René Des­car­tes‘ „Meditationen“

In dubio pro deo

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen, 1990.

René Des­car­tes‘ „Meditationen“

In dubio pro deo

René Des­car­tes hat eine Abhand­lung über die grund­le­gende ana­ly­ti­sche Geo­me­trie ver­fasst. Seine eigent­li­che wis­sen­schaft­li­che Leis­tung besteht jedoch in einer Theo­rie der Licht­bre­chung, mit der man das Phä­no­men des Regen­bo­gens erklä­ren kann. Dane­ben sind einige phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten über­lie­fert – die übri­gens seine Berühmt­heit begrün­den -, in denen er Über­le­gun­gen anstellt, „Medi­ta­tio­nen“, wie sie einen Wis­sen­schaft­ler wohl schon damals über­ka­men, wenn er nach geta­ner Arbeit sich zurück­lehnt, sei­nem Sinn­be­dürf­nis frönt und über Gott und die Welt ein­mal so rich­tig gründ­lich nach­denkt. Da wird dann auch ein­mal Rück­schau gehal­ten auf die eigene Jugend und eine phi­lo­so­phisch nicht unin­ter­es­sante Ent­de­ckung gemacht:

„Schon vor einer Reihe von Jah­ren habe ich bemerkt, wie viel Fal­sches ich in mei­ner Jugend als wahr habe gel­ten las­sen und wie zwei­fel­haft alles ist, was ich her­nach dar­auf auf­ge­baut.“ (I. Med., 1. Abs.)

Nun ja, könnte man mei­nen, so ist das eben mit dem Den­ken: dass man sich täu­schen kann, gehört dazu – da muss man sich eben anstren­gen und hält sich an Auf­fas­sun­gen, für die nicht nur der eigene Glau­ben spricht, son­dern die man bewei­sen kann. Aber statt zu sagen, jetzt packen wir die Sache end­lich ein­mal rich­tig an, fällt Des­car­tes einen ande­ren Lebens­ent­schluss: Dass ihm das nicht noch ein­mal pas­sie­ren darf,

„und dass ich daher ein­mal im Leben alles von Grund aus umsto­ßen und von den ers­ten Grund­la­gen an neu begin­nen müsse, wenn ich end­lich ein­mal etwas Fes­tes und Blei­ben­des in den Wis­sen­schaf­ten aus­ma­chen wolle.“ (I. Med., 1. Abs.)

Dann sehen wir ihm mal bei sei­nem Umstoß zu:

„Von der Phi­lo­so­phie will ich nichts wei­ter sagen, als dass ich sah, sie sei von den vor­züg­lichs­ten Geis­tern einer Reihe von Jahr­hun­der­ten gepflegt wor­den, und den­noch gebe es in ihr nicht eine Sache, die nicht umstrit­ten und mit­hin zwei­fel­haft sei …“ (Dis­cours, 1. Kap.)

Dass die mit­tel­al­ter­li­che Phi­lo­so­phie keine gül­ti­gen Erkennt­nisse her­vor­ge­bracht hat, mag wohl sein. Vom bedenk­li­chen Zustand die­ser Dis­zi­plin will Des­car­tes aber gar nicht erst auf die Feh­ler zu spre­chen kom­men, die da offen­bar beim Nach­den­ken unter­lau­fen sind. Und schon gleich ver­bie­tet er sich den wei­ter­ge­hen­den Schluss auf un– bzw. anti­wis­sen­schaft­li­che Denk­mo­tive der „vor­züg­lichs­ten Geis­ter“, – ein durch­aus nahe­lie­gen­der Ver­dacht bei einer Wis­sen­schaft, die sich offen zur Funk­tion einer „ancilla theo­lo­giae“ bekannte. Nein, Des­car­tes beruft sich gera­dezu auf diese „Geis­ter“ als Kron­zeu­gen sei­ner skep­ti­schen Anschau­ung: Kein Stück Wis­sen, das nicht bezwei­felbar wäre. Man sieht’s doch, wenn sich Phi­lo­so­phen um „eine Sache“ strei­ten, kann wohl nicht jeder recht­ha­ben: infol­ge­des­sen ist aus­zu­ma­chen, wer wo irrt, lügt oder sonst­wie dane­ben­liegt. Des­car­tes aber sagt, dass eine Auf­fas­sung des­halb nichts tau­gen kann, weil irgend­je­mand eine andere hat. So als ob ein rich­ti­ger Gedanke mit der unwi­der­steh­li­chen Kraft aus­ge­stat­tet sein könnte, jeden zuwi­der­lau­fen­den auto­ma­tisch mund­tot zu machen.

