Fragen, die keine sind

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?

lauten in der klassischen Formulierung KANTs die "Grundfragen der Philosophie". Dass die Antworten strittig blieben, macht gar nichts. Denn die Fragen selbst sind eindeutige Antworten, auf die der Philosoph nichts kommen lässt. Unter der Bescheidenheitsparole "Erkenne Dich selbst!" und reichlichem Gebrauch von Modalverben weist der "dem Menschen" sein Plätzchen im "Weltganzen" zu: Keine "Frage", die nicht einen Gesichtspunkt ideeller Ein- und Unterordnung formulierte. "Unser Wissen"? Begrenzt. Soll der Mensch ja nicht glauben, er würde sich auf der Welt auskennen. "Die Praxis"? Ohne Ge- und Verbote undenkbar. Die Religion? Kein untertäniger Aberglaube, sondern humanes Grundbedürfnis. Die Philosophie möchte auch diesen Wahn "innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" sehen. Ausgerechnet im Glauben an die demütigen Sinndeutungen, mit denen sich moderne Untertanen in ihrer staatlichen "Heimat" einhausen, wird dieses Fach rationalistisch. Muss das alles nicht überhaupt, könnte es nicht noch besser, noch grundsätzlicher begründet werden?
Dieses antimaterialistische Programm mutet dem Verstand einiges zu.

Die drei Grundfragen Kants, deren Aufwerfen immer schon ihre Antwort ist, sollen hiermit zurückgewiesen werden.

