Pla­ton

Von der Kin­der­stube des Den­kens ins Alten­heim der moder­nen Philosophie

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1989.

Pla­ton

Von der Kin­der­stube des Den­kens ins Alten­heim der moder­nen Philosophie

„Pla­ton ist eins von den welt­his­to­ri­schen Indi­vi­duen, seine Phi­lo­so­phie eine von den welt­his­to­ri­schen Exis­ten­zen, die von ihrer Ent­ste­hung an auf alle fol­gen­den Zei­ten für die Bil­dung und Ent­wick­lung des Geis­tes den bedeu­tends­ten Ein­fluss gehabt haben.“ (Hegel) – „Unsere heu­tige Spra­che und Welt­auf­fas­sung sind durch­gän­gig von den Ergeb­nis­sen der anti­ken Wis­sen­schaft durch­setzt.“ (Win­del­band) – „Ich würde sagen, es ist die tref­fendste Cha­rak­te­ri­sie­rung der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tion Euro­pas, dass sie aus einer Reihe von Fuß­no­ten zu Pla­ton besteht.“ (Whitehead) –

Vor­sicht, beim Loben und Ver­eh­ren der Tra­di­tion! Viel­leicht ist es gar nicht so vor­teil­haft, her­aus­zu­po­sau­nen, dass man seit 2500 Jah­ren im Prin­zip nichts dazu­ge­lernt haben will. Zumal auch noch gar nicht fest­steht, was der alte Grie­che über­haupt gewusst und gekonnt hat und – das ist nicht das­selbe! – was die Ein­sich­ten tau­gen, die die Moder­nen von ihm bezo­gen haben wol­len. Eine nüch­terne Prü­fung ist offen­bar ein Ver­stoß wider die guten Sit­ten, wenn ein Fach sich dazu ent­schlos­sen hat, seine Tra­di­tion wie einen Schatz zu hüten – „Eins der schöns­ten Geschenke, wel­che uns das Schick­sal aus dem Alter­tum auf­be­wahrt, sind ohne Zwei­fel die Pla­to­ni­schen Werke.“ – und sich ob die­ser hohen Ver­ant­wor­tung gar nicht lächer­lich vor­kommt, lau­ter War­nun­gen aus­zu­sto­ßen, der Glanz des Juwels könne ver­blas­sen, wenn ein unbe­fan­ge­ner Ver­stand einen prü­fen­den Blick dar­auf wirft. Ist es eigent­lich schade um ein Stück Lite­ra­tur, wenn es dabei kaputtgeht?

Doch diese Gefahr besteht bei Phi­lo­so­phen nicht. Noch in jedem Lek­tü­re­kurs ist der Seuf­zer prä­sent: „Man müsste ihn im grie­chi­schen Ori­gi­nal lesen (kön­nen)!“ Denn die Sub­stanz­ver­luste beim Über­set­zen sol­len enorm sein. Worin diese Sub­stanz besteht und was an ihr durch die eher harm­lose Pro­ze­dur der Über­tra­gung in eine andere Spra­che ver­lo­ren­ge­hen soll, das braucht dabei nie­mand ange­ben zu kön­nen. Es geht viel­mehr darum, sich vorab schon mal für unfä­hig zu erklä­ren, den Gehalt eines Tex­tes hin­rei­chend zu erfas­sen. Mit die­ser Pose wird bedeu­tet, dass jeden­falls mehr in und hin­ter einem Text steckt, als er je her­gibt. Die­ses all­ge­meine Grund­dogma des Inter­pre­tie­rens hat Pla­ton – Exper­ten zu dem Ein­fall beflü­gelt, bei Pla­ton eine exo­te­ri­sche und eine eso­te­ri­sche Phi­lo­so­phie zu unter­schei­den: exo­te­risch, das sind seine Schrif­ten, das, was Pla­ton auf­ge­schrie­ben hat und was von ihm über­lie­fert ist – das aber soll gerade nicht seine eigent­li­che Phi­lo­so­phie sein. Das Eigent­li­che, Eso­te­ri­sche – man fragt sich schon, worin das noch beste­hen soll – ist dann das, was er nicht auf­ge­schrie­ben hat! Es ist, als woll­ten sie sagen, dass sie Pla­ton viel mehr ver­eh­ren, als er wegen sei­ner Schrif­ten verdient.

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„Mit Pla­ton beginnt die Wis­sen­schaft.“ Das mag schon sein. Bloß, wieso kommt die­ses ver­brei­tete Urteil als Lob daher? Schließ­lich sind nicht gleich groß­ar­tige, heute noch bahn­bre­chende Erkennt­nisse zu erwar­ten, wenn ein Geist, der bis dahin damit befasst war, sich eine mytho­lo­gi­sche Göt­ter­welt aus­zu­ma­len, sich erst­mals im Urtei­len übt. Eher schon liegt der Ver­gleich mit dem kind­li­chen Gemüt nahe, das sich auch nicht gleich mit druck­rei­fen Gedan­ken zu Wort mel­det, wenn es sich von den Ein­fäl­len sei­ner Phan­ta­sie emanzipiert.