I. Der metho­di­sche Zwei­fel: Omni­bus bezweifeln!

Genau die­sem Ideal von Wahr­heit als unwi­der­sprech­li­cher Gewiss­heit jagt Des­car­tes nach und ent­fernt sich so schon im Aus­gangs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen vom Gegen­stand sei­ner Sorge – den Wis­sen­schaf­ten – um ihnen aus­ge­rech­net auf diese Weise eine „feste Grund­lage“ zu ver­schaf­fen. Kaum stol­pert er dar­über, dass sub­jek­tive Gewiss­heit kein Kri­te­rium für Wahr­heit ist, besteht er dar­auf, dass sie doch ein sol­ches Kri­te­rium sein müsse. Die Über­prü­fung von Wahr­heit oder Unwahr­heit vor­lie­gen­der Gedan­ken steht nicht mehr zur Debatte – sie sind schließ­lich schon in der Vor­runde aus­ge­schie­den. Statt­des­sen wid­met sich Des­car­tes der absur­den Unter­neh­mung, einen Gedan­ken zu fin­den, der sub­jek­tiv gewiss ist und des­we­gen wahr.

„Nichts als einen fes­ten und unbe­weg­ten Punkt[1] ver­langte Archi­me­des, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu bewe­gen, und so darf auch ich Gro­ßes hof­fen, wenn ich nur das Geringste finde, das von uner­schüt­ter­li­cher Gewiss­heit ist.“ (Med. II, 1)

Die Suche nach so einer uner­schüt­ter­li­chen Gewiss­heit ist ein radi­ka­les Ver­fah­ren, in der Tat – radi­kal unver­nünf­tig. Spä­tes­tens jetzt rächt sich end­gül­tig der Wider­spruch sei­nes Anlie­gens, ein Wahr­heits­kri­te­rium für die Beur­tei­lung von Gedan­ken fin­den zu wol­len, ohne sie und statt sie zu beur­tei­len – und zwar zunächst ein­mal in der Dumm­heit sei­ner Durch­füh­rung. Der Zwei­fel aus Prin­zip, den Des­car­tes als Königs­weg zur ganz wirk­li­chen Wahr­heit im Sinn hat, för­dert keine ein­zige sol­che zutage. Statt zur Sor­tie­rung wah­rer und fal­scher Gedan­ken taugt er bloß zu deren unbe­grün­de­tem Aus­schluss. Irgend­wie hat Des­car­tes davon auch eine Ahnung. Des­halb bzw. trotz­dem recht­fer­tigt er zuvor noch ein­mal seine radi­kale Zwei­fels­me­thode, die er aus­ge­rech­net um der Sache der Erkennt­nis wil­len für unab­ding­bar hält:

„Darum glaube ich, gut zu fah­ren, wenn ich mich bewusst zum Gegen­teil bestimme, d.h. mich absicht­lich einer Täu­schung hin­gebe und eine Zeit­lang alle jene Mei­nun­gen für ganz falsch und erdich­tet annehme, bis schließ­lich das Gewicht der Vor­ur­teile bei­der­seits gleich ist und keine üble Gewohn­heit mehr mein Urteil von der rich­ti­gen Auf­fas­sung der Dinge ablenkt. Ich weiß ja, dass dar­aus inzwi­schen keine Gefahr und kein Irr­tum ent­ste­hen wird und dass ich mich nicht mehr als bil­lig dem Miss­trauen hin­ge­ben kann; ich habe es schließ­lich jetzt nicht mit prak­ti­schen Gegen­stän­den zu tun, son­dern nur mit Gegen­stän­den der Erkennt­nis.“ (I, 11)

