Der Faschis­mus­vor­wurf an Hei­deg­ger und seine Bewältigung

Vom Bedürf­nis, Geist und Macht zu verwechseln

Quelle: MSZ (Aus­gabe 3 1988)

Der Faschis­mus­vor­wurf an Hei­deg­ger und seine Bewältigung

VOM BEDÜRF­NIS, GEIST UND MACHT ZU VERWECHSELN

Das Kul­tur­le­ben im deut­schen Blät­ter­wald steht Kopf. Ein Phi­lo­soph made in Ger­many ist im benach­bar­ten Aus­land hef­tig ins Gerede gekom­men. Ein chi­le­ni­scher Exfan des Meis­ters hat zum x-​ten Mal nach­ge­wie­sen, was jedem bekannt war: einen Ein­fluss des Natio­nal­so­zia­lis­mus auf Heidegger.

Die neu­er­li­che „Ent­hül­lung“ soll in Frank­reich eine „halbe Staats­af­färe aus­ge­löst“ haben; der Ein­fluss von Hei­deg­gers Den­ken ist dort so groß, heißt es dies­mal umge­kehrt. Das ist zwar ganz falsch und ziem­lich über­trie­ben, mar­kiert aber das Thema, das sich offen­bar grenz­über­schrei­ten­der Beliebt­heit erfreut: Geist und Macht wird wie­der ein­mal aus­gie­big ver­wech­selt. Da steht vor allem in der Sache alles auf dem Kopf.

Wie faschis­tisch ist Phi­lo­so­phie? Oder: Wie phi­lo­so­phisch war der Faschismus?

Der Vor­wurf, Hei­deg­ger sei ein faschis­ti­scher Den­ker, kommt merk­wür­di­ger­weise immer ohne Berück­sich­ti­gung des eigent­lich phi­lo­so­phi­schen Wer­kes aus. Dabei könnte man darin – ginge es tat­säch­lich um die Beson­der­heit (faschistisch-)philosophischer Gedan­ken -, durch­aus Affi­ni­tä­ten zu einem Staats­pro­gramm ent­de­cken, das sich der Vor­be­rei­tung eines gro­ßen Krie­ges gewid­met und dafür auf Tugen­den sei­ner Mann­schaft Wert gelegt hat, die die fäl­li­gen Opfer bis hin zur Auf­gabe des eige­nen Lebens als sinn­er­fül­len­den Dienst an einem über­ge­ord­ne­ten Gan­zen erschei­nen las­sen und nichts als die­sen Lohn ver­spre­chen. Affi­ni­tä­ten aller­dings, die in der faschis­ti­schen Herr­schaft nicht ihren Aus­gangs­punkt haben. Die Phi­lo­so­phie Hei­deg­gers ver­hält sich – wie jede andere auch – sehr viel prin­zi­pi­el­ler zur poli­ti­schen Macht. Näm­lich erst ein­mal gar nicht zu ihr:

„Ganz im rohen genom­men zielt die Phi­lo­so­phie immer auf die ers­ten und letz­ten Gründe des Sei­en­den und zwar der­art, dass dabei der Mensch selbst in beton­ter Weise hin­sicht­lich sei­nes Mensch­seins eine Deu­tung und Ziel­set­zung erfährt“

Das „Sei­ende“, von dem hier die Rede ist, ist nicht zu ver­wech­seln mit wirk­li­chen Gegen­stän­den. Wovon Hei­deg­ger da „erste und letzte Gründe“ fin­den will, ist nichts weni­ger als von allem, was es gibt. Die bewusst gegen alle (rich­ti­gen und fal­schen) wis­sen­schaft­li­chen Erklä­run­gen gerich­tete Reduk­tion der Eigen­ar­ten und Unter­schiede der Dinge auf die dürre Abs­trak­tion des „es ist“, das Hei­deg­ger sub­stan­ti­viert, damit dar­aus sein Gegen­stand wird, ist die Weise, wie ein phi­lo­so­phie­ren­der Geist sich von der wirk­li­chen Welt ver­ab­schie­det. Als Phi­lo­soph will er von nichts Bestimm­tem etwas wis­sen und ist sich gleich­wohl – und nur so! – über die letzt­end­li­che Begründ­bar­keit und Wohl­be­grün­det­heit von allem sicher. Letz­te­res ist der Ansporn jeder Sinn­su­che und die gelehrte Fas­sung des Spruchs „Was sein muss muss sein!“. Die Sorte unwi­der­sprech­li­cher Not­wen­dig­keit, auf die die Begrün­dung der Exis­tenz der Dinge aus ist, wird im Namen eines Wesens „der Mensch“ gelie­fert, das wie­derum nicht mit den wirk­li­chen Sub­jek­ten zu ver­wech­seln ist, die ansons­ten die Welt bevöl­kern und mit ihren ver­schie­de­nen Inter­es­sen eine ein­heit­li­che „Deu­tung und Ziel­set­zung“ gerade ver­mis­sen las­sen. Für die­ses Fabel­we­sen aber erdenkt ein Phi­lo­soph eine Not­wen­dig­keit, die sich von der Idee des Schick­sals nicht in der Zwangs­läu­fig­keit, son­dern in der gewoll­ten und wis­sen­den Ein­sicht in sie unter­schei­den will.