I. Pla­ton und die Wissenschaft

In allen Dia­lo­gen lässt Pla­ton seine Figu­ren Defi­ni­tio­nen suchen. Die Schiffs­bau­kunst nimmt in die­ser Hin­sicht ebenso viel Raum ein wie die Frage, was den Men­schen vom Tier unter­schei­det; die Frage, was ein Staats­mann ist, ist genauso inter­es­sant wie die, worin sich Schein und Sein unter­schei­den; und das Gute, Schöne und Wahre darf natür­lich auch nicht feh­len. Und in allen die­sen Fäl­len wird erst ein­mal an der Frage her­um­ge­dok­tert, was über­haupt eine Defi­ni­tion ist. Woran ist man eigent­lich, wenn Sokra­tes sei­nen Spezi Theai­te­tos, der die Frage, was Erkennt­nis ist, mit einer Auf­zäh­lung beant­wor­ten wollte (Erkennt­nisse gibt es in der Mess­kunst, in der Schuh­ma­cher­kunst usf.), wie folgt schulmeistert?

„Das Gefragte aber war nicht die­ses, wovon es Erkennt­nis gäbe, noch auch, wie­vie­ler­lei sie wäre. Denn wir frag­ten nicht in der Absicht, sie auf­zu­zäh­len, son­dern um die Erkennt­nis selbst zu begrei­fen, was sie wohl sein mag.“

Oder wenn im Phai­don – ums Schöne geht es in die­sem Dia­log – die schö­nen Worte fal­len, „dass ver­möge des Schö­nen alle schö­nen Dinge schön wer­den.“ Na schön, tau­to­lo­gi­scher kann die Ant­wort auf die Frage, was schöne Dinge aus­zeich­net, nun wirk­lich nicht aus­fal­len. Wei­ter hat es Pla­ton offen­bar noch nicht gebracht als zu dem Bedürf­nis, dass es beim Erken­nen um die Bestim­mung der all­ge­mei­nen Natur einer Sache gehen soll. So hat er sich mit sei­nen Defi­ni­tio­nen schon bei sei­nen Zeit­ge­nos­sen bla­miert. Da mühen sich die Gesprächs­part­ner im Poli­ti­kos bei­spiels­weise red­lich, die Frage zu beant­wor­ten, was der Mensch ist, und sie lan­den schließ­lich und zur Zufrie­den­heit aller bei der Auf­fas­sung, dass der Mensch „ein nicht­ge­fie­der­tes, zwei­bei­ni­ges Lebe­we­sen“ ist. Gesucht hat er nach einem Unter­schied zu den ande­ren Tie­ren. Und ein­ge­han­delt hat er sich ein gerupf­tes Huhn, das der Spaß­vo­gel Dio­ge­nes den Anhän­gern Pla­tons über die Mau­ern der Aka­de­mie gewor­fen hat. Und das ist noch einer der bes­se­ren Fälle, in denen ein Dia­log über­haupt mit einem posi­ti­ven Ergeb­nis endet. In den meis­ten Fäl­len schei­tert näm­lich die Bemü­hung, was bekannt­lich dem alten Sokra­tes sei­nen Ruf als gro­ßen Phi­lo­so­phen ein­ge­bracht hat.

Die Anfangs­gründe des Urtei­lens zeich­nen sich durch alle Anzei­chen theo­re­ti­scher Hilf­lo­sig­keit aus. Wenn einer schon wegen sei­ner Gleich­nisse berühmt ist! Als ob man die­ser Denk­tech­nik nicht den Man­gel an theo­re­ti­scher Bestim­mung ent­neh­men könnte! Kaum ist ein Urteil ver­langt, wird die Phan­ta­sie bemüht, um das feh­lende Prä­di­kat durch den Appell an eine andere Vor­stel­lung zu erset­zen. Was drückt es denn aus, das famose Höh­len­gleich­nis? Die unmit­tel­bare Anschau­ung habe es mit den Schat­ten der Dinge zu tun und nicht mit den Din­gen selbst. Um das, was die Dinge sel­ber sind, zu erfas­sen, müsse man ihre Idee, ihre all­ge­meine Natur erken­nen. Anschauen und Erken­nen sol­len also zwei Paar Stie­fel sein. Gerade des­we­gen aber ist es blöde, das Erken­nen auch wie­der in ein Bild zu packen, das es mit dem Anschauen gleich­setzt: Beim Erken­nen schauen wir nicht die Schat­ten an, son­dern die Dinge sel­ber, heißt es da. Wer in dem Bild wei­ter­denkt, kommt prompt auf ganz ver­kehrte Gedan­ken: Bei ihm hat dann das Erken­nen nichts mit dem Inhalt der Anschau­ung zu tun und erklärt nicht die­sen Inhalt, son­dern es bewegt sich in einer ganz ande­ren, getrenn­ten Welt. Die Ideen sind ein eige­nes Reich, das mit den Din­gen, wie sie aus der Anschau­ung bekannt sind, nichts zu tun hat. Gleich­wohl sol­len die Ideen deren all­ge­meine Natur sein. Also muss ein Ver­hält­nis her: Die Dinge sind etwas, die Ideen etwas ganz ande­res. Pla­ton hat da auch nicht recht wei­ter­ge­wusst. Er sagt: Die Dinge haben „Anteil“ an den Ideen. Zu 50 0der was? Die­ser ganze Unfug ist übri­gens Pla­tons Ide­en­lehre. – Der Man­gel die­ser Denk­tech­nik, in Bil­dern zu den­ken, ist in den Dia­lo­gen den Teil­neh­mern auch durch­aus bewusst.