1. Was kann ich wissen?

  1. Wer etwas wissen möchte, stellt sich diese Frage sicher nicht. Er hat ja einen bestimmten Gegenstand vor sich, den er erklären will. Dazu muss er sich mit dessen Bestimmungen beschäftigen und mit nichts sonst. Wissen stellt sich ein als Resultat dieser Beschäftigung. Ist das geschehen, braucht man sich auch nicht mehr nach seiner Möglichkeit zu fragen. Und ob es wirklich Wissen ist, wird man nur herausfinden, wenn man die Schritte, die dorthin geführt haben - die bestimmten Gedanken - nachvollziehend prüft.
    Der Philosoph geht die Sache viel prinzipieller an. Er stellt sich die Frage, ob nicht ein Fehler vorliegen könnte, der seinen Grund nicht darin hat, dass jemand falsch gedacht, sondern dass er überhaupt gedacht hat, setzt also die eigentümliche Vorstellung eines Fehlers in die Welt, der sich gar nicht denkend vermeiden, nämlich als Fehler erkennen und korrigieren lässt. Diese Art "Fehler" grenzt sich gar nicht als unkorrektes Folgern vom Schluss ab, dem Notwendigkeit zukommt, nicht als mangelhafte Erklärung vom Abstrahieren, das das Wesentliche einer Sache benennt. Es wird schlicht der bodenlose Verdacht aufgebracht, das Denken sei für seinen eigenen Zweck - Wahres über seine Gegenstände zu vermelden - nicht recht tauglich. Es gebe da womöglich etwas, was prinzipiell jenseits seines Horizonts liegt. Ausgerechnet darum will der Philosoph, den nichts heißer macht als was er nicht weiß, sich kümmern: Die Idee des schlechthin Unzugänglichen, die es überhaupt nur als grundloses Misstrauen gegen Denken geben kann, soll allen Ernstes den Auftakt zu einem Forschungsprogramm abgeben.
  2. "Ist das Wissbare wissbar und wenn nicht, woher können wir das wissen?" (Woody Allen)
    Der Unterschied zwischen dem, was man wissen kann, und dem, was man nicht wissen kann, ist nicht zu haben. Was man nicht wissen kann, kann man eben nicht wissen. Der Philosoph freilich hält die Beschäftigung mit dem, was man nicht wissen kann, nicht für einen Widerspruch, sondern für eine Schwierigkeit, die nicht leicht zu bewältigen ist. Wie ist das Wissbare vom nicht Wissbaren abzugrenzen? Dafür müsste er in den Bereich vordringen, von dem er überzeugt ist, dass er der Erkenntnis nicht zugänglich ist. Um zu behaupten, dass da etwas ist, was sich nicht erkennen lässt, müsste er schon angeben können, was es ist und worin die Differenz unserer Erkenntnis zu diesem Etwas besteht. Er müsste also das Nichtwissbare wissen - das Phantasieren hat deswegen durchaus seinen Platz in der philosophischen Wissenschaft -, um ein für alle Mal sagen zu können, was zur Erkenntnis zählt und was nicht. Deshalb weiß zwar auch er nichts von "Grenzen des Wissens", aber ausdenken kann er sich solche "Grenzen" schon. Und ist es nicht ein gutes Argument gegen die Möglichkeit von Wissen, dass der Philosoph sich die Möglichkeit einer solchen Grenze ausdenken kann?
  3. Wie vernichtend das Urteil über das Wissen ist, das seine skeptische Frage lanciert, mag der Philosoph dabei gar nicht einsehen. Sonst würde er nämlich auf Abbruch aller wissenschaftlichen Bemühungen plädieren, statt auf Ergänzung durch philosophischen Tiefsinn. Demgegenüber geht das Vorhaben der Grenzziehung durchaus von einer bedingten Tauglichkeit des Denkens aus. Aber was soll das sein? Es ist ja keineswegs so, dass man sich zwischen "richtig" und "falsch" locker etwas Mittleres denken könnte. Doch eben darauf hat es das erkenntnistheoretische Räsonnement abgesehen, wenn es dem Denken Instrumentcharakter attestiert.
    Nicht der wirkliche Gedanke soll geprüft werden, sondern seine Möglichkeit, die subjektiven Voraussetzungen des Denkens vor ihrer "Anwendung" auf Gegenstände. Damit wird das Denken von seinem gegenständlichen Bezug, seiner Objektivität, erst einmal getrennt. Im zweiten Schritt wird dann wieder gefragt, zu welchen Gegenständen es wie passen könnte. Man stelle sich also vor, alles Gedankliche am Gedanken liege fix und fertig vor, bevor er sich auf seinen Gegenstand richtet. Dann heißt Denken, ein nur subjektives, sachfremdes Gedankeninventar an die Gegenstände herantragen, also die Sache bearbeiten, verändern, so dass nicht mehr objektives Wissen, sondern nur noch eine Entstellung, ein subjektives Bild der Sache herauskommt. Jedes Urteil gilt als Vorurteil. "Im Kopf" hat man die Sache nur verfremdet durch die eigene subjektive Zutat. Die Sache ohne Zutat - das wäre die Wahrheit. Aber die kriegt man leider nicht in den Kopf. So soll jeder Gedanke etwas vom Subjekt und etwas vom Gegenstand haben, ohne dass man doch die Beiträge der beiden "Erkenntnisquellen" zu trennen vermöchte. Dazu bräuchte man ja wieder objektives Wissen zum Vergleich...
    Dann ist aber der ganze Prozess schlicht sinnlos und gar nicht hilfreich, wenn es darum geht, sich auf der Welt zu orientieren. Der Philosoph erinnert in diesem Zusammenhang gern an die Notwendigkeit des praktischen Zurechtkommens. Was ein unobjektiver Gedanke dazu beitragen könnte, bleibt sein Geheimnis.
  4. Die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis ist einmal gestellt worden, um die metaphysische Spekulation aus der Wissenschaft zu verbannen: Über Gott bringe der Geist nur widersprüchliche Gedanken zustande. Da liege eben seine "Grenze". Die Prätention von Wissenschaftlichkeit sei auf diesem Feld einfach nicht am Platz.
    Auch nach dieser Seite taugt der Grenzengedanke nichts. Der Philosoph weigert sich einfach, dem religiösen Denken seine - bemerkten! - Widersprüche zum Vorwurf zu machen. Lieber trennt er sie von den gedachten Sachen - Gott, Unsterblichkeit und so Zeug -, um sie der Untauglichkeit des Denkens "in dieser Sphäre" anzulasten. So viel Respekt hat er vor den anpasslerischen Weltdeutungen der Religion, dass er lieber der Konsequenz des eigenen Denkens misstraut, als in dieser Sache einen definitiv abschlägigen Bescheid zu wagen. Der Glaube ist eben Glaube und "über alle Vernunft". Wo hat man das bloß schon einmal gehört?
    Ein Erkenntnistheoretiker beabsichtigt eben keine Kritik falscher Gedanken. Wo es eine solche Kritik gibt, weist er sie in die Schranken und nimmt ihr die Spitze.