Alles, was es gibt, muss unver­meid­lich sein, weil es ist. Bei Hei­deg­ger heißt das: „Sein des Sei­en­den“, und die Aus­le­gung die­ser Tau­to­lo­gie macht das Sys­tem sei­ner Phi­lo­so­phie aus. Dass das Den­ken das, womit es sich befasst, aner­ken­nen, nicht erkennen muss, ist die Grund­form des Ver­hält­nis­ses des phi­lo­so­phi­schen Geis­tes zur gan­zen Welt und für sich weder demo­kra­tisch noch faschis­tisch, son­dern so prin­zi­pi­ell apo­lo­ge­tisch, dass dar­un­ter noch jede Herr­schaft passt. Der Geist macht sich so um die Erfin­dung eines uni­ver­sel­len Sach­zwangs ver­dient, in des­sen Licht man dann auch alle „Sach­zwänge“ sehen darf, die die Poli­tik ein­rich­tet. Wer in die­ser Recht­fer­ti­gung, die für alles gilt, gerade weil sie von nichts Bestimm­tem spricht, nichts Poli­ti­sches ent­deckt, der kommt auch nicht auf die Beson­der­heit, die einen faschis­ti­schen Gedan­ken auszeichnet.

Wenn Hei­deg­ger bei­spiels­weise den Men­schen näher als „Dasein“ kenn­zeich­net, dem es um sein „Sein“ geht, also um die Abs­trak­tion von sei­nen wirk­li­chen Inter­es­sen und Zwe­cken, dann radi­ka­li­siert er eine Idee, die wie­derum alle Phi­lo­so­phen tei­len. Von Opfer, „Sein zum Tode“, hel­di­schem Sol­da­ten­tum und löb­lich anspruchs­lo­sem Bau­ern­le­ben als rühm­li­chen Gele­gen­hei­ten zu kün­den, diese sinn­ver­bür­gende Geis­tes­hal­tung wahr und wirk­lich zu machen, also vom blo­ßen berech­nen­den „Dasein“ Abstand zu neh­men und sich auf das „Wesent­li­che“ zu kon­zen­trie­ren, das ist die radi­kale Kon­se­quenz der phi­lo­so­phi­schen Bemü­hung, dem Men­schen einen irgend­wie gear­te­ten höhe­ren Nut­zen in Aus­sicht zu stel­len, wie das ansons­ten bei der phi­lo­so­phi­schen Aus­deu­tung des­sen, wozu der Mensch eigent­lich da sei, üblich ist. Wenn der Mensch sich schon im Dienst an sei­nem eigent­li­chen Wesen, also in der Rela­ti­vie­rung sei­ner Zwe­cke, ver­wirk­licht, dann bitte ohne die Behaup­tung, dies wäre letzt­lich irgend­wie zu sei­nem Glück und Bes­ten. Noch in den luf­ti­gen Höhen des Streits um ein mensch­li­ches Weiß-​Warum meint Hei­deg­ger, einen Kampf gegen den Ungeist der Berech­nung füh­ren zu müs­sen, den er noch in den ide­ells­ten Lohn­ver­spre­chun­gen wittert.

