Fried­rich Nietzsche

Got­tes­mör­der, Hitler-​Vordenker, Frau­en­fres­ser, Genie, Wahn­sin­ni­ger, oder was?

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1991.

Fried­rich Nietzsche

Got­tes­mör­der, Hitler-​Vordenker, Frau­en­fres­ser, Genie, Wahn­sin­ni­ger, oder was?

Das Bekennt­nis zu höhe­ren Wer­ten, das mit ihnen bewerk­stel­ligte Ver­eh­ren und Ver­ur­tei­len von sich und ande­ren, der Wahn von Leu­ten, die sich mora­lisch im Recht wis­sen und denen man nichts recht machen kann, die Aus­deu­tung die­ses Wahns zu einer gan­zen Welt­an­schau­ung, in der Gut und Böse ihren fik­ti­ven Kampf füh­ren – kurzum, Moral und Reli­gion waren Nietz­sche zutiefst zuwi­der. Die Ver­lo­gen­heit von Mora­lis­ten und Chris­ten hat er so gehasst, dass er sich zu einer Pole­mik ent­schlos­sen hat, die stre­cken­weise ebenso lehr­reich wie unter­halt­sam ist. Davon einige Kostproben.

I. Ana­lyse der Tech­ni­ken des mora­li­schen und reli­giö­sen Selbstbetrugs

Die pene­trante Tour von mora­lisch den­ken­den Zeit­ge­nos­sen, die Selbst­kri­tik par­tout mit einem schlech­ten Gewis­sen ver­wech­seln wol­len und lie­ber wie die begos­se­nen Pudel durch die Gegend lau­fen, als ein­mal einen Feh­ler ein­zu­se­hen und dann zu las­sen, hat Nietz­sche nicht lei­den kön­nen. Er hat die­ses Beneh­men über­haupt nicht für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten, son­dern mehr für eine „Krank­heit“ sei­ner Zeit, von der man sich bes­ser nicht anste­cken lässt. Als his­to­risch gebil­de­tem Men­schen war ihm geläu­fig, dass einem vor­bür­ger­li­chen Bewusst­sein, die Strafe für ein Ver­ge­hen kein Anlass war, sich sei­nes Wil­lens zu schä­men.

„(Skla­ven sag­ten) nicht: , das hätte ich nicht tun sol­len‘ -, sie unter­war­fen sich der Strafe, wie man sich einer Krank­heit oder einem Unglü­cke oder dem Tode unter­wirft, mit jenem beherz­ten Fata­lis­mus ohne Revolte…“ (Genea­lo­gie, 15)

Bür­ger­li­che Zeit­ge­nos­sen hin­ge­gen schaf­fen es regel­mä­ßig, das, was sie wol­len und tun, zu ver­ur­tei­len. Sie ken­nen nicht nur ihr Inter­esse als Leit­li­nie ihres Han­delns, son­dern nen­nen höhere Rechts­maß­stäbe ihr eigen, denen sie genü­gen wol­len, an denen sie ihr Inter­esse mes­sen, und sie neh­men sich die immer wie­der fäl­li­gen Abwei­chun­gen von ihrem mora­li­schen Wil­len schwer zu Her­zen. „In der Moral behan­delt sich der Mensch nicht als indi­vi­duum, son­dern als divi­duum.“ (Mensch­li­ches, 57). Als sol­cher beur­teilt er sich und seine Taten nach einem dop­pel­ten Maß­stab: er will etwas, weiß und aner­kennt zugleich, dass er das nicht darf, will es trotz­dem und macht sich ein Gewis­sen daraus.

In die­sem Fall folgt der Selbst­ver­ur­tei­lung die Strafe der Zer­knir­schung, und mit der Reue ist der inne­ren Gerech­tig­keit auch schon wie­der Genüge getan. So ist das schlechte Gewis­sen der umständ­li­che Weg zu einem guten.

Wer sich so ein gutes Gewis­sen zurecht gelegt hat, der weiß sich im Ein­klang mit dem, was Anstand und Sitte ver­lan­gen, und ist des­we­gen zu den Unver­schämt­hei­ten fähig, die den bür­ger­li­chen All­tag mit sei­nen vor Recht­schaf­fen­heit strot­zen­den Men­schen so ange­nehm macht. So einem ist nicht nur selbst­ver­ständ­lich, dass es in Ord­nung geht, wenn er bei der Ver­fol­gung sei­ner Inter­es­sen ande­ren auf die Füße tritt. Er läuft als Vor­bild für die Mensch­heit durch die Welt und des­we­gen ist es für ihn gera­dezu eine mora­li­sche Pflicht, sich zum Rich­ter über andere auf­zu­schwin­gen; und als sol­cher allen denen, die nicht von der­sel­ben mora­li­schen Güte­klasse sind, von Her­zen alles Üble an den Hals zu wünschen:

„Da ist ein miss­ra­te­ner Mensch, der nicht genug Geist besitzt, um sich des­sen freuen zu kön­nen, und gerade Bil­dung genug, um das zu wis­sen; … ein sol­cher, der sich sei­nes Daseins im Grunde schämt – viel­leicht beher­bergt er dazu ein paar kleine Las­ter – … gerät schließ­lich in einen hab­itu­el­len Zustand der Rache, des Wil­lens zur Rache … was glaubt ihr wohl, dass er nötig, unbe­dingt nötig hat, um sich bei sich selbst den Anschein von Über­le­gen­heit … zu schaf­fen? Immer die Mora­li­tät, dar­auf darf man wet­ten, immer die gro­ßen Moral­worte, immer das Bum­bum von Gerech­tig­keit, Weis­heit, Hei­lig­keit, Tugend … und wie alle die Idea­lis­ten­män­tel hei­ßen, unter denen die unheil­ba­ren Selbst­ver­äch­ter auch die unheil­bar Eit­len, her­um­ge­hen.“ (Die fröh­li­che Wis­sen­schaft, 359)

Dabei war Nietz­sche so schlau, das Phä­no­men, dass Leute mit der Beru­fung auf die aller­höchs­ten Titel die banals­ten Inter­es­sen recht­fer­ti­gen, nicht als dop­pelte Moral zu „ent­lar­ven“ und einem Miss­brauch der Moral zuzu­schrei­ben. Er wusste, dass das Dop­pelte not­wen­dig zur Moral dazu­ge­hört, weil sie ohne Berech­nung und Ver­lo­gen­heit nicht zu haben ist:

„Das Lob des Selbst­lo­sen, Auf­op­fern­den, Tugend­haf­ten …, die­ses Lob ist jeden­falls nicht aus dem Geiste der Selbst­lo­sig­keit ent­sprun­gen! Der ‚Nächste‘ lobt die Selbst­lo­sig­keit, weil er durch sie Vor­teile hat! Dächte der ‚Nächste‘ sel­ber selbst­los, so würde er jenem Abbruch an Kraft, jene Schä­di­gung zu sei­nen Guns­ten abwei­sen, der Ent­ste­hung sol­cher Nei­gun­gen ent­ge­gen­ar­bei­ten und vor allem seine Selbst­lo­sig­keit eben dadurch bekun­den, dass er die­selbe nicht gut nennte! – Hier­mit ist der Grund­wi­der­spruch jener Moral ange­deu­tet, wel­che gerade jetzt sehr in Ehren steht: die Motive zu die­ser Moral ste­hen im Gegen­satz zu ihrem Prin­zip! Das, womit sich diese Moral bewei­sen will, wider­legt sie aus ihrem Kri­te­rium des Mora­lis­ten … Sobald … der Nächste (oder die Gesell­schaft) den Altru­is­mus um des Nut­zens wil­lens emp­fiehlt, wird der gerade ent­ge­gen­ge­setzte Satz: ‚Du sollst den Vor­teil auch auf Unkos­ten alles ande­ren suchen‘ zur Anwen­dung gebracht, also in einem Atem ein ‚Du sollst‘ und ‚Du sollst nicht‘ gepre­digt!“ (Die fröh­li­che Wis­sen­schaft, 21).

Nietz­sche war­tet hier mit der Ent­de­ckung auf, dass das Ideal der Selbst­lo­sig­keit, das noch zu jeder mora­li­schen Selbst­dar­stel­lung gehört, eines ist, mit dem sich alle­mal Inter­es­sen ins rechte Licht set­zen; und er weiß, dass die­ser Wider­spruch not­wen­dig ist. Der pur nega­tive Impe­ra­tiv der Selbst­lo­sig­keit lässt sich näm­lich gar nicht prak­ti­zie­ren. So blöd, wie die moral­phi­lo­so­phi­schen Pre­di­ger die­ses Ide­als mei­nen, sind näm­lich noch nicht ein­mal Mora­lis­ten, dass sie ihr Inter­esse prin­zi­pi­ell für null und nich­tig erklä­ren wür­den. Des­we­gen bedür­fen auch die Ver­fech­ter die­ses Ide­als, wenn sie es begrün­den, der gegen­tei­li­gen Maxime – Selbstlosigkeit nützt. Die­ser Grund oder das „Motiv“, wie Nietz­sche sagt, rückt aller­dings die edle Maxime in ein zwei­fel­haf­tes Licht. Sie ist eben kein wirk­li­ches Motiv – was die Leute wirk­lich treibt und trei­ben, steht auf einem ganz ande­ren Blatt. Son­dern sie ist Mit­tel der Selbst­deu­tung, der mora­li­schen Selbst­über­hö­hung, für die ein gedie­ge­nes Maß an Selbst­ver­leug­nung offen­bar das „Argu­ment“ abgibt.

Das­selbe gilt übri­gens auch für den umge­kehr­ten Fall, in dem ein Scha­den in eine selbst­lose Tat des­je­ni­gen umge­lo­gen wird, der ihn gerade erlit­ten hat:

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Diese Tour, sich in der Ein­bil­dung zum selbst­be­wuss­ten Sub­jekt einer Lage zu sti­li­sie­ren, deren Sub­jekt man offen­kun­dig nicht ist, hat Nietz­sche ins­be­son­dere zu einer Kri­tik von Reli­gion und Chris­ten­tum beflü­gelt. Die Kom­bi­na­tion aus frei­wil­li­ger Selbst­er­nied­ri­gung und Selbst­ge­rech­tig­keit, die Chris­ten­men­schen an den Tag legen, war ihm ein­fach Zuviel. Er hat sich des­halb auch nicht lange mit der lah­men Bestrei­tung der Exis­tenz Got­tes auf­ge­hal­ten, die doch bloß an Zwei­feln her­um­la­bo­riert, wel­che die Chris­ten sel­ber hegen, son­dern sich gleich den Inhalt der gläu­bi­gen Vor­stel­lun­gen zur Brust genommen.

Was Chris­ten mit ihrem Ver­stand anstel­len, hielt er für so ziem­lich die nie­derste Art, sei­nen Geist zu betä­ti­gen, und sein Ver­gleich mit dem Wil­len, sich durch Dro­gen zu betäu­ben, liegt ja nicht ganz fern. Chris­ten beherr­schen den Kniff, in ihrem Ver­hält­nis zur Welt, deren Unbill als einen eigens für sie erfun­de­nen Prüf­stein zurecht­zulü­gen; so ver­wan­deln sie sich das wirk­li­che Übel in ein erfun­de­nes Gut:

„Wenn uns ein Übel trifft, so kann man ent­we­der so über das­selbe hin­weg­kom­men, dass man seine Ursa­che hebt, oder so, dass man die Wir­kung, wel­che es auf unsere Emp­fin­dung macht, ver­än­dert: also durch ein Umdeu­ten des Übels in ein Gut, des­sen Nut­zen viel­leicht erst spä­ter ersicht­lich sein wird. Reli­gion und Kunst (auch die meta­phy­si­sche Phi­lo­so­phie) bemü­hen sich, auf die Ände­rung der Emp­fin­dung zu wir­ken, teils durch Ände­rung unse­res Urteils, teils durch Erwe­ckung einer Lust am Schmerz … Je mehr jemand dazu neigt, umzu­deu­ten und zurecht­zu­le­gen, umso weni­ger wird er die Ursa­chen des Übels ins Auge fas­sen und besei­ti­gen; die augen­blick­li­che Mil­de­rung und Nar­ko­ti­sie­rung, wie sie z.B. bei Zahn­schmerz gebräuch­lich ist, genügt ihm auch in erns­te­rem Lei­den. Je mehr die Herr­schaft der Reli­gio­nen und aller Kunst der Nar­kose abnimmt, umso stren­ger fas­sen die Men­schen die wirk­li­che Besei­ti­gung der Übel ins Auge.“ (Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches, 108)

Nun steht er da, der Christ, vor sei­nem Prüf­stein, und darf sich ob sei­ner Ver­feh­lun­gen auf die Brust schlagen:

„Es ist ein Kunst­griff des Chris­ten­tums, die völ­lige Unwür­dig­keit, Sünd­haf­tig­keit und Ver­ächt­lich­keit des Men­schen über­haupt so laut zu leh­ren, dass die Ver­ach­tung des Mit­men­schen dabei nicht mehr mög­lich ist. ‚Er mag sün­di­gen, wie er wolle, er unter­schei­det sich doch nicht wesent­lich von mir: Ich bin es, der in jedem Grade unwür­dig und ver­ächt­lich ist‘, so sagt sich der Christ. Aber auch die­ses Gefühl hat sei­nen spit­zigs­ten Sta­chel ver­lo­ren, weil der Christ nicht an seine indi­vi­du­elle Ver­ächt­lich­keit glaubt: er ist böse als Mensch über­haupt und beru­higt sich ein wenig bei dem Satze: wir alle sind einer Art.“ (Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches, 117)