2. Was soll ich tun?

Auch diese Frage setzt in aller Unschuld ein Dogma in die Welt, den aparten Gesichtspunkt nämlich, unter dem der praktischen Philosophie ihr Thema einzig interessant scheint. Es geht ihr nicht um die Gründe, die im wirklichen Tun und Lassen der Leute eine Rolle spielen - das wäre ja Wissenschaft: igitt! -, auch nicht um eine Kritik, die irgend jemandem Fehlkalkulationen vorrechnen würde, die für dessen Handeln konstitutiv sind - das wäre ja Materialismus: pfui! -, sondern um die Erkundigung nach letztgültigen Maßstäben, deren Vernachlässigung einem als Selbstwiderspruch der dritten Art anzukreiden wäre.
Dass man sich um das kümmert, was einem nützlich und angenehm ist, hält ein Philosoph keineswegs für eine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil - er kann nicht genug davor warnen. Denn das, was den Willen in seiner Freiheit erst so richtig ausmacht, soll den Philosophen zufolge ausgerechnet das sein, was ihm entgegensteht - ein Sollen, eine Pflicht. Sie fragen nämlich nach "Normen", denen "der Mensch" exclusiv und deswegen untersteht, weil er Mensch ist; einer Verpflichtung also, die ihren Grund gar nicht in einem entgegenstehenden mächtigen Interesse, sondern im Verpflichteten selbst hat.
Dies ist in mehrfacher Hinsicht widersinnig.
Dass sich der Mensch bei allem, was er treibt, die Frage vorlegt, ob es erlaubt oder ver- oder geboten ist, ist nämlich gar nicht so normal. Wenn er es tut, liegt das schon daran, dass seine Zwecke längst von einer anderen, dem Willen übergeordneten Instanz, einer überlegenen Gewalt also einer zweiten Beurteilung unterworfen werden; daran also, dass er der staatlichen Rechtsordnung subsumiert ist. Der Philosoph kann sich praktische Erwägungen gleich nur noch unter den Kategorien der Gesetzgebung vorstellen Allerdings traut er seiner Identifikation von Handeln mit rechtmäßigem Handeln dann selbst nicht so recht, sonst bräuchte er nicht ständig vor ungezügeltem Materialismus zu warnen.
Gegen den hat er einen ebenso grundsätzlichen wie inhaltslosen Einwand: Ihm geht eben der Gesichtspunkt des Sollens, dieses ganz unbestimmten Höheren, dem sich alles Handeln in den Augen eines Philosophen zu unterstellen habe, ab. Dass der Philosoph die Frage nach dem Sollen als Maßstab an alles Handeln anlegt - und der schnöde Materialist nicht -, ist schon die ganze Kritik. Zwar nimmt der Ethiker die Gründe, die die Leute für ihr Tun haben, gar nicht zur Kenntnis. Aber den Vorwurf, dass er sich eine noch viel prinzipiellere Begründetheit und Reflektiertheit vorstellen könnte, mag er ihnen doch nicht ersparen.
In der Welt des Philosophen steht alles auf dem Kopf. Hier wird ein Gesetz nicht erlassen, weil es dem Gesetzgeber nützt, seine Einhaltung nicht erzwungen, weil sie den Untertanen schadet; vielmehr soll die Suche nach dem richtigen Gesetz dadurch erst auf den Weg kommen, dass Fans eines sehr ideellen Untertanenverhältnisses in der abstrakten Vorstellung von Verpflichtung überhaupt ihr Herzensanliegen entdecken. Ganz als könnte man von einer Verpflichtung wissen, deren Grund und Inhalt einem gänzlich unbekannt sind!

