Pro­bleme mit der Jugend?

Schlaf­fis und Kra­wal­los, Pop­per und Punks, Disco-​Hänger und Haus­be­set­zer, Fixer und die ganz normalen

Quelle: MSZ (Aus­gabe 2 1981)

Pro­bleme mit der Jugend?

Schlaf­fis und Kra­wal­los, Pop­per und Punks, Disco-​Hänger und Haus­be­set­zer, Fixer und die ganz normalen

Die Unzu­frie­den­heit mit der Jugend ist älter als die bür­ger­li­che Gesell­schaft. Dass die Jun­gen „nicht mehr so sind, wie wir frü­her“, beklagte schon Pla­ton, der des­halb gern zitiert wird, um die Harm­lo­sig­keit des „Pro­blems Jugend“ dar­zu­tun. Denn der Sicher­heit, dass die Jun­gen anstän­dige Mit­glie­der der Gesell­schaft erst noch wer­den müs­sen – und das so zu gehen habe, wie bei der Väter­ge­ne­ra­tion – steht doch in aller Regel das Ver­ständ­nis für die Jugend gegen­über: „Mein Gott, die sind halt noch jung.“

Dass die Jugend erst noch wer­den muss, was sie noch nicht ist, diese nega­tive Bestim­mung einer Zeit des Wer­dens ist der grund­sätz­li­che bür­ger­li­che Irr­tum, was die Beur­tei­lung der Jugend anbe­langt; zugleich Anlass zu aller­lei alber­ner Besorg­nis, so als ob das Her­an­wach­sen auch nicht gelin­gen könne. Da wird eine „Sinn­krise“ der Jugend­li­chen ebenso leicht kon­sta­tiert wie Ver­säum­nisse der Erwach­se­nen­welt, und öffent­lich sorgt man sich sehr, ob „diese jun­gen Leute auch in unsere Gesell­schaft hin­ein­wach­sen“. Ja wohin denn sonst?

Das Pro­blem hat es wirk­lich noch nicht gege­ben, dass eine Gesell­schaft auf ein­mal ihren Nach­wuchs ver­lie­ren würde. Über die grund­lose Sorge um das Gelin­gen des Erwach­sen–Wer­dens wird völ­lig über­se­hen, was die Jugend­li­chen, sind und dass sie durch­aus schon alles sind, was sie noch jemals wer­den. Man braucht zwi­schen 12 und 20 nicht erst noch in eine Gesell­schaft hin­ein­zu­rei­fen, in der man schon ein Dut­zend – Lebens­jahre ver­bracht hat, eben­so­we­nig dient diese Zeit der Ver­voll­stän­di­gung von Wis­sen und Fer­tig­kei­ten zur Vor­be­rei­tung auf das Berufs­le­ben unter­schei­den sich doch die intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten eines Fünf­zehn­jäh­ri­gen in nichts von denen eines Erwach­se­nen dop­pel­ten Alters: es wird doch nichts mehr dazugelernt.

Die Ideo­lo­gie der Rei­fung behaup­tet einen Nut­zen die­ses Lebens­ab­schnit­tes für den Jugend­li­chen, er lernt, was er braucht, er wird, was er wer­den soll, um sei­nen Erfolg in der Welt der Berufe zu fin­den. Man erach­tet die Jugend­li­chen als Sub­jekt ihrer Lebens­ge­stal­tung – und zwar auch und gerade dann, wenn in den Bedin­gun­gen des Erfolgs all die Anfor­de­run­gen auf­ge­lis­tet wer­den, an deren Erfül­lung die Jugend gemes­sen wird. Tat­säch­lich bezie­hen die Lebens­al­ter ihre eigen­tüm­li­chen Cha­rak­tere aus­schließ­lich von der ver­schie­de­nen Benut­zung, die die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft mit den Alters­grup­pen vor­nimmt. Dem­ent­spre­chend ist die Jugend kei­nes­wegs ein „Noch-​nicht“, son­dern genau das, als was sie von Staat und Kapi­tal benutzt wird. Eine Gesell­schaft hat also nicht – wie päd­ago­gi­sche Sau­er­töpfe gern ver­mel­den – die Jugend, die sie „ver­dient“, son­dern die­je­nige, die sie braucht. Was sol­len junge Leute auch ande­res machen, als sich auf das ein­stel­len, was auf sie zukommt. Aus­ge­rech­net von denen, die noch nichts zu mel­den haben; grund­sätz­li­che Kri­tik, Neue­rung und Umsturz zu erwar­ten, ist grund­los. Mögen ein paar Steine flie­gen und die Jun­gen schlecht ange­zo­gen sein, auch 1981 ist „Sich-​darauf-​einstellen“ das Tun der Jugend – nur heißt dies heute nicht mehr das­selbe wie vor 10 Jahren.

„Wir waren nicht so!“

- mei­nen alle ab 25 und ver­ges­sen, dass von ihnen ande­res ver­langt wurde. Hat das VWL-​Examen 1953 auch nicht jedem den Ses­sel des Bun­des­kanz­lers sichern kön­nen, so sind doch heute die Leg­as­the­ni­ker der Wei­ma­rer Repu­blik Vize-​Präsidenten des Bun­des­tags. Das Stu­dium war bis vor gar nicht lan­ger Zeit nicht erst ein Mit­tel der Kar­riere, son­dern schon ihr Erfolg: der Stu­dent wurde nicht erst, er war Mit­glied der Elite. Mit Schul– und Hoch­schul­aus­bau wurde nicht erst, er war Mit­glied der Elite. Mit Schul– und Hoch­schul­aus­bau wurde die Demo­kra­ti­sie­rung der Eli­ten­bil­dung ein­ge­lei­tet und der dama­li­gen Jugend unter Stich­wör­tern wie „Aus­schöp­fung der Bil­dungs­re­ser­ven“ und der „För­de­rung nach dem Hon­ne­fer Modell“ ein wach­sen­des Inter­esse von Staat und Kapi­tal an der Qua­li­fi­ka­tion der Jugend signa­li­siert. Man konnte sie und immer mehr von ihnen als wis­sen­schaft­lich aus­ge­bil­dete Kräfte brauchen.