Es ist aller­dings sehr wohl ein „Irr­tum“, dass sich zwei Vor­ur­teile – alles glau­ben vs. alles bezwei­feln – zu Null auf­he­ben, und so das ein­zig senk­rechte übrig­bleibt. Das Gegen­teil von Glau­ben ist auch nicht grund­lo­ser Zwei­fel, son­dern Wis­sen. Gegen den Zwei­fel aus Prin­zip hat des­halb nicht nur der Glaube, son­dern kein Gedanke, und sei er noch so rich­tig, eine Chance. Dem Zweif­ler gilt näm­lich die Mög­lich­keit, dass er sich alles auch ganz anders vor­stel­len könnte, als Argu­ment. Bei die­sem Ver­fah­ren ist die Beweis­last umge­dreht: Ein Gedanke muss nun nicht mehr sich bewei­sen, son­dern den Zweif­ler wider­le­gen. So schwer es da jeder Ein­fall hat, so leicht macht es sich umge­kehrt der Skep­ti­ker. Der ver­folgt eh bloß die Absicht, alles grund­los zu bezwei­feln und dafür ist jeder Mist recht. Es hängt also allein von der Skru­pel­lo­sig­keit des Zweif­lers ab, wel­cher Gedanke ihm stand­hält. Und in die­ser Hin­sicht schenkt Des­car­tes sich und sei­nen Lesern nichts.

Er bezwei­felt alles, was sich – wenn auch grund­los, wenn auch mit­hilfe von Fehl­schlüs­sen, wenn auch mit­hilfe von Erfin­dun­gen der blo­ßen Ein­bil­dungs­kraft – sei’s drum! – bezwei­feln lässt. Die Fest­stel­lung, dass es bis­wei­len „Sin­nes­täu­schun­gen“ gibt, ist Grund genug, sämt­li­che Sin­nes­ein­drü­cke ebenso wie die auf ihnen basie­ren­den Gedan­ken für zwei­fel­haft zu erklä­ren, ja sogar die ‚Exis­tenz einer äuße­ren Welt‘ als sol­che in Frage zu stel­len. Dabei ist das Bemer­ken der Täu­schung schon der ganze Gegen­be­weis. Von wegen Opfer unwill­kür­li­cher Täu­schun­gen! Das­selbe spricht gegen die Erwä­gung, „dass ich, mit einem Win­ter­ro­cke ange­tan, am Kamin sitze“ könne ein blo­ßer Traum sein. Und auch sei­nen berühm­ten „genius mali­gnus“ muss sich Des­car­tes extra aus­den­ken, auf dass ihm mit Hilfe die­ser Fik­tion auch die ein­fachs­ten Kin­der­rech­nun­gen – wie „2 + 3 = 5″ – als höchst frag­wür­dig erscheinen.

All dies sind für Des­car­tes seriöse Argu­mente, weil er auf der Suche nach dem abso­lut Unbe­zwei­fel­ba­ren ist. Er gesteht selbst ein (als würde es dadurch bes­ser!), dass seine Zwei­fel sol­che wider bes­se­res Wis­sen sind. Im Nach­hin­ein, nach Errei­chen sei­ner Beweis­ab­sicht, wird er alle Argu­mente, mit denen sein metho­di­scher Zwei­fel, streng wis­sen­schaft­lich‘ vor­ge­gan­gen sein will, für sach­lich halt­los erklä­ren und sel­ber der Lächer­lich­keit preisgeben…

II. Heu­reka: Ego cogito, ego sum

Auf der Suche nach der unbe­zwei­fel­bar siche­ren Grund­lage sei­nes Den­kens – diese Suche steht unter dem Motto: Was kann ich alles weg­den­ken, wenn ich alles bezwei­feln will? – kommt Descartes

„schließ­lich zu dem Beschluss, dass die­ser Satz: ‚Ich bin, ich exis­tiere‘, so oft ich ihn aus­spre­che oder in Gedan­ken fasse, not­wen­dig wahr ist“. (II,3)

Was das zwei­felnde Ich mit sei­ner Methode nicht weg­den­ken kann, ist – es selbst. Es kann sich trotz aller Zwei­fel nicht los­wer­den. Diese schöne „not­wen­dige Wahr­heit“ steht am Ende der gan­zen Anstren­gung und ist reich­lich trost­los: die Exis­tenz des Ich im Akt des Zwei­fels ist bewie­sen, weil es sich par­tout nicht aus­ra­die­ren lässt. Selbst der böse Geist, der mich in allem täuscht, kommt nicht daran vor­bei, dass er eben mich täu­schen muss – also kann er mir meine Selbst­ge­wiß­heit als den­ken­des Ich nicht weg­neh­men. Diese Gewiss­heit hat in der Tat den Stand­punkt der christ­li­chen Scho­las­tik hin­ter sich gelas­sen. wofür sie fei­er­li­che Voka­beln wie „Ver­nunf­t­au­to­no­mie“ und „Sub­jekt­kon­sti­tu­tion alles Wis­sens“ für sich ein­ge­heimst hat. Allein: Des­car­tes stellt selbst die unver­meid­li­che Frage:

