Erich Fromm: Haben oder Sein

Der fromme Erich oder: Sein muss der Mensch haben

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des mar­xis­ti­schen Pres­se­we­sens e.V. München

Erich Fromm: Haben oder Sein

Der fromme Erich oder: Sein muss der Mensch haben

Da Erich Fromm pünkt­lich zum Redak­ti­ons­schluss der letz­ten MSZ von uns gegan­gen ist, hät­ten wir uns eine post­hume Schmä­hung sei­nes Ange­den­kens viel­leicht spa­ren und statt­des­sen ein­mal den wahr­haft christ­li­chen Grund­satz anwen­den kön­nen: De mor­tuis nil nisi bene. Wie die Dinge aber lie­gen, steht der Taschenbuch-​Auflage des kin­di­schen Kate­chis­mus „HABEN ODER SEIN. DIE SEE­LI­SCHEN GRUND­LA­GEN EINER NEUEN GESELL­SCHAFT“ bald das 200. Tau­send ins Haus – und das weckt in uns die Befürch­tung, der fromme Erich könnte zumin­dest die see­li­sche Ver­fas­sung der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft mit­ten ins Herz getrof­fen haben. Dass der Inhalt der erwähn­ten Erbau­ungs­schrift wirk­lich unter dem Niveau aller Kri­tik liegt, ent­hebt uns also nicht der lei­di­gen Pflicht, die­ses Werk modi­scher Spe­ku­la­tion ange­mes­sen vor­stel­lig zu machen. Nicht zum ers­ten und auf abseh­bare Zeit ver­mut­lich auch nicht zum letz­ten Mal bestä­tigt sich dabei das Dik­tum eines alten Mate­ria­lis­ten: „Phi­lo­so­phie und Stu­dium der wirk­li­chen Welt ver­hal­ten sich zuein­an­der wie Ona­nie und Geschlechtsliebe.“

I. Die Stil­blüm­chen der Gesellschaftskritik

FROMM führt uns zunächst in das Mys­te­rium ein, zu des­sen Ent­hül­lung er ange­tre­ten ist:

„Wir sind eine Gesell­schaft noto­risch unglück­li­cher Men­schen: ein­sam, von Ängs­ten gequält, depri­miert, destruk­tiv, abhän­gig – jene Men­schen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene Zeit ‚tot­zu­schla­gen‘, die sie stän­dig ein­zu­spa­ren ver­su­chen.“ (17)

Kein Zwei­fel, wer hier wen tot­schlägt. Es ist FROMM, der den Kapi­ta­lis­mus mit­tels des Per­so­nal­pro­no­mens „Wir“ um seine Exis­tenz bringt und in eine Ange­le­gen­heit sei­ner Opfer ver­wan­delt. Fol­ge­rich­tig erkennt man diese kaum wie­der: Statt in den Fabri­ken einer ziem­lich zeit­rau­ben­den und wenig ein­träg­li­chen Beschäf­ti­gung nach­zu­ge­hen, lun­gern sie den lie­ben lan­gen Tag vor dem Fern­seh­schirm herum und sind recht depri­miert, weil sie bis vier Uhr nach­mit­tags nur das Test­bild zu Gesicht bekom­men. Ist so die soziale Wirk­lich­keit schon zur Genüge ver­ge­heim­nist, bie­tet ihre anschlie­ßende Ent­rät­se­lung gleich ein noch wun­der­li­che­res Bild:

„Wir füh­ren gegen­wär­tig das größte je unter­nom­mene gesell­schaft­li­che Expe­ri­ment“ – man merkt schon, in wel­chen Win­kel des Erd­balls es den guten Erich ver­schla­gen hat – „zur Beant­wor­tung der Frage durch, ob Ver­gnü­gen… eine befrie­di­gende Lösung des mensch­li­chen Exis­tenz­pro­blems sein kann. Zum ers­ten Mal in der Geschichte ist die Befrie­di­gung des Lust­stre­bens nicht bloß das Pri­vi­leg einer Mino­ri­tät, son­dern min­des­tens (!) für die Hälfte der Bevöl­ke­rung der Indus­trie­län­der real (!) mög­lich. Das Expe­ri­ment hat die Frage bereits mit nein beant­wor­tet.“ (ebd.)

