­fels­werk und begin­nen einen reak­tio­nä­ren Kreuz­zug gegen die Wis­sen­schaft und ihre Anwen­dung, der aus dem Bau­platz wie­der eine Wiese machen soll, weil sie den schö­nen Zustand erhal­ten wol­len, in dem der tech­ni­sche Fort­schritt stets auf Kos­ten derer geht, die eh die Arbeit haben. Der pes­si­mis­ti­schen Vari­ante ver­leiht dann Max Born Aus­druck, wenn er ein Buch mit dem Titel „Der Luxus des Gewis­sens“ ver­faßt, (als ob ein schlech­tes Gewis­sen nicht gera­deso zur bür­ger­li­chen Grund­aus­rüs­tung gehörte wie z.B. Seife). „Obwohl ich die Natur­wis­sen­schaft liebe, habe ich das Gefühl, daß sie so sehr gegen die geschicht­li­che Ent­wick­lung und Tra­di­tion ist, daß sie durch unsere Zivi­li­sa­tion nicht absor­biert wer­den kann.“ (72)

Als Par­tei­gän­ger sei­ner Zivi­li­sa­tion opfert er in die­sem Kon­flikt bereit­wil­lig den Gegen­stand sei­ner Liebe: „Die wis­sen­schaft­li­che Hal­tung ist geeig­net, Zwei­fel und Skep­ti­zis­mus zu erzeu­gen gegen­über über­lie­fer­ter unwis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis und sogar gegen­über natür­li­chen, unver­fälsch­ten Hand­lungs­wei­sen, von denen die mensch­li­che Gesell­schaft abhängt. “ (69)

und läßt nur der Selbst­ge­rech­tig­keit ein klei­nes Hin­ter­tür­chen offen:

„Was die Phi­lo­so­phie betrifft, so ist jeder moderne Natur­for­scher … sich zutiefst der Tat­sa­che bewußt, daß seine Arbeit eng mit dem phi­lo­so­phi­schen Den­ken ver­wo­ben ist … Auf diese Weise … wer­den die Natur­for­scher nicht von der huma­nis­ti­schen Denk­weise aus­ge­schlos­sen. Trotz­dem besteht eine Gefahr für die Mensch­heit in der Denk­weise der Natur­wis­sen­schaft­ler, weil sie nicht zwi­schen der Begeis­te­rung für ihre Tätig­keit und deren Nütz­lich­keit für die Mensch­heit unter­schei­den.“ (71)

Ging es dem ein­gangs zitier­ten Ein­stein um die Unbrauch­bar­keit der Natur­wis­sen­schaft für die Pro­bleme, die die Staa­ten mit sich haben (was er zu ent­schul­di­gen weiß), so sieht Born gleich eine Gefahr für sein moralisch-​dummes E i n v e r s t ä n d n i s mit der Gesell­schaft, deren unver­fälschte Hand­lungs­wei­sen ihm zufolge jeden Gedan­ken scheuen müs­sen. Die Anstren­gun­gen sei­ner phi­lo­so­phie­ren­den Kol­le­gen, der Natur­er­kennt­nis theo­re­tisch den Gar­aus zu machen (siehe Ein­lei­tung), ver­hin­dern nicht, daß diese Wis­sen­schaft betrie­ben wird.[5] Borns Pro­blem rührt denn auch nicht von der Denk­weise der Natur­wis­sen­schaft­ler her, son­dern von ihrem Tun: wenn er ihnen eine diff­fe­ren­zierte Begeis­te­rung für ihre Tätig­keit ver­ord­nen möchte, dann ärgert ihn, daß mit ihren Wis­sen­schaft­li­chen Erfol­gen noch nichts über deren Nut­zen ent­schie­den ist. Weil aber Born an ihren Anwen­dun­gen mes­sen will, ob sie sel­ber Lob oder Tadel ver­dient, und ihr in sei­nem lan­gen Chris­ten­le­ben immer bei­des hat ertei­len müs­sen, ver­dammt er sie end­lich als unmo­ra­lisch. Sie ist geschicht­lich nicht absor­bier­bar (na und ob!), soll hei­ßen, ihr kann er seine sitt­li­chen Prin­zi­pien nicht ein­ver­lei­ben. So daß der größte Vor­teil für die Gesell­schaft wäre, die Fin­ger ganz von der Natur­wis­sen­schaft zu las­sen, anstatt sich in ihrem Gebrauch zu blamieren.

Im Unter­schied zum alten Born, der nur noch an der mora­li­schen Inte­gri­tät sei­ner Gesell­schaft inter­es­siert ist und sie dafür in die Stein­zeit zurück­schi­cken möchte, blei­ben die meis­ten Natur­wis­sen­schaft­ler ihrer Auf­gabe treu, das Wis­sen über die Natur zu erwei­tern. Doch wenn sich erst mal Zwei­fel ein­ge­stellt haben, ob ihre Tätig­keit auch immer den mit ihr ver­bun­de­nen guten Absich­ten ent­spricht, so wer­den sich diese Leute Gedan­ken über ihre Arbeit machen, die ihren getrüb­ten Nut­zen­er­war­tun­gen ebenso Rech­nung tra­gen wie ihrem Ent­schluß zum Wei­ter­ma­chen. Daß unter die­sen For­de­run­gen kein rich­ti­ges Urteil über die Natur­wis­sen­schaft zustande kommt, ver­steht sich schon von selbst. Aber wie unsere Freunde sich dabei aus der Affäre zie­hen, ist noch der Betrach­tung wert, wes­halb man ein­mal anhö­ren sollte, was ein gestan­de­ner Phy­si­ker über sein Fach zu berich­ten weiß.

Richard P. Feyn­man: Lec­tures on Physics

Stu­die­ren um zu probieren ?

Der Blöd­sinn, den sich Natur­for­scher leis­ten, wird, wenn nicht unge­rührt zur Kennt­nis genom­men, nor­ma­ler­weise mit ver­ständ­nis­vol­ler und auch hei­te­rer Nach­sicht betrach­tet, eine Regel, die nur dann durch­bro­chen wird, wenn sich ein Ver­tre­ter die­ser Zunft allzu bestimmt in die Poli­tik ein­mischt. Die ein­schlä­gi­gen Fehl­leis­tun­gen gehö­ren nicht in den Arbeits­be­reich die­ser Leute, und man erklärt sich ihre Eska­pa­den aus der wis­sen­schaft­li­chen Spe­zia­li­sie­rung – auch ein Ein­stein kann doch heut­zu­tage nicht mehr über­all Bescheid wis­sen. Nach der Logik der Witze vom ver­trot­tel­ten Pro­fes­sor rech­net man die Dumm­heit unter die not­wen­di­gen Unkos­ten aller theo­re­ti­schen Ver­tie­fung, deren Nut­zen man schätzt, und gibt damit gerade keine Erklä­rung. Denn kein Man­gel an Kennt­nis­sen auf irgend einem Gebiet kann dazu zwin­gen, fal­sche Gedan­ken zu pro­du­zie­ren, im Gegen­teil. – Jen­seits der Natur­wis­sen­schaft beginnt für ihren pas­sio­nier­ten Bewun­de­rer aller­dings die Sphäre halt­lo­ser Spe­ku­la­tion, wo mit den nöti­gen Kon­troll­in­stan­zen die Ratio­na­li­tät sowieso beim Teu­fel ist. Die Natur­for­schung figu­riert hier als Mus­ter an Wis­sen­schaft­lich­keit, nicht weil sie etwas her­aus­ge­bracht hat, son­dern weil sie sich einer selbst­kri­ti­schen Hal­tung beflei­ßige und ohne Unter­laß bestrebt sei, ihre Ein­sich­ten im Expe­ri­ment wie­der auf die Probe zu stel­len. Besteht die­ses gän­gige Lob aus nichts ande­rem als der unver­schäm­ten Ent­schlos­sen­heit , weder die Natur­wis­sen­schaft noch über­haupt einen Gedan­ken je für voll zu neh­men, so kann es zugleich das Selbst­ver­ständ­nis sämt­li­cher Ver­tre­ter des Fachs für sich in Anspruch neh­men, was frei­lich nur eine neue Frage in Sachen Blöd­sinn auf­wirft. Wie ver­hält es sich damit, wenn ein Natur­for­scher über seine eigene Dis­zi­plin urteilt, wozu nie­mand bes­ser als er selbst, der Spe­zia­list, befä­higt sein sollte? – Richard P. Feyn­man hat in sei­nen „Lec­tures on Phy­sics“ ein Werk geschaf­fen, das zu den renom­mier­tes­ten Lehr­bü­chern gehört, die man in den ers­ten Semes­tern stu­die­ren kann. Er führt darin die „fresh­men“ in die Phy­sik ein, eine Auf­gabe, der er nicht nur durch die Erklä­rung des Stoffs gerecht wird, son­dern auch durch all­ge­meine Hin­weise, wo es so lang geht in der Wissenschaft.