„Mit dem Tod steht sich das Dasein selbst in sei­nem eigens­ten Sein­kön­nen bevor… Des­halb dul­det das Opfer keine Berech­nung… Die Sucht nach Zwe­cken ver­wirrt die Klar­heit der angst­be­rei­ten Scheu des Opfermutes.“

Dies ist der Inbe­griff der anti­ma­te­ria­lis­ti­schen Gesin­nung, die die „Sucht nach Zwe­cken“ als „Seins­ver­ges­sen­heit“ ver­ach­tet. Dage­gen haben Leute nichts ein­zu­wen­den, die die Inter­pre­ta­tion der Men­schen­na­tur als einen Auf­trag, ihr gerecht zu wer­den, zu den unver­däch­ti­gen Auf­ga­ben des phi­lo­so­phi­schen Berufs zäh­len. Die fin­den da, wo poli­ti­sche und phi­lo­so­phi­sche Inter­pre­ta­tion zusam­men­pas­sen, näm­lich in der Pro­pa­ganda von Auf­op­fe­rung, nichts Anstö­ßi­ges. Eher stö­ren sie sich ein biss­chen daran, dass die wirk­li­che Aus­fül­lung des Wofür der Rela­ti­vie­rung der sons­ti­gen pri­va­ten Zwe­cke nicht in phi­lo­so­phi­sche Zustän­dig­keit fällt. Zwar wider­spricht das, wofür auch immer die Mensch­heit benützt und ein­ge­spannt wird, dem „Sein“ oder wie immer die Sinn­ti­tel hei­ßen mögen, garan­tiert nicht. Aber Phi­lo­so­phen ist das zu wenig. Sie sind die glü­hends­ten Ver­fech­ter der Ein­bil­dung, dass die Sinn­prin­zi­pien, aus denen sich kein Russ­land­feld­zug und keine Kran­ken­ver­si­che­rung her­lei­ten lässt, für die aber diese wie alles andere auch als Belege tau­gen, doch mehr sein mögen als diese nach­träg­li­che prin­zi­pi­elle Recht­fer­ti­gung. Sie pfle­gen ja den Glau­ben, dass ihre abs­trak­ten Welt­ord­nungs­ideen irgend­wie grund­le­gend sind für die wirk­li­chen Mächte. So hat Hei­deg­ger bei­spiels­weise Frank­reichs Nie­der­lage im Krieg so gedeu­tet, dass „ein Volk eines Tages der Meta­phy­sik, die sei­ner eige­nen Geschichte ent­sprun­gen, nicht mehr gewach­sen ist“. Das ist auch nicht düm­mer oder faschis­ti­scher als die phi­lo­so­phi­schen Bei­träge heu­ti­ger Geis­ter zur Poli­tik – die Phi­lo­so­phen an der Staats­spitze eingeschlossen.

Wenn Phi­lo­so­phen ihr Ver­hält­nis zur Poli­tik dann auch wie­der pro­ble­ma­ti­sie­ren, so ganz im Sinne die­ser Heu­che­lei. Ihre heh­ren Prin­zi­pien sol­len ja schließ­lich über der poli­ti­schen Wirk­lich­keit ste­hen, die mit ihnen ihre Recht­fer­ti­gung erfährt. Und so ist es gar kein Wun­der, dass Hei­deg­ger ent­täuscht war, als ihm per Amts­ent­zug klar­ge­macht wurde, dass Faschis­mus und Phi­lo­so­phie doch nicht ganz das­selbe sind und sich die Volks­füh­rer noch lange nicht nach den Anwei­sun­gen der selbst­er­nann­ten geis­ti­gen Füh­rer rich­ten, bloß weil die im poli­ti­schen Trei­ben eine geis­tige Wende aus­ge­macht haben wol­len und darin in der poli­ti­schen Pro­pa­ganda lau­fend recht bekom­men. Das macht deut­lich, wer da wem dienst­bar zu sein hat. Die Poli­tik schätzt ihre Geis­ter, solange und soweit sie in der Aus­stat­tung der Macht mit dem Schein des Geis­ti­gen behilf­lich sind. Das war damals so und ist heute so, auch wenn sich die Kri­te­rien dafür unter­schei­den. „Hurra, Kohl!“ muss heute kei­ner zur Begrü­ßung rufen, son­dern darf sich, nach­dem er aufs Grund­ge­setz geschwo­ren hat, ganz der freien Betä­ti­gung sei­nes Geis­tes wid­men. Dass da keine staats­feind­li­chen Töne auf­kom­men, dafür sorgt man an der Uni­ver­si­tät wie von selbst. Aus die­sem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein her­aus beden­ken die moder­nen Geis­ter ihre faschis­ti­schen Vor­gän­ger und dabei kom­men Maß­stäbe zur Anwen­dung, die mehr über diese Geis­ter ver­ra­ten als über den Gegen­stand der Debatte.

