Jean-​Paul Sartre

Exis­tie­ren als Pro­blem und Weltanschauung

Quelle: Ver­ein zur För­de­rung des marx. Pres­se­we­sens e.V. Mün­chen 1991.

Jean-​Paul Sartre

Große Phi­lo­so­phen und ihre klei­nen Fehler:

Sartre – Exis­tie­ren als Pro­blem und Weltanschauung

So Anfang der 50er Jahre machte sich eine ganze Gene­ra­tion jun­ger Fran­zo­sen und Euro­päer, sofern sie zum höhe­ren, mehr intel­lek­tu­el­len Stand gehör­ten, daran, mit Rollkragen-​Pullis und schwar­zen Bas­ken­müt­zen in Cafés her­um­zu­sit­zen; dabei rühr­ten sie in ihren Kaf­fee eine gehö­rige Por­tion „nausée“, blick­ten hero­isch dem „neant“ ins Auge und kamen sich wahn­sin­nig „gewor­fen“ vor. Damit nicht genug, trie­ben sie sich des Nachts in kal­ten Kel­ler­bars herum, hör­ten die immer glei­che Jazz-​Musik und quatsch­ten die Wei­ber (Män­ner) mit der Behaup­tung ins Bett, es sei ihnen alles so furcht­bar gleich­gül­tig. Etli­che brach­ten sich tat­säch­lich um und auch Uwe Bar­schel hatte den Ekel in sei­ner letz­ten Stunde bei sich – alle muss­ten sich aller­dings hin­ter­her den Vor­wurf anhö­ren, der Ekel sei dafür da, ihn auszuhalten.

Der Vater die­ser Bewe­gung, Jean Paul Sartre, bezog seine Attrak­ti­vi­tät dar­aus, dass er die mora­li­schen Ver­klä­run­gen des Tuns und Las­sens der moder­nen Mensch­heit – Werte genannt – zurück­ge­wie­sen hat und auf die Idee ver­fal­len ist, dass der Mensch nichts als seine Frei­heit vor­zu­wei­sen habe. Das hat ihm den Vor­wurf des Nihi­lis­mus ein­ge­bracht, was äußerst unge­recht ist, weil ihm der freie Wille zu einer ein­zi­gen mora­li­schen Anstalt gera­ten ist. Anders als in den Kate­go­rien von Schuld und Ver­ant­wor­tung mochte die­ser Phi­lo­soph nicht denken.

Wie man die christ­li­che Heu­che­lei in einer Zwangs­vor­stel­lung vom Recht­fer­ti­gen perfektioniert

„Wenn Gott nicht exis­tiert, so fin­den wir uns kei­nen Wer­ten, kei­nen Gebo­ten gegen­über, die unser Betra­gen recht­fer­ti­gen. So haben wir weder hin­ter uns, noch im Licht­reich der Werte, Recht­fer­ti­gun­gen und Ent­schul­di­gun­gen. Wir sind allein, ohne Ent­schul­di­gun­gen. Das ist es, was ich durch die Worte aus­drü­cken will: Der Mensch ist ver­ur­teilt, frei zu sein.“

Warum möchte Sartre dem Men­schen sei­nen Gott und seine Werte weg­neh­men? Dies immer­hin hat Sartre gemerkt: Chris­ten und andere Mora­lis­ten haben die Eigen­heit, sich immerzu auf höhere Werte und Gebote zu beru­fen. Mit die­sem Deu­ten auf all­seits gebil­ligte, garan­tiert unwi­der­sprech­li­che Güter ver­lei­hen sie ihrem Wol­len und Tun den Schein von All­ge­mein­gül­tig­keit. Sowohl die Selbst­ge­rech­tig­keit mit der ein Christ sich gutes Han­deln beschei­nigt, als auch die Selbst­be­zich­ti­gung, böse gewe­sen zu sein, haben kei­nen ande­ren Zweck, als diese Gesin­nung allen übri­gen Leu­ten als ver­bind­li­che anzu­emp­feh­len oder – was das­selbe ist -, sich im Namen die­ser höhe­ren Werte für Geta­nes Abso­lu­tion zu ertei­len. In jedem Fall ist Heu­che­lei im Spiel. Alle­mal wird davon aus­ge­gan­gen, dass kein par­ti­ku­la­res Inter­esse für sich genom­men etwas zählt – sonst müsste die Mensch­heit nicht immerzu bei der Ver­fol­gung ihrer Anlie­gen Höhe­res rekla­mie­ren. Inter­es­sens­ge­gen­sätze sind also unter­stellt, wer­den aber zugleich stand­haft ver­leug­net. Ihre Leug­nung ist aber ande­rer­seits keine Preis­gabe des eige­nen Zwecks, son­dern sie soll die Gegen­seite im Namen angeb­lich gemein­sa­mer Anlie­gen gerade für das eigene Inter­esse ver­ein­nah­men. Also wird auch kein Streit so aus­ge­tra­gen, wie es sein Inhalt verlangt.

Der mora­li­sche Umgang hebt also die Gegen­sätze nicht auf, son­dern auf eine neue Stufe, indem jeder die ande­ren auf die „gemein­sa­men“ Werte ver­pflich­ten will. So geriert sich jeder als der glaub­wür­digste Ver­tre­ter der Werte, wäh­rend er bei ande­ren sofort ent­deckt, dass sie die Werte zu Unrecht für ihr Inter­esse in Anspruch neh­men. Dem gegen die ande­ren erho­be­nen Vor­wurf der Heu­che­lei folgt die Demons­tra­tion der eige­nen Ehr­bar­keit und umge­kehrt. Weil das hin und her geht, ist ein jeder im nächs­ten Moment schon wie­der Schieds­rich­ter über die­sen Vor­wurf und ent­fernt sich so von der gar nicht schwie­ri­gen Ein­sicht, dass die all­seits bean­spruchte Gemein­sam­keit ver­lo­gen ist.

Was jeder beim ande­ren leicht durch­schaut haben will, hat Sartre an allen ent­deckt. Er pole­mi­siert des­we­gen nicht gegen den Missbrauch hoher Werte, son­dern über­haupt gegen deren Gebrauch, weil er den prin­zi­pi­ell für ver­lo­gen hält. Ihn hat die all­fäl­lige Dif­fe­renz der Taten und ihrer höhe­ren Recht­fer­ti­gungs­grün­den gestört. Des­we­gen wollte er Gott und den Wer­te­him­mel ganz aus dem Ver­kehr zie­hen. Aller­dings kaum hat Sartre den lie­ben Gott gedank­lich um die Ecke gebracht, fällt ihm ein, dass der Mensch schon wie­der und dann erst Recht und ohne Aus­weg „ver­ur­teilt“ ist.