Wie jeder Phy­si­ker stimmt Feyn­man das Lob sei­ner Wis­sen­schaft an.

„Phy­sics is the most fun­da­men­tal and all-​inclusive of the sci­en­ces, and has had a pro­found effect on all sci­en­ti­fic deve­lop­ment. In fact, phy­sics is the present-​day equi­va­lent of what used to be cal­led natu­ral phi­lo­so­phy.“ (3−1)[6]

Sie hat es dabei herr­lich weit gebracht.

„If you are going to be a phy­si­cist, you will have a lot to study: two hund­red years of the most rapidly de-​veloping field of know­ledge that there is. So much know­ledge, in fact, that you might think that you can­not learn all of it… (1−1)[7]

Und dann packt er aus: Wärme, Mecha­nik, Elek­tri­zi­tät, die Atome … mit einem Wort,

„outs­ide the nucleus we seem to know all.“(2−15)

Und selbst über die Kennt­nisse inside the nucleus weiß er eini­ges zu berich­ten und ist zuver­sicht­lich, daß die Wis­sen­schaft über die noch feh­len­den Bezie­hun­gen zwi­schen den gefun­de­nen Teil­chen eines Tages Bescheid wis­sen wird.

We seem to know. Der rechte Phy­si­ker ist auch bescheiden.

„There is an expan­ding fron­tier of ignorance“ (1−1)[8]

klagt er. Es ist was faul mit dem know­ledge, des­sen Fülle vor uns aus­ge­brei­tet wird.

„In fact, ever­y­thing we know is only some kind of appro­xi­ma­tion, b e c a u s e we know that we do not know all the laws as yet.„[9]

Es ist, in fact, ein Fehl­schluß, was Feyn­man hier aus dem Wis­sens­stand der Phy­sik fol­gern will. Der Plu­ral „all the laws“ besagt, daß man, kennte man auch erst one of these laws, schon was Rich­ti­ges wüßte – ganz gleich, wie es mit dem Rest der Welt steht. Man muß nicht alles wis­sen. Und daß der Hund vier Beine hat, bleibt rich­tig auch bei nähe­rer ana­to­mi­scher Ana­lyse: es kommt nichts an Genau­ig­keit der Zahl hinzu.

Daß Feyn­man mit der Beur­tei­lung der Gesetze als Appro­xi­ma­tion durch­aus die Gül­tig­keit der Gesetze in Frage stel­len will, bringt der nächste Satz zum Ausdruck.

„The­re­fore things must be lear­ned only to be unle­ar­ned again or, more likely, to be cor­rec­ted.“(1−2)[10]

Er hätte also, um seine These zu begrün­den, behaup­ten müs­sen, that we do not know any of the laws.

Das Bei­spiel, dem in die­sem Zusam­men­hang die ganze Liebe der Zunft gehört, ist nicht der Hund, son­dern viel fei­ner, die Rela­ti­vi­täts­theo­rie. Es ist ein Bei­spiel dafür, daß in der Ent­wick­lung phy­si­ka­li­schen Wis­sens Feh­ler gemacht wer­den – und daß man sie erkennt und behebt. Aber:

„What kind of new ideas and sug­ges­ti­ons are made to the Phy­si­cists by the prin­ciple of rela­ti­vity?“ „It was a sho­cking dis­co­very, of course, that Newton’s laws are wrong, after all the years in which they see­med to be accu­rate … We now have a much more hum­ble point of view of our phy­si­cal laws – ever­y­thing can be wrong!“(16−3)[11]

Sho­cking, may be, for the phy­si­cist, aber kein Grund für eine ver­än­derte Auf­fas­sung der Natur­ge­setze. Wer Wis­sen­schaft betreibt, kennt die Mög­lich­keit des Irr­tums. Aber die rech­net er sich selbst zu, nicht dem Wis­sen. Wenn er also sei­nen Feh­ler kor­ri­giert, beharrt er dar­auf, daß es gül­tige Gesetze gibt – sonst täte er’s nicht rich­tig­stel­len, sonst gab’s keine Feh­ler, keine Dif­fe­renz zur Wahr­heit. Die schein­bare Kon­se­quenz, the new idea and Sug­ges­tion, the hum­ble point of view, ist das glatte Gegen­teil von dem, was Ein­stein geleis­tet hat und was die Phy­sik bis heute tut. Und auch Meis­ter Feyn­man zögert nicht, die nun­mehr kor­ri­gier­ten Gesetze sein gan­zes Buch hin­durch als true zu nehmen.

Dirty Objects, …

Es hat seine tie­fere Bedeu­tung, daß von dem Wis­sen als einer blo­ßen Appro­xi­ma­tion die Rede ist. Pro­fes­sor F. ergreift noch ein­mal die Gele­gen­heit, sei­nen Stu­den­ten eine Erklä­rung zu geben. Er will in Abschnitt 12.1 das Miß­ver­ständ­nis abweh­ren, das zweite Newton’sche Gesetz (Kraft ist Masse mal Beschleu­ni­gung: f = m · a) sei eine bloße Defi­ni­tion[12] des Kraft­be­grif­fes und gebraucht dazu das fol­gende Argument:

„First, because Newton’s second law is not exact“ – wegen der rela­ti­vis­ti­schen Ergän­zung -, „and second, because in order to under­stand phy­si­cal laws you must under­stand that they are all some kind of appro­xi­ma­tion. (12−2)[13]

Eine schie­läu­gi­gere Argu­men­ta­tion ist kaum vor­stell­bar: ein Gesetz soll als „real know­ledge“ bewie­sen wer­den, und das mit dem Hin­weis, daß es ja nicht „exactly true“ sei. Und die­ses gedank­li­che Husa­ren­stück, mit dem er es geschafft hat, der Phy­sik ein wei­te­res Mal ihren Erkennt­ni­scha­rak­ter abzu­spre­chen, erfährt noch seine Begrün­dung, die sogleich folgt:

„Any sim­ple idea is approximate.“

Man muß sich nur ein­mal fragen:

