Gott­fried Wil­helm Leibniz

Gott auf theo­re­tisch oder: Ein­blick in die Monade ohne Fenster

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1989.

Gott­fried Wil­helm Leibniz

Gott auf theo­re­tisch oder: Ein­blick in die Monade ohne Fenster

Ein ehr­li­cher Mann. Der große Phi­lo­soph ver­spricht uns gleich im ers­ten Satz sei­ner ‚Meta­phy­si­schen Abhand­lung‘, dass er sich fortan kein freies Urteil erlau­ben will:

„Der gebräuch­lichste und bezeich­nendste Begriff, den wir von Gott haben, wird zwar in den Wor­ten, dass Gott ein abso­lut voll­kom­me­nes Wesen ist, recht gut aus­ge­drückt; doch betrach­tet man das, was dar­aus folgt, nicht mit der nöti­gen Sorgfalt.“

Leib­niz setzt in sei­ner Betrach­tung einen „Begriff“ vor­aus – näm­lich den Glau­bens­in­halt der christ­li­chen Schäf­lein, dem er beim Auf­stel­len sei­ner Theo­rie treu blei­ben will. Und auch seine Kol­le­gen will er in die­sem Sinne zur fäl­li­gen Sorg­falt nöti­gen, nichts dem Glau­ben Wider­spre­chen­des zu den­ken. So fin­det er es über­haupt nicht pein­lich, Gedan­ken nach ihrer Über­ein­stim­mung mit der Bibel zu sor­tie­ren und freut sich könig­lich, „dass man in der Hl. Schrift und bei den Kir­chen­vä­tern eine Unmenge von Beleg­stel­len fin­den wird, die meine Ansicht begüns­ti­gen“. Dann muss sie ja stim­men! Wenn einer bei­spiels­weise meint, er fände in der Welt gar nicht alles so toll, und Gott hätte sich, wenn er schon voll­kom­men ist, ruhig etwas mehr Mühe geben kön­nen bei der Schöp­fung, kommt ihm Leib­niz mit dem geist­rei­chen Argu­ment: „Mir schei­nen die Fol­gen die­ser Ansicht der Herr­lich­keit Got­tes völ­lig ent­ge­gen­ge­setzt.“ Die Band­breite der zuläs­si­gen Gedan­ken wird da eini­ger­ma­ßen eng. Es dür­fen ohne­hin nur Kon­se­quen­zen aus der gläu­bi­gen Vor­stel­lung gezo­gen wer­den; aber dann bitte auch nur die, bei denen der Glau­bens­ge­gen­stand kei­nen Scha­den nimmt.

Aber man soll ja die Gedan­ken, die unter die­sen Kau­te­len zustande kom­men, nicht gering schät­zen. Es sind berühmte Gedan­ken, fes­ter Bestand­teil der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tion: Wer kennt sie nicht, die Geschichte mit der „bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten“? Also soll man auch ein­mal ange­mes­sen wür­di­gen, was man sich da im Phi­lo­so­phie­stu­dium rein­zieht. Leib­niz begeg­net also dem, der an der Schöp­fung her­um­nör­gelt, so: Dass die Welt voll­kom­men ein­ge­rich­tet ist, daran darf kein Zwei­fel auf­kom­men; dass einem im Leben man­cher Scheiß begeg­net, ist aber auch nicht ein­fach zu leug­nen. Was machen wir da? Wir sagen: Was uns gefällt, kommt von Gott; der Scheiß kommt von den Menschen:

„Wei­ter folgt dar­aus, dass die Geschöpfe ihre Voll­kom­men­hei­ten dem Ein­flusse Got­tes ver­dan­ken, ihre Unvoll­kom­men­hei­ten jedoch von ihrer eige­nen Natur haben.“

Dage­gen muss natür­lich noch dem Dümms­ten ein­fal­len: „eigene Natur?“ Es sol­len doch seine Geschöpfe sein! Leib­niz fährt also fort: Gott hat seine Geschöpfe bes­tens aus­ge­stat­tet. Er hat ihnen einen Wil­len gege­ben, damit sie immer das Gute erstre­ben kön­nen. Nun haben sie ihn und ver­sün­di­gen sich am Wil­len Got­tes. Das pro­vo­ziert frei­lich den Ein­wand: Hätte Gott, der All­wis­sende, die Sünde nicht vor­aus­se­hen und ver­hin­dern müs­sen? Und Leib­niz schlägt sich wacker für den Herrn:

„Auf diese Frage aber darf man hie­nie­den keine Ant­wort erwar­ten, man darf höchs­tens all­ge­mein sagen, dass, da es Gott gefal­len hat, dass er“ – der Sün­der – „exis­tiert, sich die­ses Übel im Uni­ver­sum mit Zin­sen bezahlt machen muss, dass Gott dar­aus ein grö­ße­res Gut gewin­nen und sich ins­ge­samt zei­gen wird, dass diese Folge der Dinge, worin die Exis­tenz die­ses Sün­ders ein­be­grif­fen ist, die voll­kom­menste unter allen ande­ren Mög­lich­kei­ten ist.“

Gott hat die beste aller mög­li­chen Wel­ten geschaf­fen. In sei­ner Weis­heit kennt er für jedes Übel einen guten Grund. Das Böse ist nur der Umweg zum Guten, ja sogar zum Bes­se­ren (Zin­sen in spe!). Ein­se­hen kann man das nicht, „höchs­tens“ wissen!

Erste Zwi­schen­bi­lanz: Der Ent­schluss zum Glau­ben ist unwi­der­leg­lich. Leib­niz ist nicht zu hel­fen. Den Ver­stan­des­ge­brauch will er dem Glau­ben unter­ord­nen. Ein­fach auf sei­nen Ver­stand pfei­fen und in die Kir­che büßen und beten gehen, will er aber auch nicht. Phi­lo­so­phie­ren will er, d.h. glau­ben, aber nicht ein­fach das, son­dern wis­sen wol­len, dass man im Glau­ben rich­tig liegt. Zur Durch­füh­rung die­ses Wider­spruchs hat er sich die Frage vor­ge­legt, wie man Gott ohne Wider­spruch den­ken kann.

In der Beant­wor­tung sei­ner Frage lässt er alle Wider­sprü­che zur Spra­che kom­men, die dazu nötig sind. Aber durch kei­nen lässt er sich von sei­ner Fra­ge­stel­lung abbrin­gen. Statt­des­sen löst er alle Zwei­fel in den Glau­ben auf, der sie her­vor­ge­bracht hat:

„Es genügt also, die­ses Ver­trauen zu Gott zu haben, dass er alles zum Bes­ten tut und dass denen, die ihn lie­ben, nichts scha­den kann.“

*

Für die Prak­ti­zie­rung ihres Wider­spruchs, dem Glau­ben durch Ver­nunft und Wis­sen zur Seite sprin­gen zu wol­len, haben die Phi­lo­so­phen damals der auf­kom­men­den Natur­wis­sen­schaft ganz neue Per­spek­ti­ven abge­won­nen: Von der Wis­sen­schaft waren Leute wie Leib­niz begeis­tert – aber nicht von ihr als sol­cher, son­dern umge­deu­tet in eine dem Glau­ben ange­mes­sene Theo­rie über das Dies­seits; in einen Beweis dafür, wie sinn­voll Gott die Welt ein­ge­rich­tet und geord­net hat. Schon beim Stu­dium der Wis­sen­schaf­ten musste das zu den grund­le­gends­ten Ver­wechs­lun­gen füh­ren: Die Phi­lo­so­phen haben immer gedacht, durch die Wis­sen­schaft dem Plan Got­tes und des­sen Prin­zi­pien wenigs­tens ein Stück weit auf die Spur zu kommen.

Nach eige­ner Aus­kunft ruhte Leib­niz schon „in sei­ner Jugend nicht eher, als bis er zu den Prin­zi­pien der von ihm jeweils betrie­be­nen Wis­sen­schaft vor­ge­drun­gen war“. Ver­stan­den hat er dar­un­ter aller­dings nie die Suche und das Nach­voll­zie­hen der Gesetz­mä­ßig­kei­ten, die auf dem jewei­li­gen Feld gel­ten, mit dem sich eine Wis­sen­schaft befasst. Ihn treibt viel­mehr die Phi­lo­so­phen eigen­tüm­li­che Gründ­lich­keit, die sich „Hin­ter­fra­gen“ nennt und sich präch­tig paart mit einem gedie­ge­nen Des­in­ter­esse an Wis­sen, das als bloß vor­der­grün­di­ges abge­tan wird. Bei den von den Wis­sen­schaf­ten auf­ge­fun­de­nen Prin­zi­pien hält es Leib­niz nicht, er gibt keine Ruhe, ist immer schon über das vor­han­dene Wis­sen hin­aus, weil er eine Prin­zi­pi­en­frage ganz ande­rer Art im Auge hat. Die Gesetze der Geo­me­trie, der Bewe­gung, des beweg­ten Kör­pers – mit sol­chem Zeug hatte es die Wis­sen­schaft damals – sind zwar Wis­sen, aber ver­gleichs­weise lang­wei­lig für einen, der das Prin­zip über­haupt, von allem haben will, gleich­gül­tig dage­gen, was da in die­ser Wis­sen­schaft erklärt wird. Leib­niz sub­su­miert das vor­han­dene Wis­sen unter seine Prin­zi­pi­en­frage, und er ver­fährt dem­ent­spre­chend bar­ba­risch in der Anwen­dung von Erkennt­nis­sen auf Gebiete, die mit die­sen Erkennt­nis­sen nichts zu tun haben.