Der Über­gang von der Selbst­er­nied­ri­gung zur Selbst­ge­rech­tig­keit des Chris­ten war Nietz­sche also geläu­fig. Er liegt im Bekennt­nis zur eige­nen Sünd­haf­tig­keit, mit dem sich Chris­ten auf dem rich­ti­gen Pfad wis­sen und sich über den Rest der Mensch­heit erhe­ben. Was für eine jäm­mer­li­che Figur er dabei abgibt, kann man wie­der bei Nietz­sche nach­le­sen. Der Wider­spruch vom Maß­stab eines anti­ma­te­ria­lis­ti­schen Jen­seits für ein Zurecht­kom­men mit dem unhei­li­gen Dies­seits gebiert den All­tag­schris­ten, des­sen Heu­che­lei Nietz­sche als eine sehr fol­ge­rich­tige, schon fast als sei­ner Kri­tik unwür­dige Dumm­heit ansah:

„Wenn das Chris­ten­tum mit sei­nen Sät­zen vom rächen­den Gotte, der all­ge­mei­nen Sünd­haf­tig­keit, der Gna­den­wahl und der Gefahr einer ewi­gen Ver­damm­nis recht hätte, so wäre es ein Zei­chen von Schwach­sinn und Cha­rak­ter­lo­sig­keit, nicht Pries­ter, Apos­tel oder Ein­sied­ler zu wer­den und mit Furcht und Zit­tern ein­zig am eige­nen Heile zu arbei­ten; es wäre unsin­nig, den ewi­gen Vor­teil gegen die zeit­li­che Bequem­lich­keit so aus dem Auge zu las­sen. Vor­aus­ge­setzt, dass über­haupt geglaubt wird, so ist der Alltags-​Christ eine erbärm­li­che Figur, ein Mensch, der wirk­lich nicht bis drei zäh­len kann, und der übri­gens, gerade wegen sei­ner geis­ti­gen Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit, es nicht ver­diente, so hart bestraft zu wer­den, wie das Chris­ten­tum ihm ver­heißt.“ (Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches, 116)

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Und weil er diese Tech­ni­ken der mora­li­schen Selbst­er­nied­ri­gung und gläu­bi­gen Selbst­ge­rech­tig­keit nicht lei­den konnte, kri­ti­sierte Nietz­sche auch die pro­fes­sio­nel­len Lob­hud­ler die­ser Tou­ren. An sei­nen phi­lo­so­phie­ren­den Kol­le­gen ent­deckte er das banale Bedürf­nis, die all­seits prak­ti­zierte Demuts­hal­tung durch gelehrte Phra­sen zu rechtfertigen.

„Was die Phi­lo­so­phen ‚Begrün­dung der Moral‘ nann­ten und von sich for­der­ten, war, im rech­ten Lichte gese­hen, nur eine gelehrte Form des guten Glau­bens an die herr­schende Moral, ein neues Mit­tel ihres Aus­drucks, also der Tat­be­stand selbst inner­halb einer bestimm­ten Mora­li­tät, ja sogar, im letz­ten Grunde, eine Art Leug­nung, dass diese Moral als Pro­blem gefasst wer­den dürfe – und jeden­falls das Gegen­stück einer Prü­fung, Zer­le­gung, Anzweif­lung, Vivi­sek­tion eben die­ses Glau­bens.“ (Jen­seits von Gut und Böse, 186)

Eine eigen­ar­tige Wis­sen­schaft, die die Moral zum Gegen­stand hat und sich die Ana­lyse ihres Gegen­stands ver­sagt, bloß weil sie auf die Moral nichts kom­men las­sen will. Dass sie sich dabei mords­mä­ßig ins Zeug legen und der Moral enorme Bedeu­tung zu ver­lei­hen suchen, fand Nietz­sche eher lächerlich:

„Alle Ethi­ken waren zeit­her bis zu dem Grade töricht und wider­na­tür­lich, dass an jeder von ihnen die Mensch­heit zugrunde gegan­gen sein würde, falls sie sich der Mensch­heit bemäch­tigt hätte.“ (Fröh­li­che Wis­sen­schaft, 1)

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Schön lang­sam frei­lich wäre die Frage fäl­lig gewe­sen, was ver­nünf­tige Wesen zu sol­chen Meis­ter­leis­tun­gen der Unver­nunft bringt, wieso Mora­lis­ten stets dop­pelt urtei­len, ihre Inter­es­sen nur unter dem Vor­be­halt höhe­rer Maß­stäbe gel­ten las­sen wol­len und diese wie­derum sehr selbst­be­wusst ihren eige­nen Inter­es­sen gemäß zur Anwen­dung brin­gen. Die Auf­lö­sung die­ser Frage hätte an dem Wider­spruch wei­ter­zu­den­ken, den Nietz­sche den mora­li­sie­ren­den Men­schen­kin­dern um die Ohren gehauen hat: Er hielt es für ernied­ri­gend und für eine Schande, dass sie für das eigene Dür­fen argu­men­tie­ren. Die­ser Wider­spruch ist in der Tat alles andere als selbst­ver­ständ­lich und auch nicht in der Men­schen­na­tur ange­legt. Er ent­springt einer Welt, in der eine recht­set­zende Gewalt die Ver­fol­gung von Pri­vat­in­ter­es­sen kon­zes­sio­niert; in der im staat­lich gesetz­ten Recht die Bedin­gun­gen for­mu­liert sind, die jedes Pri­vat­sub­jekt aner­ken­nen muss, will es sein Inter­esse betä­ti­gen; und in der des­we­gen die Frage des Dür­fens in allen Über­le­gun­gen prä­sent ist und die Leit­li­nie vor­gibt, nach der sich Inter­es­sen begrün­den. Wer sol­che Ver­hält­nisse als seine Hei­mat begreift, der legt sich mit dem Wil­len, mit ihnen zurecht­zu­kom­men, auch den ent­spre­chen­den Ver­stand zu: Er argu­men­tiert im Geist der Recht­fer­ti­gung und hand­habt selbst­be­wusst die Maß­stäbe des Dür­fens, als wären sie auf sei­nem eige­nen Mist gewach­sen. Wirk­li­ches Recht und ein­ge­bil­de­tes Recht gehen bei ihm nun end­gül­tig durch­ein­an­der, was aber nicht wei­ter von Bedeu­tung ist, weil er nach wie vor prak­tisch gezwun­gen ist, sich an ers­te­res zu hal­ten, und seine mora­li­schen Über­le­gun­gen nur die dazu­ge­setzte Selbst­täu­schung mit Inhalt fül­len, die Abhän­gig­kei­ten, denen er genü­gen muss, wür­den auf sei­ner Ein­sicht beru­hen und er würde in ihnen nur sei­ner Frei­heit nachgehen.