Im Theai­te­tos wird bei­spiels­weise die Behaup­tung auf­ge­stellt: ‚Erkennt­nis ist wie ein Wachs­block; der Stem­pel, den man in ihn hin­ein­drückt, ver­hält sich zum Abdruck, den er hin­ter­lässt, wie die Wirk­lich­keit zur Erkennt­nis.‚ Und wäh­rend alle eine Zeit lang, statt an der Erkennt­nis wei­ter­zu­den­ken, an der Meta­pher wei­ter­ma­chen, kommt einer doch auf den Ein­fall: ‚Beim Erken­nen kommt es auf den Unter­schied zwi­schen rich­tig und falsch an – Abdrü­cke kön­nen aber nicht rich­tig oder falsch sein.‚ Mit der Erkennt­nis ver­hält es sich also doch nicht wie mit einem Wachs­block. Da aber kei­ner der Dia­log­part­ner ein bes­se­res Ange­bot hat, bleibt schluss­end­lich die Frage wie­der ein­mal offen.

Was als Dia­lek­tik Pla­tons gelobt wird, ist der Sache nach eine Aus­kunft über den trost­lo­sen Geis­tes­zu­stand die­ses Den­kers: er treibt sich in Wider­sprü­chen herum, ohne sie auf­lö­sen zu kön­nen. Gerade die Dia­loge, die als beson­ders tief­grün­dig gel­ten, sind von die­ser Art. Der Par­men­ides z. B.: Kommt einer daher und behaup­tet: ‚Alles ist Sein. Dann ist alles ein und das­selbe – eben Sein, und alle Unter­schiede, dass es ver­schie­dene Dinge auf der Welt gibt, dass die sich auch mal ver­än­dern, sind blo­ßer Schein, Lug und Trug.‚ Kommt natür­lich der nächste und sagt: ‚Und was ist der Schein? Nicht­sein? Dann gibt’s ihn aber gar nicht. Also doch Sein.‚ Da wird zuerst ein­mal alles in einen Topf gewor­fen – Sein –, und dann wun­dern sich die Betei­lig­ten dar­über, dass sie nichts mehr aus­ein­an­der­hal­ten kön­nen. Schon wie­der ein Ersatz für Wis­sen. Wer nichts weiß, behilft sich mit Uni­ver­sa­lien, die nichts Bestimm­tes mehr ent­hal­ten, mit denen aber alles erklärt sein soll.

Nicht umsonst kommt das Ganze als Dia­log daher. Auch nicht gerade ein Doku­ment für Wis­sen­schaft. Es soll nicht jeder Mist gel­ten; auf begrün­dete Auf­fas­sun­gen soll es ankom­men. Des­we­gen wer­den die Gründe für und wider die vor­han­de­nen Vor­stel­lun­gen gegen­ein­an­der abge­wo­gen. Aber der objek­tive Grund der Sache hat sich offen­bar noch nicht her­aus­ge­stellt – dann ist näm­lich Schluss mit dem Hin und Her.

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Im Übri­gen hat es gar nichts aus­ge­macht, dass die alten Grie­chen nichts gewusst haben. In ihrer Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft sind sie ganz gut ohne Wis­sen aus­ge­kom­men. Was ihre ers­ten wis­sen­schaft­li­chen Übun­gen beflü­gelt hat, war denn auch gar nicht ihr enor­mer Wis­sens­durst. Da hät­ten sie näm­lich allen Grund zur Unzu­frie­den­heit gehabt mit dem, was sie theo­re­tisch zustande gebracht haben, und es nicht für einen Aus­druck von Weis­heit gehal­ten, dass dem alten Sokra­tes ein ums andere Mal der Beweis gelingt, dass seine Zeit­ge­nos­sen genauso wenig Ahnung von irgend­et­was haben wie er. Getrie­ben hat Pla­ton und seine Mann­schaft viel­mehr das Bedürf­nis nach All­ge­mein­ver­bind­lich­keit. Der Weise in den Dia­lo­gen ist gar nicht der, der beson­ders viel weiß und von dem sich des­we­gen die ande­ren eine sach­li­che Klä­rung ihrer Fra­gen erwar­ten kön­nen. Die Per­son des Sokra­tes steht viel­mehr für den Impe­ra­tiv: „Einigt euch mal auf eine all­ge­mein­gül­tige Defi­ni­tion!“ Wer so daher­re­det, bie­tet selbst keine an. Durch Wis­sen Eini­gung zu stif­ten, ist seine Sache nicht. Sokra­tes mischt sich völ­lig unsach­lich in jeden Mei­nungs­streit ein: Pla­ton bringt die vor­han­de­nen Auf­fas­sun­gen sei­ner Zeit an einen Tisch. Sokra­tes stellt sie ein­an­der ent­ge­gen, lässt sie zuein­an­der in Wider­spruch gera­ten und weist sie damit zurück. Er prüft und kri­ti­siert also keine der Auf­fas­sun­gen, son­dern legt das Kri­te­rium der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit an: Weil und solange es noch wider­strei­tende Auf­fas­sun­gen gibt, darf keine von ihnen Gel­tung bean­spru­chen. Er sagt nicht: Wis­sen stif­tet Eini­gung, son­dern macht die Einig­keit der Betei­lig­ten zum Kri­te­rium für Wis­sen. Er ver­langt nicht den Beweis der Rich­tig­keit der jewei­li­gen Mei­nung, son­dern dass es ihrem Ver­tre­ter gelinge, die Gegen­par­teien von deren Posi­tio­nen abzu­brin­gen. Ver­langt ist mit die­sem Kri­te­rium einer­seits weni­ger als Wis­sen: Es ist ja nur nötig, die Gegen­par­teien für die eige­nen Auf­fas­sung zu ver­ein­nah­men und das ist eine Kunst, die ganz jen­seits der Frage ange­sie­delt ist, ob die eigene Auf­fas­sung die Sache erfasst. Ande­rer­seits ist mehr ver­langt: Der schönste Beweis nützt näm­lich nichts, wenn die Leute aus ganz ande­ren als theo­re­ti­schen Grün­den auf ver­kehr­tem Zeug behar­ren. Phi­lo­so­phen beru­fen sich auf einen all­seits vor­han­de­nen Eini­gungs­wil­len und sind gleich­zei­tig seine ein­zi­gen Ver­tre­ter. Weil er eben nicht all­seits vor­han­den ist, müs­sen sie ihn immer­fort als Impe­ra­tiv vor­tra­gen. Des­we­gen ist ihr Geschäft rundum ver­lo­gen. Im Namen eines fik­ti­ven „Uns – geht – es – doch – allen – um – das­selbe“ bestrei­ten sie jedem Stand­punkt das Exis­tenz­recht, über den nicht all­ge­meine Einig­keit besteht.

