Noten – schul­päd­ago­gisch bedacht

Quelle: www​.sozia​lis​ti​sche​gruppe​.de

Noten – schul­päd­ago­gisch bedacht

Das Thema „Leis­tungs­mes­sung“ in der Schule wäre an sich ja eine Erklä­rung durch­aus wert. Dass es in Sachen Aus­bil­dung des Nach­wuch­ses um die Erbrin­gung von Leis­tung geht, d.h. sach­ge­rechte Anstren­gung pro Zeit, ver­steht sich ja durch­aus nicht von selbst. Viel­mehr ist die For­de­rung, sich einen bestimm­ten Stoff in fest­ge­leg­ter Zeit anzu­eig­nen (oder gar nicht) und ihn in limi­tier­tem Zeit­rah­men auf Anfor­de­rung zu repro­du­zie­ren, eine dem Wis­sen und sei­ner Ver­mitt­lung völ­lig fremde, gegen­sätz­li­che Auf­lage. Dann geht es offen­sicht­lich darum, den in den ver­schie­de­nen Fächern prä­sen­tier­ten Unter­richts­stoff zur Kennt­nis zu neh­men, um in Prü­fun­gen regel­mä­ßig mes­sen zu las­sen, in wel­chem Ver­hält­nis die eigene Leis­tung zu den gestell­ten Anfor­de­run­gen steht, und wel­chen Platz man dabei im Ver­hält­nis zu sei­nen Mit­kon­kur­ren­ten ein­nimmt. Bei der so mit den Noten her­ge­stell­ten Leis­tungs­hier­ar­chie der Schü­ler wird dann am Ende jedes Schul­jah­res aus einer (zu) schlech­ten Bewer­tung der schlichte Schluss gezo­gen, Schü­ler des­we­gen von wei­te­rer Aus­bil­dung aus­zu­schlie­ßen: Weil einer etwas (noch) nicht kann, könne er es offen­sicht­lich nicht kön­nen. Dies der Ras­sis­mus, der mit­tels Noten ein­ge­rich­te­ten Selek­tion: Ein nega­ti­ver Befund über die erbrachte Leis­tung gilt als Beweis dafür, dass so etwas wie eine natür­li­che Unfä­hig­keit, eben „schlechte Bega­bung“ vor­liege. (Die durch die Leis­tungs­mes­sung pro­du­zierte Hier­ar­chie der Schü­ler schließt dann – ent­spre­chend den Stu­fen des eta­blier­ten Bil­dungs­we­sens – nicht nur jeweils von wei­te­rer Bil­dung, son­dern auch von den höhe­ren Stu­fen der insti­tu­tio­na­li­sier­ten beruf­li­chen Hier­ar­chie aus.)

Noten die­nen also dazu, mit­tels des am Wis­sen durch­ge­führ­ten Leis­tungs­ver­gleichs eine Aus­lese an den Schü­lern durch­zu­füh­ren, die auf die Her­stel­lung von Unter­schie­den dringt, um die Zög­linge danach auf eine fest­ge­legte Hier­ar­chie zu sortieren.

Ein klas­si­scher Schul­päd­agoge wie Hart­wig Schrö­der (Leis­tungs­mes­sung und Schü­ler­be­ur­tei­lung) sieht die Sache etwas anders: Für ihn sind Noten von Anfang an eine Gege­ben­heit, für die schon irgend­wie allein die Tat­sa­che spricht, dass der Leh­rer „ver­pflich­tet“ ist, „seine Schü­ler zu beno­ten“. Des­we­gen sind sie für ihn kein Anlass, sich für die Klä­rung des Zwecks der Noten zu inter­es­sie­ren, son­dern er stellt seine Bespre­chung unter die Fra­ge­stel­lung, ob die­ses selbst­ver­ständ­lich unter­stellte Ver­fah­ren auch „ver­ant­wort­lich“, „als päd­ago­gi­scher Akt“ und damit „begrün­det“, d. h. legi­ti­miert erfolgt.