„What i s a chair?“

Ein Stuhl ist näm­lich keine defi­ni­tive Sache. Denn immerzu ver­damp­fen ein paar sei­ner Atome, andere schla­gen sich auf ihm nie­der – kurz, man kann nie genau sagen, wel­che Atome gerade zu ihm gehören:

„So to define a chair pre­ci­sely … is impossible.“

Selbst­los und ohne Stolz auf seine extra­or­di­näre Denk­kraft, die sogar noch etwas Unde­fi­nier­ba­res als Bei­spiel und Argu­ment zu gebrau­chen weiß, ver­tei­digt Feyn­man die Gren­zen der Erkennt­nis. Hat er erst ein­mal mit der Eigen­schaft des Stuhls bewie­sen, daß es die­sen eigent­lich nicht gäbe, so ist die Selbst­über­lis­tung nicht mehr fern, aus sei­nem Wis­sen um die ach so kom­pli­zierte Welt die Unmög­lich­keit von Wis­sen zu erschließen:

„… and if we have a Sys­tem of dis­course about the r e a l world, then that Sys­tem, at least for the pre­sent day (als ob die Wis­sen­schaft jemals die Atome oder auch nur einen Sack Flöhe hüten würde), must involve appro­xi­ma­tion of some kind.“ (12−3)[14]

Feyn­man will bei der Gele­gen­heit auf einen all­ge­mei­nen Cha­rak­ter­zug der Gegen­stände sei­ner Wis­sen­schaft hinweisen:

„these com­pli­ca­ted and ‚dirty‘ objects of nature.“

Die Leis­tung der Natur­ge­setze ist es aber, daß sie die dirty objects und damit auch ihre dir­ti­ness erklä­ren . Hatte es so auf S. 2 – 1 noch geheißen

„that we try … to u n d e r s t a n d this mul­ti­tude of aspects as per­haps resul­ting from the action of a rela­tively small num­ber of ele­men­tal things and forces acting in an infi­nite variety of com­bi­na­ti­ons„[15],

was in der Phy­sik nicht nur eine Frage von try and per­haps geblie­ben ist, so kehrt sich hier das Ver­hält­nis um. Die Wis­sen­schaft soll genau so dirty sein wie ihr Gegenstand.

„Every object is a mix­ture of a lot of things, so we can deal with it only as a series of appro­xi­ma­ti­ons and idea­liza­ti­ons. … In the same way, we shall learn about the cha­rac­te­ristics of force (Kraft über­haupt), in an ideal fashion, if we are not too pre­cise.“(12−3)[16]

Ein wahr­haft idea­les Ver­fah­ren, dem sein Gegen­stand selbst den Gebrauch der Logik beschnei­det: In mathematics

„all the logic can be fol­lo­wed out com­ple­tely, but the phy­si­cal world is com­plex…“(12−3)[17]

Graue Theo­rie, …

Feyn­man ist also fürs Hand­feste und gegen die blas­sen Gedan­ken, was sei­nem Unsinn ein gewis­ses Raf­fi­ne­ment nicht neh­men kann: Die eigen­tüm­li­che Leis­tung der Phy­sik, die kon­kre­ten Natur­ge­gen­stände zu ana­ly­sie­ren, um so die all­ge­mein­gül­ti­gen Gesetze zu erfor­schen und eine Erklä­rung zu geben, ver­wan­delt er in ihren Man­gel, indem er ein­zel­nen all­ge­mei­nen Ergeb­nis­sen der Wis­sen­schaft Bei­spiele gegen­über­stellt, deren Spe­zi­fik darin nicht gefaßt ist. Wenn ein Phy­si­ker wirk­lich die Funk­tion eines Stuhls erklä­ren wollte, müßte er Sta­tik, Fes­tig­keits­lehre, usw. anwen­den. – Feyn­man aber kommt aus­ge­rech­net mit den Ato­men daher, die er für die Quint­es­senz der Wis­sen­schaft hält. Er kennt noch wei­tere ein­drucks­volle Belege für die Kom­ple­xi­tät der Welt – etwa die Mee­res­wel­len, wobei nicht zu sagen sei, wo die eine auf­hört und die andere anfängt, oder der Wein im Glas, der ein paar Sili­k­at­mo­le­küle aus der Gefäß­wand gelöst hat und somit keine kla­ren Gren­zen mehr habe -, und es ist nur die Nobel­preis­trä­ger­würde, die ihn hin­dert, diese Sorte Argu­mente mit einem Furz zu krö­nen, von dem schon man­cher nicht habe wis­sen wol­len, wo genau es stinkt. Indem er die Phy­sik, die nur durch die Atome ver­tre­ten sein soll, bla­miert an Bei­spie­len, die jeder­mann aus prak­ti­schen Zusam­men­hän­gen her ver­traut sind, macht er seine Ver­beu­gung vor dem gemei­nen Inter­esse der Leute, die auf das abs­trakte Theo­re­ti­sie­ren schimp­fen und es der Lebens­fremd­heit schel­ten, soweit nicht klar ist, was es ihnen für ihre Zwe­cke bringt. Feyn­man for­dert gera­dezu dazu auf, bei jedem Begriff, der in der Wis­sen­schaft vor­kommt, gleich die Frage zu stel­len, ob man ihn auch in den Mund ste­cken kann. So vul­gär er diese inter­es­sierte Betrach­tungs­weise auch kom­men­tiert, ent­behrt sein Bei­spiel den­noch nicht einer gewis­sen raf­fi­nier­ten Für­sorge für die Wis­sen­schaft. Weil er sein Pro­fes­so­ren­amt schließ­lich nicht ein­fach gegen alt­her­ge­brachte Hand­wer­ke­lei ein­tau­schen möchte, setzt er die Bla­mage der Phy­sik so in Szene, daß er den All­tags­ver­stand Dif­fe­ren­zie­rung leh­ren und ihm seine selbst­zu­frie­dene Sicher­heit neh­men kann: Man fühle sich nicht so sicher auf sei­nen Stüh­len! Getreu dem schö­nen Lied – „Die Wis­sen­schaft hat fest­ge­stellt, daß Mar­me­lade Fett ent­hält…“ – demons­triert Feyn­man sei­nen Zuhö­rern, daß auch und gerade die Dinge, mit denen kein Mensch – prak­tisch oder theo­re­tisch – mehr ein Pro­blem hat, nicht das sind, was sie sind. Die Welt ist kom­plex, und wer sich bis­lang sicher auf sei­nen Bei­nen fühlte, sollte erst ein­mal sich selbst in Frage stellen:

„Is ist pos­si­ble that that ‚thing‘ wal­king back and forth infront of you, tal­king to you, ist a great glob of these atoms in a very com­plex arran­ge­ment, such that the sheer com­ple­xity of it stag­gers the ima­gi­na­tion as to what it can do?“(1−13)[18]

Doch muß seine Argu­men­ta­tion das Gegen­teil des­sen ein­ge­ste­hen, was er bewei­sen will. Sowe­nig die Möbel irgend­ein Rät­sel ein­schlie­ßen, sowe­nig gibt sein Jon­glie­ren mit Ato­men ein Argu­ment für Skep­sis ab. Die kom­pli­zier­ten Gegen­stände sol­len ver­hin­dern, daß die For­schung ihr Ziel erreicht, doch hat erst die voll­en­dete For­schung dem Feyn­man seine ato­mis­ti­schen Argu­mente in die Hand gege­ben: die Unzu­läng­lich­keit der Wis­sen­schaft demons­triert er aus­ge­rech­net mit ihren theo­re­ti­schen Erfol­gen. Ich weiß nichts, weil ich viel weiß, lau­tet die Summe sei­ner Argu­men­ta­tion. Wenn die Natur­er­kennt­nis fer­tig ist mit ihrem Geschäft, dann ist sie noch lange nicht fer­tig – dies ist die Logik aller bis­he­ri­gen Ein­wände, die Feyn­man vor­ge­bracht hat.