Solch eine Rück­füh­rung der Sphäre mora­li­scher Ein­bil­dun­gen auf den Boden der Tat­sa­chen ist dem Autor einer „Genea­lo­gie der Moral“ über­haupt nicht in den Sinn gekom­men. Im Gegen­satz zu sei­nen Befun­den über das merk­wür­dige Betra­gen sei­ner Zeit­ge­nos­sen bewegt sich seine Erklä­rung der Moral ganz inner­halb der Vor­stel­lungs­welt und Ein­bil­dun­gen, die das moral­phi­lo­so­phi­sche Men­schen­bild aus­ma­chen. Von wegen: „Jen­seits von Gut und Böse“!

II. Anti­mo­ral – Der Gegen­satz von Ver­nunft und Inter­esse umgekehrt

Wo die Moral­phi­lo­so­phie den Men­schen in ein Tier, das sei­nen nie­de­ren Trie­ben nach­geht, und ein Ver­nunft­we­sen, das zu Höhe­rem befä­higt ist, auf­spal­tet; wo ein Kant das „Ver­nunft­ge­setz“ auf­stellt, dass der Mensch „nicht aus Nei­gung, son­dern aus Pflicht“ han­deln solle; kurz: wo moral­phi­lo­so­phi­sche Lehr­meis­ter einen prin­zi­pi­el­len Gegen­satz von Ver­nunft und Inter­esse behaup­ten und mit gro­ßen Tönen als ihre Wahr­heit ver­kün­den – da tritt Nietz­sche mit fol­gen­dem Stand­punkt auf:

„Die Falsch­heit eines Urteils ist uns noch kein Ein­wand gegen ein Urteil: darin klingt unsre neue Spra­che viel­leicht am frem­des­ten. Die Frage ist, wie weit es leben­för­dernd, leben­er­hal­tend, Art-​erhaltend, viel­leicht gar Art-​züchtend ist; und wir sind grund­sätz­lich geneigt zu behaup­ten, dass die fal­sches­ten Urteile uns die unent­behr­lichs­ten sind. … Die Unwahr­heit als Lebens­be­din­gung zuge­ste­hen: das heißt frei­lich auf eine gefähr­li­che Weise den gewohn­ten Wert­ge­füh­len Wider­stand leis­ten; und eine Phi­lo­so­phie, die das wagt, stellt sich damit allein schon jen­seits von Gut und Böse.“ (Jen­seits von Gut und Böse, 4)

Wie kommt man eigent­lich dar­auf? Nietz­sches Frage: „Gesetzt wir wol­len Wahr­heit: warum nicht lie­ber Unwahr­heit? Und Unge­wiss­heit? Selbst Unwis­sen­heit?“ (Jen­seits, 1) ist näm­lich gar nicht so schwer zu beant­wor­ten: Wer über die Umstände, in denen er steht, nicht Bescheid weiß, der braucht gar nicht erst den Ver­such star­ten, sie sei­nem Inter­esse gemäß zu machen. Wem Unge­wiss­heit lie­ber ist, der kann sein Tun mit from­men Wün­schen beglei­ten, und sich dar­über wun­dern, warum sie immer nicht in Erfül­lung gehen. Und wer von fal­schen Vor­stel­lun­gen aus­geht, darf nach­her sei­nen Scha­den bilan­zie­ren. Nietz­sche scheint daran seine Zwei­fel zu haben. Er wirft die Frage auf, ob nicht die Wahr­heit lebens­feind­lich ist und viel­leicht des­we­gen das fal­scheste Urteil viel för­der­li­cher sein könnte. Woran er dabei denkt, ist die „Wahr­heit“, „von der alle Phi­lo­so­phen bis­her mit Ehr­er­bie­tung gere­det haben“; ihre „Wahr­heit“ ist regel­mä­ßig der Stand­punkt der mora­li­schen Pflicht, des Gering­schät­zens des Inter­es­ses und einer lebens­feind­li­chen Ein­stel­lung. Nietz­sche bezieht sich auf diese moral­phi­lo­so­phi­sche Gleich­set­zung von Wahr­heit und Lebens­feind­lich­keit und kommt zu dem Beschluss: ‚Wenn das Wahr­heit ist, dann bin ich gegen die Wahr­heit und für das Leben.‘ Und das ist ziem­lich unkri­tisch für einen, der sich schon mal lus­tig macht über das, was Phi­lo­so­phen mit ihrem Wahr­heits­pa­thos anpreisen:

„Was dazu reizt, auf alle Phi­lo­so­phen halb miss­trau­isch, halb spöt­tisch zu bli­cken, ist nicht, dass man hin und wie­der dahin­ter­kommt, wie unschul­dig sie sind – wie oft und wie leicht sie sich ver­grei­fen, kurz ihre Kin­de­rei und Kind­lich­keit – son­dern, dass es bei ihnen nicht red­lich genug zugeht: wäh­rend sie alle­samt einen gro­ßen und tugend­haf­ten Lärm machen, sobald das Pro­blem der Wahr­haf­tig­keit auch nur von ferne ange­rührt wird.“ (Jen­seits von Gut und Böse, 5)

Mit sei­nem Plä­do­yer für das Leben und gegen die Wahr­heit teilt Nietz­sche die moral­phi­lo­so­phi­sche Lüge, dass Wahr­heit und Leben, Ver­nunft und Inter­esse einen Gegen­satz bil­den. Er schlägt sich nur auf die andere Seite des ver­kehr­ten Gegen­sat­zes und das ist auch nicht viel schlauer:

„Der Mensch hat allzu lange seine natür­li­chen Hänge mit ‚bösem Blick‘ betrach­tet, so dass sie sich in ihm schließ­lich mit dem ‚schlech­ten Gewis­sen‘ ver­schwis­tert haben. Ein umge­kehr­ter Ver­such wäre an sich mög­lich – aber wer ist stark genug dazu? -, näm­lich die unna­tür­li­chen Hänge, alle jene Aspi­ra­tio­nen zum Jen­sei­ti­gen, Sin­nen­wid­ri­gen, Instinkt­wid­ri­gen, Natur­wid­ri­gen, Tier­wid­ri­gen, kurz die bis­he­ri­gen Ideale, die alle­samt lebens­feind­li­che Ideale, Weltverleumder-​Ideale sind, mit dem schlech­ten Gewis­sen zu ver­schwis­tern.“ (Genea­lo­gie, 24)