„Ich weiß, dass ich exis­tiere, ich frage aber, wer jener Ich ist, von dem ich weiß, er ist.“ (II, 11)

- und gesteht damit ein, wie erbärm­lich leer jenes end­lich ein­mal sichere ‚Wis­sen‘ ist; „jenes Ich“ ist eine Chi­märe von Selbst­be­wusst­sein. Es ‚weiß‘ von sich nur, dass es ist – also nichts dar­über, was es ist.[2]

Des­car­tes Ideal vom Ineins­fal­len von objek­ti­ver Wahr­heit und sub­jek­ti­ver Gewiss­heit löst sich damit sehr ein­sei­tig auf. Die ein­zige „Wahr­heit“, die mit sub­jek­ti­ver Gewiss­heit zusam­men­fällt, ist die – Gewiss­heit der Sub­jek­ti­vi­tät, – also sie selbst.

Die­ses „Ich“ steht pole­misch gegen jedes Bewusst­sein von etwas, gegen alles, was nur ein Wis­sen über … und damit schon nicht mehr es selbst wäre. Das gar nicht ver­wun­der­li­che Resul­tat der Suche nach dem siche­ren Fun­da­ment des Wis­sens: Sicher­heit statt Wissen!

III. Ein gött­li­cher Einfall

Des­car­tes hat mit sei­ner Zwei­fels­me­thode nach der einen, durch kei­nen Zwei­fel zu beein­träch­ti­gen­den, siche­ren Erkennt­nis gesucht. Kaum ist sie nun in dem zwei­feln­den „Ich“ selbst gefun­den, wird nicht a la Archi­me­des die alte Wis­sen­schaft aus den Angeln geho­ben und eine neue auf­ge­baut, son­dern wei­ter gefragt, was damit über­haupt gewon­nen sein soll. Die unbe­dingte Wahr­heit, die untrüg­li­che Gewiss­heit, die Des­car­tes gesucht und end­lich ermit­telt hat, genügt ihm also nicht als uni­ver­sel­ler Schlüs­sel zur Wis­sen­schaft; und das kann ange­sichts von deren Inhalt auch nicht über­ra­schen. Ein Fort­gang aus die­sem schwar­zen Loch sollte sein. Ein Voran ist da aber par­tout nicht drin. Ohne die Moge­lei, die Sicher­heit, dass ich meine Gedan­ken denke, ein biss­chen dar­auf abfär­ben zu las­sen, was ich denke, ist par­tout nichts zu machen.

Des­car­tes pro­biert fol­gen­den Fort­gang: er über­legt, ob sich auch dem ‚cogito‘ nicht eine Methode gewin­nen lasse, um auch andere Gegen­stände sicher zu erfas­sen. Wie ist er zu die­ser ers­ten uner­schüt­ter­li­chen Ein­sicht gelangt?

„Nun, – in die­ser ers­ten Erkennt­nis ist nichts ande­ren ent­hal­ten, als ein gewis­ses kla­res und deut­li­ches Erfas­sen des von mir Aus­ge­sag­ten.“ (III, 4)

Darf man also schlie­ßen, dass ‚Klar­heit und Deut­lich­keit des Erfas­sens‘ ein Wahr­heits­kri­te­rium ist? Hier muss sich Des­car­tes win­den. Einer­seits ist er gezwun­gen, seine Frage zu beja­hen – denn nichts ande­res als Evi­denzbewußt­sein, dass sich das den­kende Ich nicht weg­den­ken lässt, galt ihm als Beweis für des­sen Exis­tenz. Ande­rer­seits müsste er – dies zuge­ge­ben – auch andere Aus­sa­gen, die „clare et dis­tincte“ erfasst wer­den (wie das erwähnte „2 + 3 = 5″) für bewie­sen erklä­ren; jus­ta­ment all diese sons­ti­gen Gewiss­hei­ten muss­ten aber im pro­gram­ma­ti­schen Zwei­fel bestrit­ten wer­den, um das ‚cogito‘ als ein­zi­gen Fix­punkt siche­ren Den­kens zu gewin­nen. Er muss seine Frage also zugleich verneinen.