Das Ideal, das so formuliert wird, ist das der einsehbaren Pflicht. Ein harter Widerspruch! Entweder, etwas leuchtet ein: Es gibt einen Grund dafür, und wegen dieses geprüften und für richtig befundenen Grundes will man es. Dann braucht man niemanden, der einen - auf den eigenen Zweck! - verpflichtet. Oder es verhält sich anders: Es muss einem abverlangt werden, einen Zweck zu verfolgen. Dann liegt darin auch das Eingeständnis, dass der Verpflichtete von sich aus keinen Grund dazu hat. Der Philosoph will beides gleichzeitig: "Das Vernünftige" soll einen bleibenden Gegensatz gegen das "Vernunftwesen" Mensch haben.
Eine recht untertänige Selbstinterpretation wird da verlangt: das Bekenntnis nämlich, ein inkonsequenter Dödel zu sein, der die eigenen Einsichten nicht festhalten kann. Sehr konsequent soll man sich als einen auffassen, der dauernd mit "unvernünftigen" Regungen, Neigungen, Trieben oder gar "Wollungen" zu kämpfen hat und dem deshalb die eigene Vernunft zur mahnenden Instanz wird. "Den Menschen" kennt der Philosoph als eine Witzfigur, die schrecklich gern brav sein will - und sich selbst dabei immer im Weg ist. Die Konstruktion eines gespaltenen Wesens "zwischen Engel und Affe" (!!), aus dem Unsinnsgedanken der einsehbaren Pflicht geboren, soll den dann umgekehrt auch noch begründen!
Als Beleg führt der Philosoph "langfristige Interessen" an, die der Mensch, dieses schwache Wesen, über den "kurzfristigen" immer vernachlässige. Das legt zwar eher den Verdacht nahe, dass von einer Fiktion die Rede ist - ausgerechnet das Wichtigste soll immer vergessen werden! -, aber der Ethiker legt eben manchmal Wert auf die Feststellung, dass Pflichten nichts als hilfreich und nützlich sind. Dann scheut er auch die Behauptung nicht, dass man schon zum konsequenten Planen und Kalkulieren sage und schreibe eine Moral brauche.
Den Widerspruch dieses Ideals einer nützlichen Selbstbeschränkung bemerkt ein Philosoph schon wieder höchst eigenartig: Das Argumentieren mit dem Nutzen der Moral beleidigt den Gegenstand seiner Verehrung: Dass die Moral nur für den Materialismus gut ist, das kann und darf nicht sein! Wo bleibt denn da das Absolute? Deshalb ergänzt er sein utilitaristisches Werben für die Moral um sein Gegenteil: Die Moral ist etwas an und für sich Ehrfurchtgebietendes. Einem wohlerzogenen, gutgewaschenen Menschen braucht man das auch gar nicht zu sagen, weil ein anständiges Wesen einen Sinn für die hohen Werte hat. Diese schöne Tautologie passt wirklich gut zur Idee des unbedingten und unausweichlichen Sollens. Dafür lässt sie wieder das Argumentative schmerzlich vermissen ...
Und so treibt sich denn die Ethik in dem nicht auflösbaren Widerspruch herum, dass man für Werte nicht argumentieren kann, 1. weil jede Begründung deren Anspruch auf absolute Geltung relativiert - an den angeführten Gründen eben, relativ zu denen die Moral dann gerechtfertigt ist. 2. Weil jede Begründung der Absolutheit der Moral umgekehrt - jeden Anklang an Gründe vermeidend - nur in der tautologischen Versicherung dessen bestehen kann, dass es sich um etwas durch sich selbst Respekt gebietendes Absolutes handelt.
Ein Ende dieser Bemühungen, die auf den passenden Ausdruck, das angemessene Bild für den Gedanken gehen, der mit jener "Grundfrage der Philosophie" längst feststeht, ist nicht abzusehen. Schließlich sind die Ethiker fest davon überzeugt, erst kraft der von ihnen letztgültig zu definierenden Idee der Verpflichtetheit des Menschen lasse sich über den Charakter der Pflicht entscheiden. Ausgerechnet eine Abstraktion, die von allem Inhalt existenter Verbindlichkeiten von Recht und Moral absieht und nur noch die Form des Gebots selber übrigbehält, soll als Prinzip und Maßstab in der Frage dienen, was "dem" Menschen "berechtigterweise" abzuverlangen sei. Dass so alles und jedes gerechtfertigt werden kann, wusste schon HEGEL. Man verpasst nur jedem erdenklichen Zweck eine höhere Weihe, indem man ihm das Prädikat fraglosen Gebotenseins anpappt:

"Die Feigheit darf ... nicht so ungeschickt sein, nicht zu wissen, dass die Erhaltung des Lebens und der Möglichkeit, anderen nützlich zu sein, Pflichten sind, - nicht von der Pflichtmäßigkeit ihres Handelns überzeugt zu sein und nicht zu wissen, dass in dem Wissen das Pflichtmäßige besteht; sonst beginge sie die Ungeschicklichkeit, unmoralisch zu sein."

Ihre eigene Heuchelei ist der Moralphilosophie dabei so wenig ein Problem, dass sie sie unentwegt ausplaudert. Wohl legt man Wert auf den Schein selbständiger Prüfung von Recht und Moral im Lichte ethischer Letztbegründung. Doch die Resultate solcher Ableitungs- und Rechtfertigungsbemühungen misst man dann wieder umstandslos an dem, was eh gilt. Dass etwas "unserer moralischen Intuition" widerspricht, gilt der Ethik nämlich als vernichtendes Argument, weil nur die Übereinstimmung mit dem gesunden Volksempfinden die Objektivität ihres Prinzipiengefummels "beweist":

"Das ließe sich auch wohl schon im voraus vermuten, dass die Kenntnis dessen, was zu tun, mithin auch zu wissen jedem Menschen obliegt, auch jedes, selbst des gemeinsten Menschen Sache sein werde." (KANT, Grundlegung)

Fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren! Das kommt heraus, wenn Philosophen "Begründung" schreien, Rechtfertigung meinen, und deswegen wild entschlossen sind, "nichts unhinterfragt gelten zu lassen".

3. Was darf ich hoffen?

Moderner ist es die Frage nach dem Sinn.

Der Gedanke, eine Sache oder die Welt überhaupt müssten einen Sinn haben, ist keine Erfindung von Philosophen. Der bürgerliche Mensch, der sich z.B. eine sinnvolle Arbeit wünscht, ist mit seinen Lebensumständen unzufrieden, kümmert sich aber nicht darum, warum sein Interesse nicht zum Zuge kommt, sondern will seine Unzufriedenheit bewältigen. Ausgangspunkt der Frage nach einem Sinn ist immer der Zustand, der mir nicht recht ist. Wäre etwa die Arbeit bestimmt durch und bemessen an den Interessen derer, die arbeiten, würde die Frage erst gar nicht aufkommen. Dann wäre nämlich klar, wofür und warum man arbeitet Die Frage nach dem Sinn dagegen unterstellt die Erfahrung, beim Arbeiten fremden Zwecken, die mit dem eigenen Wohlergehen unvereinbar sind, zu gehorchen, - und will diesen Tatbestand andererseits gerade nicht zur Kenntnis nehmen. Sie will vielmehr wissen, ob es nicht einen übergeordneten Gesichtspunkt gibt, der diese schädliche Angelegenheit in einem für mich akzeptablen Licht erscheinen läßt. Arbeite ich für das Wohl des Vaterlandes, um ein gottgefälliges Leben zu führen oder einfach, um "mich zu verwirklichen", ja dann verstehe ich die Verhältnisse, in denen ich lebe, um zu arbeiten.