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So rich­tig phi­lo­so­phisch tief­sin­nig wird es dort, wo es die­ser Eini­gungs­an­spruch nicht mehr mit einer von ihm getrennt exis­tie­ren­den Sache zu tun hat, son­dern nur noch mit sich selbst. Und das ist der Fall, wenn es – wie eigent­lich in allen Pla­to­ni­schen Dia­lo­gen – um das Wahre, Gute und Schöne geht. In die­sen Ideen hat sich das Bedürf­nis nach All­ge­mein­ver­bind­lich­keit seine eige­nen fik­ti­ven Gegen­stände geschaf­fen: Das Wahre beschäf­tigt Pla­ton und alle Phi­lo­so­phen nach ihm sehr. So sehr, dass sie die Erkennt­nis von irgend­was ganz aus den Augen ver­lie­ren. Es geht ihnen nicht um die Prü­fung, ob die­ses oder jenes Urteil die Sache trifft, also wahr ist. Sie brin­gen auch keine Wahr­hei­ten über irgend­was her­aus, son­dern ver­schrei­ben sich ganz einem Ideal. Was muss einer wis­sen, wenn er sagt: „Mir geht es um das Wahre!“? Null! Aber eine Bot­schaft hat er schon. Er bekennt sich zum Ideal der Einig­keit, das es nur auf Basis wider­strei­ten­der Mei­nun­gen gibt. Jen­seits der sach­li­chen Dif­fe­ren­zen, die Leute in ihren Auf­fas­sun­gen vor­tra­gen; jen­seits der Frage, wer mit wel­cher Auf­fas­sung warum rich­tig oder ver­kehrt liegt; und unab­hän­gig von jeder Prü­fung, worum es den Leu­ten so geht, wenn sie ihr Zeug ver­tre­ten, soll eines fest­ste­hen: dass alle Betei­lig­ten mit ihren Gedan­ken der Wahr­heit die Ehre geben wol­len. In den sach­li­chen Dif­fe­ren­zen und in der Beharr­lich­keit, mit der auf ihnen bestan­den wird, tut sich frei­lich etwas ganz ande­res kund: Dass sich da alle­mal kon­kur­rie­rende Inter­es­sen um ihre Recht­fer­ti­gung bemü­hen und sich dabei gegen den Unter­schied von wahr und falsch recht gleich­gül­tig ver­hal­ten. Ebenso wie die Phi­lo­so­phen, wenn sie das Wahre zum gemein­sa­men Mensch­heits­an­lie­gen erklä­ren. – Ihrer eige­nen wider­sprüch­li­chen Unter­stel­lung haben Phi­lo­so­phen auch einen Namen gege­ben: Das Gute ist die Vor­stel­lung eines die Mensch­heit eini­gen­den letz­ten Zwecks, das Ideal kon­kur­rie­ren­der Inter­es­sen. Die blei­ben den Phi­lo­so­phen näm­lich nicht ver­bor­gen, aber sie inter­es­sie­ren sie auch nicht. Des­we­gen pos­tu­lie­ren sie jen­seits der prak­ti­schen Dif­fe­ren­zen, die Leute anein­an­der­ge­ra­ten las­sen, einen gemein­sa­men End­zweck allen zweck­mä­ßi­gen Tuns; einen gemein­sa­men Nen­ner von ent­ge­gen­ge­setz­ten Anlie­gen. Jen­seits von dem, was die Leute so wol­len, wol­len sie aber nichts. So bleibt der gemein­same Nen­ner einer­seits leer, das Ideal einer Gemein­sam­keit ohne Inhalt, denn der ist gerade strit­tig. Ande­rer­seits krie­gen die Leute von den Phi­lo­so­phen damit einen End­zweck ihres Wol­lens prä­sen­tiert, der ihnen als Ver­pflich­tung gegen­über­tritt. Ohne auch nur ein ein­zi­ges Inter­esse auf seine Ver­nünf­tig­keit hin prü­fen zu müs­sen, ohne ein ein­zi­ges Anlie­gen kri­ti­siert zu haben, sehen sich Phi­lo­so­phen zur Zurück­wei­sung beru­fen. Sie brau­chen dazu nur das sie stö­rende Inter­esse daran zu mes­sen, ob es in die fik­tive Inter­es­sen­ge­mein­schaft passt. – Damit liegt frei­lich die Frage auf dem Tisch, warum man das Gute wol­len soll, wenn es dem eige­nen Inter­esse wider­spricht. Und auch hier machen Phi­lo­so­phen ihre eigene wider­sprüch­li­che Unter­stel­lung expli­zit: Wenn man das Gute schon wol­len muss, dann soll man es sich auch als Inbe­griff des Wohl­be­fin­dens vor­stel­len kön­nen – das Schöne.