Aber warum dies nicht als einen hal­ben Schritt vor­wärts auf­fas­sen? Und ein Aus­weg liegt ja schon auf Abruf parat:

„Und da ich sicher­lich gar keine Ver­an­las­sung habe, zu glau­ben, dass es einen betrü­ge­ri­schen Gott gibt, da ich noch nicht ein­mal zur Genüge weiß, ob es über­haupt einen Gott gibt, so ist der nur von die­ser Mei­nung abhän­gende Grund zum Zwei­fel in der Tat recht schwach und, sozu­sa­gen, meta­phy­sisch. Um aber auch ihn zu heben, muss ich, sobald sich nur eine Gele­gen­heit dazu bie­tet, unter­su­chen, ob es einen Gott gibt, und wenn, ob er ein Betrü­ger sein kann. Denn solange ich das nicht weiß, scheint es nicht, dass ich über irgend­et­was ande­res jemals völ­lig gewiss sein kann.“ (III, 7)

Nicht schlecht: der „betrü­ge­ri­sche Gott“ war ein schwa­ches, „meta­phy­si­sches“ Argu­ment, wes­halb es jetzt umso mehr dar­auf ankomme, Got­tes Exis­tenz und seine Wahr­haf­tig­keit zu bewei­sen, um eine Garan­tie­er­klä­rung für die schon fast bereit­lie­gende Wis­sens­me­thode zu erhal­ten – und dass eine wahr­heits­ga­ran­tie­rende Methode sel­ber in ihrer Wahr­heits­stif­tungs­po­tenz garan­tiert sein muss, ist nun mal die schlechte Dia­lek­tik die­ses fal­schen Ide­als. Ohne die­sen meta­phy­si­schen „Grund“ sähe es – laut Des­car­tes – für die „Ver­nunf­t­au­to­no­mie“ des den­ken­den Men­schen zap­pen­dus­ter aus…

Und siehe: wer sucht, der findet.

Alle mög­li­chen „Ideen“ fin­det das bis dato leere „Ich“ bei der In(tro)spektion sei­ner geis­ti­gen Vor­rats­kam­mer: Sonne, Mond und Sterne, Tiere, geflü­gelte Pferde und Engel … Aber nichts davon – obwohl Ideen von etwas – ver­weist auf die Exis­tenz von etwas ande­rem als mir selbst, weil der in ihnen vor­ge­stellte ‚Rea­li­täts­ge­halt‘ auch kein grö­ße­rer ist als der mei­ner ‚den­ken­den Sub­stanz‘. Hin­ge­gen ist die eben­falls in mir ste­ckende Idee eines „höchs­ten Wesens“, von dem ich, wie alles andere even­tu­ell Exis­tie­rende, abhänge, von der Art, dass sie ihren „Ursprung“ nicht in mir, dem „unvoll­kom­me­nen“ Wesen haben kann, also nur von einem tat­säch­lich exis­tie­ren­den „voll­kom­me­nen“ Wesen in mich „ein­ge­pflanzt“ wor­den sein kann: Gott lebt! q. e. d.

Dass die­ser ganze ‚Beweis‘ samt sei­ner sub­ti­len scho­las­ti­schen Neben­ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nien eine klas­si­sche peti­tio prin­ci­pii vor­stel­lig macht, schlich­ter: sich im Karus­sell dreht[3], dar­auf wol­len wir wirk­lich nicht groß rum­ha­cken. Wer aus­zieht, um die sub­jek­tive Gewiss­heit gerade nicht als Beweis von Wahr­heit gel­ten zu las­sen, und dann aus­ge­rech­net auf Glau­ben und den lie­ben Gott als Wahr­heits­in­stanz ver­fällt, und damit den Höchs­ten auch noch bewie­sen haben will, dazu nur fol­gen­der Hin­weis: Ein „Exis­tenz­be­weis“ ist, so oder so, an sich selbst der Beweis sei­ner Halt­lo­sig­keit. Wenn ‚etwas‘ zu bewei­sen ist, dann geht es um die Not­wen­dig­keit des Was – das Dass, die pure Exis­tenz, ist vor­aus­ge­setzt; ein Was ohne Dass ist nichts – oder ein Hirn­ge­spinst, des­sen Dass auf das Was sei­nes Erspin­ners ver­weist. Und hier­über ist bezüg­lich Des­car­tes schon alles gesagt: er hat Gott als Sicher­heit für sein Denk­prin­zip nötig, das sei­ner­seits … (s.o.), und muss des­halb wie­derum Gott eine Sicher­heit ver­schaf­fen, seine Exis­tenz. Und die hat er jetzt bewie­sen. Es sei ihm geschenkt. Fragt sich wie­derum nur, was er denn nun eigent­lich gewon­nen hat.

