Nach­ruf auf Karl Popper

Kate­go­ri­scher Auf­ruf zur Beschei­den­heit des demo­kra­ti­schen Geistes

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1991.

Nach­ruf auf Karl Popper

Kate­go­ri­scher Auf­ruf zur Beschei­den­heit des demo­kra­ti­schen Geistes

Es hat einige Jahr­zehnte phi­lo­so­phi­scher For­schung gedau­ert, bis Pop­per end­lich alles bei­ein­an­der hatte. Seine erkennt­nis­theo­re­ti­schen Stu­dien konnte er schließ­lich dahin­ge­hend auf den Punkt brin­gen, dass d die Wis­sen­schaft ihre Fort­schritte ver­mit­tels der­sel­ben Methode erzielt, „die alle Orga­nis­men anwen­den, von der Amöbe bis Ein­stein“ (IV/​70), näm­lich der „Methode des Ler­nens auf­grund von Ver­such und Irr­tum“ (IV/​57); seine politisch-​moralischen Über­le­gun­gen zur „offe­nen Gesell­schaft“ (Buch­ti­tel) lie­ßen sich zwang­los in der Ein­sicht zusam­men­fas­sen: Das Ver­fah­ren, dem die Wis­sen­schaft ihre Erfolge ver­dankt, „gilt nicht nur für die Wis­sen­schaft. Es gilt auch für die Poli­tik“ (VI), wo die Zustän­di­gen eben­falls „ver­suchs­weise Lösun­gen“ (VI) erpro­ben, nach „Feh­lern suchen, sie fin­den, sie auf­zei­gen, sie ana­ly­sie­ren und aus ihnen ler­nen“ (II/​70); und damit nicht genug: „Auch die Evo­lu­tion geht vor mit Ver­such und Irr­tum. Die Muta­tio­nen kön­nen als Ver­su­che ange­se­hen wer­den… Wenn sie zu Feh­lern füh­ren, wer­den sie aus­ge­merzt.“ (VII)

Mit ein und der­sel­ben For­mel erklärt die­ser Mann die Vor­ge­hens­weise der Wis­sen­schaft, das Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie und die Ent­ste­hung der Arten. Er setzt mit ihr die dis­pa­ra­tes­ten Ange­le­gen­hei­ten so beden­ken­los gleich, dass Zwei­fel durch­aus ange­bracht sind, ob sei­ner Tour, die Dinge zu ver­ste­hen, über­haupt das Anlie­gen zugrunde liegt, deren Eigen­art zu erfas­sen. Seine alles erklä­rende For­mel geh t so gründ­lich an sei­nen Gegen­stän­den vor­bei, dass noch nicht mal der Ein­druck auf­kommt, er habe sie aus der Befas­sung mit ihnen bezo­gen: Sein Bild von Wis­sen­schaft erin­nert auch nicht ansatz­weise daran, dass es sich bei die­sem Geschäft um eine auf Objek­ti­vi­tät der Erkennt­nis zie­lende Tätig­keit han­delt, die sich in Ur tei­len und Schlüs­sen voll­zieht; seine Auf­fas­sung von der Poli­tik passt nicht ein­mal unge­fähr auf den Beruf regie­ren­der Demo­kra­ten, die ihren Unter­ta­nen die Staats­in­ter­es­sen in ver­bind­li­cher Geset­zes­form vor­schrei­ben und dabei nicht den Anschein erwe­cken, sie wären belehr­bar oder von ihrer „Fehl­bar­keit“ über zeugt, son­dern auf ihre Macht pochen; gänz­lich sach­fremd und sehr zu Unrecht auf Dar­win zurück­be­zo­gen ist auch die Idee, den bewusst­lo­sen Pro­zess, in dem es die Natur zu einer Arten­viel­falt bringt, aus­ge­rech­net mit einer Geis­tes­tä­tig­keit zu iden­ti­fi­zie­ren; ohne Kopf­zer­bre­chen über das wind­schiefe Ver­hält­nis beherrscht Pop­per diese Gleich­set­zung auch in die umge­kehrte Rich­tung, wenn er seine Vor­stel­lung vom Ler­nen am Bei­spiel der Amöbe entwickelt.

Soviel Sach­fremd­heit lässt sich auch bei wohl­wol­len­der Berück­sich­ti­gung der „Irr­tums­mög­lich­keit“, von der Pop­per so viel Auf­he­bens macht, nicht auf Ver­wechs­lun­gen und Täu­schun­gen zurück­füh­ren; und schon gleich lässt sie nichts erken­nen von dem Bemü­hen, „Feh­ler zu suchen und aus­zu­mer­zen“. Sie beruht auf dem Ent­schluss, sich auch durch die gröbs­ten Ver­stöße gegen die Objek­ti­vi­tät des Den­kens nicht davon abbrin­gen zu las­sen, dem geis­ti­gen Bedürf­nis nach einer Welt­an­schau­ung zu frö­nen; einem Bedürf­nis, das den Ver­stand zu wenig ver­nünf­ti­gen Anstren­gun­gen anregt: Die Suche nach einem für ver­nünf­tig erach­te­ten oder wenigs­tens von der Ver­nunft durch­schau­ba­ren Prin­zip, das es erlaubt, die Welt als Sinn­gan­zes zu „begrei­fen“, lässt nicht nur gott­gläu­bige Erden­wür­mer erst ein­mal von allem Irdi­schen abstra­hie­ren und unab­hän­gig von allen Erfah­run­gen, die sie mit dem Staat und der Natur, mit Kapi­tal und Arbeit, mit der Fami­lie und dem Geis­tes­le­ben so machen, eine Bom­ben­idee fas­sen. Auch ein moder­ner Phi­lo­soph, der sich der Wis­sen­schaft ver­bun­den weiß, bringt diese Abs­trak­ti­ons­leis­tung hin­ter sich, wenn er sich seine Grund­über­zeu­gung zurecht­legt, dass die Welt ein Lern­pro­zess ist, der gele­gent­lich dane­ben geht, aber ins­ge­samt zu Hoff­nun­gen berech­tigt. Er ist sogar imstande, den abs­trak­ten Kern sei­ner Welt­sicht in ange­mes­se­ner Form, näm­lich in Gestalt des klei­nen Glau­bens­be­kennt­nis­ses „Ich bin ein Opti­mist, der nichts über die Zukunft weiß.“ (X) anzu­ge­ben. Er zeigt damit, dass die fixe Idee, die sich welt­an­schau­li­che Den­ker von der Welt machen, nur die objek­ti­vierte Fas­sung einer sach­lich in nichts begrün­de­ten Gesin­nung ist. Und auch den zwei­ten Akt, durch den aus einer abs­trak­ten Grund­über­zeu­gung eine umfas­sende Welt­an­schau­ung wird, voll­zieht ein kri­ti­scher Ratio­na­list des 20. Jahr­hun­derts nicht anders als die Anhän­ger einer Reli­gion. Wie sie sub­su­miert auch er sämt­li­che Gegen­stände unter sein fest­ste­hen­des Vor­ur­teil, weil er nicht auf das groß­ar­tige Erleb­nis ver­zich­ten will, seine sinn­stif­tende Idee an allem, was ihm unter­kommt, wie­der­ent­de­cken zu kön­nen und bestä­tigt zu fin­den. Er bekennt sich sogar aus­drück­lich zu die­sem Ver­fah­ren, wenn es ihm gele­gent­lich darum geht, seine Leser­schaft in die ver­frem­dete Welt sei­ner Gedan­ken ein­zu­füh­ren, in der er sich bei­spiels­weise vor­nimmt, den „demo­kra­ti­schen sozia­len Wie­der­auf­bau“ als eine „Anwen­dung der kri­ti­schen und ratio­na­len Metho­den der Wis­sen­schaft (besag­tes Ler­nen aus Ver­such und Irr­tum) auf die Pro­bleme der offe­nen Gesell­schaft zu ana­ly­sie­ren“ (IIIa/​21). Ein Vor­ha­ben, des­sen Ziel­set­zung abseh­bar ist – mit ihm soll der in der Geschichte der Phi­lo­so­phie schon aber­tau­send Mal unter­nom­mene Ver­such durch­ge­führt wer­den, das Ideal der ver­nünf­ti­gen Herr­schaft in Sätze zu gie­ßen“-, das sich aber ziem­lich ver­dreht ankündigt.

Das liegt daran, dass Pop­per mit sei­nen Über­le­gun­gen nicht bloß naiv, und ohne damit wis­sen­schaft­li­che Ansprü­che zu erhe­ben, ein Sinn­be­dürf­nis befrie­dig en will. Er behaup­tet ers­tens, mit den „Metho­den der Wis­sen­schaft“ ver­traut zu sein, rei­tet damit zwei­tens ziem­lich pene­trant auf der Wis­sen­schaft­lich­keit sei­ner eige­nen theo­re­ti­schen Anstren­gun­gen herum, obwohl er sich drit­tens an diese Metho­den gar nicht hält, son­dern sie zum sinn­stif­ten­den Prin­zip einer Welt­an­schau­ung erklärt, das er im eben zitier­ten Fall z.B. auf die Demo­kra­tie anwen­det. Pop­per kon­stru­iert seine Welt­an­schau­ung: Er behaup­tet sie als eine Not­wen­dig­keit, die aus sei­ner gewis­sen­haf­ten Befas­sung mit der Frage folgt, was die Wis­sen­schaft ver­mag und darf.