Der Faschismus-​Verdacht durch Farias…

Das wäre ja mal was gewe­sen, wenn da jemand das Den­ken einer aner­kann­ten phi­lo­so­phi­schen Auto­ri­tät der poli­ti­schen Apo­lo­gie über­führt hätte. Lei­der ist der Nazi-​Vorwurf, den Farias gegen Hei­deg­ger erhebt, anders gear­tet. Der lebt ganz aus der Sorge um die poli­ti­sche Unschuld der Phi­lo­so­phie und zielt auf eine Unter­schei­dung ab, die die Sache sicher nicht her­gibt, dafür aber umso mehr dem geheu­chel­ten Selbst­be­wusst­sein der Phi­lo­so­phie Recht gibt. Faschis­tisch: das kenn­zeich­net bei Farias nicht eine Phi­lo­so­phie, die den Men­schen in sei­ner Selbst­auf­gabe auf­ge­hen lässt, son­dern die Indienst­nahme und den Miss­brauch phi­lo­so­phi­schen Den­kens für poli­ti­sche Pro­pa­ganda. Dumm ist die­ser Vor­wurf, weil ihm der Dienst ent­gan­gen sein muss, den die Phi­lo­so­phie ziem­lich sys­tem­über­grei­fend mit ihren Staats­a­blei­tun­gen, Men­schen­bil­dern, Moral­grund­le­gun­gen und ihren Ein­sich­ten in die Not­wen­dig­keit von allem und jedem am poli­ti­sier­ten Unter­ta­nen­geist leis­tet. Ärger­lich ist er, weil er die Unpar­tei­lich­keit der phi­lo­so­phi­schen Sicht­weise, die jeder Heu­che­lei gut zu Gesicht steht, bestä­tigt. Und lächer­lich ist er oben­drein, weil er ganz im Sinne phi­lo­so­phi­scher Wich­tig­tue­rei aus­ge­rech­net auf dem Feld welt­frem­des­ter Geis­tes­leis­tung enorme Gefah­ren aus­ma­chen will:

„Aber der Natio­nal­so­zia­lis­mus, auch der Natio­nal­so­zia­lis­mus in der Form Hei­deg­gers, ist nur eine Form der Dis­kri­mi­nie­rung des Men­schen durch den Men­schen. Die Dis­kri­mi­nie­rung, auch die durch das Den­ken, geht wei­ter.“ (Farias)

Ent­spre­chend die Durch­füh­rung des Vor­wurfs. Da treibt sich einer jah­re­lang in ver­staub­ten Archi­ven herum, um das NSDAP-​Parteibuch Hei­deg­gers, Bekennt­nisse des Meis­ters zum Füh­rer, Belege für das intri­gante Vor­ge­hen einer Amts­per­son bei der Beför­de­rung und Ver­hin­de­rung von Kar­rie­ren und ähn­lich inter­es­sante Doku­mente aus­zu­gra­ben. So hat er einen Auf­satz Hei­deg­gers aus dem Jahre 1920 über Abra­ham a Santa Clara, einen Anti­ju­den­pre­di­ger aus dem 17. Jahr­hun­dert, aus­ge­gra­ben -=Juden­feind von Jugend an -; her­aus­ge­fun­den, dass Hei­deg­ger nach dem Krieg einem ehe­ma­li­gen Ras­se­hy­gie­ni­ker ein Buch gewid­met hat -=nichts gelernt aus dem Nie­der­gang des 3. Rei­ches – und an sei­nem Lebens­abend noch ein­mal über Abra­ham a Santa Clara gere­det hat -=„unbe­lehr­bar bis 1964″.