Wieso eigent­lich ver­ur­teilt? Es wäre doch ein Glück und kein Pech, wenn das ganze ver­lo­gene Getue, das ewige Ent­schul­di­gen und Recht­fer­ti­gen, der ganze mora­li­sche Krampf eben, ein­fach ent­fiele. So sieht das Sartre offen­bar nicht. Was ihn stört, ist näm­lich nicht das Recht­fer­ti­gen, son­dern dass sich die Men­schen beim Recht­fer­ti­gen mit höhe­ren Wer­ten so bil­lig aus der Affäre zie­hen kön­nen. Frei von höhe­ren Wer­ten sind sie erst rich­tig dazu ver­ur­teilt, ihre Taten selbst zu ver­ant­wor­ten – vor wem und vor wel­chem Maß­stab dann eigent­lich noch? Es ist ein wider­sprüch­li­ches Ver­lan­gen, man solle sich recht­fer­ti­gen, und zugleich die Recht­fer­ti­gungs­gründe und –instan­zen zu bestrei­ten. Das Indi­vi­duum soll sich ent­schul­di­gen, aber es ist „allein, ohne Ent­schul­di­gun­gen“. So ersetzt der kri­ti­sche Phi­lo­soph Sartre die von ihm gegei­ßelte Sicher­heit eines irgend­wie gear­te­ten höhe­ren Sinns, auf den die Mensch­heit sich beru­fen kann, durch seine Kon­struk­tion eines aller bestimm­ten mora­li­schen Über­zeu­gung ent­klei­de­ten Indi­vi­du­ums, das sich mit dem unbe­ding­ten Wil­len, nicht ohne Moral aus­zu­kom­men, her­um­schlägt. Mit dem Durch­strei­chen des Wer­te­him­mels fällt des­we­gen bei Sartre auch nicht der dop­pelte Maß­stab mora­li­schen Argu­men­tie­rens fort – Inter­esse und Pflicht, Wol­len und Sol­len gibt es auch bei ihm. Das Indi­vi­duum soll sich gerade nicht ein­fach auf sein Inter­esse besin­nen. Es soll sich viel­mehr seine Moral sel­ber schaf­fen. Pflich­ten schon – aber nur die eige­nen! Was für eine Dif­fe­renz zur „eta­blier­ten“ Moral! Als hätte je ein Moral­apos­tel Unter­wer­fung und Knecht­schaft unter wesens­fremde Vor­schrif­ten ver­langt und als hätte nicht jeder, der sich mora­li­schen Maß­stä­ben unter­wirft, sie darin als seine höchst per­sön­li­chen aner­kannt. Das selbst­ver­ant­wort­li­che Indi­vi­duum Sar­tres soll sich also nur von dem lei­ten las­sen, wozu ihm sein eige­nes Ich rät – dies aber als ein ein­zi­ges Pflich­ten­pro­gramm auf­fas­sen. Es soll sich bestän­dig dar­auf­hin prü­fen, ob es in dem, was es aus freien Stü­cken tut, als Vor­bild für die Mensch­heit taugt.

Frei­heits­wahn, Ver­ant­wor­tungs­fa­na­tis­mus und erle­sene Gewissensnöte

„Indem wir sagen, dass der Mensch sich wählt, ver­ste­hen wir dar­un­ter, dass jeder unter uns sich wählt, aber damit wol­len wir eben­falls sagen, dass, indem er sich wählt, er alle Men­schen wählt. Tat­säch­lich gibt es nicht eine unse­rer Hand­lun­gen, die, indem sie den Men­schen schafft, der wir sein wol­len, nicht gleich­zei­tig ein Bild des Men­schen schafft, so wie wir mei­nen, dass er sein soll.“

Sartre macht den ein­zel­nen Men­schen zum athe­is­ti­schen Ersatz­gott. Der gehorcht der Unsinns­lo­gik, dass seine Zwe­cke und Hand­lun­gen zwar kei­nen getrennt von ihnen exis­tie­ren­den Maß­stä­ben unter­wor­fen sind, mit ihnen aber „gleich­zei­tig“ lau­ter Sol­lens­vor­schrif­ten in die Welt gesetzt sind, nach denen er sich umso mehr zu rich­ten hat. Das Wol­len ist so das­selbe wie das Sol­len. Einer­seits setzt der mora­li­sche Mensch Sar­tres seine Bedürf­nisse in ein kri­ti­sches Ver­hält­nis zu einem fik­ti­ven „Bild des Men­schen“, um zu prü­fen, ob er auch wohl gera­ten ist; ande­rer­seits braucht er sich daran aber nicht zu mes­sen, weil er schließ­lich die­ses Bild von einem Men­schen schon sel­ber ist. Was von dem Gebot zur Recht­fer­ti­gung übrig bleibt, ist der schiere For­ma­lis­mus des Gewis­sens. Gewis­sens­wür­mer mes­sen ihre Taten an einem Bild von sich selbst, das dem jewei­li­gen höchst­per­sön­li­chen Ideal mensch­li­cher Vor­treff­lich­keit nahe­kommt, und in das übli­cher­weise sämt­li­che recht­li­chen und sitt­li­chen Maß­stäbe Ein­gang gefun­den haben. Stol­pert dann so einer über ein Bedürf­nis, das die­ses Bild schlecht aus­se­hen lässt, so mel­det sich bei die­ser Sorte Moral­trot­tel ganz emp­find­lich die Stimme des Gewis­sens. Das Gewis­sen voll­zieht den Ver­gleich zwi­schen dem Gewoll­ten und dem mora­lisch Gesoll­ten. Und die fest­ge­stellte Dif­fe­renz führt einen gestan­de­nen Mora­lis­ten weder dazu, dann eben den mora­li­schen Impe­ra­tiv, gegen den er ver­sto­ßen hat, zu ver­wer­fen, noch dazu, das Gewollte ein­mal für sich genom­men zu beur­tei­len. Auf Grund­lage die­ser blei­ben­den Dif­fe­renz ent­wirft Sartre sein Ideal eines Zusam­men­fal­lens von Wol­len und Sol­len. Dem exis­ten­tia­lis­ti­schen Mora­lis­ten kommt damit die aparte Auf­gabe zu, sei­nen Wil­len an sei­nem Wil­len zu mes­sen. Allein die Tat­sa­che über­haupt etwas – also gleich­gül­tig was – gewollt zu haben, soll den Men­schen in tiefe Gewis­sens­pro­bleme stür­zen: „Habe ich das auch gewollt, was ich gewollt habe?“, muss er sich nun bestän­dig fra­gen. Vom Stand­punkt eines mora­li­schen Ver­ant­wor­tungs­fa­na­tis­mus ist diese Frage enorm sinn­reich. Wenn der Wille mit dem Gewis­sen zusam­men­fällt, kommt dem Ruf des Gewis­sens kei­ner mehr aus. Was es dann noch soll, ist frei­lich eine andere Frage. Prak­tisch folgt dar­aus näm­lich nur, dass das Indi­vi­duum sich selbst mit lau­ter blö­den Fra­gen beläs­tigt: „Kannst du das vor dir ver­ant­wor­ten?“, „Wie stehst du vor dir sel­ber da?“, ist die selbst­kri­ti­sche Anma­che eines auf die Sartre-​Tour mora­li­schen Sub­jekts. Glaub­wür­dig­keits­pro­bleme wälzt also auch der exis­ten­tia­lis­ti­sche Moral­hän­ger – dies­mal selbst­be­züg­lich, den Wert und die Aus­er­le­sen­heit der eige­nen Per­son betref­fend. Und auch die Heu­che­lei bleibt nicht auf der Stre­cke; die bil­lige Alter­na­tive, die da in Anschlag gebracht wird, heißt näm­lich: „Ich darf, was ich will.“ Nie­mand braucht sich mehr beur­tei­len und kri­ti­sie­ren zu las­sen, weil er sich ja schon selbst der hei­kels­ten Prü­fung unter­zo­gen hat. Das Bedürf­nis und Inter­esse ist schon des­we­gen gut gewe­sen, weil man es gewollt hat. Alles, was mit Wil­len geschieht, geht nach die­ser Logik des­we­gen auch schon in Ord­nung. Die bil­ligste Tour der Recht­fer­ti­gung kommt zum Zuge. Alles ist ent­schul­digt, man muss sich nur dazu beken­nen. In dem Sinn auch nichts Neues: Diese Tour, seine Feh­ler zu recht­fer­ti­gen, beherrscht noch jedes moderne Indi­vi­duum, das es gelernt hat mit sei­ner Indi­vi­dua­li­tät zu argumentieren.