Die­ses Anlie­gen ver­dient Beach­tung, weil selbst unter Phi­lo­so­phen der Gegen­satz zwi­schen welt­an­schau­li­chen Sinn­kon­struk­tio­nen und Wis­sen­schaft seit gerau­mer Zeit bekannt ist. Spä­tes­tens seit dem Auf­kom­men der Natur­wis­sen­schaf­ten, die wirk­li­che Erkennt­nisse vor­zu­wei­sen hat­ten, ist auch für Phi­lo­so­phen das offen­kun­dig Unwis­sen­schaft­li­che und betont Unsach­li­che ihrer Geis­tes­ab­tei­lung nicht mehr zu ver­leug­nen – einer Geis­tes­ab­tei­lung, in der zum x-​ten Mal der seit 2000 Jah­ren schei­ternde Ver­such unter­nom­men wird, ver­nünf­ti­gen Wesen ein­sich­tig zu machen, warum sie nicht ihrer Ein­sicht, son­dern Pflich­ten gehor­chen sol­len; in der ohne befrie­di­gende Ant­wort immer wie­der die Frage durch­ge­nom­men wird, wie man durch die Tugend des Ver­zichts glück­lich wer­den kann; in der in immer neuen Anläu­fen die­sel­ben ollen Kamel­len vom Guten, Schö­nen und Wah­ren auf­ge­legt wer­den, die als Lohn win­ken, aber nur dem, der sie als uner­reich­bare Ideale ver­ehrt; in der bis zur Grenze des für uns Men­schen Fass­ba­ren nach dem Inhalt der lee­ren Abs­trak­tion des Seins geforscht wird, zu der sich die Suche nach letz­ten, unwi­der­sprech­li­chen Sinn­grün­den ver­stie­gen hat etc. Die­sen haar­sträu­ben­den Zustand ihrer Fakul­tät haben die Phi­lo­so­phen der Auf­klä­rung, die sich von den wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen, die an ande­ren Fakul­tä­ten zustande kamen, haben begeis­tern las­sen, laut­hals beklagt. Sie haben die Bücher der Meta­phy­sik gele­gent­lich „ins Feuer“ gewünscht, aber auf die ver­kehr­ten Gedan­ken ihrer Kol­le­gen sehr unsach­ge­mäß rea­giert. Ihrem Bedürf­nis nach siche­rem Wis­sen, sind sie weder durch inhalt­li­che Kri­tik der Sinn­stif­tungs­pro­gramme noch durch Betei­li­gung an der Wis­sen­schaft nach­ge­gan­gen. Statt­des­sen haben sie sich für die Frage zustän­dig erklärt, wie Wis­sen­schaft mög­lich sei. Sie wid­me­ten sich nicht dem Inhalt der Wis­sen­schaft, son­dern deren Ver­fah­ren, an dem sie Wis­sen­schaft und Meta­phy­sik unter­schei­den woll­ten. Seit­dem besteht die Phi­lo­so­phie aus zwei Abtei­lun­gen. Neben der, die nach wie vor für die Begrün­dung eines Lebens­sinns und dar­aus abge­lei­te­ter mora­li­scher Maß­re­geln zustän­dig ist, hat sich die Erkennt­nis­theo­rie ein­ge­rich­tet, die für die Maß­stäbe der Wis­sen­schaft­lich­keit zustän­dig ist, für die Frage also, was als Wis­sen­schaft auf­tre­ten darf und als sol­che Aner­ken­nung ver­dient, und die dem uni­ver­si­tä­ren Geist mit der Emp­feh­lung ent­ge­gen­tritt, sich bei der Theo­rie­bil­dung an die Erfah­rung und die Regeln der Logik zu hal­ten. Als Ein­wand gegen unwis­sen­schaft­li­che Umtriebe an den Uni­ver­si­tä­ten ha t diese Emp­feh­lung noch nie viel getaugt. Der Vor­wurf, dass das Ver­fah­ren zu wün­schen übrig lässt, passt sogar bes­tens zum Respekt vor der Gesin­nung, die sich den Unsinn leis­tet. Mit der Ent­ge­gen­set­zung von wis­sen­schaft­li­cher „Exakt­heit“, die nur in „logi­schen Sät­zen“ zu errei­chen ist, wel­che nichts über die Wirk­lich­keit aus­sa­gen, und den „empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten“, deren Aus­sa­gen über die Wirk­lich­keit alle­mal die Frage auf­wer­fen, ob sie zutref­fen, exis­tiert die Erkennt­nis­theo­rie jedoch seit­dem als insti­tu­tio­na­li­sier­ter Vor­be­halt gegen die neben ihm betrie­be­nen Sinnveranstaltungen.

An die­ser pole­mi­schen Stel­lung der Erkennt­nis­theo­rie zur welt­an­schau­li­chen Abtei­lung der Phi­lo­so­phie nimmt der Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker Pop­per Anstoß. Er legt sich ein Ver­ständ­nis von Wis­sen­schaft zurecht, das der Frei­heit des Sinn­stif­tens nicht mehr skep­tisch gegen­über­steht. Dem Wis­sen dafür umso mehr. Pop­per ist also in bei­den Abtei­lun­gen der Phi­lo­so­phie tätig. In bei­den Abtei­lun­gen müht er sich um die Ein­heit des Fachs. Und aus die­sem exo­ti­schen Anlie­gen lei­tet er seine Auf­fas­sun­gen über die Wis­sen­schaft und die Welt her. Ein ziem­lich durch­ge­knall­ter Phi­lo­soph. Aber so kann man in der Demo­kra­tie berühmt werden.

I. Der Wissenschaftstheoretiker

1. Warum Wis­sen nicht zu haben ist

Seine größte Leis­tung auf die­sem Feld und bei genaue­rer Betrach­tung sein ein­zi­ges Argu­ment besteht darin, einen Schluss zu wider­le­gen, den es gar nicht gibt, um aus die­ser Wider­le­gung die Unmög­lich­keit gesi­cher­ter Erkennt­nis abzuleiten:

„Als induk­ti­ven Schluss oder Induk­ti­ons­schluß pflegt man einen Schluss von beson­de­ren Sät­zen, die z.B. Beob­ach­tun­gen, Expe­ri­mente usw. beschrei­ben, auf all­ge­meine Sätze, auf Hypo­the­sen oder Theo­rien zu bezeich­nen. Nun ist es aber nichts weni­ger als selbst­ver­ständ­lich, dass wir logisch berech­tigt sein sol­len, von beson­de­ren Sät­zen, und seien es noch so viele, auf all­ge­meine Sätze zu schlie­ßen. Ein sol­cher Schluss kann sich ja immer als falsch erwei­sen: Bekannt­lich berech­ti­gen uns noch so viele Beob­ach­tun­gen von wei­ßen Schwä­nen nicht zu dem Satz, dass alle Schwäne weiß sind.“ (I/​3)

Pop­per hat natür­lich voll­kom­men recht damit, dass sein „all­ge­mei­ner Satz“ keine gesi­cherte Erkennt­nis ist. Um das fest­zu­stel­len, hätte er sich aller­dings seine ganze Über­le­gung spa­ren kön­nen. Der Satz ist näm­lich über­haupt kein Bei­spiel für eine wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis und schon gleich nicht für eine „Theo­rie“, die zu so einer Erkennt­nis führt. Schon das Sub­jekt sei­nes Sat­zes unter­schei­det sich nicht uner­heb­lich von der Art der Gegen­stände, mit denen sich die Wis­sen­schaft in ihren Urtei­len befasst. Diese pflegt eine Gat­tung aus gutem Grund nicht in die All­heit ihrer ein­zel­nen Mit­glie­der auf­zu­lö­sen, weil sie sich gerade für das All­ge­meine inter­es­siert, das diese Ein­zel­nen zu Mit­glie­dern die­ser Gat­tung macht. Die­ses All­ge­meine zu bestim­men, ist ihr gan­zer Zweck. Sie abstra­hiert daher von den zufäl­li­gen Bestim­mun­gen der ein­zel­nen Sache und hält in den Prä­di­ka­ten ihrer Urteile gat­tungs­spe­zi­fi­sche Bestim­mun­gen fest. Die­ses Kri­te­rium erfüllt die Farbe des Feder­klei­des von Schwä­nen bereits des­we­gen nicht, weil schon zwei­fel­haft ist, ob sie über­haupt ein Merk­mal der Gat­tung ist. Und schon gleich genügt die­ses Prä­di­kat nicht den Ansprü­chen einer wis­sen­schaft­li­chen Defi­ni­tion, das zu erfas­sen, was ihren Gegen­stand wesent­lich aus­macht. Des­we­gen ist es ziem­lich unwahr­schein­lich, dass Pop­per sein Bei­spiel in einer Wis­sen­schaft „beob­ach­ten“ konnte; der Brock­haus würde sich mit so einer Defi­ni­tion lächer­lich machen. Und noch unwahr­schein­li­cher ist, dass es einen Schluss gibt, der Pop­per zu der Ver­all­ge­mei­ne­rung „berech­tigt“, wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse seien über­haupt v on der Art sei­nes „all­ge­mei­nen Sat­zes“. – Pop­per hat näm­lich auch ganz recht damit, dass der sog. Induk­ti­ons­schluß kein Schluss ist. Aber nicht des­we­gen, weil die Wis­sen­schaft mit „noch so vie­len Beob­ach­tun­gen“ kei­nen All­satz zustande bringt, son­dern weil die­ser „Schluss“, um ein­mal mit Hegel zu spre­chen, sein Ergeb­nis gar nicht erschließt, son­dern unter­stellt. Die All­ge­mein­heit des Urtei­lens, die Pop­per mit sei­nem Argu­ment anzwei­felt, kommt nicht zustande durch das Ansam­meln von Beob­ach­tun­gen; selbst Pop­per kann nicht umhin, die Gat­tung der Schwäne vor­aus­zu­set­zen, wenn er den Ver­stand zu dem alber­nen Gedan­ken­ex­pe­ri­ment auf­for­dert, deren Mit­glie­der mög­lichst voll­stän­dig zu beob­ach­ten. Des­we­gen kann die­ses Stre­ben nach Voll­stän­dig­keit in der Wis­sen­schaft auch ganz gut unter­blei­ben. Fragt sich nur, warum Pop­per eine Unter­su­chung anstrengt, deren Ergeb­nis er mit den Wor­ten ver­kün­det: „Induk­tion gibt es nicht.“ (VII) un d warum er dann nicht gleich die Schlüsse unter­sucht, die es in der Wis­sen­schaft gibt. Das liegt daran, dass er aus sei­ner Unter­su­chung, in der die Wis­sen­schaft gar nicht vor­kommt, unbe­dingt eine Schluss­fol­ge­rung auf die Wis­sen­schaft zie­hen will: „Sicher­heit“ beim Erken­nen „hat sich als ein Idol erwie­sen“ (I/​225). Diese Schluss­fol­ge­rung beruht auf zwei Vor­aus­set­zun­gen, die Pop­per eben­falls nicht aus dem Stu­dium der Wis­sen­schaft gewon­nen hat. Die erste, dass eine theo­re­ti­sche Tätig­keit, die im Unter­schied zur Induk­tion den Namen Schlie­ßen ver­dient, in der Wis­sen­schaft „nicht vor­kommt“, dekre­tiert er einfach:

„In den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten, die uns allein Infor­ma­tio­nen über die Welt, in der wir leben, ver­schaf­fen kön­nen, kom­men keine Beweise vor, wenn wir unter einem ‚Beweis‘ ein Argu­ment ver­ste­hen, das die Wahr­heit einer Theo­rie ein für alle Mal begrün­det.“ (IIIb/​20)

Pop­per absen­tiert sich ganz grund­sätz­lich davon, der theo­re­ti­schen Not­wen­dig­keit wis­sen­schaft­li­cher Urteile Rech­nung zu tra­gen, er über­prüft keine Argu­mente und wider­legt keine Beweise – wie auch, wenn sol­che gar nicht vor­kom­men!“ -, son­dern wei­gert sich schlicht, den Umstand anzu­er­ken­nen, dass noch der dümmste Theo­re­ti­ker – selbst er! – argu­men­tiert und in Gestalt von Begrün­dung en und Schlüs­sen Anstal­ten macht, die Objek­ti­vi­tät sei­ner Behaup­tun­gen zu bewei­sen. Mit sei­nem „ein für alle Mal“, das er offen­bar für ein Kri­te­rium beim Bewei­sen hält, zeigt er, dass er gar nicht die gleich­na­mige theo­re­ti­sche Tätig­keit im Auge hat, son­dern schon wie­der sei­nen Induk­ti­ons­schluß, der „sich immer als falsch erwei­sen kann“. Damit kürzt sich die erste Vor­aus­set­zung sei­ner Schluss­fol­ge­rung ganz auf die zweite zusam­men, dass die Wis­sen­schaft in ihrem Ver­such, gesi­cherte Erkennt­nisse zu erlan­gen, auf ein Ver­fah­ren fest­ge­legt ist, das diese Leis­tung nicht erbringt.

Woher Pop­per diese merk­wür­dige Vor­aus­set­zung hat – immer­hin drängt sich die Frage auf, warum die Wis­sen­schaft, die Gedan­ken sind bekannt­lich frei, nicht ein ande­res Ver­fah­ren wählt, wenn es ihrer Ziel­set­zung wider­spricht“-, ist kein Geheim­nis: Er ist mit der Wis­sen­schaft über­haupt nur ver­mit­tels der Erkennt­nis­theo­rie bekannt, in der, wenn schon sonst in kei­ner Wis­sen­schaft, der Induk­ti­ons­schluß tat­säch­lich „vor­kommt“. Und zwar des­we­gen, weil sich die­ses Fach seit gerau­mer Zeit den Kopf über ein Ver­fah­ren zer­bricht, mit dem die Wis­sen­schaft per Beob­ach­tung, also mög­lichst ohne die für zwei­fel­haft befun­dene Tätig­keit des Den­kens, den Weg von der Erfah­rung zum Wis­sen sicher beschrei­ten kann. Pop­per nimmt diese Theo­rie nicht als Theo­rie über das Erken­nen, die er als bekann­ter­ma­ßen „kri­ti­scher“, von der „Fehl­bar­keit“ theo­re­ti­scher Bemü­hun­gen über­zeug­ter Phi­lo­soph zu über­prü­fen hätte, son­dern akzep­tiert sie als ein in sei­nen Krei­sen aner­kann­tes Dogma, an das er – das wirft ein Licht auf die Etage, in der die­ser Herr her­um­denkt! – wie an ein Fak­tum anknüpft. Aller­dings mit der ent­ge­gen­ge­setz­ten Absicht: Er benützt die fal­sche Manier sei­ner erkennt­nis­theo­re­ti­schen Vor­fah­ren, objek­tive Wis­sen­schaft als mög­lich nach­zu­wei­sen, um aus deren Kon­struk­ten die Unmög­lich­keit von Wis­sen zu bewei­sen, und macht sich mit die­sem Ergeb­nis an eine grund­sätz­li­che Neu­fest­set­zung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Theo­rien und deren Gegen­stän­den. Konnte man bei den alten Erkennt­nis­theo­re­ti­kern die Frage, wie die Wis­sen­schaft ver­fährt, noch mit einem ratio­nel­len Anlie­gen ver­wech­seln, geht dies bei dem moder­nen Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker end­gül­tig nicht mehr.

2. Wie Wis­sen­schaft geht

Seine Pro­blem­stel­lung, wie man unter der Prä­misse, dass Wis­sen nicht zu haben ist, ein Ver­ständ­nis davon ent­wi­ckeln kann, wie Wis­sen­schaft geht, visiert Pop­per bereits im ers­ten Satz sei­ner „Logik der For­schung“ an:

„Die Tätig­keit des wis­sen­schaft­li­chen For­schers besteht darin, Sätze oder Sys­teme von Sät­zen auf­zu­stel­len und sys­te­ma­tisch zu über­prü­fen; in den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten sind es ins­be­son­dere Hypo­the­sen, Theo­rie­sys­teme, die auf­ge­stellt und an der Erfah­rung durch Beob­ach­tung und Expe­ri­ment über­prüft wer­den.“ (I/​3)

Was sich Pop­per da als Über­prü­fung von Theo­rien vor­stellt, wäre für die Wis­sen­schaft, die aus der Erfah­rung ihre Schlüsse zieht, bes­ten­falls über­flüs­sig; warum soll sie nach voll­zo­ge­ner Theo­rie­bil­dung die Erfah­rung noch ein­mal zu Rate zie­hen, von der sie aus­geht? Und schon gleich han­delt es sich nicht um ein Ver­fah­ren, durch das sich Theo­rien über­prü­fen lie­ßen. Ver­kehrte Schlüsse wer­den schließ­lich aus der­sel­ben Erfah­rung gezo­gen wie die rich­ti­gen, sind also „an der Erfah­rung“ von die­sen gar nicht zu unter­schei­den. Zu ihrer Über­prü­fung wird man sich schon die Mühe machen müs­sen, sie nach­zu­voll­zie­hen. Auch Expe­ri­mente die­nen in der Wis­sen­schaft einem ande­ren Zweck. Durch sie wird d er Gegen­stand, über den die Wis­sen­schaft nach­denkt, von stö­ren­den Ein­flüs­sen der Umstände auf ihn getrennt, um aus sei­nen Bestim­mun­gen die rich­ti­gen Schlüsse zie­hen zu kön­nen. Das frei­lich sind ziem­lich unpas­sende Auf­klä­rungs­ver­su­che gegen­über einem, der sich vor­ge­nom­men hat, den Aus­gangs­punkt der Wis­sen­schaft zu leug­nen, und ihn zum nach­träg­lich ange­leg­ten Kri­te­rium ihrer Theo­rien umdeu­tet, um ein­sich­tig zu machen, dass Objek­ti­vi­tät ein Theo­rien äußer­li­cher Maß­stab ist. Was dann Theo­rien sind, wenn man sie von ihrem Bezug auf ihre Gegen­stände trennt, erläu­tert uns Pop­per so:

„Unsere Theo­rien sind unsere Erfin­dun­gen. Sie möge n oft nichts Bes­se­res sein als schlecht durch­dachte Mut­ma­ßun­gen. Sie sind nie mehr als kühne Ver­mu­tun­gen, Hypo­the­sen. (IV/​80)

Dass er dabei womög­lich von sich auf andere schließt, ist natür­lich aus­ge­schlos­sen. Seine „Mut­ma­ßun­gen“ über die Wis­sen­schaft sind die ein­zig objek­ti­ven. Selbst dann, wenn er sich alle Mühe macht, mit ihnen auch noch das Miss­ver­ständ­nis aus­zu­räu­men, dass durch die „Über­prü­fung an der Erfah­rung“ für die Wis­sen­schaft je wie­der eine Spur von Objek­ti­vi­tät zu gewin­nen ist. Nach­dem er die Erfah­rung als Maß­stab für Objek­ti­vi­tät ein­ge­führt hat, um den Theo­rien ihre Objek­ti­vi­tät abzu­spre­chen, besteht er dar­auf, dass der Erfah­rung grund­sätz­lich der­selbe Man­gel anhaf­tet, den er den Theo­rien ange­hängt hat:

„Was immer uns ‚gege­ben‘ ist, ist bereits theo­re­tisch inter­pre­tiert, ent­schlüs­selt, von Hypo­the­sen durch­tränkt.“ (IV/​201)

Warum die Wis­sen­schaft ihre „Erfin­dun­gen“ dann über­haupt über­prüft, wenn die „Über­prü­fung“ an einem Maß­stab statt­fin­det, der selbst nicht objek­tiv ist, son­dern auf eben sol­chen Erfin­dun­gen beruht, bleibt ziem­lich uner­find­lich. Zwei­fel an der „küh­nen Ver­mu­tung“, dass sich die Wis­sen­schaft im Span­nungs­feld zwi­schen „raten“ (I/​223) und dem Anle­gen eines mehr als frag­wür­dig en Kri­te­ri­ums abspielt, sind den­noch nicht ange­bracht. Mit sei­ner Behaup­tung beruft sich Pop­per näm­lich auf die wirk­li­che Wis­sen­schaft und strebt damit ziel­si­cher den Gip­fel wis­sen­schafts­theo­re­ti­scher Dumm­hei­ten an, mit wis­sen­schaft­li­chen Ein­sich­ten ein Bild von Wis­sen­schaft bestä­ti­gen zu wol­len, mit dem Pop­per deren Objek­ti­vi­tät bestrei­tet. Das macht natür­lich ein paar Stil­blü­ten fäl­lig. Z.B. dann, wenn die nahe­lie­gende Frage zur Beant­wor­tung ansteht, wo die „Theo­rien“ eigent­lich her­kom­men, wenn sie der Erfah­rung vor­her­ge­hen und diese bestimmen:

„Fast alle Phi­lo­so­phen gehen davon aus, dass wir unser Wis­sen durch Anschau­ung der Außen­welt bekom­men. Das halte ich – mit Kant – für falsch. Ich glaube, es ist heute son­nen­klar, dass wir mit bereits fast allem unse­rem Wis­sen gebo­ren wer­den. Fast all unser Wis­sen ist in der gene­ti­schen DNS gespei­chert.“ (VI)

„DNS“ – das fällt nicht in die Rubrik der theo­re­ti­schen Fik­tio­nen; das klingt unan­fecht­bar objek­tiv und ver­leiht der Bot­schaft von der Zwei­fel­haf­tig­keit allen Wis­sens eine unwi­der­leg­li­che Würze. Den­sel­ben Zweck erfüllt auch der stets ange­brachte Ver­weis auf berühmte Wis­sen­schaft­ler, mit denen man per­sön­lich bekannt ist. Aus einem inti­men Gespräch mit Niels Bohr erfährt man z.B.: „Er hat lange gehofft, eine wirk­li­che Erklä­rung für seine Atom­theo­rie zu fin­den, und wurde in die­ser Erwar­tung ent­täuscht.“ (VII) Pop­per ist Sowas nicht mal pein­lich, obwohl sich der Ver­dacht auf­drängt, dass Bohrs Atom­theo­rie die gesuchte Erklä­rung ist und ein ganz ande­rer „ent­täuscht“ war, sie nicht ver­stan­den zu haben. Und natür­lich darf Ein­stein nicht feh­len, des­sen wis­sen­schaft­li­che Größe in der Bereit­schaft bestan­den haben soll, seine Theo­rie scho­nungs­los der expe­ri­men­tel­len Über­prü­fung an der Erfah­rung aus­zu­set­zen, obwohl der Mann dafür bekannt ist, außer Gedan­kenexpe­ri­men­ten nie ein Expe­ri­ment gemacht zu haben.

3. Was die Wis­sen­schaft darf

Der Ver­weis auf aner­kannte Auto­ri­tä­ten, der die Behaup­tung beglau­bi­gen soll, dass die Wis­sen­schaft tat­säch­lich so ver­fährt, wie Pop­per erläu­tert, macht sich gerade des­we­gen so gut, weil seine Aus­künfte über die „Methode der Wis­sen­schaft“ nach allen Sei­ten hin ein Eti­ket­ten­schwin­del sind: Was Pop­per unter der Über­schrift „Theo­rien an der Erfah­rung über­prü­fen“ abhan­delt, zielt ers­tens nicht auf eine Über­prü­fung von Theo­rien. Er selbst beharrt dar­auf, dass weder die sach­li­che Über­ein­stim­mung einer Theo­rie mit der Erfah­rung noch ihre Abwei­chung von ihr etwas über die Theo­rie aus­sagt: Sie ist durch „noch so viele Beob­ach­tun­gen“ – siehe Induk­tion – nicht zu „veri­fi­zie­ren“, aber auch durch eine Abwei­chung nicht zu „fal­si­fi­zie­ren“, da die Wis­sen­schaft, wie Pop­per „zuge­ben“ (I/​16) muss, gele­gent­lich ganz gut daran tut, neue Erfah­run­gen nicht zum Anlass zu neh­men, ihre bis­he­ri­gen Theo­rien über den Haufe n zu wer­fen, son­dern sie durch zusätz­lich „ein­ge­führte Hilfs­hy­po­the­sen“ (IV/​53) zu erklä­ren. Mun­ter führt Pop­per also Argu­mente an, die seine „Über­prü­fungs­me­thode“ gründ­lich ad absur­dum füh­ren. Nur hält er sich durch diese Argu­mente nicht für wider­legt, son­dern insis­tiert mit ihnen dar­auf, dass in der Wis­sen­schaft eine Über­prü­fungs­me­thode zur Anwen­dung gelangt, die nicht zur Klä­rung der Frage führt, ob die Theo­rien stim­men. Ihm gefällt diese Prü­fung näm­lich gerade des­we­gen, weil sie mit die­sem offe­nen Ergeb­nis aus­geht, und er besteht auf die­sem Ergeb­nis so sehr, dass er die Anstren­gung, Zwei­fel an einer Theo­rie aus­zu­räu­men, nur als den unstatt­haf­ten Ver­such wer­ten kann, sich der Prü­fung zu entziehen:

„Wenn wir der­ar­tige Immu­ni­sie­run­gen zulas­sen, dann wird jede Theo­rie unfal­si­fi­zier­bar. Folg­lich müs­sen wir wenigs­tens einige Immu­ni­sie­rungs­me­tho­den aus­schlie­ßen. (IV/​53)

Er erhebt es daher gera­dezu zum Kri­te­rium wis­sen­schaft­li­cher Theo­rien, dass sie mög­li­cher­weise falsch, also kein Wis­sen sind:

„Wenn jemand eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie auf­stellt, dann soll er, wie Ein­stein, die Frage beant­wor­ten: ‚Unter wel­chen Bedin­gun­gen würde ich zuge­ben, dass meine Theo­rie falsch ist?‘ Mit ande­ren Wor­ten: wel­che mög­li­chen Tat­sa­chen würd e ich als Wider­le­gung (als ‚Fal­si­fi­ka­tion‘) mei­ner Theo­rie akzep­tie­ren.“ (IV/​53)

Eine ziem­lich bescheu­erte Auf­for­de­rung, möchte man mei­nen, denn was für „Tat­sa­chen“ sol­len das sein, die „mög­lich“ sind, obwohl sie theo­re­tisch aus­ge­schlos­sen sind? Pop­per ver­langt von jedem Theo­re­ti­ker, ohne jeden Grund und im Wider­spruch zu den Grün­den, die er in sei­ner Theo­rie gel­tend macht, anzu­er­ken­nen, dass es sich mit der Sache auch anders ver­hal­ten könnte. Er for­dert also gar nicht die Prü­fung der Theo­rie, son­dern will die Hal­tung des Theo­re­ti­kers zu sei­ner Theo­rie auf die Probe stel­len. Der soll einen in nichts begrün­dete n, skep­ti­schen Vor­be­halt gegen seine eige­nen Auf­fas­sun­gen gel­ten las­sen, den Pop­per mit den Prä­di­ka­ten „kri­tisch“ und „ratio­nal“ aus­stat­tet, obwohl er weder kri­tisch ist, weil mit ihm gegen nichts ein begrün­de­ter Ein­wand erho­ben wird, noch ver­nünf­tig, weil er gar keine theo­re­ti­sche Leis­tung dar­stellt, son­dern nur in der Wei­ge­rung besteht, Theo­rien über­haupt nach­zu­voll­zie­hen. Diese atheo­re­ti­sche Ein­stel­lung ist alles andere als eine Methode, „um her­aus­zu­fin­den, wo wir uns geirrt haben“ (IV/​118). Sie ist ein Aus­schluß­grund der unsach­li­chen Art, mit dem Pop­per „Dog­ma­ti­ker“ aus­macht – eine Kenn­zeich­nung, die zeigt, wie sach­lich Pop­per argu­men­tiert: er asso­zi­iert Leute, die Argu­mente dafür haben, an ihrem Wis­sen fest­zu­hal­ten, mit der Kir­che, die zum Glau­ben an ihre Lehr­sätze auf­for­dert! – und aus dem Reich der Wis­sen­schaft exkommuniziert.