Wer so nur noch auf der Suche nach dem Aus­maß und dem Grad ist, mit dem er zustim­men darf, wird sich die Erfül­lung die­ses tie­fen Wun­sches kaum neh­men las­sen: Sich getrennt von der inhalt­li­chen Bestim­mung der Noten nur noch mit dem „Wie“ und der mora­li­schen Hal­tung dabei zu beschäf­ti­gen, damit man sie als „begrün­det“ erklä­ren kann, ver­dankt sich der Suche nach guten Grün­den für die Leis­tungs­mes­sung jen­seits des­sen, was sie ist. Und deren Auf­fin­den hängt damit ein­zig vom eige­nen Gut­dün­ken ab. „Als päd­ago­gi­scher Akt“ sol­len sie begrif­fen wer­den – das wird sich bei den Noten ja wohl noch machen las­sen; man fragt sich ja umge­kehrt, als was sonst sie erfol­gen könn­ten oder soll­ten. Schrö­der hält dies jedoch kei­nes­wegs für eine unsin­nige Ver­dopp­lung: die päd­ago­gi­sche Maß­nahme solle auch als sol­che erfol­gen, son­dern für ein Kri­te­rium, von dem die „Güte“ der Noten abhänge. Ganz abs­trakt gibt er damit Zeug­nis von sei­nem unwis­sen­schaft­li­chen Idea­lis­mus, der unter „päd­ago­gisch“ nicht das ver­ste­hen will, was in der Erzie­hung pas­siert, son­dern ein höhe­res Ideal davon, dass er der exis­tie­ren­den Noten­ge­bung als ihr eigent­li­ches Wesen und Anlie­gen unter­stel­len will – sonst ließe es sich nicht daran messen.

Noten sind gut für Notenprobleme

Dass auf diese Weise kein rich­ti­ges Urteil mehr über die Leis­tungs­mes­sung abfällt, aber jede Menge Ver­klä­rung und Legi­ti­ma­tion, zeigt sich an den ver­schie­de­nen Wir­kun­gen und Leis­tun­gen, die dieSchul­päd­ago­gik den Noten zuschreibt, und mit denen sie sie als „päd­ago­gisch begrün­det“ sehen will. Ihre Bespre­chung folgt dabei durch­weg dem Schema, die „Noten­ge­bung“ für angeb­li­che Funk­tio­nen zur Lösung von Pro­ble­men zu beglück­wün­schen, die es allen­falls wegen der Noten und durch sie gibt.

Dazu drei Beispiele:

1. „Moti­va­tion“:

„Leis­tun­gen, von denen der Schü­ler weiß, dass sie zur Kennt­nis genom­men und qua­li­fi­ziert wer­den, wid­met er grö­ßere Auf­merk­sam­keit und nimmt er ernster …“

Daran ist nichts wahr. Ers­tens: Wenn die Schü­ler die „Leis­tungs­mes­sung“ in der Schule ernst neh­men, dann nicht des­we­gen, weil ihre Leis­tun­gen „zur Kennt­nis genom­men“ wer­den, und auch nicht, weil sie „qua­li­fi­ziert“ wer­den, son­dern wegen der an die Beno­tung geknüpf­ten, weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen in Sachen Aus­schluss von den höhe­ren Stu­fen der Berufshierarchie.

Zwei­tens ist das eine grobe Ver­wechs­lung von „Kennt­nis­nahme“ bzw. Qua­li­fi­zie­rung einer­seits mit Noten­ge­bung ande­rer­seits. In letz­te­rer ist ja gerade jedes bestimmte (Nicht-)Wissen aus­ge­löscht, sind die unter­schied­lichs­ten Feh­ler recht gewalt­sam gleich­ge­setzt: Den Feh­lern wird eine Zif­fer (Note) zuge­ord­net, womit end­gül­tig jeder Bezug zum Inhalt der jewei­li­gen Denk­an­stren­gung getilgt ist.