Aus­ge­rech­net die­ser Mann, des­sen Phi­lo­so­phie ein ein­zi­ger Auf­ruf zur eitels­ten Selbst­be­spie­ge­lung ist; der zu kei­ner Frage ein sach­li­ches Urteil anzu­bie­ten hatte, weil er alle­mal einer mora­li­schen Betrach­tung das Wort gere­det hat, in der das Sub­jekt mit sich ins Gericht gehen sollte; der durch die Berei­ni­gung der Moral von ihren Maß­stä­ben sehr kon­se­quent auf das Resul­tat los­ge­steu­ert ist, dass wirk­lich alles in Ord­nung geht; aus­ge­rech­net der hat sich erfolg­reich in den Ruf einer kri­ti­schen Insti­tu­tion gebracht, die mit ihrem „poli­ti­schen Enga­ge­ment“ immer min­des­tens Zei­chen setzt. Was heißt da Kritik?

„Wenn ich in einen Krieg ein­be­ru­fen werde, ist die­ser Krieg mein Krieg, weil ich jeder­zeit mich ihm hätte ent­zie­hen kön­nen, durch Selbst­mord oder Fah­nen­flucht: Diese äußers­ten Mög­lich­kei­ten sind die­je­ni­gen, die uns immer gegen­wär­tig sein müs­sen, wenn es darum geht, eine Situa­tion ins Auge zu fas­sen. Da ich mich ihm nicht ent­zo­gen habe, habe ich ihn gewählt. …Ohne Zwei­fel haben andere ihn erklärt, und man könnte viel­leicht ver­sucht sein, mich als blo­ßen Mit­schul­di­gen zu betrach­ten. Aber die­ser Begriff der Mit­schuld hat nur einen juris­ti­schen Sinn, hier hält er nicht stand; denn es hätte von mir abge­han­gen, dass die­ser Krieg für mich und durch mich nicht exis­tierte, und ich habe ent­schie­den, dass er exis­tiert. Es gab da kei­nen Zwang, denn der Zwang ver­mag nichts über eine Frei­heit; ich hatte kei­nen Ent­schul­di­gungs­grund, denn … es ist die Eigen­tüm­lich­keit der mensch­li­chen Frei­heit, dass sie ohne Ent­schul­di­gungs­grund ist.“