IV. Mit Gott zur Wissenschaft

Erst­mal hat Des­car­tes mit sei­nem Got­tes­be­weis die – in den Augen von Glau­bens­hü­tern – got­tes­läs­ter­li­che Pose des­sen, der das „höchste Wesen“ als auto­no­mer Ver­nunft­den­ker theo­re­tisch zur Dis­po­si­tion stellt („unter­su­chen, ob es einen Gott gibt“) und von sei­nem Ein­sichts­ver­mö­gen abhän­gig macht, voll wie­der­gut­ge­macht (was ihm bei sei­nen christ­li­chen Zen­so­ren, wenigs­tens zeit sei­nes Lebens, nicht viel genützt hat). Zwar lebt noch der posi­tive Beweis für Got­tes Exis­tenz – ein Beweis, der „im höchs­ten Grade klar und deut­lich, im höchs­ten Grade wahr ist“ (III, 29, 30) – vom Evi­denz­be­wußt­sein des „Ich“, aber auf die Umdre­hung die­ses Ver­hält­nis­ses kommt es Des­car­tes – Wider­spruch hin, Wider­spruch her – gerade an.

„Und schon meine ich, einen Weg zu sehen, auf dem man von die­ser Betrach­tung des wah­ren Got­tes -, in dem näm­lich alle Schätze des Wis­sens und der Weis­heit ver­bor­gen sind, – zur Erkennt­nis aller übri­gen Dinge gelangt. Denn ers­tens erkenne ich, dass er mich unmög­lich täu­schen kann, denn in aller Täu­schung und allem Betrug liegt etwas von Unvoll­kom­men­heit … Sodann mache ich die Erfah­rung, dass in mir eine gewisse Fähig­keit zu urtei­len ist, die ich sicher­lich, wie auch alles übrige, was in mir ist, von Gott emp­fan­gen habe, und da er mich nicht täu­schen will, so wird diese Fähig­keit doch gewiss nicht der­art sein, dass ich bei ihrem rech­ten Gebrauch jemals irren könnte.“ (IV, 2, 3, 4)

Von wegen „Ver­nunf­t­au­to­no­mie“: im – ange­streb­ten – Resul­tat des Medi­tie­rens ist alle ver­nünf­tige Kraft im Men­schen eine Gabe Got­tes, und nur als sol­che taugt sie etwas (das schließt im Nach­hin­ein selbst­re­dend sämt­li­che unbe­zwei­fel­ba­ren Wahr­heits­ge­wiss­hei­ten ein, mit denen der Weg zu Gott gepflas­tert war – und, wenn man klein­lich sein will, waren da noch einige mehr im Spiel als bloß das ‚Cogito‘: ein wenig Sub­stan­zen­lehre, ein veri­ta­bles Stu­fen­mo­dell der Rea­li­täts­grade etc., eine scho­las­ti­sche Meta­phy­sik eben …). Ande­rer­seits – und genau dar­auf kam es Des­car­tes an -, ist dem mensch­li­chen Den­ken so eine gött­li­che Erkennt­nis­fä­hig­keit attes­tiert, eine Wahr­heitsgaran­tie­po­tenz; sofern nur ein „rech­ter“ Gebrauch von ihr gemacht wird. Unter der Hand näm­lich hat sich Des­car­tes‘ Beweis­not ein wenig ver­än­dert: jetzt sucht er nicht mehr ver­zwei­felt zwei­felnd nach etwas Gewis­sem, son­dern muss umge­kehrt Rede und Ant­wort ste­hen, inwie­fern so etwas wie „Irr­tum“, „fal­sches“ Den­ken, über­haupt mög­lich sei. Weil das als des Rät­sels Lösung ent­wi­ckelte Hin & Her zwi­schen Wille und Ver­stand, Gott und Nichts oder das Pro­blem der „Ver­knüpft­heit“ von res cogi­tans und res extensa beim Men­schen – Des­car­tes kann sich dabei mehr­fach des ket­ze­ri­schen Gedan­kens nicht ent­hal­ten, Gott hätte dem Men­schen auch die Irr­tums­mög­lich­keit erspa­ren kön­nen, wenn er nur gewollt hätte (er ruft sich dann immer rasch wie­der zur Rai­son: „Got­tes Rat­schluß ist uner­gründ­lich!“) – heute ohne­hin als ‚über­holt‘ gilt, las­sen wir das aus (wer dar­auf geil ist: vgl. IV, 14, 15, 21: VI, 29) und fra­gen erneut: Wozu ist das alles gut?