Im Geiste die­ser drei phi­lo­so­phi­schen Lieb­lings­ideen, mit dem Selbst­be­wusst­sein also, es ginge dabei um die alle mensch­li­chen Regun­gen und Stre­bun­gen einen­den Ziel­set­zun­gen, wer­den dann die schöns­ten Dis­kus­sio­nen ange­zet­telt. Und das geht so: Es fin­det bei­spiels­weise ein Sauf­ge­lage statt (griech. Sym­po­sion), und die Betei­lig­ten unter­hal­ten sich über die Liebe. Da fällt natür­lich jedem etwas ein zu dem Thema, wer’s gerade mit wem hat. Und so fängt Pla­tons Dia­log auch an. Aber wir haben es mit Phi­lo­so­phen zu tun und des­we­gen bleibt es nicht dabei. Für die heh­ren Ver­tre­ter des Guten, Wah­ren und Schö­nen ist der Über­gang zum Wesent­li­chen schnell gemacht: Bedarf die Liebe nicht des Schö­nen? Das Häss­li­che kann man nicht lie­ben. Also das Schöne. – Not­wen­dig, o Sokra­tes! – Und ist nicht auch das Gute schön? – Also auch das Gute. – Und bedarf es nicht zur Erkennt­nis des Guten der Wahr­heit? Usf. Es geht um nichts. Die Ver­eh­rer des Guten, Wah­ren und Schö­nen zie­hen eine mords Spie­gel­fech­te­rei ab – sol­len wir nicht für das Häss­li­che, Schlechte, Unwahre sein? –, nur um sich wech­sel­sei­tig zu ver­si­chern, dass es ihnen in allem nur um das Beste gehe. Und mit die­sem Bekennt­nis hat­ten sie dann ihre Phi­lo­so­phen – Jüng­linge end­gül­tig mit Erfolg ins Bett geschwatzt.

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Die Beschwö­rung eines jen­seits aller mög­li­chen strit­ti­gen Punkte ange­sie­del­ten Eini­gungs­wil­lens, rührt von prak­ti­schen Streit­fra­gen her, die sich sach­lich nicht ent­schei­den las­sen; sonst würde man sich ja in der Sache eini­gen und nicht jen­seits von ihr. Und sie ver­spricht einen ver­lo­ge­nen Umgang mit die­sen Streit­fra­gen, weil sie die strei­ten­den Par­teien auf einen fik­ti­ven gemein­sa­men Stand­punkt ver­pflich­tet. Diese Phi­lo­so­phen­tour ist damit auf­ge­kom­men, dass im alten Athen die poli­ti­schen Ver­hält­nisse strit­tig wur­den. Das gän­gige Urteil dazu lau­tet: Die sitt­li­chen Ver­hält­nisse seien damals durch­ein­an­der­ge­ra­ten, die Ver­fas­sun­gen wech­sel­ten stän­dig, Unsi­cher­heit machte sich breit und brachte das Bedürf­nis nach theo­re­ti­scher Klä­rung her­vor; die Geburts­stunde der Philosophie.