Den Erfolg der Wis­sen­schaft als Argu­ment für ihren Mißer­folg zu gebrau­chen, fällt Feyn­man nur des­halb ein, weil er ihre theo­re­ti­schen Leis­tun­gen, gerade wo er sich zu Lobes­hym­nen bemü­ßigt fühlt, nicht als sol­che anzu­er­ken­nen gewillt ist. In Feynman’s Augen haben Natur­ge­setze zuvör­derst die ange­nehme Eigen­schaft, grif­fige Prin­zi­pien bereit­zu­stel­len, mit denen man der in immer grö­ße­rem Umfang in das Bewußt­sein und Inter­esse der Mensch­heit gerück­ten Welt ent­ge­gen­tre­ten kann:

„Sur­pri­sin­gly enough, in spite of the tre­men­dous amount of work done for all this time it is pos­si­ble to con­dense the enor­mous mass of results to a large extent – that is, to find laws which sum­ma­rize all our know­ledge. (1−1)[19]

Und er ent­blö­det sich nicht, sei­nen Stu­den­ten die „ato­mic idea“ in die­sem Sinne als die bis dato power­fulste Erfin­dung der Phy­sik vorzustellen:

„If, in some cata­clysm, all of sci­en­ti­fic know­ledge were to be des­troyed, and only one sen­tence pas­sed on to the next gene­ra­tion of crea­tures, what state­ment would con­tain t h e m o s t i n f o r m a t i o n i n t h e f e w e s t w o r d s ? I believe it is the ato­mic hypo­the­sis (or the ato­mic fact, or wha­te­ver you wish to call it.)…“(1−3)[20]

Die Frage, wie ein armes Schwein mit die­sem Satz aus­ge­stat­tet zu Brot und But­ter kom­men soll, wenn the cata­clysm nicht auch noch ein biß­chen moderne Indus­trie­ge­sell­schaft or wha­te­ver you wish to call it übrig läßt – schließ­lich besteht das Pro­blem von Negern, Chi­ne­sen und ande­ren unamerikanisch-​desolaten Völ­ker­schaf­ten nicht gerade darin, kein Phy­sik­buch erwer­ben zu kön­nen -, diese Frage fällt Feyn­man nicht im Traum ein. Er ist sich gewiß, daß brauch­bare Ideen schon ihre Abneh­mer fin­den wer­den und beschäf­tigt sich des­halb mit der Leis­tungs­fä­hig­keit der Gedan­ken­trüm­mer selbst. Was alles kann ich aus einem Ein­fall her­aus­lei­ern, wie­viele Fälle wer­den durch ein Theo­rem erschla­gen usw. usf. – sol­cher­art sind die Über­le­gun­gen die­ses Pra­xis­freun­des, dem es auf anwend­bare Ergeb­nisse der Phy­sik ankommt, aber ohne daß ihm des­halb tra­di­tio­nell geschätzte Cha­rak­ter­züge wis­sen­schaft­li­cher Arbeit von Bedeu­tung wären:

„In learning any sub­ject of a tech­ni­cal nature where mathe­ma­tics play a role, one is con­fron­ted with the task of under­stan­ding and sto­ring away in the memory a huge body of facts and ideas, held toge­ther by cer­tain rela­ti­onships which can be ‚pro­ved‘ or ‚shown‘ to exist bet­ween them. It is easy to con­fuse the proof its­elf with the rela­ti­onship which it esta­blis­hes … The thing to be remem­be­red, when see­ing a proof, is not the proof its­elf, but rather it can be shown that such and such is true.“(14−1)[21]

Das alberne Pro­blem, einen Beweis nur ja nicht mit dem Bewie­se­nen zu ver­wech­seln, wirft die­ser Ver­tre­ter der theo­re­ti­schen Phy­sik nur auf, um für sei­nen Stand­punkt zu wer­ben, daß eben das fer­tige Ergeb­nis zählt, inso­fern sich allein damit end­lich mal was anfan­gen läßt. Unter die­sem Gesichts­punkt darf, ja muß man dann auch ruhig mal Wahr­heit durch Wahr­schein­lich­keit erset­zen – schließ­lich meis­tern wir unser Leben damit, bestän­dig über den Dau­men zu peilen:

„Often we wish to make a guess because we have to make a deci­sion. For example: shall I take my rain­coat with me tomor­row? For what earth move­ment should I design a new buil­ding? Shall I build mys­elf a fall­out shel­ter? … Really any gene­ra­liza­tion is in the nature of a guess. Any phy­si­cal theory is a kind of guess­work. There are good gues­ses and there are bad gues­ses. The theory of pro­ba­bi­lity is a sys­tem for making the bet­ter gues­ses…“(6−1)[22]

… and how it works

Hier klärt sich auch eine der übli­chen Spruch­weis­hei­ten, mit denen unser Ame­ri­ka­ner die phy­si­ka­li­sche Welt bereichert:

„Things must be lear­ned only to be unle­ar­ned again“

ler­nen, um neu zu ler­nen -, eine Parole, die auch in bil­dungs­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen sehr beliebt ist. Dort heißt es, es komme nicht dar­auf an, was einer kann und weiß, son­dern daß er für die Wech­sel­fälle des Lebens, d.h. die Not­wen­dig­kei­ten des Eigen­tums ande­rer, dem seine Arbeit dient, bereit­steht. Wenn es sich ähn­lich mit der Wis­sen­schaft ver­hält, wenn deren Taug­lich­keit sich immer erst noch her­aus­stel­len muß, dann kriegt der Zwei­fel an der Wahr­heit der Natur­ge­setze noch eine spe­zi­fi­sche Wendung.

Feyn­man ist in der glück­li­chen Lage, in der Natur­for­schung ein Moment zu ent­de­cken, das inner­halb ihrer selbst sei­ner Maxime zu ent­spre­chen und Wis­sen durch die Funk­tion in wech­seln­den Umstän­den zu erset­zen scheint.

Das Expe­ri­ment, in dem Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Natur zur Anschau­ung gebracht wer­den, beweist ihm deren Funk­tio­nie­ren, resp. , wie die Ame­ri­ka­ner sagen, „it works„[23]. Weil ihm Wahr­heit damit iden­tisch ist, daß man etwas mit ihr machen kann, ver­kün­det Feynman:

„The t e s t of all know­ledge is expe­ri­ment. Expe­ri­ment is the sole j u d g e of sci­en­ti­fic ‚truth‘.“ (1−2)[24]

Wenn er zwi­schen­durch rich­tig bemerkt

„Expe­ri­ments help us to p r o d u c e these laws, in the sense that it gives us hints“

und es eine gehö­rige Por­tion geis­ti­ger Arbeit erfordert

„to create from these hints the great gene­ra­liza­ti­ons…, the won­der­ful, sim­ple, but very strange pat­terns bene­ath them all“,

so trägt er der Rolle des Expe­ri­ments in der Wis­sen­schaft Rech­nung, um es für sein Über­prü­fungs­prin­zip zu vereinnahmen:

„then to expe­ri­ment to c h e c k a g a i n whe­ther we have made the right guess.“(1−2)[25]