Heute trifft die erfolg­rei­che Reform des Bil­dungs­we­sens auf eine staat­li­che Poli­tik, die sich nicht zusätz­li­che, son­dern weni­ger Aka­de­mi­ker leis­ten will; sowie auf eine Wirt­schaft, die sich durch zuneh­mende Ratio­na­li­sie­rung (ja, die dama­li­gen Stu­den­ten brin­gen schon was zustande!) von immer mehr Beschäf­tig­ten aller Stu­fen der Bil­dungs­hier­ar­chie unab­hän­gig macht. Über­füllte Klas­sen und Leh­rer­ar­beits­lo­sig­keit, „explo­die­rende“ Stu­den­ten­zah­len und Stel­len­strei­chun­gen an den Uni­ver­si­tä­ten, ein ein­ge­fro­re­nes BAföG und die ver­brei­tete Hetze gegen die „Bil­dungs­bür­ger“ signa­li­sie­ren der nach­wach­sen­den Gene­ra­tion, dass an ihr sei­tens Staat und Wirt­schaft ein recht beding­tes Inter­esse besteht. Seit­dem jeder stu­die­ren darf, was er will, hat es wenig zu bedeu­ten, und Bil­dungs­po­li­tik besteht nur­mehr im Kampf der Kul­tus­mi­nis­ter gegen den Bil­dungs­wil­len der Schü­ler: Die mei­nen doch glatt, sie seien als Aus­ge­bil­dete gefragt, wo doch noch gar nicht raus ist, ob sie über­haupt gefragt sind! Zu viele von ihnen sind auf den Uni­ver­si­tä­ten, den Gym­na­sien, und sogar die Volks­schule ist heute ein Abschluss (!) gewor­den, den man auch nicht krie­gen kann.

Bedeu­tet das ver­stärkte Sie­ben – die geschrumpfte Nach­frage nach den Diens­ten er Jun­gen – für die­je­ni­gen, die schon die obe­ren Stu­fen des Bil­dungs­we­sens erklom­men haben, nur, dass sie zwar ihr Ziel nicht errei­chen, aber die Absol­ven­ten des nächst­nied­ri­ge­ren Bil­dungs­ni­veaus von den immer noch pri­vi­le­gier­ten Plät­zen ver­trei­ben, so wirkt sich die­ser „Ver­drän­gungb­wett­be­werb“ auf dem nor­ma­len Arbeits­markt sehr unge­müt­lich aus, wo das Kapi­tal sich aus dem wach­sen­den Ange­bot sei­ner sin­ken­den Nach­frage ent­spre­chend recht frei her­aus­sucht, wen es über­haupt benut­zen will – und wen über­haupt nicht.

Die Benut­zung zur Meh­rung frem­den Reich­tums ist aber in die­ser Gesell­schaft die „Chance“ des Men­schen, sein Leben zu bestrei­ten. Nur diese Chance erlaubt ihm den not­wen­di­gen Irr­tum, die Welt sei – irgend­wie – doch auch für ihn da und der Ein­satz, sei er auch hoch, lohne sich. Das „Gebraucht-​Werden“ als Aus­beu­tungs­ob­jekt ist die Basis dafür, dass der Mensch an „der Wirt­schaft“ und der sie erhal­ten­den Herr­schaft über­haupt ein Inter­esse fasst.

Je weni­ger die mate­ri­elle Basis die­ses Inter­es­ses sicher­ge­stellt ist, desto mehr wird es zur puren Tugend der Kon­kur­renz. Den Erfolg – ohne Rück­sicht auf seine Ver­wirk­li­chungs­chance – zu wol­len, „trotz­dem“ nicht auf­ge­ben, das ist die Ein­stel­lung, die die Jun­gen auf­brin­gen müs­sen, und an deren Vor­han­den­sein sich ent­schei­det, ob aus dem Spröss­ling über­haupt noch etwas Geschei­tes wird. Dazu wer­den sie von tau­send Fami­lien– und Jugend­il­lus­trier­ten auf­ge­for­dert mit der Mel­dung, sie hät­ten doch noch eine Chance, wenn auch viel­leicht nicht gerade im „Traum­be­ruf“ Autoschlosser:

„Was ist dran an dem Schreck­ge­spenst von der stei­gen­den Jugend­ar­beits­lo­sig­keit? ‚Über­haupt nichts‘, sagt die Bun­des­an­stalt. ‚Zur Zeit sind in der Bun­des­re­pu­blik ganze 3,4 0er jun­gen Arbeit­neh­mer unter 20 Jah­ren arbeits­los.’ Die Berufs­be­ra­ter emp­feh­len Mäd­chen und Jun­gen, auf jeden Fall eine Aus­bil­dung zu machen. Wer kei­nen Beruf hat, wird schnel­ler arbeits­los. Nie­mand sollte sich dar­auf ver­las­sen, dass er mit Gele­gen­heits­jobs durchs Leben kommt.“ (Bunte, 11.9.80)

Eben, das konnte man in der Ver­gan­gen­heit – und das hat sogar gereicht. Der Mensch in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft bezieht seine Erwar­tun­gen ans Leben näm­lich nicht auf den vor­han­de­nen Reich­tum, son­dern misst das, was er kriegt, an Ansprü­chen, die er im Lauf der Aus­bil­dung erwor­ben und aus­ge­bil­det hat. Volks­schü­ler erhe­ben keine Ansprü­che auf Pro­fes­so­ren­ge­häl­ter, sie bezie­hen ihre beschei­dene Zufrie­den­heit und den bor­nier­ten Stolz „aufs Erreichte“ dar­aus, dass sie an das ran­kom­men, was einem Volks­schü­ler zusteht.