II. Pla­ton und der Staat

Im alten Athen hat es einen Kampf um die Macht und um die Betei­li­gung an ihr gege­ben. Die Ver­hält­nisse waren nicht so ein­deu­tig, dass die poli­ti­sche Macht zusam­men­fiel mit dem Inter­esse des jewei­li­gen Fürs­ten, der sie inne­hatte. Über die Kriege, die sie führ­ten, hat­ten sie sich abhän­gig gemacht von bis­lang unter­ge­ord­ne­ten Stän­den. Und diese Stände stell­ten mit dem Wach­sen ihrer Bedeu­tung für die Macht Ansprü­che an sie. Auf der Tages­ord­nung stan­den damit so prak­ti­sche Fra­gen wie: Ob die Macht und das Krie­ge­füh­ren für den Reich­tum der Fürs­ten und ihrer Sip­pen da sei, oder ob der Reich­tum der Fürs­ten für das Krieg­füh­ren da sei. Diese Frage war alles andere als von theo­re­ti­schem Cha­rak­ter. Die strei­ten­den Par­teien haben sich, um sie in ihrem Sinne zu ent­schei­den, wech­sel­sei­tig mun­ter die Köpfe ein­ge­schla­gen. – Und dann kam Pla­ton: Der mischte sich in die­sen Streit ein mit der befremd­li­chen Behaup­tung: ‚Uns geht es doch allen um das­selbe, um das Gute näm­lich. Klä­ren wir also, was das Gute ist, und lösen so den Streit sach­lich auf.‚ Sach­lich ist frei­lich schon die­ser Ein­stieg in den Dia­log, Gor­gias heißt er, über­haupt nicht. Sache soll sein ein gemein­sa­mes Inter­esse der strei­ten­den Par­teien. Das gibt es aber nicht. Die tra­gen ja gerade ihren Inter­es­sens­ge­gen­satz aus; aber worin der besteht, das inter­es­siert Pla­ton nicht. Ein Aris­to­krat mel­det sich zu Wort, Kal­lik­les, der auf den alten Ver­hält­nis­sen besteht: „Gut ist, was den Mäch­ti­gen nützt.“ So eine ehr­li­che Ant­wort hätte eigent­lich eine ehr­li­che Ent­geg­nung ver­dient gehabt: „Das ist gut für dich, aber schlecht für mich.“ Damit wäre das Gespräch zu Ende gewe­sen. Aber wir sind ja wie­der unter Phi­lo­so­phen und so nimmt das Gespräch einen ande­ren Gang. Sokra­tes ver­pflich­tet sein Gegen­über auf seine Frage und for­dert ihn zu dem Nach­weis auf, dass, was gut für Kal­lik­les sei, all­ge­mein gut sei. Wäre Kal­lik­les etwas hel­ler gewe­sen, hätte er gesagt: „Mein Freund, du führst hier einen Stand­punkt ein, der jedes Inter­esse bestrei­tet. Was ist schon all­ge­mein gut? Auch die Schuh­ma­cher­kunst pro­du­ziert nur Schuhe und nicht das Gute. Das Gute ver­trägt sich mit kei­nem Inter­esse, es ist sel­ber für nichts gut. Warum also soll man die­sen Stand­punkt ein­neh­men?“ Er hätte auch fort­fah­ren kön­nen: „Es kommt mir gerade so vor, als wür­dest du mich zum Heu­cheln auf­for­dern. Ich hätte natür­lich ant­wor­ten kön­nen: ‚Glück­li­che Füh­rer sind gut für alle, weil sie dann ihre schlech­ten Lau­nen nicht an ihren Unter­ta­nen aus­las­sen.‚ Aber das Heu­cheln fällt nicht in mein, son­dern in dein Fach. Du greifst in einen Streit ein. Aber nicht ehr­lich, indem du begrün­dest, was dir nicht passt, son­dern indem du dich auf ein fik­ti­ves all­ge­mei­nes Inter­esse berufst.“ Aber Kal­lik­les lässt sich bla­mie­ren und wie immer, wenn ein Blö­del in den Dia­lo­gen Pla­tons nicht mehr wei­ter weiß, gilt das als Beweis dafür, wie rich­tig Sokra­tes liegt. Und der darf des­we­gen auch aus­füh­ren, was mit dem Guten gemeint ist: Ein Stand­punkt, der jedes beson­dere Inter­esse negiert, und nur gel­ten lässt, was sich als Dienst und funk­tio­nel­ler Bestand­teil eines gedach­ten all­ge­mei­nen, höhe­ren Inter­es­ses den­ken lässt. Seine Geg­ner müs­sen sich so von Sokra­tes die Frage stel­len las­sen: „Wozu ist dein Nut­zen gut?“ und über die all­ge­meine Aus­kunft, dass der Nut­zen eigent­lich gene­rell für nichts gut ist, kommt Sokra­tes schließ­lich zu dem von vor­ne­her­ein unter­stell­ten Resul­tat, dass das Gute darin besteht, wozu jeder gut ist; dass jeder auf dem Platz, auf den es ihn ver­schla­gen hat, sich als funk­tio­nel­les Ele­ment des Staats­gan­zen bewährt: der Sklave als Sklave, der Staats­mann als Staats­mann, der Bau­meis­ter als Bau­meis­ter usf. Das ist die antike Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit. Sie besteht auf einer radi­ka­len Tren­nung von Recht und Nut­zen, und zwar weil das Recht mit dem Nut­zen der Aris­to­kra­ten zusam­men­fällt; des­we­gen kommt es näm­lich bei den Unter­ge­ord­ne­ten nur auf den Dienst an. Die antike Tugend­lehre ist der ent­spre­chende Stän­de­ras­sis­mus. Tugend ist, wozu einer tüch­tig ist; und tüch­tig ist, wer so ist, wie der Stand es von ihm ver­langt: Tap­fer­keit für den Krie­ger­stand; Beson­nen­heit, näm­lich die Kunst sein Begeh­ren zurück­zu­stel­len, für die Mann­schaft, die den Reich­tum her­bei­schafft; und für die Herr­schen­den die Weis­heit, deren es bedarf, um das, was die Dienste der Stände ein­brin­gen, nicht durcheinanderzubringen.