Drit­tens aber und vor allem gibt‘s den Ruf nach „Moti­va­tion“, d.h. den Wunsch, die Schü­ler zum Mit­ma­chen zu bewe­gen, trotz ihres Unwil­lens oder Des­in­ter­es­ses, nur wegen des im Schul­sys­tem insti­tu­tio­na­li­sier­ten Gegen­sat­zes gegen die Schü­ler, sich im Leis­tungs­ver­gleich und für die­sen bewäh­ren zu müs­sen. Bei Schrö­der sol­len umge­kehrt aus­ge­rech­net die Noten die Besei­ti­gung und Lösung die­ses „Pro­blems“ sein!

2. „Infor­ma­tion“:

„Die grund­le­gendste Bedeu­tung von Schul­no­ten ist ihre Infor­ma­ti­ons­funk­tion. Sie infor­mie­ren den Schü­ler und seine Eltern, inwie­weit die Leis­tun­gen des Schü­lers den Anfor­de­run­gen der Schule entsprechen.“

Ein schö­nes Kom­pli­ment an die Noten: Wofür ist eine Schul­note gut? Dass man erfährt, was man für eine Note hat! Über mehr als über sich selbst „infor­miert“ sie tat­säch­lich nicht, eben dar­über, wie die erbrachte Leis­tung bewer­tet wird, und wel­chen Platz man dabei im Ver­gleich ein­nimmt. Das in der Schule auf­ge­machte Ver­hält­nis der erbrach­ten und bewer­te­ten Leis­tung zu den gestell­ten Anfor­de­run­gen gibt‘s gar nicht getrennt und unab­hän­gig von den Noten. Diese sind eben Instru­ment der Schule zur Durch­füh­rung der Aus­lese; nicht Infor­ma­tion für den Schü­ler, son­dern Zwang und Dro­hung: Wenn der Ver­gleich nega­tiv aus­fällt, ist Schluss mit dem wei­te­ren Ver­glei­chen. Als Leis­tung der Noten­ge­bung kann man dies nur dann hono­rie­ren, wenn man unter­stellt, dass es das Inter­esse an ihr quasi natur­wüch­sig, unab­hän­gig vom insti­tu­tio­na­li­sier­ten Leis­tungs­ver­gleich gäbe. Wenn es nicht um die Bewäh­rung am fest­ge­leg­ten Maß­stab ginge, wäre die­ser Wunsch aber ziem­lich unsin­nig und die „Infor­ma­tion“ gar keine; etwas ande­res als des­sen bewer­te­tes Resul­tat teilt sie ja gar nicht mit. Und nur wegen der damit ver­bun­de­nen prak­ti­schen Kon­se­quen­zen stößt die Note auf Inter­esse – an ihr.

3. „Aus­lese“:

„Die Schul­no­ten bestim­men ent­schei­dend sowohl das Vor­rü­cken in den Jahr­gangs– und Leis­tungs­klas­sen der ein­zel­nen Schul­stu­fen, als auch das Über­wech­seln von einer Schul­art in die andere …“ (Stimmt!) „Dabei wird unge­prüft vor­aus­ge­setzt, dass ein Schü­ler, der seit­her den Anfor­de­run­gen ent­sprach, auch den neuen Anfor­de­run­gen gerecht wird.“

Genau­ge­nom­men ist es in der Schule mit der Aus­lese so, dass aus als unzu­rei­chend bewer­te­ten Ergeb­nis­sen der „Schluss“ gezo­gen wird, den betref­fen­den Schü­ler von den wei­te­ren Stu­fen der Aus­bil­dung aus­zu­schlie­ßen. So bestä­tigt sich der päd­ago­gi­sche Ras­sis­mus, für den ein vor­lie­gen­des Nicht-​Können am Ende eines Schul­jah­res ein kla­rer Beweis dafür ist, dass das so blei­ben muss, weil einer das „offen­sicht­lich“ nicht kön­nen kann: min­der­be­mit­telt! Und die­sen ziem­lich schwach­sin­ni­gen Rück­schluss möchte Schrö­der und mit ihm die gesamte Päd­ago­gik gerne nicht so vor­schnell und „unge­prüft“ zie­hen las­sen. An wel­che „Prü­fung“ hätte man denn da gedacht, damit die bis­he­ri­gen Noten mit aus­rei­chen­der Sicher­heit auf die zukünf­ti­gen „Leis­tun­gen“ schlie­ßen las­sen? Viel­leicht noch eine „Leis­tungs­mes­sung“ mehr pro Schul­jahr? Wäh­rend die Schule mit ihrer Selek­tion per ein­ge­rich­te­tem Leis­tungs­ver­gleich an ihrem Schü­ler­ma­te­rial ent­spre­chende Unter­schiede (genauer: eine Hier­ar­chie) prak­tisch herstellt, betrach­tet ein Schul­päd­agoge die Welt lie­ber umge­kehrt, als ginge es darum, unab­hän­gig von der Schule exis­tie­rende Dif­fe­ren­zen an den Zög­lin­gen mög­lichst genau zu mes­sen, festzustel­len. Das Ideal der gerech­ten, über­prüf­ten Selek­tion mel­det da – ganz metho­disch – leichte Zwei­fel an der Sicher­heit und Aus­ge­wie­sen­heit die­ses Ver­fah­rens an, des­sen gan­zen Wider­spruch man dabei teilt: Der Wunsch nach objek­ti­vem Rassismus.