Was hat man da vor sich? Eine Kri­tik am Krieg? An den­je­ni­gen, die ihn mit­ma­chen? Dass Sartre die nicht mag, merkt man schon. Aber solch eine Kri­tik müsste ja wohl ein Urteil dar­über beinhal­ten, wobei sie mit­ma­chen. Das frei­lich kommt für Sartre nicht in Frage, weil er den Krieg unter sei­nem Gesichts­punkt zu betrach­ten beliebt: Da wird gerecht­fer­tigt und ent­schul­digt, und das – nicht die Sache! – stört ihn sehr. So sehr, dass er dem ein Ende berei­ten will. Wo andere ihr Mit­ma­chen im Krieg unter Beru­fung auf Sach­zwänge, dem Ein­be­ru­fungs­be­fehl z.B. recht­fer­ti­gen, da hat Sartre ein in der Tat radi­ka­les Argu­ment auf Lager: Er leug­net ein­fach jeden Zwang. Den Mit­ma­cher, der nicht anders gekonnt haben will, „wider­legt“ Sartre damit, dass ihm schließ­lich noch andere, zuge­ge­be­ner­ma­ßen „äußerste Mög­lich­kei­ten“ offen gestan­den hät­ten – „Selbst­mord oder Fah­nen­flucht“, für die man im Krieg ja auch an die Wand gestellt wird. Nur, mal ange­nom­men, das wären tat­säch­lich die Alter­na­ti­ven, dann könnte auch der Phi­lo­soph ein­mal die Schnauze hal­ten. Bei­träge zum Gelin­gen des Lebens sind von ihm in der Lage doch sowieso nicht zu erwar­ten. Was will man bei drei glei­cher­ma­ßen beschis­se­nen Alter­na­ti­ven schon rich­tig machen? Aber Sartre hält nicht die Schnauze. Gerade die Aus­weg­lo­sig­keit der vor­ge­stell­ten Situa­tion fin­det er äußerst inter­es­sant, und zwar aus­ge­rech­net des­we­gen, weil in ihr die Wil­lens­frei­heit zum Zug kommt. Des­we­gen hat Sartre die Situa­tion auch absicht­lich so aus­weg­los kon­stru­iert. Er kennt näm­lich den Unter­schied zwi­schen Machern und Opfern des Krie­ges – „ohne Zwei­fel haben andere ihn erklärt…“ -, aber die­ser Unter­schied passt ihm nicht ins Kon­zept. Da käme ja glatt noch eine ganz andere Alter­na­tive her­aus, näm­lich die, den Machern das Hand­werk zu legen, und die würde sein gan­zes phi­lo­so­phi­sches Frei­heits­ge­mälde zer­stö­ren. So kann er die frohe Bot­schaft ver­kün­den, dass die Frei­heit durch nichts unter­zu­krie­gen ist, alles aus freiem Wil­len geschieht und also auch der Krieg „durch“ die freie Ent­schei­dung sei­ner Opfer „exis­tiert“. Und die­ser Zynis­mus ist kein Aus­rut­scher. Mit der Frei­heit, sich irgend­et­was zum Wil­lens­in­halt, zum Zweck zu set­zen, sol­len immer auch noch die Ver­hält­nisse, die der Wille in der Welt vor­fin­det gewählt und gewollt sein. Auch noch die scheuß­lichs­ten Alter­na­ti­ven, die sich wirk­lich nie­mand für sich aus­den­ken würde, spre­chen nach Sartre für die Gestal­tungs­frei­heit des Wil­lens. Zwang könnte er nur ent­de­cken, wenn es in der Welt zuginge wie im Mario­net­ten­thea­ter. Wenn kein Wille gezwun­gen würde, son­dern wenn die Mensch­heit bar jeder Kal­ku­la­tion ein­fach mecha­nisch funk­tio­nie­ren würde. Der Phi­lo­soph leug­net damit den Tat­be­stand der Erpres­sung. Es ist näm­lich eine, wenn einem die „Wahl“ zwi­schen zwei Übeln auf­ge­macht wird. Dass man sich dann für das klei­nere Übel ent­schei­den kann, jede Erpres­sung also auf den Wil­len baut – schließ­lich soll der eine Leis­tung erbrin­gen! -, statt ihn aus­zu­schal­ten, deu­tet Sartre als Beleg, dass man somit aus freiem Wil­len das Übel gewollt hat. Diese Leug­nung des Zwangs hat einen Grund: Mit sei­ner Gene­ral­recht­fer­ti­gung jeden Unsinns und jeder Schand­tat aus dem freien Wil­len gibt Sartre näm­lich dem Indi­vi­duum die Schuld an der eige­nen Lage. Beschwer­den über die kom­men also nicht in Frage. Wo wel­che ange­mel­det wer­den, muss der Phi­lo­soph den Zei­ge­fin­ger erhe­ben und dem Beschwer­de­füh­rer mit einem herz­li­chen „Sel­ber schuld!“ kom­men – „der Mensch ist seine Situa­tion“. Das ist aller­dings auch der ein­zig mög­li­che Fall, in dem vom Stand­punkt exis­ten­tia­lis­ti­scher Phi­lo­so­phie aus Kri­tik ange­sagt ist. Schließ­lich ver­langt sie auch nichts ande­res als das klare Bekennt­nis zu dem, was man ist. Gegen einen ehr­li­chen, über­zeug­ten Faschis­ten hat Sartre des­we­gen auch nichts ein­zu­wen­den gewusst.

„Das Sein und das Nichts“ – oder: Wie man die Sinn­lo­sig­keit des Seins beweist und was man davon hat

Eine Theo­rie der Exis­tenz ist für Phi­lo­so­phen sowieso rasend inter­es­sant und für einen Exis­ten­tia­lis­ten natür­lich gera­dezu unab­ding­bar. Da kön­nen die wahr­haft uni­ver­sa­len Den­ker ihrem Bedürf­nis unbe­schränkt frö­nen, über alles auf ein­mal nach­zu­grü­beln – und zwar streng nach Prin­zi­pien. Den klei­nen Nach­teil, dass ihr Prin­zip, die Exis­tenz, denk­bar abs­trakt ist und ihre Theo­rie mehr die geis­tige Armut ihrer Pro­du­zen­ten doku­men­tiert als den Reich­tum an Wis­sen, den sie vor­spie­geln, ver­kraf­ten sie läs­sig. Schließ­lich sind sie auf Wis­sen gar nicht aus, son­dern auf Ant­wor­ten auf die Frage nach einem Sinn, der alles im Lichte einer tie­fe­ren Not­wen­dig­keit zu deu­ten erlaubt. In der Ver­fol­gung die­ses Anlie­gens, sind die Phi­lo­so­phen schon vor Sartre auf die Ent­de­ckung gesto­ßen, dass sich der Drang nach sol­chen unab­än­der­li­chen Not­wen­dig­kei­ten, in die sich der ein­sich­tige Mensch zu fügen hat, nur befrie­di­gen lässt, wenn man das Begrün­den sein lässt. Jeder bestimmte Grund hat näm­lich für sie den Man­gel, dass er die Sache, die er begrün­det, gar nicht unab­än­der­lich macht, son­dern viel­mehr angibt, wo man anzu­set­zen hat, wenn sie einem nicht passt. In die­ser für sie pre­kä­ren theo­re­ti­schen Situa­tion ist der Phi­lo­soph Hei­deg­ger auf den ret­ten­den Ein­fall gekom­men, die Exis­tenz selbst als ihren eige­nen Grund ins Gespräch zu brin­gen. Sartre konnte also an die phi­lo­so­phi­sche Tra­di­tion anknüp­fen und er tut dies, indem er in sei­nem theo­re­ti­schen Haupt­werk, „Das Sein und das Nichts“, die Onto­lo­gie Hei­deg­gers minu­tiös abkupfert:

„Das Sein ist es… Wir fas­sen zusam­men und sagen, das Sein ist an sich… Das Sein ist, was es ist… Unge­schaf­fen, ohne Seins­grund, ohne irgend­eine Bezie­hung zu einem ande­ren Sein, ist das An-​sich-​Sein über­zäh­lig für alle Ewigkeit.“