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Mit der Pla­to­ni­schen Staats­idee hat die Phi­lo­so­phie gleich im ers­ten Kapi­tel ihrer Geschichte eine der größ­ten Absur­di­tä­ten des abend­län­di­schen Geis­tes­le­bens her­vor­ge­bracht. Einer­seits gibt sie die prak­tisch gül­tige Sicht­weise eines grie­chi­schen Aris­to­kra­ten wie­der, der, von der Selbst­ver­ständ­lich­keit aus­ge­hend, dass sein par­ti­ku­la­res Inter­esse Staats­rai­son ist, kein ande­res par­ti­ku­la­res Inter­esse gel­ten lässt und die unter sei­ner Herr­schaft ste­hende Gesell­schaft als ein funk­tio­nel­les Gan­zes betrach­tet, das zur Meh­rung sei­ner Pri­vat­macht da ist und das sich nach den dafür not­wen­di­gen Diens­ten glie­dert. Ande­rer­seits bezieht Pla­ton all diese Dienste gar nicht auf die­ses ent­schei­dende Inter­esse, wegen dem es sie nur gibt, son­dern auf ein all­ge­mei­nes Inter­esse, das im grie­chi­schen Staat und in dem Kampf um die Macht in ihm nicht vor­han­den war. Pla­tons Stand­punkt hieß: Phi­lo­so­phen­kö­nig­tum. Die Aris­to­kra­ten sol­len die poli­ti­sche Macht aus­üben, aber nicht in ihrem Inter­esse, son­dern um einer phi­lo­so­phi­schen Idee wil­len. Zu die­sem Behufe wollte er sie zu phi­lo­so­phi­schen Spin­nern machen, sie mit Musik und Mathe­ma­tik erzie­hen – was ja noch gegan­gen wäre –, ihnen vor allem aber eige­nen Besitz­stand und eigene Frauen unter­sa­gen, um sie an der Ver­fol­gung eige­ner Inter­es­sen und damit am Strei­ten zu hin­dern; aber ihre Macht soll­ten sie behal­ten dür­fen. Wofür eigent­lich? Statt ihre Macht für sich ein­zu­set­zen, soll­ten sie mit ihr einen Stand­punkt durch­set­zen, der ihr Inter­esse bestrei­tet. Und das alles bloß, um der Idee des Guten zur Macht zu verhelfen.

Das war den Herr­schern dann doch Zuviel! Bei aller Liebe zur Phi­lo­so­phie – die vor­neh­men und mäch­ti­gen Figu­ren haben sich damals mit den Insi­gnien des Geis­tes aus­ge­stat­tet, die Fürs­ten hat­ten selbst oft phi­lo­so­phi­sche Ambi­tio­nen, zur Unter­hal­tung ver­steht sich, und um das eigene Inter­esse im Lichte des Guten, Wah­ren und Schö­nen zu ver­klä­ren und die Gewalt, die sie aus­üb­ten, als Staats­kunst zu betrach­ten, zu der nur die Wei­sen befä­higt seien –, die­ses Ver­hält­nis von Macht und Geist, in dem der Geist die Macht über­höht, ihr den Schein des Geis­ti­gen ver­leiht, ist eben doch etwas ganz ande­res, als wenn der ver­lo­gene Schein wahr­ge­macht wer­den soll, dass der Geist die die Macht bestim­mende Größe sei und die Phi­lo­so­phen die Macht bean­spruch­ten. Pla­ton, selbst aus vor­neh­mem Haus, den eine phi­lo­so­phi­sche Freund­schaft mit dem sizi­lia­ni­schen Herr­schafts­spröß­ling Dion ver­band, brachte es so weit, dem sizi­lia­ni­schen König eine Ver­fas­sung aus­zu­ar­bei­ten, in der er die in sei­ner Poli­teia ent­wi­ckel­ten Staats­ideen ein­brachte. Gel­tung bekam diese Ver­fas­sung nie. Der weise König konnte sich ein­fach nicht mit dem Gedan­ken anfreunden.

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Sze­nen­wech­sel: So als woll­ten sie alle sagen: „Wir sind nicht für unser Den­ken ver­ant­wort­lich.“, beru­fen sich moderne Den­ker mit Tra­di­tion auf his­to­ri­sche „Quel­len“, denen sich ihr Zeug ver­dan­ken soll. Gleich­zei­tig ver­hal­ten sie sich zu der his­to­ri­schen Not­wen­dig­keit, der sie unter­lie­gen wol­len, denk­bar sou­ve­rän. Wel­chen Stand­punkt Pla­ton „begrün­det“ hat und heute ins Recht setzt, das ent­schei­den alle­mal noch sie mit ihren Maß­stä­ben. Und eifer­süch­tig wachen sie dar­über, dass nicht irgend­wel­che „fal­schen Pro­phe­ten“ sich ihres Ahn­her­rens bedienen.

III. Die Moder­nen und Platon

Die Beru­fung auf einen Ver­tre­ter der anti­ken Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft adelt offen­bar die demo­kra­ti­schen Ver­hält­nisse von heute ebenso sehr wie die ihnen ver­pflich­tete Wis­sen­schaft. Nie­mand will ein­fach nur sel­ber einen mehr oder min­der brauch­ba­ren Gedan­ken anbie­ten, son­dern an der ein­ge­bil­de­ten Digni­tät einer 2500jährigen abend­län­di­schen Tra­di­tion Anteil haben. Frei­lich wer­den auch gewisse Dif­fe­ren­zen bemerkt zu dem, was der demo­kra­ti­sche Ver­stand heute für ver­ant­wort­li­ches Den­ken hält. Dann kommt eine tiefe Sehn­sucht zum Zuge nach der ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Unschuld der Phi­lo­so­phie. Wie gerne würde man auch heute noch die Ein­heit des Wah­ren, Guten und Schö­nen so „naiv“ und unbe­fan­gen beschwö­ren wie die damals! Wie schön waren die Ideen, dass Wis­sen = Tugend und Geist = Macht! Doch lei­der: Die Zei­ten, in denen man so phi­lo­so­phie­ren konnte, sind vorbei.