Das muss auch gar nicht über­ra­schen, denn der Dr. Selt­sam mit dem auf­dring­li­chen Deck­na­men „Wir“ hat seine Ver­suchs­an­ord­nung im Welt­maß­stab schon so geschickt arran­giert, dass er sich sein „Expe­ri­ment“ gleich hätte spa­ren kön­nen: Falls die Mensch­heit tat­säch­lich ein Pro­blem mit ihrer Exis­tenz hat, ist der Ein­fall, zur Lösung des­sel­ben nach Las Vegas zu jet­ten (wo es noch nicht ein­mal einen Papst gibt!), ja wirk­lich abwe­gig. Gar nicht abwe­gig ist dage­gen FROMMs gute Idee, das sei­nem phi­lo­so­phi­schen Hirn ent­sprun­gene Para­dox von „Exis­tenz“ und „Lust­stre­ben“ der Rea­li­tät als ihr Pro­blem anzu­dich­ten – prompt kann sie es nicht lösen und darf sich von Erich wie­der aus der Pat­sche zie­hen las­sen, in die er sie hin­ein­ma­nö­vriert hat. Eine „sich am Hori­zont abzeich­nende Kata­stro­phe“ (22) im Rücken, wirft der Herr Phi­lo­soph sich in die Brust und bie­tet beschei­den seine Lösung des grau­sen Dilem­mas an. Zu die­sem Behuf wen­det er sich den Blüm­chen zu, wo wir ihn eine Weile beob­ach­ten wollen:

„Um den Unter­schied zwi­schen der Exis­ten­zweise des Habens und der Exis­ten­zweise des Seins zu ver­deut­li­chen, möchte ich als Bei­spiel zwei Gedichte ähn­li­chen Inhalts zitie­ren… Das eine ist ein Haiku von dem japa­ni­schen Dich­ter Basho (1644−1694), das andere stammt von einem eng­li­schen Dich­ter des 19. Jahr­hun­derts, von Ten­ny­son. Beide beschrei­ben das glei­che Erleb­nis: ihre Reak­tion auf eine Blume, die sie auf einem Spa­zier­gang sehen. Ten­ny­sons Gedicht lautet:…

Blume in der gebors­te­nen Mauer,

Ich pflü­cke dich aus den Mauerritzen,

Mit­samt den Wur­zeln halte ich dich in der Hand,

leine Blume – doch wenn ich ver­ste­hen könnte,

Was du mit­samt den Wur­zeln und alles in allem bist,

Wüsste ich, was Gott und Mensch ist.“ (28)

Soweit Herr Ten­ny­son mit sei­ner bereits unüber­treff­li­chen Fra­ge­stel­lung nach dem Sinn­ge­halt klei­ner Blu­men – was mögen diese Din­ger „mit­samt den Wur­zeln“ und nament­lich „alles in allem“ nur sein? Letzt­lich eine Art „Gott und Mensch“ – kla­rer Fall! Aber nun kommt der fern­öst­li­che Herr Basho zu Wort, ebenso knapp wie bestimmt.

„Bas­hos Haiku lau­tet so:…

Wenn ich auf­merk­sam schaue,

Seh‘ ich die Nazuna

An der Hecke blü­hen!“ (ebd.)

Die Pünkt­chen mar­kie­ren den japa­ni­schen Ori­gi­nal­text. Bas­hos Haiku lau­tet wirk­lich so. Der guckt, und dann sieht er die Nazuna. 18karätige Poesie!