Alles, was es gibt, gibt es, weil’s es gibt. Das ist ein inter­es­san­ter Bei­trag der Phi­lo­so­phie zum Pro­jekt „Wis­sen­schaft“. Und ein ein­dring­li­ches Doku­ment dafür, wie die Phi­lo­so­phie in ihrer Geschichte unab­läs­sig an ihrem Fort­schritt arbei­tet. Hieß es bei Hei­deg­ger noch: „Das Sein ist es selbst.“, kon­zen­triert Sartre die For­mu­lie­rung auf den Kern der Aus­sage: „Das Sein ist es.“ Und wäh­rend Hei­deg­gers Haupt­werk bekannt­lich „Sein und Zeit“ hieß, kon­tert Sartre mit sei­nem 786-​seitigen „Das Sein und das Nichts“. Da kün­digt sich schon in der Wahl des Titels eine echte Dif­fe­renz an. Die Kate­go­rie des Nichts hat es dem fran­zö­si­schen Exis­ten­tia­lis­ten offen­bar mehr ange­tan als dem deut­schen und er begrün­det dies aus fol­gen­der Notwendigkeit:

„Die not­wen­dige Bedin­gung dafür, dass es mög­lich ist, nein zu sagen, ist, dass das Nicht­sein unun­ter­bro­chen anwe­send ist, in uns und außer uns, das heißt, dass das Nichts das Sein heimsucht.“

Sartre geht also von sei­nem schon bekann­ten Men­schen­bild aus, dem­zu­folge der Mensch für alles ver­ant­wort­lich ist, weil er so frei ist, dass es ihm immer „mög­lich ist, nein zu sagen“. Und die­ses Men­schen­bild wird nun theo­re­tisch grund­ge­legt. Man beachte die Rei­hen­folge: Sartre will nein sagen kön­nen. Wozu und vor allem warum, darf man nicht fra­gen. Das ist offen­bar egal. Irgend­ein Sach­ver­halt, der ihm nicht passt, irgend­ein Umstand, an dem es etwas aus­zu­set­zen gibt, ist nicht in Sicht. Seine wahr­lich grund­los nega­tive Hal­tung steht nun mal jen­seits von jedem Anlass dazu fest. Sie soll aber den Anschein der Will­kür ver­lie­ren. Des­we­gen muss für die­ses vorab fest­ste­hende Prin­zip nun ein Grund her, eine quasi-​objektive Not­wen­dig­keit. Die ist frei­lich noch ein biss­chen prin­zi­pi­el­ler. Die Krea­tion des Nichts folgt der Logik der lee­ren Ver­dopp­lung, die ganz metho­disch ein Ver­hält­nis prä­ten­diert, das dem Inhalt nach kei­nes ist: Um „Nein“ sagen zu kön­nen, muss es das Nein als etwas Selb­stän­di­ges geben. Der Ver­nei­nung geht das Nichts als Bedin­gung sei­ner Mög­lich­keit vor­aus, ohne dass sich die eine Seite von der ande­ren unter­schei­det. Beide sind so inhalts­leer wie das Ver­hält­nis von Sein und Sei­en­dem. Ein tie­fes Pro­blem ist damit gewonnen:

„Wenn das Nichts weder als außer­halb des Seins noch vom Sein her ver­stan­den wer­den kann, und wenn es ande­rer­seits, da es ja Nicht­sein ist, die erfor­der­li­che Kraft, zu „nich­ten“, nicht aus sich selbst bezie­hen kann, wo kommt das Nichts her?“

Das Nichts kann man zwar nach Aus­kunft Sar­tres weder so noch so ver­ste­hen, aber es muss es trotz­dem geben, weil es aus mora­li­schen Grün­den gebraucht wird. Gibt es das Nichts aber, ist es Sein und nicht nichts. Also darf es das Nichts nicht geben, aber dann gibt’s es ja nicht. Pro­blem, Pro­blem. Macht aber nichts. Sartre wech­selt das Thema und stellt die Frage „Wo kommt es her?“ Mit die­ser Frage geht der Phi­lo­soph in die nächste Runde, in der er die Bedin­gung der Mög­lich­keit der Bedin­gung der Mög­lich­keit des Nein-​Sagens auf die Spur kom­men will. Eine „Kraft“ ist plötz­lich im Gespräch, die „erfor­der­lich“ ist, weil sich sonst nie­mand um die inter­es­sante Tätig­keit des „Nich­tens“ ver­dient machen würde. Aber woher neh­men und nicht steh­len? Null pro­blemo für eine Geis­tes­größe vom Kali­ber Sar­tres. Er hat schließ­lich noch sein Men­schen­bild vom ewi­gen Nein-​Sager in der Tasche und zieht es nun – um den Zir­kel zu schlie­ßen – wie­der her­aus als Auf­lö­sung des Rät­sels um diese omi­nöse Kraft: „Der Mensch ist das Sei­ende, durch das das Nichts in die Welt kommt.“ Damit wäre die theo­re­ti­sche Fun­die­rung des Men­schen­bil­des tau­to­lo­gisch aus die­sem selbst „abge­lei­tet“, so dass nun umge­kehrt aus die­ser Theo­rie das Men­schen­bild ast­rein dedu­ziert wer­den kann:

„Die­ser für die mensch­li­che Rea­li­tät beste­hen­den Mög­lich­keit, ein Nichts aus sich her­vor­zu­brin­gen, was sie von ande­ren abson­dert, hat Des­car­tes, nach den Stoi­kern, einen Namen gege­ben: Es ist die Freiheit.“