Mit der unter dem Namen Erfah­rung fir­mie­ren­den Geis­tes­leis­tung – des Eti­ket­ten­schwin­dels zwei­ter Teil“-, die Pop­per immer­hin als Maß­stab der Theo­rie­bil­dung ein­ge­führt hat, hat die­ser Aus­schluß­grund schon lange nichts mehr zu tun. Die hat sich unter der Hand ja auch schon auf­ge­löst in die Behaup­tung, „von Theo­rien durch­tränkt“ zu sein. Der Maß­stab, den er an Theo­rien ange­legt sehen will, sin d also gar nicht „die Tat­sa­chen“, son­dern ist durch andere Auf­fas­sun­gen von ihnen bestimmt. Wenn dann der Antrag an die Wis­sen­schaft ergeht, sich an die­sem Maß­stab zu ori­en­tie­ren, dann geht es bei der Theo­rie­bil­dung darum, nicht aus dem Rah­men des­sen zu fal­len, was in die beste­hende Geis­tes­land­schaft passt. Pop­per kann das auch noch deut­li­cher sagen. Unter der Über­schrift „Das Pro­blem der Erfah­rungs­grund­lage“ (I/​17) han­delt er die Wahr­neh­mung als ein „sub­jek­ti­ves Über­zeu­gungs­er­leb­nis“ (1÷18) ab, um schon ein­mal klar­zu­stel­len, dass sie ihn jeden­falls nicht als „Erfah­rungs­grund­lage“ der Wis­sen­schaft über­zeu­gen kann. Damit ver­schafft er sich die Frei­heit, ein ande­res Kri­te­rium für jene „Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen“ ins Spiel zu brin­gen, die der Wis­sen­schaft als Maß­stab die­nen sol­len: Sie müs­sen „inter­sub­jek­tiv nach­prüf­bar“ (I/​18) sein und wer­den von der For­scher­ge­meinde „durch Beschluss, durch Kon­ven­tion aner­kannt“ (I/​71). Was diese all­sei­tige Aner­ken­nung genießt, darf in sei­nen Augen dann getrost als Tat­sa­che fir­mie­ren, an der sich eine „Theo­rie bewährt“, auch wenn es mit einer Tat­sa­che in dem Sinn nicht mehr zu ver­wech­seln ist. Unter die­ses Kri­te­rium fällt alles, was dem Ver­ein freier For­scher als nütz­li­cher Gedanke erscheint:

„Die Theo­rie ist ein Werk­zeug, das wir durch Anwen­dung erpro­ben und über des­sen Zweck­mä­ßig­keit wir im Zusam­men­hang mit sei­ner Anwen­dung ent­schei­den.“ (I/​73)

Und Pop­per erläu­tert auch, was die­ser „Stand­punkt der prak­ti­schen Nütz­lich­keit der Wis­sen­schaft“ (II/​35) in Bezug auf eine Gesell­schaft heißt, die nicht auf Wis­sen beruh t, der Wis­sen also auch nicht nütz­lich ist. Er ent­wirft das Bild einer für „Sozi­al­tech­no­lo­gie“ (IIIb/​98) nütz­li­chen Wis­sen­schaft, die sich Fra­gen wie „Was ist der Staat?“ oder „Was ist Kre­dit?“ (II/​24) gar nicht erst stellt, die nicht dem „welt­ab­ge­wand­ten intel­lek­tu­el­len Inter­esse am Warum gesell­schaft­li­cher Phä­no­mene“ (II/​46) nach­geht, son­dern sich auf die Frage fest­legt, „wel­che Maß­nah­men wir ergrei­fen kön­nen, wenn wir bestimmte Resul­tate erzie­len wol­len“ (II/​34), damit „soziale Ver­bes­se­rungs­vor­schläge“ (II/​47) erar­bei­ten will und ziel­si­cher an die all­seits aner­kann­ten Pro­bleme anknüpft – die keine Tat­sa­chen sind, son­dern ideo­lo­gi­sche Deu­tun­gen der Fak­ten, die die poli­ti­sche Macht setzt!“-, um diese Pro­bleme aus dem kon­struk­ti­ven Geist der Sorge um ihre Bewäl­ti­gung her­aus zu beden­ken. Diese Sorte Anpas­sung an die Wirk­lich­keit hat Pop­per mit sei­nem Empi­ris­mus im Auge.

Der Eti­ket­ten­schwin­del ins­ge­samt be steht also darin, dass Pop­per gar kein Ver­fah­ren der Wis­sen­schaft abhan­delt, son­dern Ein­stel­lun­gen zu ihr begrün­det. Seine „Methode der Wis­sen­schaft“ beschreibt nicht, wie die vor­han­dene Wis­sen­schaft geht. Sie gibt auch kein Rezept für das Betrei­ben von Wis­sen­schaft an die Hand, noch nicht ein­mal der ver­kehr­tes ten. Mit ihrem Skep­sis­ge­bot, mit ihrer Dia­lek­tik von Kühn­heit und Beschei­den­heit, mit ihrer Auf­lö­sung von Erfah­rungs­tat­sa­chen in Kon­ven­tio­nen, an denen eine gleich­ge­sinnte For­scher­ge­meinde Theo­rien schei­tern, ihren kon­struk­ti­ven Unsinn aber durch­ge­hen lässt, for­mu­liert seine Wis­sen­schafts­theo­rie eine Moral des Den­kens. Als Hal­tung, die der Ver­stand vor und bei aller Betä­ti­gung ein­zu­neh­men hat, schreibt Pop­per die Selbst­ge­nüg­sam­keit des pri­va­ten Spin­ti­sie­rens in Gemein­schaft vor und ver­langt den gründ­li­chen Ver­zicht, sich auch nur im gerings­ten an der Rea­li­tät zu ver­grei­fen, indem man sich ihr theo­re­tisch wid­met. Wenn auch der wis­sen­schaft­li­che Plu­ra­lis­mus nicht durch die Beher­zi­gung von Pop­pers Wis­sen­schafts­mo­ral zustande kommt, so passt sie mit ihrem Skep­sis­ge­bot – es ver­langt schließ­lich nichts ande­res, als anzu­er­ken­nen, dass andere Auf­fas­sun­gen von der Sache gerade so gut mög­lich, die eige­nen also uner­heb­lich sind – ein­zig auf diese Ver­an­stal­tung, die „Kon­kur­renz von Hypo­the­sen“ (II/​121), das Neben­ein­an­der ein­an­der wider­spre­chen­der Theo­rien über den­sel­ben Gegen­stand, für das sich Pop­per so begeis­tern kann. Mit sei­ner Wis­sen­schafts­theo­rie erteilt er die­sem demo­kra­tisch orga­ni­sier­ten Plu­ra­lis­mus den metho­di­schen Segen, indem er – womit er Recht hat – auf des­sen Unver­ein­bar­keit mit Wis­sen besteht. Das geht nur über den Eti­ket­ten­schwin­del, den er unter­nimmt. Als Wis­sen­schaft soll das Ganze schon noch kennt­lich sein, wes­we­gen Pop­per in Titeln wie „Erfah­rung“ und „Kri­tik“ an das objek­tive Den­ken erin­nert, das er unter die­sen Titeln leug­net, und am Ende sogar dar­auf besteht, dass eine Wis­sen­schaft, die sei­nem prin­zi­pi­el­len Gebot zum Zwei­fel am Den­ken genügt, Objek­ti­vi­tät bean­spru­chen darf: „Erkennt­nis in die­sem Sinne ist objek­tiv“ (IV/​117).

II. Der poli­ti­sche Moralphilosoph

1. Wie Skep­sis Affir­ma­tion begründet

Wenn sich Pop­per außer über die Wis­sen­schaft auch noch über die Welt ins­ge­samt, die Demo­kra­tie, die Tech­nik, den Mar­xis­mus, die Grü­nen und die Jugend äußert, so ist der Ein­druck durch­aus ver­kehrt, er habe außer und neben sei­ner Wis­sen­schafts­theo­rie noch andere Theo­rien ent­wi­ckelt. Mit die­ser Dis­zi­plin, die ihn in sei­nem Forscher­le­ben „Induk­ti­ons­schlüsse“ und „Pro­bleme der Erfah­rungs­grund­lage“ stu­die­ren lässt, ist Pop­per bereits voll­stän­dig aus­ge­rüs­tet, zu all die­sen Ange­le­gen­hei­ten kom­pe­tent Stel­lung zu neh­men – und für die rich­tige Sache Par­tei zu ergrei­fen. Streng genom­men hat er dazu noch nicht ein­mal seine Wis­sen­schafts­theo­rie nötig; es reicht dafür der Stand­punkt, den sie recht­fer­tigt: Die „sokra­ti­sche Bemer­kung ‚ich weiß, dass ich nichts weiß‘“ (IV/​45), zu der er sich bekennt, nötigt die­sen Mann über­haupt nicht dazu, die Schnauze zu hal­ten – so ist die „intel­lek­tu­elle Beschei­den­heit“ (IV/​45) offen­bar nicht gemeint, die er pre­digt“-, son­dern erlaubt ihm viel­mehr die denk­bar umfas­sends­ten Aus­sa­gen über die Welt und ihr Inventar:

„Wir leben in einer wun­der­schö­nen Welt, und wir haben hier in der west­li­chen Welt das beste soziale Sys­tem geschaf­fen, das es bis­her je gege­ben hat.“ (X)

Wer nun Aus­füh­run­gen über das soziale Sys­tem erwar­tet oder wenigs­tens eine Auf­zäh­lung der Errun­gen­schaf­ten, die zu dem hem­mungs­lo­sen, von kei­ner­lei Skep­sis gebrems­ten Freu­den­tau­mel ver­an­las­sen könn­ten, wird ent­täuscht. Pop­per setzt sei­nen Bericht aus der „wun­der­schö­nen west­li­chen Welt“ näm­lich fort mit dem Hin­weis auf Pro­bleme, die es in die­ser Welt offen­bar gibt, und auf Schwie­rig­kei­ten, die es berei­tet sie auszuräumen:

„Und wir sind dau­ernd bemüht, es (das soziale Sys­tem) zu ver­bes­sern, es zu refor­mie­ren, was alles andere als ein­fach ist. Viele Refor­men, die sich uns als hoff­nungs­voll anbie­ten, stel­len sich lei­der als ver­fehlt her­aus. Denn es ist eine der wich­tigs­ten Ein­sich­ten, dass die Fol­gen unse­rer sozi­al­po­li­ti­schen Hand­lun­gen oft ganz andere sind, als wir beab­sich­tigt haben und vor­her­se­hen konn­ten.“ (X)

Was in die­ser Welt im Argen liegt und nach Ver­bes­se­rung ruft, erfährt man eben­so­we­nig, wie die Gründe dafür, warum der offen­bar all­seits vor­han­dene Ver­bes­se­rungs­wille so bestän­dig dane­ben­geht. Das ist auch gar nicht nötig. Die Leis­tung der Stel­lung­nahme besteht gerade darin, alles, was zu einer Kri­tik Anlass geben könnte – so ver­ein­nahmt man Ein­wände, ohne auf ihren Inhalt ein­zu­ge­hen!“-, ers­tens in ein Pro­blem z u ver­wan­deln, an des­sen Bewäl­ti­gung ein ide­el­les „wir“ arbei­tet, und zwei­tens dar­aus zu erklä­ren, dass die Pro­blem­be­wäl­ti­gung bis­lang geschei­tert ist. Gerade die nega­ti­ven Sei­ten der schöns­ten aller Wel­ten berech­ti­gen auf die Weise zum Glau­ben an die posi­tiv Absicht, die in ihr wal­tet. Aller­dings nur den­je­ni­gen , der drit­tens die Ver­wirk­li­chung die­ser Absicht gar nicht erst erwar­tet – geschweige denn auf ihr besteht“-, son­dern sich ihre Nicht­wirk­lich­keit mit der „Ein­sicht“ ver­ständ­lich macht, dass im Leben man­cher Schuss dane­ben geht, damit aber vier­tens nicht das Nicht­vor­han­den­sein der guten Absicht meint, son­dern ums o mehr dar­auf insis­tiert, dass sie im Modus der Mög­lich­keit vor­han­den ist:

„Die offene Zukunft ent­hält unab­seh­bare und mora­lisch gänz­lich ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten.“ (X)

Wor­auf Pop­per seine affir­ma­tive Sicht der Wirk­lich­keit grün­det, ist nichts, was er in der Wirk­lich­keit vor­fin­den würde, son­dern in einem Reich der Mög­lich­kei­ten ange­sie­delt, zu dem er sich als Skep­ti­ker den Zugang eröff­net. Als Skep­ti­ker, der Igno­ranz zur Vor­schrift macht und mit die­sem Stand­punkt alle in der Wirk­lich­keit gel­ten­den Not­wen­dig­kei­ten ide­ell außer Kraft setzt, ver­schafft er sich die Frei­heit, alles für denk­bar zu hal­ten. Aus die­sem stu­ren Behar­ren dar­auf, dass es auch anders kom­men kann, folgt zwar noch nicht ein­mal der affir­ma­tive Bezug auf die dann „offe­nen“ Mög­lich­kei­ten, recht­fer­ti­gen lässt sich mit ihm jedoch jeder sinn­stif­tende Unsinn. Näm­lich nega­tiv dadurch, dass nichts aus­ge­schlos­sen ist, wenn man sich sys­te­ma­tisch blöd stellt. Auch andere Sinn­stif­ter vor und vor allem nach Pop­per bewe­gen sich mit ihren Sicht­wei­sen im Modus der Mög­lich­keit. Sie beken­nen sich dazu, indem sie dar­auf hin­wei­sen, dass sich ihre Sicht der Dinge ganz dem Gesichts­punkt ver­dankt, und mit die­sem Hin­weis dar­auf behar­ren, dass man die Sache so sehen kann, wenn man ihren Gesichts­punkt anlegt. Im Unter­schied zu ihnen ver­zich­tet Pop­per aller­dings ganz dar­auf, in sei­nem Bei­trag zum posi­ti­ven Den­ken über­haupt einen bestimm­ten Aspekt anzu­ge­ben, mit dem sich wenigs­tens die Form des Begrün­dens wah­ren ließe, und nimmt die Kate­go­rie der Mög­lich­keit gleich selbst als welt­an­schau­li­che s Prin­zip. Inso­fern bringt er es so recht auch gar nicht zu einer eige­nen mora­li­schen Vor­stel­lung, son­dern steht über allen ande­ren und bestä­tigt ihnen, dass sie mög­lich sind.

2. Wieso das Reich der Mög­lich­kei­ten demo­kra­tisch ist

Da ist es schon erstaun­lich, mit wel­cher Sicher­heit die­ser Mann, aus­ge­rüs­tet nur mit der abs­trak­ten Idee, dass die Zukunft „offen“ ist – natür­lich ist auch die Gesell­schaft „offen“ und vol­ler Mög­lich­kei­ten“-, die Demo­kra­tie als seine Hei­mat iden­ti­fi­ziert und sogar vom damals noch real-​existierenden Sys­tem­feind unter­schei­den kann. Aber irgend­wie gelingt es ihm:

„Selbst­ver­ständ­lich gibt es immer Dinge, di e nicht gut sind und die ver­bes­sert wer­den müs­sen. Aber um hier Abhilfe zu schaf­fen, dazu sind unter ande­rem die Poli­ti­ker da. Jeden­falls in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft.“ (IX)

Die­sen soli­den, aus der Ein­stel­lung des Pro­ble­ma­ti­sie­rens und Hof­fens gewon­nen Befund über die Ziel­set­zung demo­kra­ti­scher Poli­tik, hätte Pop­per frei­lich gera­de­so­gut über die Poli­ti­ker im Reich des Bösen auf­stel­len kön­nen. Er tut es aller­dings nicht, son­dern schließt sich mit ihm einem ziem­lich tota­li­tä­ren Sys­tem­ver­gleich an, in dem die Demo­kra­tie gar nicht als zu beur­tei­lende Staats­form vor­kommt, son­dern als Maß­stab aller ande­ren Staats­for­men, deren Unwert damit fest­steht, dass sie nicht demo­kra­tisch sind:

„Wir brau­chen nur zwi­schen zwei Regie­rungs­for­men zu unter­schei­den… Demo­kra­tien und Tyran­neien.“ (IIIb/​189)

Und er braucht für diese par­tei­li­che Unter­schei­dung tat­säch­lich nichts wei­ter als sein Fai­ble für mit Skep­sis vor getra­gene, kon­kur­rie­rende Welt­an­schau­un­gen, weil er die­sen affir­ma­ti­ven Aspekt der Demo­kra­tie abge­won­nen hat. Sie schätzt er, weil sie eben diese Sorte Geis­tes­le­ben garantiert:

„Die Wis­sen­schaft, und ins­be­son­dere der wis­sen­schaft­li­che Fort­schritt… braucht immer mehr Kon­kur­renz zwi­schen Hypo­the­sen… Letzt­lich hängt d er Fort­schritt in sehr hohem Maße von poli­ti­schen Fak­to­ren ab, von poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen, wel­che die Gedan­ken­frei­heit garan­tie­ren: von der Demo­kra­tie.“ (II/​121)

Der Demo­kra­tie gereicht es in Pop­pers Augen zur Ehre, dass sie einen wis­sen­schaft­li­chen Plu­ra­lis­mus ein­rich­tet, den sie mit dem Gebot zur Tole­ranz gegen­über anders­lau­ten­den Auf­fas­sun­gen und jedem Unsinn auf das Bekennt­nis zur prak­ti­schen Belang­lo­sig­keit der zustande kom­men­den Gedan­ken fest­legt. Für sie spricht, dass sie über­haupt eine Wis­sen­schaft zulässt – was Pop­per läs­sig dar­über hin­weg­bli­cken lässt, dass der demo­kra­ti­sche Staat sich in sei­ner Pra­xis nach wis­sen­schaft­li­chen Ein­sich­ten gerade nicht rich­tet und mit sei­nem Tole­ranz­ge­bot ganz prin­zi­pi­ell auf sei­ner Hand­lungs­frei­heit besteht. Aus dem für das Han­deln der Poli­ti­ker gar nicht maß­geb­li­chen Blick­win­kel betrach­tet, dass es in der Demo­kra­tie schwer auf Wis­sen­schaft ankommt, steht in Pop­pers Welt­sicht dann alles gründ­lich auf dem Kopf. In den­je­ni­gen, deren Ver­stan­des­leis­tun­gen der Staat für seine Bedürf­nisse und die Bedürf­nisse sei­ner Kapi­ta­lis­ten instru­men­ta­li­siert, erkennt Pop­per ziel­si­cher die wah­ren Sub­jekte, die den gesell­schaft­li­chen Fort­schritt vor­an­trei­ben – „Tech­ni­ker und Wis­sen­schaft­ler sind die ein­zi­gen, die wirk­lich hel­fen kön­nen.“ (IX) – auch wenn sie als Sub­jekte des Gesche­hens einen nicht gerade glaub­wür­di­gen Ein­druck machen:

„Alle Tech­ni­ker haben ein gro­ßes Inter­esse daran, die von der Tech­nik ver­ur­sach­ten Schä­den wie­der zu besei­ti­gen, und die auf Wis­sen­schaft basie­rende Tech­nik ist das ein­zige, was uns hel­fen kann, diese Schä­den wie­der in Ord­nung zu brin­gen.“ (VII)

Die schon bekannte Dia­lek­tik von Ver­bes­sern und Schei­tern erüb­rigt die nähere Befas­sung mit der Frage, was für „Schä­den“ das sind und von wel­chem Ein­satz der Tech­nik für wel­che Zwe­cke sie her­rüh­ren. Zumal sich die schäd­li­chen Wir­kun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise auf Mensch und Natur auch läs­sig über­se­hen las­sen, wenn man sich auf die wirk­lich groß­ar­ti­gen Errun­gen­schaf­ten der Tech­nik konzentriert:

„Die Tech­nik hat uns, und ins­be­son­dere die Frauen, befreit. Die Wasch­ma­schine zum Bei­spiel und flie­ßen­des kal­tes und war­mes Was­ser, und der Kühl­schrank…“ (IX),

… das sind sie dann auch schon, die Gebrauchswerte, die Pop­per als Beleg dafür ein­fal­len, dass eine für die Wertpro­duk­tion instru­men­ta­li­sierte Tech­nik zur Meh­rung des Nut­zens und Min­de­rung des Scha­dens da ist! Und auch sie wer­den übri­gens nicht von der Tech­nik zur Ver­fü­gung gestellt, son­dern von Kapi­ta­lis­ten verkauft.