Heute aber wer­den selbst diese gestaf­fel­ten Ansprü­che nicht mehr befrie­digt. Erwor­bene Qua­li­fi­ka­tio­nen gel­ten nichts; die Aus­bil­dung, die jeder auf alle Fälle machen soll, wird unzu­gäng­lich für die­je­ni­gen, die den qua­li­fi­zier­ten Abschluss der Volks­schule nicht mehr schaf­fen usw. Diese Auf­lö­sung des gewohn­ten Zusam­men­hangs von Auf­wand und Ertrag, den die neuere Poli­tik der Nation mit sich gebracht hat, die Auf­kün­di­gung des alten „Kannste was, biste was“, bewirkt an der Jugend eine Schei­dung in die­je­ni­gen, die sich jetzt erst recht der Tugend der Kon­kur­renz ver­schrei­ben, die dar­auf set­zen, dass in Zei­ten gerin­ge­rer Nach­frage nach qua­li­fi­zier­ter Arbeits­kraft Zeug­nisse und Qua­li­fi­ka­tio­nen zwar nichts mehr garan­tie­ren, aber eben des­we­gen umso wich­ti­ger gewor­den sind. Und in den klei­ne­ren Rest, der der ver­schärf­ten Aus­lese in den Schu­len gleich ent­nimmt, dass er dabei nichts zu put­zen hat. Für den ein­zel­nen stellt sich ja nicht erst nach 9 oder 13 Jah­ren her­aus, ob an ihm Inter­esse besteht, son­dern schon unter­wegs, so dass es eben heute schon in der 2. Klasse Kin­der gibt, die für sich ent­schie­den haben, dass für sie nichts mehr läuft.

Aber auch bei denen, die wie eh und je die Schu­len durch­lau­fen, trennt sich das Inter­esse am Erfolg von dem am Beruf bzw. an der Schule. Ein Ober­schü­ler muss heute den Schul­er­folg wol­len, ohne ihn als Vor­be­rei­tung auf einen bestimm­ten, aus irgend­wel­chen Nei­gun­gen gewähl­ten Beruf auf­fas­sen zu dür­fen. Des­glei­chen ist sein nöti­ges Enga­ge­ment für sei­nen Erfolg in der Schule gerade die Abs­trak­tion vom Wis­sen der Fächer.

Hat­ten frü­her schon die­je­ni­gen in der Schule am ehes­ten Inter­esse „an der Sache“, lern­ten also am bes­ten und erfolg­reichs­ten, die sich um die Kon­kur­renz in der Schule, um Noten luxu­riös nicht zu küm­mern brauch­ten, so hat das rein nega­tive Ver­hält­nis der schlech­ten Schü­ler zum Ler­nen heute alle Schü­ler ergrif­fen. War frü­her die Sicher­heit des Abiturs nach der über­wun­de­nen Hürde der 10. Klasse die Vor­aus­set­zung (frei­lich auch nicht mehr) für ein freies Inter­esse an allem Wis­sen (und allen phi­lo­so­phi­schen und künst­le­ri­schen Spin­ne­reien der bür­ger­li­chen Welt, so hat die Ober­stu­fen­re­form die­ses freie Inter­esse in den Dienst der Schul­kon­kur­renz gestellt und damit erle­digt. Mit dem Luxus des Schü­ler­le­bens ist es also vor­bei, wer etwas wer­den will, der muss die Schule ange­strengt als sei­nen Plat­z­er­werb in der Hier­ar­chie der Berufe betrei­ben und wol­len, was mit einer freien Begeis­te­rung für Schule oder Beruf nicht zu ver­wech­seln ist.

„Viele Leh­rer kla­gen dar­über, dass sich die jun­gen Leute für nichts wirk­lich inter­es­sie­ren, apa­thisch seien, lust­los, resi­gna­tiv.“ (Süd­deut­sche Zei­tung, 10.8.80)

Jetzt sol­len sie sich für die­ses Trei­ben auch noch begeis­tern! Klar hat das Ende der Sicher­heit, dass man einen „ange­mes­se­nen“ Beruf fin­den wird, Wir­kun­gen auf Stim­mung und Geis­tes­zu­stand der Jugend. Wenn sich die Ver­tre­ter der volks– mit denen der eli­te­ver­bun­de­nen Leh­rer­ver­bände dar­über strei­ten, ob in den Schu­len heute weni­ger gelernt oder inhu­ma­ner kon­kur­riert werde als frü­her, dann haben sicher­lich beide recht: Es wird mehr für Prü­fun­gen gebüf­felt und dabei nichts mehr gelernt. Die Jun­gen stel­len sich auf die neuen Anfor­de­run­gen ein, indem sie flei­ßi­ger sind als die vor­her­ge­hende Gene­ra­tion und dümmer.

Jugend – das ist auch etwas!

In dem Maße, in dem die Ideo­lo­gie der „Leis­tungs­ge­sell­schaft“ ihre Plau­si­bi­li­tät ver­liert, erschöpft sich auch die Kraft der erzie­he­ri­schen Appelle: „Du darfst, aber dafür musst du auch…“ Die Ideo­lo­gie, dass Pflicht­er­fül­lung sich aus­zahle, ist nicht mehr in, und so wird das Recht, zu dür­fen, ein­fach so ein­ge­klagt. Noch nie hat die Jugend so viel gedurft wie heute – und sie merkt diese Frei­heit durch­aus als das Des­in­ter­esse der Gesell­schaft an ihr. Dar­über kommt nicht ein­mal große Ent­täu­schung auf.