Das Ganze ist nicht nur boden­lo­ser Quatsch, son­dern gerade des­we­gen auch noch ziem­lich anstren­gend. Es muss daher die Frage nach dem Lohn der Anstren­gung erlaubt sein. Er besteht in einer alter­na­ti­ven Aus­deu­tung von Hei­deg­gers Theo­rie der Exis­tenz, die Sartre von A bis Z teilt. Im Wäl­zen der Sein-​Nichts-​Problematik unter­schei­den sich die bei­den Knall­köpfe um kei­nen Deut. Sie behaup­ten haar­ge­nau das­selbe, dass näm­lich die Exis­tenz ihr eige­ner Grund ist, wor­aus sie jeweils ihre Auf­träge an den Men­schen ablei­ten. Und in denen wol­len sie sich schwer unter­schei­den! Man sieht daran: Aus einer Theo­rie der Exis­tenz folgt noch nicht mal was. Aber das kann man ja auch als Gele­gen­heit begrei­fen, sie alter­na­tiv aus­zu­deu­ten. Wäh­rend Hei­deg­ger den Kern­satz, die Exis­tenz sei ihr eige­ner Grund, inter­pre­tiert als: ‚Der Sinn, nach dem die ganze Phi­lo­so­phen­welt fahn­det, liegt nicht hin­ter der Exis­tenz, son­dern in ihr‘, deu­tet Sartre den­sel­ben Satz so: ‚Es steckt nichts dahin­ter, also ist alles Exis­tie­rende sinn­los und „über­zäh­lig für alle Ewig­keit“. Im Unter­schied zu Hei­deg­ger bläst Sartre des­sen dumpfe Welt­an­schau­ung zu einer Theo­rie der Selbst­ver­wirk­li­chung des freien Sub­jekts auf. Alles, was der Mensch macht, macht er nur zu einem Ende: „Ver­wirk­li­chung sei­ner Frei­heit“. Die banals­ten Ver­rich­tun­gen des täg­li­chen Lebens wer­den zur Erfül­lung einer phi­lo­so­phi­schen Mis­sion. Bei Sartre ist der Mensch auf­ge­for­dert, seine „Gewor­fen­heit ins Nichts“ damit zu kon­tern, dass er die Sinn­lo­sig­keit sei­nes Trei­bens ein­sieht: Zwar ist die Welt sinn­los, aber an der nega­ti­ven Beant­wor­tung der Sinn­frage lässt er das Bedürf­nis nach Sinn nicht schei­tern. Nicht in der Welt soll der Sinn exis­tie­ren, son­dern in der Stel­lung des Men­schen zu sich. Mit dem Appell an den Men­schen, den Sinn bei sich zu suchen, per­fek­tio­niert Sartre die Sinn­frage metho­disch, indem er mit dem Gedan­ken ernst macht, dass die Frage nach dem Sinn bar jeder objek­ti­ven Grund­lage und allein Pro­dukt der­je­ni­gen ist, die sie stel­len. Die affir­ma­tive Stel­lung zur Welt hat in der Welt kei­nen guten Grund, sie beruht ein­zig auf dem Ent­schluss des Indi­vi­du­ums – und aus­ge­rech­net das soll für diese Stel­lung spre­chen! Und darin liegt dann auch ihr Lohn. Den eige­nen Anlie­gen und Inter­es­sen ist Gleich­gül­tig­keit abver­langt, wo jedem die stän­dige leere Selbst­re­fle­xion und prin­zi­pi­elle Selbst­be­schul­di­gung als seine Frei­heit, sein Sinn und sein höchs­ter Genuss auf­ge­ge­ben wer­den, damit er sei­nem Wesen gerecht wird.

Sartre ent­deckt den Mar­xis­mus – oder: Wie Marx das Pro­blem der Exis­tenz über­se­hen hat

Sartre hat sich immer nach dem Zeit­geist gerich­tet. Dabei ist er sei­nem einen und ein­zi­gen Gedan­ken nie untreu gewor­den. War in den 40er Jah­ren Hei­deg­ger der Geist der Zeit, um den man als Phi­lo­soph ein­fach nicht her­um­ge­kom­men ist, so knüpft Sartre in den 60ern an Marx an, der damals unter Intel­lek­tu­el­len Mode war. Kon­se­quent über­setzt er sei­nen Exis­ten­tia­lis­mus in die Phra­seo­lo­gie einer „mar­xis­ti­schen Weltanschauung“.

Erklär­ter­ma­ßen steht bei ihm die ver­nich­tende Kri­tik von Marx an Ware und Geld, Lohn­ar­beit und Kapi­tal nicht son­der­lich hoch im Kurs. Sein Inter­esse gilt dem Mar­xis­mus als Anthropologie.

„Die mar­xis­ti­sche Theo­rie ist die ein­zige, die den Men­schen in sei­ner Tota­li­tät, d.h. von der Mate­ria­li­tät der Bedin­gun­gen aus­ge­hend erfasst.“

Aus­ge­rech­net das fin­det Sartre begeis­ternd an der mar­xis­ti­schen Theo­rie. Wo Marx die Klas­sen­ge­sell­schaft kri­ti­siert hat und des­we­gen Idea­lis­ten nicht lei­den konnte, die an Lohn­ar­bei­tern und Kapi­ta­lis­ten, an Mie­tern und Ver­mie­tern, an Ban­kern und Bett­lern, immer nur ein und das­selbe Fabel­we­sen „der Mensch“ ent­de­cken, da gefällt Sartre gerade diese har­mo­ni­sie­rende Abs­trak­ti­ons­kunst und er hält sie auch noch für das Güte­sie­gel des Mar­xis­mus. Mit der Phrase von der „Mate­ria­li­tät der Bedin­gun­gen“ bemüht Sartre den Schein, mit sei­ner Theo­rie ganz nah am wirk­li­chen Leben und den „Sor­gen der Arbei­ter“ zu sein. In Wirk­lich­keit hat er frei­lich auch wie­der bloß so eine philosophisch-​abstrakte Idee vom Men­schen breit­ge­tre­ten. Wo Marx Lohn, Pro­fit, Krise, Kost­preis usw. ana­ly­siert, ent­deckt Sartre das aparte Pro­blem, dass der Mensch sich in gewis­sen „Struk­tu­ren“ nicht wie­der­fin­den kann:

„Die Begriffe, die die mar­xis­ti­sche Unter­su­chung zur Deskrip­tion unse­rer geschicht­li­chen Gesell­schaft gebraucht – Aus­beu­tung, Ent­frem­dung, Feti­schi­sie­rung, Ver­sach­li­chung usw. – sind haar­ge­nau sol­che, die am unmit­tel­bars­ten auf exis­ten­ti­elle Struk­tu­ren verweisen.“