Das Expe­ri­ment, das Mit­tel, wodurch die For­schung vor­an­kommt, soll über die Rich­tig­keit der Natur­ge­setze ent­schei­den! Ein Natur­ge­setz, z.B. die Glei­chung f = m x a läßt sich aber schlech­ter­dings nicht durch Mes­sun­gen bewei­sen, weil sie die­sem Resul­tat völ­lig inad­äquat sind; her­aus­kom­men kann immer nur die Mög­lich­keit, nicht die Not­wen­dig­keit des Geset­zes, um die es dem Phy­si­ker zu tun ist. Es ist die alte Geschichte: Der Ver­such soll bewei­sen, daß alle Kör­per zur Erde fal­len. Daß sie aber mor­gen auch noch fal­len, kann das Expe­ri­ment nie leis­ten zu erklä­ren. Nach dem Gesetz fal­len sie und daher weiß man’s auch. Die Phy­sik wird sich hüten, die Gül­tig­keit der Gesetze dem Aus­gang der Expe­ri­mente zu unter­wer­fen. Wenn es die Legende will, daß Gali­lei seine Expe­ri­mente zum Fall­ge­setz am schie­fen Turm von Pisa aus­ge­führt hat, so hät­ten – nach Feynman’s Vor­schlag – die dar­auf­fol­gen­den Phy­si­ker­ge­ne­ra­tio­nen die­ses Bau­werk schon längst in Grund und Boden tram­peln müs­sen, nur um jenen beschei­de­nen Anfang der phy­si­ka­li­schen Wis­sen­schaft sicher­stel­len zu können.

Daß Feyn­man daran fest­hält, Gedan­ken zu über­prü­fen und sie dem Aus­gang der Ver­su­che unter­zu­ord­nen, ist sei­nem fal­schen Inter­esse am Funk­tio­nie­ren der Gesetze geschul­det, und er gibt so dem Vor­be­halt gegen die Gül­tig­keit der Gesetze noch­mals eine solide Grundlage:

„We said that the laws of nature are appro­xi­mate: that we first find the ‚wrong‘ ones and then we find the ‚right‘ ones.“(1−2)[26]

Dem Trost, daß man zuerst die fal­schen und dann die rich­ti­gen Gesetze finde, ist kaum Glau­ben zu schen­ken: der zweite Fund ist doch wie­der nur ein ers­ter Fund und so wei­ter – der Zwei­fel kann nicht auf­hö­ren, wenn die dirty objects über die Wahr­heit ent­schei­den sollen.

Das Expe­ri­ment ist also gar nicht, als was es gilt, die Ent­schei­dungs­in­stanz gegen den Zwei­fel – es ist, so auf­ge­faßt, letzt­lich das Lebens­ele­ment des Zwei­fels. Die For­schung zer­fällt ihm in „ima­gi­na­ti­ons“ und „gues­ses“ auf der einen, und „checks“ und „tests“ auf der ande­ren Seite. Auf kei­ner Seite gibt’s ein Ele­ment, das die Phy­sik als „real know­ledge“ cha­rak­te­ri­sie­ren könnte.

Hat Feyn­man so das Ver­hält­nis des Expe­ri­ments zum Wis­sen ins glatte Gegen­teil ver­wan­delt, fällt die Not­wen­dig­keit der Gesetze mit dem Aus­gang des Expe­ri­ments zusam­men, dann ist es auch mit der Sicher­heit vor­bei, daß, was ein­mal funk­tio­niert, auch immer funk­tio­niert. Und Feyn­man stellt sich der Frage, wie es zu fal­schen Expe­ri­men­ten kom­men kann.

Ers­tens ist da das Pro­blem des Mes­sens: im Expe­ri­ment, in dem die Natur­ge­setze in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen prak­tisch wer­den, wird dies in Mes­sun­gen fest­ge­hal­ten. Und Feyn­man weiß ganz genau, daß Feh­ler der Mes­sung durch Wie­der­ho­lung der Expe­ri­mente und durch ver­fei­nerte Meß­me­tho­den, die die Tech­no­lo­gie zur Ver­fü­gung stellt, aus­ge­merzt wer­den (1−2).

Die Wis­sen­schaft hat also kein Pro­blem mit unge­nauen Mes­sun­gen, gerade weil sie Meß­feh­ler beach­tet und sie ausschließt.

So destru­iert er zwar einen sei­ner fal­schen Belege für die Unge­nau­ig­keit der Natur­ge­setze – den er ansons­ten oft genug in sei­nem Buch anfährt -, was aber noch lange nicht heißt, daß er die­ses Urteil über die Erkennt­nis aufgibt:

„So wit­hout snatching at such minor things, how c a n the results of an expe­ri­ment be wrong? Only by being inac­cu­rate. “ (1−2)[27]

Auch die­ses Argu­ment kann die Phy­sik nicht erschüt­tern. Ein Expe­ri­ment ist unge­nau, wenn es der Expe­ri­men­ta­tor an der nöti­gen Sorg­falt hat feh­len las­sen. Unge­nau­ig­keit ist also ein Attri­but, das das Ver­fah­ren des Wis­sen­schaft­lers kenn­zeich­net, der beim Expe­ri­ment wesent­li­che Fak­to­ren unbe­rück­sich­tigt läßt, was er auf­grund sei­nes Wis­sens behe­ben kann. Das Expe­ri­ment ist des­halb Mit­tel für die Wis­sen­schaft, weil es genau ist.

Das Expe­ri­ment hat Feyn­man also auch zum Beleg sei­nes Feh­lers gedient, weil er ihm schon eine ganz fal­sche Rolle in der Wis­sen­schaft zuge­schus­tert hat. Die Gesetze sind unge­nau, kön­nen aber immer genauer wer­den, dies ist wie­der ein­mal sein Schluß. Wenn man die Wahr­heit nicht errei­chen, ihr aber immer näher auf den Leib rücken kann, und dies nicht vom Wis­sen, son­dern von der prak­ti­schen Zutat abhängt, so bleibt nur noch der Weis­heit letz­ter Schluß:

„We do not know where we are ‚stu­pid‘ until ‚we stick our neck out‘ and so the whole idea is to put our neck out.“(38−9)[28]

Womit sich Feyn­man die letzte Saue­rei erlaubt hat. sei­nen Stu­den­ten, die doch wohl ange­tre­ten sind, bei ihm Phy­sik zu stu­die­ren, setzt er als Ziel, sie soll­ten ler­nen, wo sie dumm sind.

Wis­sen­schaft­ler vom Schlage Feynman’s

Sol­che offen­her­zige Auf­for­de­rung belegt, daß Feyn­man seine Phy­sik für eine ziem­lich gelun­gene Sache hält, gerade wenn er per­ma­nent Zwei­fel an der Wahr­heit ihrer Ergeb­nisse anmel­det. Weil in sei­nen Augen Wis­sen­schaft so und nicht anders geht, urteilt er über andere Abtei­lun­gen der intel­lek­tu­el­len Welt folgendermaßen:

„Inci­den­tally, psy­cho­ana­ly­sis is not a sci­ence… Psy­cho­ana­ly­sis has not been che­cked care­fully by expe­ri­ment, and there is no way to find a list of the num­ber of cases in which it works, the num­ber of cases in which it does not work etc. … All human beings are so dif­fe­rent. It will be a long time before we get there. We must start fur­ther back. If we could even figure out how a dog works, we would have gone pretty far.“(3−12)[29]

Sein Inter­esse gilt dem Funk­tio­nie­ren einer Sache, oder, weil man das eh nie so ganz schafft, einer geschick­ten Annä­he­rung daran, zusam­men mit einer Ein­schät­zung, wann es wie gewünscht klappt und wann nicht und was man viel­leicht dann machen könnte. Begrün­dun­gen sind dabei weni­ger wich­tig, wenn auch als Trick aner­ken­nens­wert, ande­ren Leu­ten was zu ver­kli­ckern oder den gan­zen Wust ein biß­chen hand­fes­ter auf­zu­zie­hen, damit das manual zum Betrieb der Welt nicht allzu dick (unprak­tisch!) wird. Denn die Auf­gabe der Wis­sen­schaft besteht darin, mög­lichst viele ideas zu inven­ten, die sich in irgend­wel­chen cir­cum­stan­ces dann als nütz­lich erweisen.