Auf einem aller­dings beharrt die Jugend, und das hat ihr den Schimpf­na­men „Schlaf­fis “ ein­ge­tra­gen: auf dem Recht, nicht auch noch begeis­tert sein zu müssen.

Mit die­sem Feh­ler, die deut­lich ver­schlech­ter­ten Zukunfts­aus­sich­ten der jun­gen Gene­ra­tion, deren Ursa­chen sie nicht inter­es­sie­ren und die sie nicht bekämp­fen will, als Hin­der­nis für ihre Par­tei­nahme für das Ganze oder als Grund der berech­tig­ten Nicht­be­geis­te­rung zu bespre­chen, damit füh­ren sich die Jugend­li­chen wie Sozi­al­fälle auf – und kom­men gerade so an. Als Opfer von Umstän­den, von denen man unmög­lich den Wil­len ver­lan­gen kann, sich dage­gen durch­zu­set­zen, prä­sen­tie­ren sie sich gerne und so wer­den sie von den Medien auch gehan­delt, wenn man gemein­sam mit elo­quen­ten Ver­tre­tern der Schul­ju­gend das „Pro­blem“ ihrer „Staats­ver­dros­sen­heit“ wälzt.

Die Jugend ist nicht mehr „unsere Zukunft“, „unsere nach­wach­sen­den Inge­nieure und Fach­ar­bei­ter“, son­dern aner­kann­ter­ma­ßen ein Sozi­al­pro­blem. So ist die Demo­kra­tie: da schä­digt sie eine ganze Gene­ra­tion und tut ihr dafür die Ehre an, zum natio­na­len Sozi­al­pro­blem Num­mer 1 erklärt zu wer­den. Die Opfer sind so frei und füh­len sich als genau das, als was sie defi­niert wer­den. Die es wei­ter brin­gen, schrei­ben ganz objek­tiv Besin­nungs­auf­sätze über die „Pro­bleme der Jugend­li­chen“ und – sel­ber nur mehr stolz dar­auf, kein Vor­ur­teil zu haben, weil sie auf Urteile ver­zich­ten – for­dern sie von der Erwach­se­nen­welt nur eines: „Mehr Ver­ständ­nis für die Jugend“.

Diese metho­di­sche Stel­lung zu sich sel­ber zeich­net die Jugend heute aus: Wäh­rend andere Gene­ra­tio­nen den Sta­tus des Jugend­li­chen, die eben nur halbe Aner­ken­nung als erwach­sene Men­schen, stets als Fes­sel emp­fun­den haben, der man sich durch eige­nes Ein­kom­men oder durch sons­tige Ver­dienste (Abitur) ent­le­di­gen muss, spre­chen 18-​20jährige heute von sich als Teens und Twens und for­dern für sich „Rechte als Jugend­li­che“. Als diese selbst­be­wuss­ten Pro­blem­fälle der Nation bekom­men sie dann tat­säch­lich ein paar Spiel­wie­sen zuge­stan­den, sowie eine eigene Kul­tur, die die Erwach­se­nen inzwi­schen längst nicht mehr als Angriff auf die ihre missverstehen.

Wäh­rend andere Gene­ra­tio­nen mög­lichst schnell erwach­sen wer­den woll­ten, schlie­ßen die heu­ti­gen aus der Per­spek­tiv­lo­sig­keit ihrer Berufs­aus­sich­ten, dass erwach­sen wer­den sich nicht lohnt und rekla­mie­ren das „Recht, ein Jugend­li­cher zu sein!“

„Wäh­rend die Erwach­se­nen immer noch davon aus­ge­hen, dass die Phase des Jugend­al­ters eine Zeit der Vor­be­rei­tung, des Sich­an­stren­gens für Spä­te­res, für ‚das Leben‘ sei, ver­ste­hen die heu­ti­gen Her­an­wach­sen­den dies gerade nicht so, son­dern hal­ten ihre Jugend­zeit für jetzt zu leben­des, gegen­wär­ti­ges Leben.“ (Süd­deut­sche Zei­tung, 10.8.80)

Na da schau her, jetzt hal­ten die Jugend­li­chen ihr Leben für ein zu leben­des! Der Jugend­for­scher (auch so etwas gibt es inzwi­schen!) sieht hier einen Wert­wan­del vor sich gehen und hält die Trost­lo­sig­keit der Jun­gen glatt noch für gestei­ger­ten Mate­ria­lis­mus: sie woll­ten mit dem Leben nicht war­ten, bis sie alt seien. Jugend aber – und das heißt eben wirt­schaft­li­che Unselb­stän­dig­keit, nicht kön­nen und dür­fen, was man will, und die Albern­heit, der spieß­bür­ger­li­chen Ver­nunft der Kon­kur­renz nur die Frei­heit zur Unver­nunft des­sen, der nicht ernst­ge­nom­men wird, ent­ge­gen­zu­set­zen -; diese Jugend als Ziel der eige­nen Wün­sche auf­zu­fas­sen, ist das Gegen­teil von einem Men­schen, der weiß, was er will. Aner­ken­nung, Ver­ständ­nis und Respekt für sich als Jugend­li­chen for­dern, lässt sich nicht als „Jugend­sünde“ abtun, sind sie doch stolz dar­auf, nicht für voll genom­men zu werden.