Lei­der erfährt man bei all die­sen „Ent­hül­lun­gen“ das Ent­schei­dende nicht: Was Faschis­mus ist und was gegen diese Herr­schafts­form die es sech­zehn­hun­dert­noch­was übri­gens noch nicht gab – ein­zu­wen­den ist. Die Sicher­heit der all­ge­mei­nen mora­li­schen Ver­ur­tei­lung erüb­rigt offen­bar jedes Argu­ment. Dafür erfährt man aber neben­her, woran Phi­lo­so­phen unwei­ger­lich ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Ras­sis­mus ent­de­cken: am man­geln­den Respekt vor den phi­lo­so­phi­schen Leis­tun­gen ande­rer, der Fran­zo­sen zum Bei­spiel. Hei­deg­ger soll näm­lich ein­mal zu Farias gesagt haben, Hei­deg­ger­sche Sätze vom Kali­ber „Das Nichts nich­tet, die Welt wel­tet, das Sein…“ lie­ßen sich nicht ins Fran­zö­si­sche übersetzen.

Beim „Spie­gel“ ist Farias mit die­ser Gesin­nungs­kon­trolle gro­ßer deut­scher Geis­ter genau an der rich­ti­gen Adresse. Schließ­lich hat Augs­tein schon 1966 Hei­deg­ger, sogar im per­sön­li­chen Gespräch durch­leuch­tet, so dass er jetzt fest­stel­len muss:

„Viel Pein­li­ches, viel Unbe­kann­tes, aber nichts ent­schei­dend Neues ist zutage gekommen.“

Die bil­li­gen Ver­fah­ren der Ent­lar­vung und Denun­zia­tion kom­men also zur Anwen­dung und sto­ßen auf eini­ges Inter­esse unter Kul­tur­be­flis­se­nen – und zeu­gen alle­mal von der Unfä­hig­keit und dem Unwil­len zur Kri­tik auch nur eines ein­zi­gen Holz­wegs des schwä­bi­schen Seins­phi­lo­so­phen. Statt des­sen wird mit den Ent­hül­lun­gen und der mat­ten Auf­re­gung, die sich daran ent­spon­nen hat, nur das man­gelnde poli­ti­sche Urteils­ver­mö­gen der betei­lig­ten Gelehr­ten bewie­sen: Was da als Mate­rial für den Nach­weis, dass Hei­deg­ger ein faschis­ti­scher Den­ker war, her­an­ge­karrt wird, belegt allen­falls den prak­ti­zier­ten Oppor­tu­nis­mus eines Den­kers, der sei­nem Staat dafür Tri­but zollt, dass er ihn staats­tra­gende Gedan­ken den­ken lässt und dafür auch noch mit einer Kar­riere belohnt; als ob nicht die demo­kra­ti­schen Wis­sen­schaft­ler unse­rer Tage auch auf ihr Grund­ge­setz schwö­ren und ihre Pos­ten nach Kri­te­rien wie geis­ti­ger Über­ein­stim­mung und poli­ti­schem Wohl­ver­hal­ten ver­ge­ben wür­den! Wenn Farias sein Buch wie folgt kommentiert:

„In mei­nem Buch habe ich auf einen Aspekt auf­merk­sam machen wol­len, der zunächst ein­mal nicht poli­tisch, son­dern wie alles bei Hei­deg­ger, von höchs­tem phi­lo­so­phi­schen Inter­esse ist… Man kann bei Hei­deg­ger nicht wie z.B. bei den Scho­las­ti­kern tren­nen zwi­schen der Phi­lo­so­phie, einem Cor­pus von Sät­zen, und dem pri­va­ten Leben. Er ist eben ein Existenzphilosoph…“ -,

dann gibt er damit nur den Eti­ket­ten­schwin­del zu Pro­to­koll, unter dem sein Buch steht. Immer­hin zielt das Argu­ment, dass man Leben und Den­ken des Meis­ters nicht tren­nen kann, dar­auf ab, dass man die kam­mer­die­n­er­mä­ßige Betrach­tung von Hei­deg­gers Leben als Kri­tik an des­sen Den­ken neh­men soll. Sein Den­ken gilt ihm also doch wie­der als „Cor­pus von Sät­zen“, den man ver­nach­läs­si­gen kann.