Der Zweck, für den Natur­wis­sen­schaft, nicht nur in Ame­rika, betrie­ben wird, ist nun tat­säch­lich die Anwen­dung ihrer Resul­tate in der Indus­trie sowie gewis­sen tech­no­lo­gi­schen Staats­ver­an­stal­tun­gen. Die­sem Zweck dient sie aber, und sie tut dies so erfolg­reich, daß wir im Zeit­al­ter des Atoms, des Com­pu­ters oder der Raum­fahrt leben, indem sie wirk­lich etwas über die Sachen her­aus­kriegt, die andern­orts prak­tisch inter­es­sie­ren. Diese Tat­sa­che hält nun aber selbst berufs­mä­ßige For­scher nicht davon ab, Natur­wis­sen­schaft auf Basis ihrer exis­tie­ren­den Anwen­dung ein­fach mit Nut­zen zu iden­ti­fi­zie­ren. Einer­seits sehen sie dar­über hin­weg, daß sich nur wegen der theo­re­ti­schen Qua­li­tät ihrer Dis­zi­plin prak­tisch etwas schiebt; eine Kol­lek­tion von Unwahr­hei­ten, from­men Wün­schen und phan­ta­sie­vol­len Ein­fäl­len ist keine Basis für Tech­no­lo­gie und seit den Zei­ten des per­pe­tuum mobile auch nicht gefragt. Ande­rer­seits abstra­hie­ren die Freunde der Wis­sen­schaft davon, daß deren Nut­zen eine sehr rela­tive Sache ist, der nicht mit irgend­wel­chen For­meln gege­ben ist, son­dern davon abhängt, daß, wie und mit wel­chen Zwe­cken sich „die“ Pra­xis der Natur­for­schung bedient; E = mc2 ist keine Bombe und die Ther­mo­dy­na­mik kein Otto-​Motor. Die schon die Moral­apos­tel unter den Natur­for­schern beherr­schende Gleich­set­zung der Wis­sen­schaft mit den Wir­kun­gen ihres Ein­sat­zes in „engi­nee­ring, indus­try, society and war“, wie Feyn­man das so schön sagt, ist ein fal­sches Lob der Phy­sik, aus dem sich sofort ein ebenso fal­scher Tadel ablei­tet. Denn Bei­spiele für die Insuf­fi­zi­enz die­ses Mit­tels der moder­nen Gesell­schaft kennt noch ein jeder ihrer Lieb­ha­ber. Ein­mal die­je­ni­gen, für die die Ver­wen­dung von Tech­no­lo­gie ein Geschäft ist, haben, ohne des­halb natür­lich gera­dezu ver­zwei­felt sein zu müs­sen, sowieso den Dau­er­vor­wurf auf den Lip­pen, daß das aka­de­mi­sche Trei­ben über­haupt zu wenig out­put erzeugt, die jun­gen Leute mit zu viel Theo­rie ver­dirbt, oder den für den eige­nen Laden gerade ent­schei­den­den Trick nicht lie­fert. Und wer sich ande­rer­seits sol­che Sor­gen nicht zu machen braucht, wird von hoch­tech­ni­sier­ten Medien dar­über auf­ge­klärt, daß der tech­ni­sche Fort­schritt lei­der ein zwie­späl­ti­ger ist, mit Not­wen­dig­keit unlieb­same Neben­wir­kun­gen hat oder gewis­sen gro­ßen Mensch­heits­pro­ble­men (Krebs, Krieg & undank­bare Kin­der) eben doch nur macht­los gegen­über­steht. Dies alles an die ver­meint­lich zustän­dige Instanz zurück­ge­ge­ben heißt dann nichts ande­res, als die Unvoll­kom­men­heit eben der Wis­sen­schaft ding­fest zu machen. Man fragt, ob die Phy­sik in ihren Über­le­gun­gen genü­gend Umstände berück­sich­tige, sie alle ihre Teil­chen wie­der ein­fan­gen könne oder sich ihrer Pro­gno­sen hun­dert­pro­zen­tig sicher sei … Und man stellt fest: sie ist abs­trakt, unvoll­stän­dig, vor­läu­fig, ungenau …

Der Grund dafür, daß der Ame­ri­ka­ner Feyn­man sich sol­cher­art Gedan­ken zum Wis­sen der Phy­sik macht, ohne es als Wis­sen ernst­zu­neh­men, gehört mehr in die erste der bei­den ange­ge­be­nen Kate­go­rien näm­lich der, die der Theo­rie vor­wirft, nicht unmit­tel­bar Pra­xis zu sein, und ist inso­fern nicht schwie­rig ein­zu­se­hen, als er sei­nem Buch ein Foto vor­an­stellt, das zeigt, wie er auch ein duf­ter Typ ist und die Bongo-​Trommel schlägt. Er weist damit auf das lei­dige Fak­tum hin, daß auch die nütz­lichste Wis­sen­schaft nicht selbst schon lau­ter Chewing-​gums and Dol­lars, also das wirk­li­che Leben ist, und bewährt sich dem­ent­spre­chend in der Vor­le­sung als Leh­rer für ange­hende Know-​how-​Produzenten auch darin, daß er mit sei­nen College-​boys and girls die gül­tige ame­ri­ka­ni­sche Ein­stel­lung zu dem theo­re­ti­schen Kram dis­ku­tiert, also prag­ma­ti­sche Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten mal auf intel­lek­tu­ell und phy­si­ka­lisch bringt und ein paar schöne puz­zles hindrech­selt, die zei­gen, daß die Phy­sik zwar aller­hand bringt, aber des­halb natür­lich nicht gleich mit jedem ihrer Sätze das Pul­ver erfun­den hat.

Dies­seits des gro­ßen Teichs, wo die Profs (noch) Schlips und Kra­gen tra­gen, wird die­selbe Sache mit mehr Tief­gang ver­han­delt. Wir ver­wei­sen nur auf den ers­ten Auf­satz die­ser Bro­schüre. Die Zwei­fel an der Soli­di­tät der Natur­ge­setze wer­den in eige­nen phi­lo­so­phi­schen Trak­tät­chen aus­ge­brei­tet, denen die Phy­si­ker, ohne des­halb vor dem Publi­kum errö­ten zu müs­sen, einen beträcht­li­chen Teil ihrer hoch­ge­schätz­ten Arbeits­zeit wid­men. Hier­zu­lande wird auch expli­zit die Ver­bin­dung her­ge­stellt zur Posi­tion des mora­li­schen Natur­wis­sen­schaft­lers, der sein Fach für aller­lei empö­rende Zustände und Ereig­nisse ver­ant­wort­lich macht und sich des­halb fragt, ob auf die­sen Motor der Welt­ge­schichte wirk­lich Ver­laß sei. Was umge­kehrt wie­der das schönste Argu­ment für die mora­li­sche Auf­rüs­tung der Mensch­heit abgibt: soll doch kei­ner mei­nen, mit sei­nem Ver­stand die Welt ver­bes­sern zu können!