Das hier über die Jugend Gesagte bezieht sich kei­nes­wegs nur auf die „Pro­blem­fälle“ im enge­ren Sinn. Ein „Klas­sen­be­wusst­sein“ der Jugend gibt es weit über den Kreis der­je­ni­gen hin­aus, die tat­säch­lich nicht mehr unter­kom­men. Was für die einen, die Arbeits­lo­sen, Flip­pies etc. Lebens­form ist, wird vom Rest als die Ideo­lo­gie zu ihrem täg­li­chen Ver­such, zu Erfolg zu kom­men, gepflegt. Dass diese Welt­an­schau­ung des Jugend­li­chen als Jugend­li­chen sogar mobi­li­sier­bar ist, haben die baye­ri­schen Behör­den bewie­sen. Nach den kürz­li­chen Mas­sen­ver­haf­tun­gen in Nürn­berg hat die Nation eine Welle der Soli­da­ri­tät der Schü­ler und Lehr­linge erlebt. Man ist als Jugend­li­cher für Jugend­li­che ein­ge­tre­ten! Und ein Mäd­chen vom Land, das bestimmt nie lila Latz­ho­sen trägt, nie Häu­ser besetzt und schon gar keine Steine wirft, ant­wor­tet auf eine Frage danach, ob denn alle Jugend­li­chen so staats­ver­dros­sen und alter­na­tiv seien: „Es gibt nur eine Jugend!“ (Bayr. Fern­se­hen, 1.4.81)

Haus­be­set­zer – Sozi­al­fälle offensiv

Die Jugend kri­ti­siert an dem, was sie in den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und am Arbeits­markt erlebt, nicht, dass sie zuneh­mend von der höhe­ren Bil­dung, damit von bes­se­ren Beru­fen und vom ange­neh­me­ren, viele sogar vom durch­schnitt­li­chen Lebens­stan­dard aus­ge­schlos­sen wer­den, son­dern dass sie nicht gebraucht wer­den, nicht genug Beach­tung und Ver­ständ­nis fin­den. Diese Kri­tik hält sich nicht an das mate­ri­elle Inter­esse, son­dern an seine kapi­ta­lis­ti­sche Vor­aus­set­zung. Wie es der deut­schen Arbei­ter­schaft nicht an Lohn, son­dern an Arbeits­plät­zen zu feh­len hat, so der Jugend nicht an guten Aus­sich­ten, son­dern an einer gesell­schaft­li­chen Auf­gabe. (Würde diese Kri­tik den jugend-​kulturellen Bereich über­schrei­ten und zur Poli­tik wer­den, führte sie nicht in den Arbeits­kampf, son­dern gera­de­wegs in den Arbeitsdienst!) Diese fal­sche Kri­tik trägt sich zwei­tens als lei­der fort­be­ste­hen­des Hin­der­nis der eige­nen Begeis­te­rung für Staat und Gesell­schaft vor. Da betä­tigt sich die Unver­schämt­heit des Unter­ta­nen, der dar­auf rech­net, mit dem Ver­weis auf eine Hem­mung sei­nes Wil­lens zur Bot­mä­ßig­keit noch etwas raus­schla­gen zu können.

Diese zweite Seite haben die Haus­be­set­zer gemerkt. Sie wer­den als ver­nach­läs­sigte Sozi­al­fälle aktiv. Sie bet­teln nicht, wol­len keine „pas­si­ven Hän­ger“ sein, son­dern neh­men sich, was sie brau­chen zur Prak­ti­zie­rung ihrer jugend­li­chen Lebens­form. Wie die Neger in den Slums der USA bei ihren riots beru­fen sie sich nur auf die öffent­li­che Ver­nach­läs­si­gung ihrer Bedürf­nisse, glau­ben sich also gerade als Sozi­al­fälle zu eini­gem berech­tigt. Diese schwäch­li­che Kri­tik, die gegen alle Erfah­rung Staat, Eigen­tum und Haus­be­sit­zer als die eigent­li­chen gro­ßen Sozi­al­ver­sor­ger anspricht, wird von ihnen sehr ernst geglaubt, wenn sie, ohne an einen Kampf gegen das Eigen­tum und seine Herr­schaft auch nur zu den­ken, sich ein leer­ste­hen­des Haus „berech­tigt“ neh­men. Auch ein Recht zur Gewalt wird aus dem Stand­punkt des rebel­li­schen Sozi­al­falls abge­lei­tet – und diese wird eben­falls gehand­habt wie eine deutsch-​gemäßigte Harlem-​Ausgabe. Ohne die geringste Kal­ku­la­tion bezüg­lich der Wir­kung irgend­wel­cher Aktio­nen auf die andere Seite wird da ein­mal eine Fens­ter­scheibe ein­ge­wor­fen, „um unsere große Wut aus­zu­drü­cken“, oder am Ku-​Damm ein Christ­baum ange­zün­det, weil „Bam­bule“ (oder „Ran­dale“) „sein muss, wenn der Senat nicht auf uns hört!“ Das psy­cho­lo­gi­sche Ver­hält­nis zum Auf­ruhr, der nicht dar­auf berech­net ist, zu agi­tie­ren oder den Feind zu schä­di­gen, son­dern dar­auf, dem Gefühls­le­ben des Stei­ne­wer­fers wohl­zu­tun, mani­fes­tiert sich dann auch in Kurz­sich­tig­kei­ten, wie sie zu den Nürn­ber­ger Ver­haf­tun­gen geführt haben: Ohne einen Gedan­ken daran, dass mit dem Stei­ne­schmei­ßen eine Kon­fron­ta­tion mit der Poli­zei her­auf­be­schwo­ren wer­den musste, begab man sich nach geta­ner Tat see­len­ru­hig in das KOMM(unikationszentrum für Jugend­li­che) und dis­ku­tierte über die Gewalt­frage, um aus allen Wol­ken zu fal­len, als die Poli­zei zum Ver­haf­ten kam.