Der Mar­xis­mus bie­tet dem Exis­ten­tia­lis­mus ein fabel­haf­tes Beleg­ma­te­rial dafür, dass die exis­tie­rende Gesell­schaft eine ein­zige Ver­hin­de­rung der exis­ten­tia­lis­ti­schen Frei­heit ist, ihr also glän­zen­den Anlass bie­tet, sich daran abzu­ar­bei­ten und zu bestä­ti­gen. In der revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter­klasse fin­det Sartre das schönste und gleich mensch­heits­um­grei­fende Bei­spiel für den ewig schei­tern­den und gleich­blei­bend heroi­schen Kampf des sich „ent­wer­fen­den“ Indi­vi­du­ums, das in der Welt kei­nen Sinn nicht fin­det. So ist klar, dass Mar­xis­mus eigent­lich auch eine Art Exis­ten­tia­lis­mus ist. Frei­lich eine unvoll­kom­mene. Die Haupt­sa­che hat Marx näm­lich ver­passt: dass „die Exis­tenz ein Skan­dal“ ist. Sartre, den seine Marx­stu­dien zu einem begeis­ter­ten Anhän­ger des Pro­le­ta­ri­ats bekehrt haben, inso­fern er es „als Inkar­na­tion und Vehi­kel einer Idee“ (wel­cher wohl?) zu begrei­fen gelernt hat, muss daher nach­ho­len, was Marx ver­säumt hat. Näm­lich die Klar­stel­lung, dass die Lage der Arbei­ter­klasse nichts ande­res ist als das Pro­blem der Exis­tenz, an dem sich der Mensch bewäh­ren muss. Schließ­lich lässt sich auch die Armut im Kapi­ta­lis­mus als Chance der Iden­ti­täts­fin­dung ver­ste­hen. Die fin­det Sartre bei Revo­lu­tio­nä­ren am bes­ten aufgehoben:

„Der Revo­lu­tio­näre hat die bür­ger­li­chen Mythen umge­stürzt, und die Arbei­ter­klasse hat es unter­nom­men, durch tau­send Gestalt­wan­del hin­durch, durch Miss­hand­lun­gen und Rück­schläge, Siege und Nie­der­la­gen hin ihr eige­nes Schick­sal in Frei­heit und in Angst (die muss dabei sein, ist aber kei­nes­falls mit gewöhn­li­cher Angst zu ver­wech­seln) zu schmieden.“

Merke: Sar­tres Wohl­wol­len ver­dient man sich dadurch, dass man auf seine Idee der Frei­heit aus ist, die in „Sieg und Nie­der­lage“ – egal! – glei­cher­ma­ßen zum Zug kommt, statt auf den Erfolg der eige­nen Anlie­gen. Aber was reden wir lange, der Meis­ter sagt es ja sel­ber: Man wird „ver­ste­hen, dass ich den Exis­ten­tia­lis­mus für eine Ideo­lo­gie halte, denn er ist ein para­si­tä­res Sys­tem…“ (Mit die­sem „para­si­tär“ beweist Sartre übri­gens seine arbei­ter­nahe Stellung!)

Der Kri­ti­ker und sein „poli­ti­sches Engagement“

Wofür enga­giert sich einer, dem alles Recht ist, was aus freiem Wil­len geschieht, und der den Beweis führt, dass alles aus freiem Wil­len geschieht? Unter dem Faschis­mus war Sartre Anti­fa­schist, in der Demo­kra­tie Kom­mu­nist und der Reale Sozia­lis­mus ließ ihn zum Sym­pa­thi­san­ten des Anar­chis­mus wer­den. An Andreas Baa­der bewun­derte er des­sen „prak­ti­sches Enga­ge­ment für die Idee der Frei­heit“ und an den fran­zö­si­schen Mao­is­ten, deren ver­bo­tene Tages­zei­tung er in dem – frei­lich ver­geb­li­chen – Ver­such, sich ver­haf­ten zu las­sen, ver­kaufte, schätzte er ihren „Mut“. Sartre war es Zeit sei­nes Lebens scheiß­egal, was die­je­ni­gen woll­ten, denen er sich ange­schlos­sen hat. Sein „Enga­ge­ment“ galt immer nur und in allem dem freien Wil­len. Wo Leute auf­rich­tig für ihre Gesin­nung ein­ge­tre­ten sind, war ihm ihr Anlie­gen gänz­lich gleich­gül­tig – er machte zumin­dest im Geiste mit. Und die Auf­rich­tig­keit ande­rer Leute beweist sich dem Phi­lo­so­phen Sartre ein ums andere Mal stink-​erzreaktionär-​moralisch durch die Bereit­schaft zum Opfer. Wo es ein Anlie­gen schwer hatte, da war Sartre nicht weit. Sein „Enga­ge­ment“ zielte des­we­gen auch nicht auf den prak­ti­schen Erfolg der­je­ni­gen, die er gerade „unter­stützte“. Die Ohn­macht, die keine Chance hat und den­noch nicht auf­gibt, hatte es ihm ange­tan. Das waren seine Kri­te­rien, und wo sich an denen etwas änderte, hat er sich „ent­täuscht“ wie­der abge­wandt. Die­ser Sorte „Enga­ge­ment“ ver­dan­ken wir den fol­gen­den Tagebucheintrag:

„Nie­mals waren wir freier als unter der deut­schen Besat­zung. Wir hat­ten alle Rechte ver­lo­ren und zuerst das­je­nige, zu spre­chen; man beschimpfte uns und wir muss­ten schwei­gen; man ver­schleppte uns in Mas­sen, als Arbei­ter, als Juden, als poli­ti­sche Gefan­gene; über­all – auf den Mau­ern, in den Zei­tun­gen, auf der Lein­wand – fan­den wir dies abscheu­li­che und fade Gesicht wie­der, das uns die Unter­drü­cker von uns geben woll­ten: Wegen all dem waren wir frei: Da das Nazi­gift sich bis in unsere Gedan­ken ein­schlich, war jeder rechte Gedanke eine Erobe­rung; da eine all­mäch­tige Poli­zei uns zum Schwei­gen brin­gen wollte, wurde jedes Wort wert­voll, wie eine prin­zi­pi­elle Erklä­rung; da wir ver­folgt wur­den, besaß jede unse­rer Ges­ten die Schwere des Engagements.“

Da ver­folgt der Staat wäh­rend der Resis­tance seine poli­ti­schen Feinde und der exis­ten­tia­lis­ti­sche Idiot Sartre fei­ert ihre Lage als Stunde wah­rer Geis­tes­frei­heit, kommt sich mit sei­nem Geschwa­fel höchst „wert­voll“ vor und unter­stützt die mit Lebens­ge­fahr Bedroh­ten durch „Ges­ten“, denen er die „Schwere des Enga­ge­ments“ nicht abspre­chen mag!