[1] Daß es um außer­wis­sen­schaft­li­che Rück­sich­ten geht, ver­rät noch jeder Natur­wis­sen­schaft­ler, der in sei­ner Lebens­beichte berich­tet, wie wenig akzep­ta­bel ihm die neuen Ergeb­nisse sei­nes Fachs anfangs vor­ge­kom­men sind, wie sehr er wegen sei­ner Ein­sich­ten mit sich habe rin­gen müs­sen. Nils Bohr hat gesagt: „Wem nicht schwind­lig wird, wenn er zum ers­ten Mal vom Wir­kungs­quan­tum hört, der hat über­haupt nicht ver­stan­den, wovon die Rede ist.“ Man ver­glei­che den heu­ti­gen Ring­ver­ein mit einem Mann des 19. Jhs., Karl Marx, der an den Ein­gang der Wis­sen­schaft die For­de­rung gestellt sehen wollte: „Hier mußt du allen Zwei­fel­mut ertö­ten, hier ziemt sich keine Zag­heit fürderhin. “

[2] Stegmül­ler hat sich das fol­gende Pro­blem erar­bei­tet – “ Woher wis­sen wir, daß ein Baum, den wir zunächst anse­hen, auch dann an sei­nem Ort bleibt, wenn wir ihn nicht mehr anse­hen?“ – und will sein Pro­blem als Kon­se­quenz natur­wis­sen­schaft­li­cher For­schung ver­stan­den wis­sen: „Die Schwie­rig­kei­ten bei der Inter­pre­ta­tion quan­ten­me­cha­ni­scher Vor­gänge ent­ste­hen bekannt­lich dadurch, daß freie Mas­sen­teil­chen durch Beob­ach­tung in einer nicht vor­aus­sag­ba­ren Weise gestört wer­den. “ Er hätte ebenso gut sagen kön­nen: Beim Ver­ständ­nis der Luft als eines durch­sich­ti­gen Kör­pers ent­ste­hen dadurch Schwie­rig­kei­ten, daß man die Luft bekannt­lich nicht sehen kann.

[3] Die­selbe Tau­to­lo­gie hat auch das Wort Umwelt­be­wußt­sein auf dem Gewis­sen. Die Beliebt­heit des so voll­brach­ten Über­gangs vom Umwelt p r o b l e m , das dem Staat aus der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft erwächst, zu den Her­zen sei­ner Bür­ger erklärt sich dar­aus, daß er sein Pro­blem mög­lichst bil­lig wie­der los­wer­den will. Sei­net­we­gen sol­len die Leute ihrem Müll noch etwas abge­win­nen und ihre über­flüs­si­gen Plas­tik­tü­ten zwei­mal benutzen.

[4] Die­ser Stand­punkt der Aus­wir­kun­gen treibt die erstaun­lichs­ten Blü­ten, wenn die beson­ders mie­sen Fol­gen moder­ner Kriege durch einen Blick in die waf­fen­tech­nisch beschränkte Ver­gan­gen­heit illus­triert wer­den sol­len. Linus Pau­ling, Nobel­preis­trä­ger in den Fächern Che­mie und Frie­den, Pro­mo­ter der Ascor­bin­säure und Ame­ri­ka­ner, ver­mag auf diese Weise seine geliebte Demo­kra­tie in ver­gan­ge­nen Schlach­ten am Werke zu sehen: „There may in the past have been times when war was a cruel but (!) effec­tive (!) app­li­ca­tion of thr demo­cra­tic pro­cess when force was on the side of justice. Wars fought with sim­ple wea­pons were often won by the side with the grea­ter num­ber of war­ri­ors. “ (No more war, S. 4) – Eine andere Mei­nung zu die­sem Thema wird übri­gens in dem Buch „Aste­rix der Gal­lier“ vertreten.

[5] Wer sol­che Mühen scheut, kann sich auch mit ande­ren Mit­teln über sein Pro­blem hin­weg­trös­ten. Born, der sich und seine Zunft­ge­nos­sen anschei­nend zu tief ins Zwie­licht gera­ten sieht, ent­blö­det sich nicht, als Beweis für die Gut­wil­lig­keit vie­ler Natur­for­scher die in ihren Krei­sen betrie­bene Haus­mu­sik sowie eine von ihm selbst ver­fer­tigte Über­set­zung des Wil­helm Busch ins Eng­li­sche anzu­füh­ren. (a.a.O., S. 70)

[6] „Die Phy­sik ist die grund­le­gendste und umfas­sendste Natur­wis­sen­schaft, und sie hat den wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt tief­grei­fend beein­flußt. In der Tat ist die Phy­sik heut­zu­tage das Äqui­va­lent des­sen, was man frü­her Natur­phi­lo­so­phie zu nen­nen pflegte.“ (3−1)

[7] „Wenn Sie Phy­si­ker wer­den wol­len, dann müs­sen Sie viel ler­nen: die Ergeb­nisse einer zwei­hun­dert­jäh­ri­gen For­schung auf dem Wis­sens­ge­biet, das sich am schnells­ten ent­wi­ckelt. So viel Wis­sen, daß Sie viel­leicht den­ken, Sie könn­ten alles ler­nen …“ (1−1)

[8] „Die Grenze unse­res Unwis­sens dehnt sich unun­ter­bro­chen aus.“ (1−1)

[9] „Alles, was wir wis­sen, ist in der Tat bloß eine Art Appro­xi­ma­tion, weil wir wis­sen, daß wir noch nicht alle Gesetze ken­nen.“ (1−1 f)

[10] „Des­halb müs­sen wir vie­les nur ler­nen, um es wie­der zu ver­ler­nen oder um es zu kor­ri­gie­ren, was der wahr­schein­li­chere Fall ist.“ (1−2)

[11] „Wel­che neuen Ideen und Anre­gun­gen erhal­ten die Phy­si­ker mit dem Rela­ti­vi­täts­prin­zip? … Es war natür­lich eine scho­ckie­rende Ent­de­ckung, daß Newton’s Gesetze, die all die Jahre zu stim­men schie­nen, falsch sind … Wir haben nun eine viel beschei­de­nere Mei­nung von unse­ren phy­si­ka­li­schen Geset­zen – alles kann falsch sein.“ (16−3)

[12] Die Wind­müh­len­flü­gel, gegen die unser Pro­fes­sor hier kämpft, wer­den vom Selbst­miß­ver­ständ­nis der moder­nen Mathe­ma­ti­ker gedreht. Diese bil­den sich ein, sie wür­den ein­fach ins Blaue hin­ein defi­nie­ren. Doch statt die Mathe­ma­ti­ker zu kri­ti­sie­ren, beschei­nigt ihnen Feyn­man, daß sie es eben leich­ter hät­ten. „The glory of mathe­ma­tics is that we do not have to say what we are tal­king about.“ Er spannt nicht, wel­cher Kin­de­rei sich diese Herr­lich­keit ver­dankt:„If we have any other set of objects that obey the same sys­tem of axi­oms as Euklid’s geo­me­try, … it makes no dif­fe­rence what the sub­ject was. „Wenn wir irgend­eine Menge von Objek­ten haben, die dem­sel­ben Sys­tem von Axio­men gehorcht wie die Eukli­di­sche Geo­me­trie, … dann macht es kei­nen Unter­schied, was der Gegen­stand war.“ (12−3) Wenn meine Oma Räder hätt‘, wär‘ sie ein Omnibus…