Die bei­den Poe­ten sind aller­dings wahre Pflau­men gegen Hob­by­gärt­ner FROMM, der ihnen mal vor­führt, was sich aus der Blüm­chen­frage alles machen lässt:

„Der Unter­schied fällt ins Auge.“ (Gut gesagt.) „Ten­ny­son rea­giert auf die Blume mit dem Wunsch, sie zu haben.“ (Ins Auge fällt das!) „Er pflückt sie ‚mit­samt den Wur­zeln‘. Sein Inter­esse an ihr führt dazu, dass er sie tötet, wäh­rend er mit der intel­lek­tu­el­len Spe­ku­la­tion schließt, dass ihm die Blume even­tu­ell dazu die­nen könnte, die Natur Got­tes und des Men­schen zu begrei­fen.“ (Also ein Blu­men­mord aus rein spe­ku­la­ti­ven Beweg­grün­den – haben wir es schon so weit gebracht? Aber ja!) „Ten­ny­son kann in die­sem Gedicht mit dem west­li­chen Wis­sen­schaft­ler ver­gli­chen wer­den, der die Wahr­heit sucht, indem er das Leben zer­stü­ckelt.“ (Wie prak­tisch für unse­ren from­men Aske­ten, dass er sich weder mit der Wahr­heit noch mit der Rea­li­tät abgibt: Wenigs­tens zer­stü­ckelt er nichts dabei außer der Logik.) „Bas­hos Reak­tion auf die Blume ist voll­kom­men anders. Er will sie nicht pflü­cken. Er ‚schaut auf­merk­sam‘, um sie zu ‚sehen‘.“ (Ein ori­gi­nel­ler Zweck, der sogar für FROMM noch wei­te­rer Inter­pre­ta­tion bedarf:) „Ten­ny­son muss die Blume besit­zen, um den Men­schen und die Natur zu ver­ste­hen, und dadurch, dass er sie hat, zer­stört er die Blume. Basho möchte sehen, er möchte die Blume nicht nur (!) anschauen, er möchte mit ihr eins sein, sich mit ihr ver­ei­nen – und sie leben las­sen.“ (28 f.)

Soviel zur japa­ni­schen Lie­bes­kunst. Jeden­falls sieht man an der Tra­gi­ko­mö­die des gemeu­chel­ten Blüm­chens, das man doch auch innig lie­ben könnte, dass die Gesell­schafts­kri­tik des from­men Erich ernst macht mit der absur­den Ent­ge­gen­set­zung „Haben oder Sein“. Die­ser Mann will wirk­lich nichts erklä­ren – dann hätte er ja was -, er möchte nur von einer alles umfas­sen­den Har­mo­nie säu­seln, sein per­sön­li­ches Ergrif­fen­sein ver­strö­men – und dabei ist er unglück­li­cher­weise dazu gezwun­gen, immer ein paar Häpp­chen Erin­ne­rung an irgend­wel­che Rea­li­tät ein­zu­flech­ten und den Leser immerzu einem Wech­sel­bad von fei­er­li­cher Atmo­sphäre und pein­li­chen Dis­so­nan­zen aus­zu­set­zen. Gerade dies muss den FROMM aller­dings auch so attrak­tiv gemacht haben: Wis­sen­schafts­ar­tige Argu­mente als Gründe des Irra­tio­na­lis­mus – das scheint der heu­tige Ver­stand zu schätzen.

II. Der Ein­falls­reich­tum der Gesellschaftskritik

In der Tat spart FROMM bei der Bebil­de­rung des einen Gedan­kens, „Haben“ und „Sein“ seien keine Hilfs­ver­ben, son­dern Exis­ten­zwei­sen „der Mensch­heit“, an nichts. Zwar hat die Mensch­heit noch nie gewe­sen, noch war sie je gehabt; aber Erich ist nur dem Inhalt nach fromm und ein­fäl­tig der Form nach ist er ein Ami und dem­zu­folge der Ansicht, man müsse die Asso­zia­ti­ons­mög­lich­kei­ten von „Haben“ (Besitz, Eigen­tum, Pro­fit, usw. usf.) und „Sein“ (Wesen, Iden­ti­tät, Har­mo­nie, usw. usf.) nur ordent­lich aus­schöp­fen, dann werde das alles schon ein­leuch­ten. Er nimmt daher durch:

1. Ety­mo­lo­gie

„Für jene, die glau­ben, dass ‚haben‘ eine höchst natür­li­che Kate­go­rie“ (lei­der ist es über­haupt keine Kate­go­rie) „inner­halb der mensch­li­chen Exis­tenz ist, mag es über­ra­schend sein, wenn sie erfah­ren, dass es in vie­len Spra­chen kein Wort für ‚haben‘ gibt. Im Hebräi­schen muss ‚ich habe‘ z.B. durch die indi­rekte Form ‚jesh li‘(es ist mir) aus­ge­drückt wer­den.“ (34)

Vor­aus­ge­setzt, der dilet­tie­rende Sprach­for­scher „habe“ hier nicht das Hilfs­verb, son­dern den Sach­ver­halt des über-​etwas-​Verfügens bzw. Von-​etwas-​betroffen-​Seins im Auge, beweist er damit nur, dass der­selbe Sach­ver­halt in ande­ren Spra­chen mit ande­ren Wor­ten aus­ge­drückt wird. Was folgt denn nun dar­aus? Doch sicher nicht, „dass sich das Wort ‚haben‘ in Zusam­men­hang mit der Ent­ste­hung des Pri­vat­ei­gen­tums ent­wi­ckelt“ (ebd.) – es sei denn, man denkt sich unter „Pri­vat­ei­gen­tum“ nichts wei­ter als eben „Haben“, womit man immer­hin eine tau­to­lo­gi­sche Deduk­tion hätte. Da wir schon bei der Spra­che sind, tut es auch

2. der all­täg­li­che Sprachgebrauch

„Leute, die über ihre Gesund­heit spre­chen, tun es im Gefühl des Besit­zens, sie spre­chen von ihren Krank­hei­ten, ihren Ope­ra­tio­nen, ihren Behand­lun­gen, ihrer Diät, ihren Medi­ka­men­ten. Es ist ein­deu­tig, dass Gesund­heit und Krank­heit als Besitz emp­fun­den wer­den…“ (77)

Einen Vor­schlag, wie man die Pos­ses­siv­pro­no­mina durch weni­ger besitz­geile Wört­chen erset­zen könnte, fügt unser Schlau­meier natür­lich nicht bei. Er selbst ist ver­mut­lich nicht sei­nem Herz­ver­sa­gen erle­gen, son­dern „einem“ oder wie. Übri­gens kennt die Spra­che nicht nur Ver­ben und Pro­no­mina, son­dern auch noch

3. Namen

„Der Name eines Men­schen – und wir alle haben Namen… – ruft die Illu­sion her­vor, dass es sich um ein unsterb­li­ches Wesen handle.“ (83)

Ja so! Und wie ist es denn dann mit den

4. Sub­stan­ti­ven?

Natür­lich genauso.

„Selbst Haupt­wör­ter, die Dinge bezeich­nen, wie ‚Tisch‘ oder ‚Lampe‘, sind irre­füh­rend. Sie zei­gen an, dass wir von fes­ten Sub­stan­zen spre­chen, obwohl Dinge in Wirk­lich­keit (!!) Ener­qie­pro­zesse (!!!) sind, die in unse­rem phy­si­schen Sys­tem bestimmte Emp­fin­dun­gen her­vor­ru­fen. … Wir glau­ben nai­ver­weise, dass Gegen­stände wie Tisch und Lampe als sol­che exis­tie­ren, und über­se­hen dabei, dass uns die Gesell­schaft lehrt, kör­per­li­che Emp­fin­dun­gen in Wahr­neh­mun­gen umzu­wan­deln…“ (84)

Selbst ein Phy­sik­büch­lein hat unser gelehr­ter Schwät­zer in sei­nem Regal ste­hen, dem er ent­nom­men hat, dass Dinge „in Wirk­lich­keit“ Ener­gie­pro­zesse sind. Seit­dem weiß er, dass es nur unend­li­che Besitz­gier ist, die uns ver­an­lasst, die flüch­ti­gen Dinge auch gedank­lich fest­zu­hal­ten und „nai­ver­weise“ zu „glau­ben“, wir säßen an einem Tisch, wo wir doch nur an einem Masse-​Energie –Atom-​Flitze-​Flatze-​Dingsbums sit­zen. Übri­gens gilt wie­derum Ähn­li­ches für das