Philosophen greifen die Sinnfrage auf und stellen sie generell als Frage nach dem Sinn des Lebens oder der Welt überhaupt. Dabei betonen sie jedoch zu allererst, dass sie sich nicht anmaßen möchten, darauf eine Antwort zu geben. Denn es scheint ihnen sehr fraglich, ob der menschliche Verstand dazu taugt, in die tiefsten Geheimnisse / letzten Wahrheiten vorzudringen. Mit der größten Selbstverständlichkeit qualifizieren sie alles, was das Nachdenken in dieser Frage zuwege bringen könnte, von vornherein ab. Aber sie lassen es auch nicht.
KANT sieht die Sache so: "Wenn ich nun tue, was ich soll, was darf ich alsdenn hoffen?" Lohnt sich die Tugend, wo sie sich doch nicht lohnt? Statt zuzugeben, dass Moral, weil nicht lohnend, keine gute Sache ist, stellt er sich lieber eine Belohnung im Himmel vor. Hoffen kann er natürlich alles. Aber für sein Wunschdenken auch noch einen Grund, zumindest einen objektiven Anhaltspunkt haben zu wollen, das ist schon etwas viel verlangt.
Die religiöse Idee eines Himmelreichs, das den Menschen für alle erduldete Unbill im Leben entschädigt, ist dem modernen Philosophen nicht ganz recht. Das hört sich für ihn noch zu materialistisch an. Sinn ist doch nicht der Trost, den sich brave Menschen so zurechtlegen, nicht etwas, das sich kleinlichen Berechnungen verdankt. Sinn ist doch objektiv, das Wesen der Welt. Dieses Wesen liegt nun nicht in den Dingen, die wir kennen - wäre auch seltsam, es kann ja nicht alles mögliche Verschiedene das gleiche Wesen haben -, nein, da muss man schon tiefer hinter die Dinge blicken, um es zu entdecken. Aber was soll sich hinter der Realität finden? Höchstens die Einbildung. Das Eigentliche, das Philosophen behaupten, ist nichts als eine von ihnen erfundene Hinterwelt, über die sie dann die Auskunft verweigern, weil sie sich nicht anmaßen möchten ... (s.oben)
Nur Andeutungen und Metaphern bringen sie angesichts des "Unsagbaren" noch zustande. Klar ist dabei nur eines: Die Wirklichkeit wird von Philosophen zum bedeutungslosen Vordergrund erklärt. Alles, womit es der Mensch real zu tun hat, ist für sie nichts, erhält seine Bedeutung nur durch seine Beziehung auf etwas Jenseitiges. Die Sinnfrage verlangt gar keine Antwort. Das Bewusstsein zu pflegen, dass der Mensch ein Stäubchen im Universum und als solches gut aufgehoben ist, ist die Antwort.
Moderne Philosophen behaupten schon selber, dass die Frage die Antwort ist. Dem Menschen, sagen sie, ist es zu allen Zeiten schon darum gegangen, nicht nur wissenschaftliche, sondern "letzte Wahrheiten" zu finden. Also ist die Frage nach dem Sinn, da sie Tradition hat, nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Mensch, so wird behauptet, ist überhaupt so einer, der Sinnentwürfe in sich trägt, der das Fragen und immer weiter Fragen einfach nicht lassen kann. Der Mensch als Träger der Sinnidee, das ist doch auch eine Antwort. Sollen wir etwa den Menschen vorschreiben, worin sie einen Sinn sehen sollen? Aber mehr oder weniger im gleichen Atemzug beklagt sich der Philosoph darüber, dass der Mensch sein eigenes Wesen immer so wenig zur Kenntnis nimmt. Insbesondere heutzutage ist der Mensch leider im bloßen vordergründigen "Zweckdenken" befangen und hört so gar nicht mehr auf die Stimmen aus der anderen Welt.
Für einen Philosophen ist der Mensch ein eigentümlich widersprüchliches Geschöpf, dem sein eigenes Wesen immer gepredigt werden muss. Nur, wäre es sein Wesen - man müsste es ihm nicht ständig predigen.
"Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach", sagt Adorno und beweist so, dass die Sinnfrage, kaum dass sie irgendein Idiot aufbringt, auch schon berechtigt ist: Das Fragen nach dem Sinn beweist schlagend, dass er fehlt, ergo dass es ihn gibt - als unabweisbares Bedürfnis, das die schlechte Welt zwangsläufig hervorbringt. Dass die Sinnfrage eine falsche Reaktion auf eine "schlechte Welt" sein könnte, das mag auch ein kritischer Philosoph nicht denken.

Sinn ist, dass der Mensch einen sucht und braucht. Dass der Glaube an ein wie immer geartetes jenseitiges Reich vorhanden, gar verbreitet ist, ist das Resultat der tiefsten philosophischen Denkerei. Ein mageres Ergebnis? Vielleicht, aber die Existenzgrundlage für Philosophen.