„Wir haben eine Kri­tik der mora­li­schen Werte nötig, der Wert die­ser Werte ist erst ein­mal in Frage zu stel­len – … Man nahm den Wert die­ser ‚Werte‘ als gege­ben, als tat­säch­lich, als jen­seits aller In-​Frage-​Stellung; man hat bis­her auch nicht im ent­fern­tes­ten daran gezwei­felt und geschwankt, ‚den Guten‘ für höher­wer­tig als ‚den Bösen‘ anzu­set­zen, höher­wer­tig im Sinne der För­de­rung, Nütz­lich­keit, Gedeih­lich­keit in Hin­sicht auf den Men­schen über­haupt. Wie? Wenn das Umge­kehrte die Wahr­heit wäre? Wie? Wenn im ‚Guten‘ auch ein Rück­gangs­sym­ptom läge, ins glei­chen eine Gefahr, eine Ver­füh­rung, ein Gift? … So dass gerade die Moral daran schuld wäre, wenn eine an sich mög­li­che, höchste Mäch­tig­keit und Pracht des Typus Mensch nie­mals erreicht würde?“ (Genea­lo­gie der Moral, Vor­rede 6)

Das soll also das Gegen­stück zum Anti­ma­te­ria­lis­mus der Moral­phi­lo­so­phie sein? Mit sei­ner „Umwer­tung aller Werte“ bleibt Nietz­sche mit­ten­drin im mora­li­schen Men­schen­bild. Er votiert für das Tie­ri­sche, Böse im Men­schen und damit für jene erfun­de­nen Eigen­schaf­ten, die Moral­phi­lo­so­phen dem Men­schen anhän­gen, um dar­aus die Not­wen­dig­keit ihrer sitt­li­chen Impe­ra­tive „abzu­lei­ten“. Beim Guten will er durch­schaut haben, dass es der Sphäre ver­lo­ge­ner Idea­li­sie­run­gen ange­hört, aber das Böse, das bloße Abzieh­bild davon, hält er für die wirk­li­che Natur des Men­schen, die man bes­ser nicht unter­drü­cken soll. Und am Ende nimmt er der Moral­phi­lo­so­phie sogar noch ab, dass die­ser Geis­ter­kampf zwi­schen der Moral und dem Bösen auch noch die Wel­t­en­läufte und das Geschick der Mensch­heit bestimmt! Dabei ist das Böse eben­so­we­nig wirk­lich wie das Gute. Das Prä­di­kat böse zieht man sich zu, wenn man gegen all­ge­mein aner­kannte Maß­stäbe ver­stößt. Aber das ist keine Beur­tei­lung eines Inter­es­ses, son­dern eine Ver­ur­tei­lung: es gehört sich nicht. Es wird also ein Ver­gleich ange­stellt mit einem Maß­stab, der gel­ten soll, aber nicht gilt, und die Abwei­chung davon wird dem „bösen“ Wil­len als Absicht unter­stellt. Dabei gesche­hen noch nicht ein­mal Ver­bre­chen gesche­hen aus dem Motiv, gegen das Recht zu ver­sto­ßen. Und wo sie den­noch so beur­teilt wer­den, da ist ein Rechts­fa­na­tis­mus am Werk, der über­haupt kein ande­res Kri­te­rium der Beur­tei­lung mehr kennt, als die Gel­tung des Rechts. Und Nietz­sche will aus­ge­rech­net diese Aus­ge­burt des mora­li­schen Ver­fol­gungs­wahns wahr machen. Das mag mora­lin­saure Gemü­ter scho­ckie­ren, mit ihren eige­nen Phan­ta­sie­ge­bil­den kon­fron­tiert zu wer­den, aber mit Mate­ria­lis­mus ist diese Anti­mo­ral Nietz­sches auch nicht zu ver­wech­seln. Die Figu­ren, die er sich aus­malt und zu sei­nem Ideal kürt, sind sehr absichts­voll den gän­gi­gen mora­li­schen Vor­stel­lun­gen dar­über nach­ge­zeich­net, was kate­go­risch ver­bo­ten gehört. Ihr Tun zeugt nicht gerade davon, dass der Irra­tio­na­lis­mus des Bösen die Kri­tik an der Inter­es­sens­feind­lich­keit der Moral ist; mehr als die Spießer-​Vorstellung vom Einmal-​so-​richtig-​die-​Sau-​rauslassen fällt Nietz­sche auch nicht als Alter­na­tive zur Moral ein:

„… Sie tre­ten in die Unschuld des Raubtier-​Gewissens zurück, als froh­lo­ckende Unge­heuer, wel­che viel­leicht von einer scheuß­li­chen Abfolge von Mord, Nie­der­bren­nung, Schän­di­gung, Fol­te­rung mit einem Über­mute und see­li­schen Gleich­ge­wichte davon­ge­hen, wie als ob nur ein Stu­den­ten­streich voll­bracht sei, über­zeugt davon, dass die Dich­ter für lange nun wie­der etwas zu sin­gen und zu rüh­men haben. Auf dem Grunde aller die­ser vor­neh­men Ras­sen ist das Raub­tier, die pracht­volle nach Beute und Sieg lüs­tern schwei­fende blonde Bes­tie nicht zu ver­ken­nen; … Diese ‚Kühn­heit‘ vor­neh­mer Ras­sen, toll, absurd, plötz­lich, wie sie sich äußert, das Unbe­re­chen­bare, das Unwahr­schein­li­che selbst ihrer Unter­neh­mun­gen, ihre Gleich­gül­tig­keit und Ver­ach­tung gegen Sitt­lich­keit, Leib, Leben, Beha­gen, ihre ent­setz­li­che Hei­ter­keit und Tiefe der Lust in allem Zer­stö­ren, in allen Wol­lüs­ten des Siegs und der Grau­sam­keit …“. (Genea­lo­gie, 11)

Exkurs: Nietz­sche und Hit­ler – ein absur­der Vergleich

Die Geschichte mit der „blon­den Bes­tie“, sein Schwel­gen in der Vor­stel­lung vom zur vol­len Pracht gebrach­ten „Her­ren­men­schen“, seine Ver­ach­tung für die Juden, von deren Moral er die Welt zugrunde gerich­tet sah – „Alles ver­jü­delt oder ver­christ­licht oder ver­pö­belt sich zuse­hends.“ (Genea­lo­gie, 192) – all das hat Nietz­sche den Vor­wurf ein­ge­tra­gen oder ihn min­des­tens in den Ver­dacht gebracht, so etwas wie ein geis­ti­ger Vor­fahre Hit­lers gewe­sen zu sein: „Den­ker Nietz­sche – Täter Hit­ler“ ward ein­mal im Spie­gel zu lesen. Die­ser Ver­gleich ist nach bei­den Sei­ten hin absurd. Weder wäre Nietz­sche für ein Staats­pro­gramm zu begeis­tern gewe­sen, das von den Volks­ge­nos­sen die totale Unter­ord­nung ver­langt und für diese For­de­rung mit dem Lob sämt­li­cher mora­li­scher Knecht­stu­gen­den Pro­pa­ganda gemacht hat. Noch war Hit­ler für eine Phi­lo­so­phie zu haben, die das los­ge­las­sene Indi­vi­duum pre­digt und sein Recht, auf alles zu pfei­fen, was der Gemein­sinn für hei­lig erklärt. Aber bitte, wenn er sein soll, der Ver­gleich, – nach­le­sen, was bei Hit­ler steht über den Herrenmenschen:

„Der Arier ist nicht in sei­nen geis­ti­gen Eigen­schaf­ten an sich am größ­ten, son­dern in dem Aus­maß der Bereit­wil­lig­keit, alle Fähig­kei­ten in den Dienst der Gemein­schaft zu stel­len. Der Selbst­er­hal­tungs­trieb hat bei ihm die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamt­heit wil­lig unter­ord­net und, wenn die Stunde es erfor­dert, auch zum Opfer bringt … In der Hin­gabe des eige­nen Lebens für die Exis­tenz der Gemein­schaft liegt die Krö­nung allen Opfer­sinns.“ (A. Hit­ler, Mein Kampf, S. 326 f)

Die Ide­al­fi­gur, die Hit­ler zum Her­ren­men­schen sti­li­siert, ist der totale Unter­tan, der bis zum Ein­satz sei­nes Lebens im Dienst am Staat auf­geht, dem dafür nichts ver­spro­chen wer­den muss, weil er die Rück­sichts­lo­sig­keit gegen sich selbst als sei­nen Lebens­sinn auf­fasst, ein nütz­li­cher Voll­idiot, der sich wahr­schein­lich auch noch dar­über freut, wenn ihm sein Füh­rer das Lob aus­spricht, dass man mit ihm wirk­lich alles anstel­len kann, und ihm dafür gerne den Man­gel an geis­ti­ger Größe ver­zeiht. Dass Hit­ler mit sei­nem Hel­den­ge­mälde sich auch nur im Min­des­ten in einen Gegen­satz begibt zu den jeder­mann geläu­fi­gen mora­li­schen Idea­len, kann man ihm nicht vor­wer­fen – die Tugend der Selbst­lo­sig­keit, der Wert der Gemein­schaft, von der man nichts hat, und die Ein­sicht in den Zusam­men­hang von edlem Cha­rak­ter und der Bereit­schaft zum Opfer kom­men aus­gie­big zum Zug. Auch dass er in sei­nen Taten nicht gehal­ten hat, was er mit der Kund­gabe sei­ner mora­li­schen Absich­ten ver­spro­chen hat, ist nicht wahr­schein­lich – bei den Ver­spre­chun­gen! Also von wegen: „Unmo­ral“ des Drit­ten Rei­ches und sei­nes Füh­rers! Eher schon lässt sich an Doku­men­ten aus die­ser Zeit stu­die­ren, was sich mit mora­li­schen Idea­len alles „begrün­den“ lässt. Wenn Hit­ler den­noch aus­ge­rech­net in den Ver­dacht gerät, die mora­li­schen Werte ver­ra­ten zu haben, so kann man dar­aus getrost die Lehre zie­hen, dass ein mora­li­sches Recht ziem­lich genau ebenso weit reicht, wie der Erfolg der Sache, den die­ses Recht über­höht; und den ver­geigt zu haben, ist die ein­zige, für Natio­na­lis­ten aller­dings unver­zeih­li­che mora­li­sche Fehl­leis­tung Hitlers.

Doch was hat das alles mit Nietz­sche zu tun? Ers­tens: null! Zwei­tens kann man dem Tot­schlä­ger­ar­gu­ment „Wie Hit­ler!“ ent­neh­men, zu wel­cher Radi­ka­li­tät brave Mora­lis­ten fähig sind, wenn jemand ihre Moral anpin­kelt. Drit­tens ist es eine ganz andere Sache, zu erklä­ren, was Nietz­sche zu sei­nen ras­sis­ti­schen Aus­fäl­len bewo­gen hat. Wie jeder, der sich mit sei­nen Ansprü­chen an den Rest der Mensch­heit enorm im Recht weiß – „Recht“ groß­ge­schrie­ben -, und des­we­gen davon aus­geht, dass sich jeder­mann nach die­sen Ansprü­chen rich­ten muss, ver­fer­tigt auch Nietz­sche aus die­sem Recht seine Lehre von der Men­schen­na­tur. Wo die als Argu­ment auf­tritt, ist sie alle­mal defi­niert durch die Ansprü­che, die einer hat und in sie hin­ein­legt. Und ste­hen mit den auf diese Weise dedu­zier­ten Eigen­schaf­ten „des Men­schen“ erst mal seine Fähig­kei­ten fest, die­sen Ansprü­chen auch nach­zu­kom­men, so ist die sich anschlie­ßende Sor­tie­rung der Mensch­heit nach die­sem Kri­te­rium in mehr mensch­li­che Art­ge­nos­sen und in sol­che, die eher unter das Ver­dikt unmensch­lich und men­schen­un­wür­dig fal­len, nur kon­se­quent und die Emp­feh­lung eines ent­spre­chen­den Umgangs mit ihnen gera­dezu unaus­weich­lich. Die Recht­fer­ti­gung davon ist schließ­lich der ganze Inhalt des Argu­men­tie­rens mit der Natur des Menschen.

Es ist schon arm­se­lig, den Ras­sis­mus nicht an die­ser sei­ner Argu­men­ta­ti­ons­weise fest­zu­ma­chen, son­dern ihn am Gebrauch von Voka­beln wie „Rasse“, „Jude“ usf. ent­lar­ven zu wol­len – gerade so als wären die Ras­sen selbst und nicht der recht­fer­ti­gende Umgang mit ihnen Pro­dukt des Ras­sis­mus -, und ihn dann prompt nicht mehr wie­der­ent­de­cken zu kön­nen, wenn ein Moral­phi­lo­soph oder ein Bun­des­prä­si­dent von heute die Men­schen­na­tur bemüht.

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So ist also nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass auch bei Nietz­sche das eigent­lich Ras­sis­ti­sche über­haupt nicht in Ver­ruf gera­ten ist. Der kom­pro­miss­lose Kri­ti­ker der Cha­rak­ter­lo­sig­keit von Chris­ten und Mora­lis­ten argu­men­tiert immer­hin sehr unbe­fan­gen mit dem Men­schen­bild bie­de­rer Moral­phi­lo­so­phen. Die sehen des Men­schen Natur bestimmt durch einen Kon­flikt zwi­schen dem heh­ren mora­li­schen Sol­len und den lei­di­gen Nei­gun­gen, die die­sem Sol­len immer in die Quere kom­men. So auch Nietz­sche, der eben die­sen Kon­flikt mit umge­kehr­tem Vor­zei­chen versieht.