5. Recht.

Nament­lich das Erbrecht:

„Durch den ‚Letz­ten Wil­len‘ lege ich gesetz­lich für die kom­men­den Gene­ra­tio­nen fest, was mit mei­nem Eigen­tum zu gesche­hen hat und wie es genutzt wer­den soll. Durch den Mecha­nis­mus der Erb­schafts­ge­setze bin ich – sofern ich Kapi­tal­eig­ner bin -“ (das war gerade Öko­nom FROMM) „unsterb­lich gewor­den.“ (65)

Aber wei­ten wir unse­ren Hori­zont ruhig noch etwas aus. Abge­se­hen von 6. den Frauen (74), 7. dem ana­len Cha­rak­ter (ein alter Hut, 85); 8. der Mani­pu­la­ti­ons­these („Wie bre­che ich den Wil­len eines Men­schen, ohne dass die­ser es merkt?“ 81), 9. dem Ter­ro­ris­mus etc. pp. (80 ff.), lässt sich zum Nach­weis der Exis­ten­zweise des Habens noch anfüh­ren (u.a.)

10. das Automobil.

„Unsere ganze Wirt­schaft (?) ist auf die Pro­duk­tion von Auto­mo­bi­len aus­ge­rich­tet, und unser Leben ist weit­ge­hend durch deren (?) Kon­sum bestimmt.… Den­noch (!?) ist die Zunei­gung zum eige­nen Wagen (!) nicht tief und dau­er­haft (!!), sie ist von kur­zer Dauer… Das Auto ist kein kon­kre­tes Objekt (?), an dem ich hänge, son­dern ein Sym­bol mei­nes Sta­tus, mei­nes Ichs, eine Aus­deh­nung mei­ner Macht (!!!). … ver­viel­facht sich der mit dem Erwerb (!) ver­bun­dene Lust­ge­winn (!), wenn ich nicht alle sechs, son­dern alle zwei Jahre den Wagen wechsle; der Akt (!) des Besitz­er­grei­fens ist eine Art Deflo­ra­tion…“ (75 f.)

Man ent­deckt bei die­ser Gele­gen­heit, dass FROMM von Haus aus Psy­cho­loge ist. Seine ful­mi­nante Kri­tik der „Auto­mo­bil­ge­sell­schaft“ bleibt frei­lich merk­wür­dig ambi­va­lent. Zunächst hat es den Anschein, er wolle der „Pro­duk­tion von Auto­mo­bi­len“ eins rein­sem­meln; dann ent­schließt er sich zu einer Art Wenn-​schon-​denn-​schon-​Denken, erwägt den Gedan­ken einer förm­li­chen Trau­ung mit dem Kfz, beklagt die hohe Schei­dungs­rate und wen­det sich schließ­lich pikiert von der Vor­stel­lung ab, alle zwei Jahre einen unschul­di­gen Che­v­ro­let zu ent­jung­fern. Es ist nicht nötig, den hier allen Erns­tes vor­ge­tra­ge­nen Irr­sinn noch in den letz­ten Win­kel­zug zu ver­fol­gen. Aus Pie­täts­grün­den füh­ren wir nur als letz­tes Bei­spiel from­mer Vielfalt

11. Marx und den Klassenkampf

an. Wir wol­len ein­fach klar­stel­len, dass FROMM sich zur Illus­tra­tion der üblen Fol­gen des Habens eines Autors bedient, der offen­bar ein Zeit­ge­nosse des gleich­na­mi­gen Kom­mu­nis­ten, ansons­ten aber ein FROMM’scher Gesin­nungs­kum­pel gewe­sen sein muss:

„Man kann die affek­tive Bri­sanz, die der Kampf zwi­schen Arbeit und Kapi­tal für Marx hatte, nicht voll ver­ste­hen, wenn man sich nicht vor Augen hält, dass es für ihn der Kampf zwi­schen Leben­dig­sein und Tot­sein, Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit, Men­schen und Din­gen, Sein und Haben war. Für Marx“ – also die­sen unbe­kann­ten Autor – „lau­tete die Frage: Wer soll über wen herr­schen? Soll das Leben das Tote oder soll das Tote das Leben beherr­schen?“ (96)