– Er stu­diert Arith­me­tik und kommt zu dem Beschluss: „Die Wesen­hei­ten der Dinge las­sen sich als Zah­len begrei­fen.“ Wäre dem näm­lich so, denkt Leib­niz, so ließe sich alles auf der Welt mit einer Hand voll mathe­ma­ti­scher Regeln erfas­sen. Dem ist aber nicht so. Die Arith­me­tik befasst sich mit Zah­len, Quanta und bestimmt die Gesetz­mä­ßig­kei­ten ihrer Zusam­men­fas­sung. Die Dinge sind quan­ti­ta­tiv bestimmt und diese Seite ist Gegen­stand der Mathe­ma­tik. Was die Dinge sind, ihre Qua­li­tät, fällt nicht in ihr Fach. Über das Wesen einer Sache gibt sie keine Aus­kunft. Also, Leib­niz: Themaverfehlung!

– Noch aus einem ande­ren Grund hat Leib­niz ein Auge auf die Mathe­ma­tik und wie­der hat er „das Import­an­teste“ am Wickel, „was der Men­schen­geist zur Beför­de­rung der Wis­sen­schaft unter­neh­men könne.“ Er will das Rech­nen fürs Den­ken pro­duk­tiv machen. Sein „logi­scher Kal­kül“ ist die Idee eines mecha­ni­schen Ver­fah­rens, das den siche­ren Fort­gang des Gedan­kens gewähr­leis­ten soll. Rich­tige Gedan­ken ein­fach aus­rech­nen kön­nen, denkt sich Leib­niz, was für eine Wahn­sinns – Idee! Aber die ist lei­der auch nur ein Fehl­tritt. Das mecha­ni­sche Ver­fah­ren des Rech­nens hat in der Mathe­ma­tik sei­nen Platz, weil und sofern es dort um das Zusam­men­fas­sen von Quanta geht, denen die­ses Tun völ­lig äußer­lich ist. Gegen die Zahl 7 ist es kein Ver­stoß, zu ihr 2 hin­zu­zu­zäh­len oder 3 abzu­zie­hen. Bei gedank­li­chen Bestim­mun­gen aber kommt es gerade auf ihr inhalt­li­ches Ver­hält­nis an, und das will gedacht sein. Das Den­ken will aber Leib­niz – zur Beför­de­rung sei­ner Resul­tate und der Wis­sen­schaft! – durch einen Rechen – Mecha­nis­mus über­flüs­sig machen.

– Auch die Geo­me­trie hat es Leib­niz ange­tan. Und schon wie­der meint er, damit die ganze Welt – im Prin­zip – in der Tasche zu haben. Den­ken wir uns die Welt als aus Punk­ten zusam­men­ge­setzt, dann ließe sie sich nach einer geo­me­tri­schen Regel begrei­fen! In der Geo­me­trie ist der Punkt Schnitt­punkt, Mit­tel­punkt, durch seine Lage im Koor­di­na­ten­sys­tem defi­niert usf., also jeweils durch ein geo­me­tri­sches Ver­hält­nis bestimmt. Und außer­halb die­ses Ver­hält­nis­ses ist er nichts. Bei Leib­niz frei­lich, der aus „ein­fachs­ten Ele­men­ten“ die Welt „zusam­men­set­zen“ will, muss der Punkt etwas sein – zwar etwas unend­lich Klei­nes, aber doch etwas. Und vor allem muss er noch etwas mehr und ande­res sein, als die Geo­me­trie zu ihrem Inven­tar zählt. Leib­niz kennt den „point meta­phy­si­que“, den „point r<130>el et anim<130>“!