Ästhe­tik und Psy­cho­lo­gie des Existentialismus

Nun war Jean Paul Sartre zwar von Beruf Phi­lo­soph, aber dem brei­ten Publi­kum ist er erst durch seine dich­te­ri­schen Ergüsse bekannt­ge­wor­den – und das nicht zufäl­lig. So rich­tig glaub­wür­dig lässt sich die Theo­rie vom „Gewor­fen­sein ins Nichts“ näm­lich erst in der künst­le­ri­schen Fik­tion prä­sen­tie­ren. Ob das dem Kunst­ge­nuss zuträg­lich ist, ist eine andere Frage. Im Roman „Der Ekel“ ergeht Sartre sich nach Form und Inhalt im Ideal der abso­lu­ten Sinn­er­füllt­heit, wel­che ihm sein Trei­ben doch bitte besche­ren möge, aber nicht tut, wes­we­gen das Seh­nen danach Sei­ten füllt, auf recht ekel­hafte Weise. Mit sei­nem Roman­hel­den Roquen­tin fragt sich Sartre nach dem eigent­li­chen Sinn der Exis­tenz, die sich offen­bar selbst nicht genug sein darf. Was bei Camus die „Pest“, erle­digt bei Sartre gleich der Roman­held sel­ber. Roquen­tin braucht keine Extrem­si­tua­tion, um ganz „er selbst“ zu sein – im Gegen­teil für ihn gibt es im „Ekel“ über­haupt keine Situa­tion, die nor­mal und nicht extrem wäre! Papp­schäch­tel­chen, Sitz­bänk­chen, Hosen­trä­ger, die eigene Hand, alles berührt den Hel­den son­der­bar. Aller­dings ist der 187 Sei­ten lang mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit sich ein­stel­lende Ekel natür­lich nicht ein­fach ein Hinz-​und-​Kunz-​Ekel, son­dern eine zutiefst phi­lo­so­phi­sche Regung:

„Das also ist der Ekel… Jetzt weiß ich: ich exis­tiere – die Welt exis­tiert -, ich weiß, dass die Welt exis­tiert.“ Im Nach­fol­gen­den macht Roquen­tin noch die Ent­de­ckung, dass eigent­lich „Zuviel“ („de trop“ – oho!) exis­tiert, fin­det aber wenigs­tens ein Gutes an sei­ner unwahr­schein­li­chen Sen­si­bi­li­tät: „Wie weit weg von ihnen fühle ich mich auf die­sem Hügel. Es scheint mir, als gehöre ich zu einer ande­ren Art.“

Mit den ande­ren meint er natür­lich die gewöhn­li­chen Sterb­li­chen. Um in sei­nem eli­tä­ren Bewusst­sein nicht über­mü­tig zu wer­den, „schämt“ der Mann der ande­ren Art sich zu guter Letzt noch ein wenig „der Exis­tenz“, seufzt sie als „Sünde“ an und nimmt so den pas­sen­den existential-​frömmelnden Abschied vom Leser. Für Leute, die auf der Sinn­su­che sind, ein schlim­mer Befund, dass sie näm­lich genauso ange­schis­sen daste­hen wie die christ­li­chen Sün­der, aber sich noch nicht ein­mal einen Höchs­ten im Him­mel als Kom­pen­sa­tion hal­ten dür­fen. Und was tun sie in die­ser ver­zwei­fel­ten Lage? Sie gehen ins Thea­ter und genie­ßen die Bot­schaft. So ernst sind die aus­ge­mal­ten Lei­den, Drang­sale und Selbst­prü­fun­gen also nicht gemeint: Sie erge­ben viel­mehr das bedeu­tungs­schwere Mate­rial eines intel­lek­tu­el­len Selbst­ge­nus­ses. Wer zu solch einem Durch­le­ben aus­ge­wählt eso­te­ri­scher Pro­blem­la­gen fähig ist, darf sich mit vol­lem Recht über den Rest der Welt erho­ben wis­sen. So ist es auch kein Wun­der und sehr gerecht, dass der Exis­ten­tia­lis­mus in einem eli­tä­ren Kult des Indi­vi­du­ums sei­nen Nie­der­schlag fand. Wo der Dich­ter Sartre von sich ver­mel­dete, dass sein gan­zes Sin­nen und Trach­ten, die leid­volle Bemü­hung sei, mit Selbst­be­wusst­sein ans Nichts als Aus­druck der Frei­heit glau­ben zu kön­nen, ent­deckt die Schar intel­lek­tu­el­ler Anhän­ger darin Doku­mente ihrer eige­nen Hal­tung zum Den­ken: Dass den Sinn zu fin­den schwer sein soll, hat ihnen sofort ein­ge­leuch­tet, weil sie zu dem gan­zen Sinn, den sie längst gefun­den haben, die Deu­tung nach­rei­chen, er wäre nur auf beson­de­ren Wegen zu krie­gen gewe­sen. Und mit die­ser Prä­ten­tion fan­gen sie über­haupt erst das Lesen Sar­tres an, um sich bei den all­fäl­li­gen Sin­ner­güs­sen, die sie dann auf­stö­bern, in ihnen bestä­tigt vor­zu­kom­men. Dies war das Pri­vi­leg des gebil­de­ten Stan­des, der den Exis­ten­tia­lis­mus als Habi­tus des Pro­tests zur Mode machte und diese sehr har­mo­nisch mit der Beför­de­rung ihrer bür­ger­li­chen Exis­tenz ver­ein­ba­ren konnte. Für die nie­de­ren Stände gab’s damals den Schmoll­mund Bri­gitt Bar­dots, der zwar ein­fa­cher, aber im Wesent­li­chen das­selbe zum Aus­druck brachte, wes­halb der Zenit der Erfolge von JPS und BB etwa in die glei­che Zeit fiel.

Heute sind die Insi­gnien von damals längst salon­fä­hig gewor­den und der Non­kon­for­mis­mus so gewöhn­lich, dass kein Mensch mehr auf den Gedan­ken käme, über dem Roll­kra­gen­pull­over einen phi­lo­so­phi­schen Kopf zu ver­mu­ten. Die dazu­ge­hö­rige Welt­an­schau­ung ist ein Stück abge­hakte Phi­lo­so­phie­ge­schichte, und der Den­ker, der sie erfand, ging auch schon zu Leb­zei­ten ins Pan­theon der Grande Nation ein. Dem im Alter auch phy­sisch erblin­de­ten Sartre erwie­sen alle die letzte Reve­renz, was ihn post­hum noch ein­mal in dem Glau­ben wider­legte, die Phi­lo­so­phie des radi­ka­len Enga­ge­ments in der Welt würde diese auch nur im gerings­ten kratzen.