Was sich Farias damit ein­ge­han­delt hat, weiß er selbst am bes­ten und ist über­haupt nicht erstaunlich:

„Es ist erstaun­lich. Wenn man vor mei­nem Buch behaup­tete, Hei­deg­ger habe sich vom Natio­nal­so­zia­lis­mus nie wirk­lich los­ge­sagt, so wurde man von den Hei­deg­ge­ria­nern strik­ter Obser­vanz in Deutsch­land wie in Frank­reich immer wie­der gefragt: ‚Wo sind die Doku­mente? Es gibt keine Doku­mente.‘ Jetzt sind die Doku­mente da – und nun ver­weist man auf die Phi­lo­so­phie. Man ret­tet sich von einer Posi­tion zur ande­ren. Die­ses Spiel, so glaube ich, ist nicht gesund.“

Aber gerecht! Wer zu blöd ist, in dem Ver­lan­gen nach Doku­men­ten den Wil­len aus­zu­ma­chen, unge­trübt von dem Wis­sen darum, dass Hei­deg­ger Faschist war, wei­ter zu hei­deg­gern, der hat kein ande­res Spiel­chen ver­dient. Wer am Den­ken Hei­deg­gers nichts aus­zu­set­zen hat, weil er die Phi­lo­so­phie über­haupt für ein ehren­wer­tes Anlie­gen hält und all ihre Maß­stäbe teilt und sich des­we­gen als Kri­ti­ker eini­ger­ma­ßen hilf­los an der Per­son zu schaf­fen macht, der kriegt von den Phi­lo­so­phen, die auf ihren Hei­deg­ger nicht ver­zich­ten mögen, als Zurück­wei­sung genau die Tren­nung von Per­son und Phi­lo­so­phie ser­viert, die die Kri­tik aufmacht.

…und seine Zurückweisung

Wo Farias Werk und Leben in der Per­son zusam­men­fal­len las­sen will und so das Werk mit Ver­dacht belegt, da tren­nen seine Wider­sa­cher alles wie­der fein säu­ber­lich, um eins durch das andere zu recht­fer­ti­gen. So kann man dann Farias vor­wer­fen, er hätte die doch wohl all­ge­mein aner­kannte Seins­lehre außen vor­ge­las­sen, in der man genau wie Farias nichts Faschis­ti­sches ent­de­cken kann, um von da auf die Inte­gri­tät der Per­son zu „schlie­ßen“. Oder man kann umge­kehrt Hei­deg­gers per­sön­li­che Gesin­nung als „Irr­tum“ in Schutz neh­men, um dar­aus „die Lau­ter­keit und Unver­däch­tig­keit“, ja „Größe“ sei­ner Werke zu folgern.

„Auch die ernst­hafte“ (Farias dage­gen ist nicht ernst­zu­neh­men) „his­to­ri­sche For­schung hat Tat­sa­chen ans Licht gebracht, die für die Schü­ler und Freunde des Den­kers schmerz­haft sind. Zu beschö­ni­gen ist hier nichts, aber die Zeit wird die Maß­stäbe zurecht­rü­cken. Schließ­lich hat Hei­deg­ger nicht nur groß geirrt, son­dern auch groß gedacht.“ (Süd­deut­sche Zeitung)

Und erst recht kann man – deut­sche Geis­ter sind schließ­lich seit 40 Jah­ren in Faschis­mus­be­wäl­ti­gungs­fra­gen geübt – im aka­de­mi­schen Berufs­le­ben Hei­deg­gers den übli­chen Para­de­ju­den ent­de­cken, den er – obwohl Jude! – pro­mo­viert hat, und den übli­chen häss­li­chen Nazi, dem er – weil phi­lo­so­phisch unqua­li­fi­ziert! – diese Ehre ver­wei­gert hat:

„Mit Baum­gar­ten und Stau­din­ger hat Hei­deg­ger den Nazis zwei der wil­des­ten Nazis ‚denun­ziert‘. Das ist Schwejk aus Meßkirchen.“

Wo Farias wegen des „gro­ßen“ Den­kens auf eben­sol­che Gefah­ren hin­wei­sen will – min­des­tens der heu­ti­gen fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phie soll damit der Boden ent­zo­gen wor­den sein -, da wird ihm umge­kehrt an der Tra­di­ti­ons­pflege das Gegen­teil gezeigt.