Die Demo­kra­tie – „und sie allein“ (IIIa/​25) – stellt in Pop­pers kru­der Welt­sicht umge­kehrt als die­nende Macht den „insti­tu­tio­nel­len Rah­men“ (IIIa/​25) für den all­seits täti­gen, kon­struk­ti­ven Geist; „ein unschätz­ba­res Kampf­feld für jede ver­nünf­tige Reform, da sie Refor­men ohne Gewalt­an­wen­dun­gen zulässt“ (IIIb/​189) und „die Anwen­dung der Ver­nunft auf die Fra­gen der Poli­tik“ (IIIa/​25) erlaubt. Um zu die­ser Ein­sicht zu gelan­gen, muss Pop­per das Tole­ranz­ge­bot, dem die Demo­kra­tie ihre Unter­ta­nen unter­wirft, irgend­wie ver­wech­selt haben mit einer Regel, der die Herr­schaft sich unter­wirft. Jeden­falls führt er als Beweis für seine unge­heu­er­li­che Behaup­tung, dass Demo­kra­ten für ver­nünf­tige Ände­rungs­wün­sche an ihrer Poli­tik zugäng­lich sind, Wah­len an, wie sie die Demo­kra­tie noch nicht gese­hen hat. Durch sie, meint er, „kön­nen die Herr­scher – das heißt die Regie­rung – von den Beherrsch­ten ent­las­sen wer­den, ohne dass es zu Aus­schrei­tun­gen und zu Blut­ver­gie­ßen kommt.“ (IIIb/​188) Natür­lich glaubt das auch Pop­per nicht. Er erlaubt sich mit sei­nem „das heißt“ nur den klei­nen Spaß, das Aus­wech­seln einer Regie­rungs­mann­schaft gleich­zu­set­zen mit der Vor­stel­lung, die Unter­ta­nen könn­ten eine ihnen nicht genehme Herr­schaft los wer­den, um seine kühne Hypo­these, die Demo­kra­tie sei ein Tum­mel­platz für Leute, die ver­nünf­tige oder auch nur gute Absich­ten gel­tend machen wol­len, wenigs­tens in der Mög­lich­keits­form zu retten.

Ansons­ten ist gerade ihm geläu­fig, dass die Demo­kra­tie jedes Blut­ver­gie­ßen recht­fer­tigt, wenn es um ihre Herr­schaft geht. Schließ­lich recht­fer­tigt er es selbst:

„In einem ein­zi­gen wei­te­ren Fall“ – der andere ist die „Errich­tung einer Demo­kra­tie“ (IIIb/​178) – „halte ich die Anwen­dung von Gewalt in poli­ti­schen Kämp­fen für gerecht­fer­tigt. Ich meine den Wider­stand – nach Errich­tung der Demo­kra­tie – gegen jeden Angriff (ob von innen oder außen) auf die demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung und auf die Ver­wen­dung demo­kra­ti­scher Metho­den.“ (IIIb/​178)

Pop­per legi­ti­miert die Gewalt der Demo­kra­tie – z.B. den „Ein­satz der Atom­bombe“ (IX) durch die USA – frei­lich nicht ehr­lich aus den wirk­li­chen Inter­es­sen, die der demo­kra­ti­sche Staat mit ihr ver­tei­digt, son­dern im Namen der „offe­nen Gesell­schafts­ord­nung, die die kri­ti­schen Fähig­kei­ten des Men­schen in Frei­heit setzt“ (IIIa/​21), im Namen der Mög­lich­kei­ten also, die sich der posi­tiv ein­ge­stellte Ver­stand ausmalt.

3. Was der Mensch darf

Darin wider­legt sich auch der Eti­ket­ten­schwin­del, den Pop­per in der prak­tisch en Abtei­lung sei­ner Phi­lo­so­phie in Szene setzt. Der Ges­tus des Ein­grei­fens, Ver­än­derns und Ver­bes­serns löst sich auf in die Erlaub­nis, sich allen mög­li­chen Illu­sio­nen über das Leben in der Demo­kra­tie hin­zu­ge­ben; eine Erlaub­nis, die Pop­per aus­drück­lich unter der Bedin­gung erteilt, dass dar­aus keine prak­ti­schen Ansprü­che fol­gen dür­fen. Sowe­nig Pop­pers Wis­sen­schafts­theo­rie eine Anlei­tung zum Theo­rie­trei­ben ist, sowe­nig ist seine prak­ti­sche Phi­lo­so­phie eine Aus­kunft über Pra­xis – weder über die wirk­li­che, die der demo­kra­ti­sche Staat auf seine Inter­es­sen fest­legt, noch über eine andere, die den Laden ver­nünf­ti­ger oder auch nur anders ein­rich­ten will. In ihr ver­kün­det Pop­per seine Moral fürs Leben, die affir­ma­tive Stel­lung zur statt­fin­den­den Pra­xis, die der von „intel­lek­tu­el­ler Beschei­den­heit“ nur so strot­zende Mann selbst­ver­ständ­lich nicht für seine Pri­vat­an­ge­le­gen­heit hält, son­dern dem Ver­stand ande­rer Leute vor­schrei­ben will. Die Leis­tung, die er als poli­ti­scher Mora­list voll­bringt, besteht darin, als oberste Tugend­wach­tel die Strö­mun­gen des Zeit­geists zu beauf­sich­ti­gen, jeden kri­ti­schen Gedan­ken, der ihm unter­kommt, als „gift­ge­schwän­gerte intel­lek­tu­elle Zeit­krank­heit“ (IIIb/​15) anzu­pran­gern und nach der Poli­zei zu rufen.

Seine größte Her­aus­for­de­rung in der Hin­sicht ist der Mar­xis­mus. Sei­ner Bekämp­fung wid­met er zwei Bücher, die er „unter dem Ein­druck des ers­ten Welt­krie­ges und der kom­mu­nis­ti­schen Mytho­lo­gie von der bevor­ste­hen­den Welt­re­vo­lu­tion.“ (II/​VII) bzw. „im Dun­kel der gegen­wär­ti­gen Welt­lage“ (IIIa/​7) – 1950 , der kalte Krieg läuft gerade auf Hoch­tou­ren – schreibt. Die Her­aus­for­de­rung ist also von vorn­her­ein weni­ger theo­re­ti­scher Natur, als in poli­ti­schen Lagen begrün­det, in denen der Staat unbe­dingte Par­tei­lich­keit gebie­tet – der sich der freie Den­ker nicht ver­schlie­ßen will. Die Feind­schafts­er­klä­rung der auf Demo­kra­tie und Markt­wirt­schaft abon­nier­ten Staa­ten gegen das andere Sys­tem begreift er umstands­los als sei­nen Auf­trag, die Wis­sen­schaft und den Zeit­geist gegen Infi­zie­rung mit der Staats­dok­trin des Sys­tem­feinds zu bewah­ren. Die ganze Wis­sen­schaft wird von ihm nach der poli­ti­schen Auf­trags­lage neu durch­sor­tiert: Ehren­werte Denk­tra­di­tio­nen – Pla­ton, Hegel („der Beginn zunächst intel­lek­tu­el­ler und spä­ter, als eine der Fol­gen, sitt­li­cher Ver­wahr­lo­sung“, IIIb/​36). – bringt er in Ver­ruf, den intel­lek­tu­el­len Brun­nen­ver­gif­ter Marx beför­dert zu haben; aner­kannte Fach­rich­tun­gen der bür­ger­li­chen Wis­sen­schaft – neben etli­chen erkennt­nis­theo­re­ti­schen –Ismen u.a. die Geschichts­phi­lo­so­phie, die Wis­sens­so­zio­lo­gie und die Psy­cho­ana­lyse – wer­den von ihm als „Fol­gen“ des Ungeists denun­ziert; der Vor­wurf der „fünf­ten Kolonne“ (IIIb/​96) – der Par­tei­lich­keit fürs fal­sche Sys­tem! – ergeht an die Intel­lek­tu­el­len ins­ge­samt. Ein schö­nes Bei­spiel dafür, wie das gesell­schaft­li­che Sein das Bewusst­sein bestimmt!

Das für den demo­kra­ti­schen Vor­zei­gein­tel­lek­tu­el­len Pein­li­che der poli­ti­schen Auf­trags­lage liegt darin, dass an Marx‘ Vor­wür­fen gegen das Aus­beu­ter­sys­tem nicht vor­bei­zu­kom­men ist, weil (und solange) jeder­mann in Gestalt der real-​existierenden Alter­na­tive an sie erin­nert wird. Die Theo­rie, die diese Vor­würfe begrün­det, ist nicht tot­zu­schwei­gen; Pop­per sieht sich zu einer „Kri­tik des Mar­xis­mus“ (IIIa/​7) veranlasst.