– Die Phy­sik wird auch nicht ver­schmäht. Und was merkt sich Leib­niz? Dass da Kräfte wir­ken! Phy­si­ker bestim­men diese Kräfte. Dass Actio gleich Reac­tio, haben sie damals schon gewusst; dass Kraft das Pro­dukt aus Masse und Beschleu­ni­gung ist, hat­ten sie gerade in Arbeit. Und Leib­niz lässt alle phy­si­ka­li­schen Bestim­mun­gen weg, merkt sich noch nicht ein­mal, dass es um die Lehre vom beweg­ten Kör­per geht, und hält dann die Kraft für „sehr wich­tig, nicht nur für Phy­sik und Mecha­nik, <193>, son­dern auch für die Meta­phy­sik, um die Prin­zi­pien bes­ser zu verstehen.“

– Dito seine Leh­ren aus der Bio­lo­gie: „Daher gibt es nichts Totes in der Welt.“

Eine zweite Zwi­schen­bi­lanz: Es geht jedes Mal das Wis­sen flö­ten, sooft es unser Phi­lo­soph in ein uni­ver­sell gel­tend sol­len­des Prin­zip über­setzt. Und das ist auch gar kein Wun­der. Es ist ein Wider­spruch, alles auf ein­mal erklä­ren zu wol­len. Beim Erklä­ren kommt es dar­auf an, eine Sache zu bestim­men; es wird unter­schie­den und gerade nicht an alles gedacht. Soll alles unter eine Bestim­mung, ein Prin­zip pas­sen, muss sich das Bestim­men auf­hö­ren. Kurzum: Wis­sen­schaft und die phi­lo­so­phi­sche Suche nach einem uni­ver­sa­len Prin­zip schlie­ßen sich aus. Wo sich die Phi­lo­so­phie auf die Resul­tate der Wis­sen­schaft stürzt, kommt ihre Sucht nach Ver­all­ge­mei­ne­rung zum Zug, der sie solange frönt, bis sie das Wis­sen am Wis­sen besei­tigt und in einen fik­ti­ven Bezugs­punkt über­setzt hat, von dem her sich eine ide­elle Welt­ord­nung ima­gi­nie­ren lässt, in der alles, auch man selbst, sei­nen Platz hat.

*

Das haben schon vor Leib­niz andere Phi­lo­so­phen pro­biert. Ein typi­scher Phi­lo­so­phen­streit. Aus­gangs­punkt ist eine Welt­an­schau­ung: Die Welt als Mecha­nis­mus; eins wirkt aufs andere und das wie­der aufs nächste. Die Idee ist keine Wis­sen­schaft, son­dern phi­lo­so­phi­sche Prin­zi­pi­en­den­ke­rei. Die phy­si­ka­li­sche Dis­zi­plin der Mecha­nik stellt näm­lich die Behaup­tung, dass alles mecha­nisch funk­tio­niere, gar nicht auf. Und das ist auch gut so. Beim Erklä­ren einer Sache ist es näm­lich wenig dien­lich, die Frage, was sie ist, mit dem Hin­weis vom Tisch zu wischen, dass sie in einem Ver­hält­nis zu ande­rem und letzt­lich über­haupt zu allem ande­ren stehe. Die Vor­stel­lung, dass die Welt ein Mecha­nis­mus sei, war schon gott­ge­fäl­lig gedacht, schließ­lich war die Idee eines unbe­weg­ten Bewe­gers, der alles in Gang set­zen muss, schon damals nicht neu. Und dann geht ein Rech­ten los, ob das gedachte Prin­zip das Sinn­be­dürf­nis und die Ansprü­che des Glau­bens, die es befrie­di­gen soll und für die es in die Welt gesetzt wird, auch wirk­lich befrie­digt. Leib­niz bezieht sich auf das mecha­nis­ti­sche Welt­bild, hat nichts an ihm zu kri­ti­sie­ren und kriegt dem­nach Beden­ken. Er hält die Auf­fas­sung für „gefähr­lich“, „die Werke Got­tes seien ein­zig aus dem for­mel­len Grund gut, weil Gott sie gewirkt hat.“ Er besteht auf der schon von sei­nen Vor­gän­gern prak­ti­zier­ten Peti­tio prin­ci­pii: „Die Werke müs­sen doch sein Gepräge haben.“ Und zwar ein­zig aus der quasi glau­bens­tech­ni­schen Über­le­gung, dass sonst von Gott nur eine „des­po­ti­sche Macht“ übrig­bliebe, die zu lie­ben ihm schwer­fal­len würde. (Ins­be­son­dere hat Leib­niz die Vor­stel­lung Des­car­tes‘ erbit­tert, Tiere seien Maschi­nen – wo doch gerade in Vögeln, Affen und ande­rem Getier die Weis­heit Got­tes so präch­tig leben­dig wird!) Das mecha­nis­ti­sche Welt­bild, das schon eine phi­lo­so­phi­sche Deu­tung ist, muss also phi­lo­so­phisch neu aus­ge­deu­tet wer­den. Sowas ist die hohe Kunst des Philosophierens!