V. Die gott­ge­fäl­lige Erkennt­nis­me­thode ist (Selbst-)Betrug

Was Des­car­tes – schenkt man ihm seine Beweise – ‚bewie­sen‘ hat, ist ers­tens die Grund­lo­sig­keit sei­nes Zwei­fels: selbst die „Sinne“, die uns täu­schen kön­nen, sind uns von Gott gege­ben – es gibt sogar meh­rere davon, so dass man Kor­rek­tiv­or­gane hat (IV, 43) -, und unter der Anlei­tung durch den Ver­stand las­sen sich alle Dinge zwi­schen Him­mel und Erde prin­zi­pi­ell rich­tig erfas­sen. Und zwei­tens: aus­ge­rech­net mit­tels ‚ver­nünf­ti­ger‘ Argu­mente zuguns­ten der Glau­bens­wahr­hei­ten hat er sei­nen Glau­ben an die Ver­nunft, die gott­ge­wollte Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit einer wis­sen­schaft­li­chen Erfor­schung der Natur zum Wohle des Men­schen, abge­lei­tet. Selbst die­ser Irr­witz von Beweis­füh­rung war zu sei­ner Zeit ein Angriff auf die Bor­niert­heit von geis­ti­gen Auto­ri­tä­ten, die zuguns­ten des Glau­bens die ers­ten Anfänge natur­wis­sen­schaft­li­cher For­schung mein­ten zen­sie­ren zu müs­sen (Fall G. Gali­lei). Für Des­car­tes war es wich­tig, quasi Got­tes Segen für die freie For­schung her­zu­lei­ten (womit er auch neben­bei etwas dafür getan hat, dass sich der Got­tes­glaube nicht offen vor den Ergeb­nis­sen der Wis­sen­schaft bla­mie­ren musste).

Nur eines konnte auf diese Weise auf gar kei­nen Fall bewerk­stel­ligt wer­den (obwohl Des­car­tes genau daran glaubte): das Auf­stel­len einer Methode, deren Anwen­dung tat­säch­lich rich­tige Wis­sen­schaft hätte beför­dern kön­nen – wie sollte das auch gehen? Behaup­tet hat er immer­hin, er hätte in sei­nen Meditationen

„…nicht nur gelernt, wovor ich mich hüten muss, damit ich nie­mals irre, son­dern zugleich auch, was ich zu tun habe, um zur Erkennt­nis der Wahr­heit zu gelan­gen. Denn ich werde sie in der Tat errei­chen, wenn ich nur auf alles genü­gend auf­merke, was ich voll­kom­men ein­sehe und es von dem übri­gen scheide, was ich in ver­wor­re­ner und dunk­le­rer Weise erfasse.“ (IV, 25)