Wir erse­hen hier­aus: Ers­tens kann man die affek­tive Bri­sanz, die der Kampf zwi­schen Haben und Sein für den seli­gen Erich hatte, nicht voll ver­ste­hen, wenn man sich nicht vor Augen hält, dass FROMM dar­un­ter sämt­li­che denk­ba­ren und undenk­ba­ren Kon­flikte der Welt­ge­schichte sub­su­mie­ren wollte. Zwei­tens lau­tete die Frage für FROMM: Wem kann ich mein Ideelein denn noch unter­ju­beln? Den Psy­chos, den Ökos, den Mar­xos, den homi­ni­bus reli­gio­sis? Den Frauen, den Huma­nis­ten, den Erkennt­nis­theo­re­ti­kern? Drit­tens stellt sich nun aber lang­sam die Frage: Was wollte uns der Dich­ter damit sagen?

III. Zweck und Pro­gramm der Gesellschaftskritik

Die­ser letzte Punkt ist in einer Hin­sicht der lang­wei­ligste an dem gan­zen Trak­tät­chen, da einem das Resul­tat der theo­re­ti­schen Bra­vour­leis­tung – man soll halt ein biss­chen mehr Kon­sum­ver­zicht üben und nicht immer so nei­disch auf die Mit­men­schen sein – als prak­ti­scher Stand­punkt auch schon vor­her geläu­fig war. FROMM tut dabei ganz unschul­dig, als wenn es ihm um die 132. Illus­tra­tion der „Exis­ten­zweise des Habens“ zu tun sei:

„Um die Exis­ten­zweise des Habens bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, von der hier die Rede ist“ – immer­hin schon 87 Sei­ten lang! – „erscheint eine wei­tere Abgren­zung nötig, näm­lich gegen­über dem funk­tio­na­len Haben. Um über­le­ben zu kön­nen, ist es erfor­der­lich, dass wir bestimmte Dinge haben, behal­ten, pfle­gen und gebrau­chen. Dies gilt für unse­ren Kör­per, für Nah­rung, Woh­nung, Klei­dung und für die Werk­zeuge, die zur Befrie­di­gung unse­rer Grund­be­dürf­nisse von­nö­ten sind. … Es ist ein ratio­nal (!) gelenk­ter Impuls, der dem Über­le­ben dient – im Gegen­satz zum cha­rak­ter­be­ding­ten Haben, mit dem wir uns bis­her befasst haben. … Exis­ten­zi­el­les (funk­tio­na­les) Haben gerät nicht in Kon­flikt mit dem Sein…“ (87)

Also wenigs­tens überleben ist phi­lo­so­phisch erlaubt; das sollte nicht unter­schla­gen wer­den. Danke schön, Erich! Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang die FROMM’schen Kriegs­er­in­ne­run­gen. Ers­tens ist es ja wohl klar, wie Kriege ent­ste­hen – auf die­selbe Tour wie alles übrige Häss­li­che auf die­ser Welt:

„Solange die Völ­ker aus Men­schen beste­hen, deren haupt­säch­li­che Moti­va­tion das Haben und die Gier ist, wer­den sie not­wen­di­ger­weise Krieg füh­ren. Es ist unver­meid­lich, dass sie einem ande­ren Volk nei­den, was die­ses hat, und ver­su­chen, das, was sie begeh­ren, durch Krieg, öko­no­mi­schen Druck und Dro­hun­gen zu bekom­men.“ (111 f.)

Schon die Belie­big­keit des Gegen­stands die Ablei­tung des Klas­sen­kampfs, sexu­el­ler Kon­flikte usw. usf. schaut auch nicht anders aus: solange es ums Haben geht, will jeder alles haben, ja ist hab-​gierig (statt seins­lüs­tern) – macht hier jeden Ver­weis auf die leicht anders­ge­ar­tete Rea­li­tät über­flüs­sig, in der nicht Men­schen, son­dern Staa­ten Kriege füh­ren, frei­lich unter Ein­satz ihres Menschenmaterials.