[13] „Ers­tens, weil das zweite Newton’sche Gesetz nicht genau ist, und zwei­tens, weil man phy­si­ka­li­sche Gesetze nicht ver­ste­hen kann, wenn man nicht weiß, daß sie alle Appro­xi­ma­tio­nen sind.“ (12−2)

[14] „… und wenn wir ein Sys­tem zur Erklä­rung der wirk­li­chen Welt haben, dann muß die­ses Sys­tem zumin­dest vor­läu­fig Appro­xi­ma­tio­nen ent­hal­ten.“ (12−3)

[15] „… daß wir ver­su­chen … die Viel­falt der Aspekte als das Ergeb­nis einer rela­tiv gerin­gen Anzahl ele­men­ta­rer Dinge und Kräfte zu ver­ste­hen, die in unend­lich viel­fäl­ti­gen Kom­bi­na­tio­nen zusam­men­wir­ken.“ (2−1)

[16] „Jedes Ding ist eine Mix­tur aus vie­len Din­gen, des­halb kön­nen wir es nur als eine Serie von Appro­xi­ma­tio­nen und Idea­li­sie­run­gen behan­deln … Auf die­selbe Weise wer­den wir die Eigen­schaf­ten der Kraft ken­nen­ler­nen, als Idea­li­sie­rung, wenn wir nicht zu genau sind.“ (12−3)

[17] „In der Mathe­ma­tik … kann man rein die Gesetze der Logik befol­gen, die natür­li­che Welt ist hin­ge­gen kom­plex.“ (12−3)

[18] „Kann es sein, daß das Ding, das vor dir auf und ab geht und mit dir redet, ein gro­ßer Klum­pen so kom­plex ange­ord­ne­ter Atome ist, daß allein schon seine Kom­ple­xi­tät dein Vor­stel­lungs­ver­mö­gen von sei­nen Mög­lich­kei­ten über­steigt?“ (1−13)

[19] „Erstaun­li­cher­weise ist es, trotz der in die­sem Zeit­raum (i.e. den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren) geleis­te­ten kolos­sa­len Arbeit, gro­ßen­teils mög­lich, die unge­heure Menge von Ergeb­nis­sen zu kon­den­sie­ren, d.h. Gesetze zu fin­den, die unser gan­zes Wis­sen zusam­men­fas­sen.“ (1−1)

[20] „Wenn in einer Sint­flut unser gan­zes natur­wis­sen­schaft­li­ches Wis­sen zer­stört und nur ein Satz an die nächste Gene­ra­tion von Lebe­we­sen über­lie­fert würde, wel­che Aus­sage würde dann die größt­mög­li­che Infor­ma­tion in der kleins­ten Zahl von Wör­tern ent­hal­ten? Ich glaube, es wäre die Atom­hy­po­these (oder die Atom­tat­sa­che oder wie immer Sie es nen­nen wol­len) …“ (1−3)

[21] „Wenn man irgend­et­was Tech­ni­sches lernt, bei dem die Mathe­ma­tik eine Rolle spielt, dann ist man mit der Auf­gabe kon­fron­tiert, sich eine Unmenge von Fak­ten und Ideen zu mer­ken, die nur durch gewisse Bezie­hun­gen mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen, deren Exis­tenz ‚bewie­sen‘ oder ‚gezeigt‘ wer­den kann. Dabei kann es einem leicht pas­sie­ren, daß man den Beweis mit der Bezie­hung ver­wech­selt, die er begrün­det … Was man sich von einem Beweis mer­ken muß, ist nicht der Beweis selbst, son­dern daß man mit ihm zei­gen kann, daß dies und jenes wahr ist.“ (1−1)

[22] „Oft möch­ten wir erst eine Ver­mu­tung anstel­len, bevor wir eine Ent­schei­dung zu tref­fen haben. Z.B. soll ich mor­gen mei­nen Regen­man­tel mit­neh­men? Für wel­che Ver­än­de­rung der Erd­ober­flä­che soll ich ein neues Gebäude ent­wer­fen? Soll ich mir einen Atom­bun­ker bauen? … In der Tat ist jede Ver­all­ge­mei­ne­rung wie eine Ver­mu­tung beschaf­fen. Jede phy­si­ka­li­sche Theo­rie ist eine Art Mut­ma­ßung. Dabei gibt es gute und schlechte Ver­mu­tun­gen. Die Wahr­schein­lich­keits­theo­rie ist ein Sys­tem, um bes­sere Ver­mu­tun­gen auf­zu­stel­len ..“ (6−1)

[23] Zu die­sem Thema leis­tet sich Feyn­man eine sei­ner vie­len Stil­blü­ten: Es geht um den ers­ten Atom­bom­ben­ver­such, wobei er „poor old Ein­stein“ dafür ent­schul­di­gen will, daß er vor­her­sa­gen konnte, wie­viel Ener­gie frei­ge­setzt wer­den würde. Daß der Ver­such dem Zweck diente, „to get the thing to occur in an effec­tive and rapid man­ner“ wird neben­bei erwähnt, ihn erfreut etwas ande­res:“ … and the moment they mea­su­red it they no lon­ger nee­ded the for­mula.“ (16−12) Ein­stein soll seine mora­li­sche Inte­gri­tät dadurch gewin­nen, daß er ein über­flüs­si­ger Depp ist.

[24] „Das Expe­ri­ment ist der Prüf­stein allen Wis­sens. Das Expe­ri­ment ist der ein­zige Rich­ter über wis­sen­schaft­li­che ‚Wahr­heit‘.“ (1−2)

[25] „Das Expe­ri­ment hilft uns, die Gesetze auf­zu­stel­len, inso­fern es uns Hin­weise gibt.“ „…um aus den Hin­wei­sen die all­ge­mei­nen Schlüsse zu zie­hen …, die wun­der­ba­ren, ein­fa­chen, aber ganz neuen Gesetz­mä­ßig­kei­ten hin­ter den Din­gen… “ „… danach durch das Expe­ri­ment zu prü­fen, ob wir rich­tig gera­ten haben.“ (1−2)

[26] „Wir sag­ten, die Natur­ge­setze gel­ten nur annä­he­rungs­weise, daß wir zunächst die ‚fal­schen‘ und dann die ‚richtigen’finden.“ (1−2)

[27] „Wenn wir von so gering­fü­gi­gen Din­gen (wie Män­gel an Meß­ap­pa­ra­ten) abse­hen, unter wel­chen Umstän­den kön­nen die Ergeb­nisse eines Expe­ri­ments dann falsch sein? Nur wenn sie unge­nau sind.“ (1−2)

[28] „Wir wis­sen nicht, wo wir ‚dumm‘ sind, bevor wir nicht unse­ren ‚Kopf hin­hal­ten‘, und des­halb müs­sen wir ein­fach ‚unse­ren Kopf hin­hal­ten‘.“ (38−9)

[29] „Neben­bei bemerkt, die Psy­cho­ana­lyse ist keine Wis­sen­schaft … Die Psy­cho­ana­lyse ist bis­lang noch nicht sorg­fäl­tig expe­ri­men­tell über­prüft wor­den, und es gibt keine Mög­lich­keit, eine Liste der Fälle auf­zu­stel­len, in denen sie erfolg­reich ist, und eine Liste derer, in denen sie es nicht ist usw. … Die mensch­li­chen Wesen sind so ver­schie­den. Es wird lange dau­ern, bis wir so weit kom­men. Wenn wir nur her­aus­fin­den könn­ten, wie ein Hund funk­tio­niert, dann wären wir schon ziem­lich fort­ge­schrit­ten.“ (3−12)