So ver­schaf­fen sie sich gegen die Gesell­schaft die Berück­sich­ti­gung, die sie von ihr wol­len – und die sie eben auch nur solange bekom­men, als die Behör­den ganz frei auf die Räu­mung der Häu­ser ver­zich­ten, – bis diese es dann doch tun. Gegen die Gesell­schaft ver­schaf­fen sich die Haus­be­set­zer zwei­tens das, was sie offen­bar am meis­ten ent­beh­ren: Das Gefühl, gebraucht zu wer­den, eine gemein­schafts­för­dernde Auf­gabe zu haben, der sie sich wid­men wollen:

„Wo alles so kaputt ist, haben wir hier end­lich eine sinn­volle Arbeit gefun­den.“ (Nürn­ber­ger Hausbesetzer)

Sinn für den klei­nen Mann

Vor 10 Jah­ren gab es eine Gene­ra­tion von Jung­aka­de­mi­kern, der der Erfolg so sicher war, dass sie unter ver­schie­de­nen Beru­fen, die ihren Ange­hö­ri­gen offen­stan­den, aus­wäh­len und so Maß­stäbe aus­prä­gen konn­ten. Die Stu­den­ten­be­weg­ler waren so begeis­tert von der mög­li­chen „sinn­vol­len“ Arbeit des Aka­de­mi­kers, dass sie von ihrem Berufsideal aus zeit­wei­lig die Wirk­lich­keit ihrer bür­ger­li­chen Kar­riere aus­schlu­gen. Sie waren sich des­sen, dass sie gebraucht wür­den, so sicher, dass sie Bedin­gun­gen für die Zuge­hö­rig­keit zum bes­se­ren Stand stellten.

Heute prägt die Jugend, weil sie nicht mehr so gebraucht wird, das Ideal einer ech­ten Gemein­schaft aus, in der auf ihre Teil­nahme Wert gelegt wird. Und weil sie nichts mehr soll, ist sie auf der Suche nach Sinn. Wäh­rend erfolg­rei­che Gene­ra­tio­nen ihren Sinn in der Idea­li­sie­rung ihres Beru­fes haben – ein Leh­rer ist doch viel mehr als ein Leh­rer, ein Men­schen­bild­ner mit wahn­sin­nig viel Ver­ant­wor­tung -, muss der höhere Zweck, dem man sich gerne unter­stellt und der die ganze Scheiße doch loh­nend erschei­nen lässt, bei Leu­ten, denen der Beruf, ob sie ihn nun krie­gen oder nicht, keine Per­spek­tive mehr sein kann, getrennt von ihrem bür­ger­li­chen Trei­ben gesucht werden.

Wenn sich die heu­tige Jugend für etwas begeis­tert, dann ist es die Reli­gion, deren vom bür­ger­li­chen Leben getrenn­ter Him­mel dem Sinn­be­dürf­nis in schlech­ten Zei­ten, in denen ernst­ge­nom­me­ner Berufsidea­lis­mus als uner­laub­ter Mate­ria­lis­mus erscheint, mehr ent­ge­gen­kommt. Spott auf die Drei­fal­tig­keit ist bei der jun­gen Gene­ra­tion völ­lig aus der Mode gekom­men und die Kir­chen wer­den wie­der vol­ler; Kir­chen­tage schließ­lich bie­ten das Sinn– und Gemein­schafts­er­leb­nis, nach dem die Jugend hungert.

Und weil sie nicht ein­fach bloß an Gott glau­ben, son­dern ihren eige­nen Dschie­säss haben wol­len, blü­hen neben christ­li­chen Rock-​Gottesdiensten die Jugend­sek­ten. Dort, wo man sei­nen letz­ten Hel­ler abge­lie­fert hat, wird man sich dann in der anstren­gen­den Kunst üben, den „ande­ren“ in völ­li­ger Gleich­gül­tig­keit gegen des­sen Aus­se­hen, Geruch, Wis­sen, Inter­es­sen und sons­tige indi­vi­du­elle Eigen­hei­ten kri­tik­los „anzu­neh­men“. Ein Mit­glied einer Jugend­sekte macht sich die Wid­mung des eige­nen Lebens für höhere Zwe­cke sowie die Her­stel­lung einer ech­ten, unbe­ding­ten Gemein­schaft zur ein­zi­gen Lebens­auf­gabe. So wird das Sinn­be­dürf­nis, sonst die ide­elle Kom­pen­sa­tion zum Miss­er­folg in der Kon­kur­renz, in der der Mensch sei­nen Wil­len zum wei­te­ren Aus­hal­ten for­mu­liert, bei einem Teil der Jugend zu einem extra Grund fürs Aus­flip­pen. Sol­che schei­tern nicht mehr, weil sie sich am Maß­stab des Erfolgs über­haupt nicht mes­sen las­sen wollen.

Fans

Die nor­male Jugend befrie­digt ihr Bedürf­nis nach einem Zweck, dem zu wid­men sich lohnt, und nach einer Gemein­schaft, in der es ein­mal auch auf sie ankommt, neben dem Berufs– und Schul­le­ben mit Hob­bies in Cli­quen. Weil die Hob­bies aber pur im Gegen­satz zu dem gewählt wer­den, was man alles muss, haben sie meist wenig mehr Inhalt als „frei“, „ganz unge­zwun­gen“, „machen, was man will“. (Dies ist alles, was inter­es­sierte KOMM-​Besucher Gutes über das selbst­ver­wal­tete (!) Jugend­zen­trum zu ver­mel­den wuss­ten.) So wer­den sie ihrem nega­ti­ven Zweck nach schnell lang­wei­lig. Das Gemein­schafts­ge­fühl in der Cli­que stellt sich für viele dann bei der Bun­des­wehr ein.