Zwei­tens weiß FROMM den Krieg durch­aus auch posi­tiv zu wür­di­gen – er zwingt sozu­sa­gen zum „Sein“:

„Die Annahme, dass die Men­schen nicht zu Opfern bereit seien, ist offen­kun­dig falsch. Als Chur­chill zu Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs von den Eng­län­dern ‚Blut, Schweiß und Trä­nen‘ for­derte, hat er sie damit nicht abge­schreckt, son­dern im Gegen­teil an ihr tief­ver­wur­zel­tes Ver­lan­gen appel­liert, Opfer zu brin­gen und der (!) Gemein­schaft etwas zu geben. … Es ist jedoch ein trau­ri­ger Kom­men­tar zu unse­rer Zivi­li­sa­tion, dass Krieg und Lei­den eher imstande sind, die mensch­li­che Opfer­be­reit­schaft zu mobi­li­sie­ren, als ein fried­li­ches Leben…“ (101)

Die Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass man etwas nur opfert, wenn die Not es gebie­tet, auf einen Schlag zur eigent­li­chen Tugend und den Natio­na­lis­mus der Bri­ten, die sich die Not ihres Staats zur eige­nen Her­zens­an­ge­le­gen­heit mach­ten, zu einem mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis zu erklä­ren, ist selbst bei einem intel­lek­tu­el­len Nar­ren noch ein Kunst­stück eige­ner Art. Er ver­län­gert es in die Zukunft, indem er sich end­lich expli­zit als from­mer und hei­li­ger Erich zu erken­nen gibt:

„…wir sind, wofür wir uns hin­ge­ben, und an was wir uns hin­ge­ben, das moti­viert unser Ver­hal­ten.“ (131)

Eines hat der fromme FROMM den Kir­chen­vä­tern und patrio­ti­schen Fei­er­tags­pre­di­gern aller­dings vor­aus. Er weiß, dass ohne seine Spar­ren die mensch­li­che Natur gar nicht funk­tio­nie­ren könnte. So wie „der Mensch“ heut­zu­tage eben das „Haben“ braucht, um sein „Exis­tenz­pro­blem“ wenigs­tens illu­so­risch anzu­pa­cken, so braucht er das „Sein“=die Reli­gion aus dem­sel­ben Grunde umso mehr:

„Das reli­giöse Bedürf­nis wur­zelt in den Exis­tenz­be­din­gun­gen der Spe­zies Mensch. Der Mensch ist ebenso eine eigene Spe­zies wie der Schim­panse, das Pferd oder die Schwalbe.“ (131)

Schwal­ben haben keine Reli­gion, der Mensch hin­ge­gen – also braucht er auch eine. Das­selbe noch theoretischer:

„Ange­sichts die­ser Fak­ten kann die Spe­zies Mensch als jener Pri­mat defi­niert wer­den, wel­cher an dem Punkt der Evo­lu­tion auf­trat“ (mit einem kräf­ti­gen „Grüß Gott!“) „als die instink­tive Deter­mi­nie­rung ein Mini­mum und die Ent­wick­lung des Gehirns ein Maxi­mum erreicht hatte.“ (132)

Und weil Psycho­bio­so­zi­al­phi­lo­so­pho­loge FROMM sel­bige Ent­wick­lung nun ein­mal nicht begrüßt (end­lich braucht man nicht mehr dau­ernd nur Bana­nen fres­sen), son­dern für das Pro­blem über­haupt hält (nach der Aus­gangs­frage: ja, was mach mer denn heut?), folgt für ihn glas­klar, dass die Mensch­heit, kaum den Bäu­men entwachsen,

„einen Rah­men der Ori­en­tie­rung und ein Objekt der Hin­gabe (brauchte), um über­le­ben zu kön­nen.“ (132 f.)