Nur: so sehr Des­car­tes hier Gott wie eine Art ‚Ala­dins Wun­der­lampe für rich­ti­ges Erken­nen‘ im Auge hat – man müsse nur als For­scher sein eige­nes Urtei­len und Schluss­fol­gern dar­auf­hin beob­ach­ten, ob auch alles „klar und deut­lich“ erscheint (das ist dann eine Art Signal dafür, dass man sich der gött­li­chen Ver­stan­des­kraft in einem sel­ber anver­trauen darf) oder nicht -, für eine „Methode“ des Erken­nens, und gar für eine wahr­heits­ga­ran­tie­rende, wird das wohl ernst­lich nie­mand hal­ten wol­len. Auch die paar spe­zi­fi­zie­ren­den Hin­weise im „Dis­cours“ – man müsse ein Pro­blem in mög­lichst viele Teile zer­le­gen, von ein­fa­che­ren zu kom­pli­zier­te­ren Gedan­ken auf­stei­gen etc. – geben unter dem Strich nicht mehr her als die Emp­feh­lung, sorg­fäl­tig vor­zu­ge­hen in der Wis­sen­schaft. Mag sein, dass Des­car­tes‘ eige­nen For­schungs­tä­tig­keit in Mathe­ma­tik, Phy­sik, Phy­sio­lo­gie etc. – die bekannt­lich auch eini­ges noch heute Gül­tige erbracht hat (Geo­me­trie) – unter kru­den meta­phy­si­schen Vor­stel­lun­gen (Leib-​Seele-​Mechanismus etc.) gelit­ten hat, die in sei­ner Gottes-​Welt-​Gesamtweltanschauung grund­ge­legt wur­den. Für sich genom­men sind seine „metho­di­schen“ Rat­schläge wenig schäd­lich und ein – ver­gli­chen mit dem heu­ti­gen wis­sen­schaftsskep­ti­zis­ti­schen Metho­do­lo­gie­wahn – eher rührend-​harmloser Auf­takt für das „Zeit­al­ter der Methode“, das er ein­ge­läu­tet haben soll.

[1] Die moderne pop­pe­ria­ni­sche Wis­sen­schafts­theo­rie nimmt zu Unrecht für sich in Anspruch, Des­car­tes‘ Ideal eines „fun­da­men­tum cer­tum et incon­cus­sum“ ad absur­dum geführt zu haben. Das hat sie schon des­halb nicht, weil sie nicht das Ideal als sol­ches und seine Her­kunft kri­ti­siert, son­dern ledig­lich die Mög­lich­keit sei­ner Rea­li­sie­rung bestrei­tet. Stell­ver­tre­tend sei H. Albert zitiert, der moniert, „… dass es kei­nen sol­chen archi­me­di­schen Punkt gibt, es sei denn, man habe ihn selbst pro­du­ziert. Und dann ist er wert­los.“ („Trak­tat über die kri­ti­sche Ver­nunft“, 1968). Sei­nes­glei­chen stört – aus­ge­rech­net! – der bei Des­car­tes her­aus­ge­wit­terte Wille, bei aller Skep­sis auf objek­tive Wis­sen­schaft zu drin­gen; und das ist hybri­der Dog­ma­tis­mus! Was stört es da, dass Alberts/​Poppers „prin­zi­pi­el­ler Fal­li­bi­lis­mus“ die Suche nach dem archi­me­di­schen Punkt fort­setzt – nega­tiv eben: Woran kann man Theo­rien „schei­tern las­sen“? Schließ­lich ist diese Art Wis­sen­schaftsskep­ti­zis­mus das heute herr­schende Dogma.

[2] Des­car­tes‘ Kenn­zeich­nung des Ichs als „den­ken­des Ding“ bringt die­sen Wider­spruch nur grob zur Anschau­ung: was immer Den­ken sein mag, ein Ding soll es sein; aber kör­perlos und das Unstoff­li­che schlecht­hin. Und mit die­ser kru­den Vor­stel­lung lässt sich eini­ges anstel­len: die res cogi­tans ist ein Pflock, an dem sich spä­ter der ‚Beweis‘ der „Unsterb­lich­keit der Seele“ auf­hän­gen lässt. Man sieht schon hier: Exis­tenzbeweise wol­len Unwis­sen­schaft­li­ches – hier: den christ­li­chen Glau­ben an ein jen­sei­ti­ges Wei­ter­le­ben, jene Tros­t­idee für ein offen­bar trost­lo­ses Leben ‚auf Erden‘ – beweisen.

[3] Für Freunde der Got­te­s­idee, die ohne­hin lie­ber glau­ben soll­ten, als Gott in Frage zu stel­len, indem sie nach einem Beweis ver­lan­gen, ein klei­ner Tipp zum Schwind­lig­wer­den (das geschieht ihnen dann recht, die­sen Ket­zern!): Ich bin ein unvoll­kom­men Ding, das auf ein voll­kom­men Ding ver­weist – warum bin ich unvoll­kom­men? Weil Gott voll­kom­men ist! – ist die­ses voll­kom­men Ding auch? Wie könnt ich unvoll­kom­men Ding sonst drauf kom­men! – Warum ist Gott vollkommen? …