*

Und was hat Leib­niz anzu­bie­ten? Eine Mona­do­lo­gie! In der passt nun wirk­lich nichts mehr zusam­men. Als ers­tes gibt er einem Feh­ler recht: ‚Ja, wir erken­nen die Welt als Mecha­nis­mus‘. Aber nur um fort­zu­fah­ren: ‚Die Welt ist aber kein Mecha­nis­mus!‘ Das Rät­sel die­ser Dif­fe­renz macht man sich bes­ser nicht ver­ständ­lich. Sie ist der Über­gang in den Irra­tio­na­lis­mus der Meta­phy­sik: Woher weiß Leib­niz, dass die Welt etwas ande­res ist als Mecha­nis­mus? Erkannt haben kann er das nicht, denn er behaup­tet ja gerade, dass wir die Welt so erken­nen. Also nicht durch Erkennt­nis! Das offen­sive Bekennt­nis zu die­sem Wider­spruch ist über­haupt der Ein­stieg in die Meta­phy­sik: Sie behaup­tet eine Hin­ter­welt; die Vor­der­welt lässt kei­nen Schluss auf diese zu – das wäre ja Erkennt­nis. Den­noch wird die Hin­ter­welt behaup­tet. In die­ser Hin­ter­welt wird das Wesen der Dinge ange­sie­delt, in der Vor­der­welt die blo­ßen Erschei­nun­gen; aber die Erschei­nun­gen haben keine Bezie­hung zu ihrem Wesen.

Aber gut, Leib­niz will es aus reli­giö­sen Grün­den so sehen. Er behaup­tet ein­fach das Gegen­teil vom mecha­nis­ti­schen Welt­bild: Es gibt keine Ursa­chen, keine Kräfte, die wir­ken; die Dinge haben kei­ner­lei Ein­fluss auf­ein­an­der. Leib­niz nennt sie „Mona­den“, deren Qua­li­tät es sein soll, von allem äuße­ren Ein­fluss unab­hän­gig zu sein. Das soll das schöne Bild aus­drü­cken: „Die Mona­den haben keine Fens­ter.“ – Es geht nichts rein und nichts raus. Mit die­sem mora­li­schen Prin­zip aus­staf­fiert, argu­men­tiert Leib­niz gegen jeden Augen­schein und bekommt prompt das Bedürf­nis, von sei­nem Prin­zip her zu erklä­ren, wie der Augen­schein wech­sel­sei­ti­ger Abhän­gig­keit der Dinge zustande kommt. Sein Ein­fall: Die Abhän­gig­kei­ten, in denen eine Sache steht, sind in Wahr­heit gar keine Abhän­gig­kei­ten, son­dern in ihrem eige­nen Wesen beschlos­sen. In allem und jedem ste­cken die „Nach­wir­kun­gen alles des­sen, was ihm jemals wider­fah­ren ist und Vor­zei­chen für alles, was ihm je wider­fah­ren wird, ja sogar Spu­ren von allem, was im Uni­ver­sum geschieht.“ So hätte er schon vor­her gewusst, was tat­säch­lich vor ca. 1700 Jah­ren pas­siert ist, dass „Cae­sar an den Iden des März von Bru­tus durch 23 Sti­che ermor­det wor­den ist“. (Auch das Mes­ser muss es gewusst haben.)

– Und nach­dem die gött­li­che Vor­se­hung ver­langt hat, dass jeder Zusam­men­hang zwi­schen den Din­gen für nich­tig erklärt wird, – jede „Monade“ reprä­sen­tiert nun das ganze Uni­ver­sum; und jede unab­hän­gig von allen ande­ren – darf man sich die Frage stellen:

„Nach­dem wir eini­ger­ma­ßen erkannt haben, worin das Wesen der Sub­stan­zen besteht, müs­sen wir ver­su­chen, ihre gegen­sei­tige Abhän­gig­keit, ihr Wir­ken und Erlei­den zu erklären.“

Ach ja, fast hätte man’s ver­ges­sen, in der wirk­li­chen Welt schaut es ja nach wie vor so aus, als könnte man den Din­gen nicht jeden Ein­fluss auf­ein­an­der abspre­chen! Wie das geht? „Präs­ta­bi­li­sierte Har­mo­nie“, von Gott, der „Zen­tral­mo­nade“ so ein­ge­rich­tet, aber unse­rer Ein­sicht nicht zugäng­lich: „Es kommt Gott allein zu, dies alles zu erkennen.“

*

Ob das den Auf­wand lohnt? Eine ganze Theo­rie, um dann zu dem Ergeb­nis zu kom­men: „Got­tes Plan ist uner­forsch­lich.“ Wozu eine Theo­rie, wenn man dann doch dran glau­ben muss?