Man kann sich z.B. auch ganz ein­fach für den Fle­cken Welt erklä­ren, wo man lebt, und im Fan­club des ört­li­chen Fuß­ball­ver­eins sei­nen Lokal­pa­trio­tis­mus betä­ti­gen. Dann ver­bringt man sein Wochen­ende mit Schlach­ten­bum­meln und sieht viel bewuss­ter als die Sol­da­ten dem Zeit­punkt ent­ge­gen, an dem man sich für seine Sache – „Wir sind Wir!“ – auch ein­mal schla­gen darf. Auch so kann man den Beweis füh­ren, dass es sich lohnt, etwas zu tun, dass es doch eine Gemein­schaft gibt, in der der eigene Ein­satz gefragt und wich­tig ist, oder das Glei­che umge­kehrt, dass man sel­ber doch ein beson­de­res, ein­zig­ar­ti­ges und unver­wech­sel­bar wert­vol­les Indi­vi­duum sei.

Disco

So man­cher weib­li­che Lehr­ling des Fri­seur­hand­werks geht heut­zu­tage, wenn er zum Tan­zen geht, nicht mehr in den nächst­ge­le­ge­nen Beat­schup­pen, son­dern leis­tet sich den „Luxus“, das noto­ri­sche „Satur­day Night Fever“ in einem für seine Ver­hält­nisse sünd­teu­ren Disco-​Glitzer-​Palast zu „erle­ben“. Wäh­rend die Rock’n Roll-​Generation sich beim Über­schlag aus­tobte und gele­gent­lich auch mal eine Bühne in Klein­holz ver­wan­delte – damals gab’s halt noch keine „Schlaf­fis“, son­dern „Halb­starke“ -, die Beat­le­ma­nia aus den Bil­dern ver­zückt krei­schen­der Teen­ager, die Paul für ihren ganz per­sön­li­chen „klei­nen Prin­zen“ hiel­ten, in Erin­ne­rung sein dürfte, lässt sich das Disco-​Publikum, das aus allen Klas­sen Zulauf hat, von allen mög­li­chen Sei­ten ein­re­den, es hul­dige, wenn es zum mono­to­nen Geröhre der Super­bo­xen die Glied­ma­ßen schüt­telt, einer Welt­an­schau­ung – und daran glau­ben sie auch noch! Das sich ein­stel­lende „Fee­ling“, das man sich durch „tota­les Abschal­ten“ jedes Gedan­kens und jedes bestimm­ten Gefühls ver­schafft (ganz neben­bei ist hier auch ein gehö­ri­ges Maß an musi­ka­li­scher Bru­ta­li­tät ver­langt!), soll gerade – obwohl um einen herum Hun­derte auf engs­tem Raum das Glei­che machen – die Demons­tra­tion einer Indi­vi­dua­li­tät sein, die sich hier ihren inners­ten Aus­druck ver­schafft hat – mit Fran­sen­kos­tüm; Light-​Show und Kriegs­be­ma­lung. Dabei ver­rät der extra­va­gan­teste Disco-​Look gerade seine Fixiert­heit aufs Publi­kum, von dem man sich abhe­ben will.

In bewuss­ter Dis­tanz zur gro­ßen Disco-​Welle besin­nen sich Teile der Jugend aufs Boden­stän­dige, Hei­mat­ver­bun­dene, wall­fah­ren zu Folk­lo­re­sing­sangs und ertei­len den gän­gi­gen Maß­stä­ben von beruf­li­chem und pri­va­tem Erfolg eine Absage. So zie­hen Mäd­chen die gewin­nen­den Worker-​Schlapperjeans an, man­che machen sich nichts draus, wie­der mehr Mol­li­ges mit sich her­um­zu­tra­gen, sogar Zöpfe kom­men in Mode neben ande­rem Selbst­ge­strick­ten. Zum alten Jung­mäd­chen­ideal des Hei­ra­tens, Viele-​Kinder-​Kriegens und fami­liä­rer Gebor­gen­heit wird sich hier wie­der offen bekannt.

Pop­per

Wäh­rend die einen also gegen die eman­zi­pierte und berufs­tä­tige Frau das alte deut­sche Heim­chen als Pro­tes­ti­deal vor­tra­gen, kön­nen sich andere davon prima abset­zen, indem sie sich in puncto Tracht der Läs­sig­keit und dem sport­li­chen Chic der vor­her­ge­gan­ge­nen erfolg­rei­che­ren Gene­ra­tio­nen ver­schrei­ben. Ebenso wie die ande­ren Gleich­gül­tig­keit gegen den Erfolg dar­stel­len, mimen die prop­per ange­zo­ge­nen Pop­per den Wil­len zum Erfolg. Es wäre völ­lig ver­fehlt, die­sen sau­ber ange­zo­ge­nen Kin­dern kon­ser­va­tive oder schlim­mere poli­ti­sche Absich­ten zu unter­stel­len; demons­tra­ti­ons­hal­ber, weil man gerade die herr­schende Klasse spielt, wer­den frei­lich auch ein paar Bro­cken von Elite­theo­rien auf­ge­grif­fen. Ihnen zufolge ist man sich sicher, dass der Rest der Welt, dem­ge­gen­über man auch ein Min­der­hei­ten­be­wußt­sein pflegt -‚Wir wer­den nicht ver­stan­den!!‘- prolo sei. Und dabei ist noch lange nicht her­aus, ob diese Bürsch­chen über­haupt ein Abitur schaffen.