Von da aus sind die Noten einer­seits unglaub­lich wich­tig und ande­rer­seits gleich­zei­tig etwas pro­ble­ma­tisch: Kön­nen sie tat­säch­lich die ihnen zuge­schrie­bene ideale Funk­tion erfül­len? Dazu von der Schul­päd­ago­gik ein kla­res: Jein! Man kennt näm­lich durch­aus auch „Män­gel der Noten­ge­bung“, die sich weit­ge­hend im Vor­wurf der „Schein­ob­jek­ti­vi­tät“ zusam­men­fas­sen und die sich v. a. sub­jek­ti­ven „Stör­fak­to­ren“ wie Vor­ur­tei­len des Leh­rers etc. ver­dan­ken sollen.

Nun gibt es an den Noten ja eini­ges zu kri­ti­sie­ren, den Vor­wurf man­geln­der Objek­ti­vi­tät sollte man ihnen jedoch nicht machen. Ers­tens sind näm­lich die Noten prin­zi­pi­ell immer ziem­lich „objek­tiv“ in dem Sinn, als durch sie eine sehr hand­feste und mit Kon­se­quen­zen rechts­gül­tige Beur­tei­lung und Ein­ord­nung prak­ti­ziert wird. Zwei­tens teilt die Kri­tik der Schul­päd­ago­gik den Zweck der Noten­ge­bung, die Her­stel­lung einer Hier­ar­chie über Leis­tungs­ver­gleich und will die Durch­füh­rung gleich­zei­tig an einem Maß­stab bemä­keln, dem eine Note nie ent­spre­chen kann: Sie soll ganz aus­schließ­lich die ein­zelne Leis­tung für sich erfas­sen, wo eine Note aus nichts als dem Ver­hält­nis zur Bewer­tung der Leis­tun­gen der ande­ren sich ergibt. Oder wel­cher Note ent­spre­chen denn „ganz objek­tiv“ und für sich z. B. 7 Feh­ler im Dik­tat? Weil also diese War­nung vor „Stör­fak­to­ren“ etc. gerade keine Kri­tik an der Ver­gabe von Noten an sich ist, son­dern diese umge­kehrt mög­lichst per­fekt und opti­mal erfol­gen las­sen will, inter­es­siert ein Schul­päd­agoge sich nach lan­gen Aus­füh­run­gen über die diver­sen angeb­li­chen Störef­fekte am Ende für seine eige­nen Ein­wände selbst nicht wei­ter. Da zeigt sich dann in herz­er­fri­schend offe­ner Art ein affir­ma­ti­ver Rea­lis­mus und der bringt das schla­gendste Argu­ment für die Noten: Sie sind nun mal in „unse­rem Schul­sys­tem so ver­an­kert“, und „des­we­gen wird es wohl noch lange Zeug­nis­no­ten und ihre ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen geben“. Da wollte päd­ago­gi­sche Ver­ant­wor­tung nicht abseits stehen.

Zitate aus: Schrö­der, Leis­tungs­mes­sung und Schülerbeurteilung