III. Psy­cho­lo­gie der Moral – Alles eine Frage des Selbstbewusstseins

Damit jedoch spielt sich alles, was Nietz­sche zur Kennt­nis nimmt, was er kri­ti­siert und was er als fäl­lige Kor­rek­tu­ren vor­schlägt, auf der Ebene des Selbst­be­wusst­seins, der idea­li­sie­ren­den Bil­der ab, die sich die Mensch­heit von ihrem wirk­li­chen Trei­ben macht. Wenn Nietz­sche über die Fabrik­ar­beit redet, so kommt dabei durch­aus vor, dass da Leute aus­ge­nutzt wer­den, dass ihnen das nicht gut bekommt – aber das ist für ihn das Unin­ter­es­san­teste; was er daran kri­ti­siert, ist die Cha­rak­ter­lo­sig­keit, mit der sich die Aus­ge­nutz­ten ihren Scha­den in eine Tugend umlü­gen. Wenn er auf den Staat zu spre­chen kommt, so kom­men die Zwe­cke und Mit­tel die­ser obers­ten Gewalt gar nicht erst vor – dass er eine Schande ist für so geist­rei­che Leute, wie Nietz­sche einer ist, lau­tet der Ein­wand. Und bei der Ehe kom­men ihm auch nur die ziem­lich vul­gä­ren Bil­der von Mann und Frau in den Sinn, nach denen der starke Beschüt­zer Haus und Fami­lie behü­tet und ein zar­tes Wesen nach Unter­ord­nung ruft.

Er erklärt sich alles psy­cho­lo­gisch: Wenn einer nichts zählt im wirk­li­chen Leben, dann kommt das daher, dass er sich dazu ernied­rigt hat und des­we­gen eigent­lich auch nichts Bes­se­res ver­dient hat. Wer hin­ge­gen etwas her­macht, beweist damit seine Durch­set­zungs­kraft und hat Cha­rak­ter. In bei­den Fäl­len gerät ihm die ver­lo­gene Selbst­recht­fer­ti­gung, die nach­ge­reichte idea­lis­ti­sche Deu­tung von Miss­er­folg und Erfolg zum wirk­li­chen Grund dafür, wie sich ein Indi­vi­duum durch­zu­set­zen in der Lage ist. Die bei­den Eck­punkte sei­ner psy­cho­lo­gi­schen Theo­rie sind haar­ge­nau die­sel­ben wie in der Moral­phi­lo­so­phie: Was hier natür­li­che Selbst­sucht heißt, die durch die Tugend beschränkt wer­den soll, ist bei Nietz­sche „der Wille zur Macht“, der dar­auf zu ach­ten hat, dass er sich nicht durch die Fall­stri­cke mora­li­scher Anma­che behin­dern lässt. Die Erklä­rungs­kraft die­ser Theo­rie ist nicht über­mä­ßig. Sie erschöpft sich in der tau­to­lo­gi­schen Aus­kunft, dass ein Selbst solange nicht zum Zug kommt, solange es sich ver­leug­net, und Nietz­sche fin­det letz­te­res mensch­lich der­art ver­ständ­lich, dass er sich die Über­win­dung der Tou­ren mora­li­scher Selbst­ver­leug­nung nur als Akt einer außer­or­dent­li­chen Wil­lens­an­stren­gung vor­stel­len kann, zu dem nur die weni­gen star­ken Gemü­ter, nicht aber die Masse der Schwa­chen fähig sind. So sehr hängt Nietz­sche an der Moral. Und so wenig taugt seine Kri­tik an der Moral.

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Sein kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv lau­tet: „Mehr Rück­grat, Leute!“, er ver­langt Ehr­lich­keit und einen Wil­len, der sich sei­ner nicht schämt, son­dern zu dem steht, was er sich vor­ge­nom­men hat:

„Wäh­rend der vor­nehme Mensch vor sich selbst mit Ver­trauen und Offen­heit lebt, so ist der Mensch des Res­sen­ti­ments weder auf­rich­tig, noch naiv, noch mit sich sel­ber ehr­lich und gera­dezu.“ (Genea­lo­gie, 194)

Nietz­sche ver­ab­schie­det sich nicht vom Geist der Recht­fer­ti­gung mit sei­nem dop­pel­ten Maß­stab des Wol­lens und Dür­fens, des­sen Ver­lo­gen­heit ihm so unan­ge­nehm auf­ge­fal­len war. Sein „vor­neh­mer Mensch“ ver­kör­pert lau­ter Ideale, die dem Recht­fer­ti­gungs­ge­dan­ken selbst ange­hö­ren: Die Heu­che­leien der Moral wol­len schließ­lich geglaubt wer­den; Auf­rich­tig­keit und Ehr­lich­keit sind also ihre ver­lo­ge­nen Ideale. In deren Namen fängt Nietz­sche das Recht­fer­ti­gen an: Wer offen her­aus­sagt, was er will, und dazu steht, der darf:

„… das sou­ve­räne Indi­vi­duum, das nur sich selbst glei­che, das von der Sitt­lich­keit der Sitte wie­der los­ge­kom­mene, das auto­nome über­sitt­li­che Indi­vi­duum (denn ‚auto­nom‘ und ‚sitt­lich‘ schließt sich aus), kurz den Men­schen des eige­nen unab­hän­gig lan­gen Wil­lens, der ver­spre­chen darf – und in ihm ein stol­zes, in allen Mus­keln zucken­des Bewusst­sein davon, was da end­lich errun­gen und in ihm leib­haft gewor­den ist, ein eigent­li­ches Macht– und Freiheits-​Bewusstsein, ein Vollendungs-​Gefühl des Men­schen über­haupt. Die­ser Frei­ge­wor­dene, der wirk­lich ver­spre­chen darf, die­ser Herr des freien Wil­lens, die­ser Sou­ve­rän – wie sollte er es nicht wis­sen, wel­che Über­le­gen­heit er damit vor allem vor­aus­hat, was nicht ver­spre­chen und für sich selbst gut­sa­gen darf, wie viel Ver­trauen, wie viel Furcht, wie viel Ehr­furcht er erweckt – er ‚ver­dient‘ alles dreies – und wie ihm, mit die­ser Herr­schaft über sich auch die Herr­schaft über die Umstände, über die Natur und alle wil­lens­kür­ze­ren und unzu­ver­läs­si­ge­ren Krea­tu­ren not­wen­dig in die Hand gege­ben ist?“(Genealogie, 208)

Diese Umkeh­rung des dop­pel­ten Maß­stabs – nicht das Dür­fen soll das Wol­len recht­fer­ti­gen, son­dern das Wol­len das Dür­fen – ist eine sel­ten däm­li­che Alter­na­tive zur gän­gi­gen Moral, die Nietz­sche nicht passt. Schließ­lich ist seine Maxime „Ich darf, weil ich will“ nichts als die Wei­ge­rung, die Ver­nünf­tig­keit eines Wil­lens und die Zweck­mä­ßig­keit sei­nes Tuns zu prü­fen. So ist jeder Unsinn erlaubt, wenn er nur gewollt wird, und jeder Scha­den geht in Ord­nung, wenn sich „das sou­ve­räne Indi­vi­duum“ dazu ent­schlos­sen hat. Vom Irra­tio­na­lis­mus des Bösen, mit dem Nietz­sche die Mensch­heit aus ihrer mora­li­schen Befan­gen­heit schre­cken wollte, war bereits die Rede. Aber was macht sein vor­neh­mer, von den „Ket­ten“ der Moral end­lich befrei­ter Mensch, wenn er seine Vor­nehm­heit und Frei­heit aus­lebt? Er wählt sich – Pflichten:

„Zei­chen der Vor­nehm­heit: nie daran den­ken, unsere Pflich­ten zu Pflich­ten für jeder­mann her­ab­zu­set­zen; die eigene Ver­ant­wort­lich­keit nicht abge­ben wol­len, nicht tei­len wol­len; seine Vor­rechte und deren Aus­übung unter seine Pflich­ten rech­nen.“ (Jen­seits von Gut und Böse, 272)

Das­selbe, was beim Mora­lis­ten für des­sen Men­schen­un­wür­dig­keit gespro­chen haben soll, seine Unter­tä­nig­keit, sein sich Ducken unter Pflich­ten, zeich­net den Men­schen aus, wenn er es als sein frei gewähl­tes Pri­vi­leg „begreift“. Und wo eben noch das Mit­leid als gera­dezu ekel­er­re­gende Unart zwi­schen­mensch­li­chen Umgangs gegei­ßelt wurde, da gilt das Mit­leid nun als Zei­chen eines edlen Charakters:

„Ein Mann sagt: ‚das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es schüt­zen und gegen jeder­mann ver­tei­di­gen‘; ein Mann, der eine Sache füh­ren, einen Ent­schluss durch­füh­ren, einem Gedan­ken Treue wah­ren, ein Weib fest­hal­ten, einen Ver­we­ge­nen stra­fen und nie­der­wer­fen kann; ein Mann, der sei­nen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwa­chen, Lei­den­den, Bedräng­ten, auch die Tiere gern zufal­len und von Natur zuge­hö­ren, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist … wenn ein sol­cher Mann Mit­lei­den hat, nun! dies Mit­lei­den hat Wert! Aber was liegt am Mit­lei­den derer, wel­che lei­den! Oder derer, wel­che gar Mit­lei­den pre­di­gen!“ (Jen­seits von Gut und Böse, 293)

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Der Unter­schied zum gewöhn­li­chen Mora­lis­ten, auf den Nietz­sche so viel Wert legt, dass er sich gar kei­nen grö­ße­ren Gegen­satz vor­stel­len kann, liegt also gar nicht in einer Absage an den Inhalt der Moral, an die Pflich­ten und Vor­schrif­ten, denen sich der Mensch unter­ord­nen soll. Er liegt viel­mehr in dem Selbst­be­wusst­sein, mit dem die Pflich­ten aner­kannt wer­den und die Unter­ord­nung statt­fin­det. Und selbst die­ser Unter­schied exis­tiert nur in Nietz­sches Ein­bil­dung – aber für die ist er ja auch gemacht:

IV. Ein­bil­dung für Eingebildete

Es ist näm­lich nicht so, dass nur Herr Nietz­sche und sein „sou­ve­rä­nes Indi­vi­duum“ zu die­sem Akt der Frei­heit fähig wären. Noch der ver­staub­teste Moral­phi­lo­soph preist nicht die Knech­tung der Mensch­heit an, son­dern die Frei­heit des Wil­lens, in der er die Fähig­keit sieht, Pflich­ten anzu­er­ken­nen und sich ihnen unter­zu­ord­nen. Und noch nicht ein­mal stu­diert muss man haben, um sich mit dem Bewusst­sein der Frei­heit in seine Pflicht zu fügen. Der Witz an der Selbst­ver­leug­nung und Selbst­er­nied­ri­gung, die Nietz­sche an den Chris­ten und Mora­lis­ten so wenig lei­den konnte, besteht gerade in dem „Selbst-​“. Das mora­li­sche Indi­vi­duum geht gerade nicht auf in der prak­ti­schen Unter­ord­nung unter die Sach­zwänge des Geld­ver­die­nens und die Gewalt des Rechts. Es leis­tet sich eine Inter­pre­ta­tion sei­ner Unter­ord­nung, legt sich für alles, was es tun muss, gute Gründe zurecht und ver­fügt so über ein Welt­bild, in dem alles, was ihm begeg­net, den Anschein erweckt, als würde es auf sei­ner Ein­sicht beru­hen. An sei­ner Lage ändert das gar nichts; in sei­ner Ein­bil­dung spielt er jedoch den Herrn sei­ner Lage. Dass es sich bei der Moral um ein Bewusst­sein der Abhän­gig­keit han­delt, ist dem Inhalt die­ser Ein­bil­dun­gen durch­aus zu ent­neh­men – daher der dop­pelte Maß­stab von Wol­len und Dür­fen; aber sie ist ein ver­kehr­tes Bewusst­sein die­ser Abhän­gig­keit, in dem sich die abhän­gige Varia­ble als Sou­ve­rän über seine Abhän­gig­keit fin­giert: Es selbst ent­schei­det über Dür­fen und Nicht-​Dürfen, lässt sich von nie­man­dem etwas vor­schrei­ben, außer sei­ner freien Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit und lässt sich nicht beu­gen, son­dern weiß eine ganze Latte höhe­rer Werte auf­zu­zäh­len, vor denen es sich ernied­rigt. Diese Dumm­heit macht das Bewusst­sein sei­ner Frei­heit aus und aus­ge­rech­net die hält Nietz­sche der Ver­lo­gen­heit der Moral entgegen:

„Das stolze Wis­sen um das außer­or­dent­li­che Pri­vi­le­gium der Ver­ant­wort­lich­keit, das Bewusst­sein die­ser sel­te­nen Frei­heit, die­ser Macht über sich und das Geschick …“ (Genea­lo­gie, 209)

Ein Unter­schied ist bei alle­dem doch nicht zu über­se­hen. So groß­kot­zig, aris­to­kra­tisch und eli­tär, wie Nietz­sche es tut, traut sich so schnell nie­mand mit die­ser Dumm­heit anzu­ge­ben. Das liegt aller­dings nicht am Argu­ment, son­dern daran, dass sich „die Masse“ mit die­ser Ange­be­rei bla­mie­ren würde. Auch hier ent­schei­det sich eini­ges am Erfolg und an der wirk­li­chen Stel­lung im Leben. Die dazu gehö­ren­den Einstel­lun­gen – ob einer mehr auf Mit­leid und Gna­den­ge­such macht oder ein ande­rer seine Durch­set­zungs­kraft beschwört – geschmack­lich bewer­ten zu kön­nen, gehört des­we­gen zu den nie­ders­ten Instink­ten, über die bür­ger­li­che Indi­vi­duen verfügen.