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Seit es eine wirk­li­che Wis­sen­schaft gibt, sehen sich die Phi­lo­so­phen zu einer Pole­mik gegen Wis­sen ver­an­lasst. Es soll sich näm­lich nie­mand ein­bil­den, seine Ein­sicht, Wis­sen, wäre für­der­hin gefragt, wenn es um die Frage „Was soll ich tun?“ geht. So kommt ein merk­wür­di­ges Phä­no­men zustande. Neben und getrennt von den eigent­li­chen Wis­sen­schaf­ten und zugleich als eine eigen­stän­dige Wis­sen­schaft insti­tu­tio­na­li­siert, exis­tiert an den Uni­ver­si­tä­ten eine Mann­schaft, die, so als müsste nach wie vor erst noch die Idee von Wis­sen­schaft erfun­den wer­den, immer noch bei der Frage ist „Was ist Erkennt­nis?“; und die mit allen ihren Bemü­hun­gen letzt­lich immerzu bei der dem alten Sokra­tes zuge­schrie­be­nen Apo­rie lan­det, dass man nichts wis­sen könne, außer dass man nichts wis­sen könne. Und das im Atom­zeit­al­ter! Das macht das Bekennt­nis zum Nicht­wis­sen etwas ver­lo­gen. Es ist näm­lich ein Unter­schied, ob ein alter Grie­che bei sich und sei­nen Zeit­ge­nos­sen feh­len­des Wis­sen kon­sta­tiert und den Appell an die Ein­sicht in mora­li­schen Fra­gen mit Wis­sen­schaft ver­wech­selt oder ob heute einer aus dem Nicht­wis­sen ein Gesetz der Mensch­heit ver­fer­tigt und einer vor­han­de­nen Wis­sen­schaft gegen­über Skep­sis zur Pflicht macht. Wenn heute jemand daher­kommt und den Dia­log als Methode der Wahr­heits­fin­dung pro­pa­giert, dann ver­pflich­tet er den Ver­stan­des­ge­brauch dar­auf, theo­re­ti­sche Fra­gen offen zu halten.

Diese Pole­mik gegen Wis­sen geht unter Beru­fung auf Pla­ton, aber gera­de­so­gut als Ableh­nung von Pla­ton – da sieht man ein­mal, was sich die Moder­nen von ihren ver­ehr­ten Ahn­her­ren sagen las­sen: das, wor­auf sie hin­aus­wol­len. So taucht Pla­ton in einem Buch über „die Feinde der offe­nen Gesell­schaft“ auf, nach denen zu fahn­den der Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker Pop­per offen­bar zu sei­nen Auf­ga­ben zählt. Pla­ton hat nach Pop­pers Geschmack mit sei­nen „voll­kom­me­nen ewi­gen Ideen“ dem Miss­ver­ständ­nis Vor­schub geleis­tet, die Frage, woran man sich in prak­ti­schen Din­gen zu hal­ten habe, sei durch die Wis­sen­schaft zu beant­wor­ten. Und das iden­ti­fi­ziert er als unde­mo­kra­ti­sche Gesin­nung. Eine Aus­kunft über Pla­ton, der die Bekannt­schaft mit den west­li­chen Demo­kra­tien unse­rer Tage und ihrem Geis­tes­le­ben schließ­lich noch nicht machen konnte, ist dies zwar nicht. Aber eine inter­es­sante Klar­stel­lung über das Selbst­ver­ständ­nis eines moder­nen Wis­sen­schafts­theo­re­ti­kers: Der braucht keine Ahnung von Demo­kra­tie zu haben und auch kei­nen ein­zi­gen Pla­to­ni­schen Gedan­ken näher zur Kennt­nis neh­men, um ziel­si­cher jedes mit dem Anspruch auf Wis­sen ver­bun­dene Den­ken als unde­mo­kra­ti­sche Geis­tes­hal­tung zu erschnüf­feln. Wegen sei­ner Vor­liebe für demo­kra­ti­sche Ver­hält­nisse, in denen ja wirk­lich nie­mand etwas von sei­nen Ein­sich­ten abhän­gig machen darf, pro­pa­giert er Nicht­wis­sen als Tugend des Geistes.

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Wegen ihrer Liebe zum Geist der Unter­ord­nung ist die Kri­tik der Phi­lo­so­phen an der Glei­chung Wis­sen = Tugend auch nicht als Kri­tik des Tugend­pro­gramms miss­ver­ste­hen. Das wol­len sie schon behaup­ten, dass Moral ver­nünf­tig ist und gel­ten soll. Die Moder­nen „dedu­zie­ren“ Moral glatt aus ihrer eige­nen Skep­sis: „Weil Wis­sen keine Sicher­heit stif­tet, des­we­gen brau­chen wir ethi­sche Fun­da­mente.“ Oder: Weil Wis­sen keine Sicher­heit stif­tet, des­we­gen stif­tet das Nicht­wis­sen die nötige mora­li­sche Sicher­heit. Ganz und gar dog­ma­tisch kommt so bei die­sen Skep­ti­kern dann doch der ganze alte Schmar­ren – vom Guten, das man tun muss, von der Beson­nen­heit und Ehre, von der Dank­bar­keit und Freund­schaft – zu sei­nem Recht. Als Pflicht näm­lich, deren Erfül­lung keine Frage der bes­se­ren Ein­sicht zu sein hat. Des­we­gen mögen moderne Phi­lo­so­phen auch die Glei­chung Geist = Macht nur mehr in ihrer Umkeh­rung: Die Macht hal­ten sie für sehr ver­nünf­tig, weil schließ­lich jemand mit dem Ungeist, dem Bösen, den mit Wil­len und Ver­stand begab­ten Men­schen fer­tig wer­den muss.