Er nimmt Marx als „Pro­phe­ten“, der mit sei­nem „Kapi­tal“ eine „Lehre von der geschicht­li­chen Not­wen­dig­keit“ (II/​VII ) ver­kün­den wollte, und ist mit sei­nem skep­ti­schen Durch­blick, dass die Zukunft „offen“ ist, eigent­lich auch schon am Ende sei­ner Marx-​Widerlegung:

„Es gibt kei­nen Grund zu der Annahme, dass die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten als ein­zige unter den Wis­sen­schaf­ten fähig sein soll­ten, den ural­ten Traum zu ver­wirk­li­chen: uns zu ent­hül­len, was für uns in der Zukunft ver­bor­gen liegt.“ (IIIb/​101)

Pop­per redet als Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker über die Theo­rie, mit der er abrech­nen möchte, was den Vor­teil hat, deren Inhalt nicht in Betracht zie­hen zu müs­sen. Dass das „Kapi­tal“ nicht von der Wis­sen­schaft, son­dern von der Öko­no­mie han­delt, hin­dert ihn nicht daran, ihm einen Begriff von Wis­sen­schaft zu ent­neh­men, den er „His­to­ri­zis­mus“ nennt und für wider­legt hält: Er weiß näm­lich, dass Wis­sen­schaft im Auf­stel­len von Vor­aus­sa­gen besteht, die sich nicht bewei­sen las­sen! Obwohl Pop­per ein gan­zes Buch über „Das Elend des His­to­ri­zis­mus“ geschrie­ben hat, in dem sogar „His­to­ri­zis­ten“ vor­kom­men und vor­ge­führt wird, wie „ver­schie­dene Vari­an­ten“ (II/​17) die­ser Spe­zies argu­men­tie­ren könn­ten und womög­lich „tat­säch­lich“ argu­men­tie­ren – „Ideen die­ser Art sind von man­chen His­to­ri­zis­ten tat­säch­lich ver­tre­ten wor­den…“ (II/​43)“-, ist kaum anzu­neh­men, dass über­haupt jemals irgendwo einer so schwach­sin­nig gewe­sen ist, Wis­sen­schaft und Hell­se­he­rei zu ver­wech­seln und „his­to­ri­zis­tisch“ zu den­ken. Pop­per legt sich in die­sem Ismus ja auch ziem­lich offen­sicht­lich nur das kon­stru­ierte Gegen­bild zu sei­nem Glau­ben an die „offe­nen“ Mög­lich­kei­ten zurecht, dass näm­lich „die Wis­sen­schaft die Zukunft vor­her­sa­gen kann“, weil sie „vor­her­be­stimmt ist“ (IIIb/​100). Er führt also gegen Marx ein Schein­ge­fecht, in dem er einen Papp­ka­me­ra­den auf­baut und abschießt.

Was diese Unter­neh­mung so umfäng­lich gera­ten lässt – in sei­nem Buch „Die offe­nen Gesell­schaft und ihre Feinde“ braucht Pop­per für sie über 200 Seit en“-, ist der Umstand, dass es gar nicht so ein­fach ist, Marx‘ Theo­rie mit dem Ver­such der Hell­se­he­rei zu iden­ti­fi­zie­ren. Nach­dem sich Pop­per erst ein­mal 60 Sei­ten lang über die Marx unter­stellte Schwachsinns-„Methode“ auslässt –

„Der Mar­xis­mus ist eine rein his­to­ri­zis­ti­sche Theo­rie, eine Theo­rie, die sich die Auf­gabe setzt, de n zukünf­ti­gen Ver­lauf öko­no­mi­scher und macht­po­li­ti­scher Ent­wick­lun­gen und ins­be­son­dere den Ablauf von Revo­lu­tio­nen vor­her­zu­sa­gen.“ (IIIb/​98) -

wird es Zeit, Marx‘ Theo­rie zur Hand zu neh­men und zu „Mar­xens Pro­phe­zei­ung“ zu kom­men, näm­lich der „Vor­aus­sage des Auf­tre­tens einer klas­sen­lo­sen, das heißt eine r sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft“ (IIIb/​161). Da Pop­per diese Pro­phe­zei­ung im „Kapi­tal“ lei­der nur ansatz­weise ent­wi­ckelt und zum größ­ten Teil „nur ange­deu­tet“ (IIIb/​161) fin­det, sieht er sich genö­tigt, auf den nächs­ten 40 Sei­ten das Ver­misste selbst nach­zu­rei­chen. Und Pop­per führt nicht nur die Argu­mente an, di e er bei Marx ver­geb­lich gesucht hat, er kom­men­tiert sie auch noch kri­tisch! Über­haupt muss das „Kapi­tal“ gründ­lich „ver­bes­sert“ (IIIb/​209) wer­den, weil Marx furcht­bar schlecht für seine Vor­her­sage argu­men­tiert hat – „um seine Theo­rie so über­zeu­gend wie mög­lich dar­zu­stel­len, habe ich sie etwas abge­än­dert“ (IIIb /​209). Statt­des­sen hat er sich mit für den Ver­such, den „Ablauf von Revo­lu­tio­nen“ vor­her­zu­se­hen, nun wirk­lich gänz­lich über­flüs­si­gen Ange­le­gen­hei­ten aufgehalten:

„Ich halte die Wert­theo­rie von Marx, die gewöhn­lich bei den Mar­xis­ten sowie bei Geg­nern des Mar­xis­mus als ein Eck­stein des mar­xis­ti­schen Gebäu­des(?) gilt, für einen ziem­lich unwich­ti­gen Bestand­teil…“ (IIIb/​199)

Zumal sich ohne die Wert­theo­rie man­ches auch wie­der in ver­ständ­li­chen Wor­ten sagen lässt, z.B. dass die „Akku­mu­la­tion des Kapi­tals“, von der Marx spricht, soviel „bedeu­tet“ wie Ver­meh­rung „der Maschi­nen“ (IIIb/​209) etc…

So schwer tut sich der bür­ger­li­che Den­ker, das lei­der nun ein­mal vor­han­dene und (damals) nicht zu über­ge­hende Wis­sen um die im Kapi­ta­lis­mus gel­ten­den Not­wen­dig­kei­ten abzu­strei­ten, mit dem auch – und das berührt Pop­per sicht­lich! – alle Illu­sio­nen dar­über kri­ti­siert sind, was inner­halb die­ses Sys­tems alles mög­lich ist und wie viel Platz es dem huma­nis­ti­schen Ver­bes­se­rungs­wil­len lässt. Die­sen Ver­bes­se­rungs­wil­len gesteht Pop­per auch Marx gerne zu; „Marx hatte ein bren­nen­des Ver­lan­gen, den Unter­drück­ten zu hel­fen“ (IIIb/​97). Er muss ihn lei­der den­noch als Ver­bre­cher brand­mar­ken, weil er mit sei­ner Theo­rie dar­auf bestan­den hat, dass es „eine eitle Hoff­nung (ist), wenn wir glau­ben, dass die Zustände ver­bes­sert wer­den kön­nen.“ (IIIb/​133) Diese Hoff­nung – es macht nichts, dass sie „eitel“ ist! – ist es näm­lich, die dem Leben in der Demo­kra­tie einen Sinn gibt und den Men­schen nicht aus­ras­ten lässt:

„Dadurch, dass man den jun­gen Leu­ten ein­re­det, dass sie in einer schlech­ten Welt leben, treibt man sie bis zum Selbst­mord und bis zum Ter­ro­ris­mus.“ (IX)

Sol­che Aus­künfte über dem Men­schen, zumal dem jun­gen Men­schen eigen­tüm­li­che Reak­ti­ons­mus­ter haben sich, nach­dem die Sache mit Marx prak­tisch erle­digt war, alle ande­ren kri­ti­schen Geis­ter, vor allem „die Intel­lek­tu­el­len“ (IX), u.a. die Grü­nen, als Vor­wurf anhö­ren müs­sen: Von einem Mann, des­sen Men­schen­bild eine „eitle Hoff­nung“ als das Lebens­mit­tel vor­sieht, auf das der Mensch – zumal dann, wenn er durch die Unter­wer­fung unter die Sach­zwänge, die die Demo­kra­tie ein­rich­tet, sitt­lich noch nicht gefes­tigt ist! – ein Anrecht hat und das ihm die Demo­kra­tie gewährt! Das haben die herr­schen­den Demo­kra­ten und ihre Öffent­lich­keit Pop­per gedankt.

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I Logik der For­schung. 2. Aufl., Tübin­gen 1966; (1. deut­sche Aus­gabe 1934)II Das Elend des His­to­ri­zis­mus. 2. Aufl., Tübin­gen 1969; (1. engl. Ausg. 1944) IIIa Die offene Gesell­schaft und ihre Feinde. (Bd.1) Der Zau­ber Pla­tons. 6. Aufl., Tübin­gen 1980 (1. engl. Aufl. 1944) IIIb Die offene Gesell­schaft und ihre Feinde. (Bd.2) Fal­sche Pro­phe­ten. Hegel, Marx und die Fol­gen; 7. Aufl. Tübin­gen 1992IV Aus­gangs­punkte. Meine intel­lek­tu­elle Ent­wick­lung. 1. Aufl., Ham­burg 1979 V Das Ich und sein Gehirn. (Zusam­men mit John Eccles); 10. Aufl. Mün­chen 1991VI Inter­view in Die Welt vom 6.7.87VII Inter­view in Die Welt vom 8.7.87VIII Inter­view in Die Welt vom 11.7.87IX Inter­view in Die Welt vom 21.2.90 X Vor­trag; zitiert aus der SZ vom 15./16.6.91