Denn auch abge­se­hen von der gerade noch ange­peil­ten anthro­po­lo­gi­schen Unter­maue­rung der Reli­gion steht doch zumin­dest fol­gende Tau­to­lo­gie felsenfest:

„Ohne ein struk­tu­rier­tes und kohä­ren­tes Bild der Welt und des Plat­zes, den wir darin ein­neh­men, wäre der Mensch ver­wirrt und unfä­hig, ziel­ge­rich­tet und kon­se­quent zu han­deln, denn er hätte keine Ori­en­tie­rungs­mög­lich­keit und fände kei­nen fes­ten Punkt…“ (133)

Mit einem Wort:

„Tiere haben keine der­ar­ti­gen Pro­bleme.“ (ebd.)

Und der­ar­tige Bücher schrei­ben sie des­halb auch nicht.

IV. Zwei Anhänge

1. Des from­men Erich Rat­schläge an die Politik

Nach­dem der fromme Erich Zeug­nis abge­legt hatte von den Ver­feh­lun­gen der Welt, trat er vor sie hin und sprach: Siehe, das wird sein die Zukunft dei­ner Völ­ker, so sie dem Göt­zen Haben abschwö­ren und das Sein, den Herrn, preisen.

Ein­rich­tung einer Exper­ten­kom­mis­sion zur Unter­schei­dung zwi­schen gesun­den und patho­ge­nen Bedürf­nis­sen (169 f.);

Gesetze zur Ein­schrän­kung der Aktio­närs­rechte, not­falls durch Kon­sum­streik von 20 0er Ver­brau­cher zu erzwin­gen (171 f.);

„par­ti­ci­patory demo­cracy“, damit „das Leben wie­der inter­es­sant wird“ (174);

Maxi­male Dezen­tra­li­sie­rung von allem und jedem (176);

Ersatz des büro­kra­ti­schen durch ein huma­nis­ti­sches Manage­ment (177);

Ver­bot jeg­li­cher Gehirn­wä­sche in der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Wer­bung (179);

Nord-​Süd-​Dialog (180);

Garan­tie eines jähr­li­chen Min­dest­ein­kom­mens („Der Mensch soll nicht mehr erhal­ten, als zum Leben nötig ist, aber auch nicht weni­ger!“) (181);

Frau­en­be­frei­ung (182);

0. Ein Obers­ter Kul­tur­rat als wirk­sa­mes Sys­tem zur Ver­brei­tung von objek­ti­ven Infor­ma­tio­nen (185);

1. Tren­nung der Grund­la­gen­for­schung von ihrer indus­tri­el­len und mili­tä­ri­schen Anwen­dung (187);

2. Ato­mare Abrüs­tung (187).

Damit sie ihn nicht gei­ßel­ten, sprach aber der Pro­phet also:

„Die neue Gesell­schaft bedroht nie­man­des Eigen­tum… Die hohen Gehäl­ter der Füh­rungs­kräfte brauch­ten nicht gekürzt zu wer­den, aber falls das Sys­tem funk­tio­niert, wer­den sie nicht wün­schen, Sym­bol­fi­gu­ren der Ver­gan­gen­heit zu sein. Schließ­lich sind die Ideale der neuen Gesell­schaft nicht par­tei­ge­bun­den.“ (191)

2. Des from­men Erich stärks­tes Seinserlebnis

„Für den schöp­fe­ri­schen Cha­rak­ter hat das Geben eine völ­lig andere Bedeu­tung. Geben ist für ihn der höchste Aus­druck von Kraft. … Ich erlebe mich als über­strö­mend, leben­dig und daher freu­dig. … Das ele­men­tarste Bei­spiel fin­den wir in der Sphäre der Sexua­li­tät. Der Höhe­punkt der männ­li­chen Sexu­al­funk­tion liegt im Akt des Gebens; der Mann gibt sich, gibt sein Sexu­al­or­gan der Frau. Im Augen­blick des Orgas­mus gibt er ihr sei­nen Samen. …Für die Frau ist die­ser Vor­gang kei­nes­wegs anders (?), son­dern nur (?) etwas ver­wi­ckel­ter. Auch sie gibt sich hin; sie öff­net die Tore zu dem Inners­ten (!) ihrer Weib­lich­keit (!) – im Emp­fan­gen gibt sie.“ (Die Kunst des Lie­bens, 1979, S.42/43)