Punks

Die Gegen­seite lässt nicht lange auf sich war­ten – und der Krieg zwi­schen Pop­per und Punks, zwi­schen Men­schen ver­schie­de­ner Mode-​Überzeugungen kann begin­nen (oder auch gleich wie­der auf­hö­ren, wenn eine neue ‚Ich-bin-auch-wer‘-Mode auf­kommt). Wäh­rend die einen Inte­griert­heit spie­len, machen die ande­ren – eben rein nega­tiv – auf das Gegen­teil: Unan­ge­passt­heit. Um Ver­ständ­nis bemühte Päd­ago­gen­see­len ver­zwei­feln ange­sichts die­ser sich wegen der Mode bekämp­fen­der Jung­schar, wenn sie fra­gen, was die Be– und Ver­klei­dun­gen ande­res aus­drü­cken sol­len als die Demons­tra­tion: Wir sind anders und pas­sen nicht rein! In ihren Ver­eins­na­men „no future“, „trash“ oder eben auch „punk“ ima­gi­nie­ren sie sich als der letzte Dreck die­ser Gesell­schaft. Als die­ser Aus­wurf gel­ten sie sich etwas und ver­lan­gen Beach­tung vom spie­ßi­gen Rest der Gesell­schaft, mit der man einer­seits nichts zu tun haben will, der man ande­rer­seits aber zugleich mit den Ver­eins­na­men den Vor­wurf macht, sie lasse einen nicht mit­ma­chen: „Ich will scho­cken!“ – doch das ist gar nicht so leicht. Vor 20 Jah­ren ging das, da war man ein Beat­nik und Bür­ger­schreck, wenn man sich die Haare vier Wochen lang nicht schnei­den ließ. Heute aber muss das Recht der Indi­vi­dua­li­tät, ganz anders sein zu dür­fen, nicht erst noch durch­ge­setzt wer­den: Kurze und lange Haare, Röcke und Hosen, schmud­de­lig oder adrett, mit Bart und ohne alles „darf“ man und kann damit noch nicht ein­mal mehr die alten Faschis­ten beein­dru­cken (die tra­gen inzwi­schen auch Kote­let­ten!). Da muss man sich schon das Haupt rasie­ren, das Gesicht wei­ßeln und sich eine Sicher­heits­na­del in die Wange ste­chen, damit sich die Leute noch umdrehen.

Die Poli­ti­sie­rung der Jugend

Die Medi­en­frit­zen, die mit ihren Argus­au­gen die Jugend bewa­chen und sich stets sor­gen, ob sie auch wird, wie sie soll, sind immerzu unzu­frie­den; sogar die „Bild­zei­tung“ beklagt sich über die Schlaffis:

Mensch, Leute, habt ihr über­haupt schon mal Schwung beses­sen? Ihr seid eine lang­wei­lige Gene­ra­tion!“ (Aus­ge­rech­net der „Bild“-Autor hat Mot­zer vermisst.)

Die schnie­ken Jungs sind nicht kri­tisch genug, die enga­gier­ten Behin­der­ten­pfle­ger nicht durch­set­zungs­fä­hig und die meis­ten ein­fach für nichts zu begeis­tern. So wenig die Jour­na­lis­ten begrif­fen haben, was die Jugend bewegt, so sehr zeigt doch ihre luxu­riöse Nör­ge­lei, dass sie genau wis­sen, dass das „Pro­blem der Jugend“, das sie auf­bau­schen, kein Pro­blem des Staa­tes wer­den wird. Vor 10 Jah­ren war Mot­zer ein Schimpf­wort, heute ein Ehren­ti­tel, der nicht ver­lie­hen wer­den kann!

Was die Früh­war­ner der Sys­tem­loya­li­tät ver­schwei­gen, ist, dass die Jugend poli­ti­siert ist, dass sie genau so dafür ist, wie eine Jugend, die schlechte Aus­sich­ten hat, über­haupt nur dafür sein kann. Sie will kei­nen Erfolg mehr, sie will nicht mehr kri­ti­sie­ren, sie will nur mehr als Jugend aner­kannt sein, Gerade in ihren ver­rück­tes­ten For­men will die Jugend nichts als demons­trie­ren, dass sie auch wer ist, d.h. sich wenigs­tens sel­ber als freie Men­schen betrach­ten und auf­füh­ren, obwohl bes­ser aber weil – bei ihr die mate­ri­elle Basis für ein Inter­esse an der bür­ger­li­chen Herr­schaft, also an der Frei­heit der Bür­ger, fehlt. Ver­steht man bei einem Haus­be­sit­zer, warum er die Frei­heit für „ver­tei­di­gungs­wert“ hält, kann das beschäf­tigte Pro­le­ta­riat immer­hin noch auf den „Besitz“ des Arbeits­plat­zes ver­wei­sen, so fehlt bei die­ser Jugend ein Grund, die Frei­heit zu wol­len. Dar­aus zie­hen sie den Schluss, dann eben Idea­lis­ten der Frei­heit zu wer­den, sie nicht für etwas, son­dern ein­fach sich sel­ber als freie Men­schen zu wol­len. Damit macht sich die Jugend, gerade mit ihrem Indi­vi­dua­lis­mus und ihrer Sehn­sucht nach ech­ter Gemein­schaft, zum gera­den Spie­gel­bild der Kon­kur­renz. Was aus ihr wird, ist also auch kein Geheim­nis: Sie wird älter! Und damit wer­den viele eben unge­liebte Berufe ergrei­fen und sich ihre jugend­li­che Sinn­pflege als harm­lose Kom­pen­sa­tion – als alter­na­ti­ves Hobby – hal­ten. Die Min­der­heit aber wird der Aus­schuss, als den alle sich jetzt füh­len, weil Deut­scher sein und beschäf­tigt sein immer weni­ger mit­ein­an­der zu tun haben werden.