„Ich bin kein Zeit­his­to­ri­ker. Fest steht jeden­falls, dass Hei­deg­gers Phi­lo­so­phie einen unge­heu­ren Ein­fluss in vie­len Tei­len der Welt aus­ge­übt hat.“

Der Zitierte, Robert Spae­mann, der nach Aus­kunft der „Welt“ zu „den pro­fi­lier­tes­ten Den­kern der deut­schen Gegen­wart“ gehört, legt die sprich­wört­li­che phi­lo­so­phi­sche Gründ­lich­keit an den Tag. Ihm ist es wurscht, ob Hei­deg­ger nun Faschist war oder nicht – das rech­net er der „Zeit“ zu -, was man auch so aus­drü­cken kann, dass man die Frage für unphi­lo­so­phisch und sich des­halb für inkom­pe­tent hält. Jeden­falls möchte er auf die faschis­ti­schen Leh­ren die­ses Den­kers nicht ver­zich­ten und weiß auch warum. Wie der damit abser­vierte Kri­ti­ker braucht er dafür kei­nen Gedan­ken Hei­deg­gers zu Gehör zu brin­gen, geschweige denn zu prü­fen. Für auto­ri­täts­hö­rige Idio­ten, muss sich Spae­mann gedacht haben, sollte der Hin­weis genü­gen, dass mehr so pro­pere Bur­schen wie er hin­ter dem alten Nazi ste­hen und ihn zur gro­ßen Tra­di­tion zäh­len, an deren Ende sie ste­hen. Das Argu­ment lässt sich aus­bauen, wie Augs­tein vom „Spie­gel“ bei­spiel­haft demonstriert:

„Wer so viele bedeu­tende Geis­ter befruch­tet hat, nicht nur Fran­zo­sen – er traf sich regel­mä­ßig mit dem Phy­si­ker und Phi­lo­so­phen Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker in Todt­nau­berg -, der kann mit dem Güte­sie­gel ‚Nazi‘ nicht abge­tan wer­den. Auch ich, ein beschei­de­ner Mar­schie­rer, habe an sei­nen bei­den Nietzsche-​Bänden bewun­dert, wie sorg­fäl­tig er näht.“

„Nur Fran­zo­sen“ wären frei­lich noch kein Aus­weis, aber man denke: regel­mä­ßige Tref­fen mit einer deut­schen Auto­ri­täts­per­son und vor allem „auch ich“! Als Deut­scher will man den Fran­zo­sen nicht „unsere“ Tra­di­tion über­las­sen und kann nun dar­über rech­ten, wer sie wie am bes­ten wei­ter­führt. Von einem daher­ge­lau­fe­nen Chi­le­nen jeden­falls, der selbst keine Auto­ri­tät ist, las­sen sich die Auto­ri­tä­ten des Fachs und die geneigte Öffent­lich­keit ihren Hei­deg­ger nicht madig machen. Ers­tens, weil sie seine Gedan­ken sowieso tei­len. Zwei­tens, weil Tra­di­tio­nen eben nicht dazu da sind, dass man sie streicht. Und drit­tens schon gar nicht, wenn es sich um große Deut­sche handelt.

Ein phi­lo­so­phi­scher Dis­put von (inter-)nationalem Wert

Und das tut man schon gleich nicht, wenn sich die Tra­di­tio­nen als so brauch­bar erwei­sen, um die Bedeut­sam­keit der Phi­lo­so­phie öffent­lich­keits­wirk­sam in Szene zu set­zen. Im Ver­dacht, der bei dem Hin und Her von Be– und Ent­schul­di­gun­gen übrig­bleibt, hat man nun erst recht wie­der ein Argu­ment, sich über die Gren­zen hin­weg über die Not­wen­dig­keit, wei­ter flei­ßig Hei­deg­ger zu lesen, zu eini­gen – Gewiss­heit stif­ten wol­len und kön­nen Phi­lo­so­phen ja sowieso nicht. Z.B. Levinas auf einer Ver­an­stal­tung in der Hei­del­ber­ger Uni­ver­si­tät mit Gada­mer und vor circa 1000 Studenten:

„Nie­mand könne sich sicher sein, dass das Mör­de­ri­sche nicht auch in ‚Sein und Zeit‘ ver­bor­gene Zei­chen gesetzt habe. Das Dia­bo­li­sche, so Levinas, ist nicht nur schlau, wie der Volks­mund sagt, es ist auch klug, und schleicht sich ein, wo es will. Das ein­zige Mit­tel dage­gen sei die uner­schro­ckene intel­lek­tu­elle Anstren­gung, es auf­zu­spü­ren, wo immer es sich ver­berge.“ (FAZ)

Der Mann gibt kund, dass er kei­nen blas­sen Schim­mer vom Faschis­mus hat. Aber er ist schlau und spricht des­halb von dem, was er nicht kennt, weil es sich ver­birgt, als dem „Dia­bo­li­schen“. Womög­lich gibt es da irgend­was Geheim­nis­vol­les, das ihm Ehr­furcht ein­flößt, weil es ver­mut­lich ziem­lich abscheu­lich ist. Dass das gegen seine intel­lek­tu­elle Kom­pe­tenz spricht, denkt er offen­bar nicht. Zu Recht; man pflich­tet ihm bei in dem Auf­trag, der sich nun einstellt:

„Auf­grund der Pro­vo­ka­tion von Farias sieht Der­rida sogar einen neuen Anlass, Hei­deg­ger zu stu­die­ren. Die Texte – alle Texte – müss­ten näm­lich nicht nur auf ihre unter­grün­dige Ver­bin­dung zum Natio­nal­so­zia­lis­mus geprüft wer­den, son­dern es müsse die Frage nach der Ver­ant­wor­tung neu gestellt wer­den.“ (SZ)

„Für die heu­ti­gen Phi­lo­so­phen bestehe, wie Lacoue-​Labarthe nach­drück­lich ver­si­cherte, die Ver­ant­wor­tung in einer auf­merk­sa­men und sorg­fäl­ti­gen Arbeit an Hei­deg­gers Werk. Diese werde zwar seit Jahr­zehn­ten geleis­tet, aber man sei damit kei­nes­wegs am Ende.“ (FAZ)

Da also auch Der­rida und der andere gar nicht wüss­ten, wonach sie in den Tex­ten suchen soll­ten, sofern diese tat­säch­lich irgend­eine „unter­grün­dige Ver­bin­dung“ auf­wei­sen, müs­sen sie mit ihrer „Arbeit“ unbe­dingt fort­fah­ren und den vor­han­de­nen 97 Inter­pre­ta­tio­nen der Texte noch einige andere drauf­set­zen. Dane­ben dis­ku­tiert man vor­läu­fig unter star­ker öffent­li­cher Anteil­nahme die „Frage nach der Ver­ant­wor­tung“ und hat mit dem Auf­wer­fen die­ser Frage den Zwei­fel, den Farias auf­ge­bracht hat, aus­ge­räumt, ob sich phi­lo­so­phi­sche Prin­zi­pien etwa einer ihnen vor­aus­ge­hen­den Par­tei­lich­keit ver­dan­ken. Wie ver­ant­wort­li­ches Den­ken in der Demo­kra­tie geht, zeigt man dann zum Bei­spiel so:

„Dem poli­ti­schen Dis­kurs über Europa fehle es an einer ethi­schen Begrün­dung… Diese Situa­tion ver­lange nach einer Neu­de­fi­ni­tion des Begriffs Ver­ant­wor­tung.“ (FAZ)

Nie­mand soll ihnen vor­wer­fen dür­fen, sie wür­den sich direkt, womög­lich mit Argu­men­ten, in „einen poli­ti­schen Dis­kurs“ (in wel­chen?) ein­mi­schen. Aber eine „ethi­sche Begrün­dung“ dafür lie­fern, wol­len sie schon. Die besteht dann in der ewi­gen Bespre­chung des Ver­hält­nis­ses von Poli­tik und Ver­ant­wor­tung. So hat Vik­tor Farias den deutsch-​französischen Kul­tur­aus­tausch wirk­lich schwer belebt: Einen deut­schen Phi­lo­so­phen mit dem Faschis­mus­vor­wurf belegt – das ist läs­tig; die moderne fran­zö­si­sche Phi­lo­so­phie in Frage gestellt – das ist inter­es­sant; und über­haupt der Phi­lo­so­phie für eine Weile das öffent­li­che Mono­pol in Sachen Geist und Macht in den Feuille­tons gesi­chert – was will man mehr!